Die Katholische Pfarrkirche „Heilige Familie“ in Kamen

von Klaus Holzer

Abb. 1: Die beiden die Stadtsilhouette prägenden Kirchen im besonderen Gewitterlicht

Meistens ist von der Pauluskirche die Rede, wenn das Thema Kirche in Kamen erwähnt wird. Ihr Turm ist uralt und hat eine charakteristische Gestalt, er wird symbolhaft für die ganze Stadt verwendet. Und manchmal wird vergessen, daß sie früher einmal, vor Luther, „katholisch“ war und daß es heute in Kamen eine bemerkenswerte katholische Kirche Hl. Familie gibt, die zwar erst 120 Jahre alt ist, doch als besonders gelungenes Beispiel einer neugotischen Kirche gilt, so gelungen, daß sie, trotz ihrer „Jugend“, ein denkmalgeschütztes Gebäude ist.

Die Kirche Hl. Familie ist die fünfte katholische Kirche in Kamen, ohne die Geschichte ihrer Vorläufer ist sie nicht zu erzählen.

Abb. 2: Hl. Severin

Die erste Kirche war eine kleine Holzkirche aus der Zeit Karls d.Gr., deren Holz nach 300 Jahren verrottet war. Sie wurde ersetzt durch die im frühen 12. Jh. erbaute Severinskirche (heute Pauluskirche), die nach der Reformation evangelisch wurde, anschließend gab es zwei Klosterkapellen der Beginen. Die erste kleine Klosterkirche der Beginen aus dem 15. Jh. war 1831 so baufällig geworden, daß sie ab 1832 nicht mehr benutzt werden konnte und 1840 abgerissen werden mußte. Zu der Zeit gab es im Kirchspiel Kamen – dazu gehörten die Stadt Camen sowie die Gemeinden Heeren, Ostheeren, Werve, Alten-, Lütgen- und Nordbögge, Lerche mit Reck, Rottum, Derne, Overberge, Bergcamen, Wedinghofen mit Töddinghausen, Metheler, Altenmetheler, Westick, Wassercourl und Südcamen (!) und alle Menschen gingen zu Fuß zum Gottesdienst (!) – nur noch 457 Katholiken (nach der Reformation!), deren Zahl jedoch in den folgenden Jahrzehnten stark anwuchs. 

Es wurde also dringend ein neues Gotteshaus benötigt. Bis es jedoch so weit war, wurde in einem Raum der benachbarten Schule Gottesdienst abgehalten. Dieser Raum war viel zu klein, im Sommer zu heiß, im Winter zugig und kalt. Eingaben an die königliche Regierung, Geld zum Kirchenbau zuzuschießen, wenigstens das sogenannte Patronatsdrittel zu bewilligen, blieben lange unbeachtet, obwohl der Kirchenvorstand eindringlich auf die „schlimmen Verhältnisse“ in dem als Gebets- und Andachtsraum genutzten Schulzimmer hingewiesen hatte: „In der quälenden Enge sind Gesundheitsschädigungen möglich, vor allem für schwangere Frauen, z.B. Ohnmachtsanfälle und Fehlgeburten.“ Schon damals wußte man eine Situation zu dramatisieren, um vielleicht die Aussicht auf das Erreichen des Ziels zu verbessern. Wegen Geldmangels dauerte es aber 16 Jahre, bis die Kamener Katholiken ein neues Gotteshaus erhielten. Zu den Gesamtkosten der Kirche in Höhe von 10.200 Reichstalern, wurde staatlicherseits eine „außerordentliche Unterstützung“ von 1.929 Talern gegeben. Erst an Weihnachten 1848 konnte hier der erste Gottesdienst gefeiert werden. 

Abb. 3: Das Klosterkirchlein von 1848

Als endlich die neue „Pfarrkirche der Jungfrau Maria“ fertiggestellt war, war sie auch schon wieder zu klein (s.o.). Nach stundenlangen Fußmärschen aus dem ganzen Kirchspiel nach Kamen mußten die meisten Kirchgänger stehen, viele von ihnen draußen vor dem Eingang, bei Hitze und Kälte. Dieses Kirchlein stand etwa auf dem Grundstück des heutigen katholischen Pfarrhauses, nahm den größeren Teil der Klosterstraße an dieser Stelle ein und ließ nur einen schmalen Durchgang zur später gebauten Josefschule. Schon während der Bauzeit hatten sich erste Mängel gezeigt, die auf ein instabiles Fundament hindeuteten. Was man beim Bau nicht

Abb. 5: Das Klosterkirchlein von 1848 mit der Josefschule von 1898

bedacht hatte: Das Gebäude war auf Sand gebaut, auf Fließsand nämlich, wie er beidseits der Seseke häufig zu finden ist. Und schon bald nach der Weihe des Kirchleins trauten sich viele Besucher nicht mehr hinein, weil sich schon früh Risse im Gemäuer zeigten und man herabbrechende Steine fürchten mußte. Schon 1902 bzw.1907 (vgl. Nachbemerkung) mußte sie wieder abgebrochen werden.

Eine neue, größere Kirche war also nicht nur wegen der großen Baumängel nötig geworden, sondern auch, weil nach der Abteufung des ersten Schachtes der Kamener Zeche im Jahre 1873 immer mehr „Gastarbeiter“ (die, auch wegen der politischen Entwicklung, alle hierblieben) in Kamen anlangten, zumeist aus Süddeutschland und Österreich (vgl. viele Namen auf ~er) und (Ober)Schlesien (vgl. Namen polnischen Ursprungs). Die Arbeiter waren überwiegend katholisch, Kamen hingegen seit Ende der 1550er Jahre im Kern protestantisch. Wie oben schon erwähnt, waren im Jahre 1840 nur noch 457 Einwohner katholisch, doch verzehnfachte sich ihre Zahl bis zum Jahre 1895 fast auf 4404, so daß das bisherige katholische Kirchlein bei weitem nicht mehr ausreichte. Die Kirchengemeinde bzw. das Bistum kaufte daher 1890 ein Grundstück von eineinhalb Morgen von Fräulein Elisabeth Boschulte für 24.000 Mark. Und hier gibt es wieder einmal eine typisch Kamener Geschichte: Fräulein Boschulte, so geht das Gerücht, wollte die Kirche allerdings nicht direkt neben ihrer Villa in ihrem Garten haben, dort verstelle die geostete Kirche ihr die Sonne. Daher verkaufte sie nur ein Grundstück, das eine entsprechende Bebauung zuließ. So steht die Kirche denn, entgegen den Gepflogenheiten, in Nord-Südrichtung statt in der traditionellen Ost-Westrichtung wie die Pauluskirche. Was, aus heutiger Sicht betrachtet, städtebaulich ein Segen ist: man stelle sich nur einmal vor, daß diese beiden großen Kirchen, beide geostet, wie ein D-Zug hintereinander stünden. 

Aber natürlich gibt es auch eine sachliche Erklärung: Zum einen war die Klosterkirche von 1848 so schnell baufällig geworden, weil man den Fließsand im Sesekebereich nicht beachtet hatte. Zum anderen war bekannt, daß die gegenüberstehende Pauluskirche sichernde Anker im Mauerwerk hatte, aus demselben Grunde. Bodenuntersuchungen ergaben, daß sich in einem Meter Tiefe eine drei Meter dicke Fließsandschicht befand, die ein für die Standsicherheit viel tiefer reichendes Fundament verlangte, was die Baukosten nicht unwesentlich erhöhte. Kosten, für die es keinen staatlichen Zuschuß gab, die die Gemeinde allein zu tragen hatte.

Abb. 6: Die Pauluskirche mit der Villa Boschulte

Daß ein Gotteshaus in dieser Größe entstand, ist in erster Linie Pfarrer Joseph von Bishopinck (8. Sept. 1835 – 23. Jan. 1914) zu verdanken, der 1893 Pfarrer der kath. Gemeinde wurde. Er war ein geschickter, heute würde man sagen: Manager, der genau wußte, was er wollte und alle Welt und Hebel in Bewegung setzte, um sein Ziel einer neuen, schönen und großen Kirche zu erreichen. 

Abb. 7: Josef von Bishopinck

Abb. 8: Der Grabstein Josef von Bishopincks

Er sorgte dafür, daß ausreichend Geld zur Verfügung stand. Er beherzigte Vespasians Ausspruch „pecunia non olet“ (Geld stinkt nicht), bettelte im ganzen Reich und nahm auch „evangelisches“ Geld an. Allein die Behörden zeigten sich wenig aufgeschlossen: Das Ministerium in Berlin erkannte zwar die Notwendigkeit einer neuen Kirche an, wies aber die vorgelegten Entwürfe mit der Begründung ab, daß der „schlichte Charakter des bisherigen Gebäudes und der Umstand, daß die Gemeinde größtenteils aus Arbeitern bestehe“, nicht berücksichtigt worden seien. Es wurde nur ein Zuschuß zu einer billigeren Lösung bewilligt. Das obrigkeitsstaatliche Denken der streng hierarchisch gegliederten Gesellschaft des Kaiserreichs konnte nicht deutlicher zum Ausdruck gebracht werden. Pfarrer von Bishopinck gelang es dennoch, die fehlenden Mittel zu besorgen. Der Berliner Architekt August Menken (1858 – 1903), einer der hervorragendsten Vertreter des Historismus (Rückgriff von Künstlern und Architekten auf frühere Stilrichtungen, hier die Gotik), bekannt durch eine große Zahl gelungener Kirchenneubauten in Deutschland, wurde mit der Planung und Leitung des Neubaus beauftragt. Hieran wird ganz deutlich, wie hochfliegend die Vorstellung der Kamener von ihrer neuen Kirche waren. Mit einer nichtssagenden „Arbeiterkirche“ wollten sie sich nicht abspeisen lassen. 

