Flurnamen: In der Bredde

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Das Wort „Bredde“ (auch „brede“ und viele andere mundartliche Bezeichnungen) bedeutet zunächst einfach „Breite, Weite, weite Fläche/Ebene“, hat dann aber fast überall in Deutschland die Bedeutung „breites Ackerstück“ angenommen. Es handelt sich¹ um eine Ackerbezeichnung, die in Langstreifenfluren besonders auffällig war. Häufig war sie Land des Schultenhofes oder des örtlichen Adelssitzes. 

Aber warum war das überhaupt so bemerkenswert, daß daraus ein unterscheidendes Merkmal wurde, gar ein Flurname?

Bis zur Einführung des eisernen Pfluges gab es nur ganz einfache Pflüge, z.B. Holz– oder Geweihstangen, die den Boden bloß aufrissen, daher mußte man den Acker kreuzweise pflügen. 

Abb. 2: Hakenpflug

Die große Neuerung bracht der Kehrpflug. Er brach die Krume um, so daß der Boden viel tiefer aufgelockert und besser belüftet wurde. Dieser Pflug wies zuerst nur ein Streichblech mit Streichschiene und Schar auf, später dann eine Doppelschar. Es ist aber offenkundig, daß das Wenden eines solchen Pfluges, gezogen von Ochsen oder Pferden, einen erheblichen Aufwand bedeutete.

Abb. 3: Doppelscharpflug, Ulm 1935

Das Pflügen mit einem solchen Pflug ließ allerdings eine grobe Krume zurück, daher brauchte man   zusätzlich eine Egge, mit der man den Boden für die neue Aussaat vorbereiten konnte.

Abb. 4: Eggen mit Pferden, England 1942

Das bedeutete, daß der Bauer mit seinem Gespann sein Stück Acker mehrfach befahren mußte. Und das wiederum bedeutete, daß er sein Gespann oft wenden mußte, was kompliziert und daher umständlich und mühselig war und viel Zeit kostete. Der neue eiserne Pflug konnte daher nur dann effektiv eingesetzt werden, wenn man ihn nicht so oft wenden mußte. Jetzt war also das rechteckige, d.h., möglichst lange und entsprechend schmalere Feld besser geeignet für diese bäuerliche Tätigkeit und wurde bald zum Normalfall. War dennoch ein quadratisches, d.h., breites Feld übriggeblieben, war es eine Besonderheit. Daher gibt es den Flur-, daraus folgend den  Straßennamen In der Bredde.

Abb 5: Gewanne¹

Diese Abbildung zeigt sehr schön, wie ein Dorf sich organisierte. In direkter Umgebung de Dorfes lag die Allmende, manchmal als (Dorf)Anger, wo man sein Vieh weiden ließ. Um das Dorf herum lagen drei Gewanne, jeweils in Felder unterteilt, drei, weil man gelernt hatte, daß man den Ernteertrag durch die Dreifelderwirtschaft steigern konnte: Auf einem Feld wird Wintergetreide, auf einem anderen Sommergetreide angebaut, das dritte bleibt ungenutzt, Brache. Dabei wechselten die Anbauformen jährlich, das Feld kann sich also in jedem dritten Jahr erholen. Diese Neuerung bedeutete eine wesentliche Verbesserung im Bereich der Landwirtschaft. Vorher wurde ein Feld eine Saison bebaut und lag danach brach (Zweifelderwirtschaft). Die verbesserten Ernteerträge führten zu besserer Ernährung, diese wiederum zu einem Bevölkerungswachstum. Alles dieses war Voraussetzung zur Gründung von Städten, weil diese jetzt von Bauern mit Lebensmitteln versorgt werden konnten. 

Und noch etwas zeigt diese Abbildung: Die Anlage der Felder hatte absoluten Vorrang vor allem anderen. Wege nahmen nicht die kürzeste Route, sondern die unschädlichste.

Heute sind solche schmalen Streifenparzellen längst verschwunden. Zusammenlegung und Flurbereinigung sorgten dafür, daß solche Bezeichnungen ebenfalls verschwanden. Und natürlich ist das mühsame Wenden eines Pfluges auch Geschichte. Moderne Ackerschlepper können das ganz leicht. Nur Straßennamen erinnern noch an Fluren.

Quellen: Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2: Wikipedia, Pflug Altenwindeck; Abb. 3: Doppelschar-Kehrpflug mit Pflugkarren für tierischen Zug, Fa. Eberhardt, Ulm 1935, Wikipedia; Abb. 4: Photo D 8549, Imperial War Museum, Wikipedia; Abb. 5: Gewanne, Wikipedia, Falk Oberdorf, Osterstr. 8, 32312 Lübbecke

 

 1 Ackergrenze, an der der Pflug gewendet wird,  in mehrere Streifen aufgeteiltes Ackergelände

KH

Flurnamen: Bleiche

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

In östlicher Richtung von der Ostenallee abzweigend, gibt es seit 1975 die Straße „Bleiche“. Dieser Name hat es von einer Funktionsbezeichnung zum Flurnamen geschafft.

Eine „Bleiche“ genannte Fläche diente ursprünglich dem Bleichen frisch gewaschenen Leinens  wie auch des neu gesponnenen Leinentuches. Es handelte sich dabei um ein in der Nähe der Wohnbebauung liegendes Stück Grünland, das in der Regel an einem Fließgewässer lag, damit das Leinen immer feucht gehalten werden konnte. Je länger es der prallen Sonne ausgesetzt war, umso weißer, und damit umso wertvoller, wurde es. Das abgestandene und daher oft schmutzige Wasser von Teichen, Tümpeln und Stadtgräben war zu diesem Zweck ungeeignet. Nur selten legte man ein solches künstliches Gewässer an, das dann besonders tief ausgehoben und sorgsam gepflegt wurde.

Leinen war gefragte, aber auch teure Ware, es gehörte zur Aussteuer aller jungen Mädchen, deren Familien es sich leisten konnten. Diese Leute waren „betucht“. Und weil es so wertvoll war, war es auf der Bleiche ständig in Gefahr, gestohlen zu werden. Und weil die Bleiche gewöhnlich auf Grünland war, also auf Wiese und Weide, wo natürlich auch Vieh in der Nähe weidete, bestand immer die Möglichkeit, daß das Vieh auf die Bleiche geriet und das Leinen beschmutzte oder gar beschädigte. Daher standen am Rande einer Bleiche oft Bleichhütten, in denen sich Wächter aufhalten konnten. Oft wurde die Bleiche auch wie ein Garten eingezäunt. Ob das in Kamen der Fall war, ist nicht bekannt.

Abb. 1: Frauen beim Spülen der Wäsche am Mühlenkolk¹; im Hintergrund die Wiesen auf dem Gelände des heutigen Amtsgerichts (s. Abb. 3)

In Kamen gab es wohl mehr als eine Bleiche, waren die Leineweber doch eines der zwei  am stärksten ausgeübten Handwerke: im Jahre 1722 gab es in Kamen 44 Leineweber, dicht gefolgt von 38 Schustern. Neben der Bleiche im Osten der Stadt, nahe der Seseke und mehreren Flußaltarmen, etwa dort, wo 1843 Kamens erste Badeanstalt war (vgl.a. Artikel Ostenallee/Ostkamp/Bleiche), gab es, das ist belegt, mindestens eine zweite, dort, wo heute das Amtsgericht an der Poststraße steht. Hier standen die Seseke und der Mühlenkolk zum Ausspülen und Feuchthalten des Leinens zur Verfügung, und der Weg aus der Stadt zur Bleiche war sehr kurz.

Abb. 2: Photo der Bleiche am Amtsgericht; das Gebäude links ist die Kamener Mühle, zuletzt Mühle Ruckebier

Eine Besonderheit berichteten alte Kamenser über  die Situation hier. Damals zogen viele Zigeuner, wie es damals hieß, über Land. Sie standen generell in dem Ruf, Diebstählen nicht abgeneigt zu sein. Die Kamener Leineweber handelten also ganz schlau, als sie Zigeuner zur Bewachung ihres Leinens auf der Bleiche einstellten. Es soll kaum etwas abhanden gekommen sein.

KH

Abbildungen: Nr. 1: Photo Klaus Holzer; Nr. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer

 

¹Kolk = Strudel im Wasser, Höhlung am Flußufer; auch afries. Grube, Loch, Wasserloch; verw. mit „Kehle“, architekt. „Hohlkehle“): hier der künstlich angelegte Teich zum Ausgleich von Hoch- und Niedrigwasser

Flurnamen als Straßennamen

von Klaus Holzer

Überall wo Menschen sich bewegen, wo sie siedeln, brauchen sie Orientierung, d.h., sie benennen ihre Umgebung z.B. nach natürlichen und topographischen Gegebenheiten: Hain oder Wald, Bach oder Fluß, Berg oder Tal, Teich oder Weg usw., die zur Unterscheidung, als Orientierungsmerkmale ländlichen Wohnens und Arbeitens dienen. Als der Mensch in der Jungsteinzeit vom Jäger und Sammler zum Siedler, also seßhaft, wurde und anfing, Land zu bearbeiten, konzentrierte sich jeder immer wieder auf dasselbe Stückchen Land, das er bearbeitete und alsbald als „sein“ Land betrachtete. Und er nannte es in Abgrenzung zum Land seiner Nachbarn nach einer Besonderheit, d.h., er gab ihm einen „Namen“, der es vom angrenzenden Land unterscheidbar machte: Landschaftsform, Eigenarten der näheren Umgebung, Lage- und Nutzungsbezeichnungen, Bezug auf sich als Eigentümer oder auf das umgebende Milieu wurden zu geläufigen Mitteln bei der Benennung. Größere Bereiche erhielten ihre Namen oft nach den Himmelsrichtungen: Osten–, Süden–, Westen– und Nordenfeldmark. Und natürlich wurden nicht nur Acker- und sonstige Nutzflächen mit Namen versehen, sondern auch „Weidestücke und Waldstreifen, [ … ] Wege und Wegeränder, [ … ] kultivierte Moorflächen und Heiden, [ … ] Berghänge und Felsformationen, [ … ] Teiche, Bäche und deren Uferflächen“.1

Abb. 1: Kamen in seinen drei Entwicklungsphasen, mit Flurnamen (nach Stoob, Westfälischer Städteatlas, Kamen, 1975)

Flurbezeichnungen stammen aus einer Zeit, die noch keine Schrift kannte, als alles mündlich weitergegeben wurde, aus einer Zeit, in der der Mensch, gerade seßhaft geworden, wenig mobil war, meistens aus seinem Dorf, allenfalls seiner näheren Umgebung, in der Regel nicht hinauskam. Und das bedeutet auch, daß Flurbezeichnungen keine großen Areale bezeichneten, die so eine mindestens regionale Bedeutung haben konnten (und damit eine größere Chance hatten, einen wenig veränderlichen Namen zu erhalten), sondern kleinteilig angelegt waren und sich durch Generationen auch verändern konnten. Immer aber hatten sie ursprünglich „Namen“, die aus den Umständen heraus eine Bedeutung hatten. „Je nach Ordnungskategorie können für einen Gegenstand verschiedene Bezeichnungen anwendbar sein: Ein eingehegter Acker ist ein „Kamp“. Gleichzeitig kann er nach der Nutzung  als „Haferland“ bezeichnet werden, nach seiner Größe als „Dreimorgen(-Stück)“, nach seinem Relief als „Horst“, nach seiner Form als fîfhôk (Fünfheck). Alle diese „Flurnamen“ sind richtige Beschreibungen, also nicht Namen, sondern Bezeichnungen.“2  Daß Bezeichnungen sich mit veränderten Bedingungen ändern, liegt auf der Hand.

Systematisiert wurden diese Angaben auf Napoleons Initiative (Wieder einmal! Wie so viel Grundlegendes der Moderne in Deutschland geht auch dieses auf ihn zurück), der das eroberte Land vermessen ließ. Als er endgültig besiegt und vertrieben war, führten die Preußen (Westfalen war seit dem Wiener Kongreß 1815 preußische Provinz) diese Maßnahme fort. Geometer vermaßen flächendeckend das ganze Land, listeten die Grundstücke auf, notierten die Größe der Parzellen, beschrieben die Bodenbeschaffenheit, trugen die Bezeichnungen ein, die die Eigentümer nannten – und sorgten so dafür, daß sich alte, niederdeutsche, Flurbezeichnungen erhalten konnten. Sie geben Auskunft über die alte Welt, aus der sonst keine schriftlichen Aussagen erhalten sind.

Beide, Franzosen und Preußen, hatten gute Gründe für diese doch eigentlich sehr aufwendige Sache, ein ganzes Land zu vermessen: zum einen hatte man auf diese Weise präzise Karten für Wirtschaft, Handel und Verkehr, zum anderen aber auch eine Grundlage für die Besteuerung der Grundeigentümer, deren Namen anfänglich mit eingetragen wurden (was sich als nicht zweckmäßig erwies, weil jede Erbschaft, jeder Verkauf erfaßt werden mußte und ständig neue Karten gezeichnet werden mußten); nicht zuletzt aber hatten diese Karten auch einen militärischen Sinn. 

Die heute noch erhaltenen Namen für solche „Flur” genannten Stücke Land entstammen dem Plattdeutschen, das oft von Dorf zu Dorf seine eigenen Ausprägungen hatte: sogar zwischen Kamen und Methler gab es Unterschiede. Solche Namen, die sich heute noch in Kamener Straßennamen erhalten haben, sind z.B. Mersch, Bredde, Bleiche, Brink, Hemsack u.a. 

Abb. 2: Übersicht Fluren Kamen

Diese alten Flurbezeichnungen wurden aufgegeben, als die Industrialisierung im 19. Jh. Deutschland grundlegend veränderte. Agrarland wurde zu Industrieland, Dörfer zu Städten, Städte zu Großstädten (Beispiel Bochum: 1843 hatte Bochum 4282 Einwohner, 1905 schon über 100.000), unbebautes Land wurde zugebaut, Städte vergrößerten sich ins Umland (Beispiel Kamen: die Westenfeldmark, freies, offenes Land, wurde ab 1873 mit dem Einzug des Bergbaus entlang der Lünener Straße dicht bebautes Stadtgebiet) landschaftliche Eigentümlichkeiten veränderten sich bis zum Verschwinden. Man schaue sich nur einmal die vielen Einfamilienhaussiedlungen (Schlafstädte für die nahe Großstadt) um den Kern alter Städte an, die vielen Einkaufszentren, die auf die „grüne Wiese“ gesetzt wurden und die Einkaufsqualität „innenstadtunschädlich“ verbessern sollten, doch entgegen allen gelehrten Gutachten den Tod eben dieser einläuteten (heute durch den Internetbestellhandel zu Ende geführt).

Die Flurnamen verloren ihren Sinn, die Fluren sollten aber aus eigentums-, verwaltungs- und steuerrechtlichen Gründen weiterhin erfaßt werden. 1861 wurde per Gesetz die Bildung eines Katasters vorgeschrieben. Erst ab diesem Zeitpunkt also wurden die Flurbezeichnungen katastermäßig erfaßt. Von nun an wurden die Namen durch Nummern ersetzt, so daß bei Veränderungen die Karten nicht mehr betroffen waren, nicht neu gezeichnet werden mußten, es reichte, z.B. bei einem Besitzerwechsel, die Eintragung im Grundbuch zu verändern.

Abb. 3: Flurstücke Kamen

Abb. 4: Flurstücke Altstadt Kamen

Heute sind diese Flurbezeichnungen in Straßennamen zwar manchmal noch erhalten, aber nicht mehr von praktischer Bedeutung, weil die Landschaft sich sehr stark verändert hat, die städtische Bebauung sich immer weiter in die Außenbezirke hinausgezogen hat, es also z.B. die frühere Randlage (Brink) gar nicht mehr gibt, allenfalls noch in alten Namen erhalten ist, in Dörfern kein Platz mehr für eine Wiese (Anger) freigelassen wurde, oder die tägliche Arbeit sich ganz anders darstellt, man keine Wäsche mehr auf die Bleiche legt, Stadtgräben sind trockengelegt worden und verschwunden (Beispiel Kamen: die noch in den 1960er Jahren vorhandenen Reste des alten Stadtgrabens außerhalb der Ostenmauer an der Ostenallee liegen heute unterirdisch), wo in der Stadt gibt es noch Weiden und Wiesen, den Hemsack gibt es noch, doch ist die Körne im Zuge des Sesekeumbaus in den 1920er Jahren verlegt worden, das Flußdreieck von früher gibt es so nicht mehr (und außerdem steht dort jetzt das Klärwerk). Und natürlich hat das Zusammenlegen früher selbständiger Städte (Elberfeld und Barmen zu Wuppertal, 1929) und Gemeinden (die Kommunalreform NRW Ende der 1960er Jahre: die ehemals selbständigen Gemeinden Derne, Heeren-Werve, Methler, Rottum und Südkamen sind heute Kamener Stadtteile) ebenfalls diese Wirkung. Kurz, wenn es heute noch Flurnamen in Straßennamen gibt, ist das in der Regel eine Reminiszenz an frühere Verhältnisse, die nur noch dem an der Ortsgeschichte Interessierten etwas bedeuten.

