Flurname: Hemsack

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Ein Hamm ist der Winkel zwischen zwei Flüssen oder eine Flußkrümmung. Eine solche Lage bot für Neusiedlungen des gerade seßhaft gewordenen Menschen in der Jungsteinzeit einen entscheidenden Vorteil, weil sie auf zwei Seiten einen natürlichen Schutz bot, in Kamen zwischen Seseke und Körne. 

Weitere Bedeutungen waren: ham, hammes, hämme – Zaun, Pferch, Hürde, Einfriedung, eingehegtes Landstück, oft in Wassernähe, deshalb auch Deutung als „Landstück in einer spitzig abknickenden, ein Dreieck bildenden Flußschlinge; oft in Siedlungsnamen“. So schrieb Levold von Northoff vom Gut Nordhoff, später Haus Bögge zugehörig, ein bedeutender Kleriker und Chronist,  vor 1358: „eine Stadt, die man den Hamm nennt“: heute Hamm. Hier ist die ursprüngliche Bedeutung erkennbar, ebenso noch in Hamburg, im Englischen in Namen wie Southampton. 

Im Mittelniederdeutschen bedeutete „ham“ auch Kniebeuge, daher z.B. Englisch ham = Schinken, kölsch Hämchen = Schinkeneisbein.

Der Hemsack in Kamen nimmt zum einen Bezug auf die Lage zwischen den beiden Flüssen, wo vor Tausenden von Jahren die germanische Siedlung entstand, die zu den bedeutendsten Ausgrabungsstätten zum Thema Germanen zählt und deren Funde zum großen Teil im Kamener Haus der Stadtgeschichte ausgestellt sind (aber auch im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm gibt es wunderbare Exponate aus dieser Siedlung). Zum anderen aber bedeutet der Name auch die Unmöglichkeit, nach dem Eingang hinauszugehen: Sack.

Ursprünglich handelt es sich bei dem Namen „Hemsack“ um eine Flurbezeichnung, die das ganze Gelände umfaßte. Erst im Januar 1981 wurde dieser Name auf eine dort verlaufende Straße verengt.

Abb. 2: Der Hemsack 1955; davor der Koppel(Gondel)teich und die Badeanstalt, rechts oben die Zeche Monopol

Abb. 3: Der Hemsack am 5. Dez. 1960; im Hintergrund die Zeche Monopol, noch mit hohem Schornstein und den zwei Fördertürmen, Vorgänger des heute denkmalgeschützten Förderturms

Alte Kamenser werden sich erinnern, daß der Hemsack ein großes Sportgebiet war, mit mehreren Fußballplätzen nebeneinander, umgeben vom Oval einer 1000-Meter-Bahn, der einzigen in Deutschland. Im Hemsack fanden auch die jährlichen Prüfungen für das Sportabitur statt, auf Bahnen, die heute kein Athlet mehr betreten würde, weil die Verletzungsgefahr viel zu hoch ist. Die Qualität der Bahnen entsprach der eines halbwegs vernünftigen Feldwegs. Ein so weitläufiges Sportgelände ließ sich nicht angemessen pflegen. Der Versuch, es zu erhalten, indem dort Motorrad- und Motocrossrennen veranstaltet wurden, scheiterte nach nur einer Veranstaltung.

Abb. 4: Der Hemsack 2018; rechts Technopark & Gründerzentrum, am oberen Bildrand das Klärwerk, links das Industriegebiet Hemsack

Auf diesem Photo ist, obgleich der Verlauf der Körne zur Zeit der Entstehung des Namens ganz anders war (sie verlief weiter westlich, hinter dem Klärwerk), deutlich ein Flußdreieck, ein Hamm, zu erkennen. Die Körne fließt zwischen den Bäumen vor dem Klärwerk am oberen Bildrand nach rechts in die Seseke.

Zur Zeit (Sommer 2020) wird das Gelände überplant mit dem Ziel, ein Wohngebiet am Fluß zu errichten.

Abbildungen: Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer; Abb. 4: Photo Stefan Milk

Quellen: Levold von Nordhof, Chronik der Grafen von der Mark und der Erzbischöfe von Cöln, aus Handschriften verbessert und vervollständigt von Dr. C.L.P. Tross, Hamm 1859; Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017

KH

Flurname: Hemsack

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Ein Hamm ist der Winkel zwischen zwei Flüssen oder eine Flußkrümmung. Eine solche Lage bot für Neusiedlungen des gerade seßhaft gewordenen Menschen in der Jungsteinzeit einen entscheidenden Vorteil, weil sie auf zwei Seiten einen natürlichen Schutz bot, in Kamen zwischen Seseke und Körne. 

Weitere Bedeutungen waren: ham, hammes, hämme – Zaun, Pferch, Hürde, Einfriedung, eingehegtes Landstück, oft in Wassernähe, deshalb auch Deutung als „Landstück in einer spitzig abknickenden, ein Dreieck bildenden Flußschlinge; oft in Siedlungsnamen“. So schrieb Levold von Northoff vom Gut Nordhoff, später Haus Bögge zugehörig, ein bedeutender Kleriker und Chronist,  vor 1358: „eine Stadt, die man den Hamm nennt“: heute Hamm. Hier ist die ursprüngliche Bedeutung erkennbar, ebenso noch in Hamburg, im Englischen in Namen wie Southampton. 

Im Mittelniederdeutschen bedeutete „ham“ auch Kniebeuge, daher z.B. Englisch ham = Schinken, kölsch Hämchen = Schinkeneisbein.

Der Hemsack in Kamen nimmt zum einen Bezug auf die Lage zwischen den beiden Flüssen, wo vor Tausenden von Jahren die germanische Siedlung entstand, die zu den bedeutendsten Ausgrabungsstätten zum Thema Germanen zählt und deren Funde zum großen Teil im Kamener Haus der Stadtgeschichte ausgestellt sind (aber auch im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm gibt es wunderbare Exponate aus dieser Siedlung). Zum anderen aber bedeutet der Name auch die Unmöglichkeit, nach dem Eingang hinauszugehen: Sack.

Ursprünglich handelt es sich bei dem Namen „Hemsack“ um eine Flurbezeichnung, die das ganze Gelände umfaßte. Erst im Januar 1981 wurde dieser Name auf eine dort verlaufende Straße verengt.

Abb. 2: Der Hemsack 1955; davor der Koppel(Gondel)teich und die Badeanstalt, rechts oben die Zeche Monopol

 

Abb. 3: Der Hemsack am 5. Dez. 1960; im Hintergrund die Zeche Monopol, noch mit hohem Schornstein und den zwei Fördertürmen, Vorgänger des heutigen denkmalgeschützten Förderturms

Alte Kamenser werden sich erinnern, daß der Hemsack ein großes Sportgebiet war, mit mehreren Fußballplätzen nebeneinander, umgeben vom Oval einer 1000-Meter-Bahn, der einzigen in Deutschland. Im Hemsack fanden auch die jährlichen Prüfungen für das Sportabitur statt, auf Bahnen, die heute kein Athlet mehr betreten würde, weil die Verletzungsgefahr viel zu hoch ist. Die Qualität der Bahnen entsprach der eines halbwegs vernünftigen Feldwegs. Ein so weitläufiges Sportgelände ließ sich nicht angemessen pflegen. Der Versuch, es zu erhalten, indem dort Motorrad- und Motocrossrennen veranstaltet wurden, scheiterte nach nur einer Veranstaltung.

Abb. 4: Der Hemsack 2018; rechts Technopark & Gründerzentrum, am oberen Bildrand das Klärwerk, links das Industriegebiet Hemsack

Auf diesem Photo ist, obgleich der Verlauf der Körne zur Zeit der Entstehung des Namens ganz anders war (sie verlief weiter westlich, hinter dem Klärwerk), deutlich ein Flußdreieck, ein Hamm, zu erkennen. Die Körne fließt zwischen den Bäumen vor dem Klärwerk am oberen Bildrand nach rechts in die Seseke.

Zur Zeit (Sommer 2020) wird das Gelände überplant mit dem Ziel, ein Wohngebiet am Fluß zu errichten.

Abbildungen: Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer; Abb. 4: Photo Stefan Milk

Quellen: Levold von Nordhof, Chronik der Grafen von der Mark und der Erzbischöfe von Cöln, aus Handschriften verbessert und vervollständigt von Dr. C.L.P. Tross, Hamm 1859

Flurnamen: Geist/Geest

von Klaus Holzer


Abb. 1: Straßenschild Am Geist
Eigentlich bedeutet „Geist/Geest“ das „hohe, trockene, meist sandige und daher wenig fruchtbare Land“ (die Lüneburger Heide ist wohl die bekannteste Geestlandschaft Deutschlands), im Gegensatz zur Marsch, die in Kamen umgangssprachlich immer „Mersch“ hieß, Im Mersch, also männlichen Geschlechts war. Diese Flurbezeichnung war ursprünglich vor allem im Küstenbereich der Nordsee geläufig. Bei uns in Westfalen bezieht sich diese Flurbezeichnung ebenfalls auf höher gelegenes, wenig fruchtbares Land, was auf Kamen bezogen durchaus plausibel erscheint, war unsere Stadt doch von weitem Heideland umgeben: im Norden ein 55 qkm großes Heidegebiet (heute noch gibt es die Kamer Heide in Overberge), im Süden die Uelzener Heide u.a. In Overberge gab es beim Orts-Grenzdurchgang am Geistbaum die Flur Geisthoff; auf Kamener Gebiet nannte man einen Teil dieses Brinks (oft der Abhang eines Grashügels, hügeliges Stück Grasland, Randbereich einer Siedlung) Auf den Geistgärten. Auch Geestäcker werden erwähnt.

Abb. 2: Straßenschild Mersch
Als weiterer Beleg für diese mögliche Deutung des Flur- und Straßennamens mag gelten, daß es gleich hinter der Seseke, im südöstlich Bereich des Stadtgebiets, eine Straße namens „Mersch“, früher „In der Mersch“ (weiblichen grammatischen Geschlechts!), gibt, eine Bezeichnung, die immer eine Niederung bedeutet, die regelmäßig vom Meer oder einem Fluß überschwemmt wird, was die Seseke ja regelmäßig tat. Marsch oder Mersch kommt aus germ. *mariska = zum Meer (Wasser) gehörig (vgl.a. lat. mare = das Meer), schon germanisch als Sumpf, Morast, Binnensee bekannt. In der Regel war es eine Weide oder Wiese am Wasser, von Zeit zu Zeit überflutet.
Die kurze Straße, die vom ersten Kamener Kreuz (Kreuzung Ost-, Nord- und Weststraße) nach Süden führt, heißt Am Geist und liegt tatsächlich etwas höher als die anderen Flächen im Kamener Stadtgebiet. So könnte „Geist“ also durchaus von „Geest“ herrühren, allerdings gibt es bisher keinen Beleg dafür, daß die Flurbeschaffenheit tatsächlich für die Namengebung ursächlich ist.

