Das Kriegsende in Kamen

von Klaus Holzer

Am 8. Mai 2015 jährt sich die Kapitulation Nazi-Deutschlands zum 70 Mal. Für Kamen war der Krieg aber schon einen Monat früher vorbei. Am 10. April 1945, um 13.10 Uhr, übergab der Kamener Journalist Otto Birkefeld die Stadt Kamen den Amerikanern, am 11. April begann für Kamen die Nachkriegszeit.

Birkefeld befand sich zu dem Zeitpunkt zusammen mit einem Polizeileutnant und zehn Mann im (alten) Rathaus. Bei ihnen befand sich noch eine Angestellte des Standesamtes, die immer wieder die Luftalarmsirene bediente. Als die Besatzung des Rathauses die amerikanischen Panzer, aus der Weißen Straße kommend, langsam auf den Markt vorrücken sah, wußte zuerst keiner, was nun zu tun war. Dann sagte der Polizeioffizier zu Birkefeld: „Sie sprechen doch Englisch. Gehen Sie mal dahin und sprechen Sie mit den Amerikanern.“ Die standen inzwischen relativ locker vor ihren Panzern und hatten sich Zigaretten angesteckt. Als Birkefeld das sah, steckte er sich seine Pfeife an und ging dann langsam auf die Eroberer zu. Sein spontaner Entschluß brach das Eis und rettete Kamen womöglich vor weiterer Zerstörung. Er übergab die Stadt bedingungslos an den Sieger.

Vorausgegangen waren schwere letzte Gefechte. Nach den verheerenden Luftangriffen von Ende Februar und dem absehbaren Ende, nämlich der Niederlage Nazi-Deutschlands, errichtete der Kamener Volkssturm dennoch an allen großen Einfallstraßen mächtige Panzersperren, am Bahnübergang in der Nähe des damaligen Cafés Schneider, bei Jackenkroll an der Hammer Straße und auch auf der Lünener Straße. Besetzt wurden diese Sperren von alten Volkssturmmännern und Hitlerjungen, die in Schnellkursen notdürftig im Gebrauch von Panzerfäusten unterrichtet worden waren.

Viele Kamener fanden noch Anfang April anonyme Flugblätter in ihren Briefkästen und Vorgärten, in denen Nazis denen Tod und Vergeltung androhten, die vor den anrückenden Feinden den „weißen Fetzen“ zum Fenster heraushängen würden. SS-Streifen rasten in ihren Autos durch die Straßen Kamens und suchten Fahnenflüchtige, mit denen sie im Trichter hinter der ehemaligen VfL-Turnhalle „kurzen Prozeß machten“, d.h., sie erschossen sie kurzerhand, ohne jedes Gerichtsurteil. Kriegstote mußten in der Morgendämmerung beerdigt werden, weil Tiefflieger während des Tages auf alles schossen, was sich bewegte.

Besonders schrecklich war der „Heerwurm“, der sich am Karfreitag von Lünen her durch Kamen bewegte, über die Koppelstraße und den Bahnübergang nach Heeren, 20000 Gefangene und Flüchtlinge. Sie waren total zerlumpt, heruntergekommen und ausgehungert, oft nur mit Lappen an den Füßen. Über dem Zug hing bedrückend der Geruch von Karbol und Desinfektionsmitteln. Eskortiert wurde der schnell so genannte „Russenzug“ von ein paar Dutzend klappriger deutscher Landesschützen, erinnert sich Otto Birkefeld später.

Als Kamen eingenommen war, wurden zuerst zwei Englischlehrerinnen des Gymnasiums, Maria Ahmer und Eleonore Friedrichs, als Dolmetscherinnen ins Rathaus zitiert. Der erste Stadtkommandant erwies sich als großzügig und weitherzig. Er ernannte umgehend ein kleines Ratsherrenkollegium, da an Wahlen nicht zu denken war. Valentin Schürhoff wurde nach der Besichtigung als Obmann von Grillo berufen. Gustav Adolf Berensmann mußte als kommissarischer Bürgermeister den Sonderauftrag umsetzen, alle ehemaligen Nazis unter dem Schiefen Turm zum Schippen und Füllen der Bombentrichter in Kamen einzubestellen, wo sie dann für jedermann sichtbar mit Hacke, Schaufel und Schubkarre malochen mußten.

Und es war viel zerstört worden: 125 Gebäude vollständig, 111 sehr schwer, 350 leicht. Der Schiefe Turm war demoliert, die Kirche Hl. Familie wies an der Ostseite ein großes Loch auf, Krankenhaus, Bahnhof, Altersheim, die Druckerei der „Kamener Zeitung“, die VfL-Turnhalle, das damalige Realgymnasium zu einem großen Teil und der Kindergarten der evangelischen Gemeinde. Und, schlimmer, es gab 245 Tote.

Kamen, wie ganz Deutschland, mußte ganz von vorn anfangen, neu aufgebaut werden. Die Narben kann man heute noch im Stadtbild erkennen.

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Der schiefe Turm                           Hl. Familie

 

Für den Raum der Erinnerung:

Der KKK fragt, die Kamener antworten.

Die erste Frage:

Blindgänger

Wer weiß, wo und wann genau sich diese Szene abgespielt hat? Wer sind die beteiligten Männer?

Westfalen – 200 Jahre alt

von Klaus Holzer

Ab Ende der 1790er Jahre überzog Napoleon Bonaparte ganz Europa mit Krieg, eroberte es, besetzte es, setzte Verwandte und Vertraute ein, es zu regieren, brachte unfaßbares Leid über die Menschen, jedoch auch den aus der französischen Revolution hervorgegangenen republikanischen Weckruf der Moderne, Liberté, Egalité, Fraternité ins noch feudale Europa. Nachdem er in der Völkerschlacht bei Leipzig endgültig besiegt worden war und er schließlich am 17. Juni 1815 sein Waterloo erlebt hatte, wurde daher eine territoriale Neuordnung des Kontinents notwendig. Dieses geschah zwischen 1814 und 1815 auf dem Wiener Kongreß. Als am 9. Juni 1815 die Schlußakte des Kongresses unterzeichnet wurde, wurde damit ein vorher nicht genau umrissenes Territorium namens Westfalen auf die Landkarte gesetzt, als preußische Provinz. In diesem Sommer wird das moderne Westfalen 200 Jahre alt.

Abb. 1 260px-Karte_Stammesherzogtum_Sachsen_um_1000  Stammesherzogtum Sachsen um 1000

Aber natürlich ist Westfalen viel älter. Das alte Stammesherzogtum Sachsen bestand aus drei Teilen, dem westlichen Teil Westfalen, das sich von Friesland bis zum Rothaargebirge erstreckte, dem östlichen Teil Ostfalen, das von Lüneburg im Norden bis Merseburg im Süden reichte, dazwischen lag das Herzogtum Engern, das sich von Kassel im Süden bis nach Dänemark hin zog. Und wer hat nicht schon von dem Westfalen Widukind/Wittekind, dem Herzog Sachsens, gehört, der anno 777 erstmalig anläßlich des Reichstages von Paderborn erwähnt wird? Er war der Anführer der Sachsen (die Westfalen sind ein sächsischer Stamm, woher auch heute noch das Sachsenroß im niedersächsischen und das Westfalenroß im nordrhein-westfälischen Landeswappen herrühren) im Aufstand gegen Karl den Großen, wurde von diesem geschlagen und 785 getauft.

Abb. 2 80px-Coat_of_arms_of_Lower_Saxony.svgAbb. 3 90px-Wappen_der_Provinz_Westfalen_1929

Sachsenroß   &   Westfalenroß

Nach Jahrhunderten als Flickenteppich disparater Gegenden, ohne staatliche oder territoriale Integrität, betrat Westfalen die politische Bühne, als Napoleon sich nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt 1806/07 alle preußischen Gebiete westlich der Elbe einverleibte und 1807 das Königreich Westfalen mit Kassel als Hauptstadt gründete. Hier machte er seinen jüngsten Bruder Jérome zum König, der von seinen Untertanen nur König Lustik genannt wurde, weil sein deutscher Wortschatz angeblich nur aus „Guten Morgen, wieder lustig“ bestand. Das benachbarte Gebiet wurde zum Großherzogtum Berg erklärt, wozu auch Kamen gehörte.

Diese beiden Territorien sollten Modellstaaten nach französischem Vorbild werden. Alles wurde zentralisiert; der Code Civil (Code Napoleon) wurde einheitliche Rechtsgrundlage, alle Steuerprivilegien wurden abgeschafft, das französische Steuersystem eingeführt; die Bauern wurden aus der Leibeigenschaft befreit; es wurde eine Agrarverfassung eingeführt und das Gegenstück, gewerbliche Regulierungen; das Zunftwesen wurde abgeschafft; ein Toleranzgebot mit der Gleichberechtigung der Religionen entstand. Jedoch wurde auch die Wehrpflicht eingeführt, die strenge polizeiliche Überwachung der Bürger, und ein dichtes Spitzelsystem überzog die Gesellschaft.

All dieses wurde in den sechs Jahren französischer Herrschaft angestoßen und hatte nachhaltige Konsequenzen, obgleich die Westfalen die Fremdherrschaft als große Belastung empfanden und mit dem Erwachen patriotischer Gefühle darauf reagierten. Die von den Franzosen angestoßene Modernisierung in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft erwies sich als irreversibel.

Gleich nach der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 besetzte Preußen, das alle seine westlichen Territorien an Frankreich verloren hatte,  das Gebiet zwischen Rhein und Weser

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 Ludwig von Vincke 

und etablierte eine provisorische Verwaltungsorganisation unter dem späteren äußerst populären ersten Westfälischen Oberpräsidenten Ludwig Freiherrn von Vincke, nach dem in Kamen inoffiziell die Brücke zwischen der Hochstraße und der Josefschule benannt ist, und schuf so bereits Fakten, bevor der Wiener Kongreß sich überhaupt konstituiert hatte. Am 30. April 1815 erläßt Preußen eine „Verordnung wegen verbesserter Einrichtung der Provinzialbehörden“ und überführt die provisorische Verwaltungsorganisation in eine dauerhafte.

Abb. 5 Friedrich_Wilhelm_III_of_Prussia-2

 Friedrich Wilhelm III. von Preußen

Dieses von Friedrich Wilhelm III. unterzeichnete Gesetz gilt als die „Geburtsurkunde“ Westfalens, auch wenn, oder vielleicht gerade weil es die Beschlüsse des Wiener Kongresses vorwegnahm. Damit erhält Westfalen zum ersten Mal in seiner Geschichte eindeutige politische Grenzen. Das war die Zeit, in der Preußen sich zum Modernisierungsmotor in Deutschland mauserte.

