Archiv der Kategorie: Kamener Straßennamen

Flurnamen: Geist/Geest

von Klaus Holzer


Abb. 1: Straßenschild Am Geist
Eigentlich bedeutet „Geist/Geest“ das „hohe, trockene, meist sandige und daher wenig fruchtbare Land“ (die Lüneburger Heide ist wohl die bekannteste Geestlandschaft Deutschlands), im Gegensatz zur Marsch, die in Kamen umgangssprachlich immer „Mersch“ hieß, Im Mersch, also männlichen Geschlechts war. Diese Flurbezeichnung war ursprünglich vor allem im Küstenbereich der Nordsee geläufig. Bei uns in Westfalen bezieht sich diese Flurbezeichnung ebenfalls auf höher gelegenes, wenig fruchtbares Land, was auf Kamen bezogen durchaus plausibel erscheint, war unsere Stadt doch von weitem Heideland umgeben: im Norden ein 55 qkm großes Heidegebiet (heute noch gibt es die Kamer Heide in Overberge), im Süden die Uelzener Heide u.a. In Overberge gab es beim Orts-Grenzdurchgang am Geistbaum die Flur Geisthoff; auf Kamener Gebiet nannte man einen Teil dieses Brinks (oft der Abhang eines Grashügels, hügeliges Stück Grasland, Randbereich einer Siedlung) Auf den Geistgärten. Auch Geestäcker werden erwähnt.

Abb. 2: Straßenschild Mersch
Als weiterer Beleg für diese mögliche Deutung des Flur- und Straßennamens mag gelten, daß es gleich hinter der Seseke, im südöstlich Bereich des Stadtgebiets, eine Straße namens „Mersch“, früher „In der Mersch“ (weiblichen grammatischen Geschlechts!), gibt, eine Bezeichnung, die immer eine Niederung bedeutet, die regelmäßig vom Meer oder einem Fluß überschwemmt wird, was die Seseke ja regelmäßig tat. Marsch oder Mersch kommt aus germ. *mariska = zum Meer (Wasser) gehörig (vgl.a. lat. mare = das Meer), schon germanisch als Sumpf, Morast, Binnensee bekannt. In der Regel war es eine Weide oder Wiese am Wasser, von Zeit zu Zeit überflutet.
Die kurze Straße, die vom ersten Kamener Kreuz (Kreuzung Ost-, Nord- und Weststraße) nach Süden führt, heißt Am Geist und liegt tatsächlich etwas höher als die anderen Flächen im Kamener Stadtgebiet. So könnte „Geist“ also durchaus von „Geest“ herrühren, allerdings gibt es bisher keinen Beleg dafür, daß die Flurbeschaffenheit tatsächlich für die Namengebung ursächlich ist.

Abb. 3: Hl.-Geist-Spital1
Daher kommt hier eine zweite Deutungsmöglichkeit in Frage, die viel für sich hat, die Herleitung aus Heilig-Geist-Spital, wenn man bedenkt, wie wichtig dieses für Kamen war. Vor 1359 gegründet, war es das erste und jahrhundertelang einzige Armen– und Siechenhaus der Stadt. Arm und krank, das gehörte offenbar nicht nur im Mittelalter zusammen, war aber vor Einführung des Sozialstaats immer mit einem elenden Leben verbunden. Nach 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, wurde es nicht mehr genutzt und verfiel vollständig. Erst 1717 wurden die Trümmerreste entfernt. Schon 1662 war das neue Hospital daneben erbaut, 1865 gründlich renoviert worden. Das stand dann bis in die 1930er Jahre, als es baufällig war und dem Möbelhaus Reimer Platz machen mußte. Später war Mrs Sporty darin, jetzt steht es seit langer Zeit leer.

Abb.: Abb. 1 & 2: Photo Klaus Holzer; Abb. 3: Stadtarchiv Kamen

1 Die Aufnahme stammt aus den 1930er Jahren, wie die Hakenkreuzfahnen belegen. Man beachte auch die hier noch vorhandenen Abwasserrinnen am Straßenrand, in die auch die Abflüsse aus den Häusern mündeten. Das Spital stand auf der Ecke Ost- und Nordstraße. Spoäter stand das Möbelhaus Reimer an dieser Stelle. Weitere Nachnutzungen: u.a. ein Gartenmöbelhaus und Mrs Sporty.

Quellen: Gunter Müller, Westfälischer Flurnamenatlas; Lieferung 1-5; Im Auftrag der Kommission für Mundart- und Namenforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. Alle fünf Bände sind im Stadtarchiv Kamen vorhanden; zur wissenschaftlichen Vertiefung geeignet.
Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901
Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017

KH

Flurnamen: In der Bredde

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Das Wort „Bredde“ (auch „brede“ und viele andere mundartliche Bezeichnungen) bedeutet zunächst einfach „Breite, Weite, weite Fläche/Ebene“, hat dann aber fast überall in Deutschland die Bedeutung „breites Ackerstück“ angenommen. Es handelt sich¹ um eine Ackerbezeichnung, die in Langstreifenfluren besonders auffällig war. Häufig war sie Land des Schultenhofes oder des örtlichen Adelssitzes. 

Aber warum war das überhaupt so bemerkenswert, daß daraus ein unterscheidendes Merkmal wurde, gar ein Flurname?

Bis zur Einführung des eisernen Pfluges gab es nur ganz einfache Pflüge, z.B. Holz– oder Geweihstangen, die den Boden bloß aufrissen, daher mußte man den Acker kreuzweise pflügen. 

Abb. 2: Hakenpflug

Die große Neuerung bracht der Kehrpflug. Er brach die Krume um, so daß der Boden viel tiefer aufgelockert und besser belüftet wurde. Dieser Pflug wies zuerst nur ein Streichblech mit Streichschiene und Schar auf, später dann eine Doppelschar. Es ist aber offenkundig, daß das Wenden eines solchen Pfluges, gezogen von Ochsen oder Pferden, einen erheblichen Aufwand bedeutete.

Abb. 3: Doppelscharpflug, Ulm 1935

Das Pflügen mit einem solchen Pflug ließ allerdings eine grobe Krume zurück, daher brauchte man   zusätzlich eine Egge, mit der man den Boden für die neue Aussaat vorbereiten konnte.

Abb. 4: Eggen mit Pferden, England 1942

Das bedeutete, daß der Bauer mit seinem Gespann sein Stück Acker mehrfach befahren mußte. Und das wiederum bedeutete, daß er sein Gespann oft wenden mußte, was kompliziert und daher umständlich und mühselig war und viel Zeit kostete. Der neue eiserne Pflug konnte daher nur dann effektiv eingesetzt werden, wenn man ihn nicht so oft wenden mußte. Jetzt war also das rechteckige, d.h., möglichst lange und entsprechend schmalere Feld besser geeignet für diese bäuerliche Tätigkeit und wurde bald zum Normalfall. War dennoch ein quadratisches, d.h., breites Feld übriggeblieben, war es eine Besonderheit. Daher gibt es den Flur-, daraus folgend den  Straßennamen In der Bredde.

Abb 5: Gewanne¹

Diese Abbildung zeigt sehr schön, wie ein Dorf sich organisierte. In direkter Umgebung de Dorfes lag die Allmende, manchmal als (Dorf)Anger, wo man sein Vieh weiden ließ. Um das Dorf herum lagen drei Gewanne, jeweils in Felder unterteilt, drei, weil man gelernt hatte, daß man den Ernteertrag durch die Dreifelderwirtschaft steigern konnte: Auf einem Feld wird Wintergetreide, auf einem anderen Sommergetreide angebaut, das dritte bleibt ungenutzt, Brache. Dabei wechselten die Anbauformen jährlich, das Feld kann sich also in jedem dritten Jahr erholen. Diese Neuerung bedeutete eine wesentliche Verbesserung im Bereich der Landwirtschaft. Vorher wurde ein Feld eine Saison bebaut und lag danach brach (Zweifelderwirtschaft). Die verbesserten Ernteerträge führten zu besserer Ernährung, diese wiederum zu einem Bevölkerungswachstum. Alles dieses war Voraussetzung zur Gründung von Städten, weil diese jetzt von Bauern mit Lebensmitteln versorgt werden konnten. 

Und noch etwas zeigt diese Abbildung: Die Anlage der Felder hatte absoluten Vorrang vor allem anderen. Wege nahmen nicht die kürzeste Route, sondern die unschädlichste.

Heute sind solche schmalen Streifenparzellen längst verschwunden. Zusammenlegung und Flurbereinigung sorgten dafür, daß solche Bezeichnungen ebenfalls verschwanden. Und natürlich ist das mühsame Wenden eines Pfluges auch Geschichte. Moderne Ackerschlepper können das ganz leicht. Nur Straßennamen erinnern noch an Fluren.

Quellen: Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2: Wikipedia, Pflug Altenwindeck; Abb. 3: Doppelschar-Kehrpflug mit Pflugkarren für tierischen Zug, Fa. Eberhardt, Ulm 1935, Wikipedia; Abb. 4: Photo D 8549, Imperial War Museum, Wikipedia; Abb. 5: Gewanne, Wikipedia, Falk Oberdorf, Osterstr. 8, 32312 Lübbecke

 

 1 Ackergrenze, an der der Pflug gewendet wird,  in mehrere Streifen aufgeteiltes Ackergelände

KH

Flurnamen: Bleiche

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

In östlicher Richtung von der Ostenallee abzweigend, gibt es seit 1975 die Straße „Bleiche“. Dieser Name hat es von einer Funktionsbezeichnung zum Flurnamen geschafft.

Eine „Bleiche“ genannte Fläche diente ursprünglich dem Bleichen frisch gewaschenen Leinens  wie auch des neu gesponnenen Leinentuches. Es handelte sich dabei um ein in der Nähe der Wohnbebauung liegendes Stück Grünland, das in der Regel an einem Fließgewässer lag, damit das Leinen immer feucht gehalten werden konnte. Je länger es der prallen Sonne ausgesetzt war, umso weißer, und damit umso wertvoller, wurde es. Das abgestandene und daher oft schmutzige Wasser von Teichen, Tümpeln und Stadtgräben war zu diesem Zweck ungeeignet. Nur selten legte man ein solches künstliches Gewässer an, das dann besonders tief ausgehoben und sorgsam gepflegt wurde.

Leinen war gefragte, aber auch teure Ware, es gehörte zur Aussteuer aller jungen Mädchen, deren Familien es sich leisten konnten. Diese Leute waren „betucht“. Und weil es so wertvoll war, war es auf der Bleiche ständig in Gefahr, gestohlen zu werden. Und weil die Bleiche gewöhnlich auf Grünland war, also auf Wiese und Weide, wo natürlich auch Vieh in der Nähe weidete, bestand immer die Möglichkeit, daß das Vieh auf die Bleiche geriet und das Leinen beschmutzte oder gar beschädigte. Daher standen am Rande einer Bleiche oft Bleichhütten, in denen sich Wächter aufhalten konnten. Oft wurde die Bleiche auch wie ein Garten eingezäunt. Ob das in Kamen der Fall war, ist nicht bekannt.

Abb. 1: Frauen beim Spülen der Wäsche am Mühlenkolk¹; im Hintergrund die Wiesen auf dem Gelände des heutigen Amtsgerichts (s. Abb. 3)

In Kamen gab es wohl mehr als eine Bleiche, waren die Leineweber doch eines der zwei  am stärksten ausgeübten Handwerke: im Jahre 1722 gab es in Kamen 44 Leineweber, dicht gefolgt von 38 Schustern. Neben der Bleiche im Osten der Stadt, nahe der Seseke und mehreren Flußaltarmen, etwa dort, wo 1843 Kamens erste Badeanstalt war (vgl.a. Artikel Ostenallee/Ostkamp/Bleiche), gab es, das ist belegt, mindestens eine zweite, dort, wo heute das Amtsgericht an der Poststraße steht. Hier standen die Seseke und der Mühlenkolk zum Ausspülen und Feuchthalten des Leinens zur Verfügung, und der Weg aus der Stadt zur Bleiche war sehr kurz.

