Archiv der Kategorie: Kamener Straßennamen

Mühlentorweg mit angrenzendem Bereich

von Klaus Holzer

Straßen ermöglichen Mobilität, müssen also Orientierung geben. Daher erhalten sie Namen. Innerorts führt die Kirchstraße zur Kirche, die Schulstraße zur Schule, die Schlachthofstraße zum Schlachthof usw. Straßen in die Nachbarorte heißen Westicker ~, Unnaer ~, Werner ~, Lünener ~ oder Hammer Straße usw. Und für die große Orientierung tun es auch Himmelsrichtungen: Ost~, Nord~ und Weststraße. Es fällt aber auf, daß Kamen keine Südstraße hat, keine Südenmauer, kein Südtor1 hatte. Hier war der Bezugspunkt immer die schon seit dem 13. Jh. belegte Mühle – Mühlen waren so wichtig, daß ihre Zerstörung die härteste Strafe nach sich zog, gleich nach der Kirchenschändung, wie Eike von Repgow im Sachsenspiegel (Anf. 13. Jh.) darlegt –, der Kamen wohl auch das Kammrad in seinem Stadtwappen verdankt: die Mühlenstraße (vom Markt bis zur Maibrücke) führte durchs Mühlentor1 zum Hellweg.

Das hätte doch gereicht, oder? Jedoch gibt es heute auch einen Mühlentorweg in Kamen. Wie verhält es sich damit? Auch hier muß man wieder ein wenig ausholen, den Mühlentorweg in den richtigen Zusammenhang bringen.

Mühlentorweg, das klingt alt, doch trägt er diesen Namen erst seit dem 14. Okt. 1975, vorher hieß er Mühlenweg, doch gibt es auch diesen erst seit den 1930er Jahren. Immerhin ist der Bezug auf das Mühlentor oder auch die Mühle völlig gerechtfertigt, beginnt dieser Weg doch direkt an der Mühle, die bis 1973 an dieser Stelle stand, und gleich daneben stand bis 1820/22 das Mühlentor, dort, wo heute Klosterstraße und Ostenmauer zusammentreffen. 

Abb. 1: Eine frühe Darstellung des Mühlentors

Wirft man einmal einen Blick auf alte Kamener Stadtpläne, z.B. den Urkatasterplan von 1827, wird schnell klar, warum dieses Sträßchen nicht sehr alt sein kann. Kamen war seit dem 13. Jh. eine sehr stark befestigte Stadt. Vor allem im Süden dürfte sie so gut wie uneinnehmbar gewesen sein. Wer sich ihr aus dieser Richtung näherte, hatte zunächst die Seseke vor sich, dahinter einen Wall mit Palisaden und einen Stadtgraben und die ganze Kombination gleich noch einmal, gefolgt von der 16 Fuß (ca. 5 m) hohen und 3 Fuß (gut 90 cm) breiten Stadtmauer, zwischen der Maibrücke und der heutigen Koppelstraße, dem ältesten Teil der Stadt, der schon auf das 11. Jh. zurückgeht. Hier hatte man die Seseke schon früh begradigt, hier stand das erste Stadttor, das Langebrüggentor. Hier hatte man möglicherweise auch mit dem Bau der Stadtmauer angefangen, und dann wahrscheinlich in westlicher und östlicher Richtung gleichzeitig gebaut2.

Abb. 2: Teilstück des Urkatasters von 1827

Da die Kamener Ackerbürger waren, jeder Bürger also sein eigenes kleines Stückchen Land vor der Stadtmauer zur Eigenbewirtschaftung hatte, jeder sehr sparsam war, wurden natürlich selbst  die Streifen Land auf den Wällen nicht verschenkt, auch sie wurden bewirtschaftet, lagen sie doch direkt im Schatten der Mauer und waren somit durchaus geschützt.

So legte man hier schon früh einen Weg an, der von den Gerbern benutzt wurde. Gerben war ein sehr langwieriger Prozeß. Die Gerber brauchten viel, am besten fließendes, Wasser, um ihre Felle zu reinigen, zu „schrubben“. Ihr Schrubbhagen lag damals allerdings an einem Stadtgraben, der an zwei Stellen weiter westlich über Verbindungskanäle von der Seseke mit Wasser versorgt wurde. Fleisch–, Fett– und Haarreste mußten mit dem Scherdegen auf dem Scherbaum abgeschabt werden. Das stank nach faulem Fleisch und saurer Lohe. Daher mußte immer wieder mit viel Wasser gespült werden. Ein alter Gerberspruch dazu lautete:

In des Leders Werdegang

ist die Hauptsach’ der Gestank.

Kalk, Alaun, Mehl und Arsen 

machen’s gar recht weiß und schön. 

Eigelb, Pinkel, Hundeschiete 

geben ihm besond’re Güte.

Drum bleibt stets ein Hochgenuß 

auf den Handschuh zart ein Kuß.

Abb. 3: Ein Gerber bei der Arbeit

Das den Gerbern gehörende Lohhaus lag auf dem ersten stadtseitigen Wall, direkt hinter der Stadtmauer. Dort stand auch ein Brauhaus auf der Ecke Mühlenstraße/ Klosterstraße (wo heute das Gebäude der Volksbank an der Bahnhofstraße steht). Hoffentlich hatte dieses einen eigenen Brunnen mit sauberem Wasser!

Von der Maibrücke aus in östlicher Richtung gab es zwar zwischen der Seseke und der Stadtmauer nur einen Wall und einen Graben, doch war eine feindliche Eroberung auch hier ziemlich aussichtslos. Bis zum 30-jährigen Krieg blieb Kamen vermutlich unbehelligt, aber vielleicht war es inzwischen auch so arm geworden, daß niemand es erobern wollte.

Erst das 17. Jh. mit seinen neuartigen Kanonen ließ Mauer und Graben obsolet werden. Folglich litt die Stadt in diesem Krieg sehr unter Einquartierungen, Kontributionen und Plünderungen durch brandenburgische, hessische, pfalz-neuburgische, spanische und französische Truppen. Die Lage war so schlimm, daß die Stadt Kamen am Ende des Krieges fast kein Eigentum mehr besaß, weil alles verpfändet worden war, sonst wäre sie, weil sie keine Kontributionen zu zahlen in der Lage war, mit Sicherheit vollständig zerstört worden. Was dann allerdings ein großes Feuer im Jahre 1646 dennoch besorgte.

Abb. 4: Palisade

Es ist offenkundig, daß auf Stadtgräben und Wällen kein Weg, keine Straße verlaufen kann. Aber als diese Befestigungen nunmehr nutzlos geworden waren, verfielen sie. Die Gräben verschlammten, die Wälle verflachten, die Stadtmauer diente als stadtnaher Steinbruch. Also brach man ihre Reste zwischen 1820 und 1822 ab, „zur Verschönerung der Stadt“, wie der erste Kamener Stadtchronist, Friedrich Buschmann, 1841 schreibt, trug die Wälle ab und schüttete die Gräben zu, planierte den ganzen Streifen. So gewann man ein ansehnliches Stück Land hinzu, das man neu nutzen konnte. Nach einigen Jahren Ruhezeit, in denen die Verfüllungen sich setzen konnten (wer genau hinschaut, sieht noch heute, daß das Gelände außerhalb der Ostenmauer deutlich abfällt), begann man 1827 damit, es mit kleinen Handwerkerhäusern zu bebauen. Als Fundamente dienten die Stadtmauer und der dahinterliegende ehemalige Wall, so ließen sich nur traufenständige Häuser bauen, die genau dem Verlauf der ehemaligen Stadtmauer folgen.

Jetzt stand also auch der Platz für den neuen Weg zur Verfügung, wenngleich noch keine Notwendigkeit dafür gegeben war, war doch das Mersch, Überlaufgebiet des Flusses, völlig unbebaut. Hier legten nur die Leineweber ihr kostbares Produkt auf die Bleiche. Und die Seseke war ja hier nicht ein begradigter Flußlauf, sondern immer noch ein mäandrierender Flachlandfluß, der weite Gebiete regelmäßig mehrmals im Jahr überschwemmte. Erst als in den 1920er Jahren die Regulierung  und die damit einhergehende Begradigung der Seseke die Bändigung des Flusses verhießen, wurde auf dem Stück zwischen Mühle/Mühlenkolk im Westen und der südöstlichen Ecke der ehemaligen Stadtmauer bei der heutigen Ängelholmer Brücke Bauland ausgewiesen. Dort war bis Ende der 1920er Jahre eine Holzbrücke, dann bis 1969 eine Eisenbrücke mit Betonelementen, danach wurde die heutige Brücke errichtet, seit 2013 heißt sie Ängelholmer Brücke.

Dieses Bauland gehörte in die vom 1925 nach Kamen gekommenen Stadtbaurat Gustav Reich vorgenommene Überplanung der alten Stadt Kamen. Die ersten hier entstandenen Häuser waren das damalige Bürgermeisterhaus Hindenburgdamm2 Nr. 10, sowie die Häuser Hindenburgdamm Nr. 9 und Hindenburgdamm Nr. 7. Erst danach wurde auch der Mühlenweg bebaut. Das Haus Mühlenweg 1 entstand 1936. Der Zahnarzt Dr. Elger, der bisher in den Räumen des Hauses Bahnhofstraße 49 neben dem Photoladen Ernst Braß’ praktiziert hatte, ließ sich von Gustav Reich überzeugen, daß hier der ideale Bauplatz für sein Haus war. Wenige Jahre zuvor war die Seseke-Regulierung abgeschlossen worden, Hochwasser war damit nach damaligem Kenntnisstand nicht mehr zu erwarten. Dann entwickelte sich die Bebauung in Richtung Osten. Erst Mitte der 1950er Jahre entstanden die letzten Häuser am östlichen Ende, noch später die Fortsetzung des Mühlentorwegs über die Ostenallee hinaus3.

Abb. 5: Die alte Seseke mit der neuen Synagoge im Hintergrund (zwischen den Pappeln), 1937

Direkt nach der Begradigung pflanzte man am Sesekedamm die Ahornbäume, deren sechs durch den Sturm Friederike am 18. Januar 2018 irreparabel beschädigt und am 21. März 2018 gefällt wurden. Am Mühlenweg sieht man die Handschrift von Gustav Reich: an vielen Stellen, so auch hier, wurden schnellwachsende Pappeln gepflanzt (vgl. Abb. 5), die nach dem Krieg durch Buchen ersetzt wurden, und man muß sagen, die Bäume sind prächtig anzusehen, doch wissen die Anwohner auch ein anderes Lied zu singen. Zum einen werfen sie eine Menge Laub ab, was aber gravierender ist, ist der Licht– und Sonnenmangel ausgerechnet in den Sommermonaten, da die Baumreihe die ganze Südseite abdeckt. Doch läßt sich das vielleicht jetzt besser ertragen, da der Fluß revitalisiert ist. Er enthält nur noch Reinwasser statt stark durch Fäkalien verunreinigtes Schmutzwasser, das während sommerlicher Trockenperioden nicht mehr bestialisch stinkt. Seitdem hat die Wohnqualität deutlich zugenommen: ruhig, grün, stadtnah.

Abb. 6: Heutiger Baumbestand

KH

Bildquellen: Abb. 1 & 5: Stadtarchiv Kamen; Abb. 2: Archiv Klaus Holzer; Abb. 3: Balthasar-Behem-Kodex,  Krakau 1505; Abb. 4: Museumsdorf Düppel; Berlin-Zehlendorf; Abb. 6: Photo Klaus Holzer

Fußnoten:

1  Allerdings wird als Lagebeschreibung beim Verkauf einer Rente aus Ländereien am 2. Sept. 1395 ein Stück „landes … gelegen syn suden vor der porten voer Camene“ angegeben, also gewissermaßen vor dem „Südtor“. Das Mühlentor wird hingegen schon zum ersten Mal am 4. Dez. 1368 erwähnt. Die beiden dürften also identisch sein.