Abb. 3: Hl.-Geist-Spital1
Daher kommt hier eine zweite Deutungsmöglichkeit in Frage, die viel für sich hat, die Herleitung aus Heilig-Geist-Spital, wenn man bedenkt, wie wichtig dieses für Kamen war. Vor 1359 gegründet, war es das erste und jahrhundertelang einzige Armen– und Siechenhaus der Stadt. Arm und krank, das gehörte offenbar nicht nur im Mittelalter zusammen, war aber vor Einführung des Sozialstaats immer mit einem elenden Leben verbunden. Nach 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, wurde es nicht mehr genutzt und verfiel vollständig. Erst 1717 wurden die Trümmerreste entfernt. Schon 1662 war das neue Hospital daneben erbaut, 1865 gründlich renoviert worden. Das stand dann bis in die 1930er Jahre, als es baufällig war und dem Möbelhaus Reimer Platz machen mußte. Später war Mrs Sporty darin, jetzt steht es seit langer Zeit leer.

Abb.: Abb. 1 & 2: Photo Klaus Holzer; Abb. 3: Stadtarchiv Kamen

1 Die Aufnahme stammt aus den 1930er Jahren, wie die Hakenkreuzfahnen belegen. Man beachte auch die hier noch vorhandenen Abwasserrinnen am Straßenrand, in die auch die Abflüsse aus den Häusern mündeten. Das Spital stand auf der Ecke Ost- und Nordstraße. Spoäter stand das Möbelhaus Reimer an dieser Stelle. Weitere Nachnutzungen: u.a. ein Gartenmöbelhaus und Mrs Sporty.

Quellen: Gunter Müller, Westfälischer Flurnamenatlas; Lieferung 1-5; Im Auftrag der Kommission für Mundart- und Namenforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. Alle fünf Bände sind im Stadtarchiv Kamen vorhanden; zur wissenschaftlichen Vertiefung geeignet.
Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901
Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017

KH

Flurnamen: In der Bredde

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Das Wort „Bredde“ (auch „brede“ und viele andere mundartliche Bezeichnungen) bedeutet zunächst einfach „Breite, Weite, weite Fläche/Ebene“, hat dann aber fast überall in Deutschland die Bedeutung „breites Ackerstück“ angenommen. Es handelt sich¹ um eine Ackerbezeichnung, die in Langstreifenfluren besonders auffällig war. Häufig war sie Land des Schultenhofes oder des örtlichen Adelssitzes. 

Aber warum war das überhaupt so bemerkenswert, daß daraus ein unterscheidendes Merkmal wurde, gar ein Flurname?

Bis zur Einführung des eisernen Pfluges gab es nur ganz einfache Pflüge, z.B. Holz– oder Geweihstangen, die den Boden bloß aufrissen, daher mußte man den Acker kreuzweise pflügen. 

Abb. 2: Hakenpflug

Die große Neuerung bracht der Kehrpflug. Er brach die Krume um, so daß der Boden viel tiefer aufgelockert und besser belüftet wurde. Dieser Pflug wies zuerst nur ein Streichblech mit Streichschiene und Schar auf, später dann eine Doppelschar. Es ist aber offenkundig, daß das Wenden eines solchen Pfluges, gezogen von Ochsen oder Pferden, einen erheblichen Aufwand bedeutete.

Abb. 3: Doppelscharpflug, Ulm 1935

Das Pflügen mit einem solchen Pflug ließ allerdings eine grobe Krume zurück, daher brauchte man   zusätzlich eine Egge, mit der man den Boden für die neue Aussaat vorbereiten konnte.

Abb. 4: Eggen mit Pferden, England 1942

Das bedeutete, daß der Bauer mit seinem Gespann sein Stück Acker mehrfach befahren mußte. Und das wiederum bedeutete, daß er sein Gespann oft wenden mußte, was kompliziert und daher umständlich und mühselig war und viel Zeit kostete. Der neue eiserne Pflug konnte daher nur dann effektiv eingesetzt werden, wenn man ihn nicht so oft wenden mußte. Jetzt war also das rechteckige, d.h., möglichst lange und entsprechend schmalere Feld besser geeignet für diese bäuerliche Tätigkeit und wurde bald zum Normalfall. War dennoch ein quadratisches, d.h., breites Feld übriggeblieben, war es eine Besonderheit. Daher gibt es den Flur-, daraus folgend den  Straßennamen In der Bredde.

Abb 5: Gewanne¹

Diese Abbildung zeigt sehr schön, wie ein Dorf sich organisierte. In direkter Umgebung de Dorfes lag die Allmende, manchmal als (Dorf)Anger, wo man sein Vieh weiden ließ. Um das Dorf herum lagen drei Gewanne, jeweils in Felder unterteilt, drei, weil man gelernt hatte, daß man den Ernteertrag durch die Dreifelderwirtschaft steigern konnte: Auf einem Feld wird Wintergetreide, auf einem anderen Sommergetreide angebaut, das dritte bleibt ungenutzt, Brache. Dabei wechselten die Anbauformen jährlich, das Feld kann sich also in jedem dritten Jahr erholen. Diese Neuerung bedeutete eine wesentliche Verbesserung im Bereich der Landwirtschaft. Vorher wurde ein Feld eine Saison bebaut und lag danach brach (Zweifelderwirtschaft). Die verbesserten Ernteerträge führten zu besserer Ernährung, diese wiederum zu einem Bevölkerungswachstum. Alles dieses war Voraussetzung zur Gründung von Städten, weil diese jetzt von Bauern mit Lebensmitteln versorgt werden konnten. 

Und noch etwas zeigt diese Abbildung: Die Anlage der Felder hatte absoluten Vorrang vor allem anderen. Wege nahmen nicht die kürzeste Route, sondern die unschädlichste.

Heute sind solche schmalen Streifenparzellen längst verschwunden. Zusammenlegung und Flurbereinigung sorgten dafür, daß solche Bezeichnungen ebenfalls verschwanden. Und natürlich ist das mühsame Wenden eines Pfluges auch Geschichte. Moderne Ackerschlepper können das ganz leicht. Nur Straßennamen erinnern noch an Fluren.

Quellen: Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2: Wikipedia, Pflug Altenwindeck; Abb. 3: Doppelschar-Kehrpflug mit Pflugkarren für tierischen Zug, Fa. Eberhardt, Ulm 1935, Wikipedia; Abb. 4: Photo D 8549, Imperial War Museum, Wikipedia; Abb. 5: Gewanne, Wikipedia, Falk Oberdorf, Osterstr. 8, 32312 Lübbecke

 

 1 Ackergrenze, an der der Pflug gewendet wird,  in mehrere Streifen aufgeteiltes Ackergelände

KH

Flurnamen: Bleiche

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

In östlicher Richtung von der Ostenallee abzweigend, gibt es seit 1975 die Straße „Bleiche“. Dieser Name hat es von einer Funktionsbezeichnung zum Flurnamen geschafft.

Eine „Bleiche“ genannte Fläche diente ursprünglich dem Bleichen frisch gewaschenen Leinens  wie auch des neu gesponnenen Leinentuches. Es handelte sich dabei um ein in der Nähe der Wohnbebauung liegendes Stück Grünland, das in der Regel an einem Fließgewässer lag, damit das Leinen immer feucht gehalten werden konnte. Je länger es der prallen Sonne ausgesetzt war, umso weißer, und damit umso wertvoller, wurde es. Das abgestandene und daher oft schmutzige Wasser von Teichen, Tümpeln und Stadtgräben war zu diesem Zweck ungeeignet. Nur selten legte man ein solches künstliches Gewässer an, das dann besonders tief ausgehoben und sorgsam gepflegt wurde.

Leinen war gefragte, aber auch teure Ware, es gehörte zur Aussteuer aller jungen Mädchen, deren Familien es sich leisten konnten. Diese Leute waren „betucht“. Und weil es so wertvoll war, war es auf der Bleiche ständig in Gefahr, gestohlen zu werden. Und weil die Bleiche gewöhnlich auf Grünland war, also auf Wiese und Weide, wo natürlich auch Vieh in der Nähe weidete, bestand immer die Möglichkeit, daß das Vieh auf die Bleiche geriet und das Leinen beschmutzte oder gar beschädigte. Daher standen am Rande einer Bleiche oft Bleichhütten, in denen sich Wächter aufhalten konnten. Oft wurde die Bleiche auch wie ein Garten eingezäunt. Ob das in Kamen der Fall war, ist nicht bekannt.

Abb. 1: Frauen beim Spülen der Wäsche am Mühlenkolk¹; im Hintergrund die Wiesen auf dem Gelände des heutigen Amtsgerichts (s. Abb. 3)

In Kamen gab es wohl mehr als eine Bleiche, waren die Leineweber doch eines der zwei  am stärksten ausgeübten Handwerke: im Jahre 1722 gab es in Kamen 44 Leineweber, dicht gefolgt von 38 Schustern. Neben der Bleiche im Osten der Stadt, nahe der Seseke und mehreren Flußaltarmen, etwa dort, wo 1843 Kamens erste Badeanstalt war (vgl.a. Artikel Ostenallee/Ostkamp/Bleiche), gab es, das ist belegt, mindestens eine zweite, dort, wo heute das Amtsgericht an der Poststraße steht. Hier standen die Seseke und der Mühlenkolk zum Ausspülen und Feuchthalten des Leinens zur Verfügung, und der Weg aus der Stadt zur Bleiche war sehr kurz.

Abb. 2: Photo der Bleiche am Amtsgericht; das Gebäude links ist die Kamener Mühle, zuletzt Mühle Ruckebier

Eine Besonderheit berichteten alte Kamenser über  die Situation hier. Damals zogen viele Zigeuner, wie es damals hieß, über Land. Sie standen generell in dem Ruf, Diebstählen nicht abgeneigt zu sein. Die Kamener Leineweber handelten also ganz schlau, als sie Zigeuner zur Bewachung ihres Leinens auf der Bleiche einstellten. Es soll kaum etwas abhanden gekommen sein.

