Archiv der Kategorie: Kamener Straßennamen

Gartenplatz und Kastanienallee

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Abb. 2: Straßenschild

Die Wohnsiedlungen Gartenplatz I & II liegen nordöstlich der Stadtmauer auf einem Gelände, das einmal „Auf den Geistgärten“ bzw., das Stück direkt neben der Chaussee nach Hamm, „An den Geistgärten“ hieß und noch zu Beginn des 20. Jh. der Familie von Mulert gehörte. Der Bestandteil „Geist“ des Namens verweist auf das erste Armen– und Siechenhaus Kamens, vor 1359 gegründet und jahrhundertelang das einzige in unserer Stadt (vgl.a. Artikel „Am Geist“). Sein Besitz wuchs und wuchs, weil nicht wenige Kamener Bürger bei ihrem Tode ein gottgefälliges Werk tun wollten und dem Hospital ein Stück Land oder eine Rente, d.h., eine Stiftung von Geld überschrieben. Das ermöglichte es dem Hospital, seine laufenden Kosten zu bestreiten, und in den Gärten zog man natürlich auch Gemüse, das den täglichen Küchenbedarf deckte.

Die letzte Erinnerung an das Heilig-Geist-Hospital in Kamen ist die kleine Straße „Am Geist“, wo das Hospital einmal zwischen Nord– und Oststraße stand. Der letzte Bau wurde in den 1930er Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen.

Die früheren Geistgärten umfaßten etwa das Areal zwischen Hammer und Friedhofstraße.

Abb. 3: Grabsteine der Fam. von Mulert

Der letzte Baron von Mulert verspielte und vertrank jedoch seinen Familienbesitz. Die Familie verarmte und mußte Haus und Ländereien veräußern. So kam die Stadt Kamen in den Besitz des von Mulertschen Hauses am Markt und des Geländes im Osten der Stadt. Sie gab den zwei Schwestern von Mulert dafür eine Leibrente, d.h., eine Rente bis an ihr Lebensende.

Nachdem Bürgermeister Berensmann aus Laasphe den Baurat Reich (vgl. a. Artikel Gustav Reich) nach Kamen geholt hatte, baute der ganz Kamen um: er schuf den Gondelteich und den Postteich, ließ die Koppelstraße anlegen und verwirklichte in Kamen die noch gar nicht so alte Gartenstadt–Idee des Engländers Ebenezer Howard, die dieser 1898 vorgestellt hatte. In seinem Buch 

„To-Morrow: A Peaceful Path to Real Reform“ veröffentlichte er das Modell einer Gartenstadt. Sie sollte die Trennung zwischen Stadt und Land aufheben und die Vorzüge beider in einem verwirklichen.

„Hinaus ins Grüne“ war seit der industriellen Revolution der Wunsch vieler Menschen, vor allem von Großstädtern. Das „Grüne“ verhieß Naturnähe, Ruhe, Entspannung, Gesundheit, Frieden und Harmonie. Das konnten sich aber nur die Reichen leisten. Howards sozialreformerische Idee war es, auch dem Arbeiter Wohnen im Grünen zu ermöglichen und ihm ein Stück Land zu Selberbearbeiten zu geben. Dazu ersann er seine „Gartenstadt“. 

Abb. 4: Three Magnets

Howard vergleicht Stadt und Land mit zwei Magneten, die ein Stück Eisen, den Wohnung und Beschäftigung suchenden Menschen anziehen. Diesen stellt er einen stärkeren gegenüber, die Land- und Gartenstadt, die die Vorzüge von Stadt und Land vereinigen soll, ohne ihre Nachteile.

Schon 1864 hatte es in Deutschland ähnliche Gedanken gegeben, als in Dresden die ersten sog. Schrebergärten gegründet wurden. Doch blieben diese Kleingärten ohne Einbettung in die Stadtkonzeption, meistens in die Randlage der großen Städte abgeschoben, oft direkt neben Bahngleisen.

Howard hingegen entwickelte eine neue Idee von Stadt. Seine Gartenstadt sollte eine eigenständige Stadt im Grünen werden. Da es in Deutschland, anders als in England, bereits eine Fülle von kleinen und mittleren Städten gab, wurde dieses ursprüngliche Konzept hier 1907 dahingehend abgewandelt, daß man den bestehenden Städten Gartenvorstädte, Wohnsiedlungen oder Industriekolonien angliederte oder sie im Sinne der Gartenstadtidee ausweitete.

Die beiden Wohnsiedlungen Gartenplatz I und II im Osten Kamens stellen einen Höhepunkt in Reichs Wirken dar, als Vorstadt ausschließlich für Wohnzwecke mit Gartenstadtcharakter errichtet. Daher baute er nah am Stadtzentrum, aber mit genügend Platz für Grünflächen. Die Häuser wurden karréeförmig gruppiert. 

Abb. 5: Reichs Mulde

In jede der beiden Siedlungen fügte er einen zentralen Platz ein, als Mulde ausgelegt, mit einem Springbrunnen in der Mitte, wie auf dem Platz zwischen den beiden großen Kirchen „zur Erhöhung nach oben“, hier auf Profanbauten bezogen. Die Muldenhänge wurden natürlich von allen dort wohnenden Kindern gleich beim ersten Schnee als kleine Rodelhänge benutzt. Plätze waren für Reich konstitutives Element von Stadt, Versammlungsorte, Orte der Gemeinschaft. Und natürlich ließ er ausreichend Platz für Gärten. Zwischen ihnen führt eine mit Kastanien bepflanzte Allee hindurch, die den ländlichen Charakter unterstützt und die den Anwohnern im Herbst viel Arbeit macht, ohne die sie aber in einem Hohlraum wohnten.

Abb. 6: Kastanienallee

Wie detailversessen Reich war, zeigt sich an den Einzelheiten: Einzelhäuser immer giebelständig, Doppelhäuser traufenständig; Anordnung der Gauben nach festen Regeln; Dachgestaltung; symmetrische Fassadengestaltung; Fenstergestaltung; Freisitze; einheitliches Baumaterial. 

Was an der Planung der Gartenstadt auffällt, ist die Modernität auch in unserem heutigen Sinne, und das vor 80/90 Jahren. Das war die Zeit, als Kohle und Stahl die wichtigsten Wirtschaftsträger waren, die die mit Abstand meisten Arbeitsplätze boten. Doch war die Arbeit anstrengend und schmutzig, die Luft durch Kohlekraftwerke, Verkokung und Stahlherstellung verpestet. Filter, die Kraftwerksabgase reinigten, für uns heute selbstverständlich, gab es nicht. Urlaub an der See, in den Bergen, war für die Arbeiter an der Ruhr unerschwinglich. Erholung konnte es also nur in der unmittelbaren Nähe, zu Hause, geben. Grün in der Stadt war überlebenswichtig, und die beiden Gartenstädte verfügen über viel Grün. 

Waren die Häuser in der Kamener Gartenstadt schon bei ihrer Errichtung eher für Beamte und „höhere Angestellte“ gedacht als für Arbeiter, sind sie heute sicherlich eine bevorzugte Wohnlage.  Es wohnt sich hier immer noch stadtnah, ruhig und grün. 

KH

Abbildungen: Abb. 1-3: Photos Klaus Holzer; Abb. 4: 100 Jahre Leben in der Gartenstadt, Gartenstadt Nürnberg e.V., Nürnberg 2008; Abb. 5 & 6: Stadtarchiv Kamen

Willy-Brandt-Platz

von Klaus Holzer

Manchen wird es schon verwundert haben, daß es in einer kleinen Stadt wie Kamen neben dem Markt einen weiteren großen Platz gibt, den man allerdings nur erkennt, wenn man entweder Kamener oder ein Besucher mit geschultem Blick ist. Denn eigentlich ist der Willy-Brandt-Platz (WBP) gar kein Platz, er wirkt eher wie eine etwas zu breit geratene Straße mit nicht ganz klarem Verlauf, was an der eigentümlichen Bebauung liegt. Die vorhandene Wohnbebauung stört den Platz-Charakter, weil sie von Osten nach Westen in höheren zu niedrigeren Häusern, in Kamen „Lindwurm“ genannt, den Platz durchschneidet. Es ist übrigens leicht zu erkennen, wann diese Häuser gebaut wurden: die 1970er Jahre favorisierten das Flachdach.

Abb. 1: Der Plan:  so sollte der Neumarkt aussehen

Auf dem Stadtplan wird dem Betrachter schließlich deutlich, daß es hier einmal einen großen zusammenhängenden Platz gegeben haben muß. Der Grund dafür ist in Kamens mittelalterlicher Geschichte zu finden (vgl.a. Artikel „Am Galenhof“). Kamen hatte in seinen Anfängen 10 Burgmannshöfe, einer von ihnen war der Akenschocken-, Sparren- oder auch, im Urkataster von 1827, Fetthakenhof (dazu später mehr), der dieses Gelände fast genau in der Mitte der Stadt einnahm, begrenzt von der Lutherischen Kirchstraße (schon vor 1900 Kampstraße) im Osten, der Rottstraße (seit 1985 Konrad-Adenauer-Straße) im Norden, der Weststraße mit einer Ladenzeile und rückwärtigen Gärten im Süden sowie einer Häuserreihe mit rückwärtigen Gärten an der Kämerstraße im Westen. 

Abb. 2: Ein  alter Stadtplan: der Fetthakenhof sollte neu gestaltet werden

Dieser Burgmannshof gehört zur ersten Gruppe von Höfen aus dem 12./13. Jh. und war vollständig von einem Wall mit Palisaden und einer Gräfte umgeben. Diese starke Befestigung kam nicht von ungefähr, mußten die Burgmannen doch immer Verteidigungs- (und wohl auch Angriffs-)kräfte vorhalten, da es eine ihrer Aufgaben war, das nächstgelegene Stadttor zu sichern, was auch hieß, Angreifer von außen abzuwehren.

Die Namensgeber, die Akenschockens, waren, wie alle Burgmannen, eine Familie, die entsprechend ihrer herausgehobenen Stellung oft Ratsherren und den Bürgermeister der Stadt stellte. Und auch wenn anfangs nur die Burgmannen als Bürgermeister in Frage kamen, weil das ein unbesoldetes Ehrenamt war und nur Burgmannen sich das leisten konnten, so mußten sie sich den Kamenern doch jährlich „an Petri Stuhlfeier“ (Kathedra Petri, 22. Februar) zur Wahl stellen, immer für ein Jahr (erst durch königlich preußische Verordnung wurden Bürgermeister in der Grafschaft Mark ab 1719 auf Lebenszeit bestellt). 

Zweimal ging von diesem Hof eine Katastrophe aus, die die Existenz der ganzen Stadt in Frage stellte. Man erinnere sich: zentrale städtische Lage, Fachwerkhäuser und strohgedeckte Dächer!

Der erste ganz große Brand geschah zu Pfingsten 1452, der größte aller 11 Kamener Stadtbrände. Nur der Turm der Severinskirche (heute Pauluskirche), das Rathaus und 20 Häuser blieben stehen.

Der Stadtchronist Buschmann berichtet 1841: „Kaum hatte man eine Menge der im Jahre 1452 zerstörten Wohnungen wieder aufgebaut, als auch schon neuer Jammer über die unglückliche Stadt hereinbrach. Ein von der Familie von Ackenschock zu Bynckhof, die hier in der Stadt viele Besitzungen hatte, durch Zurückhaltung rechtlicher Forderungen hart beleidigter Mann, Namens Johann Volbart, überstieg am 12. März des Jahres 1493, zur Nachtzeit, die Stadtmauer, und zündete die der Familie von Ackenschock gehörenden Gebäude an; um so dieser Familie, der er anderweit keinen Schaden zufügen konnte, einen empfindlichen Verlust zuzuziehen. In Folge dieser grauenvollen Rache brannte die halbe Stadt ab; ja sogar die Frau eines hiesigen Bürgers, Heinrich Dahrenberg, fand mit 2 ihrer Kinder in den Flammen den Tod. Die Bürgerschaft betrachtete die Familie von Ackenschock, durch ihre Ungerechtigkeit gegen den Volbart, als die Veranlasserin dieses Unglücks, und es entspann sich zwischen der Stadt Camen und den von Ackenschock eine heftige Fehde. 