Alle Burgmannshöfe waren von Abgaben befreit, mußten dafür aber bestimmte Dienste erbringen. Das Mühlentor wurde vom Hanenhof, nach der Eigentümerfamilie von Hane genannt, geschützt, an den heute noch der Hanenpatt erinnert. Sein Burglehen in Kamen war „vor der mollenporten gelegen“, wie es 1499 in einer Urkunde heißt.

2 Heute Sesekedamm

3  Bis Ende der 1920er Jahre Holzbrücke, dann bis 1969 Eisenbrücke mit Betonelementen, danach die heutige Brücke, seit 2013 Ängelholmer Brücke.

Die heutige Ostenallee war damals ein unbefestigter Weg, hatte auf einer Seite einen ehemaligen Stadtgraben, auf der anderen wild wachsende Weißdornbüsche, mehrere Meter hoch. Wenn sie im Winter vom Schnee beladen heruntergedrückt wurden, erschien dieser Weg als Hohlweg. Er hatte keinen Namen, wurde aber inoffiziell von vielen Schwarzer Weg genannt.

Laut Ratsbeschluß vom 22.3.1956 wurde ein Verbindungsweg gebaut zwischen Ostenmauer, der Fußgängerbrücke über die Seseke (heute: Beeskower Brücke) und dem Sesekedamm zur Mozartstraße.

Julius-Voos-Gasse

von Klaus Holzer

Abb. 1. Die Schulstraße, 1920er Jahre (?), gesehen vom Turm der Pauluskirche; vorn rechts das Haus der ehemaligen Metzgerei Voos

Diese Gasse war Teil der Kördelgasse und ist erst seit 1997 nach jemandem benannt, der wahrscheinlich andernorts mehr bedeutet als hier, in seiner Heimatstadt. Und womöglich wüßten wir gar nichts mehr von ihm, wenn es nicht einen Stolperstein am Haus Schulstraße 2 gäbe, der an ihn und seine Familie erinnert. 

Abb. 2.  Zur Erinnerung an Dr. Julius Voos

Julius Voos war der Sohn von Jakob Voos, der im Jahre 1897 als Metzger nach Kamen kam, hier heiratete und die kleine Metzgerei seines Schwiegervaters in der Schulstraße 2 übernahm. Julius wurde am 3. April 1904 geboren und besuchte die Kamener Wilhelmschule, die gleich nebenan am Kirchplatz lag, heute ein Mehrfamilienhaus. 1918 trat er  in die Präparandenanstalt1 der Marks-Haindorf-Stiftung in Münster ein. Hier begann er seine Ausbildung zum jüdischen Religionslehrer, die ihn nach Meisenheim (Pfalz) führte, wo er auch als Kantor arbeitete. Erst danach machte er sein Abitur in Idar-Oberstein. Anschließend studierte er in Berlin Philosophie, Geschichte und Religionsgeschichte. Anschließend promovierte er in Bonn über ein Thema aus der jüdischen mittelalterlichen Religionsgeschichte. Ab 1938 wirkte er als Rabbiner in Guben (Brandenburg), und heiratete 1936 in Breslau Stephanie Fuchs. Nach den Novemberpogromen von 1938 versuchte er, auszuwandern, das Vorhaben scheiterte jedoch. Anfang 1939 nahm er die Stelle als Rabbiner in Münster an, wo es im Rathausinnenhof ebenfalls einen Stolperstein für ihn gibt. Er sollte der letzte Rabbiner in Münster sein. Anfang des Jahres 1939 war Voos noch ein letztes Mal in seinem Elternhaus in Kamen.

Abb. 3.: Die Schulstraße in den 1930er Jahren; am linken Rand das Schild der Metzgerei Voos

Zwei Jahre später mußte Voos Zwangsarbeit in einer Bielefelder Fahrradfabrik leisten. Am 2. März 1943 wurde er mit seiner Familie – am 28. April 1941 war sein Sohn Denny geboren 

worden – nach Auschwitz geschickt, wo seine Frau und sein Sohn sofort ermordet wurden. Dr. Julius Voos wurde zur Schwerstarbeit eingeteilt, die ihn gesundheitlich ruinierte. Daran starb er im Krankenbau von Auschwitz am 2. Januar 1944. Klaus Goehrke schreibt in seinem Büchlein „Stolpersteine“: „Ihm wird nachgesagt, er sei der einzige Rabbiner in Auschwitz gewesen, der wie alle schwer gearbeitet, gehungert und gedurstet und dabei die Kameraden noch aufgerichtet habe.“ Ein Schicksal, an das erinnert werden muß.

Seit 2014 gibt es den Dr.-Julius-Voos-Preis  von der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, der seitdem jährlich im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ vergeben wird.

K H

Die Informationen entstammen dem erwähnten Büchlein „Stolpersteine“ von Klaus Goehrke sowie Wikipedia.

1 Eingangsstufe für die Volksschullehrer-Ausbildung

 

Abb.: 1 & 3: Archiv Klaus Holzer; 2: Photo Klaus Holzer

Die Maibrücke

von Klaus Holzer

Abb. 1: So kennen wir die Maibrücke seit 2001

Ein Fluß bedeutet für eine Stadt immer zweierlei: er verbindet und trennt gleichzeitig. Er verbindet, weil es sich anbietet, an beiden Ufern zu siedeln, er trennt, weil man nicht einfach auf die andere Seite gehen kann. Dazu braucht es eine Furt, ein „Bohlenwerk“, dann eine Brücke. Das kann man besonders schön an dieser Darstellung der Seseke als Gemarkungsgrenze erkennen. Nur Kamen liegt nördlich und südlich des Flusses, weil hier eine Furt die Querung erlaubte, weswegen Nord-Südreisende zwischen Lippe und Hellweg immer hier durchkamen, und die ersten Siedler dies als Chance begriffen.

Abb. 2: Die Seseke als Gemarkungsgrenze

Der Fluß war also für die Gründung Kamens von grundlegender Bedeutung: man konnte sich nur niederlassen, wo es die 4 W gab: Wasser, Wald, Weide, Wege. Wasser als allgemein lebenswichtigen Stoff, aber auch Fische, Krebse und Muscheln im Fluß; Boden zur Anpflanzung von Getreide; Weide für das Vieh, auch als Winterfutter; Wald als Lieferant für Bau- und Feuerholz, das darin lebende Wild für die Ernährung, aber auch Beeren, Pilze usw. Außerdem war ein Fluß wichtiger Transportweg, der auch noch passierbar war, wenn „normale“ Wege und Straße schon im Schlamm versanken und unpassierbar waren.

Abb. 3: Das Mühlentor 1777

Es wird im Laufe von Kamens früher Geschichte eine nicht geringe Anzahl mehr oder minder kleiner Brücken gegeben haben, meist waren das vermutlich einfache Stege. Eine stärkeres Bauwerk wird es wohl schon früh am Mühlentor1 gegeben haben, dem wichtigsten Stadttor. Mit dem Heranwachsen Kamens im 13. Jh. zur befestigten mittelalterlichen Stadt wuchsen Gewerbe und Handel. Die Fuhrwerke wurden größer, damit schwerer, die Stege reichten nicht mehr aus. Es brauchte eine „richtige“ Brücke, natürlich dort, wo der Verkehr am stärksten war, am Mühlentor, der Verbindung zum Hellweg. Dennoch dauerte es bis 1695, daß die Maibrücke zum ersten Mal erwähnt wird, als „Homeybrücke“2. Wie wurde daraus unsere „Maibrücke“?

Vor allen ursprünglich sechs Stadttoren hat es befestigte Torhäuser gegeben, am Mühlentor zusätzlich eine Zugbrücke über den Fluß, am Mühlen~ und Nordentor obendrein noch Homeyen (und jeweils auch ein kleines Gefängnis). Dazu Hugo Craemer: „[Homeyen] sind feste Balkentore […] am Beginn der Brücken. […] Nachdem im 18. Jahrhundert die Befestigung durch Wall und Gräben aufgehoben wurde und der Zweck der Homeyen als Sperrmittel fortfiel, kam auch bald der Name in Vergessenheit, und der Volksmund prägte den kurzen Ausdruck Maibrücke.“3

„Homey“ kommt von hamm4, das bedeutet so viel wie Zaun, Hegung, geschütztes Gelände. Dazu gibt es eine mittelniederdeutsche Weiterbildung hameide, mittelhochdeutsch hamît, was so viel bedeutet wie Zaun, Gatter, Verhau, Schlagbaum, Sperre, das kann auch ein Pfahl- oder Pfostenwerk sein. Hierbei handelt es sich um ein ursprünglich fränkisches Wort, das ins Altfranzösische übernommen wurde, von dort zurückentlehnt wurde und so die Betonung auf die zweite Silbe legte: haméide. Die erste Silbe wurde damit tonlos, konnte also später entfallen: meide, meie.5 Die Voraussetzung für dieses verkürzte Wort hatte natürlich der Umweg über das Altfranzösische geliefert. Die Zeit ging über eine Sache hinweg, ein verstümmeltes Wort blieb zurück und gab unserer Brücke ihren heutigen Namen.6

 Wir müssen uns eine solche Toranlage wohl so vorstellen, daß, um eine möglichst starke Sicherung zu erhalten, Tore durch ein Vortor geschützt wurden, damit eventuelle Angreifer schon früh abgefangen werden konnten. Einen weiteren Zweck dürfte ein Homey ebenfalls gut erfüllt haben. An Markttagen (seit der Mitte des 13. Jh. drei Wochenmärkte, zwei Jahrmärkte!) herrschte an diesem Stadttor reger Verkehr. Am Homey mußten Händler die Akzise7 entrichten, was gewissermaßen eine Standgebühr für den Markt war. Und die Argumentation der Stadt lautete einfach: Händler wollen bei uns Waren verkaufen, also Geld aus der Stadt mitnehmen. Je nach Wert ihrer Waren sollen sie zum Wohle der Stadt beitragen. Man hatte schließlich das Marktrecht. Kaufleute und Bauern wollten zum Markt und ihre Waren verkaufen. Es gab gute Geschäfte, weil die Kamener sie schon sehnsüchtig erwarteten. Schließlich gab es nicht nur Waren, die man brauchte, sondern, besonders auf den Jahrmärkten, Unterhaltung durch Gaukler und Musiker, vor allem aber auch Neues aus aller Welt, was damals so viel bedeutete wie aus der weiteren Umgebung. Hansekaufleute konnten tatsächlich aus der „weiten Welt“ berichten. Der gewöhnliche Bürger kam nicht weit aus Dorf oder Stadt hinaus.

Abb. 4: Marktgeschehen; hier eine französische Darstellung von ca. 1400

Aber natürlich wurde eine so stabile Brücke auch für ganz andere Zwecke benutzt. Hugo Craemer schreibt 1929: „[…] bildeten auch die Schweine einen wertvollen Bestandteil bürgerlichen Besitzes. Sie wurden ebenfalls im Sommer zur Weide, im Herbst zur Mast getrieben, und zwar von dem Schweinehirten. Davon erzählen die Flurnamen Schweinsstraße vor dem Mühlentore, das Schweinemersch ebenda, An der Saustraße und im Saukamp […]. Während diese Orte der Sommerfütterung dienten, fand in der Meynheit8 die Mästung statt. […]. Zur Eichelmast ins Große Holz durften nur die Schweine der Vögte und Ritter eingetrieben werden. So hatte der Hering-, später Edelkirchenhof, die Mastgerechtigkeit mit 20 Schweinen im Hohen Holz, mit 3 Schweinen in der Lerker (Anm.: Lercher) Mark. Die Zahl der einzutreibenden Schweine war genau festgelegt. Der Eintrieb für die Schweine der Bürger fand nur im Herbst über die Maybrücke statt. Im Schweinemersch unter der alten Linde trug der Sekretarius die Besitzer der Borstenträger in das Mastbuch ein. Hier erhielten die Schweine auch das Brandmal. Mit großem Jubel wurden im Spätherbst die gemästeten Tiere hier wieder in Empfang genommen.“9 Und es läßt sich gut vorstellen, daß gefeiert wurde, und vermutlich haben nicht alle frisch gemästeten Borstentiere die Heimkehr lange überlebt.