KH

Abbildungen: Nr. 1: Photo Klaus Holzer; Nr. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer

 

¹Kolk = Strudel im Wasser, Höhlung am Flußufer; auch afries. Grube, Loch, Wasserloch; verw. mit „Kehle“, architekt. „Hohlkehle“): hier der künstlich angelegte Teich zum Ausgleich von Hoch- und Niedrigwasser

Flurnamen als Straßennamen

von Klaus Holzer

Überall wo Menschen sich bewegen, wo sie siedeln, brauchen sie Orientierung, d.h., sie benennen ihre Umgebung z.B. nach natürlichen und topographischen Gegebenheiten: Hain oder Wald, Bach oder Fluß, Berg oder Tal, Teich oder Weg usw., die zur Unterscheidung, als Orientierungsmerkmale ländlichen Wohnens und Arbeitens dienen. Als der Mensch in der Jungsteinzeit vom Jäger und Sammler zum Siedler, also seßhaft, wurde und anfing, Land zu bearbeiten, konzentrierte sich jeder immer wieder auf dasselbe Stückchen Land, das er bearbeitete und alsbald als „sein“ Land betrachtete. Und er nannte es in Abgrenzung zum Land seiner Nachbarn nach einer Besonderheit, d.h., er gab ihm einen „Namen“, der es vom angrenzenden Land unterscheidbar machte: Landschaftsform, Eigenarten der näheren Umgebung, Lage- und Nutzungsbezeichnungen, Bezug auf sich als Eigentümer oder auf das umgebende Milieu wurden zu geläufigen Mitteln bei der Benennung. Größere Bereiche erhielten ihre Namen oft nach den Himmelsrichtungen: Osten–, Süden–, Westen– und Nordenfeldmark. Und natürlich wurden nicht nur Acker- und sonstige Nutzflächen mit Namen versehen, sondern auch „Weidestücke und Waldstreifen, [ … ] Wege und Wegeränder, [ … ] kultivierte Moorflächen und Heiden, [ … ] Berghänge und Felsformationen, [ … ] Teiche, Bäche und deren Uferflächen“.1

Abb. 1: Kamen in seinen drei Entwicklungsphasen, mit Flurnamen (nach Stoob, Westfälischer Städteatlas, Kamen, 1975)

Flurbezeichnungen stammen aus einer Zeit, die noch keine Schrift kannte, als alles mündlich weitergegeben wurde, aus einer Zeit, in der der Mensch, gerade seßhaft geworden, wenig mobil war, meistens aus seinem Dorf, allenfalls seiner näheren Umgebung, in der Regel nicht hinauskam. Und das bedeutet auch, daß Flurbezeichnungen keine großen Areale bezeichneten, die so eine mindestens regionale Bedeutung haben konnten (und damit eine größere Chance hatten, einen wenig veränderlichen Namen zu erhalten), sondern kleinteilig angelegt waren und sich durch Generationen auch verändern konnten. Immer aber hatten sie ursprünglich „Namen“, die aus den Umständen heraus eine Bedeutung hatten. „Je nach Ordnungskategorie können für einen Gegenstand verschiedene Bezeichnungen anwendbar sein: Ein eingehegter Acker ist ein „Kamp“. Gleichzeitig kann er nach der Nutzung  als „Haferland“ bezeichnet werden, nach seiner Größe als „Dreimorgen(-Stück)“, nach seinem Relief als „Horst“, nach seiner Form als fîfhôk (Fünfheck). Alle diese „Flurnamen“ sind richtige Beschreibungen, also nicht Namen, sondern Bezeichnungen.“2  Daß Bezeichnungen sich mit veränderten Bedingungen ändern, liegt auf der Hand.

Systematisiert wurden diese Angaben auf Napoleons Initiative (Wieder einmal! Wie so viel Grundlegendes der Moderne in Deutschland geht auch dieses auf ihn zurück), der das eroberte Land vermessen ließ. Als er endgültig besiegt und vertrieben war, führten die Preußen (Westfalen war seit dem Wiener Kongreß 1815 preußische Provinz) diese Maßnahme fort. Geometer vermaßen flächendeckend das ganze Land, listeten die Grundstücke auf, notierten die Größe der Parzellen, beschrieben die Bodenbeschaffenheit, trugen die Bezeichnungen ein, die die Eigentümer nannten – und sorgten so dafür, daß sich alte, niederdeutsche, Flurbezeichnungen erhalten konnten. Sie geben Auskunft über die alte Welt, aus der sonst keine schriftlichen Aussagen erhalten sind.

Beide, Franzosen und Preußen, hatten gute Gründe für diese doch eigentlich sehr aufwendige Sache, ein ganzes Land zu vermessen: zum einen hatte man auf diese Weise präzise Karten für Wirtschaft, Handel und Verkehr, zum anderen aber auch eine Grundlage für die Besteuerung der Grundeigentümer, deren Namen anfänglich mit eingetragen wurden (was sich als nicht zweckmäßig erwies, weil jede Erbschaft, jeder Verkauf erfaßt werden mußte und ständig neue Karten gezeichnet werden mußten); nicht zuletzt aber hatten diese Karten auch einen militärischen Sinn. 

Die heute noch erhaltenen Namen für solche „Flur” genannten Stücke Land entstammen dem Plattdeutschen, das oft von Dorf zu Dorf seine eigenen Ausprägungen hatte: sogar zwischen Kamen und Methler gab es Unterschiede. Solche Namen, die sich heute noch in Kamener Straßennamen erhalten haben, sind z.B. Mersch, Bredde, Bleiche, Brink, Hemsack u.a. 

Abb. 2: Übersicht Fluren Kamen

Diese alten Flurbezeichnungen wurden aufgegeben, als die Industrialisierung im 19. Jh. Deutschland grundlegend veränderte. Agrarland wurde zu Industrieland, Dörfer zu Städten, Städte zu Großstädten (Beispiel Bochum: 1843 hatte Bochum 4282 Einwohner, 1905 schon über 100.000), unbebautes Land wurde zugebaut, Städte vergrößerten sich ins Umland (Beispiel Kamen: die Westenfeldmark, freies, offenes Land, wurde ab 1873 mit dem Einzug des Bergbaus entlang der Lünener Straße dicht bebautes Stadtgebiet) landschaftliche Eigentümlichkeiten veränderten sich bis zum Verschwinden. Man schaue sich nur einmal die vielen Einfamilienhaussiedlungen (Schlafstädte für die nahe Großstadt) um den Kern alter Städte an, die vielen Einkaufszentren, die auf die „grüne Wiese“ gesetzt wurden und die Einkaufsqualität „innenstadtunschädlich“ verbessern sollten, doch entgegen allen gelehrten Gutachten den Tod eben dieser einläuteten (heute durch den Internetbestellhandel zu Ende geführt).

Die Flurnamen verloren ihren Sinn, die Fluren sollten aber aus eigentums-, verwaltungs- und steuerrechtlichen Gründen weiterhin erfaßt werden. 1861 wurde per Gesetz die Bildung eines Katasters vorgeschrieben. Erst ab diesem Zeitpunkt also wurden die Flurbezeichnungen katastermäßig erfaßt. Von nun an wurden die Namen durch Nummern ersetzt, so daß bei Veränderungen die Karten nicht mehr betroffen waren, nicht neu gezeichnet werden mußten, es reichte, z.B. bei einem Besitzerwechsel, die Eintragung im Grundbuch zu verändern.

Abb. 3: Flurstücke Kamen

Abb. 4: Flurstücke Altstadt Kamen

Heute sind diese Flurbezeichnungen in Straßennamen zwar manchmal noch erhalten, aber nicht mehr von praktischer Bedeutung, weil die Landschaft sich sehr stark verändert hat, die städtische Bebauung sich immer weiter in die Außenbezirke hinausgezogen hat, es also z.B. die frühere Randlage (Brink) gar nicht mehr gibt, allenfalls noch in alten Namen erhalten ist, in Dörfern kein Platz mehr für eine Wiese (Anger) freigelassen wurde, oder die tägliche Arbeit sich ganz anders darstellt, man keine Wäsche mehr auf die Bleiche legt, Stadtgräben sind trockengelegt worden und verschwunden (Beispiel Kamen: die noch in den 1960er Jahren vorhandenen Reste des alten Stadtgrabens außerhalb der Ostenmauer an der Ostenallee liegen heute unterirdisch), wo in der Stadt gibt es noch Weiden und Wiesen, den Hemsack gibt es noch, doch ist die Körne im Zuge des Sesekeumbaus in den 1920er Jahren verlegt worden, das Flußdreieck von früher gibt es so nicht mehr (und außerdem steht dort jetzt das Klärwerk). Und natürlich hat das Zusammenlegen früher selbständiger Städte (Elberfeld und Barmen zu Wuppertal, 1929) und Gemeinden (die Kommunalreform NRW Ende der 1960er Jahre: die ehemals selbständigen Gemeinden Derne, Heeren-Werve, Methler, Rottum und Südkamen sind heute Kamener Stadtteile) ebenfalls diese Wirkung. Kurz, wenn es heute noch Flurnamen in Straßennamen gibt, ist das in der Regel eine Reminiszenz an frühere Verhältnisse, die nur noch dem an der Ortsgeschichte Interessierten etwas bedeuten.

Und Platt sprechen heute nur noch wenige Menschen, die Bedeutung unserer Flurnamen ist uns nicht mehr geläufig. Daher wird hier der Versuch unternommen, die Bedeutung wenigstens einiger dieser Namen zu erklären.

Dank an Herrn Eckard Pischel für seine Angaben zu Katastern.

Glossar: Flur (die) – offenes, unbewaldetes Kulturland, in Parzellen eingeteilte landwirtschaftliche Nutzfläche

Gewann (das) – abgegrenztes Teilstück einer Flur

Allmende (die) – auch: die gemeine Mark, Gemeinheit; Areal, das allen Dorfbewohnern zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stand

Gemarkung (die) – Gebiet, gesamte Fläche einer Gemeinde; Gemeindeflur 

Feldmark (die) – Fläche aller zu einer Gemarkung (also einer Gemeinde oder einem Landgut) gehörenden unbebauten Grundstücke (Ackerland, Wiesen, Weiden, Waldungen usw.) 


Literatur:

1 Gunter Müller, Westfälischer Flurnamenatlas; Lieferung 1-5; Im Auftrag der Kommission für Mundart- und Namenforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. Alle fünf Bände sind im Stadtarchiv Kamen vorhanden; zur wissenschaftlichen Vertiefung geeignet.

2 Gehölz, Baumgruppe

3 Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen, 800 bis 1800, zweite überarbeitete und erweiterte Auflage, Duisburg 2014

4 Karl Kühnapfel, Sau hätt se kürt in Kamen und drümmrümm, Kamen 1997, 2. Aufl. zusammengestellt von Wilfrid Loos

5 Weitere Werke, die Grundlage dieses Artikels sind: Hugo Craemer, Alt-Kamen im Lichte seiner Orts- und Flurnamen. aus: Zechenzeitung, 1929, Jgg. 3-7 & 8;

Ferdinand Brandenburg, Die Kamener Flurnamen, Westfälischer Anzeiger, fünf Folgen zwischen Anf. Feb. und Anf. April 1944

KH

Pest und Corona in Kamen

von Klaus Holzer

Abb. 1. Kamens Fußgängerzone in Coronazeiten 

Seit fast einem Jahr leiden wir unter Corona, einer Pandemie, die 2018/19 in China ihren Anfang nahm, viel zu weit weg, als daß sie uns hätte berühren können, wie wir damals glaubten. Doch dann erwischte sie uns mit aller Macht und legte alles Leben, so wie wir es kannten, monatelang lahm. Die Pandemie zu bestehen, gar zu überwinden, hilft uns die Wissenschaft, die Naturwissenschaft vor allem. Ihr ist es gelungen, das Virus, seine Wirkung und seine Verbreitung, zu entschlüsseln, es weitgehend zu verstehen. Sie hat sogar inzwischen ein Gegenmittel, einen Impfstoff, entwickelt, der verspricht, die Seuche zu überwinden. 