Abb. 6 350px-Congress_of_Vienna

Wiener Kongreß

Schon am 21. Juni 1815, knapp zwei Wochen nach der Unterzeichnung der Schlußakte des Wiener Kongresses, erklärte es, ein neues System in Staat und Gesellschaft einrichten zu wollen: von der Staatsspitze über die staatlichen und militärischen Einrichtungen bis hin zur städtischen Selbstverwaltung (!). Treibende Kräfte der preußischen Reformen, die auch für Westfalen gelten sollten, waren der Freiherr Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, der seinen Lebensabend auf Schloß Cappenberg verbrachte, und Karl August von Hardenberg. So steht die Gründung des politischen Westfalens am Beginn der Moderne.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hörte Preußen auf zu bestehen, und zwar durch das Gesetz Nr. 46 des Alliierten Kontrollrats vom 25.2.1947. Schon vorher aber hatte die britische Militärregierung am 23.8.1946 aus der preußischen Provinz Westfalen und dem nördlichen Teil der preußischen Rheinprovinz das Bindestrich-Land Nordrhein-Westfalen gebildet. Damit ging die Regierung für Westfalen von Münster auf Düsseldorf über. Und da das Fürstentum Lippe-Detmold den Wiener Kongress ohne territoriale Veränderungen überstanden und niemals zur Preußischen Provinz Westfalen gehört hatte, sondern immer selbständig geblieben war, am 21.1.1947 dann NRW statt Niedersachsen zugeschlagen wurde, hat NRW heute in seinem Landeswappen neben dem Rhein und dem Westfalenroß auch die Lippische Rose.

Abb. 7 80px-Coat_of_arms_of_North_Rhine-Westfalia.svg

 Wappen von NRW

Zu Preußen zu gehören, bot zu jener Zeit durchaus Vorteile, denn es schuf eine weitgehende Vereinheitlichung der Lebensumstände in seinen Provinzen, mit einer Ausnahme, dem Gerichtswesen, das erst am 1. Januar 1900 mit der Einführung des BGB diesen Stand erreichte.

1823 wurden durch Gesetz in allen preußischen Provinzen Versammlungen der Stände – das waren nicht vom Reich abhängige („mediatisierte“) Grafen und Fürsten, Adelige mit Rittergut, Bürger als Vertreter der Städte und Grundbesitzer auf dem Lande als Vertreter der Bauern -– eingerichtet, als Vorläufer eines zu schaffenden gesamtstaatlichen Parlaments.1826 eröffnete Oberpräsident von Vincke den ersten Westfälischen Provinziallandtag. Friedrich Wilhelm III. ernannte den Freiherrn vom Stein zum Landtagsmarschall, d.h., zum Vorsitzenden. Dieser Landtag setzte einen gewaltigen Modernisierungsschub in Bewegung.

Abb. 7a VomStein

Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein

Preußen initiierte eine Reformpolitik, die auf die Durchsetzung einer „bürgerlichen Ordnung“ abzielte. Dazu zählte die Schaffung einer berechenbaren Verwaltung und Justiz, das Selbstverwaltungsrecht der Kommunen, die Emanzipation der Juden, die Städte erhielten eine neue Ordnung ebenso wie die ländlichen Gebiete, die Rahmenbedingungen für die gewerbliche Wirtschaft wurden durch ihre Befreiung von markthemmenden Zunftordnungen verbessert, Straßenbau, Schiffahrt, Eisenbahn, Zölle, Kreditwirtschaft und Versicherungen – alles wurde auf eine neue Grundlage gestellt, was in weiten Kreisen der Bevölkerung zur Akzeptanz der preußischen Herrschaft führte. Provinzialverwaltung und Provinzialparlament bildeten zusammen den Provinzialverband Westfalen, der manche Aufgaben effektiver lösen konnte als eine staatliche Zentralverwaltung (heute nennt man so etwas „Subsidiaritätsprinzip“). Gleichzeitig entstand dadurch eine größere Identifikation weiter bürgerlicher Kreise mit ihrer Provinz, so auch eine größere Legitimation der zentralen Herrschaft.

Abb. 7b Provinz_Westfalen_1905

Preußische Provinz Westfalen

Am größten war der Widerstand gegen Veränderungen im Bereich des Adels, der Stände und des Bildungsbürgertums. Daneben bestanden von Anfang an Ressentiments zwischen dem protestantischen Westfalen, z.B. der Grafschaft Mark mit Kamen, Minden-Ravensberg und dem Siegerland, und den katholischen Gegenden, den Fürstbistümern Münster und Paderborn und dem Herzogtum Westfalen, d.h., dem Erzbistum Köln (die Kölner Erzbischöfe waren seit 1180 auch Herzöge von Westfalen). Hier wird deutlich, daß Westfalen zu Beginn des 19. Jh. ein Konglomerat aus disparaten wirtschaftlichen, sozialen, konfessionell-kulturellen und politischen Regionen war, was noch heute erkennbar ist, wenn man das Ruhrgebiet mit seiner früheren Industrie und der durch Zuwanderung aus Ost– und Südeuropa bedingten heterogenen Bevölkerung, z.B. mit dem immer noch stark ländlich geprägten Münsterland vergleicht.

Im Jahre 1840 war auch Kamen direkt von solchen Vereinheitlichungsbestrebungen betroffen. Seit 1744 gab es hier die „Kirche der größeren evangelischen Gemeinde“, die heutige Pauluskirche, und die der kleineren, die heutige Lutherkirche. Erstere war reformiert, d.h., calvinistisch, letztere lutherisch. Der preußische König, Friedrich Wilhelm III., gleichzeitig summus episcopus, der oberste Bischof der Kirche in Preußen, hatte 1817 verfügt, daß sich die verschiedenen protestantischen Landeskirchen zu einer Union zusammenschlössen, was die beiden Kamener Gemeinden auch unterschrieben, aber nicht in die Tat umsetzten, was jedoch durchaus nicht der königlichen Verfügung widersprach, da diese sich vor allem auf die organisatorische Seite bezog.  Die echte Union kam erst 1920, als beide Kirchen auch ihre heutigen Namen bekamen.

Die nächste Etappe wurde von der 48er Revolution geprägt. Nachdem Friedrich Wilhelm IV. die ihm von der Frankfurter Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone abgelehnt hatte und damit für die „Herrschaft kraft monarchischem Recht“ demonstriert hatte, wollte die republikanische Seite die Anerkennung der Reichsverfassung erzwingen. Daher kam es im Mai 1849 in Westfalen zu Aufständen. Eine der spektakulärsten Aktionen ereignete sich in Iserlohn, wo es in einer Schießerei zwischen märkischer Landwehr und preußischem Militär über 100 Tote gab, überwiegend Aufständische und Zivilisten.

Der Beginn der Industrialisierung in Westfalen in der Mitte des 19. Jh. verschärfte zunächst die Gegensätze zwischen den sich industrialisierenden Städten und den oft rückständigen ländlichen Regionen. In der Mitte des Jahrhunderts war die Kohleproduktion im Ruhrgebiet durch den Einsatz der Dampfmaschine und den Bau von Eisenbahnlinien richtig in Gang gekommen, und die Montanindustrie verlagerte sich immer stärker aus Randregionen in die Nähe der Kohlegruben. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts war das Ruhrgebiet das wirtschaftliche Zentrum der gesamten Provinz geworden. Dadurch kamen auch immer mehr Menschen in diese Region, vor allen Dingen aus Süddeutschland und Deutschlands Osten.

Als im Jahre 1871 Kamens erster Schacht abgeteuft wurde, wohnten hier 3723 Menschen. Aber schon 1900 war ihre Zahl auf 9888 gewachsen. Die Zahl der Katholiken war von ca. 400 auf ca. 4500 gewachsen, eine Verelffachung in nur einer Generation! Und ähnlich stellte sich das in ganz Westfalen dar: 1871 lebten 1,78 Millionen Menschen hier, 1900 aber schon 3,2 Millionen.

So entstand in wenigen Jahrzehnten Europas größter Ballungsraum und das industrielle Herz des Kaiserreiches. Was lange Zeit der große Vorteil des Ruhrgebietes war, Bergbau, Eisen– und Stahl– und Textilindustrie, erwies sich seit den 1950er Jahren als Hemmschuh, weil diese sogenannten Altindustrien einen rapiden Niedergang erlebten – auch in Kamen gab es statt Berge– nun Kohlehalden – verschämt „nationale Kohlereserve“ genannt – jedoch die neuen Trägerbranchen des Wirtschaftswunders, Elektro–, Auto– und Chemieindustrie, sich vorwiegend in Süddeutschland befanden. Den Strukturwandel in NRW überstanden mit Abstand am besten die schon aus vorindustrieller Zeit herrührende diversifizierte Eisen–, Draht– und Werkzeugindustrie im Bergischen, Sauer– und Siegerland.

Und weil das Ruhrgebiet lange Zeit durch den Malocher geprägt war, konnte sich auch eine allenfalls rudimentäre bürgerlich-klassische Kultur entwickeln. Die Moderne in Kunst, Literatur, Musik und Architektur war nur schwach vertreten. Die einzige genuine Literaturströmung des Ruhrgebietes war die Gruppe „Literatur der Arbeitswelt“ mit ihrem prominentesten Vertreter Max von der Grün, der auch noch aus Franken zugezogen war. Wo es hervorragende Vertreter dieser Richtungen gab, gründeten sie doch keine Schulen, zogen aus dem Ruhrgebiet weg. Und ein zweiter Standortnachteil war das Fehlen von Universitäten und Fachhochschulen im Ruhrgebiet, die erst in den 1960er Jahren gegründet wurden, dann aber mit Macht und in großer Zahl, und die den notwendig gewordenen Strukturwandel anschoben, begleiteten und beschleunigten.

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Ruhrgebiet   &   Münsterland   &   Sauerland

 

 

 

 

 

Und die ländlichen Regionen im Münsterland, im östlichen Sauerland und im Paderborner Raum erlebten vielfältige Gründungen inhabergeführter Kunststoff–, Chemie–, Möbel–, Elektro–, Maschinenbau– und Entsorgungsindustrien. Der ländliche Kreis Coesfeld ist z.B. die Region mit der niedrigsten Arbeitslosenquote in NRW. So wird sich wohl eine allmähliche Angleichung der Lebensumstände zwischen industriellen und ländlichen Regionen entwickeln.

Aufgrund der industriellen Entwicklung des Ruhrgebiets – jede Stadt mit eigener Zeche, Stahlwerk etc. – entwickelte sich ein Kirchturmdenken, das bis heute anhält und das gemeinsame Vorgehen aller Ruhrgebietsstädte zum gemeinsamen Wohl verhindert, auch wenn es in letzter Zeit nach dem Entstehen einer eigenen sozialen und politischen Trägerschicht mit regionalem Bewußtsein wiederholt Bestrebungen gegeben hat, eine gemeinsame Verwaltung zu etablieren, sei es die zum Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 besonders lautstark propagierte Abb. 11 metropole ruhroder der Regionalverband Ruhr (rvr), der nach schon jahrelang

Aus der Zwischenablage

verfolgten Plänen als „Ruhrparlament“ von der Bevölkerung direkt gewählt werden soll, was ständig neue Diskussionen provoziert. Und auch wenn frühere Landesregierungen mit dem Slogan „Wir in NRW“ warben – ein richtiges NRW-Bewußtsein will sich nicht einstellen, zu stark ist immer noch die Rivalität zwischen Westfalen und dem Rheinland. Immer fühlt Westfalen sich gegenüber dem Rheinland benachteiligt: dort gibt es mehr Forschungsein-richtungen, wichtigere Institutionen, mehr Kulturförderung durch das Land usw. Und sicherlich liegt es immer noch daran, daß die industrialisierte Ruhr, früher im Bild dargestellt durch die Silhouetten von Zechen und Hochöfen und symbolisiert durch „Kumpel Anton“, heute durch den von Jürgen von Manger erfundenen Ruhrgebietsdialekt, und das ländliche Münsterland, seit Jahrhunderten durch den Kiepenkerl, Schinken und Pumpernickel repräsentiert, nur schwer gemeinsame Interessen haben können. Und ganz eigenständige Identitäten haben Ostwestfalen-Lippe, das Paderborner Land, Sauer– und Siegerland entwickelt.