Abb. 5: Schweine bei der Eichelmast

Bis 1923 war die Maibrücke Kamens einzige Straßenbrücke, entsprechend hoch war der Verschleiß der Substanz, zumal seit 1909 auch noch die Straßenbahn, die Kleinbahn UKW, über sie führte. Daher verwundert es nicht, daß sie 1923 so marode war, daß sie für allen Verkehr gesperrt werden mußte. 

Abb. 6: Die marode Maibrücke, ca. 1910

Jetzt rächte es sich, daß man so wenig weitsichtig gewesen war, es fehlte eine zweite Brücke. August Siegler schreibt 1926/27: „Bei dem Neubau der Maibrücke zeigte es sich, wie notwendig es war, daß neue Wege über die Seseke geschaffen wurden. Im Jahre 1921 brach man zuerst die halbe alte Brücke ab, um den Neubau ohne Unterbrechung des Verkehrs, der gerade damals sehr stark war, durchzuführen. Jedoch konnte der stehengebliebene Rest der Brücke bei der äußerst starken Inanspruchnahme nicht standhalten, zumal die Stützmauer an der Westseite abgebrochen war, wodurch der restliche Brückenteil seinen festen Halt verloren hatte. Eines Tages versagte die Brücke ihren Dienst. Sie konnte ohne große Gefahr nicht mehr befahren werden. Zum Glück hatten die Bauleiter die Gefahr frühzeitig genug erkannt und sperrten die Brücke für Fuhrwerke. Es dauerte einige Tage, bis durch lange T-Eisen wieder eine feste Grundlage für einen Brückenweg geschaffen war.“

Abb. 7: Die Bahnhofstraße mit Straßenbahn (Kleinbahn UKW) von der Maibrücke aus

Und weiter: „Bis zur Fertigstellung dieser Notbrücke war die Stadt mit Fuhrwerken nur auf Umwegen zu erreichen und zu verlassen. Die schwache Holzbrücke im Osten der Stadt (Anm.: die heutige Ängelholmer9a Brücke) war dem Ansturm nicht gewachsen und mußte bald für Fuhrwerke polizeilich gesperrt werden, um weiteres Unheil zu verhüten. Aller Fuhrverkehr mußte nun über Westick oder Derne–Heeren geleitet werden, weil Kamen nur den einen Verkehrsweg hatte, der nun nicht benutzt werden konnte. Da seit Beginn des Brückenbaues fast ein Jahr vergangen war, wurde Herr Bergrat Funcke, der seit einiger Zeit in Wittbräucke wohnte, gebeten, als Vorsitzender des Vorstandes der Seseke–Genossenschaft dahin zu wirken, daß Kamen bald aus dieser Verkehrsnot erlöst und die Fertigstellung der Brücke beschleunigt würde. Diese Bitte hatte den Erfolg, daß die Brücke nun in einigen Wochen fertiggestellt wurde. Das war im Juni 1921. Die überstandenen Schwierigkeiten haben aber doch ihren Nutzen geschaffen. Man hatte allgemein die Ansicht gewonnen, daß der bisherige Zustand nicht bestehen bleiben durfte, daß weitere Wege über die Seseke angelegt und zur Verwirklichung solcher Anlagen Opfer gebracht werden mußten.“10

Abb. 8: Die frühere Binde–, dann Vinckebrücke 

Abb. 9: Die Vinckebrücke wird 2018 abgebrochen 

Und da man nun schon einmal dabei war, die gesamte Situation neu zu regeln, wurde auch gleich noch ein reine Fußgängerbrücke gebaut, die Bindebrücke.11 Und da man sich sicher war, daß durch die Regulierung der Seseke die Hochwassergefahr im wesentlichen gebannt war, konnte man auch die Straßenbrücke Rathenaustraße, heute Koppelstraße, und Hindenburgdamm (heute Sesekedamm) – Ostenallee (damals ohne Namen) neu bauen.

Abb. 10: Die Maibrücke mit Verkehr, 1985

Die Maibrücke blieb noch bis 2001 eine Brücke, über die unterschiedslos aller Verkehr geleitet wurde, Fußgänger, Fahrradfahrer, PKW, Linienbusse und mancher LKW. So kam es, daß sie im Jahr 2002 wieder saniert werden mußte, wieder nicht nur als Einzelmaßnahme, sondern im Rahmen eines Gesamtkonzeptes. Um den dichten Verkehr zu entzerren, sperrte man die Maibrücke für allen motorisierten Verkehr und baute die Partnerschaftsbrücke 2001 ganz neu, nur wenige Meter flußaufwärts. Durch den Bau von zwei Kreisverkehren – Bahnhofstraße/Sesekedamm und Poststraße/Sesekedamm/ Partnerschaftsbrücke – zusammen mit dem Verkehrsschluß Innerer Ring wurde eine ganz neue Verkehrsführung geschaffen, die Maibrücke entlastet. Im Jahre 2018 wird sie de facto Bestandteil des neuen Sesekeparks.

Abb. 11: Brückenpfeiler mit Bleier, früher einmal Hochwassermarke

Auf beiden Seiten der Maibrücke sind ihr Name und der Kömsche Bleier in die Pfosten eingemeißelt. Aus dem Fischmaul tritt eine waagerechte Linie aus, die von vielen für eine Marke gehalten wird, die den Höchstwasserstand der Seseke angibt. Das trifft jedoch nicht mehr zu, sie ist viel zu niedrig. Die alte Hochwassermarke, die früher am alten Rathaus angebracht war, traf es da viel besser.12

Und auch wenn der Kömsche Bleier heute nicht mehr in der Seseke schwimmt13, er ist noch lebendig, lebt in den Plastiken von Lothar Kampmann zwischen Mai– und Partnerschaftsbrücke und Winfried Totzek am Beginn des Fahrradweges an der Ängelholmer Brücke.

Abb. 12: Der Kömsche Bleier von Lothar Kampmann

Abb. 13: Der Kömsche Bleier von Winfried Totzek

KH

Abbildungen:

Abb. 1, 8, 9, 11, 12, 13: Photo Klaus Holzer; Abb. 2: aus Theo Simon, Kleine Kamener Stadtgeschichte, Kamen 1982; Abb. 3, 6, 7: Stadtarchiv Kamen; Abb. 4 : aus Jörg Schwarz, Stadtluft macht frei. Darmstadt 2008; Abb. 5: Wikipedia; Abb. 10: Archiv Klaus Holzer

 

1 Durch dieses Stadttor, über diese Brücke, lief die Verbindung zur wichtigsten Handelsstraße des MA, die schon zur Römerzeit existierte, dem Hellweg, der Verbindungsstraße zwischen Brugge an der Nordsee und Nowgorod in Rußland. Daher verlor das älteste Stadttor, das Langebrüggentor, auch Wünnenporte genannt, erstmals im Jahre 1342 erwähnt, an Bedeutung und wurde 1660 abgerissen.

Klares Zeichen für die Bedeutung des Hellwegs ist auch der Unnaer Goldschatz: 1952 wurden in Unna fast 250 Goldstücke gefunden, die um 1375 vergraben worden waren. Darunter finden sich Gulden aus Prag, Wien, Salzburg, Budapest und Lübeck, dazu „goldene Schilde“ aus Paris und Antwerpen sowie ein seltener englischer Noble: allesamt Ausdruck der weitreichenden Handelsbeziehungen schon im 14. Jh., die es ohne den Hellweg nicht gegeben hätte.

Das große Haus mit dem Wandgemälde einer Mühle (Bahnhofstraße 51) war früher tatsächlich eine solche, zuletzt die Mühle Ruckebier. Sie wurde 1973 abgerissen. Die ursprüngliche Mühle gab es wahrscheinlich schon vor der Stadtgründung (Wassermühlen waren in Europa vermutlich schon seit dem 10. Jh. bekannt), sicher schon im 13. Jh.

Vor der Mühle war der Mühlenkolk (Kolk = Strudel im Wasser, Höhlung am Flußufer; auch afries. Grube, Loch, Wasserloch; verw. mit „Kehle“, architekt. „Hohlkehle“), in dem Frauen noch bis in das 20. Jh. hinein ihre Wäsche ausspülten: das viele Soda, das zum Waschen von Wäsche benötigt wurde und die Haut der Hände stark angriff, mußte gründlich ausgespült werden. (vgl.a.Artikel Mühlentorweg)

2 Es gab bei uns früher auch den Familiennamen Homeyer. Es darf angenommen werden, daß ein Vorfahr früher einmal in einem solchen Homey Dienst geschoben hat.

3 Zechen-Zeitung der Schachtanlagen Grillo und Grimberg, Gelsenkirchener Bergwerks AG., 5. Jg.,  1929, Nr. 6

4 Hier steckt auch unser „Hemsack“ drin. Ein hamm ist ein von zwei Flußläufen bzw. ~armen umgebenes, d.h., geschütztes Gelände, bei uns sind das Seseke und Körne; vgl. a. Hamm, Hamburg, Bopparder Hamm u.a.

5 Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erw. Auflage, Münster 2014; 

Pauls Derks, Universität Essen, 2013

6  vgl.a.Artikel Mühlentorweg

7 Eine Steuer, die auf die Einfuhr von Waren erhoben wurde. Die Stadtmauer und ihre Tore hatten im Dreißigjährigen Krieg ihren Sinn verloren, verfielen und wurden früher oder später abgerissen. Als Kamen 1701 preußisch wurde und 1717 die Akzise wieder eingeführt wurde, erhielten beide vorübergehend wieder ihre Bedeutung, vor allem die Homeyen, weil bei Betrieb hier die Akzise bezahlt werden mußte. Ende des Jahrhunderts wurde sie wieder abgeschafft. Man hatte ihre den Handel behindernde Wirkung erkannt.

Wie wichtig diese Steuer aber für den städtischen Haushalt war, zeigt die Aufstellung, die Pröbsting für 1605 gibt: von 940 Thalern stammen 432 aus der Accise!

8 was der Allgemeinheit gehörte: die Allmende

9 Zechen-Zeitung der Schachtanlagen Grillo und Grimberg, Gelsenkirchener Bergwerks AG., 5. Jg.,  1929, Nr. 8)

9a Bis Ende der 1920er Jahre Holzbrücke, dann bis 1969 Eisenbrücke mit Betonelementen, danach die heutige Brücke, seit 2013 Ängelholmer Brücke.

Die heutige Ostenallee war damals ein unbefestigter Weg, hatte auf einer Seite einen ehemaligen Stadtgraben, auf der anderen wild wachsende Weißdornbüsche, mehrere Meter hoch. Wenn sie im Winter vom Schnee beladen heruntergedrückt wurden, erschien dieser Weg als Hohlweg. Er hatte keinen Namen, wurde aber inoffiziell von vielen Schwarzer Weg genannt.

10 Siegler, August, Die Entwicklung der Stadt Kamen. Rückblick, Vergleich, Ausblick. Rückblick auf 50 Jahre: 1873 – 1926. Abgedruckt in: Zechenzeitung1926/27 (in 7 Folgen). Hier: 2. Teil

11 vgl.a. Artikel „100 Jahre Sesekeregulierung“

12 vgl.a.Artikel „100 Jahre Sesekeregulierung“

13 Meine Anfrage an den Lippeverband, ihn aus Beständen in Unnas Partnerstadt Döbeln wieder in der Seseke anzusiedeln, wurde abschlägig beschieden.

Schleppweg

von Klaus Holzer                                                             

Straßennamen verändern sich immer wieder im Laufe der Zeit. Der Schleppweg z. B. hat eine ganz eigene Geschichte.

Der eigentliche Schleppweg ist die jetzige Südkamener Straße zwischen der Unnaer Straße und der Dortmunder Allee. In den 1920er Jahren wurde „ unter dem Schleppwege“ eine Zechensiedlung gebaut. Aus den parallel untereinander laufenden Straßen wurde dann der Obere und der Untere Schleppweg. Nach der Anlage des neuen Friedhofs in Südkamen wurde aus dem Oberen Schleppweg die Südkamener Straße. Das „Untere“ wurde gestrichen, es gab ja nur noch einen Schleppweg.    