Und Platt sprechen heute nur noch wenige Menschen, die Bedeutung unserer Flurnamen ist uns nicht mehr geläufig. Daher wird hier der Versuch unternommen, die Bedeutung wenigstens einiger dieser Namen zu erklären.

Dank an Herrn Eckard Pischel für seine Angaben zu Katastern.

Glossar: Flur (die) – offenes, unbewaldetes Kulturland, in Parzellen eingeteilte landwirtschaftliche Nutzfläche

Gewann (das) – abgegrenztes Teilstück einer Flur

Allmende (die) – auch: die gemeine Mark, Gemeinheit; Areal, das allen Dorfbewohnern zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stand

Gemarkung (die) – Gebiet, gesamte Fläche einer Gemeinde; Gemeindeflur 

Feldmark (die) – Fläche aller zu einer Gemarkung (also einer Gemeinde oder einem Landgut) gehörenden unbebauten Grundstücke (Ackerland, Wiesen, Weiden, Waldungen usw.) 


Literatur:

1 Gunter Müller, Westfälischer Flurnamenatlas; Lieferung 1-5; Im Auftrag der Kommission für Mundart- und Namenforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. Alle fünf Bände sind im Stadtarchiv Kamen vorhanden; zur wissenschaftlichen Vertiefung geeignet.

2 Gehölz, Baumgruppe

3 Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen, 800 bis 1800, zweite überarbeitete und erweiterte Auflage, Duisburg 2014

4 Karl Kühnapfel, Sau hätt se kürt in Kamen und drümmrümm, Kamen 1997, 2. Aufl. zusammengestellt von Wilfrid Loos

5 Weitere Werke, die Grundlage dieses Artikels sind: Hugo Craemer, Alt-Kamen im Lichte seiner Orts- und Flurnamen. aus: Zechenzeitung, 1929, Jgg. 3-7 & 8;

Ferdinand Brandenburg, Die Kamener Flurnamen, Westfälischer Anzeiger, fünf Folgen zwischen Anf. Feb. und Anf. April 1944

KH

Pest und Corona in Kamen

von Klaus Holzer

Abb. 1. Kamens Fußgängerzone in Coronazeiten 

Seit fast einem Jahr leiden wir unter Corona, einer Pandemie, die 2018/19 in China ihren Anfang nahm, viel zu weit weg, als daß sie uns hätte berühren können, wie wir damals glaubten. Doch dann erwischte sie uns mit aller Macht und legte alles Leben, so wie wir es kannten, monatelang lahm. Die Pandemie zu bestehen, gar zu überwinden, hilft uns die Wissenschaft, die Naturwissenschaft vor allem. Ihr ist es gelungen, das Virus, seine Wirkung und seine Verbreitung, zu entschlüsseln, es weitgehend zu verstehen. Sie hat sogar inzwischen ein Gegenmittel, einen Impfstoff, entwickelt, der verspricht, die Seuche zu überwinden. 

Abb. 2 & 3: Im MA noch unbekannt: Die Verbreiter der Pest, die Ratte und der Floh

Damit sind wir in einer vergleichsweise glücklichen Position gegenüber unseren mittelalterlichen Vorfahren. Sie standen der Seuche ihrer Zeit, der Pest, hilflos gegenüber. Sie nannten sie „Pestilenz“ und den „Schwarzen Tod“. 

Abb. 4: Der schwarze Tod

Mangels naturwissenschaftlicher Kenntnisse nahmen sie an, Gott habe die Seuche geschickt, um den Menschen für sein sündiges Verhalten zu bestrafen. Daher lag denn auch die einzige Möglichkeit der Heilung in verschiedenen Arten von Buße, um Gott wieder versöhnlich zu stimmen: man ließ Messen lesen, sammelte Almosen, führte Prozessionen und mehrtägige Altargänge durch und hielt strenges Fasten ein. 

Abb. 5: Die Geißler

Schwärme von Geißlern zogen überall durch die Straßen und schlugen sich mit ihren Geißeln blutig, die härteste Buße. Die meisten dieser Maßnahmen führten jedoch zu einer weiteren Verbreitung der Pest, weil fast immer große Gruppen von Menschen zu dieser Art von Buße zusammenkamen. Und die hygienischen Verhältnisse im allgemeinen waren katastrophal.

Abb. 6: Juden als Sündenböcke

Eine weitere Art, diese Seuche zu bekämpfen, bestand darin, einen Sündenbock zu suchen. Nach einem Pestausbruch entstand sehr schnell das Gerücht, die Juden seien schuld. Sie hätten die Brunnen vergiftet, um alle Christen zu ermorden, Kinder rituell geschlachtet und deren Blut getrunken und, vor allem, sie seien für den Tod Jesu verantwortlich. Befeuert wurden die folgenden  Pogrome durch die Tatsache, daß die jüdischen Gemeinden von der Pest nur relativ wenig betroffen waren. Daß das an der wesentlich besseren Hygiene der Juden lag, ahnte man nicht.

Die erste große Pestwelle in Westeuropa begann 1347 in Genua, aus Asien eingeschleppt von genuesischen Händlern und Seeleuten, umgehend nach Marseille und Barcelona weitergetragen. Bis 1352 erreichte sie fast ganz Europa (Corona reist heute nicht per Segelschiff, sondern mit dem Flugzeug und ist entsprechend schneller. Obendrein haben wir heute eine digitale Informationsverbreitung, die uns das Weltgeschehen in Echtzeit miterleben läßt). Sie hatte eine verheerende Wirkung und rottete mancherorts bis zur Hälfte der Menschen aus, im Durchschnitt wohl etwa 40% der europäischen Bevölkerung. 

Abb. 7: Die Pest entvölkert ganze Landstriche

Immerhin kam man in Venedig schon 1374 zu der Einsicht, daß man die Erkrankten isolieren müsse, wenn auch sowieso niemand den Kontakt mit ihnen suchte (Venedig war auch die erste Stadt, die 1423 ein Pestkrankenhaus einrichtete). Es wurde eine Meldepflicht eingeführt, die Erkrankten isoliert. In der Regel dauerte diese Isolation 40 Tage1, auf italienisch „quaranta“, bald danach griffen die Franzosen diese Idee auf und nannten sie „quarantaine“, woher unser heute gebräuchliches Wort Quarantäne stammt. Die Toten wurden so schnell wie möglich in Massengräbern beerdigt. Die Situation war schlimm, doch wird der mittelalterliche Mensch auf den Schwarzen Tod mit mehr Gelassenheit reagiert haben, als wir uns das heute vorstellen können, gab es doch so viele Gründe für einen frühen Tod, von der hohen Kindersterblichkeit bis zu vielen Krankheiten, Mangelernährung, den häufigen Unfällen, oft schlechter, weil eintöniger Ernährung, meist Getreidebrei, mangelhafter medizinischer Versorgung, der soziale Stand und Krieg waren alltägliche Risiken. Die meisten Menschen erreichten nicht 50 Lebensjahre. Außer Aderlaß und Astrologie gab es kaum etwas, das den Ärzten zur Verfügung stand. Sie wußten es einfach nicht besser.

Abb. 8: Der Pestarzt schützte sich mit dieser speziellen Maske, die mit Essig getränkt und mit Kräutern gefüllt war

Die Pest breitete sich in fast ganz Europa aus, auch Kamen blieb nicht von ihr verschont. Wir wissen nicht, ob sie unsere Stadt noch im 14. Jh. erreichte. Lt. dem ersten Stadtchronisten Friedrich Buschmann dauerte es ungefähr 230 Jahre, bis sie Kamen heimsuchte, dann aber heftig. 

Bis zur Mitte des 15. Jh. war Kamen eine wohlhabende und mächtige Stadt, für damalige Verhältnisse bevölkerungsreich, etwa 1500 – 1600 Einwohner. Sie genoß Privilegien, die die Grafen von der Mark ihr eingeräumt hatten und pflegte gute Beziehungen zur Hanse, nach Lübeck vor allem, wo Kamener Kaufleute wichtige Händler waren und einige es sogar in den lübischen Senat schafften. Kamen war, nach Hamm, die zweitwichtigste Stadt in der Grafschaft. Wöllner und Weber schufen Reichtum, weil sie ihre Tuche über die Hanse auf dem Weltmarkt anboten, schon früh die Globalisierung des Handels nutzten und vorantrieben.

Die glänzenden Aussichten wurden jäh zunichte gemacht, als 1580 zum ersten Mal die Pest hier ausbrach. Es ist nicht bekannt, wie viele Leben sie forderte, es ist keine Chronik, kein Kirchenbuch auf uns gekommen, das Genaueres festgehalten hätte. Das älteste noch vorhandene Kamener Kirchenbuch beginnt 1620, aus dem wir freilich das Grauen der folgenden Jahre erfahren.

Abb. 9: Marodierende Soldaten im Dreißigjährigen Krieg

1624 begann der Dreißgjährige Krieg, unter dem Kamen entsetzlich leiden sollte. Es gab Durchmärsche, Einquartierungen, es waren Kontributionen zu entrichten, Plünderungen zu erleiden, kurz, Kamen verarmte. Und als wäre der Krieg nicht schon genug der Last gewesen, brach im Jahre des Kriegsbeginns die Pest aus und forderte 267 Tote. Und das bei einer Bevölkerung von etwa 1600 Personen! Innerhalb eines Jahres starb an der ersten Pestwelle also etwa ein Sechstel der hiesigen Bevölkerung! 1625 starben weitere 209, 1626 noch einmal 115 Einwohner. Das bedeutet, daß Kamens Bevölkerungszahl von ca. 1600 auf ca. 1000 zusammenschmolz, über ein Drittel aller Kamener starb in nur drei Jahren an der Pest!

Abb. 10: Beerdigung von Pestopfern

Und 1636 erfolgte ein weiterer Ausbruch, der weitere 213 Leben forderte. Buschmann berichtet 1841, daß am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) „die Einwohnerzahl der Stadt auf die Hälfte zusammengeschmolzen“ war. 1673 starben in Kamen und im Kirchspiel noch einmal 400 Menschen. Solchen Verlust kann keine Geburtenrate ausgleichen, die im 17. Jh. in Kamen im Durchschnitt 60 betrug (so der zweite Stadtchronist Friedrich Pröbsting). Noch 1722 hatte Kamen mit 1.413 Einwohnern nicht wieder die Zahl von vor 1624 erreicht. Erst 1816 sind es mit 1.941 Einwohnern deutlich mehr. Die Auswirkungen der Pest auf die Demographie, und damit die Wirtschaft, waren enorm.

Kein Wunder, daß Kamen seine starke wirtschaftliche Stellung in der Grafschaft Mark nicht länger behaupten konnte, nachdem es schon 1492 auf den dritten Platz hinter Unna abgerutscht war. Jetzt ging es weiter bergab, bis ins Mittelfeld, doch blieb die Stadt mit ihrer Bevölkerungszahl immer noch weit vor z.B. Bochum (!). Knapp gesagt: Kamen war verarmt. „So fand sich denn am Schlusse jenes grauenvollen 30jährigen Krieges die hiesige Stadt fast aller ihrer Besitzungen beraubt und mit Schulden belastet, und die gesamte Bürgerschaft war allmählig verarmt.“ (Buschmann) Die Stadt mußte den größten Teil ihres Grundbesitzes notverkaufen, „ganze Reihen von Häusern [waren] ohne Bewohner, die entlegenen Ackergründe [blieben] culturlos liegen, und große Flächen Ackerland in der Reck-Camenschen Gemeinheit bewaldeten“ (Buschmann). 

Abb. 11: Das Siechenhaus vor Dassow in Mecklenburg-Vorpommern

Immerhin, schließt Buschmann, gab es in der Gemeinde Overberge einen kleinen Kirchenkotten, Siechenhaus genannt, der, von der evangelischen Kirche unterhalten, für die Aufnahme von Kranken bereitstand und wohl aus der Pestzeit stammte. Man kümmerte sich trotz der immer bewußten Risiken um seine Pestkranken, wenn auch, weise, weit außerhalb der städtischen Bebauung.

Abb. 12: Aus der mittelalterlichen Seuchenerfahrung griff das Barock das clunianzensische memento mori wieder auf

Abb. 13: Ein besonders schönes Beispiel des memento mori: der freundlich lächelnde, ekstatisch tanzende, äußerst lebendige Tod

Und zu all diesem Unglück aus Pest und Krieg kamen damals immer noch verheerende Stadtbrände. Zwischen 1250 und 1712 brannte Kamen elf Mal. An Pfingsten 1452 blieben nur die Kirche, das Rathaus und 20 Häuser stehen, alles andere brannte nieder. Und Heilung und Rettung suchten die Menschen in der Buße. Allerdings gibt es auch heute noch religiöse Gemeinschaften, die der Medizin mißtrauen und Gebete für das einzige Gegenmittel halten. Und wenn sie nicht helfen sollten, nun, dann hat Gott anderes mit einem vorgehabt.

Ein Blick in Kamens Historie relativiert unser Leid vielleicht doch etwas.

1 Die Dauer von 40 Tagen bestimmt sich wohl aus der Bibel: Jesu Versuchung; die Sintflut; Noah; Auszug des Volkes Israel aus Ägypten; Moses auf dem Berg Sinai; die Fastenzeit; die Zeit zwischen Auferstehung und Himmelfahrt: immer handelt es sich um einen Zeitraum von 40 Tagen, der Gelegenheit zu Buße und Besinnung gibt, Wende und Neubeginn ermöglichen soll. 

KH

Abb. 1: Photo Klaus Holzer

Abb. 2: planet wissen (Wikipedia)

Abb. 3: planet wissen (Wikipedia)

Abb. 4: Arnold Böcklin, Die Pest, 1898, Kunstmuseum Basel (Wikipedia)

Abb. 5: Carl von Marr, Die Flagellanten, 1889, Museum of Wisconsin Art (Wikipedia)

Abb. 6: Chronik von Gilles Li Muisis, Darstellung der Geißlerzüge, um 1350, Bibliothèque royale de Belgique (Wikipedia)

Abb. 7: Chronik von Gilles Li Muisis, Scène de la peste de  1720 à la Tourette (Marseille) 1720 (Wikipedia)

Abb. 8: Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom, 1656 (Wikipedia)

Abb. 9: Sebastian Vranckx, Marodierende Soldaten, 1647 Deutsches Historisches Museum Berlin, (Wikipedia)

Abb. 10: Chronik von Gilles Li Muisis, Beerdigung der Pestopfer in Tournai, um 1350, Bibliothèque royale de Belgique

Abb. 11: Autor unbekannt, Siechenhaus von Dassow, Mecklenburg-Vorpommern, (Wikipedia)

Abb. 12: Autor unbekannt, Pesttafel mit dem Triumph des Todes, Deutsches Historisches Museum Berlin (Wikipedia)

Abb. 13: Hans Leinberger zugeschrieben, 1596, auf Schloß Ambras, Österreich (Wikipedia)

Oststraße, oder wie man damals reiste

von Klaus Holzer

Oststraße, oder wie man damals reiste

Die Oststraße gehört zu den großen Magistralen Kamens, zusammen mit der Nord– und der Weststraße und der südlichen Achse über „Am Geist“ (vorher Königstraße), den Markt und die heutige Bahnhofstraße. Dieses große erste „Kamener Kreuz“ führte durch die wichtigsten Kamener Stadttore hinaus in alle Himmelsrichtungen: nach Norden ging es in das Münsterland, nach Westen die Lippe abwärts auf den Rhein zu, nach Süden zu lag Kurköln und nach Osten, durch das Ostentor, führte der Weg zur Hauptstadt der Grafschaft Mark, Hamm, und, fast noch wichtiger, zumal für die Kamener Kaufleute, nach Nordosten. Dort lag Lübeck, die zentrale Hansestadt, in der diese Kamener eine gewichtige Rolle spielten, wie im gesamten Handel der Hanse. (vgl. Art. Die Hanse) Diese Straßen waren zur Groborientierung wichtig für alle Reisenden. Auf diesen Strecken fanden sich auch immer Landmarken, z.B. in Form von Kirchtürmen oder besonderen Bäumen, die halfen, die Route zu bestimmen. So gelangte man in Städte, die Schutz und Unterkunft für die Nacht boten.

Abb. 1: Blick in die Oststraße vom Kreisel Hammer Straße; die Pferdewechselstation befand sich kurz hinter dem haltenden Pferdewagen auf der rechten Seite

Abb. 2.: Die gleiche Perspektive heute

An solchen Straßen gab es daher immer auch Möglichkeiten zur Übernachtung und Pferdewechselstationen, in Kamen belegt seit 1343. Kamen wurde schon im 18. Jh. von einem mehr oder weniger regelmäßigen Postkutschendienst angefahren, daher entstand in der Oststraße eine Pferdewechselstation (in Abb. 1  gleich hinter der Kurve, auf der rechten Seite). Diese Station lag im schon länger bestehenden Gasthaus „Zur Post“, das von der der Familie Koepe betrieben wurde. Erst nachdem Kamen durch die Eisenbahn an das moderne Verkehrswegenetz angeschlossen war, wurde diese Pferdewechselstation überflüssig und der nächste Koepe, Alexander, siedelte dann endgültig zum Markt über. (Interessant: Der Nachfolger im „Weißen Röss’l” der Koepes war Willy Neff, der als Nachtclubkönig von Kamen ebenfalls ein sehr erfolgreicher Wirt war.)