Ueber die endliche Schlichtung dieses langen Streites, giebt eine, in beglaubigter Ausfertigung, noch auf dem hiesigen Rathause liegende Urkunde, folgende Nachricht. Herzog Johann II. von Cleve, ließ die streitenden Partheien, auf einen Fürstentag zu Essen, vor sich laden. Vorab mußten die beiden Partheien, die Stadt Camen, vertreten durch ihre Bürgermeister Barenbrock und Smyt, und die Familie Ackenschock, vertreten durch die zwei ältesten Söhne des Hauses, Johann und Heinrich Ackenschock, Entsagung jeder weiteren Selbstwehr, bei 500 Goldgulden Strafe, angeloben. Dann machte der Herzog, auf St. Gallen Tag 1496, den Ausspruch: die von Ackenschock hätten den durch Brand beschädigten Bürgern 590 Goldgulden zu zahlen und 100 Malter Roggen cämisch Maaß zu geben; ihren hiesigen Heuerlingen die Pächte der letzten Jahre zu erlassen; endlich auch armen Bürgern und Wittwen, die verlorenen Hausgeräthe zu ersetzen; wogegen die Stadt Camen, von den von Ackenschock ihre Briefschaften, Kleinodien und Hausgeräthe wieder herausgeben, auch den Gliedern dieser Familie, den freien Wiedereintritt in die Stadt gestatten solle.“ Auch wenn uns das MA immer als rechtlose Zeit vor Augen steht, als eine Zeit, in der das Faustecht galt, offenbar konnte auch der kleine Mann erlittenes Unrecht ersetzt bekommen.

Und im Jahre 1264 liegen die märkischen Grafen in Dauerfehde mit den Erzbischöfen von Köln, die sich die Grafschaft einverleiben wollten. Als im Laufe dieser Kämpfe Unna 1263 eingeäschert wurde, brannte der märkische Droste (Verwalter eines Bezirks) Dietrich Volenspit auch die „villa de Camene“ nieder (der westfälische Chronist Levold von Northof schreibt „forsan ea intencione, quod inimici locum ibi hospitandi non haberent“: „mit der Absicht, den Feinden keinen Ort zu bieten, an dem er sich aufhalten mochte.“ (Übers. Marc Hilligsberg), um den Kölnern jeden Anreiz zu nehmen, Kamen zu erobern.

Mitte des 17. Jh. kauft Oberstleutnant Freiherr Anselm Kasimir von Sparr den Akenschockenhof (der daraufhin seinen Namen zu „Sparrenhof“ wechselt) mitsamt den dazugehörigen Ländereien für 1000 Taler. 1693 gingen die Ländereien an Freiherrn von Bodelschwingh-Velmede, das Burgmannenhaus an verschiedene bürgerliche Familien, die gleichwohl alle damit verbundenen Privilegien behalten durften, obgleich sie keine Bewaffneten mehr vorhalten mußten: vor 1739 die Familie Bleckmann, dann Ludwig Phillip Vethake (auch Fetthake, daher zu jener Zeit der Name „Fetthakenhof“), 1759 die Familie Grevel, danach Konrad Denninghof und sein Sohn Johannes, Wirte des Schützenhofes, blieb dann bis 1927 durch Heirat im Besitz der Familie Reinhard, hieß bis 1910 Reinhards Kamp. Ein Reinhard, Friedrich David, war während der Franzosenzeit zu Beginn des 19. Jh. kurze Zeit „Maire“, also Bürgermeister von Kamen.

Abb. 3: Der Schützenhof (das Originalgebäude stammte aus dem Jahre 1624)

Abb. 4: Das Gelände als Veranstaltungsplatz

Abb. 5: Schützenfest in den 1920er Jahren

1800 fand der Umbau des Geländes mitsamt dem Haus zum „Schützenhof“ (ab 1820 so genannt) statt. 1927 erwarb die Stadt Kamen die Anlage und gewann so den Platz für die Ausweitung des Gebäudes und den Schulhof der 1923 so genannten Falkschule (vorher: Auguste-Viktoria-Schule) am östlichen Rand des Platzes, gegenüber der Lutherkirche. Und zweimal jährlich wurde hier auch Kirmes abgehalten. 1956 wurde der Schützenhof abgebrochen, nachdem das Haus 332 Jahre hier gestanden hatte.

Abb. 6: Die Falkschule

Was im MA Kamens großer Vorteil gewesen war, nämlich eine stark befestigte Stadt zu sein, wirkte sich mit dem Einzug der Industrialisierung und der Entwicklung zu einer modernen Stadt nachteilig aus, weil die Zeche Monopol mehrere große Burgmannshof-Areale aufkaufte, mit billigen und schlechten Bergarbeiterwohnungen bebaute und zugleich ängstlich darauf bedacht war, jegliche wie auch immer geartete Konkurrenz fernzuhalten. Also standen diese großen Gelände für eine zielgerichtete Stadtentwicklung nicht mehr zur Verfügung.

Nach dem Abriß des Schützenhofes ergab sich aber die Möglichkeit, wenigstens einen Teil der innenstadt auf diesem Areal zu sanieren. Das wurde Teil eines umfassenderen Planes, zumal noch nicht unbeträchtliche Kriegsschäden zu beseitigen waren. Und gleichzeitig bot sich die Chance, „Kamen, die schnelle Stadt“ (so der damalige Slogan) mit den damals für die autogerechte Stadt notwendigen Parkplätzen auszustatten, indem der gesamte Platz mit einer Tiefgarage versehen wurde. Einen „alten“ Markt hatte man, auf dem Schützenplatz sollte ein „Neumarkt“ entstehen. Dazu bedurfte es einer Verbindung der beiden Märkte. Nicht nur das Haus des Bäckers von der Heyde, Markt 23 (aus der Mitte des 18. Jh.), wurde abgerissen, sondern auch das Haus Weststraße Nr. 79 der Bäckerei Stoltefuß, bekannt als der „dicke Bölk“. Weitere Geschäfte an dieser Stelle (Dank an Rüdiger Plümpe †): Photo Betzler, Bürobedarf Riemer, Süßwaren Hussel, ein Blumengeschäft und der Juwelier Jäkel. Die Neubebauung wurde etwas nach Westen verschoben. In den Neubau zogen dann Aldi, Apotheke Blume und die Fahrschule Freeze ein. Nach dem Aldi-Laden kam Photo-Kraak, als dieser zum Neumarkt zog, wurde die Hellweg-Apotheke sein Nachfolger. Diese schloß Ende 2013, McPaper ist heute das einzige Geschäft mit Papierartikeln in Kamen. So entstand aus einem schmalen Durchgang die heutige Marktstraße.

Abb: 7: Bäcker von der Heyde (das Haus links) wurde für die Marktstraße abgerissen

Abb. 8: Der alte Durchgang: auch dieses Haus wurde für die Marktstraße abgerissen (Schreib- und andere Waren Günter Katz)

An die Stelle des damaligen Schützenhofs sollte ursprünglich der Neubau der Städtischen Sparkasse Kamen
kommen, die bis dahin an verschiedenen Standorten im Stadtgebiet untergebracht gewesen war, doch erwies sich das Grundstück als zu klein für einen Neubau, der für die Wirtschaftswunderzeit geeignet sein sollte. Daher wurde der Neubau am nordwestlichen Ende des Schützenplatzes errichtet, an seinem heutigen Standort. 

1962 zog die Sparkasse hierher. Gleich gegenüber steht ein Pavillon, der vom Reisebüro Mohr bewirtschaftet wurde, bis es ins Haus Ecke Adenauer-/Kampstraße umzog. Seitdem steht er leer. Er wurde von der Stadt Kamen gekauft, wird von der Jugendfeuerwehr und anderen als Ausstellungsraum benutzt, bis er seiner neuen Nutzung als Fahrradparkhaus mit 88 Stellplätzen zugeführt werden wird. 

Abb. 9: Die neue Konrad-Adenauer-Straße, früher Rottstraße 

Der gesamte Bereich wurde zur Fußgängerzone erklärt, wie das in den 1970er Jahren überall große Mode war, hatte man doch erkannt, daß eine ausschließlich auf das Auto ausgerichtete Stadt dem innerstädtischen Handel und Wandel eher abträglich war. Autos wurden auf rund um diese Zonen verlegte Parkplätze verbannt. Und für Fahrradfahrer gab es eine Extraspur auf der Konrad-Adenauer-Straße zwischen Kämer– und Kampstraße, was zu gelegentlichen Kollisionen mit Fußgängern führte, die diesen Streifen übersahen, weil sie sich eben in einer Fußgängerzone wähnten. Heute dürfen Radler immer noch dieselbe Strecke befahren, haben aber keinen eigenen Streifen mehr. Man nimmt Rücksicht aufeinander. Naja, nicht immer. Und der wunderschöne Pfarrgarten gegenüber der Stelle, wo die Konrad-Adenauer-Straße auf die Kampstraße trifft, ist längst einem großen Wohn- und Geschäftshaus mit eigener Tiefgarage gewichen.

Abb. 10: Stannat in seinem alten Lädchen

Abb. 11: Stannat im neuen Laden

Anschließend fand die weitere Bebauung statt: Stannat zog von seinem kleinen Lädchen an der Weststraße in seinen Neubau an der Ecke neben Schwakenberg (heute Pieper Stadtparfümerie und Apollo Brillen). So ganz einfach war das allerdings nicht, da das alte Häuschen durch seinen Grundstückszuschnitt einen geraden Straßenbau verhindert hätte. Erst nach langwierigen Verhandlungen einigte man sich, und das alte Fachwerkhaus verschwand. Etwas weiter nördlich, aber gegenüber, eröffnete Theo van Vügt seinen Laden mit hochwertigen Stricksachen, den er später auf Damengarderobe ausweitete. Außer Wolter gab es zwei weitere Schuhläden am Neumarkt, Deichmann und Bata; Vodafone hieß noch Mannesmann, der Bäcker noch Kamps, Robert Koch war nicht nur für seinen Schmuck- und Uhrenladen bekannt, sondern auch als Heimatforscher. (Bei seinem Laden geht es um die Ecke in einen Bereich, in dem es auch Läden gab und gibt, die sich jedoch außerhalb der eingelaufenen Strecken, quasi im toten Winkel, befinden. Wer weiß noch, was hier alles war?) „Ihr Platz“ und Schlecker konkurrierten miteinander; das „Eiscafé“ und „Lifestyle, die Adresse für junge Mode“ grenzten direkt an Wolter, heute Ernsting’s family; ein Haus weiter war die „Apotheke“, ein nach 1968 sehr beziehungsreiches Wortspiel (es gab damals die protestierende Jugend, die sich nicht im, und durch das, Parlament vertreten fühlte, sich als Außerparlamentarische Opposition = APO, verstand), ein Kellerlokal, ihm folgte  das Hollywood, das aus dem Odeon-Theater(kino) aus der Güldentröge hierherzog; im Pavillon Neumarkt 5a war der Lotto/Toto/Tabakladen zu Hause (heute ebenfalls leer, wartet auf eine neue Nutzung); es gab ein „Spielikum“ im Durchgang vom Neumarkt zur Kampstraße,

Abb. 12: Die zentrale Ansicht: der „Lindwurm”, das „Stellwerk” und der kleine Pavillon

im „Stellwerk“ gab es nacheinander verschiedene Kneipen, u.a., die Marktschänke, das Streetcafé und das Sindbad; Magda Antoni hatte an der Nordseite ihren Miederwarenladen, rechts daneben waren „bonita“ und eine Parfümerie. Es ist erschreckend, wie stark der Einzelhandel in Kamen in den vergangenen 30 Jahren geschrumpft ist, wie fast nur noch Ketten die Ladenszene beherrschen, Telephonläden, Bäcker, Friseure und leider auch viele „Billigheimer“.

Abb. 13: Blick Richtung Weststraße

Abb. 14: Blick von der Weststraße

Unglaublich, wie schnell eine Platane wächst: schauen Sie sich einmal dieses Bäumchen an! Es wurde offenbar in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre gepflanzt.

Abb. 15: Platane 2018

Nicht einmal 20 Jahre lang behielt der Neumarkt seinen Namen. 1993 wurde er in Willy-Brandt-Platz umgetauft, in ehrendem Gedenken an den charismatischen ehemaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, SPD-Vorsitzenden, Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und Friedensnobelpreisträger, der am 8. Oktober 1992 in Unkel am Rhein starb, einer von Kamens sieben Partnerstädten. 