Der Name kommt ursprünglich von Schliepweg. Die Schliepe (von schleifen, ziehen) ist ein einfaches Holzgestell, das aus zwei gleich langen Stangen besteht, die durch Querstangen verbunden sind. Darauf nagelt man ein paar Bretter, dann läßt sich diese Konstruktion einfach ziehen. Mist aus dem Stall oder andere Dinge, mit denen man für kurze Wege die Radkarre nicht benutzen oder, besser gesagt, beschmutzen wollte, kamen auf die Schliepe. 

Was hat das nun mit dem Schleppweg zu tun? Ein Stück oberhalb des Schleppweges, am jetzigen Südweg, stand ein gegen Dortmund gerichteter Galgen, eine deutliche Warnung an Fremde, Gauner und Mörder. 

Kam es wirklich einmal zu einem Todesurteil, ließ man sich das Schauspiel der Hinrichtung möglichst nicht entgehen. Das war sozusagen Gratisunterhaltung, man empfand wohlige Schauer, war man selber doch sicher. Die Bürger zogen mit Kind und Kegel und Proviant zum Richtplatz und machten sich „einen schönen Tag”. Die durch den Strick Erwürgten blieben zur Abschreckung dort hängen, und weil die Raben  sich an den menschlichen Kadavern gütlich taten, wurde der Richtplatz auch oft Rabenstein genannt. Die Bauern, die ihre Felder dort hatten, fanden solche Veranstaltungen weniger gut, zertrampelten die Zuschauer doch ihre Äcker.

Was von dem armen Menschen, der dort hing, nach einigen Wochen übrig war, mußte nun unter die Erde. Und hierbei kam die Schliepe zum Einsatz. Nur die Ärmsten der Armen waren zu diesem Dienst als Nachrichter, d.h., Helfer der Henker, bereit. Einen eigenen Wagen oder eine Karre hatten sie nicht, auch hätte ihnen niemand eine geliehen. Statt der Querbretter spannte man ein altes Tuch zwischen die Stangen, in das später die Leiche eingewickelt wurde.

Doch wohin damit? Auf den Kirchhof konnte sie nicht, ein gehenkter Verbrecher bekam kein christliches Begräbnis, er „kam ja auch nicht in den Himmel“. Es ist nicht immer ganz klar, wo eine solche Leiche verscharrt wurde. In Kamen gibt es leider keine Quelle, die uns Heutigen hierüber Auskunft geben könnte. Doch gab es offenbar unterschiedliche Verfahrensweisen. Am weitesten verbreitetet war das Verscharren auf dem Schindanger, dem „Anger1, an dem das gefallene Vieh geschunden wurde“ (Grimmsches Wörterbuch).

Mancherorts wurden sie wohl auch auf dem Armenfriedhof verscharrt. Dieser lag meistens vor der Mauer und war für Fremde bestimmt, die kein Geld für die Stolgebühren2 hatten, für Ungetaufte und ausgestoßene Menschen.  

Jede Schicht3 hatte, um Seuchen zu vermeiden, einen von der Stadt zugewiesenen Ort, wo Tierkadaver oder Schlachtreste entsorgt werden mußten. In Kamen lag einer dieser sogenannten Filleplätze, der für die Mühlenschicht, auf dem Gebiet mit der Flurbezeichnung Steinacker, ein Stück unterhalb des Schliepweges. Vielleicht wurden die armen Sünder in Kamen  auch dort verscharrt, wer weiß? 

Gleich nebenan liegen der „Steinacker” und der „Malter”. Der erste Name erklärt sich selbst: steiniger, d.h., schwer zu bearbeitender, wenig ertragreicher Acker. Und der zweite Name bestätigt, daß es sich hier um ehemals landwirtschaftliches Gelände handelt. Das Wort leitet sich aus einem Hohlmaß für Getreide her, das je nach Region zwischen 100 und 700 Litern betragen konnte. Die ursprüngliche Bedeutung war „die auf einmal gemahlene Getreidemenge”.

KH, unter Verwendung eines Artikels von Edith Sujatta

1 Schon in germanischer Zeit ein Stück Grasland vor oder nahe einer Siedlung, das allen gemeinsam gehörte. Dort gab es gemeinschaftliche Feste, Backen oder Schlachten. Der Schindanger hieß in Kamen Filleplatz und diente dem Abdecker zur Beseitigung von Tierkadavern, was aus hygienischen, d.h., gesundheitlichen Gründen enorm wichtig war.

2 Vor der Einführung der Kirchensteuer 1919 die Gebühren, die der Priester für alle Tätigkeiten nahm, zu denen er die Stola umlegen mußte, das waren die sog. Kasualien wie Taufe, kirchliche Trauung und kirchliche Begräbnisfeier. Ausgenommen von der Stolgebühr waren immer: Kommunion bzw. Abendmahl, Beichte, Kranken- und letzte Ölung. Mancherorts gibt es noch heute Stolgebühren.

3 Kamen war früher in Schichten eingeteilt, Nachbarschaften, die jeweils einem Stadttor zugeordnet waren, für das sie verantwortlich waren. Es gab eine Fülle von öffentlichen und sozialen Pflichten innerhalb solcher Nachbarschaften.

Körnerstraße

von Klaus Holzer

Abb. 0: Straßenschild

Die Kamener Körnerstraße war bis vor zwei Jahren an Frühlingsblütenpracht nicht zu überbieten. Dann blühte es die ganze Straße entlang, daß man glauben konnte, man sei in Japan: ein japanischer Kirschbaum hinter dem anderen erblühte in Rosa! Leider waren die Bäume zu alt geworden, mußten gefällt werden. Für die Neupflanzung hat man sich bei der Stadt entschieden, die Felsenbirne zu pflanzen, ein heimisches Gewächs, das Insekten anlocke und im Herbst Beerenschmuck habe, also Futter für Vögel; kurz: die Ersatzpflanzung sei „ökologischer“, so die Auskunft des Bauhofes.

Sicher eine nachvollziehbare Entscheidung, angesichts des Insektensterbens in unserem Land, doch ist es ebenso sicher schade um den ganz besonderen ehemaligen Charakter der Körnerstraße, einmalig in Kamen. Photo Nr. 1 gibt vielleicht eine Ahnung davon, wie es einmal dort aussah.

Abb. 1: Die letzten japanischen Kirschbäume in der Körnerstraße

Einer der vielen Namen, die einmal Gemeingut waren, uns Heutigen aber kaum noch etwas bedeuten, ist der des Carl Theodor Körner. Weder seine Lieder, vor allem die zu den Befreiungskriegen gegen Napoleon geschriebenen, noch seine für das Wiener Burgtheater (hier erhielt er sogar den Titel eines k.k. Hoftheaterdichters) geschriebenen Dramen sind uns noch geläufig, und daß er sogar einmal den Entwurf eines Librettos für Beethoven schrieb – wer weiß das schon noch?

Abb. 2: Dora Stock, Theodor Körner, 1791 – 1813

Oder daß er mit praktisch allen Größen seiner Zeit bekannt war: Ludwig van Beethoven, Wilhelm von Humboldt, Friedrich Schlegel, Gottlieb Fichte, Friedrich Schleiermacher u.a.? Und auch mit den Reformern Freiherr vom Stein und Gneisenau, Feldmarschall Blücher? Und das in seinem sehr kurzen Leben: Körner wurde am 23. September 1791 in Dresden geboren und fiel im Kampf gegen französische Truppen am 26. August 1813 bei Lützow.

Abb. 3: Der Gedenkstein, der bis 2017 im Stadtpark in der Nähe der Körnereiche lag, heute im Stadtmuseum

Wenn man dem Kamener Chronisten Friedrich Pröbsting glauben darf, waren unsere Vorfahren immer sehr patriotisch1. Und der Freiheitskämpfer Körner war wohl die romantische Inkarnation alles dessen, was sich der biedere Bürger erträumte. So war Körner zu seiner Zeit ungemein bekannt und beliebt. Zu seinem 100. Geburtstag pflanzte der Turnverein VfL 1854 zu Camen eine „Körnereiche“. Selbst 80 Jahre nach Körners Tod war also die Begeisterung über den jugendlichen Helden noch so groß, daß sie in einer Kleinstadt wie Kamen über Jahre trug, während derer Geld gesammelt wurde, damit man das Jubiläum würdig begehen und gleichzeitig die Stadt verschönern konnte. Ein heute schwer vorstellbarer Stolz auf die eigene Stadt. Vor diese Eiche legte man den „Körnerstein“, mit für diese Zeit typischen Symbolen. Unten befindet sich das „Frisch Fromm Fröhlich Frei“-Symbol der Turnerschaft; links und rechts mit Eichenzweigen verziert. Oben, in der Mitte, befindet sich ein verschlungenes „DT“ für Deutsche Turnerschaft. Turnen war, neben Chorsingen2, eine der Leidenschaften im Kaiserreich. Turnvater Jahn wurde noch verehrt, während er heute eher wegen seiner nationalistischen Haltung und Aussagen kaum noch eine Rolle im öffentlichen Leben spielt.

Abb. 4: Richard Knötel, Theodor Körner (auf einer alten Postkarte der Fa. Stengel & Co., Dresden)

Körners sechsstrophiges Gedicht „Was glänzt dort vom Walde“ wurde von ihm nur ein Vierteljahr vor seinem Tode geschrieben, und schon im folgenden Jahr von Carl Maria von Weber vertont. Da erst wurde es richtig bekannt, als Soldatenlied unter dem Titel des Refrains, „Das ist Lützows wilde, verwegene Jagd“. Im Kern geht es um den freiheitsliebenden Helden, der dabei stirbt, wie er sein Vaterland rettet und daher nichts zu bereuen hat.

Das Viertel, in dem die Körnerstraße in Kamen liegt, entstand in den 1920er Jahren, ihre Benennung 1924, und diese Straße wurde von den Kamenern eigentlich nur der D-Zug genannt. „Ich wohne im D-Zug“, war die Antwort auf die entsprechende Frage, weil hier so viele Häuser in langen Reihen standen. Übrigens hieß früher eine benachbarte Straße einmal Schillstraße. Sie wurde von den Nationalsozialisten in Schillerstraße umbenannt. Noch 1949 führte sie von der Straße Am Kämertor an der „Kaisereiche“ vorbei bis nach Bergkamen. Mit der Kommunalen Neuordnung 1968 wurde sie Kämertorstraße genannt (ist das die heutige Stormstraße?), da es eine Schillerstraße bereits in Heeren gab, und im weiteren Verlauf Bergkamener Straße. Schill war ebenfalls der Name eines deutschen Freiheitskämpfers, Ferdinand Baptista von Schill (1776 – 1809). Der war ein Haudrauf, auf den der Spruch „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ zurückgeht. Er fand dann auch ein Ende mit Schrecken.

K H

Abb. 0,1 & 2: Klaus Holzer; Abb. 2 & 4: Wikipedia

Pröbsting schreibt u.a., daß es 1806 „viel Jubel und große Freudenfeste in der ganzen treuen Mark, auch hier in Camen“ gab, als bestätigt wurde, daß man „bei dem Hohenzollerschen Herrscherhause bleiben solle“.

Und als Preußen nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt geschlagen war und seine Herrschaft nicht mehr ausüben konnte, entband der König „seine märkischen Untertanen des Eides der Treue“. Diese antworteten daraufhin: „Das Herz wollte uns brechen, als wir Deinen Abschied lasen, und wir konnten uns nicht überreden, daß wir aufhören sollten, Deine Unterthanen zu sein, die Dich immer so lieb hatten!“

Nach der endgültigen Niederlage Napoleons und dem Ende der Camener Franzosenzeit brach Jubel aus: „In wenigen Tagen war das ganze Land für Preußen wieder in Besitz genommen und von Ort zu Ort verkündigte das Glockengeläute und der Jubel des Volkes: Wir sind wieder preußisch!