Abb. 3: Blick in die Oststraße (links) vom „Kamener Kreuz“ her, etwa 1890er Jahre; rechts am Rand das Café Humberg

Abb. 4: Blick in die Oststraße vom „Kamener Kreuz“ her, etwa kurz nach 1900; das Haus rechts steht an der Stelle der abgerissenen Scheune (vgl. Abb. 3) 

Übernachtungsmöglichkeiten gab es in vielen Städten, so auch in Kamen, in Hospitälern (aus lat. hospēs = Gastfreund, Wirt), die zuerst jedoch Armen- und Krankenhäuser waren. Das Heilig-Geist-Hospital stand auf der Kreuzung Osten-, Norden- Weststraße und Am Geist, das erste und jahrhundertelang einzige Armen– und Siechenhaus der Stadt. Arm und krank, das gehörte offenbar nicht nur im Mittelalter zusammen. Nach 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, wurde es nicht mehr genutzt und verfiel vollständig. Erst 1717 wurden die Trümmerreste entfernt. Schon 1662 jedoch war das neue Hospital daneben erbaut und 1865 gründlich renoviert worden. Das stand dann bis in die 1930er Jahre, als es baufällig war und dem Möbelhaus Reimer Platz machen mußte.

Abb. 5.: Hl. Geist-Hospital in den 1930er Jahren

Dieses Hospital erhielt im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Schenkungen, so daß es seiner Funktion gerecht werden konnte, und wenn das Geld tatsächlich einmal knapp wurde, half wohl auch die Stadt gelegentlich aus. 

Mittelalterliche Städte waren in der Regel von einer Stadtmauer umgeben, deren Durchgänge durch Stadttore verschlossen werden konnten. Die großen Straßen führten durch sie hindurch und wurden von den Kaufleuten benutzt, die die Märkte beschickten und dazu von Stadt zu Stadt zogen. Selbst die Fernverbindungsstraßen waren in den Städten meistens bis zum Beginn des 18. Jh. nicht gepflastert und schon beim geringsten Regen schlammig und kaum passierbar. Immerhin wurde Kamens Mühlenstraße (heute Bahnhofstraße vom Markt bis zur Maibrücke, wo die Mühle stand) bereits 1797/98 als erste Straße in Kamen gepflastert, viel später folgte die Oststraße, erst 1890 wurden die Rott–, die Kamp–, die Weeren–, die Nord– und die Weststraße gepflastert. Auch das ist indirekt ein Beleg für die Bedeutung des Zugangs zum Hellweg, der alten Heer- und Handelsstraße, der via regis.

War es schon schwierig, durch die Städte zu kommen, war das Reisen außerhalb oft unmöglich.  Eine lübische hanseatische Gesandtschaft, von Münster aus weiterreisend, berichtet in ihrem Reisetagebuch 1606 folgendes: „… [wir] passirten auff Steinforde (Anm.: Drensteinfurt) zu Mittag und den Abend auff Hamme: war ein sehr boser und tieffer Wegk, das bei gantzen Meilen (Anm.: 1 Meile = ca. 7,5 km) bis zu den Axsen im Dreke giengen. Von Hamme sein wir den folgenden Tagk, war den 5. Dez. passiert auf Kamen, Unna, durch das Torff Wickeden, Asselen, Brake, und hatten denselben Tagk nicht geringe pericull (Anm.: Gefahr) wegen einer Compagnie Reuter, so alda abgedancket wart, und sich sehn lies, aber der liebe Gott half uns den Avent (Anm.: Ankunft) noch binnen Dortmunde durch den bosen unfletigen Wegk.“1 Trotz solcher Schwierigkeiten gelang es allerdings diesen Postfuhren, die Strecke von Cleve am Niederrhein nach Königsberg in Ostpreußen in 10 Tagen zurückzulegen!) Solch eine Reisegruppe hieß „Hanse“ und war aus Sicherheitsgründen „ein starke convoy und fünff Kutzschen sambt 15 Reisigen“ [Anm.: Bewaffneten].

Und diese Strapazen trafen die Reisenden nicht etwa in gemütlichen Reisewagen, sondern wurden durch deren Bauweise noch verschärft: hölzerne ungefederte Achsen, ohne Verdeck, ungepolsterte Sitze ohne Lehne; erst ab etwa 1700 wurden Verdecke mit seitlichen Vorhängen und Türen üblich, wurden die Sitze zu Bänken verbunden, erhielten eine Strohpolsterung und Rückenlehnen, Aufsteigetritte und Laternen.

Abb. 6: Koepescher Bierkeller an der Einmündung der Ostenmauer in die Oststraße

Dort wo das Ostentor gestanden haben muß, also auf der Oststraße zwischen Ostenmauer und Nordenmauer, wurde 1855 vom Wirt Joh. G.Koepe ein Bierkeller gebaut. Das war eben der Koepe, der am Markt Ecke Weerenstraße eine Gaststätte betrieb. Das Eckhaus gegenüber war damals seine Scheune, in der er Bier braute und Fusel (Schnaps) brannte.

So ein Keller war unbedingt nötig, war das Bier seinerzeit doch lange nicht so haltbar wie heute, und Kühlung war nur in solchen Kellern möglich. Im Winter schnitt man aus zugefrorenen Teichen dicke Blöcke Eis, die hier gelagert wurden und bis weit in den Sommer Kühlung lieferten.

Das Ostentor hat noch eine ganz besondere Anekdote in seiner Geschichte. 1807 hatte Napoleon ganz Deutschland erobert. Aus Berlin hatte er die Quadriga vom Brandenburger Tor als Zeichen seines Triumphes abnehmen und nach Paris bringen lassen. Als er aber 1814 endgültig geschlagen war, sollte sie wieder nach Berlin zurückkehren, natürlich ebenfalls im Triumphzug. Dazu wurden alle auf dem möglichst langen Weg nach Berlin liegenden Städte durch Reiter informiert, daß der Zug zu einem bestimmten Termin durch diese Stadt kommen werde. Und natürlich wollte jedermann das Schauspiel sehen. Die Kamener waren so vorsichtig, sich nach der Breite des Transportes zu erkundigen, weil man noch eine Stadtmauer mit Stadttoren hatte. Der erste Kamener Stadtarchivar, Ernst Braß, schreibt dazu im Heimatbuch Hamm (1922), „Aus der Geschichte der Stadt Kamen“ auf S. 197f: „Ein Festtag war es, als am 15. Mai 1814 der 1806 von Napoleon vom Brandenburger Tor in Berlin geraubte Siegeswagen durch unsere Stadt zurückgeführt wurde. Zu diesem Zwecke wurde ein Teil des Ostentores abgebrochen. Alt und Jung begleitete denselben unter Jubel und Freud durch die Stadt.“2 Andere Stadthistoriker bezweifeln diese Annahme. So schreibt Wilhelm Hellkötter etwa: „Ob es wahr ist, daß im Jahre 1806/07 das Ostentorgebäude abgebrochen werden mußte, als Napoleon die Viktoria von dem Brandenburger Tor in Berlin nach Frankreich wegführte, ist unwahrscheinlich; ich konnte hierüber im Stadtarchiv keine Unterlagen finden.“3 Hellkötter nimmt also an, daß, wenn das überhaupt geschehen sein sollte, dann schon durch Napoleon, als er die Quadriga nach Paris bringen ließ. Sicher scheint aber zu sein, daß es 1814 abgebrochen wurde.

Und gesichert ist auch (lt. Hellkötter), daß dieses Ostentor am 7.6.1722 schon einmal eine Rolle spielte: „Friedrich Wilhelm II wurde von einer Gruppe Berittener von der Ortsgrenze zu Overberge abgeholt und über die Oststraße (dann Königstraße) in die Stadt und auf den Markt geführt, wo alle Camener ihn mit Jubel empfingen.“ Und so erhielt das Kamener Hotel „König von Preußen” (Bergheim) seinen Namen.

Am stadtäußeren Ende der Oststraße, in unmittelbarer Nähe des Ostentores, in die „Nordenmauer“ hineinführend, lag auch der Rungenhof, über den keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen. Vermutlich war er einer der ersten, wenn nicht der erste Burgmannshof, ein gutes Stück außerhalb der frühen Stadt, im Verlaufe der dritten Entwicklungsphase (vgl.a. Art. Kirchhof) „eingemeindet“. Ursprünglich war er wohl zum Schutz des Ostentores gedacht, das aber nicht besonders geschützt zu werden brauchte, da die Straße nach Hamm (Derner Straße) sicher war: dort residierte der Graf von der Mark. Und weil der Rungenhof so früh verschwand, gibt es auch keine Erkenntnisse über ihn. Eine weitere Möglichkeit, warum es über den Rungenhof keine Erkenntnisse gibt: er lag ursprünglich ein Stück weit draußen, außerhalb der engeren Bebauung. Als die Stadtmauer gebaut wurde, erschien es unzweckmäßig, sie wegen des Rungenhofs so weit nach außen zu führen: zu lang, zu teuer, zusätzliche Sicherheit wg. der märkischen Residenzstadt Hamm war bereits vorhanden, daher wurde der Rungenhof nicht mehr benötigt und abgerissen. Das alles ist jedoch Spekulation. Selbst im reichlich bestückten Kamener Stadtarchiv gibt es keine Urkunde, die hierüber Auskunft geben könnte.

Abb. 7: Der Rungenhof, Bebauung mit Zechenhäusern

Um 1900 wurde das freie Gelände von der Zeche gekauft und mit Zechenwohnungen bebaut. Pröbsting berichtet 1901: „Die erste Häusergruppe wurde in der Nähe des Bahnhofs gebaut; dies sind zum Teil kleinere Häuser für je vier Familien. Sodann wurde der alte von der Recksche Burghof, Vogels Hof genannt, an der Nordstraße, bebaut, und dann an der Nordenmauer auf Rungenhof eine Reihe von Häusern – jedes zu 12 Familien – hergestellt.“4

1 Zitiert nach: Wilhelm Schäfer, „…war ein sehr boser tieffer Wegk“. Aus der Geschichte des Post- und Verkehrswesens unserer Heimat, aus: Heimat am Hellweg, 1955, S. 61

2 Ernst Braß,, „Aus der Geschichte der Stadt Kamen“, Heimatbuch Hamm, 1922, S. 197f

3 Wilhelm Hellkötter, Westfälischer Anzeiger, 26.11.1943

4 Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen,      Hamm 1901, S. 50

Eine wunderbare Beschreibung, wie man am Anfang des 19.Jh. in Deutschland reiste, gibt der schwedische Autor Per Daniel Amadeus Atterbom in seinem Reisebericht „Auf dem Postwagen durch Pommern und Brandenburg“ (1817):

„Willst Du Dir einen klaren Begriff vom Postfahren machen, dann betrachte das folgende Bild: Man wird in einen ungeheuren, mehrsitzigen Wagenrumpf gepackt, der bedeckt, aber sonst in jeder Hinsicht unbequem ist, zusammen mit einer Menge Personen von allen möglichen Sinnesstimmungen, Ständen, Vermögen, Jahren und beiderlei Geschlechts; Menschen, die man hier zum ersten Mal in seinem Leben sieht und zum größeren Teile sicherlich nie wieder zu sehen bekommt. In dieser Weise wird man ganz piano von vier phlegmatischen Pferden fortgezogen, von denen das eine die Ehre hat, auf seinem Rücken einen livreegeschmückten Lümmel zu tragen, der den Titel Schwager führt und unaufhörlich mit einer himmelstürmenden Fuhrmannspeitsche in der Luft herumknallt, ohne daß die Reise auch nur im geringsten schneller ginge. Die wege sind freilich nicht zum Schnellfahren eingerichtet, am wenigsten in der Mark Brandenburg und je näher nach Berlin zu. Die Pferde waten Schritt für Schritt durch schwellenden Sand, während die Munterkeit der Fahrenden , ehe sie sich dessen versehen, durch einen tüchtigen Rippenstoß aufgefrischt wird, indem der Wegen über einen mitten auf der Landstraße liegenden Steinhaufen oder über einen grundfesten Feldstein fährt, den aus dem Wege zu räumen niemand sich die Mühe gemacht hat. 

Wenn man in dieser Weise längere Zeit durch den Sand geschaukelt ist, erreicht man eine Stadt, und dann beginnt das größte Leiden; der Postillion will da nämlich teils Zeit einbringen, teils sich vor Mädchen und Bekannten als glänzender Hippodromist zeigen; deshalb jagt er unbarmherzig toll durch die langen schlecht gepflasterten Straßen, so daß den armen Passagieren auf ihren Holzbänken zumute wird, als ob ihnen Leber und Lunge aus dem Leib springen möchten, und nicht selten Männer, Weiber und Kinderbunt durcheinander von ihren Sitzen herunterwirbeln und auf den Wagenboden fallen. Darum kümmert sich Bruder Schwager aber nicht, denn er macht Reiterkünste auf seinem Pferde, woselbst er natürlich keine Stöße bekommt, knallt lustig mit der Peitsche und bläst auf seinem Posthorn einen Marsch nach dem andern. Die sogenannten Chausseen sind nicht viel bequemer als die Stadtstraßen, nur ein wenig besser gepflastert.

[…]

Die Bezahlung, welche man an jeder Station schon von dem Posthause an, woselbst man sich zuerst als Exportartikel einschreiben ließ, im voraus für seine Person  und für den Koffer oder Mantelsack erlegt […], und die Trinkgelder, die man nach Erreichung der Station dem sogenannten Schwager schenkt, sind in deutscher Münze höchst unbedeutend, ja selbst im Verhältnis zu unserer schlechten schwedischen sehr mäßig. Trotzdem läßt sich nicht in Abrede stellen, daß unsere Vorspanneinrichtung dem Reisenden für einen noch geringeren Preis , besonders wenn er selber einen Wagen hat, alle die Vorteile gewährt, welche die hierzulande ungemein teure Extrapost bietet, die auch bewirkt, daß man im Gasthaus den Geldbeutel viel weiter öffnen muß, ohne deswegen gerade im entsprechenden Maße die Genüsse der vornehmeren Apparition zu erhalten.

[…] Du errätst wohl schon, daß ich damit auf das eigensinnige Unwesen und die Mannigfaltigkeit des Geldwesens abziele, welches in Deutschland herrscht. Nicht bloß, daß das Münzwesen im allgemeinen in der verschiedenen Staaten auf abweichenden Grundsätzen und Voraussetzungen beruht, nicht nur, daß die inneren Wechselverhältnisse den besonderen Münzsorten die Aufmerksamkeit erschweren – zum Beispiel die süddeutschen Gulden und Kreuzer gegenüber den Talern und Groschen Norddeutschlands –, es nimmt auch jede Münzsorte für sich selber unaufhörlich, unter Beibehaltung desselben Namens, einen veränderten Wert an, ja, sie kommt sogar in einem und demselben Reiche unter ungleichen Prägungen und Inschriften vor, obwohl diese eine und dieselbe Bedeutung haben sollen. 

[…] Diese Unterscheidung (zwischen guten und schmutzfarbigen unechten Münzen) und ist sehr wichtig, da 24 gute Groschen einen Taler ausmachen, zu dem sonst 42 Groschen-Münzen gehören. […] Aber in jedem Falle hängt es doch von ihrem (Wirtsleute und Verkäufer) guten Willen ab, aus der Unkenntnis eines Ausländers im Verkehr mit ihren Dreiern, Sechspfennigen und Gott weiß was sonst noch für Unterabteilungen dieses Plunders Vorteil zu ziehen oder nicht zu ziehen.[…] 

[…] Es verhält sich mit den Geldwerten Deutschlands, wohin man kommt, wie mit der neulich vorgenommenen Ausmessung der pommerschen Landstraßen, welche dahin ausfiel, daß die Wegstrecke, welche früher vier (schwedische) Meilen lang war, nun fünf Meilen lang wird usw. Im übrigen freuen sich Auge und Finger darüber, daß man niemals im Handel und Wandel nötig hat, sich mit zerfetzten, schmutzigen Papierlappen wie bei uns zu quälen; man trägt eitel Gold und Silber  bei sich in feinen grünen Netzen und erquickt sich magisch bei jedem Anblick des Metallschimmers.“

aus: Rainer Wieland, Hrsg., Das Buch der Deutschlandreisen – Von den alten Römern zu den Weltenbummlern unserer Zeit, Berlin 2017, S. 198ff,

Abb.: Nr. 1 & 3-7: Archiv Klaus Holzer; Nr. 2: Photo Klaus Holzer

KH

Die Sedansäule von 1872 auf dem Marktplatz in Kamen

von Klaus Holzer

Am 2. Sept. dieses Jahres vor 150 Jahren ging eine Schlacht mit dem Siege Deutschlands zu Ende, die auch für Camen (mit C noch bis 1903) erhebliche Veränderungen brachte. Der deutsche Sieg in der Schlacht bei Sedan im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 war ein wichtiger Schritt hin zur Gründung des Deutschen Reiches, das als letzte große Nation Europas mit der Krönung des Königs in Preußen, Wilhelm I, zum Deutschen Kaiser am 18. Jan. 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles Wirklichkeit wurde. Der Krieg war zwar noch nicht zu Ende, immerhin aber gab es nach der Kapitulation von Paris am 28. Jan. 1871 einen Waffenstillstand, aber erst am 10. Mai d.J. den Friedensvertrag von Frankfurt. Aus dieser Abfolge der Ereignisse wird schon deutlich, daß das deutsch-französische Verhältnis auf viele Jahre hinaus belastet sein würde, die „Erbfeindschaft“ weiter bestehen würde. Und da ist noch nicht die Rede von der Wiedereingliederung Elsaß-Lothringens ins Deutsche Reich (1681 hatte Louis XIV die Freie Reichsstadt Straßburg mit Elsaß und Lothringen im Zuge seiner Reuninonspolitik Frankreich eingegliedert) und fünf Milliarden Goldfrancs als Reparationsleistung an Deutschland. Immerhin ging es unter den Königen und Kaisern einigermaßen ritterlich zu. König Wilhelm war selber auf dem Kriegsschauplatz anwesend, mußte wie alle anderen auch schon einmal auf dem Fußboden schlafen, und zu essen gab es auch nicht immer Gutes und genug. Dem unterlegenen französischen Kaiser wurde ein Salonwagen einer preußischen Eisenbahngesellschaft zur Verfügung gestellt. Er durfte auf einem Schloß in Kassel wohnen. Wilhelm berichtete aus „Vendresse, südl. Sedan, 3.Sept. 1870, an Königin Augusta in Berlin“ über seine Sicht auf den Sieg bei Sedan. U.a. zitiert er in seiner Depesche über die Kapitulation des französischen Kaisers dessen Worte: „N’ayant pas pu mourir à la tête de mes troupes je dépose mon épée à Votre Majesté.“ (Da es mir nicht gelungen ist, an der Spitze meiner Truppen zu sterben, überreiche ich hiermit Eurer Majestät meinen Degen.) Und die Jugend Berlins bekränzte preußische Denkmäler. 