Abb. 2: Photo der Bleiche am Amtsgericht; das Gebäude links ist die Kamener Mühle, zuletzt Mühle Ruckebier

Eine Besonderheit berichteten alte Kamenser über  die Situation hier. Damals zogen viele Zigeuner, wie es damals hieß, über Land. Sie standen generell in dem Ruf, Diebstählen nicht abgeneigt zu sein. Die Kamener Leineweber handelten also ganz schlau, als sie Zigeuner zur Bewachung ihres Leinens auf der Bleiche einstellten. Es soll kaum etwas abhanden gekommen sein.

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Abbildungen: Nr. 1: Photo Klaus Holzer; Nr. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer

 

¹Kolk = Strudel im Wasser, Höhlung am Flußufer; auch afries. Grube, Loch, Wasserloch; verw. mit „Kehle“, architekt. „Hohlkehle“): hier der künstlich angelegte Teich zum Ausgleich von Hoch- und Niedrigwasser

Flurnamen als Straßennamen

von Klaus Holzer

Überall wo Menschen sich bewegen, wo sie siedeln, brauchen sie Orientierung, d.h., sie benennen ihre Umgebung z.B. nach natürlichen und topographischen Gegebenheiten: Hain oder Wald, Bach oder Fluß, Berg oder Tal, Teich oder Weg usw., die zur Unterscheidung, als Orientierungsmerkmale ländlichen Wohnens und Arbeitens dienen. Als der Mensch in der Jungsteinzeit vom Jäger und Sammler zum Siedler, also seßhaft, wurde und anfing, Land zu bearbeiten, konzentrierte sich jeder immer wieder auf dasselbe Stückchen Land, das er bearbeitete und alsbald als „sein“ Land betrachtete. Und er nannte es in Abgrenzung zum Land seiner Nachbarn nach einer Besonderheit, d.h., er gab ihm einen „Namen“, der es vom angrenzenden Land unterscheidbar machte: Landschaftsform, Eigenarten der näheren Umgebung, Lage- und Nutzungsbezeichnungen, Bezug auf sich als Eigentümer oder auf das umgebende Milieu wurden zu geläufigen Mitteln bei der Benennung. Größere Bereiche erhielten ihre Namen oft nach den Himmelsrichtungen: Osten–, Süden–, Westen– und Nordenfeldmark. Und natürlich wurden nicht nur Acker- und sonstige Nutzflächen mit Namen versehen, sondern auch „Weidestücke und Waldstreifen, [ … ] Wege und Wegeränder, [ … ] kultivierte Moorflächen und Heiden, [ … ] Berghänge und Felsformationen, [ … ] Teiche, Bäche und deren Uferflächen“.1

Abb. 1: Kamen in seinen drei Entwicklungsphasen, mit Flurnamen (nach Stoob, Westfälischer Städteatlas, Kamen, 1975)

Flurbezeichnungen stammen aus einer Zeit, die noch keine Schrift kannte, als alles mündlich weitergegeben wurde, aus einer Zeit, in der der Mensch, gerade seßhaft geworden, wenig mobil war, meistens aus seinem Dorf, allenfalls seiner näheren Umgebung, in der Regel nicht hinauskam. Und das bedeutet auch, daß Flurbezeichnungen keine großen Areale bezeichneten, die so eine mindestens regionale Bedeutung haben konnten (und damit eine größere Chance hatten, einen wenig veränderlichen Namen zu erhalten), sondern kleinteilig angelegt waren und sich durch Generationen auch verändern konnten. Immer aber hatten sie ursprünglich „Namen“, die aus den Umständen heraus eine Bedeutung hatten. „Je nach Ordnungskategorie können für einen Gegenstand verschiedene Bezeichnungen anwendbar sein: Ein eingehegter Acker ist ein „Kamp“. Gleichzeitig kann er nach der Nutzung  als „Haferland“ bezeichnet werden, nach seiner Größe als „Dreimorgen(-Stück)“, nach seinem Relief als „Horst“, nach seiner Form als fîfhôk (Fünfheck). Alle diese „Flurnamen“ sind richtige Beschreibungen, also nicht Namen, sondern Bezeichnungen.“2  Daß Bezeichnungen sich mit veränderten Bedingungen ändern, liegt auf der Hand.

Systematisiert wurden diese Angaben auf Napoleons Initiative (Wieder einmal! Wie so viel Grundlegendes der Moderne in Deutschland geht auch dieses auf ihn zurück), der das eroberte Land vermessen ließ. Als er endgültig besiegt und vertrieben war, führten die Preußen (Westfalen war seit dem Wiener Kongreß 1815 preußische Provinz) diese Maßnahme fort. Geometer vermaßen flächendeckend das ganze Land, listeten die Grundstücke auf, notierten die Größe der Parzellen, beschrieben die Bodenbeschaffenheit, trugen die Bezeichnungen ein, die die Eigentümer nannten – und sorgten so dafür, daß sich alte, niederdeutsche, Flurbezeichnungen erhalten konnten. Sie geben Auskunft über die alte Welt, aus der sonst keine schriftlichen Aussagen erhalten sind.

Beide, Franzosen und Preußen, hatten gute Gründe für diese doch eigentlich sehr aufwendige Sache, ein ganzes Land zu vermessen: zum einen hatte man auf diese Weise präzise Karten für Wirtschaft, Handel und Verkehr, zum anderen aber auch eine Grundlage für die Besteuerung der Grundeigentümer, deren Namen anfänglich mit eingetragen wurden (was sich als nicht zweckmäßig erwies, weil jede Erbschaft, jeder Verkauf erfaßt werden mußte und ständig neue Karten gezeichnet werden mußten); nicht zuletzt aber hatten diese Karten auch einen militärischen Sinn. 

Die heute noch erhaltenen Namen für solche „Flur” genannten Stücke Land entstammen dem Plattdeutschen, das oft von Dorf zu Dorf seine eigenen Ausprägungen hatte: sogar zwischen Kamen und Methler gab es Unterschiede. Solche Namen, die sich heute noch in Kamener Straßennamen erhalten haben, sind z.B. Mersch, Bredde, Bleiche, Brink, Hemsack u.a. 

Abb. 2: Übersicht Fluren Kamen

Diese alten Flurbezeichnungen wurden aufgegeben, als die Industrialisierung im 19. Jh. Deutschland grundlegend veränderte. Agrarland wurde zu Industrieland, Dörfer zu Städten, Städte zu Großstädten (Beispiel Bochum: 1843 hatte Bochum 4282 Einwohner, 1905 schon über 100.000), unbebautes Land wurde zugebaut, Städte vergrößerten sich ins Umland (Beispiel Kamen: die Westenfeldmark, freies, offenes Land, wurde ab 1873 mit dem Einzug des Bergbaus entlang der Lünener Straße dicht bebautes Stadtgebiet) landschaftliche Eigentümlichkeiten veränderten sich bis zum Verschwinden. Man schaue sich nur einmal die vielen Einfamilienhaussiedlungen (Schlafstädte für die nahe Großstadt) um den Kern alter Städte an, die vielen Einkaufszentren, die auf die „grüne Wiese“ gesetzt wurden und die Einkaufsqualität „innenstadtunschädlich“ verbessern sollten, doch entgegen allen gelehrten Gutachten den Tod eben dieser einläuteten (heute durch den Internetbestellhandel zu Ende geführt).

Die Flurnamen verloren ihren Sinn, die Fluren sollten aber aus eigentums-, verwaltungs- und steuerrechtlichen Gründen weiterhin erfaßt werden. 1861 wurde per Gesetz die Bildung eines Katasters vorgeschrieben. Erst ab diesem Zeitpunkt also wurden die Flurbezeichnungen katastermäßig erfaßt. Von nun an wurden die Namen durch Nummern ersetzt, so daß bei Veränderungen die Karten nicht mehr betroffen waren, nicht neu gezeichnet werden mußten, es reichte, z.B. bei einem Besitzerwechsel, die Eintragung im Grundbuch zu verändern.

Abb. 3: Flurstücke Kamen

Abb. 4: Flurstücke Altstadt Kamen

Heute sind diese Flurbezeichnungen in Straßennamen zwar manchmal noch erhalten, aber nicht mehr von praktischer Bedeutung, weil die Landschaft sich sehr stark verändert hat, die städtische Bebauung sich immer weiter in die Außenbezirke hinausgezogen hat, es also z.B. die frühere Randlage (Brink) gar nicht mehr gibt, allenfalls noch in alten Namen erhalten ist, in Dörfern kein Platz mehr für eine Wiese (Anger) freigelassen wurde, oder die tägliche Arbeit sich ganz anders darstellt, man keine Wäsche mehr auf die Bleiche legt, Stadtgräben sind trockengelegt worden und verschwunden (Beispiel Kamen: die noch in den 1960er Jahren vorhandenen Reste des alten Stadtgrabens außerhalb der Ostenmauer an der Ostenallee liegen heute unterirdisch), wo in der Stadt gibt es noch Weiden und Wiesen, den Hemsack gibt es noch, doch ist die Körne im Zuge des Sesekeumbaus in den 1920er Jahren verlegt worden, das Flußdreieck von früher gibt es so nicht mehr (und außerdem steht dort jetzt das Klärwerk). Und natürlich hat das Zusammenlegen früher selbständiger Städte (Elberfeld und Barmen zu Wuppertal, 1929) und Gemeinden (die Kommunalreform NRW Ende der 1960er Jahre: die ehemals selbständigen Gemeinden Derne, Heeren-Werve, Methler, Rottum und Südkamen sind heute Kamener Stadtteile) ebenfalls diese Wirkung. Kurz, wenn es heute noch Flurnamen in Straßennamen gibt, ist das in der Regel eine Reminiszenz an frühere Verhältnisse, die nur noch dem an der Ortsgeschichte Interessierten etwas bedeuten.

Und Platt sprechen heute nur noch wenige Menschen, die Bedeutung unserer Flurnamen ist uns nicht mehr geläufig. Daher wird hier der Versuch unternommen, die Bedeutung wenigstens einiger dieser Namen zu erklären.

Dank an Herrn Eckard Pischel für seine Angaben zu Katastern.

Glossar: Flur (die) – offenes, unbewaldetes Kulturland, in Parzellen eingeteilte landwirtschaftliche Nutzfläche

Gewann (das) – abgegrenztes Teilstück einer Flur

Allmende (die) – auch: die gemeine Mark, Gemeinheit; Areal, das allen Dorfbewohnern zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stand

Gemarkung (die) – Gebiet, gesamte Fläche einer Gemeinde; Gemeindeflur 

Feldmark (die) – Fläche aller zu einer Gemarkung (also einer Gemeinde oder einem Landgut) gehörenden unbebauten Grundstücke (Ackerland, Wiesen, Weiden, Waldungen usw.) 


Literatur:

1 Gunter Müller, Westfälischer Flurnamenatlas; Lieferung 1-5; Im Auftrag der Kommission für Mundart- und Namenforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. Alle fünf Bände sind im Stadtarchiv Kamen vorhanden; zur wissenschaftlichen Vertiefung geeignet.

2 Gehölz, Baumgruppe

3 Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen, 800 bis 1800, zweite überarbeitete und erweiterte Auflage, Duisburg 2014

4 Karl Kühnapfel, Sau hätt se kürt in Kamen und drümmrümm, Kamen 1997, 2. Aufl. zusammengestellt von Wilfrid Loos

5 Weitere Werke, die Grundlage dieses Artikels sind: Hugo Craemer, Alt-Kamen im Lichte seiner Orts- und Flurnamen. aus: Zechenzeitung, 1929, Jgg. 3-7 & 8;

Ferdinand Brandenburg, Die Kamener Flurnamen, Westfälischer Anzeiger, fünf Folgen zwischen Anf. Feb. und Anf. April 1944

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Oststraße, oder wie man damals reiste

von Klaus Holzer

Oststraße, oder wie man damals reiste

Die Oststraße gehört zu den großen Magistralen Kamens, zusammen mit der Nord– und der Weststraße und der südlichen Achse über „Am Geist“ (vorher Königstraße), den Markt und die heutige Bahnhofstraße. Dieses große erste „Kamener Kreuz“ führte durch die wichtigsten Kamener Stadttore hinaus in alle Himmelsrichtungen: nach Norden ging es in das Münsterland, nach Westen die Lippe abwärts auf den Rhein zu, nach Süden zu lag Kurköln und nach Osten, durch das Ostentor, führte der Weg zur Hauptstadt der Grafschaft Mark, Hamm, und, fast noch wichtiger, zumal für die Kamener Kaufleute, nach Nordosten. Dort lag Lübeck, die zentrale Hansestadt, in der diese Kamener eine gewichtige Rolle spielten, wie im gesamten Handel der Hanse. (vgl. Art. Die Hanse) Diese Straßen waren zur Groborientierung wichtig für alle Reisenden. Auf diesen Strecken fanden sich auch immer Landmarken, z.B. in Form von Kirchtürmen oder besonderen Bäumen, die halfen, die Route zu bestimmen. So gelangte man in Städte, die Schutz und Unterkunft für die Nacht boten.