Abb. 9: Grundsteinlegung (das Gebäude links ist der Westerholtsche Hof, das dritte von links, mit dem spitzen Giebel, der Kappenberger Hof, zwei der ehemals zehn nachgewiesenen Kamener Burgmannshöfe)

Am 19. Mai 1901 wurde der Grundstein gelegt und nach der unglaublich kurzen Bauzeit von eineinhalb Jahren (!) konnte die neue Kirche schon am 28. Oktober 1902 konsekriert werden. Sie war zwar noch nicht ganz fertig – die Glocken waren zu spät geliefert worden und standen noch vor der Kirche und konnten nur mit Hammerschlägen zum „Läuten“ gebracht werden, die große Christusfigur im Hauptportal fehlte, weil der Bildhauer krank geworden war, und im Inneren war manches auch noch nicht fertig – aber das tat der Freude über eines der größten (es bot Platz für insgesamt 2330 Personen: 830 Sitzplätze und 1500 Stehplätze!) und schönsten Gotteshäuser des gesamten Bistums Paderborn (seit 1821 gehörte Kamen nicht mehr zum Bistum Köln) keinen Abbruch.

Und die öffentliche Feier zu diesem  Ereignis elektrisierte nicht nur die katholische Kirchengemeinde. Bischof Dr. Schneider aus Paderborn nahm die rituellen Handlungen zur feierlichen Konsekration (Übertragung des Gebäudes in den sakralen Bereich durch eine Reihe liturgischer Handlungen) vor, aufgeladen mit vielen Symbolen, begleitet von 30 Geistlichen und vielen Kamenern. Mit  diesem offiziellen Teil verging der Vormittag, am Nachmittag gab es dann ein feierliches Essen für 300 (!) geladene Gäste im Saal Goertz (später Scholz, Keglerklause, Flying Dutchman). Und alles, was Rang und Namen hatte, war als Ehrengast erschienen: Bischof Dr. Schneider, Regierungspräsident Renvers, Landrat Schulze-Pelkum, Amtmann Wolf, Bürgermeister von Basse (der die neue Kirche als Zierde nicht nur für die katholische Gemeinde, sondern für die ganze Stadt bezeichnete), die Gerichtsräte Boewing und Zuhorn (der sich sehr um die Geschichte des Katholizismus in Kamen verdient gemacht hat). Rabbiner Gossel erwähnte stolz, daß alle männlichen Mitglieder seiner Gemeinde zu dieser Feier erschienen waren und damit die Anteilnahme Pfarrer von Bishopincks an der Einweihung der neuen Synagoge im Jahr davor „gebührend erwidern“ konnten. Wenig christlich zeigte sich die evangelische Gemeinde: Sie „hielt sich von der Feier fern“.

Abb. 10: Der Innenraum, Blick nach Norden 

Die neue Pfarrkirche ist eine Hallenkirche (alle Kirchenschiffe sind von gleicher Höhe) im neugotischen Stil mit Längs- und Querschiff. Sie ist insgesamt 58 m lang, 30 m breit und im Inneren fast 20 m hoch. Der Turm ist mit 78,4 m das höchste Gebäude der Stadt. Carl Busch, Glasmaler aus Berlin, entwarf die Fenster, die im Februar 1945 zerstört wurden. 

Abb. 11: Das Nordportal mit Wimperg

Abb. 12: Christus Pantokrator

Vom Bildhauer Alexander Iven stammt das Nordportal, mit der Figur Jesu als Pantokrator. Der Nordeingang zeigt, daß Chartres’ Mittelportal der Westfassade mit dem Wimperg (gotischer Ziergiebel über Portalen und Fenstern) und seinem bildnerischen Schmuck sowie dem plastisch gestalteten Tympanon (Giebelfeld) dem Bildhauer bei der Gestaltung des Kamener Portals vorgeschwebt haben mag. 

Abb. 13: Hl. Familie, Südostansicht

Der Bau ist stark mit Symbolik geladen: drei Türme befinden sich über dem Chor und stehen für die heilige Trinität, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, eine Besonderheit, die es sonst in neugotischen Kirchen nicht gibt. 

Abb. 14: Das Gebäude hat viele Türme und Türmchen

Die liegende Ziffer 8 (∞) steht für Unendlichkeit: 8 Türme, die 4 ist eine gotische Vier, die auf den Baustil verweist, u.v.a. mehr.

Abb. 15: Die Turmuhr mit gotischer Vier

Das östliche Seitenschiff wurde im Februar 1945 von zwei Bomben getroffen und schwer beschädigt. Pfarrer Heinrich Rawe hat in seinem Tagebuch penibel alle Schäden aufgeführt: die Giebelwand zerstört, große Teile des Fundaments desgl., einer der großen Eckpfeiler des Mittelschiffs, Teile des Kreuzgewölbes stürzten ein, Löcher und Risse in anderen Gewölbeteilen, die komplette Verglasung, das Maßwerk (durchbrochene Steinarbeit vor Fenstern, Balustraden u.ä.),der barocke Antoniusaltar, die barocke Kommunionbank, der Beichtstuhl des Pfarrers, der Marienaltar, Schäden am Inventar wie z.B. den Bänken. Nur wenig beschädigt waren der Hochaltar, die Kanzel und die Orgel.

Gottesdienst fand während dieser Zeit in einer Notkirche statt, d.h., im wenig beschädigten Teil der Kirche. Bis am 15. September 1946 während der hl. Messe um 7.30 morgens das stark beschädigte, deswegen hinter einer schweren Bretterwand abgeschirmte Kreuzgewölbe einstürzte und unter den Gottesdienstbesuchern Panik ausbrach. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Nun mußte im Gottesdienst noch enger zusammengerückt werden, und alle mußten stehen.

Heinrich Rawe hat sich in den nächsten Jahren um den Wiederaufbau und die Renovierung der Kirche besonders verdient gemacht. Es fehlte an allem: vor der Währungsreform vor allem Material, danach Geld. Zunächst sorgte ein kleiner Baufonds dafür, daß die ersten Arbeiten überhaupt aufgenommen werden konnten. 1949 wurde dann ein Kirchbauverein ins Leben gerufen, dessen 127 Mitglieder dafür sorgten, daß Monat für Monat Geld für die Weiterarbeit aufgetrieben wurde. In einer gemeinsamen Kraftanstrengung der Gemeinde und vieler Kamener Firmen gelang dann die Reparatur. Nur wo es keine Kamener Fachfirmen gab, die die Arbeit ausführen konnten, waren auswärtige am Werk: Innenanstrich (wohl wegen des Umfangs der Arbeiten), Fenster, Heizung, Orgel. Erst Weihnachten 1951 konnte wieder im Innenraum der Kirche gefeiert werden. Es dauerte aber noch fast zwei Jahre, bis Rawe im September 1953 verkünden konnte: „Das Gotteshaus erstrahlt in herrlichem Glanz.“

Abb. 16: Hl. Familie 1940

Abb. 17: Hl. Familie im Winter 1945/46, kriegszerstört 

Die Glocken.

Der erste Satz Glocken waren wertvolle Bronzeglocken, die man jedoch, bis auf eine (Parallele zur Pauluskirche), während des Ersten Weltkriegs zu Kriegszwecken abgeben mußte: „Gold gab ich für Eisen.“ Eine einzige Bronzeglocke blieb der Gemeinde erhalten. Bei der Konsekration der Kirche hingen die Glocken noch nicht im Turm, weswegen sie mit einem Hammer angeschlagen werden mußten, was sicherlich nicht den vollen Glockenklang ergab. 1922 bekam die Kirche einen neuen Satz Glocken, dieses Mal aber nur aus Stahl. Sie kamen aus Apolda in Thüringen, eine weitere Parallele zur Pauluskirche. Ob sie durch den Bombentreffer im Februar 1945 einen, zunächst vielleicht kleinen, Schaden davongetragen haben, keiner weiß es, jedoch wurde bei einer Überprüfung im Jahre 1986 festgestellt, daß alle Glocken Risse aufwiesen, die eventuell einen Absturz bei vollem Geläute zur Folge hätten haben können. Alle Stahlglocken von 1922 wurden stillgelegt, es blieb nur noch die eine Bronzeglocke von 1902 fürs Geläute übrig. 

In Kamen erzählt man sich, daß der damalige Pfarrer Johannes Beule seine Kirche und ihr Geläute so sehr liebte, daß er, entgegen allen Anweisungen, alle Glocken noch ein letztes Mal in der Silvesternacht 1986 läuten ließ, weil, wie er sagte, „sich kein Mensch in der Nähe des Turms aufhielt“. Und Gott sei Dank ist auch alles gut gegangen.

Abb. 18: Vier neue Bronzeglocken

Am 11. März 1988 wurden die neuen Glocken, wieder aus Bronze, bei der Fa. Petit & Edelbrock in Gescher, wo auch die Originalglocken herstammten, neu gegossen und am 27. März d.J., dem Palmsonntag, geweiht. Am Ostersonntag zum Gloria läuteten dann die Heilandsglocke (auf dem Ton d), die Marienglocke (auf f), die Anbetungsglocke (auf a), die Josefsglocke (auf g) und eine kleine, von einem Gemeindemitglied gestiftete, Glocke (auf b) alle zusammen und erfreuten die Gemeinde und die Stadt.