Abb. 1: Napoleon übergibt König Wilhelm seinen Degen

Die Meldung von diesem Sieg erreichte Camen umgehend. Pfarrer Friedrich Pröbsting, der Autor einer umfänglichen Geschichte Camens, schrieb in seinen Erinnerungen (1902/03): „ Als die Nachricht vom Sieg bei Sedan und von Napoleons Gefangennahme zu uns kam, ließ ich einen Tambour kommen, stellte mich an die Spitze unserer Schuljugend, und unter dem Siegesgeläute aller Glocken zogen wir singend durch die Straßen der Stadt. Alsbald strömten die Menschen scharenweise zusammen, und eine wunderbare, freudige Bewegung ging durch das ganze Volk, groß und klein. Einer beglückwünschte den andern und dankte Gott. Am Mittag versammelte der Bürgermeister von Basse die Bürger auf dem Markt, ließ die herbeigeholte Musikkapelle patriotische Weisen spielen und las die Siegesdepeschen vor. Dann hielt ich der versammelten Menge eine feurige Rede und weissagte, daß nun auch die verlorenen deutschen Brüder im Elsaß und in Lothringen sich wieder mit uns vereinigen müßten. Hochbegeistert brachten wir dem tapferen Heere, unsern Brüdern im Felde und dem König Wilhelm unsere Huldigung dar.“


Abb. 2: Familie von Basse: Julius von Basse (vorn rechts) war von 1847 bis 1877 Bürgermeister von Camen ; Hugo von Basse steht hinten in der Mitte (s. Anm.)

Der hier erwähnte Bügermeister (Julius) von Basse war zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre lang im Amt. Als überzeugter Patriot betrieb er von Stund an die Errichtung eines Denkmals, das auf Camens Markt stehen und Ort vieler zukünftiger patriotischer Feiern sein sollte. Sofort fing man an, bei allen Gelegenheiten Geld für diesen Zweck zu sammeln, und schon im folgenden Jahr war die notwendige Summe beisammen. Am 2. Sept. 1872 fand die feierliche Einweihung statt.

Abb. 3: Die Sedansäule im Jahre 1878

Abb. 4:  Eine Sedanfeier wohl in den 1880er Jahren

Der Gesamteindruck der Einweihungsfeier wird Im „Hellweger Anzeiger und Bote, verbunden mit dem amtl. Kreisblatt für den Kreis Hamm“ (HA) in einem Artikel vom 5. Sept. 1871 mit den folgenden Worten wiedergegeben: „Der Gesammteindruck war ein ungemein wohlthuender und befriedigender. Es war ein rechtes Volksfest. Keine Klasse, kein Stand des Volkes blieb unbetheiligt; vom kleinsten Kinde bis zum alten Krieger, […] wurden lebhaft ergriffen von dem Ernst und der Freude des Tages.“ Die „hohen Ideen der Vaterlandsliebe, der Treue, der Freiheit, der Ehre […] fanden hier ihre Befriedigung“. 

Abb. 5: Die Säule um 1910: die Kirche Hl. Familie steht seit 1902 neben dem Schiefen Turm

Nach morgendlichem Kirchgang, Glockenläuten und dem Lied „Nun danket alle Gott“ strömte ganz Camen (lt. einer Zählung von 1871 hatte Camen damals 3723 Einwohner) zum Marktplatz, wo das vom Paderborner Bildhauer J. Hellweg erschaffene Denkmal seiner Enthüllung wartete, theatermäßig inszeniert. Zuerst erinnerte Pfarrer Bertelsmann an die Entstehungsgeschichte des Denkmals und und zählte alle diejenigen auf, die zu seiner Aufstellung wesentlich beigetragen hatten. „Dann gab er das Zeichen zum Fallen der Hülle, die Schützen präsentirten das Gewehr und mit tausend stimmigem Hoch auf Kaiser und Reich wurde das Denkmal begrüßt. Das enthüllte Denkmal übergab er nun der Stadt zum Eigenthum und forderte Alt und Jung auf, es zu schonen und zu hüten […].“ 

Abb. 6. Eine Sedanfeier vor 1900

Es besaß einen „kräftigen Sockel“, eine „schlanke Säule“, ein „kunstreiches Kapitäl“ und einen „starken wehrhaften Adler“, (HA 5.9.1872) der selbstredend seinen scharfen Schnabel gen Westen richtete, wo der „Erzfeind“ wohnte. Die Inschriften lauteten: „Fest steht und treu die Wacht am Rhein.“ Und: „Mit Gott für König und Vaterland.“ (zit. nach Göhrke, S.158) Aber es gab zwei weitere Platten, die „zerschlagen und als Trümmer abtransportiert“ (HA, 8.11.1956) wurden. Die auf der Nordseite des Sockels trug die Inschrift: „Die Stadt Camen und die Gemeinden Bergcamen, Derne, Lerche, Overberge, Rottum, Südcamen ihren im Kriege gegen Frankreich 1870–1871 gefallenen Söhnen in dankbarer Erinnerung gewidmet.“ Die auf der Südseite: „Es starben den Heldentod für Kaiser und Reich“, dann folgten die Namen von 12 Gefallenen aus Kamen, fünf aus Overberge und einem aus Bergkamen (HA, 8.11.1956).  

Anschließend feierten alle zusammen „auf dem Festplatze der schönen Wiese des Herrn Reinhardt mit Spielen und Wettkämpfen“ für Erwachsene und Kinder. Den Abschluß des Tages bildete ein Fackelzug.

Abb. 7: Die Gaststätte von Wilh. Reinhardt, als Schützenhof bekannt

Diese Camener Sedanfeier war ein so großer Erfolg, daß Unna voller Neid fragte: „Wann wird endlich unsere Stadt zur Errichtung eines so oft ausführlich berathenen ja beschlossenen Denkmals kommen?“ (HA 3.9.1872)

Ganz ohne einen Mißton ging es bei aller Freude dennoch nicht zu. Im HA vom 11. Sept. 1872 wird zum Beleg für breiteste Beteiligung aller Camener aufgezählt, welche Religionsgruppen sich am Fest beteiligten: Die lutherische Gemeinde (es wird extra erwähnt, daß die Lutherkirche „mit ihren Glocken, deren eine aus in dem letzten Kriege und von Sr. Majestät der Gemeinde zum Geschenk gemachten Kanonen gegossen, eingeläutet worden ist“) mit ihrem Pfarrer und ihrem Lehrer, der katholische Lehrer, der jüdische Lehrer, die Lehrerin an der höheren Privattöchterschule und die 2 Lehrerinnen an der größeren ev. Schule. In der kath. Kirche aber sei „kein Dankgottesdienst abgehalten“ worden und die kath. Lehrerin habe sich sich nicht nur vom Feste ferngehalten, sondern sogar in demonstrativer Weise unterrichtet, was allerdings in der folgenden Ausgabe (HA 14.9.1872) in einem Leserbrief heftig bestritten wurde. Wer wollte schon seine patriotische Gesinnung in Frage stellen lassen?

Abb. 8: Die Sedansäule – Kristallisationspunkt auf dem Marktplatz

„Sedan“ war so gelungen, daß es von nun an jedes Jahr ein solches Fest geben sollte, da waren sich die Camener einig. Klaus Goehrke (S. 158) schreibt dazu: „Nach dem Sieg über Frankreich und der Ausrufung des Kaiserreichs wurden Stadt und Land von einem patriotischen Rausch erfaßt.“ An der Choreographie brauchte nicht viel geändert zu werden: ohne die Pfarrer und Gottesdienste in ihren Kirchen, ohne Turner und Schützen, Kriegervereine, die vielen anderen Vereine und vor allem ohne die Schulen war ein solches Fest nicht vorstellbar. Ein gewöhnlich dreifaches Hoch auf Kaiser und Vaterland, Ehre und Treue, dazu Musik, Fahnen, Fackelzug, Tanz bei Reinhardt – wenngleich uns Heutigen der Grundtenor solcher Veranstaltungen nicht mehr gefällt, läßt sich doch nicht leugnen, daß sie ein großes Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen imstande waren. Der HA vom 10. Sept. 1873 faßt es so zusammen: „Solch’ ein Fest müssen wir jedes Jahr haben, so hörte Schreiber dieses Manchen sprechen, und er stimmt selbst in diesen Wunsch ein.“

Um zu zeigen, welch groteske Formen übersteigerter Nationalismus zu jener Zeit annehmen konnte, sei hier ein Beispiel aus Unna zitiert. Unter dem Datum 7.9.1870 in der Ausgabe des HA vom 10.9.1870 wird von einem Hauptmann von Esebach, 94. Inf.–Rgmt., aus Unna berichtet, gefallen in der Schlacht bei Wörth, der seiner Gattin, einer geborenen v. Pappenheim, einen Brief zustellen läßt, in dem er schreibt: „Wenn das Kind welches sie erwarte ein Knabe sein sollte, so solle sie diesen nichts anderes werden lassen als Soldat, ‘denn es sei schön, fürs Vaterland zu sterben’“.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg freilich erhielt diese patriotische Gesinnung einen erheblichen Dämpfer, selbst eine notwendige, von den Kriegervereinen wiederholt angemahnte Reparatur des Adlers unterblieb, das Denkmal wurde gar versetzt, „um den Marktplatz aufzuwerten“ (Goehrke, S. 158). 

Abb. 9: Die Säule nach ihrer Umsetzung Anfang der 1930er Jahre

Was Wunder, wenn auch den Kamenern aller Sinn für Parolen vergangen war (doch schon 1933 änderte sich das wieder. Parolen schrie man wieder, wenngleich anders gefärbte. Aber das ist ein anderes Kapitel):  der Steckrübenwinter 1916/17, die Kapitulation des gerade erst gefeierten, noch jungen Reiches 1918, der Kaiser im Exil in Holland – hier halfen keine Sedanfeiern und Hochrufe mehr. Das Denkmal blieb noch bis 1956 stehen, wenn auch wohl nicht mehr alle Kamener wußten, wofür es stand.

Dann kam der Zweite Weltkrieg, erneut die Kapitulation, nicht mehr hat sich ein Kaiser ins Exil geflüchtet, dafür der Weltverderber selber umgebracht. So unterschiedlich die Figuren, so gleich das Verhalten in der Niederlage: der Verantwortung entziehen sich beide.

In diesem Krieg wird das Sedandenkmal beschädigt und die Diskussion über seinen Wert setzt erneut ein. Inzwischen hat sich der Wind gedreht, die Bilderstürmer bilden plötzlich die Mehrheit. Die Stadtverwaltung holt bereits im Mai 1951 die ersten Angebote von Bauunternehmen für einen Abriß des Sedandenkmals ein, stellt aber gleichzeitig klar, daß es nicht um eine Zerstörung gehe, sondern es im Stadtpark wieder aufgestellt werden solle (Westfalenpost, 17.11.1956). Allerdings scheute der Bauausschuß die Kosten, so daß das Vorhaben erst einmal zurückgestellt wurde. Außerdem riß die Diskussion über den Sinn des Abrisses nicht ab, „zumal in der Kamener Innenstadt kein anderes Mal an die Opfer der Kriege erinnert und es in Kamen eine schöne Sitte der Vereine geworden war, hier inmitten der Stadt der Toten zu gedenken“ (HA, 8.11.1956). Unabhängig von der öffentlichen Diskussion hatte jedoch der Hauptausschuß des Rates der Stadt Kamen am 19. Jan. 1956 mit der großen Mehrheit von SPD und CDU diesen Abriß beschlossen, aber nur unter der Voraussetzung, den „Tafeln mit den Namen der Toten einen würdigen Platz zu geben“ (HA, 8.11.1956). Drei Gründe wurden für die Entfernung vorgebracht: das Denkmal sei nur noch ein Torso; es bilde keine Zierde für den Marktplatz; es stelle ein Verkehrshindernis dar (!). Vor allem das letzte Argument stellte bereits die Weichen für „Kamen – die schnelle Stadt“, die anderthalb Jahrzehnte später mit der Flächensanierung der Nordstadt begann und der „autogerechten Stadt“ den Weg ebnete.

Das Protokoll der Sitzung des Kulturausschusses des Rates der Stadt Kamen vom 8. Okt. 1954 geht präzise auf die Vorstellungen ein, die mit einer Neukonzeption des Gedenkens an die Toten der Kriege verbunden sein soll: auf der Fläche südlich des Schiefen Turms oder in der Mulde zwischen den beiden großen Kirchen solle ein Ehrenmal entsprechend den örtlichen Gegebenheiten gestaltet werden, das „den Angehörigen aller Verbände Gelegenheit zu Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen geben und gleichzeitig das Andenken der Toten wahren“ solle. Eine noch zu bestimmende Inschrift solle dem Gedenken „aller gefallenen Soldaten, aller Bomentoten (sic!) und zivilen Kriegsopfer, aller durch Flucht und Vertreibung Umgekommenen, aller durch Opfer des nationalsozialistischen Terrors und aller Opfer des sowjetischen Terrors dienen“.

Abb. 10: Arbeiter beim Abbruch der Säule am 7. Nov. 1956

Entsprechend dem Beschluß vom 19.1.1956 rückte am Morgen des 7. Nov. 1956 eine Dortmunder Abbruchfirma auf dem Marktplatz an und begann, das Denkmal, das, stadtbildprägend, 84 Jahre lang dort gestanden hatte abzureißen, abends „gegen 17.30 Uhr verließ die letzte Fuhre mit den Steinresten des Kriegerdenkmals von 1870/71 den Kamener Marktplatz“ (HA, 8.11.1956).

Abb. 11: Arbeiter beim Abbruch der Säule am 7. Nov. 1956

Seitdem ist der Marktplatz mehrfach umgestaltet worden, doch einen zentralen Ort hat es darauf nie wieder gegeben. Der Platz ist in der Mitte leer geworden, wahrscheinlich weiß kaum noch jemand, daß es dieses Denkmal einmal gab oder gar, wofür es stand. Der Krieg von 1870/71 ist vergessen, trotz seiner für die deutsche Geschichte großen Bedeutung, gab es doch vorher kein Deutschland, nur ein Gebiet mit einer einheitlichen Sprache, wenn auch in viele Dialekte zergliedert, das aus mehreren Dutzend voneinander unabhängiger Königreiche, Herzogtümer, Freier Reichsstädte usw. bestand.

In vielen Diskussionen zur deutschen Geschichte wird, zu Recht, die Bedeutung von Zeitzeugen betont, gleichzeitig bedauert, daß diese aussterben. Es gibt nur noch wenige Überlebende des Holocausts, die aus eigener Erfahrung über das Grauen in den Konzentrationslagern berichten können. Wenn wir nun auch noch fortfahren, die „steinernen Zeitzeugen“, mögen sie für Ereignisse oder Personen stehen, zu beseitigen, stellen wir auch alles, wofür sie stehen, dem Vergessen anheim und werden geschichtslos. Und einer Stadt, die arm ist an stadtbildprägenden Monumenten, stünde so etwas heute gut zu Gesicht. Der Verlust dieses und der vielen anderen Monumente, die seit Kriegsende in Kamen beseitigt wurden, schmerzt. Aus Geschichte lernt man nur, indem man sich ihrer erinnert, im Guten wie im Schlechten.

Vielleicht ist das die Lehre, die wir aus der Geschichte der Sedansäule von 1870/71 ziehen können, besonders im Hinblick auf die gegenwärtige öffentliche Diskussion?

