von Klaus Holzer
Vorbemerkung: Der folgende Artikel wurde aufgrund der neuen Entwicklung nötig. Er ist als Ergänzung zu der ausführlichen Geschichte Ger Lutherkirche zu Kamen an anderer Stelle gedacht.
Gute 30 Jahre haben die nach der Einführung des Reformierten Glaubens Ende der 1580er Jahre übriggebliebenen Kamener Lutheraner gebraucht, bis sie endlich, nach mehreren vergeblichen Eingaben beim preußischen König, 1744 ihre eigene Kirche einweihen konnten. Zuschüsse zum Bau erhielten sie nicht, dafür jedoch die Genehmigung (!) zu mehrfachen Kollektenreisen, die bis nach Holland führten. Sie erbrachten beträchtliche eigene Anstrengungen, damit sie ihre Gottesdienste nicht mehr heimlich in Privathäusern feiern mußten, sondern in einem angemessenen Rahmen als öffentliche Gottesdienste begehen konnten.
18 Jahre fehlen noch an 300 Jahren Existenz der Kamener Lutherkirche, doch ist schon am Sonntag, 29. März 2026, der letzte reguläre Gottesdienst in diesem Schmuckstück gefeiert worden. Und die Kirche war vergleichsweise voll, was ihre Sonderstellung unter den Kamener Kirchen bestätigt.
Abb. 1: Der letzte Gottesdienst (Photo: Johannes Brüne, Hellweger Anzeiger)
Nur kurze Zeit hat es gedauert, bis es feststand: Die Lutherkirche wird aufgegeben. Das Denkmal wird aufgegeben. Das Gebäude wird verkauft. Der Beschluß mag rational begründbar sein, doch hat die Kamener evangelische Kirchengemeinde äußerst ungeschickt gehandelt, als sie den Beschluß als alternativlos ex cathedra verkündete, offenbar um die öffentliche Diskussion zu vermeiden. Allerdings hat sie vielleicht den gemeindlichen Notwendigkeiten Rechnung getragen, jedoch vollständig verkannt, daß das Kirchengebäude auch ein städtisches öffentliches Thema ist.
Natürlich gab es Widerstand, aus Kreisen ehemaliger Presbyter und seitens des Ortsheimatpflegers, die sich laut und deutlich in der Öffentlichkeit äußerten und beklagten, daß eine solche Maßnahme viele Kamener eines wichtigen Teils ihrer Vergangenheit beraubten und daß es die städtische Öffentlichkeit sehr wohl etwas angehe, wenn ein stadtidentitätsbildendes Bauwerk seiner Funktion entkleidet wird. Diese Gruppe Engagierter versuchte, durch eine Vielzahl von Vorschlägen und Aufzeigen von Möglichkeiten einer Alternativnutzung eine Revision des Beschlusses zu erreichen, selbst aus Kreisen der katholischen Kirche kamen Angebote. Doch nützte wohl alles nichts. Der Tag des letzten Gottesdienstes kam, ohne daß sich eine veränderte Haltung der Verantwortlichen der Kamener evangelischen Kirchengemeinde abzeichnete.
Für diesen Tag hatten sich die Widerständler dann auch etwas Besonderes ausgedacht. In gut lutherischer Tradition schlugen sie 10 Thesen an die Kirchentür an. So sollte zum Schluß wenigstens noch ein Zeichen gesetzt werden.
Abb. 2: Anschlag der 10 Kamener Thesen an der Kirchentür der Lutherkirche zu Kamen (Photo Marcel Drawe, Hellweger Anzeiger)
Disputatio pro conservando Ecclesiae Lutheranae
Decem theses ex parochia evangelica in civitate Kamen
Diskussion über
die Erhaltung und Weiternutzung der Lutherkirche
10 Thesen
aus der Evangelischen Gemeinde
in der Stadt Kamen
Vorbemerkung: Martin Luther schlug 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg an. Er hatte sie in Latein verfasst, weil er sie zunächst mit den Theologen und Professoren der Universität diskutieren wollte. Das „normale“ Kirchenvolk hätte daran gar nicht teilnehmen können. Heute formulieren wir unsere Vorstellungen und Anliegen natürlich auf Deutsch, weil wir sie den mündigen Kirchenmitgliedern und der Kamener Öffentlichkeit mitteilen und zu einer Reaktion auffordern wollen.