Abb. 1: Blick in die Oststraße vom Kreisel Hammer Straße; die Pferdewechselstation befand sich kurz hinter dem haltenden Pferdewagen auf der rechten Seite

Abb. 2.: Die gleiche Perspektive heute

An solchen Straßen gab es daher immer auch Möglichkeiten zur Übernachtung und Pferdewechselstationen, in Kamen belegt seit 1343. Kamen wurde schon im 18. Jh. von einem mehr oder weniger regelmäßigen Postkutschendienst angefahren, daher entstand in der Oststraße eine Pferdewechselstation (in Abb. 1  gleich hinter der Kurve, auf der rechten Seite). Diese Station lag im schon länger bestehenden Gasthaus „Zur Post“, das von der der Familie Koepe betrieben wurde. Erst nachdem Kamen durch die Eisenbahn an das moderne Verkehrswegenetz angeschlossen war, wurde diese Pferdewechselstation überflüssig und der nächste Koepe, Alexander, siedelte dann endgültig zum Markt über. (Interessant: Der Nachfolger im „Weißen Röss’l” der Koepes war Willy Neff, der als Nachtclubkönig von Kamen ebenfalls ein sehr erfolgreicher Wirt war.)

Abb. 3: Blick in die Oststraße (links) vom „Kamener Kreuz“ her, etwa 1890er Jahre; rechts am Rand das Café Humberg

Abb. 4: Blick in die Oststraße vom „Kamener Kreuz“ her, etwa kurz nach 1900; das Haus rechts steht an der Stelle der abgerissenen Scheune (vgl. Abb. 3) 

Übernachtungsmöglichkeiten gab es in vielen Städten, so auch in Kamen, in Hospitälern (aus lat. hospēs = Gastfreund, Wirt), die zuerst jedoch Armen- und Krankenhäuser waren. Das Heilig-Geist-Hospital stand auf der Kreuzung Osten-, Norden- Weststraße und Am Geist, das erste und jahrhundertelang einzige Armen– und Siechenhaus der Stadt. Arm und krank, das gehörte offenbar nicht nur im Mittelalter zusammen. Nach 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, wurde es nicht mehr genutzt und verfiel vollständig. Erst 1717 wurden die Trümmerreste entfernt. Schon 1662 jedoch war das neue Hospital daneben erbaut und 1865 gründlich renoviert worden. Das stand dann bis in die 1930er Jahre, als es baufällig war und dem Möbelhaus Reimer Platz machen mußte.

Abb. 5.: Hl. Geist-Hospital in den 1930er Jahren

Dieses Hospital erhielt im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Schenkungen, so daß es seiner Funktion gerecht werden konnte, und wenn das Geld tatsächlich einmal knapp wurde, half wohl auch die Stadt gelegentlich aus. 

Mittelalterliche Städte waren in der Regel von einer Stadtmauer umgeben, deren Durchgänge durch Stadttore verschlossen werden konnten. Die großen Straßen führten durch sie hindurch und wurden von den Kaufleuten benutzt, die die Märkte beschickten und dazu von Stadt zu Stadt zogen. Selbst die Fernverbindungsstraßen waren in den Städten meistens bis zum Beginn des 18. Jh. nicht gepflastert und schon beim geringsten Regen schlammig und kaum passierbar. Immerhin wurde Kamens Mühlenstraße (heute Bahnhofstraße vom Markt bis zur Maibrücke, wo die Mühle stand) bereits 1797/98 als erste Straße in Kamen gepflastert, viel später folgte die Oststraße, erst 1890 wurden die Rott–, die Kamp–, die Weeren–, die Nord– und die Weststraße gepflastert. Auch das ist indirekt ein Beleg für die Bedeutung des Zugangs zum Hellweg, der alten Heer- und Handelsstraße, der via regis.

War es schon schwierig, durch die Städte zu kommen, war das Reisen außerhalb oft unmöglich.  Eine lübische hanseatische Gesandtschaft, von Münster aus weiterreisend, berichtet in ihrem Reisetagebuch 1606 folgendes: „… [wir] passirten auff Steinforde (Anm.: Drensteinfurt) zu Mittag und den Abend auff Hamme: war ein sehr boser und tieffer Wegk, das bei gantzen Meilen (Anm.: 1 Meile = ca. 7,5 km) bis zu den Axsen im Dreke giengen. Von Hamme sein wir den folgenden Tagk, war den 5. Dez. passiert auf Kamen, Unna, durch das Torff Wickeden, Asselen, Brake, und hatten denselben Tagk nicht geringe pericull (Anm.: Gefahr) wegen einer Compagnie Reuter, so alda abgedancket wart, und sich sehn lies, aber der liebe Gott half uns den Avent (Anm.: Ankunft) noch binnen Dortmunde durch den bosen unfletigen Wegk.“1 Trotz solcher Schwierigkeiten gelang es allerdings diesen Postfuhren, die Strecke von Cleve am Niederrhein nach Königsberg in Ostpreußen in 10 Tagen zurückzulegen!) Solch eine Reisegruppe hieß „Hanse“ und war aus Sicherheitsgründen „ein starke convoy und fünff Kutzschen sambt 15 Reisigen“ [Anm.: Bewaffneten].

Und diese Strapazen trafen die Reisenden nicht etwa in gemütlichen Reisewagen, sondern wurden durch deren Bauweise noch verschärft: hölzerne ungefederte Achsen, ohne Verdeck, ungepolsterte Sitze ohne Lehne; erst ab etwa 1700 wurden Verdecke mit seitlichen Vorhängen und Türen üblich, wurden die Sitze zu Bänken verbunden, erhielten eine Strohpolsterung und Rückenlehnen, Aufsteigetritte und Laternen.

Abb. 6: Koepescher Bierkeller an der Einmündung der Ostenmauer in die Oststraße

Dort wo das Ostentor gestanden haben muß, also auf der Oststraße zwischen Ostenmauer und Nordenmauer, wurde 1855 vom Wirt Joh. G.Koepe ein Bierkeller gebaut. Das war eben der Koepe, der am Markt Ecke Weerenstraße eine Gaststätte betrieb. Das Eckhaus gegenüber war damals seine Scheune, in der er Bier braute und Fusel (Schnaps) brannte.

So ein Keller war unbedingt nötig, war das Bier seinerzeit doch lange nicht so haltbar wie heute, und Kühlung war nur in solchen Kellern möglich. Im Winter schnitt man aus zugefrorenen Teichen dicke Blöcke Eis, die hier gelagert wurden und bis weit in den Sommer Kühlung lieferten.

Das Ostentor hat noch eine ganz besondere Anekdote in seiner Geschichte. 1807 hatte Napoleon ganz Deutschland erobert. Aus Berlin hatte er die Quadriga vom Brandenburger Tor als Zeichen seines Triumphes abnehmen und nach Paris bringen lassen. Als er aber 1814 endgültig geschlagen war, sollte sie wieder nach Berlin zurückkehren, natürlich ebenfalls im Triumphzug. Dazu wurden alle auf dem möglichst langen Weg nach Berlin liegenden Städte durch Reiter informiert, daß der Zug zu einem bestimmten Termin durch diese Stadt kommen werde. Und natürlich wollte jedermann das Schauspiel sehen. Die Kamener waren so vorsichtig, sich nach der Breite des Transportes zu erkundigen, weil man noch eine Stadtmauer mit Stadttoren hatte. Der erste Kamener Stadtarchivar, Ernst Braß, schreibt dazu im Heimatbuch Hamm (1922), „Aus der Geschichte der Stadt Kamen“ auf S. 197f: „Ein Festtag war es, als am 15. Mai 1814 der 1806 von Napoleon vom Brandenburger Tor in Berlin geraubte Siegeswagen durch unsere Stadt zurückgeführt wurde. Zu diesem Zwecke wurde ein Teil des Ostentores abgebrochen. Alt und Jung begleitete denselben unter Jubel und Freud durch die Stadt.“2 Andere Stadthistoriker bezweifeln diese Annahme. So schreibt Wilhelm Hellkötter etwa: „Ob es wahr ist, daß im Jahre 1806/07 das Ostentorgebäude abgebrochen werden mußte, als Napoleon die Viktoria von dem Brandenburger Tor in Berlin nach Frankreich wegführte, ist unwahrscheinlich; ich konnte hierüber im Stadtarchiv keine Unterlagen finden.“3 Hellkötter nimmt also an, daß, wenn das überhaupt geschehen sein sollte, dann schon durch Napoleon, als er die Quadriga nach Paris bringen ließ. Sicher scheint aber zu sein, daß es 1814 abgebrochen wurde.

Und gesichert ist auch (lt. Hellkötter), daß dieses Ostentor am 7.6.1722 schon einmal eine Rolle spielte: „Friedrich Wilhelm II wurde von einer Gruppe Berittener von der Ortsgrenze zu Overberge abgeholt und über die Oststraße (dann Königstraße) in die Stadt und auf den Markt geführt, wo alle Camener ihn mit Jubel empfingen.“ Und so erhielt das Kamener Hotel „König von Preußen” (Bergheim) seinen Namen.

Am stadtäußeren Ende der Oststraße, in unmittelbarer Nähe des Ostentores, in die „Nordenmauer“ hineinführend, lag auch der Rungenhof, über den keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen. Vermutlich war er einer der ersten, wenn nicht der erste Burgmannshof, ein gutes Stück außerhalb der frühen Stadt, im Verlaufe der dritten Entwicklungsphase (vgl.a. Art. Kirchhof) „eingemeindet“. Ursprünglich war er wohl zum Schutz des Ostentores gedacht, das aber nicht besonders geschützt zu werden brauchte, da die Straße nach Hamm (Derner Straße) sicher war: dort residierte der Graf von der Mark. Und weil der Rungenhof so früh verschwand, gibt es auch keine Erkenntnisse über ihn. Eine weitere Möglichkeit, warum es über den Rungenhof keine Erkenntnisse gibt: er lag ursprünglich ein Stück weit draußen, außerhalb der engeren Bebauung. Als die Stadtmauer gebaut wurde, erschien es unzweckmäßig, sie wegen des Rungenhofs so weit nach außen zu führen: zu lang, zu teuer, zusätzliche Sicherheit wg. der märkischen Residenzstadt Hamm war bereits vorhanden, daher wurde der Rungenhof nicht mehr benötigt und abgerissen. Das alles ist jedoch Spekulation. Selbst im reichlich bestückten Kamener Stadtarchiv gibt es keine Urkunde, die hierüber Auskunft geben könnte.