Anm.: Beim Tode Julius von Basses 1877 schrieb Pröbsting in seiner Camener Stadtgeschichte (1901): „Er hat sich die Dankbarkeit und Liebe seiner Bürger in hohem Maße erworben, denn er führte sein Amt sorgfältig und gerecht; war ein Freund und Berater der Hilfsbedürftigen und Armen, ein vorsichtiger und sparsamer Verwalter der städtischen Finanzen und in jeder Hinsicht ein Ehrenmann. Dabei war er durch und durch ein königstreuer Mann und ein Patriot.“ 

Abb. 12: Adolf von Basse mit seiner Frau

Nach seinem Tod folgte ihm sein Sohn Adolf von Basse (Abb. 2., hinten links) im Amt und versah dieses bis 1913. Vater und Sohn waren zusammen 66 Jahre Bürgermeister von Camen! Adolf von Basse liegt auf dem alten Kamener Friedhof begraben.

Zu Hugo von Basse (vgl. Abb. 2) steht im HA vom 17. Sept. 1870 unter dem Datum 16. Sept. 1870 die Meldung: „Lieutenant v. Basse aus Camen, vom II. Bataillon, 18. Inf.–Reg., todt, gefallen bei Metz.“

Abbildungen:

Abb. 1: Wikipedia

Abb.  2, 7, 9 & 12: Archiv Klaus Holzer

Abb. 3, 4, 5 & 6: Stadtarchiv Kamen

Abb. 8: Fr. Pietsch, Methler

Abb. 10: HA 8.11.1956, (Schlüter), bearb. von Stefan Milk

Abb. 11: WP 8.11.1956 (Archiv Stadt Kamen)

Literatur:

1. Fritz Pröbsting, Erinnerungen aus meinem Leben, Würzburg, o.J.

2. Fr. Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden, Hamm 1901

3. Hellweger Anzeiger und Bote, verbunden mit dem amtl. Kreisblatt für den Kreis Hamm (HA), Ausgaben von Sept. 1870, Sept. 1871, Sept. 1872, Sept. 1873

4. Klaus Goehrke, Burgmannen, Bürger, Bergleute, Kamen 2010

5. Westfalenpost, 17.11.1956

6. Kulturausschuß des Rates der Stadt Kamen, Protokoll vom 8.10.1954

7. Hauptausschuß des Rates der Stadt Kamen, Protokoll vom 19.1.1956

KH

Das Geheimnis der Turmspitze ist enthüllt

von Klaus Holzer

Abb. 2: Blick von der Turmspitze über Kamen (Panorama)

Daß Kamen die Pauluskirche hat, weiß jeder Kamenser. Daß Kamen von 1873 bis 1983 eine Zeche namens Monopol hatte, weiß auch (noch fast) jeder Kamenser. Daß diese beiden Kamener Wahrzeichen auch miteinander zu tun hatten, wissen vielleicht nicht so viele.

Am 14. Mai 1922 zogen die Bergleute von Monopol die neuen Glocken in den Turm hinauf. Entgegen allen Gepflogenheiten wurde die mittlere Glocke ihnen zum Dank und zu Ehren „Glückauf-Glocke“ getauft. Daß es heute ein weithin sichtbares, wenngleich unbekanntes Zeichen der Verbundenheit gibt, weiß vermutlich niemand außer denen, die es veranlaßt haben. Immer sehen wir die neue Messingkugel (besonders schön bei Nacht, wenn sie im Dunkel zu schweben scheint) mit der auf ihr stehenden Wetterfahne. 

Aber wer nimmt schon wahr, daß die Wetterfahne, wie es für evangelische Kirchen nicht untypisch ist, auf einem Kreuz befestigt ist? Und die Inschrift auf diesem Kreuz ist natürlich nicht zu erkennen: „Zeche 1949 Monopol“. Und von unten auch nicht, wie angefressen die Wetterfahne ist, die, wie auch die Turmkugel, aus vergoldetem Kupfer besteht.

Abb. 3: Die ganze Turmspitze

Das erkennt man erst, wenn das Auge einer Drohne sich der Kirchturmspitze nähert, ihr so nahe kommt, wie es kein Mensch kann. Dann erkennt man die Einzelheiten und erhält einen atemberaubenden Blick über die Stadt. Und wie der Turm von oben aussieht – wer hat das schon einmal gesehen?

Abb. 4: Der Turm von oben

Wo kommt die Inschrift her, was hat sie zu bedeuten? Der Pauluskirchturm wurde durch zwei Bomben am 24. Februar 1945 stark beschädigt, sämtliche Fenster im Chor wie im Langhaus wurden zerstört. Es dauerte bis 1953, bis die Kirche vollständig wiederhergestellt war. Der Kamener Kirchenhistoriker Wilhelm Wieschhoff schreibt im November 1982 in seiner kleinen Ergänzung zur Geschichte der Pauluskirche: „Das Turmkreuz ist eine Spende der ehemaligen Zeche Monopol aus dem Jahre 1948.“ Offenbar geht die Schenkung auf das Jahr 1948 zurück, wurde aber erst 1949 umgesetzt. In der Sache hat Wieschhoff sicher recht. Die Verbundenheit zwischen den Bergleuten von Monopol und der Pauluskirche war anscheinend so groß, daß sie selbst nach einem Vierteljahrhundert noch eine Bindung zur Kirche verspürten und das Kreuz selbst schmiedeten und der Kirche schenkten. Damit sie nach der kriegsbedingten Beschädigung im alten Glanz wiedererblühen möge, das älteste Gebäude Kamens und das Wahrzeichen der alten Stadt.

Hier sei noch etwas nachgetragen (vgl. Artikel „Pauluskirche“ unter www.kulturkreiskamen.de): 

Im Jahre 1995 wurde der Turm grundsaniert und seine Höhe neu vermessen. Ergebnis: Vom Erdboden bis zur höchsten Spitze der Wetterfahne beträgt die Turmhöhe etwa 60m, 50 cm mehr als vor der Sanierung 1995.

KH

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Kämerstraße & Kugelbrink

von Klaus Holzer

Wilhelm Hellkötter leitet den Namen „Kämerstraße“ von der alten Verbindung über die Sesekefurt ab, von der Kamens Besiedelung ausging. Er glaubt, eine alte Form „Kemm, Kimm“  belegen zu können, die sich zum plattdeutschen „Kämm-Strote“ entwickelt habe, woraus dann das hochdeutsche „Kämerstraße“ geworden sei. Verifizieren läßt sich das bisher aber nicht. 

Abb. 1: Kämerstraße

Die Kämerstraße hieß ursprünglich wohl Bergcämer Straße. Sie war die wichtigste Nordverbindung Kamens und führte durch das Bergcämer Tor auf die (Berg)cämer Heide, die erstmals schon 1363 als „Bergcämer parte“ erwähnt wird. Das war ein zusammenhängendes Wald– und Heidegebiet von fast 50 qkm Ausdehnung, in der alle Anlieger, darunter auch die Camener, Huderecht besaßen (Hude = Hütung, auch auf den Platz der Hütung übertragen), d.h., dort durften sie ihr Vieh zur Weide und zur Mast treiben. Daran erinnert heute noch die „Kamer Heide“ in Overberge.

Abb. 2: Kämertorstraße

Dieses Kämer Tor hatte für die Kamener eine große, sehr praktische Bedeutung. Sie waren Ackerbürger, die ein eigenes Stückchen Land vor der Stadtmauer besaßen. Und sie wollten dieses Land leicht und schnell erreichen können, daher brauchte es möglichst viele Durchgänge durch die Stadtmauer, auch zur Ausübung ihres Huderechts, mehr als die vor allem für den „Fernverkehr“ geeigneten großen Tore in alle Himmelsrichtungen (vgl.a. Artikel Nordstraße). 

Abb. 3: Die letzte Gaststätte vor dem Bergcämer Tor: Tillmann

Abb. 4: Die Rückseite der Postkarte (s. Abb. 3)

Abb. 5:  Altes Torschreiberhaus

Abb. 6: Gleich vor dem Kämertor: Jühe

Außerhalb der Stadtmauer führt die Kämerstraße geradeaus weiter nach Norden, nach Bergkamen. Diese Verlängerung hieß ursprünglich der „richte Weg“, d.h., der gerade, kürzeste Weg in die Bauerschaft Bergkamen. Um 1910 erhielten die bebauten Feldmarken erstmals amtliche Straßenbezeichnungen. Der „richte Weg“ hieß von nun an Schützenstraße, weil er direkt zum Heim und Schießplatz des Kamener Schützenvereins, der „Schützenheide“, führte. (Bei der Teilung der Reck-Camenschen Gemeinheit , auch Heide genannt) erhielt die Stadt Camen „etwa 8 Morgen auf der Linkamps-Heide. Letzteres Grundstück wurde der Stadt als Schützenplatz zugeteilt.“ Friedrich Pröbsting, 1901) 1945 wurde sie in Heidestraße umbenannt, seit Anfang 1970 heißt sie Fritz-Erler-Straße. Das Umdenken bei der Vergabe von Straßennamen wird deutlich: früher gab es den örtlichen Bezug, heute steht oft die Politik bzw. ein Politiker im Vordergrund.

Abb. 7: Umzug vor der Schützenheide

Hellkötter gibt an, daß dieser Weg so stark befahren wurde, daß die Fahrrillen bis zu eineinhalb Meter tief gewesen seien, was das Befahren oft unmöglich gemacht habe. Fußgänger gar mußten am Rande der Ackerstücke entlanglaufen. Das traf besonders die Ausmärsche des Schützenvereins, der natürlich solche Wege für die Marschaufstellung zu Schützenfesten nicht benutzen konnte. Diese Märsche führten deshalb über den „krummen Weg“, der aber nicht so genannt wurde, weil er so viele Krümmungen aufgewiesen hätte (was er auch tat), sondern weil dieses Stück Land lt. einer Urkunde von 1508 „Am krummen Boome“ hieß. Das war ein krummer Grenzbaum in der Nähe der Landwehr, der das Kamener Gebiet vom Bergkamener abtrennte und auf der Höhe des Weges an der Stelle stand, wo sich Kugelbrink und Schillstraße (1910), später Schillerstraße (1945), vereinigen. 1971 wurde diese Straße Bergkamener Straße genannt.

Die Verbindung vom Langebrüggentor zum Kämertor führte vom Langebrüggentor über das „Bollwerk“, verlief zwischen den vorhandenen Burgmannshöfen hindurch, in einem Schwenk um die Grafenburg der märkischen Grafen herum zur Kämerstraße (ein kurzes Stück zwischen Weststraße und Rottstraße hieß Judengasse) zwischen Reckhof und Edelkirchenhof hindurch und dann stracks nach Norden. Straße und Tor waren also Bestandteil der täglichen Wege vieler Kamener, da ist es wahrscheinlich, daß das lange Wort „Bergkämer“ zu „Kämer“ verkürzt wurde. Bis 1660, als das Langebrüggentor zugemauert wurde (vgl.a. Artikel Maibrücke) – abreißen kam nicht in Frage, weil die Stadtmauer sonst ein Loch bekommen hätte – standen den Ackerbürgern sechs Stadttore zur Verfügung. 

Abb. 8: Kugelbrink

Wie deutlich wurde, ist die Kämerstraße nicht sinnvoll vom Kugelbrink zu trennen. Der Name gibt Rätsel auf, und die Sache wird nicht einfacher durch die vielen bekannten, unterschiedlichen Schreibweisen. Doch der Reihe nach. 

Von Kamen aus führten in die alte Bauerschaft Bergkamen eigentlich nur zwei Wege, der „richte Weg“ und der „krumme Weg“, die am Kämertor bei der Kamener Stadtmauer zusammenliefen. Die Wahl des Weges für die täglichen Geschäfte und Besuche, den Schul- und den Kirchgang (Kinder trugen grundsätzlich nur Holzschuhe, ihre Schulbücher wurden durch Riemen zusammengehalten; die Erwachsenen trugen „gute“ Lederschuhe meist auch nur sonntags beim Kirchgang), fiel nicht schwer. War es trocken, nahm man den „richten Weg“, der zwar unbequem war, weil ausgefahren, aber kürzer, war es naß, dann wurde der „krumme Weg“ genommen, der länger, doch besser passierbar war. Wer nimmt schon einen freiwillig längeren Weg? Natürlich ist der dann geschont, und damit besser passierbar.

Die beiden Namenbestandteile in dieser Form lassen sich relativ einfach erklären. „Kugel“ könnte sich auf die Hügelkuppe beziehen (Franz Petri), aber auch auf die „Gugel“, die im MA häufige, kapuzenartige Kopfbedeckung (Ferdinand Brandenburg). Dieser glaubt auch eine Erklärung für die Schreibweise „Kuchenbrink“ gefunden zu haben, ein Flurstück dahinter heißt „Pfannkuchen“. Weitere Formen sind Auf dem Kuckenbrink, Am kurzen Brink und Kükenbrink, die aber von allen Autoren zum Thema als Verballhornungen zurückgewiesen werden, obwohl es sie in amtlichen Verlautbarungen gibt. Es ist eben zu bedenken, daß es früher keine einheitliche Schreibung gab, jeder Schreiber lokale Varianten in die Akten eintrug. Hugo Craemer erwähnt weiterhin Kugenbrinnk, Kukenbrink und Kugenbrink, die alle zwischen 1750 und 1827 in Gebrauch gewesen seien, doch sind sie einander so ähnlich, daß nur von abweichenden Schreibweisen und nicht grundsätzlich anderen Namen die Rede sein kann. 

Das zweite Element, „brink“, ist leichter zu definieren, handelt es sich dabei doch klar um eine erhöhte Lage am Ortsrand (vgl.a. englisch brink = Rand), wo oft Kötter angesiedelt waren, sog. Brinksitzer. Da „Brink“ bereits als erhöhte Lage definiert ist, ist es allerdings nicht ganz einsichtig, warum das mit „Kugel“ ein zweites Mal geschehen sollte.

Abb. 9: Gastwirtschaft zur deutschen Eiche (links die „Kaisereiche“)

Hier oben stand früher einmal der „krumme Boom“, ein Grenzbaum in der Nähe der Landwehr zwischen Kamen und Bergkamen. Getreu der damaligen patriotischen Gesinnung pflanzte die Stadt Kamen am 22. März 1897 zum Andenken an den hundertsten Geburtstag des Heldenkaisers Wilhelm I. (vgl. dazu auch den Artikel „Stadtpark“) an der Grenze auf der Höhe des Kugelbrinks die Kaisereiche. Als dann noch ab 1909 die Kleinbahn UKW (die Straßenbahn) hier eine Haltestelle einrichtete, entstand an dieser Stelle, in der Schillerstraße 90, ein Lokal, „Die Kaisereiche“, das sich schnell zu einem beliebten Ausflugslokal entwickelte. Spezialitäten waren der „Kaiserwein“ (das war Himbeersaft bzw. -sirup mit Wasser aus dem Hausbrunnen) und Kaiserplätzchen (was wir heute „Amerikaner“ nennen). Nach dem Krieg wurde dieses Lokal „Gastwirtschaft zur deutschen Eiche“ genannt und war noch einige Zeit recht populär, wurde aber 1992 abgebrochen. Die Eiche, der Baum, fiel gleichzeitig einer Straßenbegradigung zum Opfer.

Von den nicht wenigen Erzählungen, die sich um „Die Kaisereiche“ ranken, sei nur eine erzählt. In der „guten, alten Zeit“ gab es viele reisende Vertreter, z.B. „in Zigarren“. Da soll es vorgekommen sein, daß spontan eine fröhliche Reisegesellschaft entstand, wo der Reisende in Zigarren Fahrer, Schaffner und Mitreisende einlud, auf ein Bier, einen Münsterländer (Korn) oder einen Kaiserwein mit ins Lokal zu kommen, Fahrplan hin oder her.

KH

Quellen:

Wilhelm Hellkötter, Das „fünfte Viertel“, Heimatkundliches aus Alt-Kamen – von der Kämerstraße, dem „richten“ und „krummen“ Wege. Lokalzeitung (?), um 1950

Franz Petri, Grenzbaum am Kugelbrink, Auf dem krummen Weg zur Schule – mit Kaiserwein und Kaiserplätzchen, in Heimatbuch Kreis Unna, 1993

Ferdinand Brandenburg, Flurnamen, 5 Folgen im Hellweger Anzeiger, Feb. bis April 1944

Hugo Craemer, Alt-Kamen im Lichte seiner Orts- und Flurnamen, Zechenzeitung, 1929

Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901 

Abbildungen: Photos 1, 2 & 8 Klaus Holzer; Abb. 5: Familie Flögel; Abb. 6: Stadtarchiv Kamen; Abb. 3 & 4: unbekannt; Abb. 7: Schützenverein Kamen, Wolfgang Freese; Abb. 9: Photo Deutsche Eiche,  Herr Aschhoff, besorgt von Dieter Linkamp, Bergkamen

Zum Namensjubiläum – 100 Jahre „Pauluskirche“

von Klaus Holzer

Zum Namensjubiläum – 100 Jahre „Pauluskirche“

Abb. 1: Der Turm der Pauluskirche 

Der Turm der Pauluskirche ist das älteste Gebäude der Stadt, zwischen 1100 und 1130 als Wehrturm und Fluchtburg gebaut. Er ist gut 60 m hoch, Turmstapel und Helm je 30 m. Erbaut ist er aus Anröchter Sandstein, die Mauern sind an manchen Stellen bis knapp unter drei Meter dick. Die Länge im Innenraum beträgt 38,40 m, die Breite 17,80 m.