Doch wo waren die alten, rissigen Glocken geblieben? Kirchenbesucher und Spaziergänger sehen heute zwei vor dem Kirchturm stehen. Aber wie sind sie dahin gekommen?

Ein Mitglied des Kultur Kreises Kamen war eines Tages im Jahre 2014 auf dem städtischen Bauhof und entdeckte während eines Gesprächs mit einem der Vorarbeiter zwei Glocken, die z.T. von umstürzenden Steinen bedeckt waren, Steinen, die als Ersatz für beschädigtes Pflaster in der Fußgängerzone gelagert waren. Auf seine Frage nach der Herkunft der Glocken hieß es nur: „Das wissen wir nicht. Sie stören hier. Wir müssen sie öfter umlagern. Das ist sehr lästig.“ 

Abb. 19: Eine der beiden noch vorhandenen Glocken von 1922 auf dem städtischen Bauhof

Der erste Schritt zur Identifizierung war die Entzifferung der Inschrift: Lateinisch. Das deutete auf katholische Herkunft hin. Dann erinnerte sich jemand daran, daß die Kirche Hl. Familie Ende der 1980er Jahre neue Glocken bekommen habe. Ob da …? Ein kurzer Besuch bei den alten Zeitungen im Stadtarchiv ergab die Lösung.

Die Glocken waren 1987 wegen Schäden aus dem Turm der Kirche entfernt worden. Man mußte neue bestellen. Die Stadt Kamen sicherte sich damals die Option auf zwei der Glocken, weil man sie als Zeitzeugen im Stadtgebiet aufstellen wollte. Man versprach eine Entscheidung innerhalb von acht Tagen. Das war im März 1988. Es hat dann 27 Jahre gedauert, bis eine erfreute Kirchengemeinde ihre alten Glocken wieder in Besitz nehmen konnte, doch ohne städtische Hilfe. Endlich haben zwei Zeitzeugen ihren Platz gefunden.

Abb. 20: Die Hl. Familie mit ihren zwei alten Glocken von 1922

Das Gebäude

Die Kirche war nun bald 90 Jahre alt und hatte im Krieg schwere Schäden davongetragen.  Es war also nicht verwunderlich, daß umfangreiche Reparatur- und Renovierungsarbeiten anstanden, zumal das 2. Vatikanische Konzil (auch: das 2. Vaticanum vom 11. Okt. 1962 bis 8. Dez. 1965) umfangreiche Neuerungen u.a. der Liturgie beschlossen hatte, die, stark vereinfacht, auf den Nenner gebracht werden können: mehr Demokratie in den Gottesdienst tragen. Also waren die Glocken nicht das einzige Problem, dem sich die Pfarrei Ende der 1980er Jahre zu stellen hatte. 

Das heutige Aussehen des Innenraumes erhielt die Kirche erst nach dieser vorerst letzten Renovierung unter der Leitung des auch bereits verstorbenen Pfarrers Johannes Beule. Ziel war es, die Kirche wieder möglichst so aussehen zu lassen wie zur Zeit ihres Baues, jedoch alles Unzweckmäßige zu verändern. Aber wie es so geht: während der Bauarbeiten wurden immer mehr Schäden entdeckt, deren Beseitigung zu einer Verdoppelung der Kosten führte. Nur ein Beispiel: von den insgesamt 422 Natursteinen an den Stützmauern des Hauptschiffs mußten 285 ausgewechselt werden. Jeder einzelne mußte gebrochen, bearbeitet, passend zugehauen und eingesetzt werden, was Unmengen an Arbeitsstunden verschlang. 

Abb. 21: Hl. Fam. eingerüstet, 19. Juni 1992

Abb. 22: Hl. Familie mit Küsterhaus 1980

Nach den Richtlinien des 2. Vaticanums wendet sich der Priester nicht mehr der Apsis (halbrunder Raum, hinter dem Altar an das Kirchenschiff angefügt) im Osten des Kirchenraums zu („ex oriente lux“) und der Gemeinde den Rücken, sondern steht hinter dem Altar und spricht direkt zur Gemeinde, in der Landessprache statt auf Lateinisch (was ja kaum jemand verstanden haben dürfte). Dazu mußte man den Altar von der Wand abrücken, er mußte umschritten werden können. Zusätzlich wurden Altarschranken und -stufen entfernt.

Abb. 23: Der Innenraum vor dem 2. Vaticanum, mit Altarstufen

Das verlangte ebenfalls große Umbauten, für die die Gemeinde einen Einheimischen, den Hemmerder Künstler Josef Baron (1920 – 2020) gewinnen konnte, der als Schöpfer sakraler Kunst einen ausgezeichneten Ruf besaß. Baron legte den Fußboden im Chorraum etwas höher, erweiterte den Raum bis zur Vierung, hängte die Beleuchtung hierhin und stellte den Altartisch darunter.

Abb. 24: Der Taufstein

Hinzu kam die notwendig gewordene Grunderneuerung der Kirche. Z.B. konnte man mit bloßer Hand einzelne Steine aus den Ecken der Außenmauer herausnehmen. Das waren Natursteine, also mußte ihr Ersatz von Steinmetzen in aufwendiger Handarbeit an– und eingepaßt werden. Hölzer an Dach und Türmen mußten ausgetauscht, der Marienaltar renoviert, Ausbesserungen an Hochaltar und Kanzel vorgenommen werden. Der aus dem 17. Jh. stammende Taufstein erhielt einen Deckel, von Josef Baron gestaltet. Er zeigt den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, durch das Rote Meer, in dem die Verfolger jämmerlich ertrinken. Dieser ca. 400 Jahre alte, achteckige Taufstein (Symbolik der 8: s.o.) stammt vermutlich aus der ersten Vorgängerkapelle der Beginen. Er stand ursprünglich in der Marienkapelle an der Südwestseite der Kirche. Das unter dem Deckel liegende Taufbecken erhielt sein jetziges Aussehen von Gregor Telgmann, es ist seine letzte Arbeit. Heiligenfiguren mußten repariert und renoviert werden, Decken- und Wandbemalung ebenso. 

Abb. 25: Die Kanzel mit der Fiale

Gotischer Zierrat wurde wieder an der alten Stelle angebracht, der Schalldeckel der Kanzel erhielt wieder seine Fiale (schlanke, spitz auslaufendes, flankierendes Türmchen, das in der Gotik der Überhöhung verschiedener Bauteile diente). Einen großen Posten bildete auch die Überholung der Klais-Orgel von 1934. Alles in allem wurden mehr als 8 Millionen D-Mark ausgegeben.

Abb. 26: Die Orgel

Der Innenraum der Kirche ist voller hochwertiger Kunstwerke, die wiederum mit biblischer Symbolik aufgeladen sind. Worte reichen nicht, alles dieses zu beschreiben. Gehen Sie in die Kirche, um die Schätze zu genießen (sie ist täglich, außer montags, von 10.00 – 12.00 Uhr geöffnet). Ich will nur auf wenige besonders auffällige Objekte hinweisen.

Abb. 27: Gurtbögen stabilisieren das Deckengewölbe

Abb. 28: Ein Kapitell unter einem Säulenbündel 

Abb. 29: Eine Konsole

Der Innenraum

Wenn man den Innenraum betritt und nach oben schaut, fallen sofort die für die neugotische Architektur typischen Rippen und Gurtbögen (gemauerter Bogen in Gewölben) auf, die durch ihre braune Farbe einen sehr schönen Kontrast zu den großen hellen Wandflächen bilden. Sie ruhen auf Konsolen (aus der Wand herausragender, tragender Vorsprung, auch Kragstein genannt), die durch von Blattwerk umrahmte menschliche Antlitze mit unterschiedlichem Gesichtsausdruck verziert sind.

Abb. 30: Der Hochaltar

Der Hochaltar

Wie fast alles in dieser neugotischen Kirche weist auch der Hochaltar typisch gotische Elemente auf. Es handelt sich um einen Flügelaltar (Retabel) auf einem Unterbau (Antependium), mit einer Tischplatte (Mensa), auf der die Rückwand des Retabels (Predella) steht. Jedes Teil hat seine eigene theologische Bedeutung, jede Figur, jede Farbe ist an ihrer Stelle Träger ausgefeilter Symbolik.

Altäre waren zu Beginn der Kirchengeschichte i.d.R. über Märtyrer- oder Heiligengräbern errichtet worden, daher befinden sich traditionell in ihnen Reliquien. Im Kamener Hochaltar befinden sich die Reliquien von St. Eoban und St. Adalar, den beiden Gefährten des hl. Bonifatius, des Apostels der Deutschen, die mit ihm zusammen im Jahr 754 von Gegnern der Missionierung des Frankenreichs erschlagen wurden. 