Abb. 7: Der Rungenhof, Bebauung mit Zechenhäusern

Um 1900 wurde das freie Gelände von der Zeche gekauft und mit Zechenwohnungen bebaut. Pröbsting berichtet 1901: „Die erste Häusergruppe wurde in der Nähe des Bahnhofs gebaut; dies sind zum Teil kleinere Häuser für je vier Familien. Sodann wurde der alte von der Recksche Burghof, Vogels Hof genannt, an der Nordstraße, bebaut, und dann an der Nordenmauer auf Rungenhof eine Reihe von Häusern – jedes zu 12 Familien – hergestellt.“4

1 Zitiert nach: Wilhelm Schäfer, „…war ein sehr boser tieffer Wegk“. Aus der Geschichte des Post- und Verkehrswesens unserer Heimat, aus: Heimat am Hellweg, 1955, S. 61

2 Ernst Braß,, „Aus der Geschichte der Stadt Kamen“, Heimatbuch Hamm, 1922, S. 197f

3 Wilhelm Hellkötter, Westfälischer Anzeiger, 26.11.1943

4 Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen,      Hamm 1901, S. 50

Eine wunderbare Beschreibung, wie man am Anfang des 19.Jh. in Deutschland reiste, gibt der schwedische Autor Per Daniel Amadeus Atterbom in seinem Reisebericht „Auf dem Postwagen durch Pommern und Brandenburg“ (1817):

„Willst Du Dir einen klaren Begriff vom Postfahren machen, dann betrachte das folgende Bild: Man wird in einen ungeheuren, mehrsitzigen Wagenrumpf gepackt, der bedeckt, aber sonst in jeder Hinsicht unbequem ist, zusammen mit einer Menge Personen von allen möglichen Sinnesstimmungen, Ständen, Vermögen, Jahren und beiderlei Geschlechts; Menschen, die man hier zum ersten Mal in seinem Leben sieht und zum größeren Teile sicherlich nie wieder zu sehen bekommt. In dieser Weise wird man ganz piano von vier phlegmatischen Pferden fortgezogen, von denen das eine die Ehre hat, auf seinem Rücken einen livreegeschmückten Lümmel zu tragen, der den Titel Schwager führt und unaufhörlich mit einer himmelstürmenden Fuhrmannspeitsche in der Luft herumknallt, ohne daß die Reise auch nur im geringsten schneller ginge. Die wege sind freilich nicht zum Schnellfahren eingerichtet, am wenigsten in der Mark Brandenburg und je näher nach Berlin zu. Die Pferde waten Schritt für Schritt durch schwellenden Sand, während die Munterkeit der Fahrenden , ehe sie sich dessen versehen, durch einen tüchtigen Rippenstoß aufgefrischt wird, indem der Wegen über einen mitten auf der Landstraße liegenden Steinhaufen oder über einen grundfesten Feldstein fährt, den aus dem Wege zu räumen niemand sich die Mühe gemacht hat. 

Wenn man in dieser Weise längere Zeit durch den Sand geschaukelt ist, erreicht man eine Stadt, und dann beginnt das größte Leiden; der Postillion will da nämlich teils Zeit einbringen, teils sich vor Mädchen und Bekannten als glänzender Hippodromist zeigen; deshalb jagt er unbarmherzig toll durch die langen schlecht gepflasterten Straßen, so daß den armen Passagieren auf ihren Holzbänken zumute wird, als ob ihnen Leber und Lunge aus dem Leib springen möchten, und nicht selten Männer, Weiber und Kinderbunt durcheinander von ihren Sitzen herunterwirbeln und auf den Wagenboden fallen. Darum kümmert sich Bruder Schwager aber nicht, denn er macht Reiterkünste auf seinem Pferde, woselbst er natürlich keine Stöße bekommt, knallt lustig mit der Peitsche und bläst auf seinem Posthorn einen Marsch nach dem andern. Die sogenannten Chausseen sind nicht viel bequemer als die Stadtstraßen, nur ein wenig besser gepflastert.

[…]

Die Bezahlung, welche man an jeder Station schon von dem Posthause an, woselbst man sich zuerst als Exportartikel einschreiben ließ, im voraus für seine Person  und für den Koffer oder Mantelsack erlegt […], und die Trinkgelder, die man nach Erreichung der Station dem sogenannten Schwager schenkt, sind in deutscher Münze höchst unbedeutend, ja selbst im Verhältnis zu unserer schlechten schwedischen sehr mäßig. Trotzdem läßt sich nicht in Abrede stellen, daß unsere Vorspanneinrichtung dem Reisenden für einen noch geringeren Preis , besonders wenn er selber einen Wagen hat, alle die Vorteile gewährt, welche die hierzulande ungemein teure Extrapost bietet, die auch bewirkt, daß man im Gasthaus den Geldbeutel viel weiter öffnen muß, ohne deswegen gerade im entsprechenden Maße die Genüsse der vornehmeren Apparition zu erhalten.

[…] Du errätst wohl schon, daß ich damit auf das eigensinnige Unwesen und die Mannigfaltigkeit des Geldwesens abziele, welches in Deutschland herrscht. Nicht bloß, daß das Münzwesen im allgemeinen in der verschiedenen Staaten auf abweichenden Grundsätzen und Voraussetzungen beruht, nicht nur, daß die inneren Wechselverhältnisse den besonderen Münzsorten die Aufmerksamkeit erschweren – zum Beispiel die süddeutschen Gulden und Kreuzer gegenüber den Talern und Groschen Norddeutschlands –, es nimmt auch jede Münzsorte für sich selber unaufhörlich, unter Beibehaltung desselben Namens, einen veränderten Wert an, ja, sie kommt sogar in einem und demselben Reiche unter ungleichen Prägungen und Inschriften vor, obwohl diese eine und dieselbe Bedeutung haben sollen. 

[…] Diese Unterscheidung (zwischen guten und schmutzfarbigen unechten Münzen) und ist sehr wichtig, da 24 gute Groschen einen Taler ausmachen, zu dem sonst 42 Groschen-Münzen gehören. […] Aber in jedem Falle hängt es doch von ihrem (Wirtsleute und Verkäufer) guten Willen ab, aus der Unkenntnis eines Ausländers im Verkehr mit ihren Dreiern, Sechspfennigen und Gott weiß was sonst noch für Unterabteilungen dieses Plunders Vorteil zu ziehen oder nicht zu ziehen.[…] 

[…] Es verhält sich mit den Geldwerten Deutschlands, wohin man kommt, wie mit der neulich vorgenommenen Ausmessung der pommerschen Landstraßen, welche dahin ausfiel, daß die Wegstrecke, welche früher vier (schwedische) Meilen lang war, nun fünf Meilen lang wird usw. Im übrigen freuen sich Auge und Finger darüber, daß man niemals im Handel und Wandel nötig hat, sich mit zerfetzten, schmutzigen Papierlappen wie bei uns zu quälen; man trägt eitel Gold und Silber  bei sich in feinen grünen Netzen und erquickt sich magisch bei jedem Anblick des Metallschimmers.“

aus: Rainer Wieland, Hrsg., Das Buch der Deutschlandreisen – Von den alten Römern zu den Weltenbummlern unserer Zeit, Berlin 2017, S. 198ff,

Abb.: Nr. 1 & 3-7: Archiv Klaus Holzer; Nr. 2: Photo Klaus Holzer

KH

Kämerstraße & Kugelbrink

von Klaus Holzer

Wilhelm Hellkötter leitet den Namen „Kämerstraße“ von der alten Verbindung über die Sesekefurt ab, von der Kamens Besiedelung ausging. Er glaubt, eine alte Form „Kemm, Kimm“  belegen zu können, die sich zum plattdeutschen „Kämm-Strote“ entwickelt habe, woraus dann das hochdeutsche „Kämerstraße“ geworden sei. Verifizieren läßt sich das bisher aber nicht. 

Abb. 1: Kämerstraße

Die Kämerstraße hieß ursprünglich wohl Bergcämer Straße. Sie war die wichtigste Nordverbindung Kamens und führte durch das Bergcämer Tor auf die (Berg)cämer Heide, die erstmals schon 1363 als „Bergcämer parte“ erwähnt wird. Das war ein zusammenhängendes Wald– und Heidegebiet von fast 50 qkm Ausdehnung, in der alle Anlieger, darunter auch die Camener, Huderecht besaßen (Hude = Hütung, auch auf den Platz der Hütung übertragen), d.h., dort durften sie ihr Vieh zur Weide und zur Mast treiben. Daran erinnert heute noch die „Kamer Heide“ in Overberge.

Abb. 2: Kämertorstraße

Dieses Kämer Tor hatte für die Kamener eine große, sehr praktische Bedeutung. Sie waren Ackerbürger, die ein eigenes Stückchen Land vor der Stadtmauer besaßen. Und sie wollten dieses Land leicht und schnell erreichen können, daher brauchte es möglichst viele Durchgänge durch die Stadtmauer, auch zur Ausübung ihres Huderechts, mehr als die vor allem für den „Fernverkehr“ geeigneten großen Tore in alle Himmelsrichtungen (vgl.a. Artikel Nordstraße). 

Abb. 3: Die letzte Gaststätte vor dem Bergcämer Tor: Tillmann

Abb. 4: Die Rückseite der Postkarte (s. Abb. 3)

Abb. 5:  Altes Torschreiberhaus

Abb. 6: Gleich vor dem Kämertor: Jühe

Außerhalb der Stadtmauer führt die Kämerstraße geradeaus weiter nach Norden, nach Bergkamen. Diese Verlängerung hieß ursprünglich der „richte Weg“, d.h., der gerade, kürzeste Weg in die Bauerschaft Bergkamen. Um 1910 erhielten die bebauten Feldmarken erstmals amtliche Straßenbezeichnungen. Der „richte Weg“ hieß von nun an Schützenstraße, weil er direkt zum Heim und Schießplatz des Kamener Schützenvereins, der „Schützenheide“, führte. (Bei der Teilung der Reck-Camenschen Gemeinheit , auch Heide genannt) erhielt die Stadt Camen „etwa 8 Morgen auf der Linkamps-Heide. Letzteres Grundstück wurde der Stadt als Schützenplatz zugeteilt.“ Friedrich Pröbsting, 1901) 1945 wurde sie in Heidestraße umbenannt, seit Anfang 1970 heißt sie Fritz-Erler-Straße. Das Umdenken bei der Vergabe von Straßennamen wird deutlich: früher gab es den örtlichen Bezug, heute steht oft die Politik bzw. ein Politiker im Vordergrund.

Abb. 7: Umzug vor der Schützenheide

Hellkötter gibt an, daß dieser Weg so stark befahren wurde, daß die Fahrrillen bis zu eineinhalb Meter tief gewesen seien, was das Befahren oft unmöglich gemacht habe. Fußgänger gar mußten am Rande der Ackerstücke entlanglaufen. Das traf besonders die Ausmärsche des Schützenvereins, der natürlich solche Wege für die Marschaufstellung zu Schützenfesten nicht benutzen konnte. Diese Märsche führten deshalb über den „krummen Weg“, der aber nicht so genannt wurde, weil er so viele Krümmungen aufgewiesen hätte (was er auch tat), sondern weil dieses Stück Land lt. einer Urkunde von 1508 „Am krummen Boome“ hieß. Das war ein krummer Grenzbaum in der Nähe der Landwehr, der das Kamener Gebiet vom Bergkamener abtrennte und auf der Höhe des Weges an der Stelle stand, wo sich Kugelbrink und Schillstraße (1910), später Schillerstraße (1945), vereinigen. 1971 wurde diese Straße Bergkamener Straße genannt.

Die Verbindung vom Langebrüggentor zum Kämertor führte vom Langebrüggentor über das „Bollwerk“, verlief zwischen den vorhandenen Burgmannshöfen hindurch, in einem Schwenk um die Grafenburg der märkischen Grafen herum zur Kämerstraße (ein kurzes Stück zwischen Weststraße und Rottstraße hieß Judengasse) zwischen Reckhof und Edelkirchenhof hindurch und dann stracks nach Norden. Straße und Tor waren also Bestandteil der täglichen Wege vieler Kamener, da ist es wahrscheinlich, daß das lange Wort „Bergkämer“ zu „Kämer“ verkürzt wurde. Bis 1660, als das Langebrüggentor zugemauert wurde (vgl.a. Artikel Maibrücke) – abreißen kam nicht in Frage, weil die Stadtmauer sonst ein Loch bekommen hätte – standen den Ackerbürgern sechs Stadttore zur Verfügung. 

Abb. 8: Kugelbrink

Wie deutlich wurde, ist die Kämerstraße nicht sinnvoll vom Kugelbrink zu trennen. Der Name gibt Rätsel auf, und die Sache wird nicht einfacher durch die vielen bekannten, unterschiedlichen Schreibweisen. Doch der Reihe nach. 