Die Begeisterung, welche in jenen Tagen das Land durchflutete, offenbarte sich sofort auch in dem Erfolge, den der Königliche Erlaß zur Bildung von Landwehren und freiwilligen Jägern überall fand. Wer zum Tragen der Waffen fähig war, eilte zu den Fahnen.“

Und schließlich ganz allgemein: „Doch ist deutsche Gesinnung und Königstreue, das Erbteil der Väter, stets in unserer Mitte geblieben.“

Neuere historische Forschungen haben die Bedeutung der „deutschen Vereinsmeierei“ für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft nachgewiesen. Zusammen zu singen und zusammen zu turnen verbindet eben. (Vgl.a. die Gründung der vielen bairischen, schlesischen und polnischen Heimat– und Trachtenvereine im Ruhrgebiet nach dem Zuzug der Bergarbeiter aus diesen Regionen zu Beginn des Ruhrbergbaus.)

Siegeroth

von Klaus Holzer

Südlich der Südkamener Straße, zwischen der Bückeburger Straße und Schulze Berge, heißen viele Straße nach Philosophen: Schopenhauer, Schelling, Feuerbach, Hegel, Fichte, Nietzsche. Doch stößt der Spaziergänger dort auch auf „Lütge Heide“, „Auf den Kämpen“, „Siegeroth“. Und die südlich davon heißt „Auf der Heide“. Wie paßt das zusammen?

In den Randgebieten kleiner Städte wie auch in Dörfern dienten oft alte Flurnamen der Orientierung. Solche Namen waren Gebrauchsnamen, die nur lokal bekannt waren und Sinn ergaben. So erwähnt der Kamener Konrektor Craemer 1929 in der „Zechenzeitung der Schachtanlagen Grillo und Grimberg“ ein „Ziegenröttchen“ bzw. „Siggenröttchen“. Ein „roth/rodt oder röttchen“ (es gibt viele verschiedene Schreibweisen) ist ein Stück gerodetes Land. Alle Rodungsnamen sind sehr alt, da sie auf die Zeit zurückgehen, als man in ganz Europa in großem Stile daranging, bewaldetes Land für die Landwirtschaft nutzbar zu machen, also nach der Zeit der Völkerwanderung, etwa ab dem 7. Jh. AD.

Zusammen mit dem ersten Bestandteil (Ziegen, Siggen) ergibt sich somit die wahrscheinliche Bedeutung: „gerodetes Land, auf dem Ziegen weideten“. Die ehemalige Südkamener Ortsheimatpflegerin Ursula Schulze Berge bestätigt diesen Gebrauch: „So haben mein Mann und ich immer darüber gesprochen.“ Die anderen Namen belegen diese Bedeutung. „Lütge Heide“ und „Auf der Heide“ sind Indizien für die Richtigkeit der Annahme, da eine „Heide“ immer ein sehr karges Stück Land ist und nur Ziegen selbst dort noch etwas zu fressen finden.

Und „Auf den Kämpen“ ist eine nahe Verwandte, umfaßt aber im Gegensatz zu den „Heiden“ fruchtbares Land. Das so urwestfälisch erscheinende Wort stammt aus dem Lateinischen, wo „campus“ so viel wie „freie, unbebaute, offene Fläche” bedeutete. Als es im 9. Jh. erstmals in Westfalen auftauchte, hatte es schon einen Bedeutungswandel hinter sich und bezeichnete jede Art von bewirtschaftetem Feld bzw. Ackerland, wie aus frühen Rechtsbüchern hervorgeht, und war „umzäuntes Siedlungsgelände, Viehpferch und umzäunter Acker“. Wahrscheinlich mußte solch ein Stück Land vor den nebenan grasenden Ziegen geschützt werden.

Hier haben sich alte Flurbezeichnungen unter Philosophen gehalten. Wie schön.

Klaus Holzer

Lit.: Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017

Kamens Hochstraße ist 40 geworden

von Klaus Holzer

Abb. 1: Die Hochstraße, Blick nach Norden

Gerade erst gab es in Kamen ein Jubiläum zu feiern, doch keiner hat es gemerkt. Und dabei betraf es eine Sache, die seit 40 Jahren immer noch viele Gemüter erregt. Am 16. Dezember 1977 wurde die Hochstraße offiziell dem Verkehr übergeben, am nächsten Tag in der Kamener Lokalpresse als „Jahrhundertwerk“ gefeiert. Die Übergabe geschah im Rahmen eines großen Volksfests mit Kirmes, das 2.500 Leute auf der neuen Straße feierten, aus Freude darüber, daß das größte Ärgernis in Kamen ein für allemal beseitigt war, die Glückaufschranke, die die Kreuzung der B 233 mit der Köln-

Abb. 2: Die Glückauf-Schranke

Mindener Linie der Deutschen Bundesbahn für etwa 11 Stunden an Werktagen und für 6½ Stunden an Sonntagen versperrte. Dann staute sich der Verkehr kilometerweit in beiden Richtungen. Das bedeutete ärgerliches Warten für alle am Verkehr Beteiligten, und Lärm und Gestank für alle Anwohner. Die Fahrpläne der VKU waren großenteils Makulatur, obendrein verursachten die Wartezeiten und der damit verbundene Schleichverkehr hohe zusätzliche Kosten. Betriebsleiter Werner König schätzte den zusätzlichen Dieselverbrauch auf 25.000 Liter und 20.000 DM pro Jahr, und das, obwohl die Fahrer die Motoren abstellten, so oft es möglich war.

Abb. 3: Verkehrschaos bei geschlossener Schranke

Ein solches Unternehmen war damals und ist heute ein schwieriges Unterfangen. In diesem Brei rührten viele Köche: die Stadt Kamen, der Kreis Unna, das Bundesverkehrsministerium, das Wirtschaftsministerium NRW, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die Deutsche Bundesbahn (wie sie damals noch hieß), vertreten durch die Bahndirektion Essen, die Straßenbauverwaltung NRW und das Landesstraßenamt Hagen.

Die Planungen für die Hochstraße begannen im Jahre 1962, als das beginnende Wirtschaftswunder den Verkehr rasant anschwellen ließ, auf der Straße wie auf der Schiene. Von Anfang an standen zwei Varianten zur Diskussion, eine Unterführung und eine Überführung, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe zunächst ablehnte und durch seinen Vorschlag einer ganz neuen Trasse östlich der B 233 bereicherte. Sie sollte direkten Anschluß an die Werner Straße im Osten der Stadt bekommen. Doch konnte er sich damit nicht durchsetzen. Ende 1962 entschied das Landesstraßenbauamt, daß die zu bauende Hochstraße direkt in den Westring münden sollte, weil die Koppelstraße für einen vierspurigen Ausbau zu schmal sei.

Im Sommer 1963 war der Entwurf fertiggestellt, doch wurde dann noch einmal eine Kostengegenüberstellung Hochstraße – Tiefstraße in Auftrag gegeben. Diese ergab

DM 19.591.000,- für die Tiefstraße, DM 18.832.000,- für die Hochstraße. Das führte im Sommer 1965 endgültig zur Festlegung auf die Hochstraße.

Dann jedoch stellte man in Kamen fest, daß der vorliegende Entwurf das städtische Leben, die Erreichbarkeit von Ortsteilen erheblich erschweren würde, weil man für die neue Straße einen langen Damm würde aufschütten müssen. Im Sommer 1966 wurde deshalb eine neue Variante entwickelt, die „eine größere Durchlässigkeit der neuen Straße gewährleistet“. So kam es dann im November 1967 zur endgültigen Entscheidung für die Hochstraße in ihrer heutigen Form, ein großer Teil der 1,95 km langen Strecke als Brücke aufgeständert. „Die Mehrkosten von DM 10,5 Mill. […] erscheinen […] angemessen und vertretbar.“

Abb. 4: Brücke über die Bundesbahn; das Brückenfeld mußte in Hochlage eingebaut und dann abgesenkt  werden, damit der Bahnverkehr ungehindert weiterlaufen konnte

Nachdem dann alles bürokratisch Notwendige vom Planfeststellungsverfahren bis zum Finanzierungsplan erledigt war, erfolgte im Sommer 1973 der Planfeststellungsbeschluß. Ein Jahr später wurde die Vereinbarung über das Projekt Hochstraße zwischen allen Beteiligten unterzeichnet. Noch im selben Jahr fand der erste Spatenstich statt, und anders, als das bei Großprojekten heute oft der Fall ist, wurde die veranschlagte Bauzeit leicht unterschritten, der Kostenrahmen nicht überschritten und die Hochstraße nach 3½ Jahren Bauzeit am 16. Dezember 1977 offiziell dem Verkehr übergeben, der allerdings wegen letzter Aufräumarbeiten, darunter auch die Reste des Eröffnungsvolksfestes, erst ab Dienstag, 20. Dez. 1977 auf der neuen Straße rollen konnte.

Bei diesem Anlaß zeigten sich Bürgermeister Ketteler und Stadtdirektor Rethage besonders erfreut, daß der lange Kampf der Stadt Kamen, das Verkehrsnadelöhr zu beseitigen, endlich von Erfolg gekrönt war. Jetzt konnte Kamen seinen Slogan „KAMEN – die schnelle Stadt“ verwenden, ohne höhnische Kommentare der vor der geschlossenen Schranke Stehenden zu ernten. Die Kamener selbst hatten sowie eine einfache Erklärung für ihren Namen: „Du hast Glück, wenn sie auf ist.“

Aus einer zu diesem Anlaß von der Stadt Kamen und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe herausgegebenen kleinen Dokumentation geht hervor, wie stolz alle Beteiligten auf das Projekt waren. Immerhin sieben Grußworte sind ihr vorangestellt, und sie spiegeln den Geist der Zeit perfekt wider, denn nur eins davon erwähnt die Fußgänger – und auch der in nur einem Satz – für deren Sicherheit in absehbarer Zeit ein Tunnel gebaut werden sollte. Aber damals waren alle auf das Auto fixiert, jede Stadt wollte modern sein, d.h., autogerecht.

Abb. 5: Rampe Bahnhofstraße

In dieser Dokumentation werden neben der zügigen, termingerechten Erledigung der Arbeiten und der hervorragenden Zusammenarbeit aller Beteiligten besonders die Straßenbeleuchtung – von ihr versprach man sich Unfallfreiheit – und die sogenannte Immissionsschutzkappe hervorgehoben, von der man sich weitestgehenden Schutz der Anwohner vor Lärmbelästigung versprach. Seit ein paar Jahren ist diese Beleuchtung abgeschaltet, und seit 2017 gibt es eine Ampelanlage, die eine inzwischen aufgrund der veränderten Verkehrssituation erforderliche neue Verkehrsführung erlaubt.

Auch heute noch gibt es vereinzelt Stimmen, die die Hochstraße für eine Fehlleistung halten, weil sie die Stadt durchschneidet und in zwei Hälften teilt. Das stimmt natürlich auch, doch wenn man sich die Alternative vor Augen hält, wird deutlich, daß die gegenwärtige Lösung das bedeutend kleinere Übel ist. Wer wollte heute die B 233 mit ihren Tausenden von Motorrädern, Pkw, Bussen und Lkw in der Stadt haben? Lünener Straße und Westring kombiniert auf der Koppelstraße?

Es ist wohl richtig, daß sich nur Brückenbauingenieure vorbehaltlos für die Eleganz des Betonbauwerks begeistern können, doch für alle anderen gilt: freuen wir uns an ihrem 40. Geburtstag, daß es sie gibt. Sie bedeutet ein Stück Kamener Lebensqualität. Wenn auch erst auf den zweiten Blick.

Abb. 6: Zufahrt Bahnhof- und Koppelstraße

KH

Zitate und Abbildungen aus: Die neue Hochstrasse in Kamen, Hrsgg. von der Stadt Kamen in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Stadtarchiv Kamen

Edelkirchenhof

von Klaus Holzer, unter Verwendung von Informationen von Edith Sujatta und Martin Litzinger

Es handelt sich hier um ein weitläufiges Gelände, das ursprünglich aus mehreren Burgmannshöfen bestand.