Abb. 16: „Markt“ auf dem Neumarkt

Ursprünglich fand der „Markt“ auf dem Markt statt, wo er traditionsgemäß hingehört. Dann bekam unsere Stadt den Neumarkt, der natürlich gleich zum Standort des „Marktes“ wurde, hier war schließlich das Neue, die Moderne. Hier blieb er, die Namensänderung zu Willy-Brandt-Platz änderte nichts. Abbildung neun zeigt, daß damals die Marktstände mit ihrer Rückseite zueinander standen, die Kunden also den großen Bogen außen herum machen mußten, um alle ihre Einkäufe erledigen zu können. Heute gehen sie zwischen den Ständen hindurch. 

Dann wurde der „Markt“ zum alten Markt verlegt, weil sich im Jahre 2005 eine ganz neue Situation ergab, als deutlich geworden war, daß der alte Belag, „das […] bunte Gemisch aus Beton, Naturstein, Klinker und Asphaltflicken“ (HA vom 26.3.2018), den Ansprüchen einer zeitgemäßen Stadt nicht mehr genügten. Am 28. November 2005 tätigten Vertreter von Rat und Verwaltung den ersten Spatenstich für eine Grundsanierung der jetzt Bummelzone genannten Fußgängerzone. Das Düsseldorfer Landschaftsarchitekturbüro Scape überplante das ganze Gelände von ca. 22.000 m2 (darin sind auch angrenzende Straßen enthalten), teilte es in vier Bauabschnitte auf, fügte Bänke ein, Bäume, Spielgeräte und ersetzte den vorhandenen Brunnen durch ein Wasserspiel unter der großen Platane an der Ecke zur Weststraße. Eine Besonderheit waren die Leucht-Intarsien im zentralen Bereich, die aber schon sehr bald defekt waren. Zu groß war wohl die Belastung durch z.B. die schweren Schaustellerfahrzeuge bei Kirmessen. Der Clou aber war der aus China importierte Granit, der das Gros der veranschlagten gut 7 Millionen Euro verschlang. Einigen Ärger gab es, als drei Vertreter der Stadtverwaltung extra zur Begutachtung dieser Steine nach China flogen. Kostenpunkt: 3.000 Euro. Die vorausberechneten Kosten für die Innenstadtsanierung betrugen ca. 7,5 Millionen Euro, als die Schlußabrechnung um 380.000 Euro günstiger wurde, erstarb der Protest. Offizieller Fertigstellungstermin war der 9. Juli 2009. Eine Befragung der Markthändler ergab, daß eine Mehrheit wegen der Enge auf dem Markt wieder zum Willy-Brandt-Platz zurückkehren wollte.

Der Markt – das Attribut „alt“ braucht er nicht mehr – ist heute das Zentrum der Außengastronomie in Kamen, bei fast mediterraner Atmosphäre läßt es sich hier gut verweilen. Der Willy-Brandt-Platz ist eher Geschäftsbereich geworden, wo von der Sparkasse bis zu den meisten wichtigen Geschäften in Kamen vieles vertreten ist, vor allem auch, weil es von hier den direkten Anschluß an das Kamen Quadrat in der Kampstraße gibt.

Nachtrag:

Abb. 17: Gerade zu erkennen, der „Mohr-Pavillon” (hellbraun)  zwischen Schlecker und der Sparkasse

Inzwischen (Stand Anfang Juli 2019) hat der WBP eine Verwandlung erfahren. Der große Pavillon, der früher das Reisebüro Mohr beherbergte, wurde umgestaltet und den Anforderungen der heutigen Gesellschaft an ökologisch orientierte Mobilität angepaßt. Er ist jetzt ein Fahrradparkhaus mit Platz für 80 Fahrräder. Gegen € 20,00 Pfand erhält der Nutzer einen Chip, der ihn zur Nutzung dieses Hauses und aller weiteren Fahrradabstellplätze im Kreis berechtigt, die von der AWO-Tochterfirma DASDIES betrieben werden.

Abb. 18 : Der kleine Pavillon

Weiterhin ist der kleine Pavillon verschwunden, in dem früher der kleine Tabak- und Lotto/Totoladen Pankoke bestand. Danach gab es mehrere Versuche, neues Gewerbe anzusiedeln, alle mißlangen. Jetzt wird es hier einen neuen Zugang zur Tiefgarage geben. Sei Verschwinden trägt dazu bei, dem WBP den überwiegenden Charakter einer Straße zu nehmen und ihn mehr wie einen „Platz“ aussehen zu lassen.

KH

Quelle der Abb.: Abb.1: Stadt Kamen; Abb. 2: Heinz Stoob, Städteatlas Bd. 10, Dortmund 1975; Abb. 3, 5, 6, 8, 16, & 17: Stadtarchiv Kamen; Abb. 4, 7, 10, 12, 13 & 14: Archiv Klaus Holzer; Abb. 9, 11, 15 & 18: Photo Klaus Holzer

Zu Abb. 15: Die Platane vor Wolter ein gutes halbes Jahrhundert später. (Photo: KH)

Die Mühlenstraẞe in Kamen-Mitte

von Klaus Holzer

Sie wissen, daß es eine Mühlenstraße in Westick gibt? Aber Sie wissen nicht, daß es auch in Kamen-Mitte (damals noch ohne „Mitte“) eine Mühlenstraße gab? Kein Wunder, gibt es sie doch seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. nicht mehr. Es handelt sich bei ihr um das obere Stück der Bahnhofstraße, vom Markt bis zur Maibrücke. Sie führte also vom Mittelpunkt der Ackerbürgerstadt zu einem der wichtigsten Handwerke einer jeden mittelalterlichen Stadt: dem Müller. Eike von Repgow legt in seinem ca. 1220/30 entstandenen „Sachsenspiegel“ dar, für wie wichtig Mühlen damals gehalten wurden. Daraus ging klar hervor: Auf Mord, Beraubung einer Kirche, einer Mühle oder eines Friedhofs steht die Strafe des Räderns! Das war die schlimmste vorstellbare Strafe. Ausrauben einer Mühle wurde mit Mord, Schändung von Kirche und Friedhof gleichgestellt!

In dieser Abbildung ist übrigens die Ähnlichkeit des Mühlrades mit dem Kammrad im Kamener Stadtwappen, das aus derselben Zeit stammt, frappierend. 

Abb. 1: Eike von Repgow, Sachsenspiegel

Die Mühlenstraße war Teil des wichtigen Straßenkreuzes in Kamen, Ost–, Nord–, Weststraße, dazu Am Geist, die Diagonale über den Markt, und die Fortführung nach Süden zum Hellweg über die Mühlenstraße. Sie führte als einzige Straße über die Seseke und war durch ihre Lage und Bedeutung wohl die am stärksten frequentierte Straße. Dreimal in der Woche war in Kamen Markt, zweimal für je eine Woche Jahrmarkt, von Graf Adolf I., Grafen von der Mark, der zwischen 1249 und 1277 regierte, zugestanden und von Graf Adolf II am 4. Juli 1346 bestätigt. Dann  strömten Händler, Gaukler und Bauern in die Stadt, um Geschäfte zu machen, die Kamener mit allem zu versorgen, was sie nicht selber herstellen konnten, sie zu unterhalten und natürlich auch mit den neuesten Nachrichten aus aller Welt zu versorgen.

Abb. 2 – 4: Kaufleute, Gaukler und Bauern hatten alle ihren festen Platz in der Stadt

Die Brücke muß man sich bis gegen Ende des 18. Jh. als einfache Holzbrücke vorstellen, die jedoch den damaligen Ansprüchen wohl genügte, schließlich waren auch die Fuhrwerke der Händler meist recht bescheidene Fahrzeuge, deren Last nicht sehr hoch war. Pferde mußten sie bei jedem Wetter über unbefestigte Straßen ziehen können, die beim leichtesten Regen zu Schlammlöchern wurden.

Abb. 5: Ein Wagen, wie ihn die Hansekaufleute benutzt haben

Preußen hatte 1717 die Akzise wieder eingeführt, eine Steuer auf Waren, die beim Eintritt in eine Stadt zu entrichten war. Das machte man nun in jeder Stadt, überall hatten Händler diese Steuer zu entrichten, was die Geschäfte beträchtlich behinderte. Schon damals taten sie daher etwas, was auch heute noch Usus ist: sie schlugen die Kosten der Akzise auf den Preis auf (heute ist das die MWSt). Schließlich erkannten die preußischen Behörden das Problem und schafften die Steuer gegen Ende des Jahrhunderts wieder ab.

Das scheint zu einem Anwachsen des Handels geführt zu haben, vielleicht auch zu größeren Fuhrwerken. Wie auch immer, es fällt auf, daß die Stadt Kamen zur selben Zeit, 1797, die Notwendigkeit erkennt, die „Homeybrücke“1 zu erneuern, und nicht nur wieder eine Holzbrücke, sondern jetzt eine richtige Steinbrücke zu bauen.

Aber Kamen ist arm, der Glanz und Reichtum der Hansezeit sind lange dahin. Man tat das, was ebenfalls auch heute noch üblich ist: man nimmt Darlehen auf. Aber es gibt noch keine Sparkassen und Banken. Man muß sich das Geld bei reichen Bürgern leihen. 

Hier eine Aufstellung dieser Darlehen:

10. Juni 1797, 500 Reichsthaler von Doktor Proebsting2, städt. Einnahmen als Pfand,

10. Juni 1797, 500 Reichsthaler von Prediger Hecking in Bönen, städt. Einnahmen als Pfand,

10. Juli 1798,  395 Reichsthaler von Stadtkämmerer Rediger, städt. Einnahmen als Pfand,

10. Juli 1798, 200 Reichsthaler vom Armenhospital in Kamen, städt. Einnahmen als Pfand, 14 Tage später von der Kriegs- und Domänenkammer in Hamm3 genehmigt. Insgesamt lieh sich die Stadt also 1595 Reichsthaler.4

Die zwei Darlehen vom Juni 1797 sind ausdrücklich zur Bezahlung der Kosten für die neue Steinbrücke über die Seseke gedacht, die beiden von 1798 ebenfalls für die Steinbrücke, doch auch, und das ist bemerkenswert, für das Straßenpflaster. 1798 wird die Mühlenstraße als erste Straße in Kamen mit einem Steinpflaster versehen!

Es dauerte lange, bis Kamen diese vier Darlehen getilgt hatte. Das an Hecking war am 15. November 1825 getilgt, das Rediger-Darlehen am 2. Dezember 1829, das des Armenhospitals am 9. Juli 1838. Von der Tilgung des Darlehens von Dr. Proebsting ist in diesen Urkunden nichts zu finden.

Im Vergleich zu der Gewaltleistung, die der Bau der Stadtmauer bedeutete, waren der Bau der Brücke und die Pflasterung der Straße sicherlich leicht zu bewältigen5. Spätestens Anfang des neuen Jahrhunderts dürfte beides fertig gewesen sein. Bis 1923 war diese Brücke die einzige Straßenbrücke in Kamen. Sogar die Kleinbahn UKW6 hat sie noch erlebt. Dann aber war sie unrettbar beschädigt. Sie mußte abgerissen und eine neue gebaut werden.

Abb. 6: Die alte Maibrücke, 1985

 2001 wurde sie saniert und vom motorisierten Verkehr befreit. Heute ist sie Bestandteil des neuen Sesekparks, der im Jahre 2018 der Kamener Bevölkerung übergeben wurde.

Abb. 7: Die neue Maibrücke

Quelle der Abbildungen:

Abb. 1: aus: Aufruhr 1225! Das Mittelalter an Rhein und Ruhr, Darmstadt 2010; das Mühlenrad (oben) auf einer Darstellung im Sachsenspiegel des Eike von Repgow aus den 1220/30er Jahren, wie es auch im Kamener Stadtwappen zu sehen ist.

Abb. 2: Bernd Fuhrmann, Die Stadt im Mittelalter, Stuttgart 2006, S. 57

Abb. 3: Bernd Fuhrmann, Die Stadt im Mittelalter, Stuttgart 2006, S. 27

Abb. 4: Stadtarchiv Kamen

Abb. 5: Archiv Klaus Holzer

Abb. 6: Wikipedia

Abb. 7: Photo Klaus Holzer

1 Zur Erklärung des Namens vgl. Artikel „Maibrücke“

2 Wahrscheinlich Dr. med. Philipp Ludwig Pröbsting, geb. 26. Mai 1735, gest. 23. April 1812, der Großvater des bekannten Stadtchronisten.