Es ist noch unklar, wohin NRW, wohin Westfalen sich entwickeln wird, ob die eigenständigen Identitäten der Landesteile ein echtes Zusammenwachsen verhindern werden, ob zwischen Westfalen und dem Rheinland mit einem politisch und verwaltungstechnisch vereinigten Ruhrgebiet etwas Eigenständiges entstehen wird, oder ob tatsächlich das von vielen ersehnte Wir-Gefühl entstehen wird. Wie auch immer die Entwicklung verlaufen wird, die regionalen Besonderheiten jedes Landesteils werden für zumindest regionale Identitäten sorgen. Westfalen bleibt auf jeden Fall Westfalen.

Bildnachweis:

Wikipedia: Nr. 1 / 4 / 5 / 7a

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Presseamt Willingen: 10

KH

9. Zeitzeichen

von Klaus Holzer

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Photo: Jürgen Dupke

9. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen am 23. April 2015 im Haus der Stadtgeschichte in Kamen:

Malte Hinz bei seinem Vortrag

9. Zeitzeichen des KKK zum Thema Pressefreiheit

Es war ein Novum bei den Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen, es waren keine Bilder, vom Beamer an die Wand projiziert, die das Interesse auf sich zogen, es war das reine Wort! Aber es bannte die Zuhörer und hielt sie auf ihren Plätzen fest!

Malte Hinz, bis Ende dieses Monats noch Chefredakteur der Westfälischen Rundschau, einer Zeitung ohne Redaktion – was er als falsche Entscheidung der Geschäftsleitung der Funke-Gruppe kritisierte – schlug am Donnerstagabend, 23. April 2015 im Haus der Stadtgeschichte in Kamen einen weiten Bogen vom Beginn der Pressefreiheit 1832 bis heute. Dazu konnte er auf reiche eigene Erfahrungen in 44 Jahren als Journalist zurückgreifen. Das tat er gekonnt und erhellte das vielleicht eher spröde Thema durch seinen fesselnden Vortrag.

Der Name Phillipp Jakob Siebenpfeiffer war wohl den wenigsten seiner Zuhörer jemals untergekommen, und doch steht er am Anfang der Pressefreiheit, die heute in Art. 5 des GG für Deutschland festgeschrieben steht. Dieser PhJS verteidigte das Recht, seine Meinung frei veröffentlichen zu dürfen gegen die damals herrschende Obrigkeit vehement und setzte sie, trotz aller Widrigkeiten, durch. Ihm folgten im Verlauf der letzten 180 Jahre immer wieder große Verleger und Journalisten, die, so MHs zentraler Begriff, „Haltung“ besaßen und das Wesen einer freien Presse begründeten und verfestigten: Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Rudolf Augstein, Henri Nannen, Axel Caesar Springer u.a.

Guter Journalismus, das ist sorgfältige Auswahl der Meldungen aus der täglichen Flut, gründliche Recherche, Bewahrung der Distanz zu den Mächtigen, Mut und Standfestigkeit, auch festes Auftreten der Lokaljournalisten gegenüber dem Rathaus – so verstanden, wird die Zeitung in ihrer alten Form auf Papier noch lange Bestand haben. Auch das Internet mit seiner Minuten-Aktualität könne einem solchen Qualitätsjournalismus nichts anhaben. Zwar sei die Bezeichnung „Journalist“ nicht geschützt, auch wer für die vereinseigene Angelzeitung schreibt, könne sich so nennen, doch betreffe das nicht die Bezeichnung „Redakteur“. Diese bezeichne einen Ausbildungsberuf, und das sei dann ein geschützter Begriff.

MH räumte ein, daß das Nebeneinander mehrerer Lokalredaktionen durch die Konkurrenzsituation im ganzen zu einer Verbesserung der journalistischen Arbeit führe und gab zu, das das Schließen der Redaktionen der Westfälischen Rundschau in den betreffenden Städten zu einer Verarmung der Presselandschaft geführt habe, was durch Anwesende bekräftigt wurde.

Mit Sorge blickte MH auf Tendenzen in der Politik, unter dem Deckmäntelchen der Sicherheit Journalisten (und Bürger) zu belauschen und auszuspähen, weil so Pressefreiheit unterwandert und ausgehöhlt werde, es ohne sie aber keine Demokratie gebe. Auch auf die Frage, was Satire darf, ging MH explizit ein: alles. Und der Karikierte, Entlarvte, muß alles ertragen. Und es kann keine Ausnahmen davon geben, weder für Einzelpersonen noch Gruppen noch für z.B. religiöse Gefühle, denn das würde ja eine Privilegierung bedeuten, und das wäre antidemokratisch. Da müssen die Angegriffenen jedweder Couleur jede Unverschämtheit und Geschmacklosigkeit über sich ergehen lassen, bis an die Grenze zur Volksverhetzung, die nicht überschritten werden darf. Freilich brauche nicht jedermann so etwas gut zu finden, aber das sei Geschmackssache, und Geschmack sei privat.

Anschließend gab es viele Fragen und eigene Ansichten zum Thema seitens des Publikums. Ein Teilnehmer beklagte die mangelhafte Vorberichterstattung über den Vortragsabend in der Lokalpresse. Für Schüler, meinte er, hätte der Abend Pflichtveranstaltung sein müssen. Ein Vertreter des KKK erläuterte daraufhin seine Bemühungen um angemessene, d.h., ausführlichere Berichterstattung. Er habe die Lokalredaktionen mehrfach angeschrieben und mit Informationen über den Vortrag versorgt, sie sogar persönlich aufgesucht und die Einladung wiederholt, sie ausdrücklich auch zur Berichtserstattung darüber eingeladen. Er müsse aber resigniert feststellen, daß Pressefreiheit auch das Recht der Presse beinhalte, über ein Ereignis nicht zu berichten. Vielleicht ist dieser Punkt schon das Ergebnis der verschwundenen Konkurrenz auf dem Kamener Pressemarkt?

Die Gefahr durch den islamistischen Terror wurden angesprochen, die allgemeine Situation in der Welt, wie die Schere im Kopf wirkt, wenn jemand, sobald er über Unliebsames berichtet, damit rechnen muß, beim nächsten Mal nicht mehr im Flugzeug der Kanzlerin zu sitzen, wenn es zu wichtigen Treffen geht, aber auch, wie sie wirkt, wenn Gefahr für Leib und Leben droht. Immer ist es eine Frage der Abwägung, die der einzelne Journalist vornehmen muß. Und damit kam MH auf seinen Anfang zurück: Dann ist „Haltung“ gefragt. Denn Pressefreiheit geht über alles.

KH

 

Malte Hinz, Die Presse ist frei – kein Aber! 

Pressefreiheit ist ein hohes Gut, das es unter allen Umständen zu bewahren gilt. Gilt das nur in Sonntagsreden oder auch, wenn es darauf ankommt?

Am 7.1.2015 ermordeten islamistische Terroristen 12 Journalisten in den Redaktionsräumen der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Mittlerweile bringen nicht wenige Zeitungen aus Angst vor weiteren Anschlägen keine Mohammed-Karikaturen mehr, sofern sie nicht durch die Androhung von Gewalt schon vorher eingeschüchtert waren. Wer die Sprachregelungen der Political Correctness nicht beachtet, wird umgehend im Internet niedergemacht. Wer hält solchem Druck stand? Ist, wer ihm nachgibt, Feigling oder Realist oder einfach Mensch?

Sind Situationen vorstellbar, in denen auf Pressefreiheit freiwillig verzichtet wird, z.B., wenn es um die Sicherheit einer Gesellschaft geht? Was darf, was muß Satire? Heißt Pressefreiheit, daß über alles berichtet werden muß? Wann setzt die Schere im Kopf an? Kann Pressefreiheit mißbräuchlich benutzt werden, z.B., zur Meinungsmache? Geben wir mit der Pressefreiheit Grundwerte unserer Zivilisation auf?

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Der Referent des Abends ist den Kamenern gut bekannt: Malte Hinz (Photo: WR), Chefredakteur der Westfälischen Rundschau, der lange in den heimischen Redaktionen in Kamen und Bergkamen gearbeitet hat. Angesichts der gegenwärtigen politischen Situation sind die Ausführungen eines Journalisten zum Thema Pressefreiheit sicherlich von besonderem Interesse, scheint doch Pressefreiheit derzeit von allen Seiten bedroht, sei es „embedded journalism“ oder die islamistische Bedrohung auch in unserem Land. Oder einfach durch zu große Nähe zu Regierenden. Die Frage nach dem Wert der Pressefreiheit stellt sich umso dringlicher. Für Malte Hinz gibt es „kein Aber“. Er tritt offensiv für die Freiheit der Presse ein. Eine Diskussion im Anschluß an seine Ausführungen ist erwünscht.

Zu dieser Veranstaltung am Do., 23. April 2015 um 19.30 Uhr lädt der KKK Sie ins Haus der Stadtgeschichte in Kamen, Bahnhofstraße 21, ein. Der Eintritt ist frei. Spenden für Projekte des KKK in Kamen sind willkommen.

KH

Die Neugestaltung des Seseke-Ufers

von Klaus Holzer

In Kamen steht eine wesentliche städtebauliche Veränderung der Innenstadt an. Nach der baulichen Veränderung des städtischen Nordpols (Vogelhof/Hertie) und des Südpols (Bahnhof) wird jetzt sozusagen auch der Äquator in Angriff genommen. Städtebaulich ist die Umgestaltung des Seseke-Ufers von großer Bedeutung, darf sich doch keine Stadt, die so glücklich, an einem Fluß zu liegen, diese Chance auf eine innerstädtische Promenade entgehen lassen.

Im April wird die Stadt die von einem Fachbüro entwickelten Umbaupläne der Öffentlichkeit vorlegen und sie über Einzelheiten der Neugestaltung informieren. Diese Pläne stützen sich auf Ideen, die in einem Wettbewerb im Jahre 2013 entstanden. Jetzt geht es also um die konkrete Umsetzung.

Schon 2013 brachte sich der KKK mit schriftlich formulierten Vorschlägen im Vorfeld des Wettbewerbs ein, u.a. mit der Idee einer Literaturpromenade. Jetzt hat der KKK diese Idee konkretisiert und am 23. Februar d.J. Bürgermeister Hermann Hupe mit der Bitte zur Kenntnis gebracht, sie ebenfalls im Rahmen der öffentlichen Präsentation als möglichen Bestandteil der Umgestaltung vorzustellen.

Hier ist unser Vorschlag (Design: Reimund Kasper):

Entwurf 1 a

Vorschlag 1: Einfache Tafel in kräftiger Farbe, einmal gefaltet, Höhe 180 cm, Breite 45 oder 50 cm

Entwurf 1 b

Vorschlag 2 (als Alternative gedacht): Die Tafel wird ergänzt durch ein „Fenster zur Welt“, das einen sich ständig ändernden Blick auf den Fluß und seine Umgebung erlaubt (vgl. auf das Kunstwerk „Jetzt und der Fluß“ an der Braunebach-Mündung). Ansonsten gleiche Ausführung.