Hering- oder Haringhof

Der Hering- oder Haringhof, später Edelkirchenhof, östlich des Westentores, nördlich der Weststraße gelegen, war ursprünglich ein märkisches Lehnsgut, dessen Aufgabe es war, das Westentor zu bewachen. Er wurde Anfang des 14. Jh. erbaut. Von 1368 bis 1700 wurde er durch die Familie von Freisendorf, ab 1462 durch die Familie von Edelkirchen bewirtschaftet. Um 1900 gehörte es Abraham Jacobi, einem jüdischen Viehhändler aus der Weststraße. 1912 wurde das Haus abgerissen. Danach wurde das Gelände als Viehweide genutzt.  Auf dem Gelände des jetzigen Parks stand früher die Burg. Beim Neubau eines Hauses in den zwanziger Jahren fand man dort noch Reste der alten Burgmauer. Vorgänger der heutigen Anlage war ein 1926 nach geometrischen Mustern angelegter Park.

Abb. 1: Die geometrische Anlage des Edelkirchenhofs 1926

Bei dieser Gelegenheit entstand eine neue Parallelstraße zur Kämerstraße – die Straße „Am Reckhof“, zusammen mit der Einweihung des Edelkirchenhofs am 13.12.1925.

Abb. 2.: Der Haringhof und der Palandsche Hof mit jeweils großem Freigelände im Nordwesten Kamens; der rote Punkt markiert die Stelle, an der wahrscheinlich Rosa Luxemburg ihre Rede hielt

Palandscher Hof, Reckhof, auch Reck-Palandscher Hof 

Der Reckhof, auch Reck-Palandscher Hof, schloß direkt östlich an den Haringhof an und lag westlich der Kämerstraße/Ecke Westenmauer. Er diente dem Schutz des Kämertores.

Die Burg wurde Anfang des 14. Jh. gebaut. 1925 erwarb die Stadt sie und ließ sie abreißen.

Abb. 3.:  Blick in die neue Buxtorfstraße

In diesen Hof zogen die von der Reckes 1250 nach ihrem Auszug aus der Grafenburg ein, nachdem diese von Engelbert I., Graf von der Mark, übernommen worden war.

Es gehörte der Familie von der Reck zur Horst, die es um 1462 an die von Paland verkaufte. Um 1840 wurde das gesamte zugehörige Gelände Weideland. Um 1840 gehörte das Land einem Gerhard von Weeren (eigentlich „Werne“), dann Bleckmann, anschließend Alexander Koepe, der es als Viehweide nutzte. Er hatte einen direkten Zugang dazu, da sein Bauernhof dort lag, wo heute, 2017, T€di seinen Laden hat. Dahinter gab es zu der Zeit noch keine Wohnbebauung. Der Edelkirchenhof war also Viehweide.

Es ist übrigens interessant, wie die genannten drei Familien zusammenhängen, beweist es doch, was für geschlossene Gesellschaften kleine Städte damals waren. Eine Tochter des Gerhard von Weeren (der sein „von“ unter Napoleon eigentlich verloren hatte; der Name ist noch erhalten in der Weerenstraße, der kleinen Verbindungsstraße zwischen Markt und Weststraße) heiratete den Lehrer und Kantor Bleckmann, dessen Tochter Anna 1878 den Wilhelm Alexander Koepe heiratete. Die Koepes waren eine alte Kamener Familie, die durch Bierbrauen und Schnapsbrennen reich geworden war. Um ihre Gäste zum Wiederkommen zu bewegen, brauchten diese nicht immer sofort zu bezahlen, sondern konnten anschreiben lassen. Dann standen sie mit dieser Summe „in der Kreide“. Stadtchronist Pröbsting fragte sich: „Woher nahmen die armen Bürger das Geld, alle diese Getränke zu bezahlen? Oder waren sie so arm, weil sie ihr bißchen Vermögen so unnütz vertranken?“ Heute erinnert noch der Koepeplatz an sie. So blieb immer alles in der Familie.

Viele der Daten derer v.d.Recke liegen im Nebel der Geschichte. Sicher ist, daß die v.d.Reckes erst 1324/25 urkundlich erwähnt werden und damit „historisch“ werden. 1271 heiratete Diederich von der Recke, Burgmann auf dem Reckhof in Kamen, die Erbtochter N. Dobbe, die wohl „sagenhaft“, da nirgends belegt ist. Der Ursprung der Dynastie derer von der Recke liegt in Lerche auf dem Hofe Stam, der bereits 1392/93 in den ältesten Lehnbüchern der Grafschaft Mark erwähnt wird. Es gibt ihn heute noch. Entsprechend trugen einige derer v.d. Recke auch den Beinamen Stam oder Stamm. Die v.d. Reckes wurden eine der größten und mächtigsten Adelsdynastien in der Mark. Es hieß, „Wenn der Herr von der Recke auf den Boden stampft, erzittert die ganze Gegend“.

Abb. 4.: Blick vom Edelkirchenhof in Richtung Rottstraße (heute Adenauerstraße)

Am 10. April 1910 bekam das in Frage stehende Gelände1 eine gewisse Berühmtheit, als Rosa Luxemburg hier auf einem Leiterwagen eine Rede hielt, zusammen mit Fritz Husemann, einem Bergbau-Gewerkschafter, und dem Dortmunder Rechtsanwalt Dr. Cohn. Es war eine Wahlrechtsversammlung, in der es um die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts ging, das das alte Dreiklassenwahlrecht ablösen sollte. Solch eine Veranstaltung mußte auf die Vertreter des damaligen politischen Systems umstürzlerisch wirken, weswegen es auch Bestrebungen gab, die Veranstaltung „wegen befürchteter Unruhen“ zu verbieten. Jedoch lief alles ruhig und diszipliniert ab, und das bei geschätzten 2.000 (bürgerliche Kamener Märkische Zeitung) oder 6.000 – 7.000 Teilnehmern (Dortmunder Arbeiter-Zeitung) Teilnehmern. Es wurden nur zwei Polizisten als Überwachende gesehen, aber betont, „daß viele Frauen anwesend gewesen seien, dazu bürgerliche Wahlrechtsfreunde und christlich organisierte Arbeiter“.2  Karl Eugen Brumberg, Seniorchef der Fa. Brumberg, erinnert sich noch gut, wie seine Eltern von diesem Ereignis berichteten.

Abb. 5: Karl Eugen Brumberg als junger Mann

Die Burgmannen wurden vom Grafen von der Mark aus den umliegenden Siedlungen nach Kamen gerufen, sie kamen sie u.a. von Haus Böing, Haus Reck, aus Westick, und Heeren. Sie zählten zu den Ministerialen der Grafen von Altena-Mark, d.h. ihnen unterlag die Hofhaltung und die Verwaltung, und sie wurden zu Verteidigungs- und Kriegsdiensten hergezogen. Zum Teil waren sie auch für die Abhaltung der Gerichtstage in der Stadt verantwortlich. Aus den Ministerialen entstand später der niedere Adel. Für ihre Leistungen und Dienste erhielten sie ein Dienstgut oder Lehen, über das sie dann im Laufe der Zeit frei verfügen und es vererben konnten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein behielten diese Burgmannshöfe ihre adelige Freiheit von allen städtischen Lasten, auch wenn sie schon in den Besitz bürgerlicher Familien gelangt waren. Die Namen dieser Höfe wechselten zumeist bei einem Besitzerwechsel.

Die beiden genannten Burgmannshöfe wurden im 12. und 13. Jh. erbaut und gehörten damit zur zweiten Bauperiode solcher Höfe. Sie bestanden immer aus einem festen Haus, und waren von relativ viel Land umgeben. Sie wurden mit Gräben, Wällen und Palisaden befestigt, da sie an der damaligen Stadtperipherie lagen. Entsprechend ihrer Funktion wurden sie alle in der Nähe zu Stadttoren angelegt. Die Burgmannen siedelten im Laufe der Zeit in einem inneren und einem äußeren Ring um den aus Grafenburg und Kirche bestehenden Siedlungskern. Um die erste Gruppe von Burgmannshöfen herum wurde dann von 1243 bis 1247 die Stadtmauer gebaut.

Der Galenhof scheint von allen der größte und am besten befestigte gewesen zu sein. Seine Gräben und Wälle wurden erst 1898 eingeebnet, als er Wohnungen für die Bergleute weichen mußte. 1979 kaufte die Stadt Kamen ihn, ließ ihn abreißen und neu wieder aufbauen. Heute ist er der einzige heute noch erhaltene Burgmannshof in Kamen (vgl.a. Artikel „Am Galenhof“).

Die zwei Häuser neben Telgmann in der Weststraße, die zusammengebaut sind, sind ehemalige Gademen/Gadumen. Sie standen vor der Mauer des Haringhofes und waren für leitende Bedienstete dieses Burgmannshofes gebaut. Reste dieser Mauer um die Burg herum liegen unter dem Hause Hegerfeld.

KH

1 Wörtlich heißt es in der Anzeige, die am 8. April 1910 in der Dortmunder Arbeiter-Zeitung erschien: „Sonntag, den 10. April 1910, nachmittags 4 Uhr Große Wahlrechts-Versammlung unter freiem Himmel in Kamen auf dem Weidekamp des Herrn Koepe an der Kämerstraße.“

2 Zitate nach: Horst Hensel, Rosa Luxemburgs Auftritte im Ruhrgebiet und ihre Teilnahme an der Wahlrechtsdemonstration der SPD am 10. April 1910 in Kamen, Bielefeld 2004

Abbildungen:

Straßenschilder: Photos K. Holzer; Abb. 1, 3 & 4: Archiv Klaus Holzer; Abb. 2: KH nach Heinz Stoob, Städteatlas Kamen, Dortmund 1975; Abb. 5: Archiv der Fa. Brumberg

Am Galenhof

von Klaus Holzer

Erklärungen zum Straßennamen „Am Galenhof“ kommen nicht ohne umfangreiche Erläuterungen des historischen Hintergrunds aus, handelt es sich doch bei dem Gebäude selbst um den letzten Burgmannshof in Kamen.

Kamen war Grenzfeste zwischen den Bistümern Köln und Münster sowie der Freien und Reichsstadt Dortmund, die alle ein Auge auf markanisches Territorium geworfen hatten, sich gern Teile davon einverleibt hätten. Daher mußte Kamen stark befestigt sein. Die Grafen von der Mark saßen in Hamm, Kamen war ihre zweite Residenzstadt. Sie brauchten also Leute, die für sie in Kamen die Stellung hielten, aber auch die Administration der entstehenden Stadt ausübten: Rechtsprechung, Einziehung von Abgaben u.ä. Diese Burgmannen bildeten den niederen Adel.

Kamen war an der einzigen Furt entstanden, an der Reisende zwischen Lippe und Hellweg die Seseke und das sie säumende breite Sumpfgelände queren konnten. In der Nähe dieser Furt bauten die Grafen von der Mark zu Beginn des 12. Jh. die Grafenburg, die, zusammen mit der von ihnen erbauten St. Severinskirche, zum eigentlichen Stadtkern wurde. Die Stadt Kamen ist eine „gewachsene“ Stadt des Mittelalters, d. h. sie ist in der vorstädtischen Phase aus mehreren Kernen zusammen gewachsen. Dies ist am unregelmäßigen Grundriß und der Straßenführung erkennbar. Noch heute läßt sich dieses deutlich am Urkataster von 1827 ablesen.

Abb. 1: Kamens drei Entstehungsphasen

Drumherum entstand ein Schutzring von Burgmannshöfen. Das waren große Häuser, wohl zumeist Fachwerkbauten auf steinernem Sockel, auf großen Grundstücken, die jeweils von Gräften und Wällen mit Holzpalisaden geschützt wurden. Ihre Hausherren kamen von Haus Böing, Haus Reck, aus Westick, Heeren und anderen Herrschaften aus der näheren Umgebung. Natürlich war es besonders wichtig, daß sie immer Bewaffnete für Verteidigungs– und Kriegsdienste vorhielten. Dafür waren sie von allen städtischen Abgaben befreit, selbst ihre bürgerlichen Nachfolger im 19. Jh. behielten dieses Privileg noch.