3 Die Reichs- und Domänenkammern wurden in Preußen 1723 als Provinzialbehörden eingeführt, ab 1815 in die preußischen Bezirksregierungen umgewandelt.

4 Auch wenn heute nicht mehr sinnvoll erschlossen werden kann, wieviel diese Summe seinerzeit wirklich bedeutete, wird aber im Verhältnis ersichtlich, was für eine gewaltige Summe das war, wenn man einmal die Zahlen für einen städtischen Haushalt damit vergleicht. Pröbsting führt in seiner Kamener Stadtgeschichte detailliert auf, wie die Zahlen für 1702 sind: Einnahmen – 867 Thaler, 45 Stüber; Ausgaben: 963 Thaler, 9 Stüber; das ergibt einen Negativsaldo von 96 Thalern, 4 Stübern! Auch wenn die Zahlen fast 100 Jahre später vielleicht etwas andere sind, die prekäre Situation wird deutlich. Versuch der Annäherung des Wertes des Reichsthalers um jene Zeit: 1818 erhielt ein Schullehrer, der gleichzeitig Organist und Küster war, 100 Reichsthaler im Jahr. 

5 vgl.a.Artikel „Mühlentorweg“

6 So hieß die Straßenbahn, die von 1909 bis 1950 zwischen Unna, Kamen und Werne verkehrte.

KH

Mühlentorweg mit angrenzendem Bereich

von Klaus Holzer

Straßen ermöglichen Mobilität, müssen also Orientierung geben. Daher erhalten sie Namen. Innerorts führt die Kirchstraße zur Kirche, die Schulstraße zur Schule, die Schlachthofstraße zum Schlachthof usw. Straßen in die Nachbarorte heißen Westicker ~, Unnaer ~, Werner ~, Lünener ~ oder Hammer Straße usw. Und für die große Orientierung tun es auch Himmelsrichtungen: Ost~, Nord~ und Weststraße. Es fällt aber auf, daß Kamen keine Südstraße hat, keine Südenmauer, kein Südtor1 hatte. Hier war der Bezugspunkt immer die schon seit dem 13. Jh. belegte Mühle – Mühlen waren so wichtig, daß ihre Zerstörung die härteste Strafe nach sich zog, gleich nach der Kirchenschändung, wie Eike von Repgow im Sachsenspiegel (Anf. 13. Jh.) darlegt –, der Kamen wohl auch das Kammrad in seinem Stadtwappen verdankt: die Mühlenstraße (vom Markt bis zur Maibrücke) führte durchs Mühlentor1 zum Hellweg.

Das hätte doch gereicht, oder? Jedoch gibt es heute auch einen Mühlentorweg in Kamen. Wie verhält es sich damit? Auch hier muß man wieder ein wenig ausholen, den Mühlentorweg in den richtigen Zusammenhang bringen.

Mühlentorweg, das klingt alt, doch trägt er diesen Namen erst seit dem 14. Okt. 1975, vorher hieß er Mühlenweg, doch gibt es auch diesen erst seit den 1930er Jahren. Immerhin ist der Bezug auf das Mühlentor oder auch die Mühle völlig gerechtfertigt, beginnt dieser Weg doch direkt an der Mühle, die bis 1973 an dieser Stelle stand, und gleich daneben stand bis 1820/22 das Mühlentor, dort, wo heute Klosterstraße und Ostenmauer zusammentreffen. 

Abb. 1: Eine frühe Darstellung des Mühlentors

Wirft man einmal einen Blick auf alte Kamener Stadtpläne, z.B. den Urkatasterplan von 1827, wird schnell klar, warum dieses Sträßchen nicht sehr alt sein kann. Kamen war seit dem 13. Jh. eine sehr stark befestigte Stadt. Vor allem im Süden dürfte sie so gut wie uneinnehmbar gewesen sein. Wer sich ihr aus dieser Richtung näherte, hatte zunächst die Seseke vor sich, dahinter einen Wall mit Palisaden und einen Stadtgraben und die ganze Kombination gleich noch einmal, gefolgt von der 16 Fuß (ca. 5 m) hohen und 3 Fuß (gut 90 cm) breiten Stadtmauer, zwischen der Maibrücke und der heutigen Koppelstraße, dem ältesten Teil der Stadt, der schon auf das 11. Jh. zurückgeht. Hier hatte man die Seseke schon früh begradigt, hier stand das erste Stadttor, das Langebrüggentor. Hier hatte man möglicherweise auch mit dem Bau der Stadtmauer angefangen, und dann wahrscheinlich in westlicher und östlicher Richtung gleichzeitig gebaut2.

Abb. 2: Teilstück des Urkatasters von 1827

Da die Kamener Ackerbürger waren, jeder Bürger also sein eigenes kleines Stückchen Land vor der Stadtmauer zur Eigenbewirtschaftung hatte, jeder sehr sparsam war, wurden natürlich selbst  die Streifen Land auf den Wällen nicht verschenkt, auch sie wurden bewirtschaftet, lagen sie doch direkt im Schatten der Mauer und waren somit durchaus geschützt.

So legte man hier schon früh einen Weg an, der von den Gerbern benutzt wurde. Gerben war ein sehr langwieriger Prozeß. Die Gerber brauchten viel, am besten fließendes, Wasser, um ihre Felle zu reinigen, zu „schrubben“. Ihr Schrubbhagen lag damals allerdings an einem Stadtgraben, der an zwei Stellen weiter westlich über Verbindungskanäle von der Seseke mit Wasser versorgt wurde. Fleisch–, Fett– und Haarreste mußten mit dem Scherdegen auf dem Scherbaum abgeschabt werden. Das stank nach faulem Fleisch und saurer Lohe. Daher mußte immer wieder mit viel Wasser gespült werden. Ein alter Gerberspruch dazu lautete:

In des Leders Werdegang

ist die Hauptsach’ der Gestank.

Kalk, Alaun, Mehl und Arsen 

machen’s gar recht weiß und schön. 

Eigelb, Pinkel, Hundeschiete 

geben ihm besond’re Güte.

Drum bleibt stets ein Hochgenuß 

auf den Handschuh zart ein Kuß.

Abb. 3: Ein Gerber bei der Arbeit

Das den Gerbern gehörende Lohhaus lag auf dem ersten stadtseitigen Wall, direkt hinter der Stadtmauer. Dort stand auch ein Brauhaus auf der Ecke Mühlenstraße/ Klosterstraße (wo heute das Gebäude der Volksbank an der Bahnhofstraße steht). Hoffentlich hatte dieses einen eigenen Brunnen mit sauberem Wasser!

Von der Maibrücke aus in östlicher Richtung gab es zwar zwischen der Seseke und der Stadtmauer nur einen Wall und einen Graben, doch war eine feindliche Eroberung auch hier ziemlich aussichtslos. Bis zum 30-jährigen Krieg blieb Kamen vermutlich unbehelligt, aber vielleicht war es inzwischen auch so arm geworden, daß niemand es erobern wollte.

Erst das 17. Jh. mit seinen neuartigen Kanonen ließ Mauer und Graben obsolet werden. Folglich litt die Stadt in diesem Krieg sehr unter Einquartierungen, Kontributionen und Plünderungen durch brandenburgische, hessische, pfalz-neuburgische, spanische und französische Truppen. Die Lage war so schlimm, daß die Stadt Kamen am Ende des Krieges fast kein Eigentum mehr besaß, weil alles verpfändet worden war, sonst wäre sie, weil sie keine Kontributionen zu zahlen in der Lage war, mit Sicherheit vollständig zerstört worden. Was dann allerdings ein großes Feuer im Jahre 1646 dennoch besorgte.

Abb. 4: Palisade

Es ist offenkundig, daß auf Stadtgräben und Wällen kein Weg, keine Straße verlaufen kann. Aber als diese Befestigungen nunmehr nutzlos geworden waren, verfielen sie. Die Gräben verschlammten, die Wälle verflachten, die Stadtmauer diente als stadtnaher Steinbruch. Also brach man ihre Reste zwischen 1820 und 1822 ab, „zur Verschönerung der Stadt“, wie der erste Kamener Stadtchronist, Friedrich Buschmann, 1841 schreibt, trug die Wälle ab und schüttete die Gräben zu, planierte den ganzen Streifen. So gewann man ein ansehnliches Stück Land hinzu, das man neu nutzen konnte. Nach einigen Jahren Ruhezeit, in denen die Verfüllungen sich setzen konnten (wer genau hinschaut, sieht noch heute, daß das Gelände außerhalb der Ostenmauer deutlich abfällt), begann man 1827 damit, es mit kleinen Handwerkerhäusern zu bebauen. Als Fundamente dienten die Stadtmauer und der dahinterliegende ehemalige Wall, so ließen sich nur traufenständige Häuser bauen, die genau dem Verlauf der ehemaligen Stadtmauer folgen.

Jetzt stand also auch der Platz für den neuen Weg zur Verfügung, wenngleich noch keine Notwendigkeit dafür gegeben war, war doch das Mersch, Überlaufgebiet des Flusses, völlig unbebaut. Hier legten nur die Leineweber ihr kostbares Produkt auf die Bleiche. Und die Seseke war ja hier nicht ein begradigter Flußlauf, sondern immer noch ein mäandrierender Flachlandfluß, der weite Gebiete regelmäßig mehrmals im Jahr überschwemmte. Erst als in den 1920er Jahren die Regulierung  und die damit einhergehende Begradigung der Seseke die Bändigung des Flusses verhießen, wurde auf dem Stück zwischen Mühle/Mühlenkolk im Westen und der südöstlichen Ecke der ehemaligen Stadtmauer bei der heutigen Ängelholmer Brücke Bauland ausgewiesen. Dort war bis Ende der 1920er Jahre eine Holzbrücke, dann bis 1969 eine Eisenbrücke mit Betonelementen, danach wurde die heutige Brücke errichtet, seit 2013 heißt sie Ängelholmer Brücke.

Dieses Bauland gehörte in die vom 1925 nach Kamen gekommenen Stadtbaurat Gustav Reich vorgenommene Überplanung der alten Stadt Kamen. Die ersten hier entstandenen Häuser waren das damalige Bürgermeisterhaus Hindenburgdamm2 Nr. 10, sowie die Häuser Hindenburgdamm Nr. 9 und Hindenburgdamm Nr. 7. Erst danach wurde auch der Mühlenweg bebaut. Das Haus Mühlenweg 1 entstand 1936. Der Zahnarzt Dr. Elger, der bisher in den Räumen des Hauses Bahnhofstraße 49 neben dem Photoladen Ernst Braß’ praktiziert hatte, ließ sich von Gustav Reich überzeugen, daß hier der ideale Bauplatz für sein Haus war. Wenige Jahre zuvor war die Seseke-Regulierung abgeschlossen worden, Hochwasser war damit nach damaligem Kenntnisstand nicht mehr zu erwarten. Dann entwickelte sich die Bebauung in Richtung Osten. Erst Mitte der 1950er Jahre entstanden die letzten Häuser am östlichen Ende, noch später die Fortsetzung des Mühlentorwegs über die Ostenallee hinaus3.

Abb. 5: Die alte Seseke mit der neuen Synagoge im Hintergrund (zwischen den Pappeln), 1937

Direkt nach der Begradigung pflanzte man am Sesekedamm die Ahornbäume, deren sechs durch den Sturm Friederike am 18. Januar 2018 irreparabel beschädigt und am 21. März 2018 gefällt wurden. Am Mühlenweg sieht man die Handschrift von Gustav Reich: an vielen Stellen, so auch hier, wurden schnellwachsende Pappeln gepflanzt (vgl. Abb. 5), die nach dem Krieg durch Buchen ersetzt wurden, und man muß sagen, die Bäume sind prächtig anzusehen, doch wissen die Anwohner auch ein anderes Lied zu singen. Zum einen werfen sie eine Menge Laub ab, was aber gravierender ist, ist der Licht– und Sonnenmangel ausgerechnet in den Sommermonaten, da die Baumreihe die ganze Südseite abdeckt. Doch läßt sich das vielleicht jetzt besser ertragen, da der Fluß revitalisiert ist. Er enthält nur noch Reinwasser statt stark durch Fäkalien verunreinigtes Schmutzwasser, das während sommerlicher Trockenperioden nicht mehr bestialisch stinkt. Seitdem hat die Wohnqualität deutlich zugenommen: ruhig, grün, stadtnah.