Das dahinter stehende Konzept:

Der Kultur Kreis Kamen schlägt vor, bei der Neugestaltung des Sesekeufers in der Kamener Innenstadt in die Planung folgenden Vorschlag aufzunehmen:

A. Anlegen einer Literaturpromenade:

  1. Es werden zwischen der Fünfbogenbrücke und der Vinckebrücke (Eilater Weg) acht Stelen aufgestellt. Die Maße der Stelen: Höhe 180 cm, Breite 45 cm.
  2. Auf den acht Stelen werden Folien/AluDibond-Tafeln für wechselnde Exponate befestigt. Die werden mit einer auswechselbaren Folie gegen Vandalismusschaden überzogen.
  3. Unter „Exponate“ verstehen wir ausgesuchte Texte zu Dichter–, Philosophen– und anderen Jubiläen oder thematisch orientierte Texte. Mögliche Themen: Freude, Glück, Frieden, Wasser, Jugend, Alter usw. Hier kommen Aussagen bekannter Personen der Weltgeschichte wie auch von Schriftstellern usw. in Frage.
  4. Die Zahl der Stelen orientiert sich an der Zahl der Kamener Partnerstädte, die so in Aktionen mit je einem Inhalt in der jeweiligen Landessprache eingebunden werden könnten.
  5. Die Auswahl der Inhalte kann in Kooperation z.B. mit den weiterführenden Schulen in Kamen vorgenommen werden.

B. Wirkung:

  1. Die durch ihre Größe und Farbgebung auffallenden Stelen geben dem Flußufer ein gestalterisches Element.
  2. Sie betonen den Promenadencharakter des Flußufers und laden dazu ein, zu „promenieren“.
  3. Die Spaziergänger werden stehenbleiben und sich unterhalten und gleichzeitig angeregt fühlen.
  4. Ein relativ häufiger Wechsel der Inhalte vermeidet Langeweile. An kommenden Inhalten kann Interesse geweckt werden, das durch entsprechende Presseberichterstattung gefüttert werden kann.
  5. Durch die Orientierung der Zahl der Stelen an der Zahl der Kamener Partnerstädte können gemeinsame Aktionen mit hohem Symbolcharakter vorgenommen werden (s.a.o., A 4).
  6. Durch die Beteiligung der Schulen und einer möglichst großen Zahl von Schülern wird eine Vielzahl von Mitwirkenden eingebunden.
  7. Daraus wird ein Gefühl der Mitverantwortung für diese Stelen geweckt werden, was im günstigsten Fall mithilft, Vandalismus zu begrenzen oder sogar zu vermeiden.
  8. Die mitwirkenden Schüler und ihre Familien werden vielleicht ein stärkeres Gefühl für Kamen, ihre Heimatstadt, erfahren.
  9. Nach der Umgestaltung des Bahnhofsumfeldes im Süden der Stadt (Verkehr) und des ehemaligen Vogelhofs (Hertiegelände/Handel) im Norden entwickelt Kamen in der Stadtmitte einen Anziehungspunkt mit Unterhaltungs– und Bildungswert. Die attraktiv gestalteten Stelen werden ein Schmuck für die Promenade werden.
  10. Es wird sich eine attraktive Flußpromenade entwickeln, die möglicherweise Besucher aus der näheren Umgebung anziehen wird. (Touristik)
  11. Es ist zu empfehlen, die Tafeln bei Dunkelheit anzuleuchten, so würde das auch bei Nacht den Promenadencharakter verstärken bei gleichzeitiger Erhöhung der Sicherheit. Durch raffinierte Beleuchtung würde eine völlig neue künstlerische Dimension eröffnet.
  12. Solche Stelen könnten sukzessive auch auf anderen Flächen im Stadtgebiet, z.B. in Parks, aufgestellt werden.

C. Kosten und laufende Maßnahmen:

Die Kosten pro Stele belaufen sich auf ca. € 500,00 für die einfachere Version, ca. 650,00 für die Version mit dem „Fenster zur Welt“, beide inkl. Pulverbeschichtung

Die Kosten je bedruckter Folie belaufen sich auf ca. € 80,00

Die Kosten für eine bedruckte AluDibond-Tafel belaufen sich ebenfalls auf ca. € 80,00

Das Aufstellen der Stelen kann

  1. im Zuge der Baumaßnahmen der Umgestaltung von der Baufirma mit vorgenommen werden
  2. vom städtischen Baubetriebshof kostengünstig vorgenommen werden
  3. eventuell von Bautrupps des Lippeverbandes ausgeführt werden, da die Stelen vermutlich am besten hinter den vorhandenen Zäunen auf dem Ufergelände aufzustellen sind. Dort bilden sie keine Hindernisse und sind zusätzlich geschützt
  4. die Aufstellungsorte bzw. die Frequenz der Tafeln wird in Abstimmung mit der Stadt Kamen bzw. dem LV vorgenommen

Das Wechseln der Textfolien ist einfach und läßt sich im Zuge der normalen Überprüfungen des Seseke-Ufers durch den städtischen Baubetriebshof durchführen. Dazu wird die alte Folie abgenommen und die neue aufgeklebt. Einfacher ist das Verfahren mit AluDibond-Tafeln, die nur aufgeschraubt zu werden brauchen.

Die Stelen sollten in das Eigentum der Stadt übergehen.

Bei den oben gemachten Angaben handelt es sich um einen Vorschlag, dessen Einzelheiten variabel sind.

KH

Glocken der Kirche Hl. Familie – Der KKK als Vermittler erfolgreich

von Klaus Holzer

Im Sommer 2014 entdeckte der KKK auf dem Städtischen Bauhof in Kamen zwei alte Glocken, die dort abgestellt und offenbar vergessen worden waren. Es tat weh, zwei so schöne Glocken in so trostloser Umgebung zu sehen! Und auf dem Bauhof störten sie nur, nahmen Platz weg. Ein kurzer Blick auf die Inschrift zeigte sogleich, daß es sich um „katholische“ Glocken handeln mußte. Der Text war lateinisch und verwies auf Maria.

 

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Da niemand wußte, wo sie herkamen und wo sie hingehörten, tauchte ein KKKler in die Abteilung „Zeitungen“ des Stadtarchivs und wurde schnell fündig. Es handelte sich um zwei von ehemals drei Glocken der Kirche Hl. Familie, die 1987 aus dem Turm entfernt werden mußten, da ein Glockensachverständiger feine Risse im Korpus festgestellt hatte und niemand garantieren konnte, daß sie beim Läuten nicht herunterfallen würden. Es gab also ein sofortiges Läuteverbot. Der damalige Pfarrer Beule ignorierte dieses Verbot jedoch an Silvester 1987 und ließ die Glocken noch einmal kräftig über Kamen klingen, da er, zu Recht, annahm, daß sich zu der Zeit sowieso niemand unter dem Turm aufhalten würde.

Aber da eine Kirche ohne Geläut die Gläubigen nicht zum Gottesdienst rufen kann, wurden sogleich neue bestellt, die im Frühjahr 1988 in den Turm gehoben wurden.

Wieso bekam eigentlich eine Kirche, die erst im Herbst 1902 konsekriert worden war, schon 1922 neue Glocken? Die Erstausstattung konnte doch nicht schon schadhaft sein? Aber 1917 geschah der katholischen Kirche Hl. Familie genau das gleiche wie der evangelischen Pauluskirche: die alten Bronzeglocken mußten abgegeben werden, damit aus ihnen Munition für den Krieg gefertigt werden konnte. Und ebenso bekamen beide Kirchen 1922 neue Stahlglocken aus Apolda in Thüringen (wo es übrigens ein sehenswertes Glockenmuseum gibt!).

Und als die alten Glocken aus dem Turm entfernt wurden, sicherte sich die Stadt Kamen das Anrecht auf zwei von ihnen, stellte sie auf dem Bauhof ab mit dem Versprechen, innerhalb von acht Tagen einen neuen Aufstellort für sie zu finden. Aber aus den acht Tagen wurden 25 Jahre.

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Am Freitag, 23. Januar 2015, sind sie aber (fast) an ihren alten Ort zurückgekehrt. Am Weg zwischen dem Portal der Kirche Hl. Familie und dem Nordzugang zu ihrem Gelände, direkt neben dem Turm, hat die Kirchengemeinde etwas Gebüsch gerodet und zwei Stellflächen angelegt, auf denen die große und die kleine ehemalige Glocke nun ein neues Zuhause gefunden haben. Wohl auf Dauer. Und Kamen ist um eine Attraktion reicher. Wer kann schon richtige Glocken sehen und sogar anfassen?

KH

Johannes Buxtorf – Vortrag am 13. Januar 2015

Herzlichen Glückwunsch zum 450. Geburtstag

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Johannes Buxtorf

dem Begründer der wissenschaftlichen Hebraistik

dem wirkmächtigsten Kamener aller Zeiten

Dr. Christoph Buxtorf und Dr. Regine Buxtorf, zwei Nachfahren des Johannes Buxtorf, kommen anläßlich dieses Geburtstages am 13. Januar 2015 nach Kamen

(Bitte lesen Sie auch den Artikel über JB! Hier klicken! Hinweis: am 13. Januar 2015 hält Horst Delkus im Kamener Museum einen Vortrag über JB)

KH

Fritz Heitsch – Stadtdirektor und Künstler

von Klaus Holzer

In unserer Vorstellung gibt es kaum etwas Trockeneres als Verwaltungsbeamte. Sie verfahren streng nach Recht und Gesetz, neigen zu bürokratischem Verhalten, treiben uns manchmal zum Wahnsinn, dennoch geht es ohne sie nicht.

Ganz anders der Künstler. In allem scheint er das Gegenteil des Bürokraten zu sein. Große Freiheit und Gestaltungskraft aus ihm selber heraus, gewonnen aus sich selbst auferlegten Regeln, treiben ihn zu schöpferischem Tun.

Aus der Zwischenablage Fritz Heitsch, 1962

Und es scheint ausgeschlossen, daß sich diese einander widersprechenden Eigenschaften in einer Person verbinden können. Und doch ist es vorgekommen, in Kamen: der frühere Kamener Stadtdirektor Fritz Heitsch war beides.

FH wurde am 23. Juni 1900 in Elberfeld (heute Stadtteil von Wuppertal) geboren, gerade noch rechtzeitig, um im Ersten Weltkrieg als Soldat zu dienen. Sein Vater war Prof. Louis Heitsch, Bildhauer und Oberlehrer an der Handwerker– und Kunstgewerbeschule in Elberfeld. Anders als nach seiner Herkunft zu erwarten gewesen wäre, wurde Fritz, nachdem er aus dem Krieg zurückgekehrt war, Bergmann auf der Zeche Sachsen in Heessen, wo er fast zwei Jahrzehnte arbeitete, mehrere davon als Betriebsrat. 1922 trat er in die SPD ein.

Ende der 1930er Jahre inhaftierten ihn die Nationalsozialisten im KZ Schönhausen in Bergkamen, von wo er nach kurzer Zeit in das Lager Wittlich/Mosel verlegt wurde. Als echter Sozialdemokrat hatte er sich geweigert, mit „Heil Hitler“ zu grüßen.