In Kamen sind 10 solcher Burgmannshöfe nachweisbar, möglicherweise gab es auch noch einen elften, die Trippenburg, deren Lage nur schlußfolgernd erahnt wird, die nie nachgewiesen wurde, an die heute nur die Burgstraße zwischen Ostenmauer und Koepeplatz erinnert.1 Diese Burgmannshöfe entstanden in zwei Phasen. Der erste, ältere Ring entstand im 12.  und 13. Jh. um Grafenburg und St. Severinskirche herum: westlich entstand der Westerholtsche Hof, nördlich folgend der Kappenberger Hof, weiter nordöstlich der Akenschokenhof, südöstlich die (nicht belegte) Trippenburg und südlich der Hanenhof. Sie bildeten die damalige Siedlungsgrenze und waren entsprechend stark befestigt (s.o.).

Abb. 2: Zwei Ringe von Burgmannshöfen

Da sich die Stadt gut entwickelte, weitere Bewohner anzog und sich also ausdehnte, entstanden zu Beginn des 14. Jh. fünf weitere Burgmannshöfe: westlich der beiden ersten Höfe der Galenhof, nördlich anschließend der Haringhof, östlich daneben der Palandsche Hof, weiter östlich die nicht genau zu lokalisierende Bohlenburg „auf dem Rode“ (vgl.a. „Rottstraße“) und noch weiter östlich der Reck-zu-Recksche-Hof. Ihre Gesamtanlage entsprach genau der des ersten Ringes.

Diese Burgmannshöfe brauchten Personal, das alle notwendigen Arbeiten ausführte: Handwerker, die Häuser bauen konnten, Dachdecker, Zimmerer und Tischler, Schmiede, aber auch Weber und Schneider, Gerber und Schuhmacher, Wagenmacher und Rademacher, Küfer, dazu Metzger, Bäcker, Köche, Diener, Mägde, Knechte für Feldarbeiten usw. So wuchs die Stadt, und weil sie seit der Mitte des 13. Jh. von einer soliden Stadtmauer umgeben war, 2,03 km lang, ca. 5 m hoch und 1 m breit, bot sie in Zeiten der Gefahr auch Schutz für die Menschen aus der Umgebung. Alle diese Menschen siedelten sich im „burgus“2 an und wurden folglich „burgenses“ genannt. Wurde die Stadt angegriffen, mußte jeder zum Verteidiger der Burg werden. Daraus entstand der Begriff „Bürger“.3

Hans-Jürgen Kistner schreibt in seiner kleinen Schrift „Kamen, die Stadt der Burgmannshöfe“:

»Der Name von Galen taucht im Jahre 1357 zum ersten Mal in einer Urkunde auf, in Urkunden des 14. und 15. Jh. werden sie häufig als Zeugen bei Rechtsgeschäften genannt, werden als Bürgermeister und Richter erwähnt. Offenbar waren sie eine in der Stadt bedeutende Familie, die vermutlich auch die ursprünglichen Besitzer des Galenhofes waren. Der Name Galenhof findet sich seit dem 16. Jh. in Urkunden. Bis 1655 bleibt der Hof im Besitz der Familie, gelangt dann durch Heirat in den Besitz des Freiherrn Robert von Romberg zu Massen. 1692 kommt er an den Drosten Dietrich von der Recke zu der Recke, der ihn gleich darauf an seinen Amtsschreiber Peter Hillermann für 1000 Reichstaler weiterverkauft. Der bürgerliche Besitzer behielt die Freiheit von allen städtischen Abgaben.

Abb. 3: Die Ostseite des Galenhofes in den 1950er Jahren …

Abb. 4: … und 2017

Als nächster Besitzer erscheint 1731 Hillermanns Schwiegersohn Gottfried Schulz, Akziseinspektor4 und Stadtkämmerer, später auch Bürgermeister. Entsprechend hieß der Galenhof von nun an Schulzhof. 1775 übernimmt Schulz’ Schwiegersohn, der Akziseinspektor und Bürgermeister David Friedrich Reinhard, den Hof. Insgesamt blieb er über 100 Jahre der Sitz von Bürgermeistern. In den Nachlaß-Teilungsakten wird der Hof beschrieben: „Das alhier zu Camen gelegene adelich freye Burg=Hauß Gohlenhoff, sammt Baum=Hof, Garten, Kirchen Bäncken und Begräbnissen ….“«

Da Kamen insgesamt 11 Mal abgebrannt ist, wäre es ein Wunder, wenn nicht auch Burgmannshöfe dabei gewesen wären, doch wurden seit Ankunft der Zeche in Kamen mehr Burgmannshöfe abgerissen als abgebrannt sind. Das 1982/83 abgerissene Gebäude des Galenhofes stammte aus dem 18. Jh., also vermutlich aus der Zeit des David Friedrich Reinhard. Im 19. Jh. kaufte der Dortmunder Kaufmann Wilhelm Schulz den Schulzhof, zuletzt kam er an den Papierfabrikanten Theodor Friedrich. (Dieser hatte seine Fabrik auf dem Gelände des Kappenberger Hofes.1895 brannte sie vollständig ab. Damit war Theodor Friedrich pleite.)

Der Kamener Stadtchronist Friedrich Pröbsting schreibt 1901:

„Im Jahre 1897 wurde die schöne Besitzung von der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft erworben und in dem genannten Jahre mit Arbeiter-Kasernen bebaut, nachdem die alten Mauern abgebrochen, die Wälle abgetragen und die tiefen Festungsgräben zugeschüttet worden waren. Dieser Burghof war durch seine ganze Anlage mit Mauern, Wällen und Gräben wohl der festeste Platz in Camen. Die jetzt dort stehenden Arbeiter-Häuser an der Hohental-, Lindenberg- und Gottesbergstraße werden in ihrer Gesamtheit bezeichnet „auf Schulz Hof“.

1898 erwarb die Gelsenkirchener Bergwerks AG das Gebäude mitsamt dem Grundstück.“

Das bedeutete das Ende des Galenhofes als Burgmannshof. Die Zechenverwaltung brauchte Wohnraum: der Strom an Bergleuten für die 1873 abgeteufte Zeche Monopol riß nicht ab. Kamen wuchs von ca. 3700 Einwohnern im Jahre 1870 auf ca. 11000 im Jahre 1900!.

Friedrich Pröbsting weiter:

„Auch aus Westpreußen, Polen, Italien und Ungarn erschienen viele Arbeiter, für welche die Zechenverwaltung im Laufe der Jahre eine große Menge von Arbeiterwohnungen erbauen ließ. Die erste Häusergruppe wurde in der Nähe des Bahnhofs gebaut; dies sind zum Teil kleinere Häuser für je vier Familien. Sodann wurde der alte von der Recksche Burghof, Vogels Hof genannt, an der Nordstraße, bebaut, und dann an der Nordenmauer auf Rungenhof eine Reihe von Häusern – jedes zu 12 Familien – hergestellt. Als dies alles nicht hinreichte, kaufte die Gelsenkirchener Gesellschaft den alten von Galen Burghof, Schulz-Hof genannt, mit Gärten und allem Zubehör am Westentor und ließ hier im Jahre 1897 einen neuen Stadtteil entstehen, der in 20 Häusern für 240 Bergmannsfamilien Wohnungen verschaffte. Zur Zeit sind nun in der Stadt und der städtischen Feldmark an 600 Arbeiter- oder Bergmannsfamilien in den Häusern, welche von der Zechenverwaltung gebaut wurden, angesiedelt. Doch ist man dabei nicht immer von den heute anerkannten Grundsätzen ausgegangen, nach denen die kleineren Häuser für je 2 oder 4 Familien empfohlen werden, weil die großen Häuser für 12 Familien nur mit zwei Hausthüren mancherlei sanitäre und sittliche Bedenken erwecken.

Viele der hier wohnenden Bergleute werden täglich auf der Zechenbahn von Camen nach dem Schacht Grimberg in Bergcamen gefahren, wo es noch an Wohnungen für die Arbeiter fehlt. Erst im Jahre 1900 ist auch dort eine Arbeiterkolonie erbaut worden, um die Leute in der Nähe der Zeche zu haben.“ Und als Fußnote: Es „sei uns gestattet, zu berichten, daß die Gelsenkirchener Gesellschaft für die Kinder der im Westen der Stadt wohnenden bergmännischen Bevölkerung auf Schulz-Hof auch noch eine zweite Kleinkinderschule auf ihre Kosten eingerichtet hat, und sich dadurch um das sittliche Wohl der Bergmannsfamilien wohlverdient macht.”

Ganz anders sieht das dagegen August Siegler in der Zechenzeitung 1926: „In schneller Reihenfolge entstanden nun in Kamen die großen Koloniebauten. Die Zechenverwaltung erwarb 1888 das schöne Besitztum des Barons von Vogel und den Rungenhof und 1897 den Schulzhof. Gleich nach dem Erwerb dieser Grundstücke wurde mit dem Bau der großen Koloniehäuser an der Kampstraße, Nordenmauer und Nordstraße begonnen. Drei dieser Häuser haben für je 12 Familien nur einen Eingang von der Straße aus und einen Ausgang zum Hof. Man kann nicht sagen, daß eine solche Bauweise dazu dient, die Gemütlichkeit und den häuslichen Frieden zu fördern.“ Und er erkennt noch etwas: „Durch den Bau dieser Häuser fielen leider schöne Grünflächen in der Stadt fort.“

August Siegler war damals möglicherweise auch einer der wenigen, vielleicht sogar der einzige, der auch, weiterblickend, die städtebaulichen Folgen erkannte. „Die Kampstraße war damals von der Rottstraße bis zur Nordenmauer sehr schmal. An der Ecke der Rott- und Kampstraße, wo sich jetzt die Metzgerei befindet, war ein Teich. Gegenüber lag im Baumhof der von Vogelschen Besitzung auch ein solcher. An der Nordenmauer stand eine große alte Scheune mit Wohnung. An der Nordstraße befanden sich von Mauern umgebene Gärten. Zwischen diesen lag hinter dem größeren Eingangstor der gepflasterte Weg zum Hauptgebäude. Die Stadtväter waren zu ängstlich, dieses schöne Grundstück, das zu einem niedrigen Preise zu erwerben war, zu übernehmen. Auch war damals die Einstellung mancher Kreise hinderlich, solche Gelegenheiten wahrzunehmen. Die Konkurrenzfurcht ließ sie nicht ruhen, dahingehende Pläne zu bekämpfen. Privatleute hatten aber erst recht keinen Mut, die billigen Grundstücke zu erwerben. Der Zechenverwaltung konnte man daraus keinen Vorwurf machen, daß sie die ihr angebotenen Grundstücke erwarb.“

Abb. 5: Luftaufnahme von Kamen von 1919; das „dunkle” Gelände in der Bildmitte ist der Galenhof, mit Zechenwohnungen bebaut, davor verläuft der Weg, der in den 1920er Jahren zur Koppelstraße ausgebaut wird

Man ließ also die Gräfte des Galenhofs zuschütten, die Wälle einebnen, die Bäume fällen. In das Burghaus baute man neun Kleinwohnungen mit je drei Zimmern ein, den Saal zu einem Schulraum für eine Kleinkinderschule um. Es entstanden zu jedem Haus hölzerne Schuppen, wie sie damals üblich und notwendig waren. Es hatte fast jeder ein Schwein dort stehen, eine „Bergmannskuh“ (Ziege) und, natürlich, Hühner und Tauben. Noch einmal Siegler: „Als im Jahre 1897 der Schulzhof bebaut wurde und die Hohendahl-, Lindenberg-, Gottesberg- und Koppelstraße, jetzt Rathenaustraße, entstanden, wurde der bis dahin freiliegende Eingang vom Westen in die Stadt vom Volksmund ‚das schwarze Tor‘ genannt.“ Weil die Bergleute anfangs ungewaschen, d.h., schwarz, von der Arbeit nach Hause kamen.4

Abb. 6: Die alte Zechenbebauung („ die Kaußenhäuser”) 

Bis 1967 änderte sich nichts mehr. Die Gelsenkirchener Bergwerks AG blieb Eigentümerin des Galenhofs, die von vornherein nicht gute Bausubstanz verfiel, das Wohnen genügte nicht im entferntesten modernen Ansprüchen. In diesem Jahre kaufte der Kölner Immobilienkaufmann, später „Immobilienhai“ genannte, Günter Kaußen, den Galenhof mit den Wohnungen von der damaligen Monopol Bergwerks GmbH (in Kamen und Bergkamen insgesamt 1115 Wohnungen!), vermietete sie teuer, investierte aber nichts. Als 1977 „Der Spiegel“ eine Titelgeschichte über ihn brachte, geriet Kaußen unter immer stärkeren Druck. Er erhängte sich schließlich 1985 in seinem Haus in Köln.