Abb. 2 & 3: Im MA noch unbekannt: Die Verbreiter der Pest, die Ratte und der Floh

Damit sind wir in einer vergleichsweise glücklichen Position gegenüber unseren mittelalterlichen Vorfahren. Sie standen der Seuche ihrer Zeit, der Pest, hilflos gegenüber. Sie nannten sie „Pestilenz“ und den „Schwarzen Tod“. 

Abb. 4: Der schwarze Tod

Mangels naturwissenschaftlicher Kenntnisse nahmen sie an, Gott habe die Seuche geschickt, um den Menschen für sein sündiges Verhalten zu bestrafen. Daher lag denn auch die einzige Möglichkeit der Heilung in verschiedenen Arten von Buße, um Gott wieder versöhnlich zu stimmen: man ließ Messen lesen, sammelte Almosen, führte Prozessionen und mehrtägige Altargänge durch und hielt strenges Fasten ein. 

Abb. 5: Die Geißler

Schwärme von Geißlern zogen überall durch die Straßen und schlugen sich mit ihren Geißeln blutig, die härteste Buße. Die meisten dieser Maßnahmen führten jedoch zu einer weiteren Verbreitung der Pest, weil fast immer große Gruppen von Menschen zu dieser Art von Buße zusammenkamen. Und die hygienischen Verhältnisse im allgemeinen waren katastrophal.

Abb. 6: Juden als Sündenböcke

Eine weitere Art, diese Seuche zu bekämpfen, bestand darin, einen Sündenbock zu suchen. Nach einem Pestausbruch entstand sehr schnell das Gerücht, die Juden seien schuld. Sie hätten die Brunnen vergiftet, um alle Christen zu ermorden, Kinder rituell geschlachtet und deren Blut getrunken und, vor allem, sie seien für den Tod Jesu verantwortlich. Befeuert wurden die folgenden  Pogrome durch die Tatsache, daß die jüdischen Gemeinden von der Pest nur relativ wenig betroffen waren. Daß das an der wesentlich besseren Hygiene der Juden lag, ahnte man nicht.

Die erste große Pestwelle in Westeuropa begann 1347 in Genua, aus Asien eingeschleppt von genuesischen Händlern und Seeleuten, umgehend nach Marseille und Barcelona weitergetragen. Bis 1352 erreichte sie fast ganz Europa (Corona reist heute nicht per Segelschiff, sondern mit dem Flugzeug und ist entsprechend schneller. Obendrein haben wir heute eine digitale Informationsverbreitung, die uns das Weltgeschehen in Echtzeit miterleben läßt). Sie hatte eine verheerende Wirkung und rottete mancherorts bis zur Hälfte der Menschen aus, im Durchschnitt wohl etwa 40% der europäischen Bevölkerung. 

Abb. 7: Die Pest entvölkert ganze Landstriche

Immerhin kam man in Venedig schon 1374 zu der Einsicht, daß man die Erkrankten isolieren müsse, wenn auch sowieso niemand den Kontakt mit ihnen suchte (Venedig war auch die erste Stadt, die 1423 ein Pestkrankenhaus einrichtete). Es wurde eine Meldepflicht eingeführt, die Erkrankten isoliert. In der Regel dauerte diese Isolation 40 Tage1, auf italienisch „quaranta“, bald danach griffen die Franzosen diese Idee auf und nannten sie „quarantaine“, woher unser heute gebräuchliches Wort Quarantäne stammt. Die Toten wurden so schnell wie möglich in Massengräbern beerdigt. Die Situation war schlimm, doch wird der mittelalterliche Mensch auf den Schwarzen Tod mit mehr Gelassenheit reagiert haben, als wir uns das heute vorstellen können, gab es doch so viele Gründe für einen frühen Tod, von der hohen Kindersterblichkeit bis zu vielen Krankheiten, Mangelernährung, den häufigen Unfällen, oft schlechter, weil eintöniger Ernährung, meist Getreidebrei, mangelhafter medizinischer Versorgung, der soziale Stand und Krieg waren alltägliche Risiken. Die meisten Menschen erreichten nicht 50 Lebensjahre. Außer Aderlaß und Astrologie gab es kaum etwas, das den Ärzten zur Verfügung stand. Sie wußten es einfach nicht besser.

Abb. 8: Der Pestarzt schützte sich mit dieser speziellen Maske, die mit Essig getränkt und mit Kräutern gefüllt war

Die Pest breitete sich in fast ganz Europa aus, auch Kamen blieb nicht von ihr verschont. Wir wissen nicht, ob sie unsere Stadt noch im 14. Jh. erreichte. Lt. dem ersten Stadtchronisten Friedrich Buschmann dauerte es ungefähr 230 Jahre, bis sie Kamen heimsuchte, dann aber heftig. 

Bis zur Mitte des 15. Jh. war Kamen eine wohlhabende und mächtige Stadt, für damalige Verhältnisse bevölkerungsreich, etwa 1500 – 1600 Einwohner. Sie genoß Privilegien, die die Grafen von der Mark ihr eingeräumt hatten und pflegte gute Beziehungen zur Hanse, nach Lübeck vor allem, wo Kamener Kaufleute wichtige Händler waren und einige es sogar in den lübischen Senat schafften. Kamen war, nach Hamm, die zweitwichtigste Stadt in der Grafschaft. Wöllner und Weber schufen Reichtum, weil sie ihre Tuche über die Hanse auf dem Weltmarkt anboten, schon früh die Globalisierung des Handels nutzten und vorantrieben.

Die glänzenden Aussichten wurden jäh zunichte gemacht, als 1580 zum ersten Mal die Pest hier ausbrach. Es ist nicht bekannt, wie viele Leben sie forderte, es ist keine Chronik, kein Kirchenbuch auf uns gekommen, das Genaueres festgehalten hätte. Das älteste noch vorhandene Kamener Kirchenbuch beginnt 1620, aus dem wir freilich das Grauen der folgenden Jahre erfahren.

Abb. 9: Marodierende Soldaten im Dreißigjährigen Krieg

1624 begann der Dreißgjährige Krieg, unter dem Kamen entsetzlich leiden sollte. Es gab Durchmärsche, Einquartierungen, es waren Kontributionen zu entrichten, Plünderungen zu erleiden, kurz, Kamen verarmte. Und als wäre der Krieg nicht schon genug der Last gewesen, brach im Jahre des Kriegsbeginns die Pest aus und forderte 267 Tote. Und das bei einer Bevölkerung von etwa 1600 Personen! Innerhalb eines Jahres starb an der ersten Pestwelle also etwa ein Sechstel der hiesigen Bevölkerung! 1625 starben weitere 209, 1626 noch einmal 115 Einwohner. Das bedeutet, daß Kamens Bevölkerungszahl von ca. 1600 auf ca. 1000 zusammenschmolz, über ein Drittel aller Kamener starb in nur drei Jahren an der Pest!

Abb. 10: Beerdigung von Pestopfern

Und 1636 erfolgte ein weiterer Ausbruch, der weitere 213 Leben forderte. Buschmann berichtet 1841, daß am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) „die Einwohnerzahl der Stadt auf die Hälfte zusammengeschmolzen“ war. 1673 starben in Kamen und im Kirchspiel noch einmal 400 Menschen. Solchen Verlust kann keine Geburtenrate ausgleichen, die im 17. Jh. in Kamen im Durchschnitt 60 betrug (so der zweite Stadtchronist Friedrich Pröbsting). Noch 1722 hatte Kamen mit 1.413 Einwohnern nicht wieder die Zahl von vor 1624 erreicht. Erst 1816 sind es mit 1.941 Einwohnern deutlich mehr. Die Auswirkungen der Pest auf die Demographie, und damit die Wirtschaft, waren enorm.

Kein Wunder, daß Kamen seine starke wirtschaftliche Stellung in der Grafschaft Mark nicht länger behaupten konnte, nachdem es schon 1492 auf den dritten Platz hinter Unna abgerutscht war. Jetzt ging es weiter bergab, bis ins Mittelfeld, doch blieb die Stadt mit ihrer Bevölkerungszahl immer noch weit vor z.B. Bochum (!). Knapp gesagt: Kamen war verarmt. „So fand sich denn am Schlusse jenes grauenvollen 30jährigen Krieges die hiesige Stadt fast aller ihrer Besitzungen beraubt und mit Schulden belastet, und die gesamte Bürgerschaft war allmählig verarmt.“ (Buschmann) Die Stadt mußte den größten Teil ihres Grundbesitzes notverkaufen, „ganze Reihen von Häusern [waren] ohne Bewohner, die entlegenen Ackergründe [blieben] culturlos liegen, und große Flächen Ackerland in der Reck-Camenschen Gemeinheit bewaldeten“ (Buschmann). 

Abb. 11: Das Siechenhaus vor Dassow in Mecklenburg-Vorpommern

Immerhin, schließt Buschmann, gab es in der Gemeinde Overberge einen kleinen Kirchenkotten, Siechenhaus genannt, der, von der evangelischen Kirche unterhalten, für die Aufnahme von Kranken bereitstand und wohl aus der Pestzeit stammte. Man kümmerte sich trotz der immer bewußten Risiken um seine Pestkranken, wenn auch, weise, weit außerhalb der städtischen Bebauung.

Abb. 12: Aus der mittelalterlichen Seuchenerfahrung griff das Barock das clunianzensische memento mori wieder auf

Abb. 13: Ein besonders schönes Beispiel des memento mori: der freundlich lächelnde, ekstatisch tanzende, äußerst lebendige Tod

Und zu all diesem Unglück aus Pest und Krieg kamen damals immer noch verheerende Stadtbrände. Zwischen 1250 und 1712 brannte Kamen elf Mal. An Pfingsten 1452 blieben nur die Kirche, das Rathaus und 20 Häuser stehen, alles andere brannte nieder. Und Heilung und Rettung suchten die Menschen in der Buße. Allerdings gibt es auch heute noch religiöse Gemeinschaften, die der Medizin mißtrauen und Gebete für das einzige Gegenmittel halten. Und wenn sie nicht helfen sollten, nun, dann hat Gott anderes mit einem vorgehabt.

Ein Blick in Kamens Historie relativiert unser Leid vielleicht doch etwas.

1 Die Dauer von 40 Tagen bestimmt sich wohl aus der Bibel: Jesu Versuchung; die Sintflut; Noah; Auszug des Volkes Israel aus Ägypten; Moses auf dem Berg Sinai; die Fastenzeit; die Zeit zwischen Auferstehung und Himmelfahrt: immer handelt es sich um einen Zeitraum von 40 Tagen, der Gelegenheit zu Buße und Besinnung gibt, Wende und Neubeginn ermöglichen soll. 