Abb. 2: Kamen in der Uraufnahme von 1827 mit dem Kernoval (unten)

Direkt davor befand sich früher der Funkenhof, der Anfang Kamens als eines besiedelten Ortes. Hier stand die erste Burg der Grafen von der Mark, die auch diese Kirche bauen ließen, eine „ecclesia propria“ (= Eigenkirche; dafür hatte der Graf auch das Recht der Investitur: er ernannte die Priester), weil es wohl hohen Bedarf an Gottesdiensten und geistlicher Betreuung, aber keine ausreichenden kirchlichen Strukturen gab. Immerhin aber wurde eine Pfarrei in Kamen schon 1188 in einer Urkunde des Erzbistums Köln erwähnt. Natürlich war die Pauluskirche vor der Reformation einfach eine christliche Kirche – die Unterscheidung in katholisch und evangelisch kam ja erst nachher – und hieß St. Severinskirche. Dieser Name wurde von ca. 1130/35 bis in die 1590er Jahre verwendet. 

Abb. 3: Der heilige Severin (von Köln)

St. Severin ist der Schutzheilige Kölns, gestorben 397, sein Tag ist der 23. Oktober. Kamen gehörte bis 1821 zum Erzbistum Köln, seitdem zu Paderborn. Severin wurde als Schutzpatron gegen Hochwasser verehrt, was auch für Kamen äußerst passend war, herrschten doch hier oft Überschwemmungen. Nach ihm benannt, gibt es jedes Jahr im Herbst in Kamen die „Severinskirmes“.      

Die heutige Kirche ist die vierte an dieser Stelle: die erste war eine Holzkirche auf einer ehemaligen heidnischen Opferstätte. Sie stammte vermutlich aus der Zeit Karls des Großen, der nach der Zwangschristianisierung der Sachsen (Wendepunkte in diesem Prozeß waren: 723 die Fällung der Donareiche in Fritzlar/Nordhessen durch Bonifatius, 772 die Fällung der Irminsul, einer großen Säule in Obermarsberg, frühmittelalerliches Heiligtum der Sachsen, und die Taufe des Sachsenherzogs Widukind im Jahre 785) die alten Gaue in neue Kirchspiele ordnete, dabei aber die Grenzen unangetastet ließ, und auf alten heidnischen Opferplätzen christliche Kirchen errichten ließ, auch um zu zeigen, daß die heidnischen Götter durch den neuen christlichen Gott besiegt waren. 

Abb. 4: Der Romanische Maueransatz 

Die zweite, eine romanische Kirche stand bis 1376 – im Dachstuhl des Kirchenschiffs kann man den Dachansatz des romanischen Schiffs erkennen – ihr Turm steht noch heute. Im Jahre 1376 brannte diese, vermutlich einschiffige, romanische Hallenkirche ab. Und weil nun neu gebaut werden mußte und keine Kirche für die Gottesdienste zur Verfügung stand, gestattete der Kölner Erzbischof für vier Jahre die Benutzung von Tragaltären. 

Abb. 5: Die einzig erhaltene Abbildung des gotischen Kirchenschiffs

Abb. 6: Das gotische Kirchenschiff  (Skizze des Abrisses)

Da inzwischen die Gotik, deren neue Bauverfahren viel größere und leichtere Bauten mit großen Fenstern ermöglicht, auch nach Kamen gekommen war, wurde das alte durch ein neues, jetzt gotisches Kirchenschiff (= die dritte Kirche an dieser Stelle) ersetzt. Die Maße im Inneren: 44,50 m lang, 20,90 m breit, 14 m hoch. Der auffälligste Unterschied zum vorhergehenden Langhaus sind die durch die neue Bauweise möglich gewordenen großen Fenster und die Zwerchhäuser (gaubenähnliche Dachaufbauten) auf dem Dach, die in Nord-Südrichtung gebaut und daher recht windanfällig waren. Der Turm blieb stehen, er hatte wohl ursprünglich eine romanische, d.h., flachere Turmabdeckung. Weil der alte, romanische, Turmhelm nun für das neue Kirchenschiff viel zu klein war, die Proportionen nicht mehr stimmten, erhielt der Turm vor 1380 die noch heute erhaltene, gen Westen geneigte Turmhaube: so entstand unser „Schiefer Turm“, der heute als Wahrzeichen Kamens dient. Die Spitze ist zwei Meter aus dem Lot, bei 30 m Höhe des Helms!

Abb. 7: Beispiel eines  romanischen Helms: die Margaretenkirche in Methler, etwa zur gleichen Zeit wie der Pauluskirchturm erbaut

Die Legende will wissen, daß der Baumeister beim Bau unachtsam war und ihm der Turmhelm mißlang. Als er das bemerkte, habe er sich an einem Strick im Gebälk des Turmhelms aufgehängt. Eine weitere hübsche Anekdote ist: als der Brauch aufkam, in Weiß zu heiraten, fragte der Pastor eine Braut, ob sie denn auch noch Jungfrau sei, was diese bejahte. Da aber der Turm alles wußte, krümmte er sich aus Scham über die Lüge, nahm sich aber vor, sich wieder gerade aufzurichten, wenn einmal wieder eine in Weiß gekleidete Braut bei der Heirat Jungfrau sein sollte. 

Diese Neigung aber ist wohl gewollt: Wenn der Turmhelm einmal fallen sollte, würde er nicht auf das Schiff fallen. Zwei Annahmen stehen im Raum, die aber nicht widersprüchlich sind: Der Turm ist gegen die Hauptwetterseite, daher auch gegen die Hauptwindrichtung geneigt; Kirchtürme waren immer weit und breit die höchsten Gebäude, mit einem metallenen Kreuz, Hahn, einer Wetterfahne auf der Spitze, in die oft der Blitz einschlug. Brannte nun der Turm, konnte man auf diese Weise seine Fallrichtung bestimmen. Wie auch immer, wer einmal die höchst komplizierte Konstruktion des Dachgebälks gesehen hat, versteht unmittelbar, daß der Baumeister kein Stümper war, sondern ein Meister seines Fachs. 

Abb. 8: Der Dachstuhl des Turmhelms

Vor der damaligen Severinskirche befand sich Kamens frühester, d.h., eigentlicher öffentlicher Platz, der auch die Funktion eines Marktplatzes hatte, gleichzeitig aber, und vor allem, zur Demonstration kirchlicher Macht diente. Das ärgerte die Kamener, als sie das Stadtrecht erhielten – 1284 besaß Kamen ein eigenes Siegel,  bereits seit 1247 eine eigene Stadtmauer – setzten sie einen noch größeren Marktplatz vors Rathaus: Zeichen erwachenden Bürgerstolzes. Und unser Marktplatz ist ja selbst heute noch für eine Stadt wie Kamen richtig groß. (vgl. Abb. 2)

Die Größe des Kirchturms beweist Kamens Bedeutung im MA. Er war zu der Zeit von Kamens Anfang der bei weitem sicherste Ort der kleinen Siedlung. Bei Gefahr, z.B. durch marodierende Banden, floh man in den Turm, (daher auch die Redewendung „türmen gehen“, wenn man sich in Sicherheit bringen will), selbst Vieh wurde hineingetrieben, hinter diesen dicken Steinmauern konnte ihm nichts passieren. Anfangs wurden in diesem Turm alle wichtigen Dokumente aufbewahrt: Kirchenbücher, Verträge, Besitzurkunden, Nachweise über Bürgschaften u.a., aber auch das Wichtigste: das Saatgut für das kommende Jahr, das vor Mäusefraß und Feuchtigkeit geschützt werden mußte.

Abb. 9: Ein Treppengang in der romanischen Mauer 

Am Trinitatissonntag (28. Mai) 1553 war Hermann Hamelmann der erste, der die Lehre nach Luther verkündete. Der Pfarrer und Kamener Chronist Friedrich Pröbsting glaubte, daß Geldgier und Lotterleben der Pfarrer und die allgemeine sittliche Verrohung der Grund für den Zulauf zur Reformation gewesen seien: „Leider gab die Geistlichkeit oft ein böses Beispiel. So liegt eine Urkunde vor vom 11. Nov. 1536, durch welche das Nonnenkloster dem Vikar Wegener ein Wohnhaus für seine natürlichen Kinder überließ; desgl. ein Kontrakt vom 4. Dez. 1530, wonach derselbe Vikar für seine Kinder ein Scheffel* Land (Anm.: * in Kamen ca. 1700 qm (lt. Schütte): = die Fläche, die mit einem Scheffel Korn eingesät werden konnte, ist also auch vom Scheffel als Maßeinheit abhängig (in Hamburg ca. 4200 qm) kaufte. Auch bezeugt ein Urteil des Magistrats vom Jahre 1555, daß die beiden Vikare Gert Klotmann und Jürgen Crappe sich wegen grober Unsittlichkeit/Laster mit Geldstrafen abfinden mußten.“ Und sein Vorgänger als Stadtchronist, Friedrich Buschmann kommentiert: „Daß dergleichen Verhandlungen ungescheut und ungerügt gepflogen werden konnten, zeugt unverkennbar von einer beklagenswerten religiösen Gleichgültigkeit, und einem eingerissenen, sehr großen Sittenverderben.“ 

Abb. 10: Eine Grabplatte der Familie  von der Recke im Turmeingang

Der Droste von der Recke verwies Hamelmann auf Anweisung des Herzogs von Kleve, Nachfolger der ausgestorbenen Linie der Grafen von der Mark, der Stadt. Erst zwei Jahre später zog die Reformation ein, als die Pfarrer Johannes Buxtorf und Hermann Schomburg und der angesehene Kamener Bürger Johann Wagner den Durchbruch schafften, bis die Lehre nach Luther offiziell eingeführt wurde. Buschmann schreibt: „Allmählig ward der Marschall, Freiherr von Reck, auch für die gereinigte Lehre gewonnen, und trat im Jahre 1567 zu den Evangelischen über. Jetzt ermunterte er selbst die Prediger Buxtorf und Schomberg, die evangelische Lehre freudig auszubreiten, die Sacramente nach Christi Worten deutsch zu administriren und deutsche Lieder singen zu lassen.“ 

In den folgenden 60 Jahren gab es aber nur zwei normale Ernten, daher herrschte große Not. Frost und Schnee reichten bis weit ins Frühjahr hinein, setzten schon im Spätsommer erneut ein, die Sommer waren verregnet, Getreide und Gemüse verfaulten auf dem Feld, Menschen und Vieh verhungerten. In Unkenntnis der naturwissenschaftlichen Ursachen vermutete man als Ursache die Strafe Gottes für sündiges Leben und schloß sich der strengen Lehre Calvins an. So erhoffte man sich wieder Gottes Wohlgefallen und vermied, eine Hexe als Sündenbock zu verbrennen, was damals weit verbreitete Praxis war. 1589 kam der erste Reformierte Prediger, Heinrich Bock, nach Kamen. Die Reformierten entfernten alle 11 Seitenaltäre und auch den Namen des Hl. Severin. Ab jetzt hieß sie die Reformierte Kirche. Bis 1613 durften auch die Katholiken ihren Gottesdienst in ihr feiern, danach zerstritt man sich und die Katholiken hatten jetzt nur  noch das Klosterkirchlein gegenüber. Auch die wenigen verbliebenen Lutheraner – 1715 waren es nur noch 10 Familien – waren nunmehr heimatlos.

Abb. 11: Die Pauluskirche noch mit der Turmuhr von 1839 (vor 1920)

Um die Reformierte Kirche herum lag früher der Kirchplatz, auf einem Teil, dem Kirchhof, wurden auch die Toten bestattet, hier waren sie „näher bei Gott“. Dort fand man in den 1920er Jahren Überreste von Baumbeerdigungen, die aber leider, da man sie unsachgemäß behandelte – man maß ihnen damals keinen Wert bei – zu Staub zerfielen. Selbst noch in den 1950er Jahren, als der Grund für die Verlegung der Kanalisation aufgerissen wurde, fand man dort menschliche Knochen.

Über einen Eintrag im ältesten Kirchenbuch Kamens ist noch zu berichten: unter dem 17. Dez. 1624 steht eingetragen: „Spring ins Felt des Soldaten Söhnlein ist Hanß Jürgen genanndt“. Hierbei handelt es sich offenbar um den Sohn des Titelhelden des Romans „Der seltzame Springinsfeld“ von Hans Christoffel von Grimmelshausen, des bekannten Romanautors aus dem Dreißigjährigen Kriege. Dieser ist also keine Romanerfindung, sondern war als Soldat in Kamen. Er war zunächst brandenburgischer Soldat, d.h., protestantisch, was durch die Kirchenanmeldung belegt ist, später kaiserlicher Soldat also katholisch – man verdingte sich als Landsknecht eben dort, wo es zuverlässig am meisten Geld zu verdienen gab, und dieser Verdienst bestand oft genug in Plündereien, daher war es ratsam, sich dem Sieger anzuschließen, dann konnte man öfter plündern – und daran beteiligt, Dortmund, Hamm, Unna und Kamen einzunehmen. Als „Jäger von Soest“ führte er hier viele Raubzüge aus.

Abb. 12: Hans Jakob Christoffel von  Grimmelshausen 

Abb. 13: Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch (1669)

Sowohl die romanische wie die gotische Kirche wurden gebaut, als Kamen auf dem Höhepunkt seiner Größe stand, die zweitwichtigste Stadt der Grafschaft Mark war, nach Hamm, der Residenz der Grafen. Spenden kamen von bedeutenden und reichen Kamener Hansekaufleuten aus Lübeck und Bergen. Doch mit dem Niedergang Kamens – durch Brände, Epidemien, Veränderung der Handelswege: nach der Entdeckung Amerikas von der Ostsee weg hin zum Atlantik verlor die Hanse an Bedeutung – wurde die finanzielle Last, die eine solche Kirche immer bedeutete, zu hoch.

Zu Beginn des 18. Jh. wurde eine preußische Garnison nach Hamm verlegt, eine Abteilung nach Kamen, alles Lutheraner, die die wenigen verbliebenen Kamener lutherischen Familien verstärkten, so daß es 1714 zur Gründung einer lutherischen Gemeinde kam und 1744 zur Einweihung der Lutherkirche als preußische Straßenkirche, fortan die „kleine evangelische Gemeinde“. 

Abb. 14: Die Lutherkirche 

Im Zuge der napoleonischen Kriege, 1796, wurde die Kirche als Korn- und Materiallager benutzt. Die französischen Soldaten trieben ihre Pferde hinein, raubten das silberne Abendmahlgerät und richteten in der ganzen Kirche großen Schaden an. Bis zu dieser Zeit war der Turmhelm mit Blei gedeckt, doch Blei war wertvoll, es konnte zu Munition u.a. verarbeitet werden. 1795 wurde es durch den billigeren Schiefer ersetzt, der 200 Jahre lang das Bild des Turms weithin prägte. Erst 1995 erhielt das Dach wieder seine Originalbedeckung, Blei, und zwar 32.600 kg! Seither schimmert er wieder mattsilbrig und vermittelt, zusammen mit der neuen Messingkugel auf der Spitze, den würdevollen Eindruck, der in einem Gedicht über „De scheiwe Turm von Camen“ zum Ausdruck kommt (vgl.a.Artikel „Kamen im Gedicht“ unter www.kulturkreiskamen.de)

Schon 1817 gab es die erste Anordnung einer Kirchenunion vom König in Preußen (seit 1815 gehörte Kamen zur Preußischen Provinz Westfalen). 1824 treten die beiden Kamener evangelischen Gemeinden der Preußischen Union bei und heißen nur noch die größere und die kleinere evangelische Gemeinde bzw. Kirche. Allerdings änderte das kaum etwas am kirchlichen Alltag in Kamen, man war und blieb getrennt.

1841 wurden so starke Veränderungen am Mauerwerk, an den Säulen und in einigen Gewölben sichtbar, daß ein Gutachten des Wegebaumeisters Hassenkamp aus Unna und des Kirchenbaumeisters Kriesche aus Hamm feststellte, „daß der Zustand der Kirche in verschiedenen Teilen wirklich recht baufällig und gefährlich erscheint.“ Sofortige Maßnahmen wurden für unbedingt erforderlich gehalten. 

Im selben Jahr erstellte Bauinspektor Buchholz aus Soest zusammen mit Hassenkamp einen  Zustandsbericht: „Alle Mauern sind nach außen gewichen, die Säulen haben sich nach außen geneigt und stehen durch Schwerpunktsverlagerung kurz vor dem Verlust ihrer Standfestigkeit. Die Gewölbe aus Ziegelsteinen sind voller Risse und hängen teilweise nur noch an Verankerungsbalken der Dachkonstruktion.“ Die Kirche wurde sofort geschlossen. Am 28. November 1841 fand der letze Gottesdienst in der gotischen Kirche „im Vertrauen auf den Schutz des Herrn“ statt. 