Abb. 6: Heutiger Baumbestand

KH

Bildquellen: Abb. 1 & 5: Stadtarchiv Kamen; Abb. 2: Archiv Klaus Holzer; Abb. 3: Balthasar-Behem-Kodex,  Krakau 1505; Abb. 4: Museumsdorf Düppel; Berlin-Zehlendorf; Abb. 6: Photo Klaus Holzer

Fußnoten:

1  Allerdings wird als Lagebeschreibung beim Verkauf einer Rente aus Ländereien am 2. Sept. 1395 ein Stück „landes … gelegen syn suden vor der porten voer Camene“ angegeben, also gewissermaßen vor dem „Südtor“. Das Mühlentor wird hingegen schon zum ersten Mal am 4. Dez. 1368 erwähnt. Die beiden dürften also identisch sein.

Alle Burgmannshöfe waren von Abgaben befreit, mußten dafür aber bestimmte Dienste erbringen. Das Mühlentor wurde vom Hanenhof, nach der Eigentümerfamilie von Hane genannt, geschützt, an den heute noch der Hanenpatt erinnert. Sein Burglehen in Kamen war „vor der mollenporten gelegen“, wie es 1499 in einer Urkunde heißt.

2 Heute Sesekedamm

3  Bis Ende der 1920er Jahre Holzbrücke, dann bis 1969 Eisenbrücke mit Betonelementen, danach die heutige Brücke, seit 2013 Ängelholmer Brücke.

Die heutige Ostenallee war damals ein unbefestigter Weg, hatte auf einer Seite einen ehemaligen Stadtgraben, auf der anderen wild wachsende Weißdornbüsche, mehrere Meter hoch. Wenn sie im Winter vom Schnee beladen heruntergedrückt wurden, erschien dieser Weg als Hohlweg. Er hatte keinen Namen, wurde aber inoffiziell von vielen Schwarzer Weg genannt.

Laut Ratsbeschluß vom 22.3.1956 wurde ein Verbindungsweg gebaut zwischen Ostenmauer, der Fußgängerbrücke über die Seseke (heute: Beeskower Brücke) und dem Sesekedamm zur Mozartstraße.

Julius-Voos-Gasse

von Klaus Holzer

Abb. 1. Die Schulstraße, 1920er Jahre (?), gesehen vom Turm der Pauluskirche; vorn rechts das Haus der ehemaligen Metzgerei Voos

Diese Gasse war Teil der Kördelgasse und ist erst seit 1997 nach jemandem benannt, der wahrscheinlich andernorts mehr bedeutet als hier, in seiner Heimatstadt. Und womöglich wüßten wir gar nichts mehr von ihm, wenn es nicht einen Stolperstein am Haus Schulstraße 2 gäbe, der an ihn und seine Familie erinnert. 

Abb. 2.  Zur Erinnerung an Dr. Julius Voos

Julius Voos war der Sohn von Jakob Voos, der im Jahre 1897 als Metzger nach Kamen kam, hier heiratete und die kleine Metzgerei seines Schwiegervaters in der Schulstraße 2 übernahm. Julius wurde am 3. April 1904 geboren und besuchte die Kamener Wilhelmschule, die gleich nebenan am Kirchplatz lag, heute ein Mehrfamilienhaus. 1918 trat er  in die Präparandenanstalt1 der Marks-Haindorf-Stiftung in Münster ein. Hier begann er seine Ausbildung zum jüdischen Religionslehrer, die ihn nach Meisenheim (Pfalz) führte, wo er auch als Kantor arbeitete. Erst danach machte er sein Abitur in Idar-Oberstein. Anschließend studierte er in Berlin Philosophie, Geschichte und Religionsgeschichte. Anschließend promovierte er in Bonn über ein Thema aus der jüdischen mittelalterlichen Religionsgeschichte. Ab 1938 wirkte er als Rabbiner in Guben (Brandenburg), und heiratete 1936 in Breslau Stephanie Fuchs. Nach den Novemberpogromen von 1938 versuchte er, auszuwandern, das Vorhaben scheiterte jedoch. Anfang 1939 nahm er die Stelle als Rabbiner in Münster an, wo es im Rathausinnenhof ebenfalls einen Stolperstein für ihn gibt. Er sollte der letzte Rabbiner in Münster sein. Anfang des Jahres 1939 war Voos noch ein letztes Mal in seinem Elternhaus in Kamen.

Abb. 3.: Die Schulstraße in den 1930er Jahren; am linken Rand das Schild der Metzgerei Voos

Zwei Jahre später mußte Voos Zwangsarbeit in einer Bielefelder Fahrradfabrik leisten. Am 2. März 1943 wurde er mit seiner Familie – am 28. April 1941 war sein Sohn Denny geboren 

worden – nach Auschwitz geschickt, wo seine Frau und sein Sohn sofort ermordet wurden. Dr. Julius Voos wurde zur Schwerstarbeit eingeteilt, die ihn gesundheitlich ruinierte. Daran starb er im Krankenbau von Auschwitz am 2. Januar 1944. Klaus Goehrke schreibt in seinem Büchlein „Stolpersteine“: „Ihm wird nachgesagt, er sei der einzige Rabbiner in Auschwitz gewesen, der wie alle schwer gearbeitet, gehungert und gedurstet und dabei die Kameraden noch aufgerichtet habe.“ Ein Schicksal, an das erinnert werden muß.

Seit 2014 gibt es den Dr.-Julius-Voos-Preis  von der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, der seitdem jährlich im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ vergeben wird.

K H

Die Informationen entstammen dem erwähnten Büchlein „Stolpersteine“ von Klaus Goehrke sowie Wikipedia.

1 Eingangsstufe für die Volksschullehrer-Ausbildung

 

Abb.: 1 & 3: Archiv Klaus Holzer; 2: Photo Klaus Holzer

Die Maibrücke

von Klaus Holzer

Abb. 1: So kennen wir die Maibrücke seit 2001

Ein Fluß bedeutet für eine Stadt immer zweierlei: er verbindet und trennt gleichzeitig. Er verbindet, weil es sich anbietet, an beiden Ufern zu siedeln, er trennt, weil man nicht einfach auf die andere Seite gehen kann. Dazu braucht es eine Furt, ein „Bohlenwerk“, dann eine Brücke. Das kann man besonders schön an dieser Darstellung der Seseke als Gemarkungsgrenze erkennen. Nur Kamen liegt nördlich und südlich des Flusses, weil hier eine Furt die Querung erlaubte, weswegen Nord-Südreisende zwischen Lippe und Hellweg immer hier durchkamen, und die ersten Siedler dies als Chance begriffen.

Abb. 2: Die Seseke als Gemarkungsgrenze

Der Fluß war also für die Gründung Kamens von grundlegender Bedeutung: man konnte sich nur niederlassen, wo es die 4 W gab: Wasser, Wald, Weide, Wege. Wasser als allgemein lebenswichtigen Stoff, aber auch Fische, Krebse und Muscheln im Fluß; Boden zur Anpflanzung von Getreide; Weide für das Vieh, auch als Winterfutter; Wald als Lieferant für Bau- und Feuerholz, das darin lebende Wild für die Ernährung, aber auch Beeren, Pilze usw. Außerdem war ein Fluß wichtiger Transportweg, der auch noch passierbar war, wenn „normale“ Wege und Straße schon im Schlamm versanken und unpassierbar waren.

Abb. 3: Das Mühlentor 1777

Es wird im Laufe von Kamens früher Geschichte eine nicht geringe Anzahl mehr oder minder kleiner Brücken gegeben haben, meist waren das vermutlich einfache Stege. Eine stärkeres Bauwerk wird es wohl schon früh am Mühlentor1 gegeben haben, dem wichtigsten Stadttor. Mit dem Heranwachsen Kamens im 13. Jh. zur befestigten mittelalterlichen Stadt wuchsen Gewerbe und Handel. Die Fuhrwerke wurden größer, damit schwerer, die Stege reichten nicht mehr aus. Es brauchte eine „richtige“ Brücke, natürlich dort, wo der Verkehr am stärksten war, am Mühlentor, der Verbindung zum Hellweg. Dennoch dauerte es bis 1695, daß die Maibrücke zum ersten Mal erwähnt wird, als „Homeybrücke“2. Wie wurde daraus unsere „Maibrücke“?

Vor allen ursprünglich sechs Stadttoren hat es befestigte Torhäuser gegeben, am Mühlentor zusätzlich eine Zugbrücke über den Fluß, am Mühlen~ und Nordentor obendrein noch Homeyen (und jeweils auch ein kleines Gefängnis). Dazu Hugo Craemer: „[Homeyen] sind feste Balkentore […] am Beginn der Brücken. […] Nachdem im 18. Jahrhundert die Befestigung durch Wall und Gräben aufgehoben wurde und der Zweck der Homeyen als Sperrmittel fortfiel, kam auch bald der Name in Vergessenheit, und der Volksmund prägte den kurzen Ausdruck Maibrücke.“3

„Homey“ kommt von hamm4, das bedeutet so viel wie Zaun, Hegung, geschütztes Gelände. Dazu gibt es eine mittelniederdeutsche Weiterbildung hameide, mittelhochdeutsch hamît, was so viel bedeutet wie Zaun, Gatter, Verhau, Schlagbaum, Sperre, das kann auch ein Pfahl- oder Pfostenwerk sein. Hierbei handelt es sich um ein ursprünglich fränkisches Wort, das ins Altfranzösische übernommen wurde, von dort zurückentlehnt wurde und so die Betonung auf die zweite Silbe legte: haméide. Die erste Silbe wurde damit tonlos, konnte also später entfallen: meide, meie.5 Die Voraussetzung für dieses verkürzte Wort hatte natürlich der Umweg über das Altfranzösische geliefert. Die Zeit ging über eine Sache hinweg, ein verstümmeltes Wort blieb zurück und gab unserer Brücke ihren heutigen Namen.6

 Wir müssen uns eine solche Toranlage wohl so vorstellen, daß, um eine möglichst starke Sicherung zu erhalten, Tore durch ein Vortor geschützt wurden, damit eventuelle Angreifer schon früh abgefangen werden konnten. Einen weiteren Zweck dürfte ein Homey ebenfalls gut erfüllt haben. An Markttagen (seit der Mitte des 13. Jh. drei Wochenmärkte, zwei Jahrmärkte!) herrschte an diesem Stadttor reger Verkehr. Am Homey mußten Händler die Akzise7 entrichten, was gewissermaßen eine Standgebühr für den Markt war. Und die Argumentation der Stadt lautete einfach: Händler wollen bei uns Waren verkaufen, also Geld aus der Stadt mitnehmen. Je nach Wert ihrer Waren sollen sie zum Wohle der Stadt beitragen. Man hatte schließlich das Marktrecht. Kaufleute und Bauern wollten zum Markt und ihre Waren verkaufen. Es gab gute Geschäfte, weil die Kamener sie schon sehnsüchtig erwarteten. Schließlich gab es nicht nur Waren, die man brauchte, sondern, besonders auf den Jahrmärkten, Unterhaltung durch Gaukler und Musiker, vor allem aber auch Neues aus aller Welt, was damals so viel bedeutete wie aus der weiteren Umgebung. Hansekaufleute konnten tatsächlich aus der „weiten Welt“ berichten. Der gewöhnliche Bürger kam nicht weit aus Dorf oder Stadt hinaus.