Von Kamen aus führten in die alte Bauerschaft Bergkamen eigentlich nur zwei Wege, der „richte Weg“ und der „krumme Weg“, die am Kämertor bei der Kamener Stadtmauer zusammenliefen. Die Wahl des Weges für die täglichen Geschäfte und Besuche, den Schul- und den Kirchgang (Kinder trugen grundsätzlich nur Holzschuhe, ihre Schulbücher wurden durch Riemen zusammengehalten; die Erwachsenen trugen „gute“ Lederschuhe meist auch nur sonntags beim Kirchgang), fiel nicht schwer. War es trocken, nahm man den „richten Weg“, der zwar unbequem war, weil ausgefahren, aber kürzer, war es naß, dann wurde der „krumme Weg“ genommen, der länger, doch besser passierbar war. Wer nimmt schon einen freiwillig längeren Weg? Natürlich ist der dann geschont, und damit besser passierbar.

Die beiden Namenbestandteile in dieser Form lassen sich relativ einfach erklären. „Kugel“ könnte sich auf die Hügelkuppe beziehen (Franz Petri), aber auch auf die „Gugel“, die im MA häufige, kapuzenartige Kopfbedeckung (Ferdinand Brandenburg). Dieser glaubt auch eine Erklärung für die Schreibweise „Kuchenbrink“ gefunden zu haben, ein Flurstück dahinter heißt „Pfannkuchen“. Weitere Formen sind Auf dem Kuckenbrink, Am kurzen Brink und Kükenbrink, die aber von allen Autoren zum Thema als Verballhornungen zurückgewiesen werden, obwohl es sie in amtlichen Verlautbarungen gibt. Es ist eben zu bedenken, daß es früher keine einheitliche Schreibung gab, jeder Schreiber lokale Varianten in die Akten eintrug. Hugo Craemer erwähnt weiterhin Kugenbrinnk, Kukenbrink und Kugenbrink, die alle zwischen 1750 und 1827 in Gebrauch gewesen seien, doch sind sie einander so ähnlich, daß nur von abweichenden Schreibweisen und nicht grundsätzlich anderen Namen die Rede sein kann. 

Das zweite Element, „brink“, ist leichter zu definieren, handelt es sich dabei doch klar um eine erhöhte Lage am Ortsrand (vgl.a. englisch brink = Rand), wo oft Kötter angesiedelt waren, sog. Brinksitzer. Da „Brink“ bereits als erhöhte Lage definiert ist, ist es allerdings nicht ganz einsichtig, warum das mit „Kugel“ ein zweites Mal geschehen sollte.

Abb. 9: Gastwirtschaft zur deutschen Eiche (links die „Kaisereiche“)

Hier oben stand früher einmal der „krumme Boom“, ein Grenzbaum in der Nähe der Landwehr zwischen Kamen und Bergkamen. Getreu der damaligen patriotischen Gesinnung pflanzte die Stadt Kamen am 22. März 1897 zum Andenken an den hundertsten Geburtstag des Heldenkaisers Wilhelm I. (vgl. dazu auch den Artikel „Stadtpark“) an der Grenze auf der Höhe des Kugelbrinks die Kaisereiche. Als dann noch ab 1909 die Kleinbahn UKW (die Straßenbahn) hier eine Haltestelle einrichtete, entstand an dieser Stelle, in der Schillerstraße 90, ein Lokal, „Die Kaisereiche“, das sich schnell zu einem beliebten Ausflugslokal entwickelte. Spezialitäten waren der „Kaiserwein“ (das war Himbeersaft bzw. -sirup mit Wasser aus dem Hausbrunnen) und Kaiserplätzchen (was wir heute „Amerikaner“ nennen). Nach dem Krieg wurde dieses Lokal „Gastwirtschaft zur deutschen Eiche“ genannt und war noch einige Zeit recht populär, wurde aber 1992 abgebrochen. Die Eiche, der Baum, fiel gleichzeitig einer Straßenbegradigung zum Opfer.

Von den nicht wenigen Erzählungen, die sich um „Die Kaisereiche“ ranken, sei nur eine erzählt. In der „guten, alten Zeit“ gab es viele reisende Vertreter, z.B. „in Zigarren“. Da soll es vorgekommen sein, daß spontan eine fröhliche Reisegesellschaft entstand, wo der Reisende in Zigarren Fahrer, Schaffner und Mitreisende einlud, auf ein Bier, einen Münsterländer (Korn) oder einen Kaiserwein mit ins Lokal zu kommen, Fahrplan hin oder her.

KH

Quellen:

Wilhelm Hellkötter, Das „fünfte Viertel“, Heimatkundliches aus Alt-Kamen – von der Kämerstraße, dem „richten“ und „krummen“ Wege. Lokalzeitung (?), um 1950

Franz Petri, Grenzbaum am Kugelbrink, Auf dem krummen Weg zur Schule – mit Kaiserwein und Kaiserplätzchen, in Heimatbuch Kreis Unna, 1993

Ferdinand Brandenburg, Flurnamen, 5 Folgen im Hellweger Anzeiger, Feb. bis April 1944

Hugo Craemer, Alt-Kamen im Lichte seiner Orts- und Flurnamen, Zechenzeitung, 1929

Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901 

Abbildungen: Photos 1, 2 & 8 Klaus Holzer; Abb. 5: Familie Flögel; Abb. 6: Stadtarchiv Kamen; Abb. 3 & 4: unbekannt; Abb. 7: Schützenverein Kamen, Wolfgang Freese; Abb. 9: Photo Deutsche Eiche,  Herr Aschhoff, besorgt von Dieter Linkamp, Bergkamen

Klosterstraße & Schwesterngang

von Klaus Holzer

Am Kirchplatz stoßen diese beiden Straßen zusammen, und auf den ersten Blick ist erkennbar, was für einen Hintergrund diese Namengebung hat. Schwestern und Kloster – hier hat mal eines gestanden. Auch wenn das vielleicht gar nicht so klar ist, wie es den Anschein hat, denn eigentlich war es ein Beghinenhaus, aus dem später ein Kloster wurde. Für die Kamener war es immer das „Kloster“. Und so ist die Geschichte dieser beiden Straßennamen auch die Geschichte des „Klosters“.

Gegenüber der Pauluskirche, die ja vorreformatorisch einfach eine christliche Kirche, St. Severin, war, wurde schon zu Beginn des 15. Jh. ein Frauenkonvent1 gegründet, und zwar ursprünglich als ein Beghinenhaus. Dieser Konvent war kein Nonnenkloster, da die Frauen nicht in Klausur lebten, sondern einer außerhäuslichen Tätigkeit nachgingen. In städtischen Dokumenten ist von dem „Süsterhaus“ (= Schwesternhaus) auf der Vlotowe, Vlotauwe oder Marienove (Flußaue bzw. Marienaue) die Rede, d.h., das Haus lag nahe dem Flußufer. Es wird in einer Urkunde vom 14. Oktober 1411 zum ersten Mal erwähnt. Das waren „Jungfrauen und Witwen“ aus der Bürgerschaft Kamens, d.h., sie entstammten Kamener Bürger- und Burgmannenfamilien und wollten ein christliches Leben leben, jedoch ohne Klostergelübde. Sie legten ein Gelübde auf Zeit ab, das wohl jedes Jahr erneuert wurde. Es war ihnen gestattet, aus der Gemeinschaft wieder auszuscheiden und sich ein bürgerliches Leben aufzubauen.

Abb. 1: Die Pauluskirche, vom Schwesterngang aus gesehen (die Arkaden wurden um 1930 gebaut und in den 1960er Jahren abgerissen)

Die Bewegung der Beghinen stammt vom Beginn des 12. Jh. (der Name wird erst ab dem 15. Jh. von ihnen selbst gebraucht, sonst „Schwestern/Brüder/Brüdergemeinden“, „Waldenser“) in den Niederlanden, heute Belgien und Holland, und kam im Laufe des späten 13. Jh. nach Deutschland. Ursprünglich handelte es sich um religiöse Arbeits- und Lebensgemeinschaften, Brüder- (die nannten sich Begharden) und Schwesternhäuser, in denen arme und alte Personen unentgeltlich Wohnung, Heizung und Licht erhielten. Sie widmeten sich dem Gebet, aber auch der tätigen Nächstenliebe. Diese Stifte hatten große Ähnlichkeit mit den heutigen evangelischen Frauenstiften/Diakonissenhäusern.

Beghinenhäuser nahmen vor allem Witwen, Waisen, Frauen aus Arbeiter-, Handwerker- oder einfacheren Kaufmannsfamilien und dem niederen Adel auf. Soweit sie konnten, verdienten Beghinen sich ihren Lebensunterhalt durch alle möglichen Handarbeiten, Krankenpflege, Leichenwäsche und sonstige Tätigkeiten wie Waschen und Nähen. Sie übernahmen mit ihrer karitativen Tätigkeit Aufgaben – den Sozialstaat gab es noch nicht –, die sonst Klöster und die Kirche ausübten, ihnen fehlte aber der klösterliche Charakter und daher standen ihnen auch nicht deren Immunitätsprivilegien zu, d.h. ohne den Schutz, den die Kirche Klöstern gewährte.

Sie konnten aus dem Konvent wieder austreten und z.B. heiraten, während „richtige“ Nonnen „mit Jesus verheiratet“ waren, und das ein Leben lang, durch ein „ewiges Gelübde“ gebunden. Wirtschaftlich wurden die Beghinen sehr erfolgreich, was oft auf den Unwillen und Widerstand der örtlichen Handwerker traf, denen eine echte Konkurrenz erwuchs. Der Erfolg machte auch selbständig und selbstbewußt, was zusätzlich den Neid anderer erweckte. Und was machte man um diese Zeit in einer solchen Situation? Man warf diesen Frauen einen ketzerischen und unmoralischen Lebenswandel vor, vor allem, weil sie sich organisatorisch nicht von der römischen Kirche abhängig machten. Auf dem Vierten Laterankonzil 1215 wurde festgelegt, daß neue geistliche Gemeinschaften grundsätzlich nur nach bereits bestehenden Ordensregeln leben durften.

Seit 1311 erfolgten Maßnahmen, die man als Unterdrückung, aber auch als seelsorgerisches Verhalten verstehen konnte, war doch auch ein Motiv päpstlichen Handelns, diese Gemeinschaften nicht in Häresie2 abgleiten zu lassen. Am 7. März 1319 erließ Papst Johannes XXII. eine Bulle, die denen, die die 3. Regel des Hl. Franziskus annehmen wollten, Gnade zusicherte. 

Am 12. Februar 1453 wurden alle damals noch bestehenden Konvente wieder in die Kirche aufgenommen und ihnen die Rechte der Tertiarierinnen3 verliehen. Es war Kunne Hake, Oberin des Hauses in Kamen, die am 22. 9. 1470 (andere Quellen nennen den 4. Oktober 1470) die dritte Regel annahm, die für Laien galt, (die erste galt den Klosterbrüdern, den Mönchen, ursprünglich nach Franz von Assisi Minoriten genannt, die ihr Leben Gott weihten; die zweite den Nonnen, die „mit Christus verheiratet“ waren), wodurch das Beghinenhaus in ein Tertiarierinnenkloster umgewandelt wurde. Insgesamt gewannen durch diesen Akt Frauen– und Laienfrömmigkeit an Gewicht.

Daraufhin erhielten sie den Schutz von Johann I., Herzog von Kleve und Graf von der Mark (seit 1417 gehörte Kamen zu Kleve, Mark und Kleve gehörten schon seit 1391 zusammen), der sie gleichzeitig von Steuern und Landesdiensten befreite. Die Beghinen konnten im großen und ganzen so weitermachen, ihr weltliches mit einem religiösen Leben verbinden, mußten aber städtische Auflagen akzeptieren. Offenkundig waren bei dieser Angelegenheit wirtschaftliche Aspekte entscheidend. Z.B. wurde die Zahl der Schwestern auf 12 begrenzt, von denen 6 aus Kamen stammen mußten; behielt die Stadt die Hälfte des Vermögens, das jede neue Schwester ins Stift einbrachte, für sich ein, übernahm aber dafür die bauliche Unterhaltung des Klostergebäudes; verlangte Anteile an den Pfründen des Konvents; erlaubte später nur noch die Aufnahme von Kamener Frauen in den Konvent und bekam Mitspracherecht darüber eingeräumt wie auch bei der dauerhaften Aufnahme nach dem Noviziat4. So wurde der Konvent klein und unbedeutend gehalten. Bei allen Konflikten zwischen Stadt und Konvent setzte sich die Stadt durch.