Während dieser Zeit als Gefangener entsann er sich seiner Kindheit in einer Künstlerfamilie und fand zur Kunst, die es ihm ermöglichte, diese belastende Zeit ohne größere Schäden an Körper und Geist zu überstehen.  Aber er machte es sich nicht leicht, er wählte den schweren Weg, er brachte sich das zu seiner Kunst notwendige Handwerk selber bei. Und für seine Plastiken nahm er nicht die leichter zu bearbeitenden Werkstoffe wie Holz oder Töpferton, sondern den spröden Mergelton, aus dem auch Ziegel gefertigt werden.

Büste FH von W. Becker 1943 KopieW. Becker, Büste Fritz Heitsch, 1943

 Nach der Zeit in Wittlich war er gesundheitlich angeschlagen und kam dennoch, wieder zurück in der Heimat, erst einmal als Sanitäter an die Westfront, nach seiner Entlassung 1940 ins Knappschafts-krankenhaus nach Hamm, wo er seine künstlerische Tätigkeit wieder aufnahm. Schon 1942 war er an einer Ausstellung in Hamm beteiligt. 1943 wurde er an die Landwehr überstellt. Inzwischen war seine künstlerische Begabung sogar den Nazis aufgefallen, die ihn bisher alsSozialisten diskriminiert hatten. In der Wochenschau vom 20. Oktober 1943 wird FH als „Kumpel auf einer deutschen Zeche“ porträtiert, der „ein guter Bergmann“ sei, der „seine freie Zeit als Bildhauer“ verbringe. So benutzten sie ihn, den sie wenige Jahre zuvor noch ins KZ gesteckt hatten, nun für ihre Zwecke.

Bäuerin_Mutter    Fritz Heitsch, Bäuerin, o.D. | Mutter mit Kind, o.D.

Am 25. Mai 1945, gleich nach Kriegsende, ernannte der englische Kommandant von Hamm FH, den sozialdemokratischen Betriebsrat und ehemaligen KZ-Insassen, zum Bürgermeister von Werries, seinem Wohnsitz seit 1923. Das geschah ganz lakonisch auf einem etwa 5 cm breiten Streifen Papier, mit Schreibmaschine geschrieben: „Hereby I appoint Herr Heitsch Bürgermeister of Werries.“ Nur ein Jahr später bestellte ihn derselbe englische Kommandant zum Amtsbürgermeister des Amtes Rhynern. Den nächsten Schritt auf der Karriereleiter machte er, als Hubert Biernat, damals Landrat in Unna, ihn zu sich ins Kreishaus holte. Doch schon 1948 wurde er für 12 Jahre zum Stadtdirektor in Kamen gewählt.

In diese Zeit fallen Kamens erste größere Industrieansiedlungen: Kettler, Winkelhardt, GZK, mit Paul Vahle fuhr er einen ganzen Sonntagnachmittag lang durch Kamen, bis dieser ein passendes Grundstück gefunden hatte. Wie weitsichtig dieses Handeln war! Vahle ist heute eines der innovativsten Unternehmen in Kamen, ein Vorzeigebetrieb, Weltmarktführer auf seinem Gebiet, der berührungslosen Stromübertragung. Bei all diesem Handeln stand FH unter dem immensen Druck der „Waschkauenfraktion“, die sich sorgte, daß dem Bergbau Arbeiter verloren gehen könnten, die die Arbeitsplatzkonkurrenz fürchtete. FH war der Weitsichtigere.

In diese Zeit fiel die schwierige Aufgabe des Wiederaufbaus der teilweise zerstörten Stadt. Man sollte also meinen,  damit war FH ausgelastet. Doch fand er immer noch Zeit für seine Plastiken, vielleicht brauchte er sie auch, um zwischen all den schweren Entscheidungen jener Zeit Luft zu schnappen. Sein Thema waren immer wieder die Erfahrungen seiner frühen Jahre: Bergmann, Bäuerin, Mutter mit Kind, sie alle Figuren, denen man ansah, daß sie in ihrem Leben immer kämpfen mußten. Für ihn war die Frage nie, die damals die Künstler umtrieb: figürlich oder abstrakt? Seine Erfahrungen waren konkret, sie mußten konkret dargestellt werden. Sie sollten die Lebenswirklichkeit widerspiegeln.

Bergmänner             Fritz Heitsch, Bergmann, o.D. | Bergmann, o.D.

In den 1950er Jahren traf er auch mit bekannten Künstlern unserer Region zusammen: Max Schulze-Sölde, Fritz und Eberhard Viegener, Hans Güldenhaupt, Lutz Ante, Heinz Wittler, u.a.

Als wäre es noch nicht genug, sich als oberster Verwaltungsbeamter und als ein anerkannter Künstler in Kamen zu verewigen, wurde er auch noch zum Mäzen einer jungen Künstlergeneration. Helmut Meschonat, ein entfernter Verwandter, ebenfalls aus Werries nach Kamen gekommen, Ulrich Kett und Heinrich Kemmer gründeten 1959 die Künstlergruppe „Schiefer Turm“, als deren, heute würde man sagen, Manager der umtriebige Emil Künsch auftrat. Diese drei Künstler brauchten dringend ein Atelier, in dem sie ihre großformatigen Arbeiten anfertigen konnten. Emil Künsch wandte sich mit der Bitte um Hilfe an die Stadt und fand in FH jemanden, der das Verständnis für dieses Bedürfnis sogleich in die Tat münden ließ. Jetzt wurde der Dachboden des Amtsgerichts, des heutigen Hauses der Kamener Stadtgeschichte, von den Beteiligten in Gemeinschaftsarbeit in ein Atelier verwandelt. Und weil FH an der Gruppe ein persönliches Interesse nahm, wurde er gleichzeitig Mitglied und stellte ab 1961 mit den Jungen zusammen aus.

Kinderkopf KopieFritz Heitsch, Sohn Klaus, ca. 1945

Und auch in anderer Hinsicht half er ihnen, ihren Weg in die Kunst zu finden, indem er sie mit den arrivierten Künstlern aus seiner Bekanntschaft zusammenbrachte, was ihnen immer wieder neue Impulse verlieh.

Daß er gleichzeitig auch ein guter Verwaltungschef gewesen sein muß, beweist die Tatsache, daß er 1961 für eine zweite zwölfjährige Amtsperiode als Stadtdirektor gewählt wurde. In dieser Funktion wurde er zum Vorsitzenden des Deutschen Städtebundes im Regierungsbezirk Arnsberg gewählt, er, der Sozialdemokrat, von einer CDU-Mehrheit!

Doch 1963 erlitt er einen Schlaganfall und war fortan nicht mehr in der Lage, sein Amt auszuüben. Am 28. Februar 1965 schied er offiziell wegen Erreichens der Altersgrenze aus. Seine Gesundheit hatte ihn zwar im Stich gelassen, doch von der Kunst ließ er nicht. Sie war der Trost seiner letzten Lebensjahre.

Am 28. Januar 1971 starb Fritz Heitsch in Kamen und wurde auf dem alten Friedhof an der Friedhofstraße beigesetzt.

                                                          FH Unterschrift 111kb Kopie

 

Seine Plastiken stehen heute überwiegend in privaten Sammlungen, doch sind einige auch in öffentlichen Instituten untergebracht. Sein Sohn Klaus Heitsch hat eines der für FH typischen Motive dem Kamener Haus der Stadtgeschichte geschenkt. Hier hat der „Bergmann“ seinen Platz in der Vitrine neben dem Stollen gefunden, den Kamener Bergleute hier eingerichtet haben, damit die Erinnerung an das nicht verlorengeht, was Kamen 110 Jahre lang geprägt hat, im guten wie im schlechten, der Bergbau.

KH

Johannes Buxtorf, ein Basler aus Camen

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Johannes Buxtorf, ein Basler aus Camen

Daß sein Sohn Johannes, der dem Camenser Oberpfarrer Johannes Buxtorf (andere Schreibweisen sind Boxtorp und Boxtrop) und seiner Frau Maria, geb. Volmar, am Weihnachtstage 1564 geboren wurde, ein wahres Weihnachtsgeschenk für Europa und die Wissenschaft werden sollte, war wahrhaftig nicht vorherzusehen. Dabei wurde der Kleine in eine Familie hineingeboren, die nicht nur für die damalige Zeit außergewöhnlich genannt werden muß. Die Familie wohnte in dem alten Fachwerkhaus an der heutigen Ecke Kampstraße/ Weststraße

2. Bild Buxtorf-Haus in Kamen

(damals gab es keine Straßennamen, nur Hausnummern), wo das Haus der Commerzbank steht. Das Familienwappen zeigte einen springenden Bock, der bis zum Abriß des Hauses um 1900 als Wetterfahne auf dem Dach stand. Der letzte Besitzer, ein Hugo Müller, entfernte diese Wetterfahne vom Dach, weil seine Mutter wegen der Quietschgeräusche, die sie bei Wind verursachte, nicht schlafen konnte und schenkte sie dem Kamener Stadtmuseum. Das Original gibt es dort leider nicht mehr, doch erinnert eine Kopie an das Verlorene.

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Kopie der Wetterfahne des Kamener Buxtorf-Hauses mit dem Bock,
dem Wappentier der Buxtorfs

 

Und auch der Name „Buxtorf“ ist zwar heute noch an zwei Stellen in der Stadt vertreten, doch sagt er den wenigsten etwas. In der Innenstadt gibt es die Buxtorfstraße, klein und unbedeutend, dem großen Mann so gar nicht angemessen, und in Südkamen das Buxtorfhaus, das sich durch das Männerforum zu einem bekannten Treffpunkt entwickelt hat.

Die erste Erwähnung dieses Namens finden wir in einer Urkunde „des dinstages vor sunte Johannes baptisten“ (19. Juni 1453), in der ein Johan Buxtorp den Verkauf einer Geldrente durch Brun de Vette an Dietrich Sprenge zu Camen bezeugt. Dann taucht ein Dr. jur. Severinus (auch Joachim genannt; seine Lebensdaten sind nicht überliefert) auf, der, mit Unterbrechungen, 30 Jahre lang Bürgermeister von Camen war. Daher war die Familie hier sehr angesehen und mit fast allen anderen führenden Familien in der Stadt verwandt. Das war für Severinus‘ Sohn Johannes von größtem Vorteil, als er nach 1553 als der damalige Camener Oberpfarrer an der St. Severinskirche (heute Pauluskirche) einer der Wegbereiter der Reformation in Kamen wurde. Anders als der erste, der sich in Camen zur Reformation bekannte, Hermann Hamelmann, wurde Buxtorf als angesehener Bürger der Stadt nicht der Stadt verwiesen. Erst im Laufe des 17. Jh. starb die männliche Linie der Buxtorfs in Camen aus.