Abb. 31: Die Kanzel

Die Kanzel

Die Kanzel ist ein weiterer zentraler Ort einer jeden Kirche, von hierher wird das Evangelium verkündet. Seit der Gotik steht sie auf der Evangelienseite (in Blickrichtung Altar die linke Seite einer Kirche, die „Frauenseite“, weil hier früher die Frauen saßen; die gegenüberliegende Seite, die „Männerseite“, war die Epistelseite, wo vor dem 2. Vaticanum die Episteln gelesen wurden) für größere Stabilität an einen Pfeiler angelehnt. Von hier wurde gepredigt, als es noch kein Mikrophon und keine Lautsprecher gab. Daher mußte sie ein erhöhter Ort sein, von dem aus der Priester von allen gehört werden konnte. Und der Schalldeckel, gekrönt von der neuen Fiale, soll verhindern, daß die menschliche Stimme nach oben verklingt. Während der Predigt schauen alle Gläubigen zur Kanzel, daher bietet es sich an, sie mit prächtigen Schnitzarbeiten zu verzieren. Diese hier ist ganz aus Eichenholz geschnitzt. Fünf Figuren, in der Mitte Jesus als Mittler der Offenbarung, rechts und links von ihm die vier Evangelisten, drei von ihnen mit ihren typischen, ikonographischen Attributen: Matthäus (symbolhaft als Mensch dargestellt), Markus (Löwe), Lukas (Stier) und Johannes (Adler). Zentrales Motiv der Reliefs: die Verkündigung in alle Welt des Erlösers, von den Toten auferstanden.

Abb. 32: Das 10. Gebot

Fenster mit Glasmalerei

Die Fenster von 1902 stammten von dem Berliner Glasmaler Carl Busch. Sie wurden durch die Bomben im Weltkrieg zerstört. Die heutigen Fenster mit den Glasmalereien wurden in den 1950er Jahren von dem Werler Maler Christian Göbel entworfen. Es geht zu weit, hier alle Fenster und die auf ihnen dargestellten biblischen Geschichten zu erzählen, lediglich auf eine zeitgemäße Neuinterpretation sei hingewiesen, und zwar das Fenster zum 10. Gebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.“ In der modernen Interpretation ist zum Vieh ein VW-Käfer hinzugekommen, das Auto, das wie nichts anderes den Aufstieg der alten Bundesrepublik aus Ruinen zum Wirtschaftswunder repräsentiert. Es ist im oberen Teil des Fensters zu erkennen.

Das Adolph-Kolping-Relief

Es soll noch etwas ganz und gar ungotisches erwähnt werden, das Adolph-Kolping-Relief von Josef Baron, eine moderne sakrale Darstellung dessen, wofür Adolph Kolping 

(8. Dez. 1813 – 4. Dez. 1865) steht. Kolping war Kind einer armen Familie und lernte das Schuhmacherhandwerk. Später machte er das Abitur, studierte Theologie und wurde Priester. Es war die Zeit der industriellen Revolution in Deutschland, in der Maschinen viel Handarbeit und -arbeiter ersetzten. Kolping, der als Handwerksgeselle und Priester beide Sphären kannte, erkannte die daraus resultierende Not und gründete am 6. Mai 1849 mit einigen Handwerksgesellen den Kölner Gesellenverein, den Vorläufer des heutigen Kolpingswerks, des internationalen katholischen Sozialverbands. Das Kunstwerk wurde von der Kamener Kolpingsfamilie gestiftet.

Abb. 33: Das Kolping-Relief

Josef Baron (1920 – 2020) stammte aus Oberschlesien. Nach einer kurzen Zeit in Flensburg kam er nach Düsseldorf und wurde Schüler von Ewald Mataré (1887 – 1965), der ihm die Ausgestaltung der Werler Wallfahrtsbasilika übertrug. Dieser Auftrag brachte Baron den Durchbruch. Danach war er in der ganzen Welt tätig und schuf unzählige Werke sakraler Kunst. In Kamen gibt es von ihm noch den Christophorus am Hause Bahnhofstraße 16, in Unna auf dem Markt den Esel.

Abb. 34: Blick vom Pfarrhaus her

Abb. 35: Der Kirchenschweizer Josef Kett

Und noch etwas verdient Erwähnung, etwas, das vielleicht in Vergessenheit geraten, vielleicht sogar alten Kamensern unbekannt ist. Die Kirche Hl. Familie hatte einmal, ein einziges Mal, von ca. Mitte der 1950er bis ca. Mitte der 1960er Jahre, einen richtigen Kirchenschweizer (in katholischen Kirchen Türhüter und Aufseher, der bei besonderen Anlässen für den reibungslosen Ablauf von Gottesdiensten sorgt), Josef Kett. In seiner festlichen roten Gewandung gab er eine prächtige Figur ab.

Kamen darf sich glücklich schätzen, zwei so große und bedeutende Kirchen zu haben, die beide im alten Kern der Stadt stehen, wo vor 1100 die Grafen von der Mark ihre erste Burg in Kamen bauten. Hier ist die Urzelle Kamens, ein auch heute noch repräsentativer Ort (bis auf den störenden Autoparkplatz).

Nachbemerkung:

Alle normalerweise zur Verfügung stehenden Quellen zur Geschichte Kamens allgemein und seiner Kirchen im besonderen geben übereinstimmend das Jahr 1907 als Jahr des Abrisses des Klosterkirchleins von 1846 (Grundsteinlegung) bis 1848 (erster Gottesdienst) an. In einem von Walter Hengelbrock 2001 wiedergegebenen Dokument heißt es jedoch:

Zum Grundstein der 1846 erbauten und 1902 / 03 abgebrochenen katholischen Kirche zu Kamen. Ein Fund aus alter Zeit.

Die Erde bewahrt alles treu, was man ihr anvertraute, sie gibt aber auch alles treulich wieder, was man ihr gab“. 21. Juli 1846    21. Juli 1926

Also nach rund 80 Jahren gab die Erde wieder, was man ihr einstmals gab. Bei den Kanalarbeiten östlich der katholischen Schule (Josefschule, heute VHS-Haus II) fand man im Fundament der 1902 / 03 niedergelegten kath. Kirche ein Bleigefäß (Zylinder, 15 cm hoch und 5 cm Durchmesser). Das Gefäß enthielt – außer einer gut erhaltenen Urkunde – Bruchstücke einer Gregorianischen Chormelodie – Veni creator spiritus (Komm, Schöpfer, Geist !)

Hiernach wäre dieses Kirchlein gleich nach der Konsekration der neuen Pfarrkirche Hl. Familie abgerissen worden.

Fußnoten:

 1Die Bewegung der Beginen (B.) (für Männer: Begarden) entstand im 12. Jh. in den Niederlanden, im heutigen Belgien. Die B. führten eine klösterliches leben, ohne durch Gelübde gebunden zu sein, d.h., sie konnten die Gemeinschaft jederzeit verlassen und sich ein bürgerliches Leben aufbauen. Die B. widmeten sich der tätigen Nächstenliebe: Krankenpflege, Seelsorge, Erziehung, wirkten als Näherinnen und führten andere Handarbeiten aus, wuschen die Toten u.v.m. Als sie immer erfolgreicher wurden und sich ausdehnten (auch nach Kamen), fürchtete der Vatikan ungute Konkurrenz zu seinen Klöstern und verpflichtete diese Gemeinschaften, die dritte Regel des Ordens der Hl. Franziskus anzunehmen, zuerst Johannes XXIII (1319), endgültig Nikolaus V  (1453).

2Auch maiestas domini: der Allesherrscher. Er hält in seiner linken Hand das Evangeliar, geöffnet oder geschlossen, und hat die Rechte zur Segnungsgeste erhoben.

Weitere bemerkenswerte Objekte in der Pfarrkirche H. Familie in Kamen (alle Photos: Stefan Milk):

Die Fenster in der Taufkapelle zeigen das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Im östlichen Seitenschiff sehen wir Symbole der sieben Sakramente, das sind Taufe, Firmung, Eucharistie, Beichte, Ehe, Sakrament der Weihe, Krankensalbung.

Die westlichen Fenster erzählen die Schöpfungsgeschichte (Genesis). 

Eine Ikone

Der Marienaltar

Die Pietà

Raumtotale mit Blick nach Norden

Textquellen:

Buschmann, Friedrich, Geschichte der Stadt Camen, o.O. 1841

Essellen, Moritz Friedrich, Beschreibung und kurze Geschichte des Kreises Hamm und der einzelnen Ortschaften in demselben, Hamm 1851 (S.102 – 124: Die Stadt Camen)

Nocke, Werner, Pfarrer Joseph von Bishopinck – „Kamens Ehr’ und Zierde“, Kamen 2010/11  

Powonska, Sascha, Baugeschichte „Pfarrkirche Hl. Familie“, Facharbeit an der Fachhochschule Dortmund, SS 2005

Pröbsting, Friedrich, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901 

Simon, Theo & Franik,  Leonhard, Die Pfarrkirche Hl. Familie in Kamen, Paderborn 2002

Zuhorn, Wilhelm  Geschichte des Klosters und der katholischen Gemeinde zu Camen, Kamen 1902

Zeitungen:

Camener Zeitung, 21.5.1901, 2.10.1902, 21.10.1902, 28.10.1902

WR, 28.2.1987, 22.3.1988, 29.3.1988, 29.4.1988

HA, 22.3.1988, 29.3.1988

Wer sich ausführlich über die Kirche Hl. Familie in Kamen informieren und ihre vielfältige Symbolik verstehen möchte, lese das Buch von Simon & Franik (s.o.).

Bildquellen:
Photos Klaus Holzer: 1, 7, 10, 11, 12, 13, 18, 19, 33
Photos Stefan Milk: 2, 23, 24, 25, 26, 27, 29, 30, 31, 32
Stadtarchiv: 3, 4, 5, 14, 15, 16, 17, 19, 20, 21, 22, 34, 35
Frau Pietsch, Methler; 8
Sascha Powonska: 6, 28





























Juden in Kamen

von Klaus Holzer

Vorbemerkung:

Der Anlaß für diesen Artikel ist das 120-jährige Jubiläum der Einweihung der neuen Kamener Synagoge am 15./16. November 2021.