Abb. 4: Marktgeschehen; hier eine französische Darstellung von ca. 1400

Aber natürlich wurde eine so stabile Brücke auch für ganz andere Zwecke benutzt. Hugo Craemer schreibt 1929: „[…] bildeten auch die Schweine einen wertvollen Bestandteil bürgerlichen Besitzes. Sie wurden ebenfalls im Sommer zur Weide, im Herbst zur Mast getrieben, und zwar von dem Schweinehirten. Davon erzählen die Flurnamen Schweinsstraße vor dem Mühlentore, das Schweinemersch ebenda, An der Saustraße und im Saukamp […]. Während diese Orte der Sommerfütterung dienten, fand in der Meynheit8 die Mästung statt. […]. Zur Eichelmast ins Große Holz durften nur die Schweine der Vögte und Ritter eingetrieben werden. So hatte der Hering-, später Edelkirchenhof, die Mastgerechtigkeit mit 20 Schweinen im Hohen Holz, mit 3 Schweinen in der Lerker (Anm.: Lercher) Mark. Die Zahl der einzutreibenden Schweine war genau festgelegt. Der Eintrieb für die Schweine der Bürger fand nur im Herbst über die Maybrücke statt. Im Schweinemersch unter der alten Linde trug der Sekretarius die Besitzer der Borstenträger in das Mastbuch ein. Hier erhielten die Schweine auch das Brandmal. Mit großem Jubel wurden im Spätherbst die gemästeten Tiere hier wieder in Empfang genommen.“9 Und es läßt sich gut vorstellen, daß gefeiert wurde, und vermutlich haben nicht alle frisch gemästeten Borstentiere die Heimkehr lange überlebt.

Abb. 5: Schweine bei der Eichelmast

Bis 1923 war die Maibrücke Kamens einzige Straßenbrücke, entsprechend hoch war der Verschleiß der Substanz, zumal seit 1909 auch noch die Straßenbahn, die Kleinbahn UKW, über sie führte. Daher verwundert es nicht, daß sie 1923 so marode war, daß sie für allen Verkehr gesperrt werden mußte. 

Abb. 6: Die marode Maibrücke, ca. 1910

Jetzt rächte es sich, daß man so wenig weitsichtig gewesen war, es fehlte eine zweite Brücke. August Siegler schreibt 1926/27: „Bei dem Neubau der Maibrücke zeigte es sich, wie notwendig es war, daß neue Wege über die Seseke geschaffen wurden. Im Jahre 1921 brach man zuerst die halbe alte Brücke ab, um den Neubau ohne Unterbrechung des Verkehrs, der gerade damals sehr stark war, durchzuführen. Jedoch konnte der stehengebliebene Rest der Brücke bei der äußerst starken Inanspruchnahme nicht standhalten, zumal die Stützmauer an der Westseite abgebrochen war, wodurch der restliche Brückenteil seinen festen Halt verloren hatte. Eines Tages versagte die Brücke ihren Dienst. Sie konnte ohne große Gefahr nicht mehr befahren werden. Zum Glück hatten die Bauleiter die Gefahr frühzeitig genug erkannt und sperrten die Brücke für Fuhrwerke. Es dauerte einige Tage, bis durch lange T-Eisen wieder eine feste Grundlage für einen Brückenweg geschaffen war.“

Abb. 7: Die Bahnhofstraße mit Straßenbahn (Kleinbahn UKW) von der Maibrücke aus

Und weiter: „Bis zur Fertigstellung dieser Notbrücke war die Stadt mit Fuhrwerken nur auf Umwegen zu erreichen und zu verlassen. Die schwache Holzbrücke im Osten der Stadt (Anm.: die heutige Ängelholmer9a Brücke) war dem Ansturm nicht gewachsen und mußte bald für Fuhrwerke polizeilich gesperrt werden, um weiteres Unheil zu verhüten. Aller Fuhrverkehr mußte nun über Westick oder Derne–Heeren geleitet werden, weil Kamen nur den einen Verkehrsweg hatte, der nun nicht benutzt werden konnte. Da seit Beginn des Brückenbaues fast ein Jahr vergangen war, wurde Herr Bergrat Funcke, der seit einiger Zeit in Wittbräucke wohnte, gebeten, als Vorsitzender des Vorstandes der Seseke–Genossenschaft dahin zu wirken, daß Kamen bald aus dieser Verkehrsnot erlöst und die Fertigstellung der Brücke beschleunigt würde. Diese Bitte hatte den Erfolg, daß die Brücke nun in einigen Wochen fertiggestellt wurde. Das war im Juni 1921. Die überstandenen Schwierigkeiten haben aber doch ihren Nutzen geschaffen. Man hatte allgemein die Ansicht gewonnen, daß der bisherige Zustand nicht bestehen bleiben durfte, daß weitere Wege über die Seseke angelegt und zur Verwirklichung solcher Anlagen Opfer gebracht werden mußten.“10

Abb. 8: Die frühere Binde–, dann Vinckebrücke 

Abb. 9: Die Vinckebrücke wird 2018 abgebrochen 

Und da man nun schon einmal dabei war, die gesamte Situation neu zu regeln, wurde auch gleich noch ein reine Fußgängerbrücke gebaut, die Bindebrücke.11 Und da man sich sicher war, daß durch die Regulierung der Seseke die Hochwassergefahr im wesentlichen gebannt war, konnte man auch die Straßenbrücke Rathenaustraße, heute Koppelstraße, und Hindenburgdamm (heute Sesekedamm) – Ostenallee (damals ohne Namen) neu bauen.

Abb. 10: Die Maibrücke mit Verkehr, 1985

Die Maibrücke blieb noch bis 2001 eine Brücke, über die unterschiedslos aller Verkehr geleitet wurde, Fußgänger, Fahrradfahrer, PKW, Linienbusse und mancher LKW. So kam es, daß sie im Jahr 2002 wieder saniert werden mußte, wieder nicht nur als Einzelmaßnahme, sondern im Rahmen eines Gesamtkonzeptes. Um den dichten Verkehr zu entzerren, sperrte man die Maibrücke für allen motorisierten Verkehr und baute die Partnerschaftsbrücke 2001 ganz neu, nur wenige Meter flußaufwärts. Durch den Bau von zwei Kreisverkehren – Bahnhofstraße/Sesekedamm und Poststraße/Sesekedamm/ Partnerschaftsbrücke – zusammen mit dem Verkehrsschluß Innerer Ring wurde eine ganz neue Verkehrsführung geschaffen, die Maibrücke entlastet. Im Jahre 2018 wird sie de facto Bestandteil des neuen Sesekeparks.

Abb. 11: Brückenpfeiler mit Bleier, früher einmal Hochwassermarke

Auf beiden Seiten der Maibrücke sind ihr Name und der Kömsche Bleier in die Pfosten eingemeißelt. Aus dem Fischmaul tritt eine waagerechte Linie aus, die von vielen für eine Marke gehalten wird, die den Höchstwasserstand der Seseke angibt. Das trifft jedoch nicht mehr zu, sie ist viel zu niedrig. Die alte Hochwassermarke, die früher am alten Rathaus angebracht war, traf es da viel besser.12

Und auch wenn der Kömsche Bleier heute nicht mehr in der Seseke schwimmt13, er ist noch lebendig, lebt in den Plastiken von Lothar Kampmann zwischen Mai– und Partnerschaftsbrücke und Winfried Totzek am Beginn des Fahrradweges an der Ängelholmer Brücke.

Abb. 12: Der Kömsche Bleier von Lothar Kampmann

Abb. 13: Der Kömsche Bleier von Winfried Totzek

KH

Abbildungen:

Abb. 1, 8, 9, 11, 12, 13: Photo Klaus Holzer; Abb. 2: aus Theo Simon, Kleine Kamener Stadtgeschichte, Kamen 1982; Abb. 3, 6, 7: Stadtarchiv Kamen; Abb. 4 : aus Jörg Schwarz, Stadtluft macht frei. Darmstadt 2008; Abb. 5: Wikipedia; Abb. 10: Archiv Klaus Holzer

 

1 Durch dieses Stadttor, über diese Brücke, lief die Verbindung zur wichtigsten Handelsstraße des MA, die schon zur Römerzeit existierte, dem Hellweg, der Verbindungsstraße zwischen Brugge an der Nordsee und Nowgorod in Rußland. Daher verlor das älteste Stadttor, das Langebrüggentor, auch Wünnenporte genannt, erstmals im Jahre 1342 erwähnt, an Bedeutung und wurde 1660 abgerissen.

Klares Zeichen für die Bedeutung des Hellwegs ist auch der Unnaer Goldschatz: 1952 wurden in Unna fast 250 Goldstücke gefunden, die um 1375 vergraben worden waren. Darunter finden sich Gulden aus Prag, Wien, Salzburg, Budapest und Lübeck, dazu „goldene Schilde“ aus Paris und Antwerpen sowie ein seltener englischer Noble: allesamt Ausdruck der weitreichenden Handelsbeziehungen schon im 14. Jh., die es ohne den Hellweg nicht gegeben hätte.

Das große Haus mit dem Wandgemälde einer Mühle (Bahnhofstraße 51) war früher tatsächlich eine solche, zuletzt die Mühle Ruckebier. Sie wurde 1973 abgerissen. Die ursprüngliche Mühle gab es wahrscheinlich schon vor der Stadtgründung (Wassermühlen waren in Europa vermutlich schon seit dem 10. Jh. bekannt), sicher schon im 13. Jh.

Vor der Mühle war der Mühlenkolk (Kolk = Strudel im Wasser, Höhlung am Flußufer; auch afries. Grube, Loch, Wasserloch; verw. mit „Kehle“, architekt. „Hohlkehle“), in dem Frauen noch bis in das 20. Jh. hinein ihre Wäsche ausspülten: das viele Soda, das zum Waschen von Wäsche benötigt wurde und die Haut der Hände stark angriff, mußte gründlich ausgespült werden. (vgl.a.Artikel Mühlentorweg)

2 Es gab bei uns früher auch den Familiennamen Homeyer. Es darf angenommen werden, daß ein Vorfahr früher einmal in einem solchen Homey Dienst geschoben hat.

3 Zechen-Zeitung der Schachtanlagen Grillo und Grimberg, Gelsenkirchener Bergwerks AG., 5. Jg.,  1929, Nr. 6

4 Hier steckt auch unser „Hemsack“ drin. Ein hamm ist ein von zwei Flußläufen bzw. ~armen umgebenes, d.h., geschütztes Gelände, bei uns sind das Seseke und Körne; vgl. a. Hamm, Hamburg, Bopparder Hamm u.a.

5 Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erw. Auflage, Münster 2014; 

Pauls Derks, Universität Essen, 2013

6  vgl.a.Artikel Mühlentorweg

7 Eine Steuer, die auf die Einfuhr von Waren erhoben wurde. Die Stadtmauer und ihre Tore hatten im Dreißigjährigen Krieg ihren Sinn verloren, verfielen und wurden früher oder später abgerissen. Als Kamen 1701 preußisch wurde und 1717 die Akzise wieder eingeführt wurde, erhielten beide vorübergehend wieder ihre Bedeutung, vor allem die Homeyen, weil bei Betrieb hier die Akzise bezahlt werden mußte. Ende des Jahrhunderts wurde sie wieder abgeschafft. Man hatte ihre den Handel behindernde Wirkung erkannt.

Wie wichtig diese Steuer aber für den städtischen Haushalt war, zeigt die Aufstellung, die Pröbsting für 1605 gibt: von 940 Thalern stammen 432 aus der Accise!

8 was der Allgemeinheit gehörte: die Allmende

9 Zechen-Zeitung der Schachtanlagen Grillo und Grimberg, Gelsenkirchener Bergwerks AG., 5. Jg.,  1929, Nr. 8)

9a Bis Ende der 1920er Jahre Holzbrücke, dann bis 1969 Eisenbrücke mit Betonelementen, danach die heutige Brücke, seit 2013 Ängelholmer Brücke.

Die heutige Ostenallee war damals ein unbefestigter Weg, hatte auf einer Seite einen ehemaligen Stadtgraben, auf der anderen wild wachsende Weißdornbüsche, mehrere Meter hoch. Wenn sie im Winter vom Schnee beladen heruntergedrückt wurden, erschien dieser Weg als Hohlweg. Er hatte keinen Namen, wurde aber inoffiziell von vielen Schwarzer Weg genannt.

10 Siegler, August, Die Entwicklung der Stadt Kamen. Rückblick, Vergleich, Ausblick. Rückblick auf 50 Jahre: 1873 – 1926. Abgedruckt in: Zechenzeitung1926/27 (in 7 Folgen). Hier: 2. Teil

11 vgl.a. Artikel „100 Jahre Sesekeregulierung“

12 vgl.a.Artikel „100 Jahre Sesekeregulierung“

13 Meine Anfrage an den Lippeverband, ihn aus Beständen in Unnas Partnerstadt Döbeln wieder in der Seseke anzusiedeln, wurde abschlägig beschieden.