Aber kommen wir zu unserem Weihnachtskind zurück. Über seine Kindheit und Jugend ist kaum etwas bekannt. Ersten Unterricht erhielt der kleine Johannes – die meisten Buxtorfs hießen Johannes, was es manchmal schwer macht, sie auseinanderzuhalten; unser Johannes wird hier, der wissenschaftlichen Tradition folgend, als JB I bezeichnet – von seinem Vater, dem Oberpfarrer, in Lesen und Schreiben unterrichtet, erhält selbstverständlich auch, wie das im Jahrhundert der Reformation in gelehrten Häusern üblich war, eine erste Einführung ins Lateinische. Schon bald schickte ihn der Vater auf das Gymnasium nach Hamm, das heutige Hammonense – Camen hatte zu der Zeit zwar bereits eine Schule, die „schola latina camensis“,  Vorläuferin  unseres heutigen Gymnasiums, doch empfahl sie sich nicht für die Studien ehrgeiziger Schüler – wo er vom Rektor Georg Fabricius mit dem Hebräischen bekannt gemacht wurde. Doch bereits nach kurzer Zeit wechselte JB I auf das Archigymnasium nach Dortmund, wo Fridericus Beurhusius sein Lehrer war. Als 1582 sein Vater starb, ging er kurz nach Camen zurück, setzte aber bald seine Studien in Marburg/Lahn fort. Schon 1584 aber ist er an der Nassauischen Hochschule in Herborn eingeschrieben, wohin ihn die seinerzeit berühmten Namen Olevianus und Piscator gezogen hatten.

Es ist offenkundig, daß ihm Bildung über alles ging. Es ist überliefert, daß er nicht, wie es wohl unter Studenten damals weit verbreitet war, ein liederliches Leben führte, sondern alle Vorlesungen regelmäßig besuchte und fleißig mitschrieb, woraus er in seinem späteren wissenschaftlichen Leben noch reichlich schöpfte.

Johann Piscator war seinerzeit der bedeutendste Hebraist und ein hervorragender Lehrer, der in JB I seinen besten Schüler fand. Dieser zeichnete sich durch Talent und enormen Fleiß aus, so sehr, daß sein Lehrer schon nach kurzer Zeit bekannte, sein Schüler sei ihm an Wissen überlegen.

Von Herborn ging es für kurze Zeit nach Heidelberg, doch schon 1588 nach Basel – er schrieb sich als Johannes Buxtorfius vuestfalus camensus ein – vor allem, um dort bei Johann Jacob Grynäus zu studieren. Auch der merkte sofort, was für einen besonderen Studenten er vor sich hatte. Daher setzte er alles daran, ihn in Basel zu halten. So wurde JB I schon ein halbes Jahr nach seiner Ankunft in Basel die Professur der hebräischen Sprache angeboten, obwohl er noch nicht einmal den Magister erworben hatte! Aber er lehnte sie ab, da er sich dafür noch nicht reif fühlte. Doch ließ er sich dazu überreden, sie vertretungsweise anzunehmen. Nach seiner Promotion am 6. August 1590 wurde er einstimmig auf diesen Lehrstuhl gewählt. Seiner Promotion zum Magister ging eine Disputation voraus, die sich mit dem Thema befaßte, ob „Tiere ganz ohne Vernunft seien oder nicht“.

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 Johannes Buxtorf in den 1590er Jahren
 

Von nun an war alles im Leben des JB I darauf angelegt, Basler Bürger zu werden. Nur noch ein letztes Mal besuchte er seine Heimatstadt Camen. Im September 1593 fuhr er „mit günstigem Wind von Basel nach Köln“ und suchte dann zu Fuß seine Heimat auf. Aber schon am 1. Dezember 1593 kehrte er wohlbehalten nach Basel zurück. Anfang 1594 heiratete er Margaretha, die Tochter der in Basel bekannten Familie Curio, bei der er seit 1588 gewohnt hatte. Wie weltlich dieser uns so durchgeistigt erscheinende Mann handeln und denken konnte, geht aus einem Brief hervor, den er einem Freund schrieb: „… endlich, am 10. dieses Monats Januar fiel die ersehnte Beute in meine Netze: ich stürmte heran, riß sie an mich und sagte: Du allein gefällst mir.“ Mit ihr bekam er 11 Kinder, 5 Söhne – 3 von ihnen als Drillinge, die bald starben – und 6 Töchter. Und alle überlebenden Kinder vernetzten die Buxtorfs weiter in Basel, indem sie in angesehene Basler Familien einheirateten. Nicht minder pragmatisch war die Familie Curio eingestellt. Bevor der Vater der Heirat zwischen seiner Tochter und Johannes Buxtorf zustimmte, erkundigte er sich bei einem von dessen Verwandten, Dr. Joachim Buxtorf, der Kanzler des Grafen von Waldeck war, nach Johannes‘ wirtschaftlicher Situation. Heiraten war damals nicht zuallererst eine Frage der Liebe, man mußte die Sicherheit des noch nicht existierenden Wohlfahrtsstaates privat planen.

JB I hatte eine große Familie zu ernähren, 13 Personen, dazu kam eine Magd, so daß Geld immer knapp war. Als er einmal 300 Gulden aus den Niederlanden erhielt, bedankte er sich, erwähnte aber auch: „Wenn einer hier die Last von hundert Eseln auf sich bürdete, so wird ihm gleichwohl nicht mehr zu Lohn als einem Esel.“ Und das Haushaltsgeld wird weiter verknappt durch JBs I Leidenschaft für Bücher, die sich mit dem Hebräischen, mit rabbinischen und talmudischen Schriften befaßten. Diese Bibliothek war so umfangreich, daß die Familie sie 1705 für 1000 Taler an die öffentliche Bibliothek in Basel verkaufen konnte. Wie sehr diesen großen Gelehrten die Alltagssorgen drückten, geht aus seiner Antwort an den Rektor der Akademie von Saumur, Robert Boduis, hervor, der JB I unter allen Umständen an seine Hochschule holen wollte und ihm praktisch zusagte, JB I könne seine eigenen Bedingungen formulieren. Seine Einwände betreffen Einkommen, Schwierigkeiten beim Umzug aus der sicheren Stadt Basel mit allen ihm vertrauten Umständen wie der deutschen Sprache und den ihm bekannten Lebensverhältnissen. So schreibt er explizit: „In unserem Deutschland sorgt man bei Geistlichen und Universitätslehrern fast überall außer dem Gehalt für freie Wohnung und ein gewisses Quantum an Getreide und Wein. In diesen Stücken ist mir die in Frankreich herrschende Sitte unbekannt und ebenso der Maßstab, der für den Aufwand der Akademiker gilt.“ Er wird für immer in Basel bleiben, obwohl ihn noch mancher ehrenvolle Ruf an andere Universitäten erreicht. Und Basel unternimmt auch viel, um ihn zu halten. Sein Leben wird ihm vereinfacht, sein Gehalt steigt, so daß er dann doch ein sorgenfreies Leben führen kann.

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Buxtorf-Haus in Basel, „Zum St. Johannes”, Bäumleingasse 9

Mitte der 1590er Jahre beginnt eine unglaubliche Schaffensperiode. Wie sein Freund Johan Tossanus bemerkte, arbeitete JB I bis zu 14 Stunden am Tage wissenschaftlich. Dazu kommen aber noch viele Arbeitsstunden aus der Erfüllung seiner vielen Ämter, die er im Laufe seiner Jahre in Basel bekleidete: Präpositus (Vorsteher) und Ökonom des Oberen Kollegs, acht Mal Dekan der philosophischen Fakultät, 1614/1615 Rektor der Universität, oft Vertrauensperson zur Vertretung der Universität in öffentlichen Angelegenheiten. Und sein Briefverkehr mit allen Autoritäten der Theologie und des Hebräischen, mit Rabbinern in ganz Europa wie auch mit zahllosen Menschen, die ihn in Fragen ihres Glaubens konsultierten, füllt Bibliotheken und stellt heute eine wertvolle Quelle für Zeitstudien dar. Woher nimmt ein Mensch nur diese Energie?

Von nun an war Basel das Zentrum der hebräischen Studien in Europa. Hier war jetzt der größte akademische Lehrer des Hebräischen zu Hause, was schon sehr viel galt. Doch war der Forscher JB I, der Wissenschaftler, unübertroffen. Hier saß die in Europa höchste Autorität in Fragen jüdischen Glaubens, selbst für jüdische Gelehrte. So wurde er auch „rabbinorum magister“ genannt. Hier schrieb er Werke, die jahrhundertelang Standardwerke ihrer Disziplin waren. Zeitgenossen aus seinem Fach beklagten sich gar, daß JB I „in Betreff des Ausbaues jener Wissenschaft […] nichts zu thun übrig gelassen“ hat. Hans Jürgen Kistner, der ehemalige Kamener Stadtarchivar, berichtet, daß Bonner Theologiestudenten noch in den 1980er Jahren Buxtorfsche Wörterbücher benutzten. JB I war nichts weniger als der Begründer der jüdischen Studien in Deutschland und in Europa, derjenige, der ad fontes ging.

Worin aber besteht denn nun die wissenschaftliche Bedeutung des JB I aus Camen?

Dazu muß man sich erst einmal die Situation im Jahrhundert der Reformation klarmachen. Luther wies der Heiligen Schrift eine ganz neue Bedeutung zu, indem er postulierte, daß sie allein die Grundlage allen Glaubens sein müsse, der Mensch durch sie direkten Zugang zu Gott habe. Aber da wurde die Lage kompliziert.

Die damals maßgebliche Grundlage der christlichen Kirche war eine griechische Übersetzung des hebräischen Alten Tetsaments (AT), die Septuaginta. Daraus gingen für die Westkirche mehrere lateinische Tochterübersetzungen hervor. Aus einer dieser Tochterübersetzungen und der hebräischen Fassung verfertigte der Kirchenvater Hieronymus um AD 400 eine neue lateinische Bibelübersetzung, die Vulgata, noch heute die gültige Bibel der römisch-katholischen Kirche. Erst Luther griff mit seiner Übersetzung auf die hebräische Bibel Jesu und seiner Jünger zurück. Nun ist aber jede Übersetzung immer auch eine Interpretation, daher ergeben sich zwangsläufig, zusätzlich zu dogmatischen Aspekten, Unterschiede im Verständnis der Hl. Schrift. Hinzu kamen damals die Probleme zwischen Judentum und Christentum. Beide Seiten beriefen sich auf die Hl. Schrift, die Christen auf die griechische, die Juden auf die hebräische Fassung. Und für die einen waren die Juden die Mörder des Heilands, für die anderen Jesus ein gehenkter Verbrecher. Schwer vorstellbar, wie man da zueinander finden sollte.