Abriß der Geschichte der Juden in Kamen.

Historisches

Juden gibt es in Kamen nachweislich seit 1348. In diesem Jahr stellte Graf Engelbert III (1347 – 1391) einem Juden namens Samuel einen Schutzbrief auf sieben Jahre aus, in dem er ihm dieselben Rechte gibt, „wie sie unsere anderen Juden in Hamm, Unna und Kamen haben“. Solch ein Schutzbrief wurde immer nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren ausgestellt, und die auferlegte Gebühr war jedes Jahr neu zu entrichten. Daß Juden überhaupt eines Schutzbriefes bedurften, zeigt deutlich, wie prekär ihr sozialer Status war. Sie galten als „Wucherjuden“, da sie oft als Geldverleiher auftraten (im MA waren Wucher und Zins synonym, ein Geldverleiher verlangte natürlich Zinsen) und, weil Kapital knapp war, hohe Zinsen verlangten, wie auch ihre christlichen Konkurrenten, die aber nicht den Nachteil hatten, als „Christusmörder“ zu gelten. Und 1403 erteilte der römisch-deutsche König Ruprecht von der Pfalz (1352 – 1410; ab 1400 König) einem Juden in Kamen freies Geleit.

Die Pest, die in Europa zuerst zwischen 1348 und 1350 wütete und etwa ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents hinwegraffte, führte zu den ersten Judenpogromen. Man hatte damals keine naturwissenschaftliche Erkenntnis über den Ursprung dieser Seuche. Da fiel es auf, daß die Pest unter den Juden weit weniger heftig wütete als unter den anderen Bevölkerungsgruppen. Was man nicht ahnte, war, daß der Grund dafür die unter den Juden weit stärker ausgebildete Hygiene war. Da fiel es leicht, sich die Juden als Sündenböcke vorzunehmen: sie hätten die Brunnen vergiftet und trügen daher die Schuld am Ausbruch der Pest. Zudem standen sie im Verdacht, für ihre religiösen Feste und für magische und medizinische Zwecke Kinder zu töten¹. Auch in der märkischen Hauptstadt Hamm kam es zu einem Pogrom, in der Hauptstadt des Grafen, der eben noch einem Juden einen Schutzbrief ausgestellt hatte. Das Eigentum von Juden, die einem Pogrom zum Opfer gefallen waren, wurde konfisziert und füllte auch die Kasse des Landesherrn auf.

Abb. 1: Herzöge Kleve & Grafen von der Mark: Nachfolger von Graf Engelbert, vor der Schwanenburg in Kleve

Ob es danach noch Juden in der Grafschaft Mark gab, kann nur vermutet werden. Und wenn, dann wird es wohl keine geschlossenen jüdischen Gemeinden gegeben haben, denn für das Gebet, d.h., für die Existenz einer Gemeinde braucht es mindestens zehn Männer. Erst 1413 gab der Graf von Kleve und Mark² fünf Juden samt Familien Geleit nach Kamen gegen eine jährliche Abgabe von drei Gulden. 

Abb. 2: Luther: Von den Jüden und ihren Lügen (Titelseite von 1543)

Mit der Reformation durch Martin Luther, einen erbitterten Judenfeind (Martin Luther, Von den Jüden und ihren Lügen, 1543), verschlechterte sich die Lage der Juden in ganz Deutschland erheblich. Gewerbefreiheit und Mobilität, kurz Freiheit – alles das gab es für sie nicht. Ihnen blieb nur eine Existenz als Hausierer, Geldverleiher und im Landhandel, alles Gewerbe, die nicht besonders attraktiv waren. Allerdings gab es auch Ausnahmen. Ein Dokument von 1564 bezeugt die Dankbarkeit des Drosten Dietrich von der Recke, der auch Burgmann in Kamen war, gegen den jüdischen Kaufmann Nathan. Überhaupt scheint dieser Dietrich ein gerecht denkender Mensch gewesen zu sein, belegt doch eine weitere Urkunde, daß er dafür sorgte, daß ein zu Unrecht eingekerkerter Jude freigelassen wurde. Und für 1605 ist weiterhin belegt, daß ein Jude Abraham der Stadt Kamen die jährliche Abgabe für seinen Schutzbrief schuldig geblieben war. Daher ist uns seine Existenz bekannt. Man sieht: Juden wurden gebraucht … und dennoch verfolgt. Es gab also wohl im MA über lange Zeit Juden in Kamen, doch kaum jüdische Gemeinden, weil es sich i.d.R. um einzelne Juden mit ihren Familien handelte.

Das Vierte Laterankonzil³ dekretierte, daß Juden sich nicht mehr so kleiden durften wie Christen, sondern daß sie sich stattdessen „jederzeit in den Augen der Öffentlichkeit durch die Art ihrer Kleidung von anderen Menschen unterscheiden sollten“. Es sollte sichergestellt werden, daß christliche und jüdische Männer und Frauen „sich nicht irrtümlich miteinander einlassen“. Trotz aller Probleme, die das 16. Jh. für die Juden brachte, gab es aber auch Fortschritte im Bereich der Religionen. 

Abb.: 3: Die beiden Schlußseiten des Augsburger Religionsfriedens von 1555

Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 kam die Kompromißformel „cuius regio, eius religio“ ([in] wessen [Herrschafts-] Gebiet [jemand wohnt], dessen Glaube [folgt er]) einer neuen Toleranz in Sachen Religion gleich, setzte ein Umdenken ein, wenn es auch kaum die Juden betraf. Einen wichtigen Schritt in Richtung weiterer Duldung Andersgläubiger stellte der Westfälische Frieden von Münster und Osnabrück von 1648 dar. Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands wurde Religionsfriede vertraglich geregelt und damit festgelegt. Für die Märker, und damit die Kamener Juden, wurde das Jahr 1609 besonders wichtig, als die Vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg dem Kurfürstentum Brandenburg zugeschlagen wurden. Das Territorium war zu groß, um eine Politik der religiösen Intoleranz zu verfolgen. Vor allem der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm (1620 – 1688) gewährte 1656 allen jüdischen Familien in seinen westlichen Territorien, darunter Kleve und Mark, einen gemeinsamen Schutzbrief, der es ihnen gestattete, sich niederzulassen und ein Gewerbe und das Geld- und Pfandleihgeschäft zu betreiben, was für die Juden nicht weniger als eine nicht unbeträchtliche Sicherheit ihrer Existenz bedeutete, zum ersten Mal in ihrer heute 1700-jährigen Geschichte in Deutschland. Ende der 1650er Jahre erhielten die Kamener Juden Meyer Moses und Salomon Moses ein Geleitpatent, natürlich gegen einen erheblichen jährlichen Tribut von sechs Talern. In den folgenden Jahren wurde diese Politik auf weitere Familien in der Grafschaft Mark ausgeweitet, darunter wohl auch Kamener Juden. Weitere Belege für Schutzbriefe gibt es aus den Jahren 1689, 1694, 1703 und 1705. 

Bei aller damals gezeigten Toleranz sollten wir aber nicht vergessen, daß Juden weiterhin Menschen minderer Klasse waren, die rechtlich ihren Nachbarn eben nicht gleichgestellt waren. Es versteht sich von selbst, daß ihnen Hausbesitz kaum möglich war.

Auch wenn Geldverleiher nicht gut angesehen waren, kam ihre Tätigkeit doch auch der Stadt Kamen zugute. Mehrmals zwischen 1680 und 1711 liehen jüdische Geldverleiher aus Hamm wie auch aus Kamen sowohl Privatpersonen wie auch der Stadt erhebliche Summen Geldes. Vor allem die Stadt wäre ohne diese Darlehen in große Schwierigkeiten gekommen, hätte sie doch anders ihre Kontributionen an einquartierte Truppen nicht bezahlen können, und das hätte Zerstörung und Plünderung, gar Brandschatzung, bedeutet.

1701 wurde das Kurfürstentum Brandenburg zum Königreich Preußen. Da Kleve-Mark erst 1666 durch Erbvergleich endgültig brandenburgisch geworden war, war es an der Zeit, eine Bestandsaufnahme zu machen (was für die zu dieser Zeit äußerst moderne und effektive preußische Verwaltung kein großes Problem darstellte): wie groß waren die westlichen Gebiete Preußens? Welche Städte gab es? Wie groß waren sie? Wie stand es mit Handel und Handwerk? Wie groß war die Wirtschaftskraft? usw. Daher schickte Wilhelm I. fähige Leute in die Provinz, die anschließend in einem ausführlichen Bericht die Lage darstellen sollten. Nach Kamen wurde der Steuer- und Kommissionsrat Motzfeld geschickt, der unter dem Datum des 7. Februar 1722 seinen „Historischen Bericht von der Stadt Kamen“ nach Berlin schickte. Hier zählt er ganz präzise die „Ahnzahl der Einwohner“ auf, nach allen möglichen Kriterien aufbereitet, und gleich darunter „Manufactrice und Handwerker“. Im letzten Satz hier schreibt er: „Daneben sind noch 5 Judenfamilien, welche schlachten und allerhand handlung treiben“. 