KH

Abb. 1: Photo Klaus Holzer

Abb. 2: planet wissen (Wikipedia)

Abb. 3: planet wissen (Wikipedia)

Abb. 4: Arnold Böcklin, Die Pest, 1898, Kunstmuseum Basel (Wikipedia)

Abb. 5: Carl von Marr, Die Flagellanten, 1889, Museum of Wisconsin Art (Wikipedia)

Abb. 6: Chronik von Gilles Li Muisis, Darstellung der Geißlerzüge, um 1350, Bibliothèque royale de Belgique (Wikipedia)

Abb. 7: Chronik von Gilles Li Muisis, Scène de la peste de  1720 à la Tourette (Marseille) 1720 (Wikipedia)

Abb. 8: Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom, 1656 (Wikipedia)

Abb. 9: Sebastian Vranckx, Marodierende Soldaten, 1647 Deutsches Historisches Museum Berlin, (Wikipedia)

Abb. 10: Chronik von Gilles Li Muisis, Beerdigung der Pestopfer in Tournai, um 1350, Bibliothèque royale de Belgique

Abb. 11: Autor unbekannt, Siechenhaus von Dassow, Mecklenburg-Vorpommern, (Wikipedia)

Abb. 12: Autor unbekannt, Pesttafel mit dem Triumph des Todes, Deutsches Historisches Museum Berlin (Wikipedia)

Abb. 13: Hans Leinberger zugeschrieben, 1596, auf Schloß Ambras, Österreich (Wikipedia)

Oststraße, oder wie man damals reiste

von Klaus Holzer

Oststraße, oder wie man damals reiste

Die Oststraße gehört zu den großen Magistralen Kamens, zusammen mit der Nord– und der Weststraße und der südlichen Achse über „Am Geist“ (vorher Königstraße), den Markt und die heutige Bahnhofstraße. Dieses große erste „Kamener Kreuz“ führte durch die wichtigsten Kamener Stadttore hinaus in alle Himmelsrichtungen: nach Norden ging es in das Münsterland, nach Westen die Lippe abwärts auf den Rhein zu, nach Süden zu lag Kurköln und nach Osten, durch das Ostentor, führte der Weg zur Hauptstadt der Grafschaft Mark, Hamm, und, fast noch wichtiger, zumal für die Kamener Kaufleute, nach Nordosten. Dort lag Lübeck, die zentrale Hansestadt, in der diese Kamener eine gewichtige Rolle spielten, wie im gesamten Handel der Hanse. (vgl. Art. Die Hanse) Diese Straßen waren zur Groborientierung wichtig für alle Reisenden. Auf diesen Strecken fanden sich auch immer Landmarken, z.B. in Form von Kirchtürmen oder besonderen Bäumen, die halfen, die Route zu bestimmen. So gelangte man in Städte, die Schutz und Unterkunft für die Nacht boten.

Abb. 1: Blick in die Oststraße vom Kreisel Hammer Straße; die Pferdewechselstation befand sich kurz hinter dem haltenden Pferdewagen auf der rechten Seite

Abb. 2.: Die gleiche Perspektive heute

An solchen Straßen gab es daher immer auch Möglichkeiten zur Übernachtung und Pferdewechselstationen, in Kamen belegt seit 1343. Kamen wurde schon im 18. Jh. von einem mehr oder weniger regelmäßigen Postkutschendienst angefahren, daher entstand in der Oststraße eine Pferdewechselstation (in Abb. 1  gleich hinter der Kurve, auf der rechten Seite). Diese Station lag im schon länger bestehenden Gasthaus „Zur Post“, das von der der Familie Koepe betrieben wurde. Erst nachdem Kamen durch die Eisenbahn an das moderne Verkehrswegenetz angeschlossen war, wurde diese Pferdewechselstation überflüssig und der nächste Koepe, Alexander, siedelte dann endgültig zum Markt über. (Interessant: Der Nachfolger im „Weißen Röss’l” der Koepes war Willy Neff, der als Nachtclubkönig von Kamen ebenfalls ein sehr erfolgreicher Wirt war.)

Abb. 3: Blick in die Oststraße (links) vom „Kamener Kreuz“ her, etwa 1890er Jahre; rechts am Rand das Café Humberg

Abb. 4: Blick in die Oststraße vom „Kamener Kreuz“ her, etwa kurz nach 1900; das Haus rechts steht an der Stelle der abgerissenen Scheune (vgl. Abb. 3) 

Übernachtungsmöglichkeiten gab es in vielen Städten, so auch in Kamen, in Hospitälern (aus lat. hospēs = Gastfreund, Wirt), die zuerst jedoch Armen- und Krankenhäuser waren. Das Heilig-Geist-Hospital stand auf der Kreuzung Osten-, Norden- Weststraße und Am Geist, das erste und jahrhundertelang einzige Armen– und Siechenhaus der Stadt. Arm und krank, das gehörte offenbar nicht nur im Mittelalter zusammen. Nach 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, wurde es nicht mehr genutzt und verfiel vollständig. Erst 1717 wurden die Trümmerreste entfernt. Schon 1662 jedoch war das neue Hospital daneben erbaut und 1865 gründlich renoviert worden. Das stand dann bis in die 1930er Jahre, als es baufällig war und dem Möbelhaus Reimer Platz machen mußte.

Abb. 5.: Hl. Geist-Hospital in den 1930er Jahren

Dieses Hospital erhielt im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Schenkungen, so daß es seiner Funktion gerecht werden konnte, und wenn das Geld tatsächlich einmal knapp wurde, half wohl auch die Stadt gelegentlich aus. 

Mittelalterliche Städte waren in der Regel von einer Stadtmauer umgeben, deren Durchgänge durch Stadttore verschlossen werden konnten. Die großen Straßen führten durch sie hindurch und wurden von den Kaufleuten benutzt, die die Märkte beschickten und dazu von Stadt zu Stadt zogen. Selbst die Fernverbindungsstraßen waren in den Städten meistens bis zum Beginn des 18. Jh. nicht gepflastert und schon beim geringsten Regen schlammig und kaum passierbar. Immerhin wurde Kamens Mühlenstraße (heute Bahnhofstraße vom Markt bis zur Maibrücke, wo die Mühle stand) bereits 1797/98 als erste Straße in Kamen gepflastert, viel später folgte die Oststraße, erst 1890 wurden die Rott–, die Kamp–, die Weeren–, die Nord– und die Weststraße gepflastert. Auch das ist indirekt ein Beleg für die Bedeutung des Zugangs zum Hellweg, der alten Heer- und Handelsstraße, der via regis.

War es schon schwierig, durch die Städte zu kommen, war das Reisen außerhalb oft unmöglich.  Eine lübische hanseatische Gesandtschaft, von Münster aus weiterreisend, berichtet in ihrem Reisetagebuch 1606 folgendes: „… [wir] passirten auff Steinforde (Anm.: Drensteinfurt) zu Mittag und den Abend auff Hamme: war ein sehr boser und tieffer Wegk, das bei gantzen Meilen (Anm.: 1 Meile = ca. 7,5 km) bis zu den Axsen im Dreke giengen. Von Hamme sein wir den folgenden Tagk, war den 5. Dez. passiert auf Kamen, Unna, durch das Torff Wickeden, Asselen, Brake, und hatten denselben Tagk nicht geringe pericull (Anm.: Gefahr) wegen einer Compagnie Reuter, so alda abgedancket wart, und sich sehn lies, aber der liebe Gott half uns den Avent (Anm.: Ankunft) noch binnen Dortmunde durch den bosen unfletigen Wegk.“1 Trotz solcher Schwierigkeiten gelang es allerdings diesen Postfuhren, die Strecke von Cleve am Niederrhein nach Königsberg in Ostpreußen in 10 Tagen zurückzulegen!) Solch eine Reisegruppe hieß „Hanse“ und war aus Sicherheitsgründen „ein starke convoy und fünff Kutzschen sambt 15 Reisigen“ [Anm.: Bewaffneten].

Und diese Strapazen trafen die Reisenden nicht etwa in gemütlichen Reisewagen, sondern wurden durch deren Bauweise noch verschärft: hölzerne ungefederte Achsen, ohne Verdeck, ungepolsterte Sitze ohne Lehne; erst ab etwa 1700 wurden Verdecke mit seitlichen Vorhängen und Türen üblich, wurden die Sitze zu Bänken verbunden, erhielten eine Strohpolsterung und Rückenlehnen, Aufsteigetritte und Laternen.

Abb. 6: Koepescher Bierkeller an der Einmündung der Ostenmauer in die Oststraße

Dort wo das Ostentor gestanden haben muß, also auf der Oststraße zwischen Ostenmauer und Nordenmauer, wurde 1855 vom Wirt Joh. G.Koepe ein Bierkeller gebaut. Das war eben der Koepe, der am Markt Ecke Weerenstraße eine Gaststätte betrieb. Das Eckhaus gegenüber war damals seine Scheune, in der er Bier braute und Fusel (Schnaps) brannte.

So ein Keller war unbedingt nötig, war das Bier seinerzeit doch lange nicht so haltbar wie heute, und Kühlung war nur in solchen Kellern möglich. Im Winter schnitt man aus zugefrorenen Teichen dicke Blöcke Eis, die hier gelagert wurden und bis weit in den Sommer Kühlung lieferten.

Das Ostentor hat noch eine ganz besondere Anekdote in seiner Geschichte. 1807 hatte Napoleon ganz Deutschland erobert. Aus Berlin hatte er die Quadriga vom Brandenburger Tor als Zeichen seines Triumphes abnehmen und nach Paris bringen lassen. Als er aber 1814 endgültig geschlagen war, sollte sie wieder nach Berlin zurückkehren, natürlich ebenfalls im Triumphzug. Dazu wurden alle auf dem möglichst langen Weg nach Berlin liegenden Städte durch Reiter informiert, daß der Zug zu einem bestimmten Termin durch diese Stadt kommen werde. Und natürlich wollte jedermann das Schauspiel sehen. Die Kamener waren so vorsichtig, sich nach der Breite des Transportes zu erkundigen, weil man noch eine Stadtmauer mit Stadttoren hatte. Der erste Kamener Stadtarchivar, Ernst Braß, schreibt dazu im Heimatbuch Hamm (1922), „Aus der Geschichte der Stadt Kamen“ auf S. 197f: „Ein Festtag war es, als am 15. Mai 1814 der 1806 von Napoleon vom Brandenburger Tor in Berlin geraubte Siegeswagen durch unsere Stadt zurückgeführt wurde. Zu diesem Zwecke wurde ein Teil des Ostentores abgebrochen. Alt und Jung begleitete denselben unter Jubel und Freud durch die Stadt.“2 Andere Stadthistoriker bezweifeln diese Annahme. So schreibt Wilhelm Hellkötter etwa: „Ob es wahr ist, daß im Jahre 1806/07 das Ostentorgebäude abgebrochen werden mußte, als Napoleon die Viktoria von dem Brandenburger Tor in Berlin nach Frankreich wegführte, ist unwahrscheinlich; ich konnte hierüber im Stadtarchiv keine Unterlagen finden.“3 Hellkötter nimmt also an, daß, wenn das überhaupt geschehen sein sollte, dann schon durch Napoleon, als er die Quadriga nach Paris bringen ließ. Sicher scheint aber zu sein, daß es 1814 abgebrochen wurde.