Schleppweg

von Klaus Holzer                                                             

Straßennamen verändern sich immer wieder im Laufe der Zeit. Der Schleppweg z. B. hat eine ganz eigene Geschichte.

Der eigentliche Schleppweg ist die jetzige Südkamener Straße zwischen der Unnaer Straße und der Dortmunder Allee. In den 1920er Jahren wurde „ unter dem Schleppwege“ eine Zechensiedlung gebaut. Aus den parallel untereinander laufenden Straßen wurde dann der Obere und der Untere Schleppweg. Nach der Anlage des neuen Friedhofs in Südkamen wurde aus dem Oberen Schleppweg die Südkamener Straße. Das „Untere“ wurde gestrichen, es gab ja nur noch einen Schleppweg.    

Der Name kommt ursprünglich von Schliepweg. Die Schliepe (von schleifen, ziehen) ist ein einfaches Holzgestell, das aus zwei gleich langen Stangen besteht, die durch Querstangen verbunden sind. Darauf nagelt man ein paar Bretter, dann läßt sich diese Konstruktion einfach ziehen. Mist aus dem Stall oder andere Dinge, mit denen man für kurze Wege die Radkarre nicht benutzen oder, besser gesagt, beschmutzen wollte, kamen auf die Schliepe. 

Was hat das nun mit dem Schleppweg zu tun? Ein Stück oberhalb des Schleppweges, am jetzigen Südweg, stand ein gegen Dortmund gerichteter Galgen, eine deutliche Warnung an Fremde, Gauner und Mörder. 

Kam es wirklich einmal zu einem Todesurteil, ließ man sich das Schauspiel der Hinrichtung möglichst nicht entgehen. Das war sozusagen Gratisunterhaltung, man empfand wohlige Schauer, war man selber doch sicher. Die Bürger zogen mit Kind und Kegel und Proviant zum Richtplatz und machten sich „einen schönen Tag”. Die durch den Strick Erwürgten blieben zur Abschreckung dort hängen, und weil die Raben  sich an den menschlichen Kadavern gütlich taten, wurde der Richtplatz auch oft Rabenstein genannt. Die Bauern, die ihre Felder dort hatten, fanden solche Veranstaltungen weniger gut, zertrampelten die Zuschauer doch ihre Äcker.

Was von dem armen Menschen, der dort hing, nach einigen Wochen übrig war, mußte nun unter die Erde. Und hierbei kam die Schliepe zum Einsatz. Nur die Ärmsten der Armen waren zu diesem Dienst als Nachrichter, d.h., Helfer der Henker, bereit. Einen eigenen Wagen oder eine Karre hatten sie nicht, auch hätte ihnen niemand eine geliehen. Statt der Querbretter spannte man ein altes Tuch zwischen die Stangen, in das später die Leiche eingewickelt wurde.

Doch wohin damit? Auf den Kirchhof konnte sie nicht, ein gehenkter Verbrecher bekam kein christliches Begräbnis, er „kam ja auch nicht in den Himmel“. Es ist nicht immer ganz klar, wo eine solche Leiche verscharrt wurde. In Kamen gibt es leider keine Quelle, die uns Heutigen hierüber Auskunft geben könnte. Doch gab es offenbar unterschiedliche Verfahrensweisen. Am weitesten verbreitetet war das Verscharren auf dem Schindanger, dem „Anger1, an dem das gefallene Vieh geschunden wurde“ (Grimmsches Wörterbuch).

Mancherorts wurden sie wohl auch auf dem Armenfriedhof verscharrt. Dieser lag meistens vor der Mauer und war für Fremde bestimmt, die kein Geld für die Stolgebühren2 hatten, für Ungetaufte und ausgestoßene Menschen.  

Jede Schicht3 hatte, um Seuchen zu vermeiden, einen von der Stadt zugewiesenen Ort, wo Tierkadaver oder Schlachtreste entsorgt werden mußten. In Kamen lag einer dieser sogenannten Filleplätze, der für die Mühlenschicht, auf dem Gebiet mit der Flurbezeichnung Steinacker, ein Stück unterhalb des Schliepweges. Vielleicht wurden die armen Sünder in Kamen  auch dort verscharrt, wer weiß? 

Gleich nebenan liegen der „Steinacker” und der „Malter”. Der erste Name erklärt sich selbst: steiniger, d.h., schwer zu bearbeitender, wenig ertragreicher Acker. Und der zweite Name bestätigt, daß es sich hier um ehemals landwirtschaftliches Gelände handelt. Das Wort leitet sich aus einem Hohlmaß für Getreide her, das je nach Region zwischen 100 und 700 Litern betragen konnte. Die ursprüngliche Bedeutung war „die auf einmal gemahlene Getreidemenge”.

KH, unter Verwendung eines Artikels von Edith Sujatta

1 Schon in germanischer Zeit ein Stück Grasland vor oder nahe einer Siedlung, das allen gemeinsam gehörte. Dort gab es gemeinschaftliche Feste, Backen oder Schlachten. Der Schindanger hieß in Kamen Filleplatz und diente dem Abdecker zur Beseitigung von Tierkadavern, was aus hygienischen, d.h., gesundheitlichen Gründen enorm wichtig war.

2 Vor der Einführung der Kirchensteuer 1919 die Gebühren, die der Priester für alle Tätigkeiten nahm, zu denen er die Stola umlegen mußte, das waren die sog. Kasualien wie Taufe, kirchliche Trauung und kirchliche Begräbnisfeier. Ausgenommen von der Stolgebühr waren immer: Kommunion bzw. Abendmahl, Beichte, Kranken- und letzte Ölung. Mancherorts gibt es noch heute Stolgebühren.

3 Kamen war früher in Schichten eingeteilt, Nachbarschaften, die jeweils einem Stadttor zugeordnet waren, für das sie verantwortlich waren. Es gab eine Fülle von öffentlichen und sozialen Pflichten innerhalb solcher Nachbarschaften.

Körnerstraße

von Klaus Holzer

Abb. 0: Straßenschild

Die Kamener Körnerstraße war bis vor zwei Jahren an Frühlingsblütenpracht nicht zu überbieten. Dann blühte es die ganze Straße entlang, daß man glauben konnte, man sei in Japan: ein japanischer Kirschbaum hinter dem anderen erblühte in Rosa! Leider waren die Bäume zu alt geworden, mußten gefällt werden. Für die Neupflanzung hat man sich bei der Stadt entschieden, die Felsenbirne zu pflanzen, ein heimisches Gewächs, das Insekten anlocke und im Herbst Beerenschmuck habe, also Futter für Vögel; kurz: die Ersatzpflanzung sei „ökologischer“, so die Auskunft des Bauhofes.

Sicher eine nachvollziehbare Entscheidung, angesichts des Insektensterbens in unserem Land, doch ist es ebenso sicher schade um den ganz besonderen ehemaligen Charakter der Körnerstraße, einmalig in Kamen. Photo Nr. 1 gibt vielleicht eine Ahnung davon, wie es einmal dort aussah.

Abb. 1: Die letzten japanischen Kirschbäume in der Körnerstraße

Einer der vielen Namen, die einmal Gemeingut waren, uns Heutigen aber kaum noch etwas bedeuten, ist der des Carl Theodor Körner. Weder seine Lieder, vor allem die zu den Befreiungskriegen gegen Napoleon geschriebenen, noch seine für das Wiener Burgtheater (hier erhielt er sogar den Titel eines k.k. Hoftheaterdichters) geschriebenen Dramen sind uns noch geläufig, und daß er sogar einmal den Entwurf eines Librettos für Beethoven schrieb – wer weiß das schon noch?

Abb. 2: Dora Stock, Theodor Körner, 1791 – 1813

Oder daß er mit praktisch allen Größen seiner Zeit bekannt war: Ludwig van Beethoven, Wilhelm von Humboldt, Friedrich Schlegel, Gottlieb Fichte, Friedrich Schleiermacher u.a.? Und auch mit den Reformern Freiherr vom Stein und Gneisenau, Feldmarschall Blücher? Und das in seinem sehr kurzen Leben: Körner wurde am 23. September 1791 in Dresden geboren und fiel im Kampf gegen französische Truppen am 26. August 1813 bei Lützow.

Abb. 3: Der Gedenkstein, der bis 2017 im Stadtpark in der Nähe der Körnereiche lag, heute im Stadtmuseum

Wenn man dem Kamener Chronisten Friedrich Pröbsting glauben darf, waren unsere Vorfahren immer sehr patriotisch1. Und der Freiheitskämpfer Körner war wohl die romantische Inkarnation alles dessen, was sich der biedere Bürger erträumte. So war Körner zu seiner Zeit ungemein bekannt und beliebt. Zu seinem 100. Geburtstag pflanzte der Turnverein VfL 1854 zu Camen eine „Körnereiche“. Selbst 80 Jahre nach Körners Tod war also die Begeisterung über den jugendlichen Helden noch so groß, daß sie in einer Kleinstadt wie Kamen über Jahre trug, während derer Geld gesammelt wurde, damit man das Jubiläum würdig begehen und gleichzeitig die Stadt verschönern konnte. Ein heute schwer vorstellbarer Stolz auf die eigene Stadt. Vor diese Eiche legte man den „Körnerstein“, mit für diese Zeit typischen Symbolen. Unten befindet sich das „Frisch Fromm Fröhlich Frei“-Symbol der Turnerschaft; links und rechts mit Eichenzweigen verziert. Oben, in der Mitte, befindet sich ein verschlungenes „DT“ für Deutsche Turnerschaft. Turnen war, neben Chorsingen2, eine der Leidenschaften im Kaiserreich. Turnvater Jahn wurde noch verehrt, während er heute eher wegen seiner nationalistischen Haltung und Aussagen kaum noch eine Rolle im öffentlichen Leben spielt.

Abb. 4: Richard Knötel, Theodor Körner (auf einer alten Postkarte der Fa. Stengel & Co., Dresden)

Körners sechsstrophiges Gedicht „Was glänzt dort vom Walde“ wurde von ihm nur ein Vierteljahr vor seinem Tode geschrieben, und schon im folgenden Jahr von Carl Maria von Weber vertont. Da erst wurde es richtig bekannt, als Soldatenlied unter dem Titel des Refrains, „Das ist Lützows wilde, verwegene Jagd“. Im Kern geht es um den freiheitsliebenden Helden, der dabei stirbt, wie er sein Vaterland rettet und daher nichts zu bereuen hat.

Das Viertel, in dem die Körnerstraße in Kamen liegt, entstand in den 1920er Jahren, ihre Benennung 1924, und diese Straße wurde von den Kamenern eigentlich nur der D-Zug genannt. „Ich wohne im D-Zug“, war die Antwort auf die entsprechende Frage, weil hier so viele Häuser in langen Reihen standen. Übrigens hieß früher eine benachbarte Straße einmal Schillstraße. Sie wurde von den Nationalsozialisten in Schillerstraße umbenannt. Noch 1949 führte sie von der Straße Am Kämertor an der „Kaisereiche“ vorbei bis nach Bergkamen. Mit der Kommunalen Neuordnung 1968 wurde sie Kämertorstraße genannt (ist das die heutige Stormstraße?), da es eine Schillerstraße bereits in Heeren gab, und im weiteren Verlauf Bergkamener Straße. Schill war ebenfalls der Name eines deutschen Freiheitskämpfers, Ferdinand Baptista von Schill (1776 – 1809). Der war ein Haudrauf, auf den der Spruch „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ zurückgeht. Er fand dann auch ein Ende mit Schrecken.

K H

Abb. 0,1 & 2: Klaus Holzer; Abb. 2 & 4: Wikipedia

Pröbsting schreibt u.a., daß es 1806 „viel Jubel und große Freudenfeste in der ganzen treuen Mark, auch hier in Camen“ gab, als bestätigt wurde, daß man „bei dem Hohenzollerschen Herrscherhause bleiben solle“.