Juden waren zu dieser Zeit nicht frei, sich niederzulassen, wo sie wollten, weil ihr Schutz- oder Geleitbrief immer nur für die eine bestimmte Zeit und Stadt galt, ist mit Klaus Goehrke anzunehmen, daß diese fünf Familien den Kern der Kamener jüdischen Gemeinde bildeten, die in den 1930er Jahren von den Nazis vertrieben oder ermordet wurden. „Demnach konnten Juden, die 1933 in Kamen ansässig waren, ihre Kamener Familientradition bis ins 17. Jh. zurückführen – nicht viele Kamener Familien können das für sich in Anspruch nehmen.“

Emanzipationsbewegungen

Wie haben sich nun die Zahlen, soweit bekannt, entwickelt? Hier gibt es vor allem drei Quellen: Motzfeld (1722), Buschmann (1841) und Pröbsting (1901). Danach ergibt sich folgende Entwicklung:

722   –   5 Familien

1725   –   4 Familien ohne Freizügigkeit

1802   –   43 Personen

1816   –   54 Personen

1830   –   12 Familien; Kaufleute, Handelsleute und Metzger;

Buschmann kommentiert das: „Die Bevölkerung der Stadt besteht zwar zum größten Theile aus Evangelischen, doch leben hier auch viele Katholiken und 12 jüdische Familien. Diese Verschiedenheit religiöser Bekanntnisse übt jedoch auf das bürgerliche Leben durchaus keinen störenden Einfluß.“ Und weiter: „Schon seit undenklichen Zeiten wohnten hier einige Schutzjuden, die, gegen Erlegung einer jährlichen Abgabe, ungestört ihren Geschäften nachgehen konnten. Seit etwa 3 Jahrzehnten (Anm.: das schreibt Buschmann etwa 1840) hat sich die Zahl der hiesigen Israeliten vermehrt, ihre Geschäfte haben an Ausdehnung gewonnen und ihr Wohlstand ist sehr gewachsen.“

1840-88 Personen; 9 Kaufleute: 8 Händler mit seidenen, wollenen und baumwollenen Waren, 1 Eisenhändler

1847   –   108

1880   –   113

1885   –   119

1895   –   105

1897   –   109

1899   –   130

1900   –   135

1910   –   112

1925   –   90

1933   –   56

1938   –   33

1939   –   20

1940   –   11

Es wird deutlich, daß von der Mitte des 19. Jh. an die Zahl der Juden in Kamen kontinuierlich zunimmt. Dazu haben mehrere Entwicklungen beigetragen. 

Zum einen brachte Napoleon zu Anfang des 19. Jh. die in Frankreich schon vorher eingeführte Judenemanzipation auch ins Königreich Westfalen, das von „König Lustik“4 in Kassel regiert wurde, namentlich ins westlich angrenzende  Großherzogtum Berg, zu dem die Grafschaft Mark von 1807 bis 1813 gehörte. Diese kurze Phase der französischen Besatzung brachte in vielerlei Hinsicht einen Modernisierungsschub. 1807 verkündete der Großherzog Joachim Murat, daß es „die höchste landesherrliche Absicht ist, dieselben (Anm.: die Juden) allmählich in die nämlichen Rechte und Freiheiten zu setzen, denen (sic) die übrigen Einwohner genießen“. Allerdings wurden viele Rechte kurz danach wieder zurückgenommen. 

Im Zuge der preußischen Reformbewegung nach dem Zusammenbruch gegen Napoleon, mit dem Namen des Reformers Karl August von Hardenberg verbunden, wurde 1812 das Edikt erlassen: „Die Juden und deren Familien sind für Einländer und preußische Staatsbürger zu achten.“ Diese Gleichstellung mit allen anderen eröffnete den Juden den Weg zur bürgerlichen Existenz. Seit dieser Zeit haben sie auch erbliche Familiennamen. Natürlich tauchte die Frage auf, was für Namen sie bekommen sollten, war es doch u.a. erklärtes Ziel, dadurch zur Integration beizutragen. Darum gab es viel Streit, weil die örtlichen Behörden nicht immer bereit waren, den Regierungsanweisungen zu folgen.

An den Befreiungskriegen gegen Napoleon nahm der 17-jährige Salomon Herzberg aus Kamen als Freiwilliger im 1. Westfälischen Kavallerie-Regiment teil. Er fiel 1815 in der Schlacht von Ligny, zwei Tage vor Waterloo, einziger Gefallener aus Kamen. 

Auf dem Wiener Kongress 1815 wurden viele dieser Verbesserungen wieder zurückgenommen, allerdings hatten viele Juden die von den Franzosen eingeräumten Chancen ergriffen und waren erfolgreiche „sehr gute ruhige Bürger“ geworden. 

Am 23. Juli 1847 trat ein Gesetz in Kraft, das Juden erneut Freizügigkeit und Handelsfreiheit zusicherte. Das bedeutete ebenfalls, daß die Juden nunmehr offiziell als Religionsgemeinschaft und als juristische Körperschaft mit eigener Vermögensverwaltung anerkannt wurden. Und daß jüdische Lehrer von der Regierung konzessioniert wurden, Deutsch als Unterrichtssprache das Hebräische ersetzte und jetzt auch für alle jüdischen Kinder Schulpflicht bestand.

Bismarck unterzeichnete 1869 das „Gesetz betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung“, was die Gleichstellung der Juden in Deutschland bedeutete, auch wenn der Antisemitismus damit nicht verschwand. Und ihre Gleichstellung hieß für die Juden alle Rechte und Pflichten, wie jedermann sie zu erfüllen hatte, also auch, daß sie zum Militärdienst eingezogen werden konnten. Zwei Kamener Juden nahmen am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 teil, im Ersten Weltkrieg wurden mehrere Kamener Juden mit dem EK II ausgezeichnet.

Ab der Mitte des Jahrhunderts nahm die Industrialisierung Deutschlands rasant zu. Die Wirtschaft blühte auf, auch die Juden profitierten von dieser Entwicklung. Vielen gelang es, sich aus dem ärmlichen Dasein als Hausierer durch wirtschaftlichen Erfolg in bürgerliche Verhältnisse emporzuarbeiten. Dazu trug sicherlich auch der Drang der Juden nach Bildung bei. Bildung war mobiles Gut, mobiles Vermögen, das ihnen nicht weggenommen werden konnte, das sie immer bei sich hatten, wenn sie wieder einmal vertrieben wurden. Ihr Bildungshunger trug zu ihrem Erfolg bei, weckte aber auch den Neid der weniger Erfolgreichen. Die jüdischen Gemeinden blühten auf, überall wurden neue Synagogen gebaut. Spannung entstand, wo traditionelle Juden und Reformjuden aufeinandertrafen. Letztere wandten sich der Moderne zu und zeigten starke Tendenz zur Assimilation, wozu offenbar auch die Kamener Juden gehörten (s. weiter u.).

Synagoge

Schon früh gab es ein jüdisches Bethaus, eine Synagoge, in Kamen. Das erste soll in der Mühlenstraße gestanden haben, das ist die heutige Bahnhofstraße zwischen dem Markt und der Mühle an der Maibrücke, doch ist nicht bekannt, wo genau. Dann erwähnt Buschmann eine „jetzt dem Herrn Pröbsting gehörende […] Scheune“ als Bethaus. 1756 bauten „die hiesigen jüdischen Eingesessenen“ eine neue Synagoge an der Cämstraße (heute Kämerstraße: der südliche Teil dieser Straße hieß Judengasse), die jedoch „klein und schlecht“ war. Sie soll eine hebräische Inschrift über der Haustür getragen haben: „Dieses Versammlungshaus ist entstanden zur Ehre Gottes im 3. Monat (Siwan) des Jahres 5450.“. Nach der christlichen Zeitrechnung wäre das 1689. 1830 wurde ein neues Gebäude, das aus Spenden der kleinen Gemeinde bezahlt wurde, an derselben Stelle errichtet. Dabei dürfte es sich um das Fachwerkhaus handeln, das am 14. Mai 1973 abgebrochen wurde. Dort steht heute ein Lebensmittelmarkt.

Abb. 4: Die alte Synagoge

Abb. 5: Luftphoto von Kamen; die Synagoge ist rechts oben, gegenüber dem hellen, einzeln stehenden Haus der Familie Evers (s.a. Abb. 12)

Abb. 6: Die Synagoge (zwischen den Pappeln) vom Sesekedamm aus gesehen

Abb. 7: Die Synagoge (ganz links am Bildrand) vom überschwemmten Mersch her gesehen

Kurz vor der Jahrhundertwende 1899/1900 erreichte die Kamener jüdische Gemeinde ihre größte Anzahl von 135 Personen. Die alte Synagoge wurde zu klein und mußte durch eine neue ersetzt werden. Die Gemeinde erwarb daher ein Grundstück an der Grünen Straße (heute etwa die Auffahrt zur Hochstraße von der Bahnhofstraße her). Der Erlös aus der Versteigerung (6.500 Mark) der alten Synagoge an den Metzger Joseph Jacob5  trug wesentlich zur Finanzierung des Vorhabens bei.

Abb. 8: Die neue Kamener Synagoge

Schon ein Jahr später legte der Dortmunder Architekt Max Lorf einen Bauplan vor. 1901 stand der Neubau, der sich durch seinen neuromanischen Baustil kaum von seiner Nachbarschaft abhob. Wegen Pfuschs am Bau stürzte ein Teil des Baus vor der Fertigstellung ein.