Abb. 2: Katharina von der Mark

Bürgermeister und Rat der Stadt Kamen hatten auf Wunsch des Landesherrn 1473 die Einrichtung des Klosters „zur Ehre Gottes, aller Heiligen und besonders des hl. Franzikus und zum Schutze der Stadt“ genehmigt.

Seit 1470 wohnte Katharina, eine natürliche (= uneheliche) Schwester Herzogs Johann I. im Beghinenhaus. Sie besaß ein beträchtliches Vermögen, das sie für den Bau eines neuen Klosterhauses und einer Kapelle stiftete. Am 22.11.1475 wurde dieses Kirchlein feierlich eingeweiht. Dazu schreibt der Kamener Stadtchronist Friedrich Pröbsting: „Gott in seiner Mutter unter dem Geheimnis des Mitleidens in ihrer Seele zu ehren.“ Natürlich war wieder Anröchter Sandstein das Baumaterial. 1479 bekamen die Schwestern einen eigenen Geistlichen, ab 1481 erhielten sie ihren eigenen Kirchhof. Statt des eigenen Geistlichen, der ja auch hätte unterhalten werden müssen, ließen die Schwestern die geistlichen Handlungen jedoch durch einen der vielen Kamener Vikare vornehmen, bis 1622 im reformierten Kamen der letzte katholische Vikar an der Pest starb. Danach wurde das Stift vom Franziskanerkloster in Hamm geistlich betreut. Die Conventualinnen  sahen sich „genöthigt, zur Besorgung ihrer geistlichen Bedürfnisse jedesmal, in der dritten und vierten Woche, einen Geistlichen aus dem Franciscanerkloster zu Hamm, welches dafür jährlich ein kleines Geschenk an Korn erhielt, kommen zu lassen“. (Essellen)

Abb. 3: Lageplan des Klosters (Erläuterungen am Ende)

Eine besonders schwere Zeit hatte das Stift in der Zeit der Reformation zu bestehen, da fast alle Kamener Bürger sich nach 1553 dem lutherischen, ab etwa 1590 dem Reformierten Glauben zuwandten. So wurde der kleine Konvent zu einer „katholischen Insel inmitten eines protestantischen Meeres“ (Pröbsting). Die St. Severinskirche wurde protestantisch, die kleine Konventskirche zur einzigen katholischen Kirche.

Es kam zu einer Reihe weiterer, auch gerichtlicher Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Konvent, Kamener Bürger belegten die Pfründen des Konvents und zahlten keine Pacht mehr an ihn. Doch der Konvent hielt durch. Später wurde sein Kirchlein katholische Pfarrkirche, der Konvent selber zur Keimzelle der heutigen katholischen Kirchengemeinde.

Das Ende begann 1803. Das Kloster (so wurde das Stift nun allgemein genannt) wurde am 4.7.1818 endgültig geschlossen, nachdem nach dem Reichsdeputationshauptschluß vom 25.2.1803 beim Reichtstag in Regensburg  durch Säkularisation4  (das war die letzte große Entscheidung durch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation) alle Kloster- und Kirchenvermögen durch den preußischen Staat eingezogen worden waren, man noch die Drangsalierung durch die französischen Besatzungstruppen (Napoleon) überstanden hatte. Teile Deutschlands wurden nach den napoleonischen Kriegen zunächst französisch, damit deutsches Territorium enteignet. Als Entschädigung dafür bekamen die deutschen Fürsten, deren Territorien beschnitten worden waren, Kompensation aus Kloster- und Kirchenvermögen. Auch das Kamener Kloster wurde enteignet, alle Landgüter konfisziert. Die Gebäude wurden von der neu etablierten katholischen Kirchengemeinde6 übernommen. Buschmann schreibt hierzu: „Des Königs Majestät geruhte allergnädigst, der neuen Gemeinde das sämmtliche noch vorhandene Klostergut, bestehend in den Gebäuden, dem Klostergarten, 2 anderen Gärten, einem Weidekamp, 161 Scheffeln Ackerland, 20 Morgen Waldung, 13 Thlrn. jährlicher Renten und 460 Thlrn. in Kapitalien, worauf im Ganzen an Schulden 330 Thlr. lasteten, zu schenken.“ Das reine Vermögen wurde auf „13415 Thaler und 55 Stüber“ (Pröbsting) taxiert.

Das Klosterkirchlein wurde 1841 wegen Baufälligkeit geschlossen, sein Nachfolger erst am Weihnachtstage 1848 mit einem feierlichen Gottesdienst geweiht. Doch war ihm kein langes Leben beschieden. Erste Bauschäden zeigten sich schon während des Baus, bald entstanden Risse in den Mauern, und durch den Bergbau wuchs die katholische Gemeinde unaufhörlich. Nachdem 1902 die neue, große Kirche Hl. Familie konsekriert worden war, dämmerte das Klosterkirchlein noch ein paar Jahre vor sich hin, wurde 1907 abgerissen.

Abb. 4: Die Pfarrkirche von Osten: das Klosterkirchlein von 1848

Und daher erinnern heute nur noch die Namen dieser beiden Straßen an die jahrhundertelange Geschichte des Kamener Klosters.

Abb. 5: Straßenschild Schwestergang

PS: Am 11. Mai 2017 berichtete der HA, daß dem Straßenschild „Schwesterngang“ ein „n“ fehlt. Seit vielen Jahren gehen wir also an diesem Schild vorbei und bemerken diesen Rechtschreibfehler nicht. Wir lesen meistens, was wir lesen wollen. Erst ein 15-jähriges Mädchen (aber auch nur eins!) schaut genau hin und sieht die Bescherung.

Doch schon Mitte Juli ist das Mißgeschick behoben.

KH

Fußnoten:

1 In der katholischen Kirche ist ein Konvent die Versammlung aller stimmberechtigten Mitglieder eines Klosters oder die Bezeichnung für das Kloster selbst.

2 Ketzerei

3 aus lat. tertius, a, um = der, die, das dritte

4 aus lat. novicius = Neuling, d.h., die Zeit, in der ein Neuling in das Klosterleben eingeführt wurde

5 Die Überführung kirchlichen Besitzes in weltliche Hände.

6 Dieser neu formierte Pfarrsprengel (auch Kirchspiel oder Kirchsprengel: der Bezirk, in dem eine Kirche und ihr Pfarrer zuständig war) bestand  aus der „Stadt Camen, sowie den Gemeinden Heeren, Ostheeren, Werve, Alten-, Lütgen- und Nordbögge, Lerche mit Reck, Rottum, Derne, Overberge, Bergcamen, Wedinghofen mit Tödinghausen (sic), Metheler, Altenmetheler, Westick, Wassercourl und Südcamen. Die Gemeinde soll jetzt 800 Seelen zählen“. (Buschmann)

Erläuterungen zu Abb. 3:

Lageplan des Klosters:

a. Die Einfahrt im Kloster Hofe    b. Der Hof    c. Ein Brunnen

d. Der Garten  e. Ein Wasser-Graben    f. Wege

g. Zwey Abfoh(laege), wo in einen ein Abtritt befindlich

h. Das Pater-Haus    i. Die Kirche    k. Verbindung der Kirche mit

l. des Kloster Gebäudes    m. Das Bau-Haus    n. Das Oeconomie-Gebäude

Letztere beÿde Gebäude sind verkauft

Quellen:

Friedrich Buschmann, Geschichte der Stadt Camen, o.O. 1841

Moritz Friedrich Essellen, Beschreibung und kurze Geschichte des Kreises Hamm und der einzelnen Ortschaften in demselben, Hamm 1851 (S.102 – 124: Die Stadt Camen)

Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901 

Theo Simon und Franik, Leonhard, Die Pfarrkirche „Heilige Familie in Kamen“, Paderborn 2002

Wilhelm Zuhorn, Geschichte des Klosters und der katholischen Gemeinde zu Camen (Kamen 1902).

Abbildungen:

Abb. 0 & 5: Photo Klaus Holzer; Abb. 1,  2 & 4: Stadtarchiv; Abb. 3: Simon/Franik

Schleppweg

von Klaus Holzer                                                             

Abb. 1. 

Straßennamen verändern sich immer wieder im Laufe der Zeit. Der Schleppweg z. B. hat eine ganz eigene Geschichte.

Der eigentliche Schleppweg ist die jetzige Südkamener Straße zwischen der Unnaer Straße und der Dortmunder Allee. In den 1920er Jahren wurde „unter dem Schleppwege“ eine Zechensiedlung gebaut. Aus den parallel untereinander laufenden Straßen wurde dann der Obere und der Untere Schleppweg. Nach der Anlage des neuen Friedhofs in Südkamen wurde aus dem Oberen Schleppweg die Südkamener Straße. Das „Untere“ wurde gestrichen, es gab ja nur noch einen Schleppweg.    

Der Name kommt ursprünglich von Schliepweg. Die Schliepe (von schleifen, ziehen) ist ein einfaches Holzgestell, das aus zwei gleich langen Stangen besteht, die durch Querstangen verbunden sind. Darauf nagelt man ein paar Bretter, dann läßt sich diese Konstruktion einfach ziehen. Mist aus dem Stall oder andere Dinge, mit denen man für kurze Wege die Radkarre nicht benutzen bzw. beschmutzen wollte, kamen auf die Schliepe. 

Was hat das nun mit dem Schleppweg zu tun? Dazu müssen wir wieder einmal einen kleinen Umweg in die Geschichte machen.

Ein Stück oberhalb des Schleppweges, am jetzigen Südweg, stand ein gegen Dortmund gerichteter Galgen, eine deutliche Warnung an Fremde, Gauner und Mörder. 

Kam es wirklich einmal zu einem Todesurteil, wurde der Nachrichter1 tätig, wurde das allgemein wie ein unterhaltsames Schauspiel betrachtet, das man sich natürlich nicht entgehen lassen wollte. Die Bürger zogen mit Kind und Kegel und Proviant zum Richtplatz, oft Rabenstein genannt, weil die Raben sich an den menschlichen Kadavern gütlich taten, und zertrampelten den Bauern ihre Äcker. Damit es auch eine richtige Belustigung gab, wurden die Delinquenten oft auf dem Schafott noch eine halbe Stunde dem Volk dargeboten. Manchmal wurde der Kopf noch „aufgesteckt“, d. h. zur länger andauernden Abschreckung auf einen Pfosten gesteckt, oft auch zusammen mit der rechten Hand.

Abb. 2. Auf dem Schindanger (Darstellung aus Hessen)

Zur Abschreckung blieben die Kadaver lange am Galgen hängen, und was dann nach Wochen noch übrig war, mußte jetzt irgendwie unter die Erde, allerdings nicht unter die geweihte auf dem Kirchhof, dort durften nur getaufte Unbescholtene beerdigt werden.

Und hierbei kam die Schliepe zum Einsatz. Nur die Ärmsten der Armen waren zu diesem Dienst bereit. Einen eigenen Wagen oder eine Karre hatten sie nicht, auch hätte ihnen niemand seine geliehen. Statt der Querbretter spannte man zwischen die Stangen ein altes Tuch, in dem später die Leiche eingewickelt wurde.

Doch wohin damit? Wie gesagt, auf den Kirchhof konnte sie nicht, ein gehenkter Verbrecher bekam kein christliches Begräbnis, er „kam ja auch nicht in den Himmel“. Es ist nicht immer ganz klar, wo eine solche Leiche verscharrt wurde. In Kamen gibt es leider keine Quelle, die uns Heutigen hierüber Auskunft geben könnte. Doch gab es offenbar unterschiedliche Verfahrensweisen. Am weitesten verbreitetet war das Verscharren auf dem Schindanger2, dem „Anger, an dem das gefallene Vieh geschunden wurde“ (Grimmsches Wörterbuch; „schinden“ heißt: die Haut abziehen, nämlich den Tierkadavern). Das machte der Schinder, heute nennen wir ihn „Abdecker“.