Und als Preußen nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt geschlagen war und seine Herrschaft nicht mehr ausüben konnte, entband der König „seine märkischen Untertanen des Eides der Treue“. Diese antworteten daraufhin: „Das Herz wollte uns brechen, als wir Deinen Abschied lasen, und wir konnten uns nicht überreden, daß wir aufhören sollten, Deine Unterthanen zu sein, die Dich immer so lieb hatten!“

Nach der endgültigen Niederlage Napoleons und dem Ende der Camener Franzosenzeit brach Jubel aus: „In wenigen Tagen war das ganze Land für Preußen wieder in Besitz genommen und von Ort zu Ort verkündigte das Glockengeläute und der Jubel des Volkes: Wir sind wieder preußisch!

Die Begeisterung, welche in jenen Tagen das Land durchflutete, offenbarte sich sofort auch in dem Erfolge, den der Königliche Erlaß zur Bildung von Landwehren und freiwilligen Jägern überall fand. Wer zum Tragen der Waffen fähig war, eilte zu den Fahnen.“

Und schließlich ganz allgemein: „Doch ist deutsche Gesinnung und Königstreue, das Erbteil der Väter, stets in unserer Mitte geblieben.“

Neuere historische Forschungen haben die Bedeutung der „deutschen Vereinsmeierei“ für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft nachgewiesen. Zusammen zu singen und zusammen zu turnen verbindet eben. (Vgl.a. die Gründung der vielen bairischen, schlesischen und polnischen Heimat– und Trachtenvereine im Ruhrgebiet nach dem Zuzug der Bergarbeiter aus diesen Regionen zu Beginn des Ruhrbergbaus.)

Siegeroth

von Klaus Holzer

Südlich der Südkamener Straße, zwischen der Bückeburger Straße und Schulze Berge, heißen viele Straße nach Philosophen: Schopenhauer, Schelling, Feuerbach, Hegel, Fichte, Nietzsche. Doch stößt der Spaziergänger dort auch auf „Lütge Heide“, „Auf den Kämpen“, „Siegeroth“. Und die südlich davon heißt „Auf der Heide“. Wie paßt das zusammen?

In den Randgebieten kleiner Städte wie auch in Dörfern dienten oft alte Flurnamen der Orientierung. Solche Namen waren Gebrauchsnamen, die nur lokal bekannt waren und Sinn ergaben. So erwähnt der Kamener Konrektor Craemer 1929 in der „Zechenzeitung der Schachtanlagen Grillo und Grimberg“ ein „Ziegenröttchen“ bzw. „Siggenröttchen“. Ein „roth/rodt oder röttchen“ (es gibt viele verschiedene Schreibweisen) ist ein Stück gerodetes Land. Alle Rodungsnamen sind sehr alt, da sie auf die Zeit zurückgehen, als man in ganz Europa in großem Stile daranging, bewaldetes Land für die Landwirtschaft nutzbar zu machen, also nach der Zeit der Völkerwanderung, etwa ab dem 7. Jh. AD.

Zusammen mit dem ersten Bestandteil (Ziegen, Siggen) ergibt sich somit die wahrscheinliche Bedeutung: „gerodetes Land, auf dem Ziegen weideten“. Die ehemalige Südkamener Ortsheimatpflegerin Ursula Schulze Berge bestätigt diesen Gebrauch: „So haben mein Mann und ich immer darüber gesprochen.“ Die anderen Namen belegen diese Bedeutung. „Lütge Heide“ und „Auf der Heide“ sind Indizien für die Richtigkeit der Annahme, da eine „Heide“ immer ein sehr karges Stück Land ist und nur Ziegen selbst dort noch etwas zu fressen finden.

Und „Auf den Kämpen“ ist eine nahe Verwandte, umfaßt aber im Gegensatz zu den „Heiden“ fruchtbares Land. Das so urwestfälisch erscheinende Wort stammt aus dem Lateinischen, wo „campus“ so viel wie „freie, unbebaute, offene Fläche” bedeutete. Als es im 9. Jh. erstmals in Westfalen auftauchte, hatte es schon einen Bedeutungswandel hinter sich und bezeichnete jede Art von bewirtschaftetem Feld bzw. Ackerland, wie aus frühen Rechtsbüchern hervorgeht, und war „umzäuntes Siedlungsgelände, Viehpferch und umzäunter Acker“. Wahrscheinlich mußte solch ein Stück Land vor den nebenan grasenden Ziegen geschützt werden.

Hier haben sich alte Flurbezeichnungen unter Philosophen gehalten. Wie schön.

Klaus Holzer

Lit.: Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017

Kamens Hochstraße ist 40 geworden

von Klaus Holzer

Abb. 1: Die Hochstraße, Blick nach Norden

Gerade erst gab es in Kamen ein Jubiläum zu feiern, doch keiner hat es gemerkt. Und dabei betraf es eine Sache, die seit 40 Jahren immer noch viele Gemüter erregt. Am 16. Dezember 1977 wurde die Hochstraße offiziell dem Verkehr übergeben, am nächsten Tag in der Kamener Lokalpresse als „Jahrhundertwerk“ gefeiert. Die Übergabe geschah im Rahmen eines großen Volksfests mit Kirmes, das 2.500 Leute auf der neuen Straße feierten, aus Freude darüber, daß das größte Ärgernis in Kamen ein für allemal beseitigt war, die Glückaufschranke, die die Kreuzung der B 233 mit der Köln-

Abb. 2: Die Glückauf-Schranke

Mindener Linie der Deutschen Bundesbahn für etwa 11 Stunden an Werktagen und für 6½ Stunden an Sonntagen versperrte. Dann staute sich der Verkehr kilometerweit in beiden Richtungen. Das bedeutete ärgerliches Warten für alle am Verkehr Beteiligten, und Lärm und Gestank für alle Anwohner. Die Fahrpläne der VKU waren großenteils Makulatur, obendrein verursachten die Wartezeiten und der damit verbundene Schleichverkehr hohe zusätzliche Kosten. Betriebsleiter Werner König schätzte den zusätzlichen Dieselverbrauch auf 25.000 Liter und 20.000 DM pro Jahr, und das, obwohl die Fahrer die Motoren abstellten, so oft es möglich war.

Abb. 3: Verkehrschaos bei geschlossener Schranke

Ein solches Unternehmen war damals und ist heute ein schwieriges Unterfangen. In diesem Brei rührten viele Köche: die Stadt Kamen, der Kreis Unna, das Bundesverkehrsministerium, das Wirtschaftsministerium NRW, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die Deutsche Bundesbahn (wie sie damals noch hieß), vertreten durch die Bahndirektion Essen, die Straßenbauverwaltung NRW und das Landesstraßenamt Hagen.

Die Planungen für die Hochstraße begannen im Jahre 1962, als das beginnende Wirtschaftswunder den Verkehr rasant anschwellen ließ, auf der Straße wie auf der Schiene. Von Anfang an standen zwei Varianten zur Diskussion, eine Unterführung und eine Überführung, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe zunächst ablehnte und durch seinen Vorschlag einer ganz neuen Trasse östlich der B 233 bereicherte. Sie sollte direkten Anschluß an die Werner Straße im Osten der Stadt bekommen. Doch konnte er sich damit nicht durchsetzen. Ende 1962 entschied das Landesstraßenbauamt, daß die zu bauende Hochstraße direkt in den Westring münden sollte, weil die Koppelstraße für einen vierspurigen Ausbau zu schmal sei.

Im Sommer 1963 war der Entwurf fertiggestellt, doch wurde dann noch einmal eine Kostengegenüberstellung Hochstraße – Tiefstraße in Auftrag gegeben. Diese ergab

DM 19.591.000,- für die Tiefstraße, DM 18.832.000,- für die Hochstraße. Das führte im Sommer 1965 endgültig zur Festlegung auf die Hochstraße.

Dann jedoch stellte man in Kamen fest, daß der vorliegende Entwurf das städtische Leben, die Erreichbarkeit von Ortsteilen erheblich erschweren würde, weil man für die neue Straße einen langen Damm würde aufschütten müssen. Im Sommer 1966 wurde deshalb eine neue Variante entwickelt, die „eine größere Durchlässigkeit der neuen Straße gewährleistet“. So kam es dann im November 1967 zur endgültigen Entscheidung für die Hochstraße in ihrer heutigen Form, ein großer Teil der 1,95 km langen Strecke als Brücke aufgeständert. „Die Mehrkosten von DM 10,5 Mill. […] erscheinen […] angemessen und vertretbar.“

Abb. 4: Brücke über die Bundesbahn; das Brückenfeld mußte in Hochlage eingebaut und dann abgesenkt  werden, damit der Bahnverkehr ungehindert weiterlaufen konnte

Nachdem dann alles bürokratisch Notwendige vom Planfeststellungsverfahren bis zum Finanzierungsplan erledigt war, erfolgte im Sommer 1973 der Planfeststellungsbeschluß. Ein Jahr später wurde die Vereinbarung über das Projekt Hochstraße zwischen allen Beteiligten unterzeichnet. Noch im selben Jahr fand der erste Spatenstich statt, und anders, als das bei Großprojekten heute oft der Fall ist, wurde die veranschlagte Bauzeit leicht unterschritten, der Kostenrahmen nicht überschritten und die Hochstraße nach 3½ Jahren Bauzeit am 16. Dezember 1977 offiziell dem Verkehr übergeben, der allerdings wegen letzter Aufräumarbeiten, darunter auch die Reste des Eröffnungsvolksfestes, erst ab Dienstag, 20. Dez. 1977 auf der neuen Straße rollen konnte.

Bei diesem Anlaß zeigten sich Bürgermeister Ketteler und Stadtdirektor Rethage besonders erfreut, daß der lange Kampf der Stadt Kamen, das Verkehrsnadelöhr zu beseitigen, endlich von Erfolg gekrönt war. Jetzt konnte Kamen seinen Slogan „KAMEN – die schnelle Stadt“ verwenden, ohne höhnische Kommentare der vor der geschlossenen Schranke Stehenden zu ernten. Die Kamener selbst hatten sowie eine einfache Erklärung für ihren Namen: „Du hast Glück, wenn sie auf ist.“

Aus einer zu diesem Anlaß von der Stadt Kamen und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe herausgegebenen kleinen Dokumentation geht hervor, wie stolz alle Beteiligten auf das Projekt waren. Immerhin sieben Grußworte sind ihr vorangestellt, und sie spiegeln den Geist der Zeit perfekt wider, denn nur eins davon erwähnt die Fußgänger – und auch der in nur einem Satz – für deren Sicherheit in absehbarer Zeit ein Tunnel gebaut werden sollte. Aber damals waren alle auf das Auto fixiert, jede Stadt wollte modern sein, d.h., autogerecht.

Abb. 5: Rampe Bahnhofstraße

In dieser Dokumentation werden neben der zügigen, termingerechten Erledigung der Arbeiten und der hervorragenden Zusammenarbeit aller Beteiligten besonders die Straßenbeleuchtung – von ihr versprach man sich Unfallfreiheit – und die sogenannte Immissionsschutzkappe hervorgehoben, von der man sich weitestgehenden Schutz der Anwohner vor Lärmbelästigung versprach. Seit ein paar Jahren ist diese Beleuchtung abgeschaltet, und seit 2017 gibt es eine Ampelanlage, die eine inzwischen aufgrund der veränderten Verkehrssituation erforderliche neue Verkehrsführung erlaubt.

Auch heute noch gibt es vereinzelt Stimmen, die die Hochstraße für eine Fehlleistung halten, weil sie die Stadt durchschneidet und in zwei Hälften teilt. Das stimmt natürlich auch, doch wenn man sich die Alternative vor Augen hält, wird deutlich, daß die gegenwärtige Lösung das bedeutend kleinere Übel ist. Wer wollte heute die B 233 mit ihren Tausenden von Motorrädern, Pkw, Bussen und Lkw in der Stadt haben? Lünener Straße und Westring kombiniert auf der Koppelstraße?

Es ist wohl richtig, daß sich nur Brückenbauingenieure vorbehaltlos für die Eleganz des Betonbauwerks begeistern können, doch für alle anderen gilt: freuen wir uns an ihrem 40. Geburtstag, daß es sie gibt. Sie bedeutet ein Stück Kamener Lebensqualität. Wenn auch erst auf den zweiten Blick.

Abb. 6: Zufahrt Bahnhof- und Koppelstraße

KH

Zitate und Abbildungen aus: Die neue Hochstrasse in Kamen, Hrsgg. von der Stadt Kamen in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Stadtarchiv Kamen