Abb. 9: Ein Stein, vermutlich aus der neuen Synagoge stammend (im Museum)

Abb. 10: Gebetbuch, vermutlich aus der neuen Synagoge stammend (im Museum)

Abb. 11: Die Synagoge stürzt zum Teil ein

Abb. 12: Familie  Evers vor der Synagoge (s.a. Abb. 5)

Abb. 13: Familie Siekman feiert Hochzeit vor der Synagoge (die Mauer rechts gehört zum Amtsgericht, heute Museum)

Der Bau hatte große Ähnlichkeit mit der Dortmunder Synagoge (auch hier war Lorf einer der Architekten), beide wiesen einen großen zentralen Rundbau mit einer Kuppel auf, allerdings war die Kamener Synagoge mit 100 Plätzen deutlich kleiner. Wie sehr die Kamener Juden assimiliert waren, wie sehr sie sich also in ihrer Heimatstadt zu Hause fühlten, wird an der Einweihungsfeier am 15./16. November 1901 deutlich. 

Abb. 14: Zeitungsannonce zur Einweihung der Synagoge

Damit alle Kamener, vor allem die Honoratioren der Stadt, teilnehmen konnten, fand am Abend des 16. November 1901, an einem Sabbat, ein Festball statt! Und alle, alle kamen, auch die Pfarrer der christlichen Gemeinden – nur der Bürgermeister Adolf von Basse ließ sich entschuldigen, obgleich ihm sicherlich keine Judenfeindlichkeit nachgesagt werden konnte. Und so, wie die christliche Gesellschaft an der Einweihung der Synagoge teilgenommen hatte, kamen Vertreter der jüdischen Gemeinde zur Konsekration der Kirche Hl. Familie im Oktober 1902. 

Abb. 15: Redaktionelle Ankündigung

Und schon seit einigen Jahrzehnten nahmen die Kamener Juden rege am Kamener Vereinsleben teil. Sie stellten Schützenkönige, sangen in den Männer-Gesangvereinen aktiv mit, stellten Vorsitzende. Dennoch wurden in dieser Zeit zwei Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof geschändet. 

Diese Synagoge war natürlich auf lange Zeit angelegt, und so entstand in ihr ein reges Gemeindeleben. Niemand konnte wissen, daß sie nur bis 1938 ihren Dienst tun würde. In diesem Jahr hörte die jüdische Gemeinde Kamen auf zu bestehen. Viele hatten Kamen bereits verlassen, sich vor den Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht. Viele aber wurden Opfer der Verfolgung durch die Nazis. Von den 135 Juden in Kamen (1900) waren 1933 noch 56 in ihrer Heimatstadt. 

Und was geschah mit der Synagoge? 1938 entzogen die Nazis allen jüdischen Gemeinden ihren Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts, stuften sie nur noch als bloße Vereine ein. Somit wurde es zu schwer für die noch verbliebenen Juden, die Kosten ihrer Synagoge zu tragen, außerdem war die Zahl der Gemeindemitglieder inzwischen so klein geworden, daß die erforderlichen 10 Männer für die Abhaltung des Gottesdienstes nicht mehr zu finden waren. Schließlich kaufte die Stadt Kamen unter dem Bürgermeister Otto Braunheim Grundstück und Gebäude für den Schleuderpreis von 3.600 Mark ließ sogleich den Davidstern von der Kuppel entfernen und begann bald mit dem Abriß des Gebäudes.

Abb. 16: Der Abbruch Synagoge wird angekündigt

Wie sehr die Nazis in den Alltag eingriffen, mögen die folgenden zwei Beispiele demonstrieren: es gibt einen ermäßigten Gepäcktarif für Arier – ist Kleinlicheres vorstellbar? Und gleichzeitig Wirkungsvolleres? Abb. 17:  Ermäßigter Gepäcktarif für Arier

Und wenn der „Führer“ sprach – dafür gab es den „Volksempfänger, ihn hatte der geniale Propagandist Joseph Göbbels als Medium mit enormer Reichweite früh erkannt – wurde diese Rede landesweit übertragen und möglichst viele Leute hingelockt. Diese beiden Beispiele zeigen, in welchem Ausmaß die Nazis das Alltagsleben regulierten.

Abb. 18: Eine Führerrede ist Pflichtveranstaltung für Parteigenossen

Nach dem Kriege verklagte die Jewish Trust Corporation, die in Fällen, wo keine Erben zu ermitteln waren, tätig wurde, die Stadt Kamen wegen des viel zu niedrigen Kaufpreises der Synagoge. 1954 mußte Kamen in einem Vergleichsverfahren DM 15.000 an die Corporation zahlen. 

Das Synagogengrundstück war der Stadt willkommen, weil man hier eine Adolf-Hitler-Straße bauen wollte. 

Abb. 19: Neue Straßennamen  für Kamen

Abb. 20: Adolf-Hitler-Straße

Das immerhin blieb Kamen erspart. In der sogenannten Reichskristallnacht am 9. November 1938, heute Pogromnacht genannt, gab es brutale Ausschreitungen gegen Kamener Juden, jüdische Geschäfte wurden beschädigt und von vielen anschließend gemieden, es kam zu ersten Inhaftierungen. In der Folgezeit wurden immer mehr Geschäfte geschlossen, manche „arisiert“, d.h., zum Schleuderpreis von Nachbarn übernommen.

Die unbenutzte Synagoge verfiel, Kamener Schüler, die der Hitlerjugend angehörten, zerschlugen Fenster und schändeten sie. Im Krieg erhielt sie einen Treffer und wurde 1946 abgerissen.

Abb. 21: Die Edelstahltafel am früheren  Standort der neuen Synagoge

Heute erinnern an diese Synagoge eine Edelstahltafel bei den Garagen hinter der Kanzlei Weskamp und eine Mauerruine an der Hochstraßenauffahrt, an der am 27. Januar jeden Jahres, dem Auschwitz-Tag, eine Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung stattfindet. 

Abb. 22: Die Mauerruine zur Erinnerung an die Kamener Juden

An dieser Mauer wurde 1978 eine Tafel angebracht, die in einem wichtigen Detail falsch war: „Zur Erinnerung an unsere jüdischen Mitbürger, die in den Jahren 1933 – 1945 Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Hier stand das am 9. November 1938 zerstörte Gotteshaus der Synagogengemeinde Kamen. Die Bürger der Stadt Kamen.“ Der 1989 korrigierte Text lautet: „Zur Erinnerung an unsere jüdischen Mitbürger, die in den Jahren 1933 – 1945 Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Die Bürger der Stadt Kamen.“

Nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Zahl der Kamener Juden kontinuierlich ab. An den Zahlen nach 1933 erkennt man, daß die Politik der örtlichen Nazis begann, sich auszuwirken:

1910   –  112 Personen

1925   –   90

1933   –   56

1938   –   33

1939   –   20

1940   –   11

1943   –   0

Schulwesen

Schon 1680 hatten die Kamener Juden eine eigene Schule. In der Synagoge von 1756, die in der Judengasse stand, gab es eine Lehrerwohnung und ein kleines Schulzimmer, im Neubau an derselben Stelle ebenfalls. Der Vorsänger in der Synagoge war gleichzeitig Lehrer in der Schule. Alle Kosten für die Schule trug die jüdische Gemeinde selbst. Das führte zu heftigem Streit: Sollten alle Gemeindemitglieder sich an den Kosten für die Schule beteiligen oder nur die Eltern der Schüler? Das änderte sich erst 1874, als die Schule als öffentliche Volksschule anerkannt wurde. Das bedeutete, daß der Lehrer „als öffentlicher Volksschullehrer in dem Genuß aller Zulagen und Wohlthaten“ war. Das war besonders bemerkenswert, weil die Zahl der jüdischen Schüler immer nur sehr gering war, niemals mehr als 15 (1885). Das für den Unterhalt der Schulen und des Unterrichts nötige Geld konnte die Stadt Kamen sich leisten, weil die Zeche Monopol ihren Vollbetrieb aufgenommen hatte und, wie alle größeren Arbeitgeber mit mehr als 40 Arbeitern, eine Kopfgewerbesteuer von 10 bis 15 Mark zu entrichten hatte. Die Stadt zahlte auch der jüdischen Schule 10 Mark für jedes Schulkind. Und natürlich gingen viele jüdische Kinder auf die weiterführenden Schulen Kamens. Ab 1933 durften jüdische Kinder nicht mehr zur Kamener Oberschule gehen, sie gingen stattdessen zum Lyzeum nach Unna.