Mit der hebräischen Bibel hatten sich vor Luther anderthalb Jahrtausende lang ausschließlich jüdische Gelehrte beschäftigt, in dem Versuch, eine eindeutig verständliche Fassung dieses Textes herzustellen. Was für uns seltsam klingt, hat doch einen einfachen Grund. Im Hebräischen werden nur die Konsonanten, nicht die Vokale geschrieben, weswegen es nur für denjenigen lesbar ist, der es gut beherrscht. Jedoch existierte das Hebräische als lebende Sprache schon zur Zeit Jesu Geburt nicht mehr, nur noch in der schriftlichen Überlieferung. Stephen G. Burnett, der JB I am gründlichsten studiert hat, brachte in seinem Vortrag in Kamen im Jahre 2001 ein einleuchtendes Beispiel: „Wenn man z.B. die Konsonanten MTR ohne Vokale als deutsches Wort schreibt, könnte das «Motor», «Mieter» oder sogar «Mutter» sein. Aber welches Wort ist denn nun hier gemeint? Deshalb ist diese Frage von Vokalen von höchster Bedeutung für die Schriftauslegung.“

JBs I Bestreben war es in allem, „die Unversehrtheit und unbedingte Zuverlässigkeit des hebräischen Bibeltextes einschließlich der Vokalisation zu erweisen, die darum die Benutzung der Septuaginta und der Vulgata, auf die sich die Katholiken beriefen, unnötig mache.“

JBs I große Leistung bestand darin, daß er es schaffte, das ganze Material, das jüdische Gelehrte vor ihm erarbeitet hatten, zu sammeln, zu systematisieren und auf das philologisch-wissenschaftliche Niveau zu heben, auf dem sich die Darstellung der griechischen und der lateinischen Grammatik befand, es in die humanistische Tradition der europäischen Sprachwissenschaft zu stellen, die in der Renaissance entstanden war. Er erarbeitete eine neue Grammatik und ein neues Lexikon des Hebräischen und des Aramäischen, der Sprache Jesu. Diese Werke blieben jahrhundertelang für die wissenschaftliche Erforschung des AT von hoher Bedeutung. Er führte in ihrer Gesamtheit die Bibeltexte und die überlieferten jüdischen Auslegungen dieser Texte zusammen. Speziell diese Werke waren jahrhundertelang Standardwerke und wurden durch spätere Forschung kaum übertroffen. Sie sind hinsichtlich ihrer Vollständigkeit kaum wieder erreicht worden.
 

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Frontispiz von Buxtorfs Lexicon Hebraicum et Chaldaicum
 

JBs I große Arbeiten lassen sich in drei Klassen einteilen. Erstens: Werke zur Grammatik und Lexik des hebräischen und aramäischen Sprachgebrauchs. Zweitens: Werke zum Bibeltext und seine rabbinischen Ausleger. Drittens: Werke zu den religiösen Aspekten des rabbinischen Judentums. JB I war der erste, der eine Bibliographie der jüdisch–hebräisch–rabbinisch–talmudischen Literatur erstellte, eine bahnbrechende Arbeit, für die er zu großen Teilen auf seine eigene, überragende Bibliothek zurückgreifen konnte.

Hier seine wichtigsten Werke: Manuale Hebraicum et Chaldaicum, 1602; Synagoga Judaica: das ist Juden-schul, 1603, seine einzige Veröffentlichung auf Deutsch;

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Synagoga Judaica: das ist Juden-Schul

Praeceptiones Grammaticae de Lingua Hebraica, 1605, später unter dem Titel Epitome grammaticae Hebraicae noch viermal von Buxtorf selber und sechzehnmal von anderen herausgegeben; Lexicon Hebraicum et Chaldaicum, 1607; Thesaurus Grammaticus Linguae Sanctae Hebraicae, 1609; Concordantiae Bibliorum Hebraicae, die aber erst 1632 veröffentlicht wurden; er fing das große Lexicon chaldaicum, talmudicum et rabbinicum an, das erst sein Sohn JB II vollenden konnte, ein Werk in dem die Arbeit zweier Forscher über 30 Jahre hinweg steckt, 1639 (was besonders betont wird: OPUS XXX ANNORUM steht auf dem Frontispiz) .

Im Haus der Stadtgeschichte Kamen gibt es eine Ausgabe des „Lexicon chaldaicum, talmudicum et rabbinicum“, Sumptibis & typis Ludovici König, Basileæ; M DC XXXX.

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Die Kamener Ausgabe des „Lexicon Chaldaicum, Talmudicum et Rabbinicum,
Frontispiz und zwei Seiten
 Juden hatten es in Europa schwer, seit Papst Innozenz III 1215 von Thomas von Aquin die Lehre der „Erbschuld der Juden“ übernahm. Damit waren diese praktisch rechtlos, konnten sich nur durch hohe Bargeldzahlungen private Sicherheit erkaufen, als „Schutzjuden“. Solch ein Fall ist für Kamen für 1348 belegt, das Jahr, in dem in ganz Europa die ersten großen Judenpogrome wüteten, weil man sie am Ausbruch der Pest für schuldig hielt. Graf Engelbert III von der Mark stellte einem Juden Samuel einen Schutzbrief nach Unna aus, auf 7 Jahre befristet, gegen 8 Schillinge pro Jahr. Angesichts solcher Umstände waren solide Kenntnisse über das Judentum praktisch nicht vorhanden.

Hinzu kommt die Zeit, das 16. Jh., 80 Jahre nach der Reformation, 20 Jahre vor Beginn der Europa verheerenden Religionskriege. Überall wurde um den „rechten Glauben“ gerungen. Der einzelne durfte sich diesen aber nicht selber aussuchen, da war das „cuius regio, eius religio“ (in wessen Land ich wohne, dessen Glaube nehme ich an) des Augsburger Religionsfriedens von 1555 schon ein großer Fortschritt.

Als JB I sich für seine „Juden-Schul“ mit dem Judentum, seinen Schriften und deren Exegese sowie den Sitten und Gebräuchen im täglichen Leben beschäftigte, betrat er absolutes Neuland. Seine Haltung war die des Wissenschaftlers und Theologen. Und entsprechend war nicht Völkerverständigung sein Ziel, sondern die Widerlegung des jüdischen Glaubens und die Bekehrung der Juden zum Christentum. Seine Wißbegier jedoch trieb ihn dazu, engen Kontakt zu Juden zu suchen. Einmal lud er Juden zu sich nach Hause ein, nahm an einem Beschneidungsfest teil, was ihn ein Jahresgehalt an Strafe kostete. Das nahm jemand in Kauf, der immer auch an seine Finanzen dachte! Aber daß auf eine solche Handlung in einer europäischen Stadt wie Basel eine solch drakonische Strafe stand, zeigt deutlich auf, welche Stellung die Juden damals hatten.

Und JB I formuliert seine Ziele und Absicht denn auch ganz deutlich im Titel seiner „Juden-Schul“: „Darinnen der gantz Jüdische Glaub vnd Glaubens-Übung mit allen Ceremonien / Satzungen / Sitten vnd Gebräuchen / wie sie bey jhnen offentlich vnd heimlich im Brauche: Auß ihren eygenen Bücheren vnd Schrifften / so den Christen mehrteils vnbekandt / vnd verborgen seynd / grundlich erkläret: Item ein Außführlicher Bericht von jhrem zukünfftigen Messia: Sampt einer Disputation eines Juden wider einen Christen: darinnen der Christlich Glaub beschirmet / vnd der Jüdisch Vnglaube widerleget vnd zu Boden gestürtzet wird.“  Allerdings geht hieraus auch klar hervor, daß für JB I das Judentum nicht auf der Bibel, sondern auf dem Talmud beruht, womit die Parallele zum Verhältnis zwischen Schrift und Tradition im römischen Katholizismus gegeben ist. Vor allem aber war er an allem Jüdischen selbst interessiert: der schriftlichen Grundlage und den Auswirkungen im täglichen Leben.

 

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Buxtorf I, Johannes, aus Kamen in Westfalen begründete eine Gelehrten-Dynastie, wie es sie vielleicht kein zweites Mal gegeben hat, Hebraist in Basel, Dekan und Rektor der Universität;

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Buxtorf II, Johannes, sein Sohn, kam schon mit vier Jahren auf die öffentliche Schule, mit 13 auf die Universität, wurde mit 16 zum Magister promoviert, der Nachfolger seines Vaters als Hebraist auf dem Lehrstuhl, erhielt eine theologische Professur, die extra für ihn geschaffen wurde. JB II beschäftigte sich mit Schriften spanischer Juden und übersetzte als erster ein Werk von Judah Ha-Levi unter dem Titel „Liber Cosri“. Darin wird über den Volksstamm der Khasaren berichtet und in diesem Zusammenhang über einen Religionsdisput, der die Ringparabel zum Thema hat. Damit erscheint es möglich, daß Gotthold Ephraim Lessing über sein Studium des Moses Mendelssohn auf Buxtorfs Übersetzung aufmerksam wurde und JB II auf diese Weise die Inspiration zu seinem dramatischen Gedicht „Nathan der Weise“ mit der berühmten Ringparabel wurde. (Anm. d. Verf.: Der Besitz des Rings macht den Erben der wahren Religion kenntlich, doch läßt ein Vater, der keinen seiner drei Söhne enterben will, zwei Ringe nachmachen, so daß jeder einen Ring erhält, und der echte nicht mehr zu erkennen ist. Nun liegt es an jedem einzelnen, seinen Ring zu dem echten zu machen. So wird die prinzipielle Gleichwertigkeit der drei großen monotheistischen Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam deutlich.)

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 Buxtorf III, Johannes Jacob, Sohn des JB II, erregte als Achtjähriger für seine Kenntnis des Hebräischen die Bewunderung der Gelehrten, kam mit 14 auf die Universität, vertrat seinen Vater in der Professur der hebräischen Sprache mit 19 Jahren, wurde sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl;

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Buxtorf IV, Johannes, Neffe des JB III, hat bis 1732 als Professor in Basel gewirkt.

142 Jahre lang hatte diese eine Familie den Lehrstuhl für Hebraisik in Basel inne. Und noch bis 1969 gab es einen Professor Dr. Buxtorf für Geologie an der dortigen Universität.

Der Wissenschaftler JB I war ein gläubiger Christ. Hier der Bericht über die letzten Tage in seinem Leben: „Im Jahre 1629 wütete in Basel die Pest. Am 7. September des Jahres zeigten sich bei Buxtorf die ersten Anzeichen der Erkrankung, die am folgenden Tage zum Ausbruch kam. Als ihn, der unbeirrt an dem Manuskript weiterarbeitete, das sein Sohn später fertiggestellt hat, dieser über sein Befinden befragte, gab er ruhig zur Antwort: «Mir geht es gleich, ob ich abgerufen werde oder leben bleibe. Ich habe lange genug gelebt. Wenn Gott will, daß ich ihm länger diene, will ich es gern tun, um der Kirche und der Wissenschaft zu nützen.Sonst aber, aus irdischen Gründen, begehre ich auch nicht einen Moment länger zu leben. Wenn Gott will, geschehe sein Wille.» Wie der Antistes (Anm. d. Verf.: in der Schweiz reformierter Oberpfarrer) Johann Wolleb in der Leichenrede bezeugt, war «all sein tun während der Krankheit darin gerichtet, daß er Gott für seine Heimsuchung gedankt und sich in seinen heiligen Willen ergeben, mit Vermelden, er wolle nicht tun, wie die, welche vom Herrn fliehen, sondern er wolle zu ihm fliehen.»

Am 9. September 1629 stand Johannes Buxtorf um drei Uhr früh auf, um in der Konkordanz (Anm. d. Verf.: d.i. eine alphabetische Zusammenstellung von Wörtern und, in diesem Falle, Untersuchung des Inhalts der, hebräischen, Bibel mit ihren Übersetzungen auf Übereinstimmungen und Unterschiede) die Stellen mit dem Namen Adonay (Anm. d. Verf.: Anrede Gottes im AT), die bisher noch fehlten, abzuschließen. Sein Freund Tossanus sagte später in seiner Gedenkrede: „So hat er seine Lebensarbeit, die er im Namen Gottes begonnen, dem er sein ganzes Leben gedient, buchstäblich mit dem Namen Gottes geschlossen.“

Am 13. September 1629, nachmittags gegen zwei Uhr, starb Johannes Buxtorf aus Camen in Westfalen bei vollem Bewußtsein. Seine letzte Ruhestätte fand er im Kreuzgang des Basler Münsters. Dort hängt eine Tafel: „Johanni Buxtorfio, Cameni Westfalo, linguae sanctae in Basileo Athenaeo professori“ (Johannes Buxtorf aus Camen in Westfalen gewidmet, dem Professor der heiligen Sprache an der Universität Basel).