Jetzt zahlte es sich doch noch aus, daß die beiden evangelischen Kamener Kirchen seit 1824 durch die Union locker miteinander verbunden waren, konnte jetzt sonntäglicher Gottesdienst in der, allerdings viel zu kleinen, Lutherkirche abgehalten werden. Allerdings gab es immer wieder Probleme wegen der geringen Zahl an Sitzplätzen. So blieb die weiter entfernt wohnende Landbevölkerung häufiger den Gottesdiensten fern, weil man sehr früh aufzustehen hatte, den Weg hin und zurück zu Fuß zu machen – die größere Gemeinde umfaßte damals Camen, Bergcamen, Overberge, Lerche, Rottum, Derne und Südcamen – und obendrein in der Kirche noch zu stehen hatte. Zu der Zeit hatte Kamen 2772 „Seelen“.

Die Kirchengemeinde hatte das Geld für die Reparatur nicht, fungierten Kirchen doch zu damaliger Zeit auch als Sozialämter und kümmerten sich um die Armen. Die Stadt bzw. die Bürgerschaft hatte große Schwierigkeiten, das Geld für die Instandsetzung aufzutreiben. Zumindest das Geld für den Abbruch trieb man auf, indem man alles Material, Steine und. dergl., und die Einrichtung gut verkaufte. Derweil verarmten die Menschen, weil wieder einmal Mißernten und die Kartoffelfäule Nahrung knapp und teuer werden ließen. Gleichzeitig wurde die Köln-Mindener Eisenbahn gebaut, auch das wieder ein Glücksfall, hatten doch viele Menschen dadurch Arbeit und ein regelmäßiges Einkommen, so daß auch Spenden viel reichlicher flossen, als zu erwarten gewesen war. Allerdings reichte alles Geld nicht für den Putz der Außenwände. Der wurde erst 1986 nachgeholt, der Anstrich gar erst 2013/14.

Abb. 15: Grundriß und Aufriß der klassizistischen Kirche

Die Grundsteinlegung war am 26. August 1845. Am 22. März 1849 wurde sie feierlich eingeweiht, wurde der klassizistische Neubau (die vierte Kirche) als Saalkirche fertiggestellt und eingeweiht. Kosten: 16.200 Taler. Die Westwand besteht immer noch aus den alten Sandsteinen, das restliche Mauerwerk dieses Neubaus besteht aus 340.000 Ziegeln (Feldbrand), die im Mersch „vor dem Ostentor in der Nähe der Seseke“ gebrannt wurden und und mit einer extra dafür gebauten Kleinbahn zur Baustelle gebracht wurden. Dieser Raum wurde gegenüber der gotischen Kirche deutlich verkleinert und innerhalb ihrer Grundmauern errichtet, auf dem Schutt der abgerissenen Kirche, der sich als nicht sehr standfest erwies, so daß bei den umfassenden Restaurierungsarbeiten zwischen 1978 und 1982 die Säulen sich als nicht mehr tragfähig erwiesen und auf den gewachsenen Boden als neues Fundament gestellt werden mußten. Jeder Kirchgänger und Besucher kann den Höhenunterschied an den drei Stufen erkennen, die er vom Turm aus zum Chorraum hinauf- und beim Betreten des Turmaufgangs wieder hinabsteigen muß. 

Zur Originalausstattung dieser Kirche gehörte auch ein 2 m x 2,85 m großes Altarbild von Christian Zucchi (1811 – 1889), das über dem Altar aufgehängt wurde. Es stellt die „Tröstung des Heilands am Ölberge“ dar. Zucchi war ein aus Mainz stammender Maler, der die Tochter des damals bekannten Kamener Gastwirtes Grevel, später Bergheim, heiratete. Diese Tochter soll auch das Modell für den Engel abgegeben haben. Zucchis Lohn waren 200 Taler, eine erhebliche Summe. Die Familie Grevel beförderte das Gemäldeprojekt durch eine größere Geldspende. (zu Zucchi vgl.a. den Artikel über Christian Zucchi unter www.kulturkreiskamen.de)

Abb. 16: Das große Altargemälde von Christian Zucchi

Abb. 17: Blick in den Innenraum in den 1950er Jahren

Nach dem Eröffnungsgottesdienst hieß es in einer Klage von 10 Kamener Bürgern an den „ehrwürdigen Kirchenvorstand“: „Durch die Klagen unserer Frauen und Töchter veranlaßt, teilen wir mit, daß die Kirchensitze der südlichen Seite unserer neuen Kirche, welche für Frauen bestimmt sind, einen so schlechten Anstrich erhielten, daß unsere Frauen und Töchter bei jedesmaligem Kirchgang ein Kleidungsstück durch nie trocken werdende Ölfarbe verderben. Der Anstrich klebt dermaßen an den Kleidern, daß sogar schon Stücke von Seidenzeug beim Aufstehen an den Bänken hängen geblieben sein sollen.“

Neben der Komik dieser Klage wird hier noch eine interessante Einzelheit deutlich: die Frauen saßen von den Männern getrennt, hier auf der Südseite, die auch die Evangelienseite hieß, die Männer auf der Nordseite, die auch Epistelseite hieß.

Wie sehr die Kirche den Kamenern ans Herz gewachsen war, wie sehr diese sich immer wieder mit ihr beschäftigten, wie teuer sie ihnen war, erinnert Buschmann sich: „Was die kirchlichen Gebäude betrifft, so ist aus dieser Zeit na­mentlich zu melden, daß im Jahre 1892 eine große Reparatur an der Kirche u. an dem alten Thurm vollzogen worden ist, was einen Ko­stenaufwand von ca. 16 000 M verursacht hat. Zuerst wurde der Thurm und das Kirchendach ganz neu beschiefert; dann wurde der alte schadhafte Kalkbezug des Thurmes abgestoßen u. das ganze Mau­erwerk des Thurmes mit Cement überzogen. Hierbei wurden die alten romanischen Formen in Cement wiederhergestellt, u. namentlich die alten Verzierungen in den Schalllöchern erneuert. Der Sockel der Kirche wurde cementiert, ebenso das Gesimse, u. im Innern wurde die Kirche neu in Holzfarbe gestrichen und die Wände farbig ge­tüncht.

Damals stand die Kanzel rechts und viel höher. Erst durch den Einbau der neuen, niedrigeren hölzernen Decke von 1897 mußte die Kanzel gekürzt werden. Diese hölzerne Decke ist ein besonderes Kunstwerk, von höchster handwerklicher Qualität und mit motivreicher Farbgestaltung, von zwei Kamener Handwerkern nach dem Entwurf des Architekten Fischer aus Barmen hergestellt, dem Schreiner E. Starke und dem Maler J. Edelmann. Daß es überhaupt zu dieser neuen Decke kam, lag an folgendem Ereignis: „im Jahre 1897  ereignete es sich eines Ta­ges während einer Taufhandlung, daß ein schweres Stück Mörtel von der mit Spalierlatten u. Kalkmörtel angefertigten Decke der Kirche herabfiel“, zum Glück aber niemanden verletzte. Und das bei einer Kirche, die, vollbesetzt, 950 Leute faßte!

Abb. 18: Die Kassettendecke (Ausschnitt)

Am Ende des Ersten Weltkrieges, im Jahre 1919, wurde das Kirchenwesen in Deutschland grundsätzlich neu geregelt und das heute noch gültige Prinzip der Kirchensteuer eingeführt. Im folgenden Jahr entstand auch in Kamen durch die Union der „größeren evangelischen Kirche“, der Reformierten Gemeinde, mit der „kleineren evangelischen Kirche“, der lutherischen Gemeinde, eine unierte Kirchengemeinde. Man einigte sich darauf, die große Kirche von nun an gemeinsam zu nutzen und gab ihr zum 1. Mai 1920, vor 100 Jahren, den Namen „Pauluskirche“. Das war der Kompromißname zwischen Lutheranern und Reformierten, die keinen Heiligennamen wollten: Paulus ist ein Apostel.

Die älteste Glocke der Pauluskirche hängt außen am Turmhelm und war wohl ursprünglich eine Uhrglocke. Sie soll 1343 bei einem Raubzug des damaligen Grafen von der Mark und seinem Arnsberger Kollegen in Menden erbeutet worden sein. Sie überlebte die Jahrhunderte wohl vor allem deshalb, weil sie an so unzugänglicher Stellen hing. Sie trägt die Inschrift: „Jesus is dei Name myn, tho gade deinste ich bereit sin Ao XV(c)XXXVII“ (1537), was vermutlich auf einen Umguß hindeutet.  

Abb. 19: Die älteste Glocke außen am Turmhelm

1917 wurden zwei der drei Bronzeglocken aus dem 17. Jh. im Rahmen der kaiserlichen patriotischen Aktion „Gold gab ich für Eisen“ für die Kriegsfinanzierung requiriert und zwei von ihnen eingeschmolzen. Die dritte entkam diesem Schicksal, weil der Krieg inzwischen zu Ende war. Sie wurde verkauft, u.a. mit diesem Geld ließ man drei neue Stahlglocken in Apolda in Thüringen gießen. Die größte Glocke ist dem Namengeber der Pauluskirche gewidmet, dem Apostel Paulus. Sie hat einen Durchmesser von 1,95 m und ein Gewicht von 3.275 kg. Ihre Inschrift: „Hart wie Stahl ist unsere Zeit, unsagbar schwer des Volkes Leid. Gott schenke uns deine Barmherzigkeit. 1922. 

Abb. 20:  Die Paulusglocke

Die zweite Glocke heißt Glückaufglocke, ein Dank an die Kamener Bergleute, die halfen, die schweren neuen Glocken im Mai 1922 in den Turm hinaufzuziehen und aufzuhängen. Sie hat einen Durchmesser von 1,67 m und ein Gewicht von 2.044 kg. Ihre Inschrift: „Geopfert für des Vaterlandes Wehr 1917. Erneuert zu Gottes Ehr 1922.“

Die dritte Glocke heißt Johannesglocke, hat einen Durchmesser von 1,47 m und ein Gewicht von 1.253 kg. Ihre Inschrift: „O Land, Land, höre des Herr Wort. 1922.“

1928-30 wurde der Turm umfassend restauriert und wieder in seinen Originalzustand versetzt.

Im Zweiten Weltkrieg, am 25. Februar 1945, fielen zwei Bomben auf die Südwestecke des Turmes, prallten zwar ab, richteten dennoch erheblichen Schaden am Dachstuhl des Turmhelms an. Dabei wurden die 1906 gefertigten Chorfenster mit ihrer figürlichen Verglasung zerstört. Die Bomben beschädigten gleichzeitig das im Oktober 1927 dicht vor dem Turm aufgestellte „Löwendenkmal“ zum Gedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs; es wurde 1946 abgerissen. Die Beseitigung der Kriegsschäden dauerte bis 1953. 

1945 wurde die Turmuhr ausgebaut, die die Stadt der Kirchengemeinde 1893 geschenkt hatte. Leider konnte sie nicht mehr repariert werden, im Innenraum der Kirche ist sie heute ausgestellt.

Abb. 21: Der Turm mit den Kriegsschäden

Der Düsseldorfer Kunstmaler und Restaurator Puttfarken gestaltet die neuen Chorfenster, die die Gemeinde wegen ihrer Farbenpracht und Detailfülle erfreuten, solange ein Kreuz über dem Altar hing.

Abb. 22: Das Altarkreuz, das jahrzehntelang den Blick auf die Chorfenster ermöglichte

Im Zuge der Innenraumrestaurierung zwischen 1978 und 1982 wurde aber, verfügt durch das Landesdenkmalamt in Münster, das Altarbild von Christian Zucchi wieder über dem Altar aufgehängt, das 1906, weil es die schönen Chorfenster verdeckte, auf die südliche Empore verbannt worden war. Leider verdeckt es heute die zwei unteren Teile des mittleren Fensters. (vgl. Abb. 16)

Abb. 23: Blick in den Innenraum im Jahre 2020

Abb. 24: Christi Geburt; eins der neun Motive der Chorfenster von Puttfarken

Die Motive der Fenster Puttfarkens zeigen Szenen aus dem Neuen Testament und zeigen von links nach rechts
(Blickrichtung zum Altar): 

Linkes Fenster oben: Geburt Christi (Lukas 2, 1-20; Mitte: Taufe Christi (Markus 1,9-11; unten: Versuchung Christi (Matthäus 4,1-11

Mittleres Fenster oben: „Auge Gottes“, Symbol der Dreieinigkeit; Mitte: Christus der Auferstandene, der Erlöser; untern: Symbole des Abendmahles: Ähren, Trauben, Kelch

Rechtes Fenster oben: Petrus ruft: „Herr, hilf mir!“ (Matthäus 14,27-29); Mitte: Heilung der beiden Blinden (Matthäus 9, 27-30; unten: Kreuztragung (Johannes 19, 17)

Der Turm ist, wie alle alten Kirchen, eine ewige Baustelle (haben Sie den Kölner Dom schon einmal ohne Baugerüst gesehen?). Restaurierungen hat es in den Jahren 1821, 1864 (erster Blitzableiter), 1890/92, 1928/29, 1953 und 1995 gegeben. So gibt es einen Bericht des Kirchenvorstandes vom Januar 1820 an den Bürgermeister, in dem es heißt, „daß die notwendige Reparatur des Kirchturmes, der in der Höhe stark ausgewichen und dergestalt beschädigt ist, daß bereits einige sehr schwere Steine, mit großer Gefahr für die Vorbeigehenden heruntergefallen sind.“ Woraufhin der Turm mit Kalkmörtel „berappt“ (verputzt) wurde.

1973 begann die Restaurierung des Dachstuhls, der Dachhaut, Dachrinnen, ein moderner Blitzableiter wurde eingebaut. Und ein paar Jahre später, zwischen 1978 und 1982, wurde die ganz große Sanierung der Kirche in Angriff genommen, der gesamte Innenraum wurde auf den Zustand von 1897 zurückgeführt. Es wurde ein neues Fundament gelegt, gleichzeitig eine Fußbodenheizung eingebaut; es wurde die Kassettendecke von 1897 wieder hergestellt und das Altarbild von Christian Zucchi wieder an seinem ursprünglichen Platz über dem Altar aufgehängt; die Wände wurden farblich neu gestaltet, die Fenster (außer Chor) von Wilhelm Buschulte (1923 – 2013) aus Unna erneuert, die unaufdringlich eine angenehme Helligkeit zulassen; die beim Einbau des Fußbodenheizungen

Abb. 25: Die Fenster im Langhaus von Wilhelm Buschulte 

gefundenen Grabplatten der von der Reckes an den Wänden des Turmeingangs wie auch des Innenraums angebracht (vgl. Abb. 10); die Reckes waren eine der bedeutendsten Familien in unserer Gegend, deren Stammsitz Haus Reck in Lerche war. Jahrhundertelang hatte sie das Drostenamt (ein hohes Hofamt, später oft erblich) in Kamen und Unna inne; der Altar, die Kanzel und das Taufbecken von 1848/49, dem Jahr der Einweihung, blieben erhalten, doch wanderte die Kanzel zur nördlichen Chorarkade, ihre Standsäule wurde, den neuen Höhenverhältnissen angepaßt, verkürzt; am 26.9.1982 wurde die neue Orgel der Fa. Führer aus Wilhelmshaven eingebaut, sie hat 37 klingende Register, drei Manuale und ein Pedal;

Abb. 26: Die Führer-Orgel

1986 bekam die Pauluskirche auch ein Kunstwerk für ihren Außenbereich: das „Steinzeichen“ aus Baumberger Sandstein von Werner Ratering (1954 – 2017), eine mit dem Preßlufthammer vor Ort hergestellte überlebensgroße Figur, die an einen Pfarrer im Talar erinnert. Die Figur wendet sich von der Kirche aus an die Welt und verkündet die christliche Botschaft.

Abb. 27: „Steinzeichen” von Werner Ratering

Und schließlich wurde 2014 das 1986 endlich verputzte Kirchenschiff auch noch gestrichen. Heute bietet sich Kamens ältestes Bauwerk, sein Wahrzeichen, in denkmalwürdigem Zustand, doch zeichnet  sich klar ab, daß weitere Maßnahmen notwendig sein werden. Die im Jahre 2007 aufgebrachte schützende Kunststoffhaut zeigt deutliche Wasserschäden, es wurde eben vor 900 Jahren keine Feuchtigkeitssperre eingebaut. Und im Frühjahr 2020 mußte im Gebälk des Turmhelms der Holzwurm mit den Namen „Totenuhr” bzw. „Bunter Pochkäfer”bekämpft werden.  Die lange Geschichte der Turmreparaturen ist noch lange nicht zu Ende, wird nie zu Ende sein. Hoffentlich.

Abb. 28: Endlich gestrichen: das Langhaus

Spenden für den Erhalt des Turmes können auf Konto DE55 4435 0060 1800 0070 70  eingezahlt werden.