- Die erste und wichtigste Aufgabe von Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums. Daraus ergibt sich als Aufgabe der Pastoren, also der „Hirten“, die Seelsorge, die geistliche Betreuung der Gemeindemitglieder. Denn das Bedürfnis der Menschen an spiritueller Betreuung ist vorhanden. Die Kirche hat dem gemäß biblischen Auftrag Rechnung zu tragen, sonst schafft sie sich selber ab.
- Seit fast drei Jahrhunderten haben Generationen von Kamenern Taufe, Konfirmation, Eheschließung und immer wieder das Abendmahl in der Lutherkirche erlebt. Sie hatten und haben eine tiefe Bindung an sie.
Auch daraus ergibt sich eine gewisse moralische Verpflichtung die weitere kirchliche Nutzung der Lutherkirche zu erhalten. - Die Lutherkirche ist ein fast dreihundert Jahre altes kirchliches Bauwerk, also von hoher geistlicher Bedeutung und von hohem architektonischen und von stadtgeschichtlichem Wert.
- Eine für die Gemeinde so einschneidende Maßnahme wie die Schließung einer Kirche als Verkündigungsort, ohne die Gemeinde in den Entscheidungsprozess einzubinden, verletzt das über Jahrhunderte erkämpfte Recht demokratischer Teilhabe der Gläubigen an der Leitung der Gemeinde, zu der sich auch die Kirchenleitung verpflichtet hat.
- Die Gemeindeleitung (Presbyterium und Pfarrer) soll einmal jährlich in einer Gemeindeversammlung in Einklang mit den Kirchengesetzen der westfälischen Landeskirche über die Situation der Kirchengemeinde hinsichtlich der finanziellen Lage und der Situation der gemeindeeigenen Baulichkeiten und Liegenschaften berichten.
Die so geschaffene Transparenz ermöglicht den Gemeindemitgliedern, sich eine eigene faktengestützte Meinung zu den Entscheidungen der Kirchenleitung zu bilden. - Gerade in einer Zeit, in der die Kirchenaustritte sich häufen, ist die Entwidmung gegenüber der Bürgerschaft ein Zeichen von
Resignation und Kapitulation. - Die Kirche steht in Konkurrenz zu anderen Religionen. Sie erfüllt den biblischen Auftrag nach Matthäus 28 Verse 18 – 20 (Missionsauftrag). Sie darf sich nicht selber aufgeben.
- Die jährlichen Fixkosten der Lutherkirche sind verhältnismäßig gering und lassen sich leicht durch Einsparungen an anderer Stelle, z.B. die Aufgabe gemieteter Ladenlokale, aufbringen.
Dann können die Aufgaben zwischen Lutherkirche und Pauluskirche neu aufgeteilt werden. - Aufgrund der aktuellen und sich voraussichtlich entwickelnden Gemeindemitgliederzahl wird die Lutherkirche zur normalen Predigtkirche.
- Sie soll sich auch als Begegnungsort für Veranstaltungen und andere Nutzungen, bei denen kein Raumbedarf für größere Menschenmengen zu erwarten ist, in die Stadtgemeinde einbringen.
Freundeskreis Lutherkirche
Wie geht es nun weiter? Es wird noch einen Trauergottesdienst geben. Die afrikanischeGemeinde, die die Lutherkirche seit einigen Jahren sonntags nutzt, kann das noch bis Ende April tun. Erst nach der Klärung der Zukunft wird es einen Entwidmungsgottesdienst geben. Dann ist endgültig Schluß. Doch haben die Verkaufsgespräche bereits begonnen, ein Kamener Investor hat seine Kaufwilligkeit bekundet. Zum Glück ist der potentielle Käufer in Kamen für seine denkmalgetreue Restauration geschützter Gebäude bekannt.
Es ist also zu hoffen, daß angemessene Nachnutzung gefunden wird, bei gleichzeitigem Erhalt der denkmalwürdigen Bausubstanz. Dennoch: Es ist ein Ende, das traurige Ende eines seltenen Typs Kirche. Doch mag es wohl angesichts steigender Austritte aus der Kirche und daraus unmittelbar folgender Mindereinnahmen aus der Kirchensteuer unausweichlich sein.
Hoffen wir, daß im schlechten Ende ein guter Anfang liegt.
Klaus Holzer