Mancherorts wurden sie wohl auch auf dem Armenfriedhof verscharrt. Dieser lag meistens vor der Mauer und war für Fremde bestimmt, die kein Geld für die Stolgebühren3 hatten, für Ungetaufte und Ausgestoßene.  

Abb. 3. 

Und es steht zu vermuten, daß das Verscharren manchmal auch sehr profan auf einem sogenannten Filleplatz2 vorgenommen wurde. In Kamen lag einer, der für die Mühlenschicht4, auf dem Gebiet mit der Flurbezeichnung Steinacker, ein Stück unterhalb des Schleppweges. Ein solcher Filleplatz wurde angelegt, weil Schlachtreste und Tierkadaver nun einmal da waren und daher entsorgt werden mußten. Dort stand er unter der Aufsicht der zuständigen Schicht, der Mühlenschicht, so daß man sicher gehen konnte, daß von einem solchen Filleplatz keine Seuchengefahr ausging.

Vielleicht wurden die armen Sünder in Kamen  auch dort verscharrt, wer weiß? 

KH, unter Verwendung eines Artikels von Edith Sujatta

Abbildungen: Abb. 1 & 3: Photo Klaus Holzer; Abb. 2: Elfriede Koch, Sozialnetz Hessen

1 Nachrichter – synonym mit Scharfrichter

2 Schon in germanischer Zeit ein Stück Grasland vor oder nahe einer Siedlung, das allen gemeinsam gehörte. Dort gab es gemeinschaftliche Feste, Backen oder Schlachten. Der Schindanger hieß in Kamen Filleplatz und diente dem Abdecker zur Beseitigung von Tierkadavern, was aus hygienischen, d.h., gesundheitlichen Gründen enorm wichtig war.

3 Vor der Einführung der Kirchensteuer 1919 die Gebühren, die der Priester für alle Tätigkeiten nahm, zu denen er die Stola umlegen mußte, das waren die sog. Kasualien wie Taufe, kirchliche Trauung und kirchliche Begräbnisfeier. Ausgenommen von der Stolgebühr waren immer: Kommunion bzw. Abendmahl, Beichte, Kranken- und letzte Ölung. Mancherorts gibt es noch heute Stolgebühren.

4 Kamen war früher in Schichten eingeteilt, Nachbarschaften, die jeweils einem Stadttor zugeordnet waren, für das sie verantwortlich waren. Es gab eine Fülle von öffentlichen und sozialen Pflichten innerhalb solcher Nachbarschaften.

Die Kamener Sesekebrücken

von Klaus Holzer

Die Bedeutung von Brücken ist für die Entwicklung von Städten, Handel und Verkehr kaum zu überschätzen. Ohne sie hätte ein Fluß immer Hemmnis, Trennung bedeutet. Die Kunst des Steinbrückenbaus war mit dem (west)römischen Reich Ende des 5. Jh. untergegangen. In den folgenden zwei Jahrhunderten, während der Zeit der Völkerwanderungen, gingen viele weitere Kulturtechniken verloren. Erst um die Zeit Karls d.Gr. begann zaghaft eine Wiederbelebung aller Bereiche menschlicher Zivilisation, darunter auch der Brückenbau. Zunächst waren es einfache Holzbrücken, weil Holz eben das reichlich zur Verfügung stehende Baumaterial war und es leichter zu beherrschen ist als Stein. Aber Holz ist kein so beständiger Werkstoff wie Stein, es verrottet, wird von Fluten leichter fortgespült, kann auch brennen. Erst zu Beginn des 12. Jh. begann der Steinbrückenbau in Deutschland. Die beiden großen Steinbrücken von Regensburg (Baubeginn 1135) und Würzburg (Baubeginn ebenfalls im 12. Jh.) waren die ersten. Und nicht zufällig waren das 12. und 13. Jh. auch die Zeit der vielen Stadtgründungen.

Obgleich Kamen ebenfalls an einem Fluß entstand, war hier alles viel bescheidener. Es gab jahrhundertelang keine Brücke, nur eine Untiefe, die Sesekefurt, gegenüber dem „Bollwerk“, das seinen Namen dem Bohlenweg verdankt, den findige Ursiedler hier über die Furt und den breiten Sesekesumpf legten. Erst 1695 wird in einer Kamener Urkunde die Maibrücke erwähnt, die damit Kamens älteste bekannte Brücke ist. Natürlich wird es auch früher schon Brücken gegeben haben, kleine Holzbrücken, ohne die keine Gemeinde auskam, überall gab es Bäche und andere Rinnsale, die, auch mit Karren, zu überwinden waren, wenn man seinen täglichen Geschäften nachging.

Kamen hat viele Brücken (und Unterführungen): Fußgängerbrücken, Straßenbrücken, Autobahnbrücken, Eisenbahnbrücken, Flußbrücken, die Hochstraße, die gleich über mehrere, unterschiedliche Verkehrssituationen hinüberführt. Insgesamt sind es 83 Brücken (lt. Vermögensbilanz der Stadt Kamen von 2016). Die meisten von ihnen haben keinen eigenen Namen, finden sich einfach im Verlauf von Straßen oder Trassen. Anders verhält es sich mit den Kamener Sesekebrücken, die zwar in der Regel auch keinen Namen führten, bis auf wenige Ausnahmen: Maibrücke, Vinckebrücke und, natürlich, die Fünfbogenbrücke, die schönste von allen (war einmal: vgl. Artikel „Fünfbogenbrücke“).

Doch zum Jubiläum der Kamener Städtepartnerschaften mit Montreuil-Juigné in Frankreich und Ängelholm in Schweden im Jahre 2013 machte der Kultur Kreis Kamen den Vorschlag, allen bis dahin namenlosen Kamener Brücken den Namen einer Partnerstadt zu geben. Was besonders einleuchtend war, als es seit 2001 bereits die „Partnerschaftsbrücke“ gab. So geschah es. Von der Fünfbogenbrücke an sesekeabwärts heißen die Brücken folgendermaßen:

1. Montreuil-Juigné-Brücke: Sie verbindet die Wittenberger und die Henri-David-Straße. Sie wurde 1975 gebaut, ist 13,5 m lang und 2,40 m breit. Fußgänger und Fahrradfahrer im Kamener Osten wissen die Abkürzung zu schätzen.

Abb. 1: Brücke von Montreuil-Juigné

2. Unkeler Brücke: Diese Brücke liegt in der Schneise, die der frühere Kamener Stadtbaurat Gustav Reich (vgl. Artikel dazu unter „Kamener Köpfe“) vor dem Krieg als Umgehungsstraße plante, um den starken Verkehr, den er voraussah, aus der Kamener Altstadt herauszuhalten. Wäre es zur Ausführung dieser Planung gekommen – wer weiß, vielleicht wäre Kamen die doch trennende Hochstraße erspart geblieben? So aber ist ein relativ breiter Grünstreifen, stellenweise parkartig, übriggeblieben, der ein kleines Naherholungsgebiet darstellt. Diese Schneise führte als direkte Fortsetzung des Ostrings durch Kamens Osten und sollte im Süden in die Unnaer Straße münden. Die Holzbrücke wurde 1983 gebaut, ist 19 m lang, 3,50 m breit.

Abb. 2: Unkeler Brücke

3. Ängelholmer Brücke: Sie war bis in die 1920er Jahre als kleine Holzbrücke für den Verkehr aus den östlichen Richtungen vorhanden, wurde anschließend (vgl.Suleçinbrücke) von Gustav Reich erneuert. Noch 1953 wird sie als Wirtschaftsbrücke neu gebaut Seit der Sesekedamm eine Art innerer Ring ist, der die Innenstadt entlastet, ist auch diese Strecke stark frequentiert. Die heutige Brücke ist 10,00 m lang und 16,70 m breit.

Abb. 3: Ängelholmer Brücke

Ihre Vorgängerbrücke war eine reine Wirtschaftsbrücke, wie sie für den damaligen Gebrauch geeignet war, gleich lang, aber nur 3,00 m breit. 

Abb. 4: Wirtschaftsbrücke

4. Beeskower Brücke: Sie ist eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke, wurde 1981 gebaut als Nachfolgebrücke einer Vorgänger-Holzbrücke, sie ist 10,35 m lang und 2,00 m breit. Sie kürzt den Weg zwischen Innenstadt und Mersch beträchtlich ab.

Abb. 5: Beeskower Brücke

5. Partnerschaftsbrücke: Die Bogenbrücke aus Stahlbeton wurde 2002 in Betrieb genommen, damit die Maibrücke vom Verkehr entlastet werden konnte. So wurde eine bessere Verteilung des innerstädtischen Verkehrs durch den vorgelagerten Kreisverkehr erreicht. Es konnte der „Verkehrsschluß Innerer Ring“ angelegt werden, der die Bahnhofstraße entlasten sollte, die ab 2010 umgebaut und nach Fertigstellung im Dezember 2012 in Betrieb genommen wurde. Die Entlastung der Bahnhofstraße wurde nicht erreicht. Die Brücke ist 16,50 m lang und 11,00 m breit.

Abb. 6: Partnerschaftsbrücke

6. Maibrücke: Die älteste Kamener Straßenbrücke, 1695 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Wahrscheinlich war das eine einfache Holzbrücke, denn eine Urkunde im Geheimen Staatsarchiv Berlin-Dahlem vom 3.8.1737 belegt einen „staatlichen Zuschuß zum Bau der (meine Hervorhebung) Sesekebrücke“. Dennoch wird nicht klar, was für eine Brücke das genau war, denn nur 60 Jahre später, in einer Urkunde vom 10.7.1798, bestätigt die Stadt Kamen den Empfang eines Darlehens „zur Bezahlung der Baukosten der (meine Hervorhebung) neuen Steinbrücke über die Seseke“ (beide Male ist die Rede von „der“ Brücke, also war es die einzige). In der heutigen Form gibt es sie seit 1923. Bis dahin war sie immer noch die einzige Kamener Straßenbrücke. Während ihrer Reparatur mußten Bauern, die zum Markt wollten, weite Umwege über Rottum bzw. Weddinghofen in Kauf nehmen. Sie lag beim Mühlentor, das zusätzlich durch eine Homey geschützt war, die auch zur Einnahme der Akzise genutzt wurde. Diese Brücke wurde naturgemäß stark frequentiert, da über sie aller Verkehr zwischen Lippe und Hellweg verlief. (vgl.a. Artikel „Maibrücke“, darin „Homey“). Die heutige Brücke ist nach der Sanierung im Jahre 2002 eine Plattenbrücke aus Beton mit Stahlträgern. Sie ist 10,50 m lang und 13,70 m breit.

Das vorliegende Detail der technischen Zeichnung zur Erneuerung der Maibrücke stammt vom Mai 1921 und ist noch von der Seseke-Genossenschaft Dortmund erstellt. Erst 1925 vereinigten sich Seseke-Genossenschaft und Lippeverband.

Abb. 7: Plan der Maibrücke von 1921

Abb. 8: Die neue Maibrücke

7. Vinckebrücke: Sie wurde 1923 als direkte Verbindung zwischen vorgelagerten südlichen städtischen Bereichen und der Altstadt gebaut, da die Maibrücke wegen ihrer notwendigen Sanierung bzw. (fast) Neubau längere Zeit geschlossen war, außer für die Kleinbahn UKW, die Straßenbahn. Ihr Bau bedeutete eine deutliche Zeitersparnis für Fußgänger (und das waren die meisten Leute damals) aus Südkamen und Kamen-Süd zur Innenstadt. Der zur Vinckebrücke führende Weg links der Seseke hieß 1949 noch Vinckestraße und reichte von der Bahnhofstraße bis zum Schwesterngang, die Klosterstraße mündete an der kath. Schule (Josefschule) in die Vinckestraße.