Und gesichert ist auch (lt. Hellkötter), daß dieses Ostentor am 7.6.1722 schon einmal eine Rolle spielte: „Friedrich Wilhelm II wurde von einer Gruppe Berittener von der Ortsgrenze zu Overberge abgeholt und über die Oststraße (dann Königstraße) in die Stadt und auf den Markt geführt, wo alle Camener ihn mit Jubel empfingen.“ Und so erhielt das Kamener Hotel „König von Preußen” (Bergheim) seinen Namen.

Am stadtäußeren Ende der Oststraße, in unmittelbarer Nähe des Ostentores, in die „Nordenmauer“ hineinführend, lag auch der Rungenhof, über den keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen. Vermutlich war er einer der ersten, wenn nicht der erste Burgmannshof, ein gutes Stück außerhalb der frühen Stadt, im Verlaufe der dritten Entwicklungsphase (vgl.a. Art. Kirchhof) „eingemeindet“. Ursprünglich war er wohl zum Schutz des Ostentores gedacht, das aber nicht besonders geschützt zu werden brauchte, da die Straße nach Hamm (Derner Straße) sicher war: dort residierte der Graf von der Mark. Und weil der Rungenhof so früh verschwand, gibt es auch keine Erkenntnisse über ihn. Eine weitere Möglichkeit, warum es über den Rungenhof keine Erkenntnisse gibt: er lag ursprünglich ein Stück weit draußen, außerhalb der engeren Bebauung. Als die Stadtmauer gebaut wurde, erschien es unzweckmäßig, sie wegen des Rungenhofs so weit nach außen zu führen: zu lang, zu teuer, zusätzliche Sicherheit wg. der märkischen Residenzstadt Hamm war bereits vorhanden, daher wurde der Rungenhof nicht mehr benötigt und abgerissen. Das alles ist jedoch Spekulation. Selbst im reichlich bestückten Kamener Stadtarchiv gibt es keine Urkunde, die hierüber Auskunft geben könnte.

Abb. 7: Der Rungenhof, Bebauung mit Zechenhäusern

Um 1900 wurde das freie Gelände von der Zeche gekauft und mit Zechenwohnungen bebaut. Pröbsting berichtet 1901: „Die erste Häusergruppe wurde in der Nähe des Bahnhofs gebaut; dies sind zum Teil kleinere Häuser für je vier Familien. Sodann wurde der alte von der Recksche Burghof, Vogels Hof genannt, an der Nordstraße, bebaut, und dann an der Nordenmauer auf Rungenhof eine Reihe von Häusern – jedes zu 12 Familien – hergestellt.“4

1 Zitiert nach: Wilhelm Schäfer, „…war ein sehr boser tieffer Wegk“. Aus der Geschichte des Post- und Verkehrswesens unserer Heimat, aus: Heimat am Hellweg, 1955, S. 61

2 Ernst Braß,, „Aus der Geschichte der Stadt Kamen“, Heimatbuch Hamm, 1922, S. 197f

3 Wilhelm Hellkötter, Westfälischer Anzeiger, 26.11.1943

4 Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen,      Hamm 1901, S. 50

Eine wunderbare Beschreibung, wie man am Anfang des 19.Jh. in Deutschland reiste, gibt der schwedische Autor Per Daniel Amadeus Atterbom in seinem Reisebericht „Auf dem Postwagen durch Pommern und Brandenburg“ (1817):

„Willst Du Dir einen klaren Begriff vom Postfahren machen, dann betrachte das folgende Bild: Man wird in einen ungeheuren, mehrsitzigen Wagenrumpf gepackt, der bedeckt, aber sonst in jeder Hinsicht unbequem ist, zusammen mit einer Menge Personen von allen möglichen Sinnesstimmungen, Ständen, Vermögen, Jahren und beiderlei Geschlechts; Menschen, die man hier zum ersten Mal in seinem Leben sieht und zum größeren Teile sicherlich nie wieder zu sehen bekommt. In dieser Weise wird man ganz piano von vier phlegmatischen Pferden fortgezogen, von denen das eine die Ehre hat, auf seinem Rücken einen livreegeschmückten Lümmel zu tragen, der den Titel Schwager führt und unaufhörlich mit einer himmelstürmenden Fuhrmannspeitsche in der Luft herumknallt, ohne daß die Reise auch nur im geringsten schneller ginge. Die wege sind freilich nicht zum Schnellfahren eingerichtet, am wenigsten in der Mark Brandenburg und je näher nach Berlin zu. Die Pferde waten Schritt für Schritt durch schwellenden Sand, während die Munterkeit der Fahrenden , ehe sie sich dessen versehen, durch einen tüchtigen Rippenstoß aufgefrischt wird, indem der Wegen über einen mitten auf der Landstraße liegenden Steinhaufen oder über einen grundfesten Feldstein fährt, den aus dem Wege zu räumen niemand sich die Mühe gemacht hat. 

Wenn man in dieser Weise längere Zeit durch den Sand geschaukelt ist, erreicht man eine Stadt, und dann beginnt das größte Leiden; der Postillion will da nämlich teils Zeit einbringen, teils sich vor Mädchen und Bekannten als glänzender Hippodromist zeigen; deshalb jagt er unbarmherzig toll durch die langen schlecht gepflasterten Straßen, so daß den armen Passagieren auf ihren Holzbänken zumute wird, als ob ihnen Leber und Lunge aus dem Leib springen möchten, und nicht selten Männer, Weiber und Kinderbunt durcheinander von ihren Sitzen herunterwirbeln und auf den Wagenboden fallen. Darum kümmert sich Bruder Schwager aber nicht, denn er macht Reiterkünste auf seinem Pferde, woselbst er natürlich keine Stöße bekommt, knallt lustig mit der Peitsche und bläst auf seinem Posthorn einen Marsch nach dem andern. Die sogenannten Chausseen sind nicht viel bequemer als die Stadtstraßen, nur ein wenig besser gepflastert.

[…]

Die Bezahlung, welche man an jeder Station schon von dem Posthause an, woselbst man sich zuerst als Exportartikel einschreiben ließ, im voraus für seine Person  und für den Koffer oder Mantelsack erlegt […], und die Trinkgelder, die man nach Erreichung der Station dem sogenannten Schwager schenkt, sind in deutscher Münze höchst unbedeutend, ja selbst im Verhältnis zu unserer schlechten schwedischen sehr mäßig. Trotzdem läßt sich nicht in Abrede stellen, daß unsere Vorspanneinrichtung dem Reisenden für einen noch geringeren Preis , besonders wenn er selber einen Wagen hat, alle die Vorteile gewährt, welche die hierzulande ungemein teure Extrapost bietet, die auch bewirkt, daß man im Gasthaus den Geldbeutel viel weiter öffnen muß, ohne deswegen gerade im entsprechenden Maße die Genüsse der vornehmeren Apparition zu erhalten.

[…] Du errätst wohl schon, daß ich damit auf das eigensinnige Unwesen und die Mannigfaltigkeit des Geldwesens abziele, welches in Deutschland herrscht. Nicht bloß, daß das Münzwesen im allgemeinen in der verschiedenen Staaten auf abweichenden Grundsätzen und Voraussetzungen beruht, nicht nur, daß die inneren Wechselverhältnisse den besonderen Münzsorten die Aufmerksamkeit erschweren – zum Beispiel die süddeutschen Gulden und Kreuzer gegenüber den Talern und Groschen Norddeutschlands –, es nimmt auch jede Münzsorte für sich selber unaufhörlich, unter Beibehaltung desselben Namens, einen veränderten Wert an, ja, sie kommt sogar in einem und demselben Reiche unter ungleichen Prägungen und Inschriften vor, obwohl diese eine und dieselbe Bedeutung haben sollen. 

[…] Diese Unterscheidung (zwischen guten und schmutzfarbigen unechten Münzen) und ist sehr wichtig, da 24 gute Groschen einen Taler ausmachen, zu dem sonst 42 Groschen-Münzen gehören. […] Aber in jedem Falle hängt es doch von ihrem (Wirtsleute und Verkäufer) guten Willen ab, aus der Unkenntnis eines Ausländers im Verkehr mit ihren Dreiern, Sechspfennigen und Gott weiß was sonst noch für Unterabteilungen dieses Plunders Vorteil zu ziehen oder nicht zu ziehen.[…] 

[…] Es verhält sich mit den Geldwerten Deutschlands, wohin man kommt, wie mit der neulich vorgenommenen Ausmessung der pommerschen Landstraßen, welche dahin ausfiel, daß die Wegstrecke, welche früher vier (schwedische) Meilen lang war, nun fünf Meilen lang wird usw. Im übrigen freuen sich Auge und Finger darüber, daß man niemals im Handel und Wandel nötig hat, sich mit zerfetzten, schmutzigen Papierlappen wie bei uns zu quälen; man trägt eitel Gold und Silber  bei sich in feinen grünen Netzen und erquickt sich magisch bei jedem Anblick des Metallschimmers.“

aus: Rainer Wieland, Hrsg., Das Buch der Deutschlandreisen – Von den alten Römern zu den Weltenbummlern unserer Zeit, Berlin 2017, S. 198ff,

Abb.: Nr. 1 & 3-7: Archiv Klaus Holzer; Nr. 2: Photo Klaus Holzer

KH

Die Sedansäule von 1872 auf dem Marktplatz in Kamen

von Klaus Holzer

Am 2. Sept. dieses Jahres vor 150 Jahren ging eine Schlacht mit dem Siege Deutschlands zu Ende, die auch für Camen (mit C noch bis 1903) erhebliche Veränderungen brachte. Der deutsche Sieg in der Schlacht bei Sedan im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 war ein wichtiger Schritt hin zur Gründung des Deutschen Reiches, das als letzte große Nation Europas mit der Krönung des Königs in Preußen, Wilhelm I, zum Deutschen Kaiser am 18. Jan. 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles Wirklichkeit wurde. Der Krieg war zwar noch nicht zu Ende, immerhin aber gab es nach der Kapitulation von Paris am 28. Jan. 1871 einen Waffenstillstand, aber erst am 10. Mai d.J. den Friedensvertrag von Frankfurt. Aus dieser Abfolge der Ereignisse wird schon deutlich, daß das deutsch-französische Verhältnis auf viele Jahre hinaus belastet sein würde, die „Erbfeindschaft“ weiter bestehen würde. Und da ist noch nicht die Rede von der Wiedereingliederung Elsaß-Lothringens ins Deutsche Reich (1681 hatte Louis XIV die Freie Reichsstadt Straßburg mit Elsaß und Lothringen im Zuge seiner Reuninonspolitik Frankreich eingegliedert) und fünf Milliarden Goldfrancs als Reparationsleistung an Deutschland. Immerhin ging es unter den Königen und Kaisern einigermaßen ritterlich zu. König Wilhelm war selber auf dem Kriegsschauplatz anwesend, mußte wie alle anderen auch schon einmal auf dem Fußboden schlafen, und zu essen gab es auch nicht immer Gutes und genug. Dem unterlegenen französischen Kaiser wurde ein Salonwagen einer preußischen Eisenbahngesellschaft zur Verfügung gestellt. Er durfte auf einem Schloß in Kassel wohnen. Wilhelm berichtete aus „Vendresse, südl. Sedan, 3.Sept. 1870, an Königin Augusta in Berlin“ über seine Sicht auf den Sieg bei Sedan. U.a. zitiert er in seiner Depesche über die Kapitulation des französischen Kaisers dessen Worte: „N’ayant pas pu mourir à la tête de mes troupes je dépose mon épée à Votre Majesté.“ (Da es mir nicht gelungen ist, an der Spitze meiner Truppen zu sterben, überreiche ich hiermit Eurer Majestät meinen Degen.) Und die Jugend Berlins bekränzte preußische Denkmäler. 