14. Bild

Epitaph für Johannes Buxtorf aus Camen im Kreuzgang des Basler Münsters,

den Begründer der Gelehrtendynastie auf dem Lehrstuhl für Hebraistik an der Universität Basel

KH

 

Ich verdanke die Kenntnis obiger Angaben folgenden Schriften (Dank an J. Dupke vom Stadtarchiv Kamen, der sie mir zusammenstellte):

E. Kautzsch, Johannes Buxtorf der Ältere, Rectoratsrede gehalten am 4. November 1879 in der Aula des Museums zu Basel, Basel 1879

St. G. Burnett, Johannes Buxtorf Westphalus und die Erforschung des Judentums in der Neuzeit, Vortrag gehalten am 11. Juli 2001 in der Sparkasse Kamen

J. Herrmann, Johannes Buxtorf aus Kamen, Vortrag zur Siebenhundertjahr-Feier  der Stadt Kamen, gehalten am 27. Juli 1948

Besonderen Dank schulde ich Herrn Dr. Christoph Buxtorf, Basel, der  bereitwillig meine Fragen beantwortete und mir zusätzliches Material zusandte:

R. Smend, Vier Epitaphe – die Basler Hebraisten-Familie Buxtorf, Berlin/New York 2010

Das Familienverzeichnis der heutigen Buxtorfs, „Who is Who“, dem ich entnehmen konnte, wie sich die Eminenz des ersten Buxtorfs durch die Jahrhunderte erhielt, aber diversifizierte. Unter den nachfolgenden Generationen gab es viele weitere Professoren, Ratsherren, Oberstzunftmeister, einen Basler Bürgermeister, Landvögte, Stadtmedici und führende Industrielle (ein Buxtorf ist Mitbegründer der chemischen und pharmazeutischen Industrie Basels).

Die Rechtschreibung in den Zitaten folgt den jeweiligen Quellen, wird an einigen Stellen aber geglättet.

Abbildungen: Stadtarchiv Kamen, Andi Hindemann, Dr. Christoph Buxtorf, Wikipedia, Klaus Holzer

 KH

„Kopfbuchen“ – zum Geschichtsverständnis früherer Waldnutzung

Borys Sarad

Photo: Borys Sarad

von Klaus Holzer

8. Zeitzeichen des KKK

Am Donnerstag, 13. November 2014, fand im Haus der Stadtgeschichte in Kamen das 8. Zeitzeichen des Kulturkreises Kamen statt. Heribert Reif, bis Januar 2014 Leiter des Botanischen Gartens Rombergpark in Dortmund sprach über „Kopfbuchen – zum Geschichtsverständnis früherer Waldnutzung“. Mit tiefer Kenntnis und voller Begeisterung referierte Heribert reich über Holz– und Waldnutzung während der letzten anderthalb Jahrtausende. Und er wußte Erstaunliches zu berichten.

Wer von seinen Zuhörern wußte schon, daß

… bereits Karl der Große eine erste Waldschutzsatzung erließ, weil er die Bedeutung von Holz zum Bauen, Heizen, Kochen und für den Waffenbau erkannt hatte?

… sich anhand der Bepflanzung vom Gardasee übers Piedmont bis in die Toskana deutsche Siedlungsspuren nachweisen lassen? (Die germanischen Fürsten hatten, als sie zur Völkerwanderungszeit nach Italien zogen, in ihrem Troß eben auch Bauern und Handwerker dabei, die im fremden Land genau das taten, was sie von zu Hause kannten?)

… die mangels Geschichtskenntnissen heute oft banal Monsterbäume oder –wälder genannten Anpflanzungen das Ergebnis bäuerlicher und forstwirtschaftlicher kultureller Leistung sind? (Ausgewachsene Buchen zu fällen, war früher viel mehr als heute härteste Knochenarbeit, gab es doch keine Motorsäge. Daher war es sehr wirtschaftlich, die Bäume in ca. zwei oder zweieinhalb Metern Höhe zu schneiden und statt der dicken Stämme die dann von hier aus gewachsenen jungen Äste zu ernten, sobald sie die richtige Dicke hatten. Das Sägen wurde leichter, und das Spalten entfiel. Und unter der Höhe von zwei Metern ging das nicht, weil das frei weidende Vieh sonst die frischen Triebe abgefressen hätte. Für die Tiere blieben aber die seitlich aus der Wurzel wachsenden Triebe als Futter. Baumäste sind übrigens vorteilhaft für die Gesundheit der Tiere.)

… die Linde der Baum der Franken war, der regelmäßig alle 10 – 15 Jahre in Form geschnitten wurde, wovon es noch heute Beispiele am Niederrhein und im Oberbergischen gibt?

…die Eiche ursprünglich vor allem nördlich der Lippe (seit vielen Jahrhunderten eine geographische, ethnische, politische und religiöse Grenze) und in Ostwestfalen und im Lippischen angepflanzt wurde, also im Gebiet der Sachsen, und nicht beschnitten wurde, sondern frei wuchs? (Karl zwangschristianisierte die Sachsen bekanntlich vor 800 und eroberte dabei ihr Land, was dann für die weitere Verbreitung des „sächsischen“ Baumes sorgte.)

… Bäume, wenn sie regelmäßig beschnitten und somit zu neuem Austrieb animiert werden, viel älter werden als ihre unbeschnittenen Nachbarn?

… kein Baum älter als ca. 800 Jahre wird, auch wenn immer wieder von „tausendjährigen“ Eichen usw. die Rede ist? (Die 1000 Jahre sind leicht zu erklären, wenn man die Erinnerungsspanne des Menschen zugrundelegt: drei, höchstens vier Generationen, deutlich unter 100 Jahren. Diese „tausendjährigen“ Bäume bleiben immer tausendjährig.)

… die Linde der Baum der Frau ist, in matriarchalischen Gesellschaften dominierte? Der Baum Marias, weil ihre Blattform an ein Herz erinnert? Der Gerichtsbaum wurde, weil auch Justitia eine Frau ist?

… die Eiche der männliche Baum ist, in patriarchalischen Gesellschaften vorherrschte?

… in Ostwestfalen/Lippe die Linde in manchen Gegenden in ca. zwei Metern Höhe beschnitten wurde, damit man die neuen Triebe so biegen und wachsen lassen konnte, daß darauf ein Gerichtsraum eingerichtet werden konnte? (Die Seitentriebe wurden miteinander verflochten, so daß ein Baumhaus entstand.)

Vieles mehr wußte Heribert reif zu berichten, immer hoch interessant, fesselnd erzählt, das meiste neu, wenngleich mancher ihm nicht immer folgen mochte, so z.B. bei den Ausführungen des Referenten zu den Gründen für die Reformation. Da bleibt so mancher wohl doch eher bei der orthodoxen Deutung.

Über eineinhalb Stunden dauerte der Vortrag, doch niemand ging vorzeitig. Heribert Reif hatte seine Zuhörer in seinen Bann gezogen.

KH

Westfälische Kulturkonferenz 2014 in Höxter

Westfälische Kulturkonferenz 2014

Am Freitag, 26. September 2014 fand in der Residenz Stadthalle Höxter die Westfälische Kulturkonferenz 2014 des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe statt. Eröffnet wurde sie von Matthias Löb, dem neuen LWL-Direktor, den Standpunkt der Landesregierung zu Kultur vertrat Ministerin Ute Schäfer, das Engagement des LWL für Kultur erläuterte Dr. Barbara Rüschhoff-Thale, LWL-Kulturdezernentin. Als einer von 387 Delegierten vertrat Klaus Holzer den Kultur Kreis Kamen.

Das Thema der Konferenz war: Wie kann es gelingen, die Bürger an der Kulturplanung und –durchführung zu beteiligen? Ist das überhaupt wünschenswert?

Die zweite Frage wurde eindeutig bejaht, von Ehrenamtlern, Politikern und dem LWL. Ohne eine gleichberechtigte Beteiligung von Bürgern an allen kulturellen Prozessen bleibt Kultur leblos, spielt sich nur in der Nische ab und wird kaum wahrgenommen, kann also auch keine große Wirkung entfalten, da sie eben nicht mehr einfach vorausgesetzt werden kann, wie das beim Bildungsbürgertum noch der Fall war, während heute neue Schichten für Kultur erschlossen werden müssen. Und „gleichberechtigt“ bezieht sich auf alle Institutionen, die sich mit Kultur befassen, also LWL, Politik und Verwaltung in Stadt und Kreis.

Mit der ersten beschäftigte man sich ausführlich. Dazu wurde es als unabdingbar erachtet, aus den gewohnten Denkschemata auszubrechen, was besonders Politik und Verwaltung schwerfällt, gehört dazu doch vor allem, Macht abzugeben, vorhandene Strukturen zu hinterfragen. Es müssen die Potenziale von Künstlern aller Art (Malerei, Skulptur, Musik, Tanz etc.) wie auch von Ehrenamtlichen erforscht und eingesetzt werden. Diese müssen von Anfang an in die Planung eingebunden und an der Umsetzung beteiligt werden. Diese Potenziale müssen weiterentwickelt werden, dabei darf es keine Denkverbote geben. Und vor allem: Stärken müssen erkannt und verstärkt werden. Der Begriff „Kultur“ müsse erweitert werden, junge Leute müssen an Kultur herangeführt werden.

Oft bringen Bürgermeister und Verwaltungen das Argument vor, es sei kein Geld vorhanden, die sozialen Kosten, gesetzlich verankert, fräßen Rücklagen auf. So richtig das sein mag, war man sich auf der Konferenz doch einig, daß Sozialkosten nicht gegen Kulturinvestitionen aufgerechnet werden dürfen, weil mehr Kultur ausufernde soziale Folgekosten vermeide. Mehr Bildung und Kultur wirken als Prävention vor späteren sozialen Reparaturkosten (vgl. die NRW-Landespolitik und ihre Begründung für mehr Investitionen in Kindergärten und Schulen).

Um Kulturarbeit zu breiter Akzeptanz zu verhelfen, muß sie sichtbar gemacht werden. Dazu braucht es eine Kulturdatenbank, z.B. vom Kulturamt einer Stadt erstellt, die alle in der Kultur Tätigen erfaßt, die so voneinander erfahren und zur Zusammenarbeit finden können; die den Bedarf an Kultur erfaßt, um Probleme bewältigen zu können (Musiker, Tänzer, bildende Künstler z.B. brauchen einen Proben– oder Malraum); die Transparenz schafft, was erfahrungsgemäß zu weniger Vorbehalten in der Öffentlichkeit gegenüber aller Art von Kultur führt.

Für ganz wichtig wurde der Kulturwirtschaftsbericht gehalten, der, wissenschaftlich begleitet, zu der Erkenntnis beiträgt, daß mehr Ausgaben für Kultur Investitionen sind, die sich auf mittlere Sicht auszahlen, und die nicht konsumtiv sind.

Vertreter der Kulturpolitik und –verwaltung aus vielen Städten, Kreisen und Institutionen waren gekommen, KH war aus Kamen der einzige.

KH