Fachbegriffe:

Droste = Verwalter einer Drostei: eines landesherrlichen Territorialamtes (auch: Truchseß = eines der vier klassischen Hofämter, eine Art Quartiermeister, da Landesherren damals viel auf Reisen waren, oberster Aufseher über die fürstliche Tafel; die anderen Hofämter: Schenk, Marschall, Kämmerer;)

Kirche ← ahd kiriha/kiliha ← griech kyriakós = zum Herrn gehörig (kyrios = Herr)

Eigenkirche = ecclesia propria: von einem Laien, meist aus dem Adel des Frankenreiches auf privatem Grund errichtete Kirche. Der Grundherr hatte das Recht der Investitur, ohne Einspruchsrecht des Bischofs

Hallenkirche: Schiffe von annähernd gleicher Höhe unter einem gemeinsamen Satteldach, Säulen im Innenbereich tragen nur Lasten, nicht das Gebäude

Saalkirche: einschiffiges Kirchengebäude

Zentralbau: die Hauptachsen sind gleich lang

Basilika (griech. Königshalle): ursprünglicher Name für ein großes, zu Gerichtssitzungen/Handelsgeschäften bestimmtes Gebäude; heute in der Regel romanische Basiliken; auch: Bau von eminenter Bedeutung

Literatur: 

Buschmann, Friedrich, Geschichte der Stadt Camen, Camen, 1841

Buschmann, Friedrich und Pröbsting, Friedrich, „Fortsetzung der Chronik über die Stadt und das Kirchspiel Camen“, o.O., 1899

Kistner, Hans-Jürgen, Ein seltsamer Springinsfeld, Grimmelshausen und seine Bedeutung für Kamen, Kamen o.J.

Pröbsting, Friedrich, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm, 1901

Simon, Theo / Franik, Leonhard, Die Pfarrkirche Hl. Familie in Kamen, Paderborn, 2002

Wieschhoff, Wilhelm und Finger, R., Die Baugeschichte der Pauluskirche (ursprünglich St. Severinskirche), Kamen, 1982, in: Festschrift zur Wiedereröffnung der Pauluskirche in Kamen

Wieschhoff, Wilhelm, Von der Severinskirche zur Pauluskirche, Abbruch und Neubau der größeren evangelischen Gemeinde zu Camen (ehemals St. Severin) in den Jahren 1841 bis 1849, Kamen 1998

KH

Bildquellen: Abb. 1, 4, 8, 9, 10, 18, 19, 20, 22, 23, 25, 26, 27, 28: Photos Klaus Holzer; Abb. 2: Heinz Stoob, Westfälischer Städtetatlas, Nr. 10, Dortmund 1975; Abb. 3, 12, 13: Wikipedia; Abb. 5, 17 21: Stadtarchiv; Abb. 6 & 15: Wilhelm Wieschhoff; Abb. 7: Original Ev.-luth. Kirchengemeinde Methler, Ausschnitt von KH; Abb. 11 & 14: Archiv Klaus Holzer; Abb. 16: Stefan Milk; Abb. 24: Ev. Kirchengemeinde Kamen

Klosterstraße & Schwesterngang

von Klaus Holzer

Am Kirchplatz stoßen diese beiden Straßen zusammen, und auf den ersten Blick ist erkennbar, was für einen Hintergrund diese Namengebung hat. Schwestern und Kloster – hier hat mal eines gestanden. Auch wenn das vielleicht gar nicht so klar ist, wie es den Anschein hat, denn eigentlich war es ein Beghinenhaus, aus dem später ein Kloster wurde. Für die Kamener war es immer das „Kloster“. Und so ist die Geschichte dieser beiden Straßennamen auch die Geschichte des „Klosters“.

Gegenüber der Pauluskirche, die ja vorreformatorisch einfach eine christliche Kirche, St. Severin, war, wurde schon zu Beginn des 15. Jh. ein Frauenkonvent1 gegründet, und zwar ursprünglich als ein Beghinenhaus. Dieser Konvent war kein Nonnenkloster, da die Frauen nicht in Klausur lebten, sondern einer außerhäuslichen Tätigkeit nachgingen. In städtischen Dokumenten ist von dem „Süsterhaus“ (= Schwesternhaus) auf der Vlotowe, Vlotauwe oder Marienove (Flußaue bzw. Marienaue) die Rede, d.h., das Haus lag nahe dem Flußufer. Es wird in einer Urkunde vom 14. Oktober 1411 zum ersten Mal erwähnt. Das waren „Jungfrauen und Witwen“ aus der Bürgerschaft Kamens, d.h., sie entstammten Kamener Bürger- und Burgmannenfamilien und wollten ein christliches Leben leben, jedoch ohne Klostergelübde. Sie legten ein Gelübde auf Zeit ab, das wohl jedes Jahr erneuert wurde. Es war ihnen gestattet, aus der Gemeinschaft wieder auszuscheiden und sich ein bürgerliches Leben aufzubauen.

Abb. 1: Die Pauluskirche, vom Schwesterngang aus gesehen (die Arkaden wurden um 1930 gebaut und in den 1960er Jahren abgerissen)

Die Bewegung der Beghinen stammt vom Beginn des 12. Jh. (der Name wird erst ab dem 15. Jh. von ihnen selbst gebraucht, sonst „Schwestern/Brüder/Brüdergemeinden“, „Waldenser“) in den Niederlanden, heute Belgien und Holland, und kam im Laufe des späten 13. Jh. nach Deutschland. Ursprünglich handelte es sich um religiöse Arbeits- und Lebensgemeinschaften, Brüder- (die nannten sich Begharden) und Schwesternhäuser, in denen arme und alte Personen unentgeltlich Wohnung, Heizung und Licht erhielten. Sie widmeten sich dem Gebet, aber auch der tätigen Nächstenliebe. Diese Stifte hatten große Ähnlichkeit mit den heutigen evangelischen Frauenstiften/Diakonissenhäusern.

Beghinenhäuser nahmen vor allem Witwen, Waisen, Frauen aus Arbeiter-, Handwerker- oder einfacheren Kaufmannsfamilien und dem niederen Adel auf. Soweit sie konnten, verdienten Beghinen sich ihren Lebensunterhalt durch alle möglichen Handarbeiten, Krankenpflege, Leichenwäsche und sonstige Tätigkeiten wie Waschen und Nähen. Sie übernahmen mit ihrer karitativen Tätigkeit Aufgaben – den Sozialstaat gab es noch nicht –, die sonst Klöster und die Kirche ausübten, ihnen fehlte aber der klösterliche Charakter und daher standen ihnen auch nicht deren Immunitätsprivilegien zu, d.h. ohne den Schutz, den die Kirche Klöstern gewährte.

Sie konnten aus dem Konvent wieder austreten und z.B. heiraten, während „richtige“ Nonnen „mit Jesus verheiratet“ waren, und das ein Leben lang, durch ein „ewiges Gelübde“ gebunden. Wirtschaftlich wurden die Beghinen sehr erfolgreich, was oft auf den Unwillen und Widerstand der örtlichen Handwerker traf, denen eine echte Konkurrenz erwuchs. Der Erfolg machte auch selbständig und selbstbewußt, was zusätzlich den Neid anderer erweckte. Und was machte man um diese Zeit in einer solchen Situation? Man warf diesen Frauen einen ketzerischen und unmoralischen Lebenswandel vor, vor allem, weil sie sich organisatorisch nicht von der römischen Kirche abhängig machten. Auf dem Vierten Laterankonzil 1215 wurde festgelegt, daß neue geistliche Gemeinschaften grundsätzlich nur nach bereits bestehenden Ordensregeln leben durften.

Seit 1311 erfolgten Maßnahmen, die man als Unterdrückung, aber auch als seelsorgerisches Verhalten verstehen konnte, war doch auch ein Motiv päpstlichen Handelns, diese Gemeinschaften nicht in Häresie2 abgleiten zu lassen. Am 7. März 1319 erließ Papst Johannes XXII. eine Bulle, die denen, die die 3. Regel des Hl. Franziskus annehmen wollten, Gnade zusicherte. 

Am 12. Februar 1453 wurden alle damals noch bestehenden Konvente wieder in die Kirche aufgenommen und ihnen die Rechte der Tertiarierinnen3 verliehen. Es war Kunne Hake, Oberin des Hauses in Kamen, die am 22. 9. 1470 (andere Quellen nennen den 4. Oktober 1470) die dritte Regel annahm, die für Laien galt, (die erste galt den Klosterbrüdern, den Mönchen, ursprünglich nach Franz von Assisi Minoriten genannt, die ihr Leben Gott weihten; die zweite den Nonnen, die „mit Christus verheiratet“ waren), wodurch das Beghinenhaus in ein Tertiarierinnenkloster umgewandelt wurde. Insgesamt gewannen durch diesen Akt Frauen– und Laienfrömmigkeit an Gewicht.

Daraufhin erhielten sie den Schutz von Johann I., Herzog von Kleve und Graf von der Mark (seit 1417 gehörte Kamen zu Kleve, Mark und Kleve gehörten schon seit 1391 zusammen), der sie gleichzeitig von Steuern und Landesdiensten befreite. Die Beghinen konnten im großen und ganzen so weitermachen, ihr weltliches mit einem religiösen Leben verbinden, mußten aber städtische Auflagen akzeptieren. Offenkundig waren bei dieser Angelegenheit wirtschaftliche Aspekte entscheidend. Z.B. wurde die Zahl der Schwestern auf 12 begrenzt, von denen 6 aus Kamen stammen mußten; behielt die Stadt die Hälfte des Vermögens, das jede neue Schwester ins Stift einbrachte, für sich ein, übernahm aber dafür die bauliche Unterhaltung des Klostergebäudes; verlangte Anteile an den Pfründen des Konvents; erlaubte später nur noch die Aufnahme von Kamener Frauen in den Konvent und bekam Mitspracherecht darüber eingeräumt wie auch bei der dauerhaften Aufnahme nach dem Noviziat4. So wurde der Konvent klein und unbedeutend gehalten. Bei allen Konflikten zwischen Stadt und Konvent setzte sich die Stadt durch.

Abb. 2: Katharina von der Mark

Bürgermeister und Rat der Stadt Kamen hatten auf Wunsch des Landesherrn 1473 die Einrichtung des Klosters „zur Ehre Gottes, aller Heiligen und besonders des hl. Franzikus und zum Schutze der Stadt“ genehmigt.

Seit 1470 wohnte Katharina, eine natürliche (= uneheliche) Schwester Herzogs Johann I. im Beghinenhaus. Sie besaß ein beträchtliches Vermögen, das sie für den Bau eines neuen Klosterhauses und einer Kapelle stiftete. Am 22.11.1475 wurde dieses Kirchlein feierlich eingeweiht. Dazu schreibt der Kamener Stadtchronist Friedrich Pröbsting: „Gott in seiner Mutter unter dem Geheimnis des Mitleidens in ihrer Seele zu ehren.“ Natürlich war wieder Anröchter Sandstein das Baumaterial. 1479 bekamen die Schwestern einen eigenen Geistlichen, ab 1481 erhielten sie ihren eigenen Kirchhof. Statt des eigenen Geistlichen, der ja auch hätte unterhalten werden müssen, ließen die Schwestern die geistlichen Handlungen jedoch durch einen der vielen Kamener Vikare vornehmen, bis 1622 im reformierten Kamen der letzte katholische Vikar an der Pest starb. Danach wurde das Stift vom Franziskanerkloster in Hamm geistlich betreut. Die Conventualinnen  sahen sich „genöthigt, zur Besorgung ihrer geistlichen Bedürfnisse jedesmal, in der dritten und vierten Woche, einen Geistlichen aus dem Franciscanerkloster zu Hamm, welches dafür jährlich ein kleines Geschenk an Korn erhielt, kommen zu lassen“. (Essellen)

Abb. 3: Lageplan des Klosters (Erläuterungen am Ende)

Eine besonders schwere Zeit hatte das Stift in der Zeit der Reformation zu bestehen, da fast alle Kamener Bürger sich nach 1553 dem lutherischen, ab etwa 1590 dem Reformierten Glauben zuwandten. So wurde der kleine Konvent zu einer „katholischen Insel inmitten eines protestantischen Meeres“ (Pröbsting). Die St. Severinskirche wurde protestantisch, die kleine Konventskirche zur einzigen katholischen Kirche.

Es kam zu einer Reihe weiterer, auch gerichtlicher Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Konvent, Kamener Bürger belegten die Pfründen des Konvents und zahlten keine Pacht mehr an ihn. Doch der Konvent hielt durch. Später wurde sein Kirchlein katholische Pfarrkirche, der Konvent selber zur Keimzelle der heutigen katholischen Kirchengemeinde.

Das Ende begann 1803. Das Kloster (so wurde das Stift nun allgemein genannt) wurde am 4.7.1818 endgültig geschlossen, nachdem nach dem Reichsdeputationshauptschluß vom 25.2.1803 beim Reichtstag in Regensburg  durch Säkularisation4  (das war die letzte große Entscheidung durch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation) alle Kloster- und Kirchenvermögen durch den preußischen Staat eingezogen worden waren, man noch die Drangsalierung durch die französischen Besatzungstruppen (Napoleon) überstanden hatte. Teile Deutschlands wurden nach den napoleonischen Kriegen zunächst französisch, damit deutsches Territorium enteignet. Als Entschädigung dafür bekamen die deutschen Fürsten, deren Territorien beschnitten worden waren, Kompensation aus Kloster- und Kirchenvermögen. Auch das Kamener Kloster wurde enteignet, alle Landgüter konfisziert. Die Gebäude wurden von der neu etablierten katholischen Kirchengemeinde6 übernommen. Buschmann schreibt hierzu: „Des Königs Majestät geruhte allergnädigst, der neuen Gemeinde das sämmtliche noch vorhandene Klostergut, bestehend in den Gebäuden, dem Klostergarten, 2 anderen Gärten, einem Weidekamp, 161 Scheffeln Ackerland, 20 Morgen Waldung, 13 Thlrn. jährlicher Renten und 460 Thlrn. in Kapitalien, worauf im Ganzen an Schulden 330 Thlr. lasteten, zu schenken.“ Das reine Vermögen wurde auf „13415 Thaler und 55 Stüber“ (Pröbsting) taxiert.

Das Klosterkirchlein wurde 1841 wegen Baufälligkeit geschlossen, sein Nachfolger erst am Weihnachtstage 1848 mit einem feierlichen Gottesdienst geweiht. Doch war ihm kein langes Leben beschieden. Erste Bauschäden zeigten sich schon während des Baus, bald entstanden Risse in den Mauern, und durch den Bergbau wuchs die katholische Gemeinde unaufhörlich. Nachdem 1902 die neue, große Kirche Hl. Familie konsekriert worden war, dämmerte das Klosterkirchlein noch ein paar Jahre vor sich hin, wurde 1907 abgerissen.

Abb. 4: Die Pfarrkirche von Osten: das Klosterkirchlein von 1848

Und daher erinnern heute nur noch die Namen dieser beiden Straßen an die jahrhundertelange Geschichte des Kamener Klosters.

Abb. 5: Straßenschild Schwestergang

PS: Am 11. Mai 2017 berichtete der HA, daß dem Straßenschild „Schwesterngang“ ein „n“ fehlt. Seit vielen Jahren gehen wir also an diesem Schild vorbei und bemerken diesen Rechtschreibfehler nicht. Wir lesen meistens, was wir lesen wollen. Erst ein 15-jähriges Mädchen (aber auch nur eins!) schaut genau hin und sieht die Bescherung.

Doch schon Mitte Juli ist das Mißgeschick behoben.

KH

Fußnoten:

1 In der katholischen Kirche ist ein Konvent die Versammlung aller stimmberechtigten Mitglieder eines Klosters oder die Bezeichnung für das Kloster selbst.

2 Ketzerei

3 aus lat. tertius, a, um = der, die, das dritte

4 aus lat. novicius = Neuling, d.h., die Zeit, in der ein Neuling in das Klosterleben eingeführt wurde

5 Die Überführung kirchlichen Besitzes in weltliche Hände.

6 Dieser neu formierte Pfarrsprengel (auch Kirchspiel oder Kirchsprengel: der Bezirk, in dem eine Kirche und ihr Pfarrer zuständig war) bestand  aus der „Stadt Camen, sowie den Gemeinden Heeren, Ostheeren, Werve, Alten-, Lütgen- und Nordbögge, Lerche mit Reck, Rottum, Derne, Overberge, Bergcamen, Wedinghofen mit Tödinghausen (sic), Metheler, Altenmetheler, Westick, Wassercourl und Südcamen. Die Gemeinde soll jetzt 800 Seelen zählen“. (Buschmann)

Erläuterungen zu Abb. 3:

Lageplan des Klosters:

a. Die Einfahrt im Kloster Hofe    b. Der Hof    c. Ein Brunnen

d. Der Garten  e. Ein Wasser-Graben    f. Wege

g. Zwey Abfoh(laege), wo in einen ein Abtritt befindlich

h. Das Pater-Haus    i. Die Kirche    k. Verbindung der Kirche mit

l. des Kloster Gebäudes    m. Das Bau-Haus    n. Das Oeconomie-Gebäude

Letztere beÿde Gebäude sind verkauft

Quellen:

Friedrich Buschmann, Geschichte der Stadt Camen, o.O. 1841

Moritz Friedrich Essellen, Beschreibung und kurze Geschichte des Kreises Hamm und der einzelnen Ortschaften in demselben, Hamm 1851 (S.102 – 124: Die Stadt Camen)

Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901 

Theo Simon und Franik, Leonhard, Die Pfarrkirche „Heilige Familie in Kamen“, Paderborn 2002

Wilhelm Zuhorn, Geschichte des Klosters und der katholischen Gemeinde zu Camen (Kamen 1902).

Abbildungen:

Abb. 0 & 5: Photo Klaus Holzer; Abb. 1,  2 & 4: Stadtarchiv; Abb. 3: Simon/Franik