Abb. 1: Napoleon übergibt König Wilhelm seinen Degen

Die Meldung von diesem Sieg erreichte Camen umgehend. Pfarrer Friedrich Pröbsting, der Autor einer umfänglichen Geschichte Camens, schrieb in seinen Erinnerungen (1902/03): „ Als die Nachricht vom Sieg bei Sedan und von Napoleons Gefangennahme zu uns kam, ließ ich einen Tambour kommen, stellte mich an die Spitze unserer Schuljugend, und unter dem Siegesgeläute aller Glocken zogen wir singend durch die Straßen der Stadt. Alsbald strömten die Menschen scharenweise zusammen, und eine wunderbare, freudige Bewegung ging durch das ganze Volk, groß und klein. Einer beglückwünschte den andern und dankte Gott. Am Mittag versammelte der Bürgermeister von Basse die Bürger auf dem Markt, ließ die herbeigeholte Musikkapelle patriotische Weisen spielen und las die Siegesdepeschen vor. Dann hielt ich der versammelten Menge eine feurige Rede und weissagte, daß nun auch die verlorenen deutschen Brüder im Elsaß und in Lothringen sich wieder mit uns vereinigen müßten. Hochbegeistert brachten wir dem tapferen Heere, unsern Brüdern im Felde und dem König Wilhelm unsere Huldigung dar.“


Abb. 2: Familie von Basse: Julius von Basse (vorn rechts) war von 1847 bis 1877 Bürgermeister von Camen ; Hugo von Basse steht hinten in der Mitte (s. Anm.)

Der hier erwähnte Bügermeister (Julius) von Basse war zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre lang im Amt. Als überzeugter Patriot betrieb er von Stund an die Errichtung eines Denkmals, das auf Camens Markt stehen und Ort vieler zukünftiger patriotischer Feiern sein sollte. Sofort fing man an, bei allen Gelegenheiten Geld für diesen Zweck zu sammeln, und schon im folgenden Jahr war die notwendige Summe beisammen. Am 2. Sept. 1872 fand die feierliche Einweihung statt.

Abb. 3: Die Sedansäule im Jahre 1878

Abb. 4:  Eine Sedanfeier wohl in den 1880er Jahren

Der Gesamteindruck der Einweihungsfeier wird Im „Hellweger Anzeiger und Bote, verbunden mit dem amtl. Kreisblatt für den Kreis Hamm“ (HA) in einem Artikel vom 5. Sept. 1871 mit den folgenden Worten wiedergegeben: „Der Gesammteindruck war ein ungemein wohlthuender und befriedigender. Es war ein rechtes Volksfest. Keine Klasse, kein Stand des Volkes blieb unbetheiligt; vom kleinsten Kinde bis zum alten Krieger, […] wurden lebhaft ergriffen von dem Ernst und der Freude des Tages.“ Die „hohen Ideen der Vaterlandsliebe, der Treue, der Freiheit, der Ehre […] fanden hier ihre Befriedigung“. 

Abb. 5: Die Säule um 1910: die Kirche Hl. Familie steht seit 1902 neben dem Schiefen Turm

Nach morgendlichem Kirchgang, Glockenläuten und dem Lied „Nun danket alle Gott“ strömte ganz Camen (lt. einer Zählung von 1871 hatte Camen damals 3723 Einwohner) zum Marktplatz, wo das vom Paderborner Bildhauer J. Hellweg erschaffene Denkmal seiner Enthüllung wartete, theatermäßig inszeniert. Zuerst erinnerte Pfarrer Bertelsmann an die Entstehungsgeschichte des Denkmals und und zählte alle diejenigen auf, die zu seiner Aufstellung wesentlich beigetragen hatten. „Dann gab er das Zeichen zum Fallen der Hülle, die Schützen präsentirten das Gewehr und mit tausend stimmigem Hoch auf Kaiser und Reich wurde das Denkmal begrüßt. Das enthüllte Denkmal übergab er nun der Stadt zum Eigenthum und forderte Alt und Jung auf, es zu schonen und zu hüten […].“ 

Abb. 6. Eine Sedanfeier vor 1900

Es besaß einen „kräftigen Sockel“, eine „schlanke Säule“, ein „kunstreiches Kapitäl“ und einen „starken wehrhaften Adler“, (HA 5.9.1872) der selbstredend seinen scharfen Schnabel gen Westen richtete, wo der „Erzfeind“ wohnte. Die Inschriften lauteten: „Fest steht und treu die Wacht am Rhein.“ Und: „Mit Gott für König und Vaterland.“ (zit. nach Göhrke, S.158) Aber es gab zwei weitere Platten, die „zerschlagen und als Trümmer abtransportiert“ (HA, 8.11.1956) wurden. Die auf der Nordseite des Sockels trug die Inschrift: „Die Stadt Camen und die Gemeinden Bergcamen, Derne, Lerche, Overberge, Rottum, Südcamen ihren im Kriege gegen Frankreich 1870–1871 gefallenen Söhnen in dankbarer Erinnerung gewidmet.“ Die auf der Südseite: „Es starben den Heldentod für Kaiser und Reich“, dann folgten die Namen von 12 Gefallenen aus Kamen, fünf aus Overberge und einem aus Bergkamen (HA, 8.11.1956).  

Anschließend feierten alle zusammen „auf dem Festplatze der schönen Wiese des Herrn Reinhardt mit Spielen und Wettkämpfen“ für Erwachsene und Kinder. Den Abschluß des Tages bildete ein Fackelzug.

Abb. 7: Die Gaststätte von Wilh. Reinhardt, als Schützenhof bekannt

Diese Camener Sedanfeier war ein so großer Erfolg, daß Unna voller Neid fragte: „Wann wird endlich unsere Stadt zur Errichtung eines so oft ausführlich berathenen ja beschlossenen Denkmals kommen?“ (HA 3.9.1872)

Ganz ohne einen Mißton ging es bei aller Freude dennoch nicht zu. Im HA vom 11. Sept. 1872 wird zum Beleg für breiteste Beteiligung aller Camener aufgezählt, welche Religionsgruppen sich am Fest beteiligten: Die lutherische Gemeinde (es wird extra erwähnt, daß die Lutherkirche „mit ihren Glocken, deren eine aus in dem letzten Kriege und von Sr. Majestät der Gemeinde zum Geschenk gemachten Kanonen gegossen, eingeläutet worden ist“) mit ihrem Pfarrer und ihrem Lehrer, der katholische Lehrer, der jüdische Lehrer, die Lehrerin an der höheren Privattöchterschule und die 2 Lehrerinnen an der größeren ev. Schule. In der kath. Kirche aber sei „kein Dankgottesdienst abgehalten“ worden und die kath. Lehrerin habe sich sich nicht nur vom Feste ferngehalten, sondern sogar in demonstrativer Weise unterrichtet, was allerdings in der folgenden Ausgabe (HA 14.9.1872) in einem Leserbrief heftig bestritten wurde. Wer wollte schon seine patriotische Gesinnung in Frage stellen lassen?

Abb. 8: Die Sedansäule – Kristallisationspunkt auf dem Marktplatz

„Sedan“ war so gelungen, daß es von nun an jedes Jahr ein solches Fest geben sollte, da waren sich die Camener einig. Klaus Goehrke (S. 158) schreibt dazu: „Nach dem Sieg über Frankreich und der Ausrufung des Kaiserreichs wurden Stadt und Land von einem patriotischen Rausch erfaßt.“ An der Choreographie brauchte nicht viel geändert zu werden: ohne die Pfarrer und Gottesdienste in ihren Kirchen, ohne Turner und Schützen, Kriegervereine, die vielen anderen Vereine und vor allem ohne die Schulen war ein solches Fest nicht vorstellbar. Ein gewöhnlich dreifaches Hoch auf Kaiser und Vaterland, Ehre und Treue, dazu Musik, Fahnen, Fackelzug, Tanz bei Reinhardt – wenngleich uns Heutigen der Grundtenor solcher Veranstaltungen nicht mehr gefällt, läßt sich doch nicht leugnen, daß sie ein großes Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen imstande waren. Der HA vom 10. Sept. 1873 faßt es so zusammen: „Solch’ ein Fest müssen wir jedes Jahr haben, so hörte Schreiber dieses Manchen sprechen, und er stimmt selbst in diesen Wunsch ein.“

Um zu zeigen, welch groteske Formen übersteigerter Nationalismus zu jener Zeit annehmen konnte, sei hier ein Beispiel aus Unna zitiert. Unter dem Datum 7.9.1870 in der Ausgabe des HA vom 10.9.1870 wird von einem Hauptmann von Esebach, 94. Inf.–Rgmt., aus Unna berichtet, gefallen in der Schlacht bei Wörth, der seiner Gattin, einer geborenen v. Pappenheim, einen Brief zustellen läßt, in dem er schreibt: „Wenn das Kind welches sie erwarte ein Knabe sein sollte, so solle sie diesen nichts anderes werden lassen als Soldat, ‘denn es sei schön, fürs Vaterland zu sterben’“.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg freilich erhielt diese patriotische Gesinnung einen erheblichen Dämpfer, selbst eine notwendige, von den Kriegervereinen wiederholt angemahnte Reparatur des Adlers unterblieb, das Denkmal wurde gar versetzt, „um den Marktplatz aufzuwerten“ (Goehrke, S. 158). 

Abb. 9: Die Säule nach ihrer Umsetzung Anfang der 1930er Jahre

Was Wunder, wenn auch den Kamenern aller Sinn für Parolen vergangen war (doch schon 1933 änderte sich das wieder. Parolen schrie man wieder, wenngleich anders gefärbte. Aber das ist ein anderes Kapitel):  der Steckrübenwinter 1916/17, die Kapitulation des gerade erst gefeierten, noch jungen Reiches 1918, der Kaiser im Exil in Holland – hier halfen keine Sedanfeiern und Hochrufe mehr. Das Denkmal blieb noch bis 1956 stehen, wenn auch wohl nicht mehr alle Kamener wußten, wofür es stand.

Dann kam der Zweite Weltkrieg, erneut die Kapitulation, nicht mehr hat sich ein Kaiser ins Exil geflüchtet, dafür der Weltverderber selber umgebracht. So unterschiedlich die Figuren, so gleich das Verhalten in der Niederlage: der Verantwortung entziehen sich beide.