Abb. 9: Die Bindebrücke im Bau

Als die Binde(Vincke)brücke 1923 gebaut wurde, herrschte Inflation, lag die Wirtschaft am Boden. Zum Bau verwendete man offenbar minderwertiges Material, denn schon im Herbst 1930 war sie so marode, daß sie gesperrt werden mußte. Diese Sperrung geschah ohne Ankündigung und ohne Beschilderung, weswegen die vielen Fußgänger zwischen Süden und Westen der Stadt, hauptsächlich Schulkinder und Kirchgänger plötzlich davor standen, umkehren mußten und viel Zeit einbüßten. Erst nach einer Woche wurde die Sperrung beschildert. Die Empörung bei den Kamenern und in der Kamener Zeitung war groß. Als Ersatz für die alte Brücke sollte es zunächst nur ein Provisorium geben, weil mit einer „fahrbaren Brücke in absehbarer Zeit zu rechnen“ sei (Ratsvorlage vom 2.3.1931). Kosten des Provisoriums: knapp 1.000,00 Reichsmark, „wenn ein Teil der erforderlichen Nebenarbeiten (…) von Pflichtarbeitern besorgt werden kann“ (dto.). 

Abb. 10: Die alte Vinckebrücke

Die alte Vinckebrücke war eine Holzbrücke, ca. 11,50 m lang und 2 m breit. Bei Regen war sie sehr rutschig.

Die neue Vinckebrücke ist eine Einfeldträgerbrücke aus Stahl und Stahlbeton. Sie 12,50 m lang und 3 m breit. Sie wurde am 15.8.2018 montiert und mit der Eröffnung des Sesekeparks am 22. 9. 2018 in Betrieb genommen.

Abb. 11: Die neue Vinckebrücke 

8. Suleçin-Brücke (Koppelstraßenbrücke): Sie wurde 1924 in Betrieb genommen. Sie war Teil der umfassenden stadtplanerischen Maßnahmen des damaligen Kamener Stadtbaurats Gustav Reich (vgl. Artikel dazu unter „Kamener Köpfe“). Die alte Maibrücke war baufällig geworden und mußte saniert werden. So wurde die Notwendigkeit einer weiteren Straßenbrücke deutlich.Sie ist 10,00 m lang und 13,20 m breit.

Abb. 12: Suleçin-Brücke

9. Eilater Brücke: Sie war bis zum Ende des Bergbaus in Kamen 1983 Bestandteil der Zechenbahn zwischen Monopol und der Reichsbahn bzw. dann der Deutschen Bundesbahn. Was sich als sehr nützlich erwies, als die Fränkische Energiegesellschaft mbH das Bergwerk zu 100% übernahm. So spürte Kamen die Auswirkungen der ersten frühen Kohlekrise seit Ende der 1950er Jahre gar nicht. Täglich rollten ganze Züge voll Kamener Kohle nach Nürnberg, an der Verladestation neben der Westicker Straße, gegenüber Pumpen-Weller, an die DB übergeben. Seit Anfang des Jahrtausends zum Rad– und Spazierweg umgebaut. Sie ist 11,52 m lang und 3,66 m breit.

Abb. 13: Eilater Brücke

10. Bandirma-Brücke: Diese ist keine Sesekebrücke, sondern führt über die Körne, den größten Nebenfluß der Seseke, liegt jedoch gleich neben ihrer Mündung in die Seseke. Da aber für alle sieben Partnerstädte eine Brücke gebraucht wurde, kam sie gerade recht, da Umtaufen vorhandener Brücken nicht in Frage kam. Die Länge beträgt 12,30 m, ihre Breite 3,80 m.

Abb. 11: Bandirma-Brücke

Nimmt man die Fünfbogenbrücke, eine Eisenbahnbrücke, hinzu, hat Kamen-Mitte also neun Sesekebrücken, die Körnebrücke am Klärwerk hier aufgenommen. Die Länge der Brücke ist 12,30, die Stützweite beträgt 3,80 und der lichte Abstand ist 3,30m

Verglichen mit der Situation in früherer Zeit, haben wir heute wirklich keinen Grund mehr, über zu wenige Brücken zu klagen, zumal uns Umwege nicht mehr halbe Tage kosten. Das Auto und andere Verkehrsmittel bringen uns schnell überall hin. Was die Reparatur einer Brücke bedeuten kann, erkennen wir, wenn wir die Diskussion über die Lippebrücke bei Werne verfolgt haben. Wäre diese während des jahrelangen Um- bzw. Neubaues komplett gesperrt worden, wären Umwege über Hamm im Osten und Lünen im Westen notwenig geworden. Und das ist dann selbst mit dem Auto deutlich spürbar, das kostet Zeit und geht ins Geld.

KH

Bildquellen:    Abb. 4 & 7: Stadt Kamen, Tiefbauamt; Abb. 9: Stadtarchiv Kamen; allen anderen: Photo Klaus Holzer

Gartenplatz und Kastanienallee

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Abb. 2: Straßenschild

Die Wohnsiedlungen Gartenplatz I & II liegen nordöstlich der Stadtmauer auf einem Gelände, das einmal „Auf den Geistgärten“ bzw., das Stück direkt neben der Chaussee nach Hamm, „An den Geistgärten“ hieß und noch zu Beginn des 20. Jh. der Familie von Mulert gehörte. Der Bestandteil „Geist“ des Namens verweist auf das erste Armen– und Siechenhaus Kamens, vor 1359 gegründet und jahrhundertelang das einzige in unserer Stadt (vgl.a. Artikel „Am Geist“). Sein Besitz wuchs und wuchs, weil nicht wenige Kamener Bürger bei ihrem Tode ein gottgefälliges Werk tun wollten und dem Hospital ein Stück Land oder eine Rente, d.h., eine Stiftung von Geld überschrieben. Das ermöglichte es dem Hospital, seine laufenden Kosten zu bestreiten, und in den Gärten zog man natürlich auch Gemüse, das den täglichen Küchenbedarf deckte.

Die letzte Erinnerung an das Heilig-Geist-Hospital in Kamen ist die kleine Straße „Am Geist“, wo das Hospital einmal zwischen Nord– und Oststraße stand. Der letzte Bau wurde in den 1930er Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen.

Die früheren Geistgärten umfaßten etwa das Areal zwischen Hammer und Friedhofstraße.

Abb. 3: Grabsteine der Fam. von Mulert

Der letzte Baron von Mulert verspielte und vertrank jedoch seinen Familienbesitz. Die Familie verarmte und mußte Haus und Ländereien veräußern. So kam die Stadt Kamen in den Besitz des von Mulertschen Hauses am Markt und des Geländes im Osten der Stadt. Sie gab den zwei Schwestern von Mulert dafür eine Leibrente, d.h., eine Rente bis an ihr Lebensende.

Nachdem Bürgermeister Berensmann aus Laasphe den Baurat Reich (vgl. a. Artikel Gustav Reich) nach Kamen geholt hatte, baute der ganz Kamen um: er schuf den Gondelteich und den Postteich, ließ die Koppelstraße anlegen und verwirklichte in Kamen die noch gar nicht so alte Gartenstadt–Idee des Engländers Ebenezer Howard, die dieser 1898 vorgestellt hatte. In seinem Buch 

„To-Morrow: A Peaceful Path to Real Reform“ veröffentlichte er das Modell einer Gartenstadt. Sie sollte die Trennung zwischen Stadt und Land aufheben und die Vorzüge beider in einem verwirklichen.

„Hinaus ins Grüne“ war seit der industriellen Revolution der Wunsch vieler Menschen, vor allem von Großstädtern. Das „Grüne“ verhieß Naturnähe, Ruhe, Entspannung, Gesundheit, Frieden und Harmonie. Das konnten sich aber nur die Reichen leisten. Howards sozialreformerische Idee war es, auch dem Arbeiter Wohnen im Grünen zu ermöglichen und ihm ein Stück Land zu Selberbearbeiten zu geben. Dazu ersann er seine „Gartenstadt“. 

Abb. 4: Three Magnets

Howard vergleicht Stadt und Land mit zwei Magneten, die ein Stück Eisen, den Wohnung und Beschäftigung suchenden Menschen anziehen. Diesen stellt er einen stärkeren gegenüber, die Land- und Gartenstadt, die die Vorzüge von Stadt und Land vereinigen soll, ohne ihre Nachteile.

Schon 1864 hatte es in Deutschland ähnliche Gedanken gegeben, als in Dresden die ersten sog. Schrebergärten gegründet wurden. Doch blieben diese Kleingärten ohne Einbettung in die Stadtkonzeption, meistens in die Randlage der großen Städte abgeschoben, oft direkt neben Bahngleisen.

Howard hingegen entwickelte eine neue Idee von Stadt. Seine Gartenstadt sollte eine eigenständige Stadt im Grünen werden. Da es in Deutschland, anders als in England, bereits eine Fülle von kleinen und mittleren Städten gab, wurde dieses ursprüngliche Konzept hier 1907 dahingehend abgewandelt, daß man den bestehenden Städten Gartenvorstädte, Wohnsiedlungen oder Industriekolonien angliederte oder sie im Sinne der Gartenstadtidee ausweitete.

Die beiden Wohnsiedlungen Gartenplatz I und II im Osten Kamens stellen einen Höhepunkt in Reichs Wirken dar, als Vorstadt ausschließlich für Wohnzwecke mit Gartenstadtcharakter errichtet. Daher baute er nah am Stadtzentrum, aber mit genügend Platz für Grünflächen. Die Häuser wurden karréeförmig gruppiert. 

Abb. 5: Reichs Mulde

In jede der beiden Siedlungen fügte er einen zentralen Platz ein, als Mulde ausgelegt, mit einem Springbrunnen in der Mitte, wie auf dem Platz zwischen den beiden großen Kirchen „zur Erhöhung nach oben“, hier auf Profanbauten bezogen. Die Muldenhänge wurden natürlich von allen dort wohnenden Kindern gleich beim ersten Schnee als kleine Rodelhänge benutzt. Plätze waren für Reich konstitutives Element von Stadt, Versammlungsorte, Orte der Gemeinschaft. Und natürlich ließ er ausreichend Platz für Gärten. Zwischen ihnen führt eine mit Kastanien bepflanzte Allee hindurch, die den ländlichen Charakter unterstützt und die den Anwohnern im Herbst viel Arbeit macht, ohne die sie aber in einem Hohlraum wohnten.

Abb. 6: Kastanienallee

Wie detailversessen Reich war, zeigt sich an den Einzelheiten: Einzelhäuser immer giebelständig, Doppelhäuser traufenständig; Anordnung der Gauben nach festen Regeln; Dachgestaltung; symmetrische Fassadengestaltung; Fenstergestaltung; Freisitze; einheitliches Baumaterial. 

Was an der Planung der Gartenstadt auffällt, ist die Modernität auch in unserem heutigen Sinne, und das vor 80/90 Jahren. Das war die Zeit, als Kohle und Stahl die wichtigsten Wirtschaftsträger waren, die die mit Abstand meisten Arbeitsplätze boten. Doch war die Arbeit anstrengend und schmutzig, die Luft durch Kohlekraftwerke, Verkokung und Stahlherstellung verpestet. Filter, die Kraftwerksabgase reinigten, für uns heute selbstverständlich, gab es nicht. Urlaub an der See, in den Bergen, war für die Arbeiter an der Ruhr unerschwinglich. Erholung konnte es also nur in der unmittelbaren Nähe, zu Hause, geben. Grün in der Stadt war überlebenswichtig, und die beiden Gartenstädte verfügen über viel Grün. 

Waren die Häuser in der Kamener Gartenstadt schon bei ihrer Errichtung eher für Beamte und „höhere Angestellte“ gedacht als für Arbeiter, sind sie heute sicherlich eine bevorzugte Wohnlage.  Es wohnt sich hier immer noch stadtnah, ruhig und grün. 

KH

Abbildungen: Abb. 1-3: Photos Klaus Holzer; Abb. 4: 100 Jahre Leben in der Gartenstadt, Gartenstadt Nürnberg e.V., Nürnberg 2008; Abb. 5 & 6: Stadtarchiv Kamen