Abb. 7: Die heutige Wohnbebauung an dieser Stelle stammt aus den 1980er Jahren

Die Stadt Kamen erkannte die Situation und kaufte Kaußen 1979 den ganzen Galenhof ab. Man wollte ihn erhalten – schließlich war es inzwischen der letzte erhaltene Burgmannshof Kamens; in den 1960er Jahren waren schon der Westerholtsche, der Kappenberger und der Reck-zu-Recksche Hof abgebrochen worden –, das ging aber nur, wenn man einen neuen Verwendungszweck für ihn fand. Das Gebäude wurde abgetragen, was weiter verwendet werden konnte, sorgfältig numeriert und in den Neubau (so muß man den heutigen Galenhof wohl bezeichnen) integriert. Heute ist die Musikschule der Stadt Kamen darin untergebracht. Die alten, maroden Zechenhäuser wurden ebenfalls abgerissen und durch modernen Ansprüchen genügende Wohnhäuser ersetzt.

Manche Kamener Gästeführer weigern sich, den Galenhof in ihre Stadtführungen aufzunehmen, weil an ihm nichts mehr original sei. Doch original oder nicht – es gibt kein zweites Gebäude in unserer Stadt, das überhaupt noch einen Eindruck vermitteln kann, was man sich unter einem Burgmannshof eigentlich vorzustellen hat, und der Galenhof hat sich in der äußeren Form nicht verändert. So sah der größte der Kamener Burgmannshöfe einmal aus.

Was zu Beginn Kamens großer Vorteil gewesen war, nämlich gut ausgebauter Sitz von 10 Burgmannshöfen zu sein, erwies sich im 20. Jh. als wesentlicher Nachteil für die Stadtentwicklung. Jeder dieser Burgmannshöfe verfügte über ein großes Grundstück, das außerdem durch Gräfte und Wall befestigt war. Damit stand relativ viel Grund für die allgemeine Stadtentwicklung nicht zur Verfügung, war ihr im Gegenteil durch die Bebauung mit billigen Zechenhäusern entzogen. Dadurch konnten sie erst sehr spät für eine der ganzen Stadt dienende Bebauung verwendet werden, eine modernen Ansprüchen genügende Bebauung auf dem Galenhof, nach zweimaligem Scheitern scheint jetzt das Kamen-Quadrat eine dauerhafte Verwendung des Vogelhofes zu gewährleisten, der Rungenhof beherbergt das Gymnasium. In jedem Fall aber entwickelten sich diese Gelände nicht organisch, immer mußte reagiert werden.

1 Ungeklärt ist in diesem Zusammenhang, was es mit dem „Rungenhof“ auf sich hat. Vermutlich war das einer der ersten, wenn nicht der erste Burgmannshof, ein gutes Stück außerhalb der frühen Stadt, im Verlaufe der dritten Entwicklungsphase „eingemeindet“. Möglicherweise war er ursprünglich zum Schutz des Ostentores gebaut worden, das aber nicht besonders geschützt zu werden brauchte, da die Straße nach Hamm (damals die Derner Straße) sicher war: dort residierte der Graf von der Mark.

Eine weitere Möglichkeit, warum es über den Rungenhof keine Erkenntnisse gibt: er lag ursprünglich ein Stück weit draußen, außerhalb der engeren Bebauung. Als die Stadtmauer gebaut wurde, erschien es unzweckmäßig, sie wegen des Rungenhofs so weit nach außen zu führen: zu lang, daher schwerer zu verteidigen, zu teuer, zusätzliche Sicherheit wg. der märkischen Residenzstadt Hamm war bereits vorhanden, daher wurde der Rungenhof nicht mehr benötigt und abgerissen.

Pröbsting erwähnt 1901 den Rungenhof in einem Atemzug mit dem Galenhof und dem von der Reckschen Hof (=Vogelhof). Desgl. Siegler 1926.

Um 1900 wurde das freie Gelände von der Zeche gekauft und mit Zechenwohnungen bebaut.

2 Spätlateinisch für Kastell, Wachturm; die Germanen hatten keine Städte

3  Spätl.„burgus“ + althochdeutsch „waere/waran“ = wehren, verteidigen.

4 Akziseinspektor = Steuerinspektor; die Akzise war eine Verbrauchs– und Verkehrssteuer, die erhoben wurde z.B. von Kaufleuten, die zum Kamener Markt wollten, um ihre Waren anzubieten

5 Nach demselben Prinzip verfuhren die Kamener auch im Falle der Anfang der 1920er Jahre gebauten Hindenburgsiedlung, der Kolonie im Bereich der Lüner Höhe, die von den Kamenern nur „Negerdorf“ genannt wurde.

 

Abb.: 1, 2 & 5: Archiv Klaus Holzer; Abb.: 3 & 6: Stadtarchiv; Photo 0, 4 & 7: Klaus Holzer

KH

Schulstraße

von Klaus Holzer

Abb. 0

Die Schulstraße war jahrhundertelang der Standort Kamener Schulen, hier vor allem der Vorgängerbau des alten Küsterhauses neben der Pauluskirche. Die älteste Urkunde mit der Erwähnung eines Lehrers in Kamen stammt von 1320. Darin wird ein „Johann rector scholarum” genannt. Pröbsting nimmt aber an, daß schon vorher eine Schule bestanden haben muß, da diese am Anfang immer den Kirchen angegliedert waren, und die St. Severinskirche (heute Pauluskirche) besteht schon seit dem frühen 12. Jh.

Abb. 1: Das alte Küsterhaus

Und 1418 wird urkundlich belegt, daß es nur einen Lehrer an dieser Schule gab. Das Vorläufergebäude des alten Küsterhauses neben der Pauluskirche war bereits im 16. Jh. eine Schule, die „schola latina camensis“ und hatte Platz für 24 Schüler. Wegen des ständigen Geldmangels war die bauliche Erhaltung ein Dauerproblem, immer war es kalt und zugig, regnete es herein. 1586 gab es hier drei Lehrer: primarius Antonius Praetorius, magister Lambertus Ulentorpius und magister Jost Timann. Nach 1600 stand hier die Evangelisch-Reformierte Schule, ab 1858 die Städtische Rektoratsschule, der Vorläufer des heutigen Städtischen Gymnasiums. Die letzte Schule an diesem Standort war die Pestalozzischule, zum Schluß als VHS-Gebäude benutzt, seit etwa 15 Jahren in ein Wohnhaus umgewandelt.

Abb. 2: Die Städtische Rektoratsschule, 1904 abgerissen

Abb. 3: Der 1905 begonnene Nachfolgebau, die Pestalozzischule

Abb. 4: Antonius Praetorius, gesehen vom Kamener Künstler Reimund Kasper

Der erste namentlich bekannte Rektor dieser Lateinschule war der o.e. Antonius Praetorius, der sich als erster großer Gegner der Hexenverbrennungen einen Namen machte. Im Jahr 1580 kommt er unter dem Namen Anton Schulze, gebürtig aus Lippstadt, als Lehrer nach Kamen, nennt sich aber, wie alle Studierten der mittelalterlichen Tradition folgend, lateinisch Antonius Praetorius. Hier heiratet er 1584 Maria, eine Kamenerin, die ihm 1585 den Sohn Johannes gebiert. Offenbar ist er ein guter Lehrer, er erwirbt sich bald Ansehen. Schon 1586 wird er zum Rektor der Kamener Lateinschule bestellt, was durch eine Urkunde vom 28. April 1586 im Kamener Stadtarchiv belegt ist.

Abb. 5. Die Urkunde von 1586, die Antonius Praetorius’ Tätigkeit in Kamen belegt

Er ist wohl ein sehr guter Lehrer, denn man traut ihm zu, die „übel erzogenen wilden Rangen“ zu „Gottesfurcht, Zucht und Tugend“ (Stadtchronist Pröbsting) erziehen zu können. Umso erstaunlicher, daß es zu Anfang des 17. Jh. eine relativ große Anzahl an Studenten ex schola Camensi gab. Um die Erziehung ihrer Kinder zu verbessern und diesen guten Lehrer halten zu können, stifteten 14 prominente Kamener Bürger, darunter auch der damalige Bürgermeister Joachim Buxtorf aus der bekannten Gelehrtenfamilie, 1520 Taler und 72 Taler Rente pro Jahr, woraus Praetorius und zwei weitere Lehrer bezahlt werden sollten. Als Bedingung wird genannt, daß diese Stiftung nur so lange gelten solle, wie die Schule der „Augsburgischen Konfession“1 folge, d.h. evangelisch bleibe.

Bis 1859 wurde diese Schule von der evangelischen Kirchengemeinde betrieben, durch einen Vertrag zwischen Kirchengemeinde und Stadt, am 7. Februar 1859 von der Königlichen Regierung zu Arnsberg bestätigt, wurde diese Rektoratsschule städtisch, sollte aber evangelisch bleiben. Als Zeichen dafür sollte der älteste Pfarrer dieser Gemeinde ständiges Mitglied des Rektorat-Kuratoriums sein.

Der Sohn des Küsters Philip Ruß, der natürlich im Küsterhaus wohnte, ebenfalls Philip genannt, gilt als (einer der) Entdecker des „Schweinfurter Grüns“. Aus seinen Einnahmen daraus vermachte er seiner Heimatstadt später 2000 Taler.

Abb. 6: Das „Storchenhaus“

Auf der Ecke Schulstraße – Wimme steht eine Villa, die immer den Blick der Vorübergehenden auf sich zieht, weil sie sich äußerlich von allen anderen Häusern in Kamen unterscheidet. Sie hat eine richtige Einfahrt, der Sockel ist aus Bruchsteinen gemauert, darüber erhebt sich eine vielfach gestaltete Dachform mit Säulen, Erkern, Loggia. Und selbst der Schornstein scheint einem Taubenhaus nachempfunden. Es ist ein typisch historistischer Baustil. Es stammt aus den 1890er Jahren und wurde vom ersten Kamener Gynäkologen, Dr. med. R. Boschulte errichtet. An seinen Beruf erinnern noch heute die beiden Storchenköpfe links und rechts auf dem Gittertor. Da diese aber meistens offenstehen, muß man es wissen oder schon sehr genau hinschauen, um sie zu entdecken. Später war Dr. Boschulte auch Stadtverordneter. Seine Tochter erbte dieses Haus mitsamt dem Grundstück. Sie verkaufte einen Teil davon in den 1890er Jahren an die katholische Kirche. Heute steht die Kirche Hl. Familie darauf.

Auf der Ecke zur Julius-Voos-Gasse stand ehemals die Metzgerei Voos. Aus ihr ging … Aber diese Gasse verdient  einen eigenen Beitrag.

Abb. 0, 1, 5 & 6:  Photos Klaus Holzer (ausgen. Abb. 2)

Abb. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer

 

1 Confessio Augustana, 1530, von Melanchthon verfaßte grundlegende Bekenntnisschrift der lutherischen Kirche

KH