In diesem Krieg wird das Sedandenkmal beschädigt und die Diskussion über seinen Wert setzt erneut ein. Inzwischen hat sich der Wind gedreht, die Bilderstürmer bilden plötzlich die Mehrheit. Die Stadtverwaltung holt bereits im Mai 1951 die ersten Angebote von Bauunternehmen für einen Abriß des Sedandenkmals ein, stellt aber gleichzeitig klar, daß es nicht um eine Zerstörung gehe, sondern es im Stadtpark wieder aufgestellt werden solle (Westfalenpost, 17.11.1956). Allerdings scheute der Bauausschuß die Kosten, so daß das Vorhaben erst einmal zurückgestellt wurde. Außerdem riß die Diskussion über den Sinn des Abrisses nicht ab, „zumal in der Kamener Innenstadt kein anderes Mal an die Opfer der Kriege erinnert und es in Kamen eine schöne Sitte der Vereine geworden war, hier inmitten der Stadt der Toten zu gedenken“ (HA, 8.11.1956). Unabhängig von der öffentlichen Diskussion hatte jedoch der Hauptausschuß des Rates der Stadt Kamen am 19. Jan. 1956 mit der großen Mehrheit von SPD und CDU diesen Abriß beschlossen, aber nur unter der Voraussetzung, den „Tafeln mit den Namen der Toten einen würdigen Platz zu geben“ (HA, 8.11.1956). Drei Gründe wurden für die Entfernung vorgebracht: das Denkmal sei nur noch ein Torso; es bilde keine Zierde für den Marktplatz; es stelle ein Verkehrshindernis dar (!). Vor allem das letzte Argument stellte bereits die Weichen für „Kamen – die schnelle Stadt“, die anderthalb Jahrzehnte später mit der Flächensanierung der Nordstadt begann und der „autogerechten Stadt“ den Weg ebnete.

Das Protokoll der Sitzung des Kulturausschusses des Rates der Stadt Kamen vom 8. Okt. 1954 geht präzise auf die Vorstellungen ein, die mit einer Neukonzeption des Gedenkens an die Toten der Kriege verbunden sein soll: auf der Fläche südlich des Schiefen Turms oder in der Mulde zwischen den beiden großen Kirchen solle ein Ehrenmal entsprechend den örtlichen Gegebenheiten gestaltet werden, das „den Angehörigen aller Verbände Gelegenheit zu Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen geben und gleichzeitig das Andenken der Toten wahren“ solle. Eine noch zu bestimmende Inschrift solle dem Gedenken „aller gefallenen Soldaten, aller Bomentoten (sic!) und zivilen Kriegsopfer, aller durch Flucht und Vertreibung Umgekommenen, aller durch Opfer des nationalsozialistischen Terrors und aller Opfer des sowjetischen Terrors dienen“.

Abb. 10: Arbeiter beim Abbruch der Säule am 7. Nov. 1956

Entsprechend dem Beschluß vom 19.1.1956 rückte am Morgen des 7. Nov. 1956 eine Dortmunder Abbruchfirma auf dem Marktplatz an und begann, das Denkmal, das, stadtbildprägend, 84 Jahre lang dort gestanden hatte abzureißen, abends „gegen 17.30 Uhr verließ die letzte Fuhre mit den Steinresten des Kriegerdenkmals von 1870/71 den Kamener Marktplatz“ (HA, 8.11.1956).

Abb. 11: Arbeiter beim Abbruch der Säule am 7. Nov. 1956

Seitdem ist der Marktplatz mehrfach umgestaltet worden, doch einen zentralen Ort hat es darauf nie wieder gegeben. Der Platz ist in der Mitte leer geworden, wahrscheinlich weiß kaum noch jemand, daß es dieses Denkmal einmal gab oder gar, wofür es stand. Der Krieg von 1870/71 ist vergessen, trotz seiner für die deutsche Geschichte großen Bedeutung, gab es doch vorher kein Deutschland, nur ein Gebiet mit einer einheitlichen Sprache, wenn auch in viele Dialekte zergliedert, das aus mehreren Dutzend voneinander unabhängiger Königreiche, Herzogtümer, Freier Reichsstädte usw. bestand.

In vielen Diskussionen zur deutschen Geschichte wird, zu Recht, die Bedeutung von Zeitzeugen betont, gleichzeitig bedauert, daß diese aussterben. Es gibt nur noch wenige Überlebende des Holocausts, die aus eigener Erfahrung über das Grauen in den Konzentrationslagern berichten können. Wenn wir nun auch noch fortfahren, die „steinernen Zeitzeugen“, mögen sie für Ereignisse oder Personen stehen, zu beseitigen, stellen wir auch alles, wofür sie stehen, dem Vergessen anheim und werden geschichtslos. Und einer Stadt, die arm ist an stadtbildprägenden Monumenten, stünde so etwas heute gut zu Gesicht. Der Verlust dieses und der vielen anderen Monumente, die seit Kriegsende in Kamen beseitigt wurden, schmerzt. Aus Geschichte lernt man nur, indem man sich ihrer erinnert, im Guten wie im Schlechten.

Vielleicht ist das die Lehre, die wir aus der Geschichte der Sedansäule von 1870/71 ziehen können, besonders im Hinblick auf die gegenwärtige öffentliche Diskussion?

Anm.: Beim Tode Julius von Basses 1877 schrieb Pröbsting in seiner Camener Stadtgeschichte (1901): „Er hat sich die Dankbarkeit und Liebe seiner Bürger in hohem Maße erworben, denn er führte sein Amt sorgfältig und gerecht; war ein Freund und Berater der Hilfsbedürftigen und Armen, ein vorsichtiger und sparsamer Verwalter der städtischen Finanzen und in jeder Hinsicht ein Ehrenmann. Dabei war er durch und durch ein königstreuer Mann und ein Patriot.“ 

Abb. 12: Adolf von Basse mit seiner Frau

Nach seinem Tod folgte ihm sein Sohn Adolf von Basse (Abb. 2., hinten links) im Amt und versah dieses bis 1913. Vater und Sohn waren zusammen 66 Jahre Bürgermeister von Camen! Adolf von Basse liegt auf dem alten Kamener Friedhof begraben.

Zu Hugo von Basse (vgl. Abb. 2) steht im HA vom 17. Sept. 1870 unter dem Datum 16. Sept. 1870 die Meldung: „Lieutenant v. Basse aus Camen, vom II. Bataillon, 18. Inf.–Reg., todt, gefallen bei Metz.“

Abbildungen:

Abb. 1: Wikipedia

Abb.  2, 7, 9 & 12: Archiv Klaus Holzer

Abb. 3, 4, 5 & 6: Stadtarchiv Kamen

Abb. 8: Fr. Pietsch, Methler

Abb. 10: HA 8.11.1956, (Schlüter), bearb. von Stefan Milk

Abb. 11: WP 8.11.1956 (Archiv Stadt Kamen)

Literatur:

1. Fritz Pröbsting, Erinnerungen aus meinem Leben, Würzburg, o.J.

2. Fr. Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden, Hamm 1901

3. Hellweger Anzeiger und Bote, verbunden mit dem amtl. Kreisblatt für den Kreis Hamm (HA), Ausgaben von Sept. 1870, Sept. 1871, Sept. 1872, Sept. 1873

4. Klaus Goehrke, Burgmannen, Bürger, Bergleute, Kamen 2010

5. Westfalenpost, 17.11.1956

6. Kulturausschuß des Rates der Stadt Kamen, Protokoll vom 8.10.1954

7. Hauptausschuß des Rates der Stadt Kamen, Protokoll vom 19.1.1956

KH

Das Geheimnis der Turmspitze ist enthüllt

von Klaus Holzer

Abb. 2: Blick von der Turmspitze über Kamen (Panorama)

Daß Kamen die Pauluskirche hat, weiß jeder Kamenser. Daß Kamen von 1873 bis 1983 eine Zeche namens Monopol hatte, weiß auch (noch fast) jeder Kamenser. Daß diese beiden Kamener Wahrzeichen auch miteinander zu tun hatten, wissen vielleicht nicht so viele.

Am 14. Mai 1922 zogen die Bergleute von Monopol die neuen Glocken in den Turm hinauf. Entgegen allen Gepflogenheiten wurde die mittlere Glocke ihnen zum Dank und zu Ehren „Glückauf-Glocke“ getauft. Daß es heute ein weithin sichtbares, wenngleich unbekanntes Zeichen der Verbundenheit gibt, weiß vermutlich niemand außer denen, die es veranlaßt haben. Immer sehen wir die neue Messingkugel (besonders schön bei Nacht, wenn sie im Dunkel zu schweben scheint) mit der auf ihr stehenden Wetterfahne. 

Aber wer nimmt schon wahr, daß die Wetterfahne, wie es für evangelische Kirchen nicht untypisch ist, auf einem Kreuz befestigt ist? Und die Inschrift auf diesem Kreuz ist natürlich nicht zu erkennen: „Zeche 1949 Monopol“. Und von unten auch nicht, wie angefressen die Wetterfahne ist, die, wie auch die Turmkugel, aus vergoldetem Kupfer besteht.

Abb. 3: Die ganze Turmspitze

Das erkennt man erst, wenn das Auge einer Drohne sich der Kirchturmspitze nähert, ihr so nahe kommt, wie es kein Mensch kann. Dann erkennt man die Einzelheiten und erhält einen atemberaubenden Blick über die Stadt. Und wie der Turm von oben aussieht – wer hat das schon einmal gesehen?

Abb. 4: Der Turm von oben

Wo kommt die Inschrift her, was hat sie zu bedeuten? Der Pauluskirchturm wurde durch zwei Bomben am 24. Februar 1945 stark beschädigt, sämtliche Fenster im Chor wie im Langhaus wurden zerstört. Es dauerte bis 1953, bis die Kirche vollständig wiederhergestellt war. Der Kamener Kirchenhistoriker Wilhelm Wieschhoff schreibt im November 1982 in seiner kleinen Ergänzung zur Geschichte der Pauluskirche: „Das Turmkreuz ist eine Spende der ehemaligen Zeche Monopol aus dem Jahre 1948.“ Offenbar geht die Schenkung auf das Jahr 1948 zurück, wurde aber erst 1949 umgesetzt. In der Sache hat Wieschhoff sicher recht. Die Verbundenheit zwischen den Bergleuten von Monopol und der Pauluskirche war anscheinend so groß, daß sie selbst nach einem Vierteljahrhundert noch eine Bindung zur Kirche verspürten und das Kreuz selbst schmiedeten und der Kirche schenkten. Damit sie nach der kriegsbedingten Beschädigung im alten Glanz wiedererblühen möge, das älteste Gebäude Kamens und das Wahrzeichen der alten Stadt.

Hier sei noch etwas nachgetragen (vgl. Artikel „Pauluskirche“ unter www.kulturkreiskamen.de): 

Im Jahre 1995 wurde der Turm grundsaniert und seine Höhe neu vermessen. Ergebnis: Vom Erdboden bis zur höchsten Spitze der Wetterfahne beträgt die Turmhöhe etwa 60m, 50 cm mehr als vor der Sanierung 1995.

KH

Alle Photos Archiv KamenWeb