Für den Unterricht mußte von der Gemeinde allerdings ein Raum angemietet werden. 1894 kaufte sie schließlich für 14.000 Mark ein Haus in der Wilhelmstraße (heute Hanenpatt) und richtete hier ihre Schule mit Lehrerwohnung ein. Da gleichzeitig auch die neue Synagoge an der Bahnhofstraße/Grünen Straße gebaut wurde, bemerkt Pröbsting: „Diese wird ein ehrendes Zeugnis für die Opferwilligkeit der jüdischen Gemeinde sein.“ Wie unabhängig in finanzieller Hinsicht die jüdische Gemeinde war, ja, sein mußte, wird von Buschmann klar gemacht: „Für ihre Armen sorgt die jüdische Gemeinde selbst und allein. Den Dürftigen werden aus einer kleinen Armencasse regelmäßige Unterstützung, und von den einzelnen Glaubensgenossen nebenher, milde Gaben verabreicht.“

Begräbniswesen

Jahrhundertelang durften Juden nicht innerhalb der Mauern einer Stadt begraben werden, zusammen mit Christen auf dem Kirchhof, weil man sie verantwortlich machte für den Tod des Erlösers7. In Kamen befand sich seit dem Ende des 18. Jh., als die Zahl der Juden in der Stadt zu wachsen begann, der jüdische Friedhof südlich des Westentores an der heutigen Koppelstraße, d.h., vor dem Galenhof, natürlich außerhalb der Stadtmauer. Der städtische Friedhof lag zu der Zeit zwischen der Chaussée nach Hamm und der Rottumer Straße, heute Hammer Straße und Derner Straße, damals direkt vor dem Ostentor, wo es noch kein einziges Haus, also Platz genug gab. Das Gelände des heutigen Stadtparks war seit 1810 (Kamen gehörte zu der Zeit zum Arrondissement Hamm im Großherzogtum Berg) der Kamener Totenhof, der erste kommunale, d.h. überkonfessionelle, Friedhof, doch stellte man nach wenigen Jahrzehnten fest, daß der Grundwasserstand zu hoch war, alle Särge im Wasser standen, was zu einer Zeit, in der man sein Frischwasser aus Brunnen holte, besonders gefährlich war. Also wurde dieser Totenhof 1866 geschlossen und ein neuer am Overberger Weg, heute Friedhofstraße, angelegt, mit dem Haupteingang an der Westseite, der Münsterstraße. Heute ist das der alte Friedhof. Jetzt endlich profitierten auch die Kamener Juden von den Neuerungen der Moderne. Sie bekommen, von der Kommune bezahlt, eine eigene Begräbnisstätte auf dem neuen kommunalen Friedhof. Buschmann schreibt: „Daß die Todten der verschiedenen christlichen Confessionen auf diesem neuen städtischen Begräbnisplatze der Reihe nach und durch­einander begraben werden, ist selbstverständlich; nur die Juden werden abgesondert begraben und ist ihnen ein dreieckiger Platz vorn am Overberger Wege zum jüdischen Begräbnisplatz eingeräumt und auf Kosten der Stadt eingerichtet worden. Dies Verfahren muß als eine Rücksichtnahme gegen die Judengemeinde bezeichnet werden, welche diese hoch anschlagen und anerkennen sollte, da ihr hier­durch die Befolgung ihrer religiösen Sitten ermöglicht wird, wel­che sich sogar die Christen auf dem Communalen Todtenhofe versagen müssen.“ Noch heute ist dieses Stückchen Gräberfeld erhalten, jedoch haben nur wenige Gräber die Naziherrschaft überdauert.

Abb. 23: Der Judenfriedhof in Kamen

Abb. 24: Leser Stern: das älteste noch erhaltene jüdische Grab, nur 23 Jahre nach Eröffnung des Friedhofs angelegt

Abschließendes

Am 19. Sept. 1941 wurde von den Nazis der Judenstern eingeführt, der von allen getragen werden mußte, die nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 rechtlich als Juden galten.

Abb. 25: Der Judenstern, der hebräischen Schrift nachgeahmt

Im Jahre 1943 war die jüdische Gemeinde Kamen ausgelöscht, im Nazi-Jargon „judenrein“. Hier ein paar Zahlen zu den Juden in Deutschland: Vor 1933 gab es ungefähr 500.000 Juden in Deutschland; die Nazis brachten 6 Millionen Juden aus ganz Europa um; im Jahr 2005 betrug die Zahl der Juden in Deutschland 108.200, seitdem ist sie kontinuierlich auf 93.695 im Jahre 2020 gesunken. 

Die jüdische Gemeinde Kamen brachte hervorragende Leute hervor:

Abb. 26: Dr. Bernhard Heymann

Bernhard Heymann, 23. April 1861 in Kamen – 10. Mai 1933 in Leverkusen

Er war einer der Chemiker, die Deutschland einmal den Beinamen „Apotheke der Welt“ eingetragen haben. 

Bernhard Heymann war der Sohn des Kamener Kaufmanns Isaak Heymann und seiner Frau Sarah Levy, die ihr Geschäft für „Manufakturwaren, Konfektion, Betten, Möbel“ in der Weststraße 20 hatten. 

Abb. 27: Das Geschäft der Heymanns in der Weststraße (links)

Er absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre, doch befriedigte ihn die damit verbundene Tätigkeit nicht. Also entschloß er sich, das Abitur nachzuholen (in Soest) und zum Studium der Chemie nach München zu gehen. An der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität promovierte er bei Wilhelm Koenigs, einem damals bekannten Chemiker, nach dem die Koenigs-Knorr-Methode benannt ist, die eine der bekanntesten Reaktionen der Kohlenhydratchemie ist, und der dem jungen Heymann wohl die ersten Impulse für seine spätere Arbeit gab. 

Im Alter von 36 Jahren erhielt er die Führung des Forschungslabors der Bayer & Co. in Elberfeld (heute Wuppertal; heute Bayer AG, Leverkusen) und führte es in kurzer Zeit zu internationalem Renommee. Die wichtigsten unter seiner Leitung entstandenen Ergebnisse betrafen chemisch-technische Prozesse wie Textilhilfsmittel (zum Färben und zum Veredeln von Textilien, z.B., um sie wasserdicht zu machen), Pflanzenschutz, Kautschukhilfsmittel (um ihm die gewünschten Eigenschaften zu geben wie z.B. Haltbarkeit, Elastizität, Biegsamkeit, Dichtigkeit usw.) und die chemische Katalyse. 

1912 wurde Heymann stellvertretendes, 1926 ordentliches Vorstandsmitglied der Bayer AG, bzw. der I.G. Farben.

Schon seit 1913 arbeitete Bernhard Heymann auch persönlich an der chemotherapeutischen Synthese. Unter seiner Leitung gelang Richard Kothe und Oscar Dressel ein Präparat, das gegen den Erreger der Schlafkrankheit wirksam ist. Wilhelm Roehl führte dieses Medikament zur Marktreife. 

Die Schlafkrankheit wird von der Tsetsefliege übertragen und führt nach einem Verlauf in drei Stadien zum Tode. Im Endstadium verfällt der Infizierte in einen schläfrigen Dämmerzustand, woher sich der Name ableitet. Das Medikament wurde zunächst als Bayer 205 eingesetzt und später „Germanin“ genannt. Für diese Entdeckung bzw. Entwicklung erhielt Bernhard Heymann hohe wissenschaftliche Auszeichnungen, u.a. die Ehrendoktorwürde der Universitäten Bonn und Dresden. Und von Frankreich, damals noch Kolonialmacht, stark in Afrika engagiert, wurde diese Erfindung so bewertet (lt. Brief seines Schwiegersohnes W.E. Brenner vom 14.4.1931): „Sie ist mehr wert als alle Reparationsleistungen.“ Er bezog sich mit seiner Aussage auf die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg auferlegten Reparationen8.

Der damalige Kamener Bürgermeister, Gustav Adolf Berensmann, gratulierte Bernhard Heymann zu seinem 70. Geburtstag. Er schrieb: „Dem bekannten Wissenschaftler und bedeutenden Sohn unserer Stadt sendet zu seinem 70. Geburtstage die herzlichsten Glückwünsche der Magistrat der Stadt Kamen. gez. Berensmann, Bürgermeister.“ Die Kamener Zeitung berichtete über die Ehrung des „bekannten Wissenschaftlers und großen Sohnes unserer Stadt Dr. phil., Dr. med., h.c., Dr. ing. e.h. Bernhard Heymann“. 

Abb. 28: Ernst Moses Marcus

Ernst Moses Marcus, 3. Sept. 1856 in Kamen – 30. Okt. 1928 in Essen

Ernst Moses Marcus’ Eltern betrieben im Haus Markt 10 in Kamen ein Geschäft für Aussteuer und Hochzeitsausstattungen. Dieses im klassizistischen Stil gebaute Haus von 1860 steht heute noch. Ernst besuchte das Archigymnasium in Soest, studierte anschließend Jura in Bonn und Berlin. 1885 kam er als Gerichtsassessor nach Kamen zurück, wurde, nach einigen Zwischenstationen, Amtsrichter in Essen. Hier begann er, sich mit philosophischen Fragestellungen zu beschäftigen. 1916 wurde er mit dem Titel „Geheimer Justizrat“ ausgezeichnet, lehnte danach alle weiteren Beförderungen ab, um sich weiter seinen philosophischen Studien, vornehmlich Immanuel Kant, widmen zu können.

Marcus veröffentlichte, neben vielen Essays und Aufsätzen in philosophischen Fachzeitschriften, 16 Bücher über die Lehre seines Lieblingsphilosophen Kant. Noch 1981 wurden ausgewählte Schriften von ihm veröffentlicht.

Abb. 29: Dr. Julius Voos und seine Frau Stephanie

Julius Voos, 3. April 1904 in Kamen – 2. Jan. 1944 in Auschwitz

Julius Voos wuchs in Kamen, Schulstr. 2, mit fünf Geschwistern auf. Er wur­de dort Schüler der evangelischen Wilhelmschule (andere Quellen sprechen von der benachbarten Diesterwegschule) (bis 1918) 

Abb. 30: Julius Voos mit seiner Schulklasse (2. Reihe, 3. von rechts, um 1913)

Abb. 31: Julius Voos als Rabbiner

Abb. 32: Die Metzgerei Voos (1. Haus links) in der Schulstraße, um 1930

Abb. 33: Die Schulstraße, vom Turm der Pauluskirche gesehen, 1930er Jahre 

und war anschließend sechs Jahre zur Lehrerausbildung als Internatsschüler in der Marks-Haindorf-Stiftung9 in Münster. Er bestand 1923 das Religionslehrer-, 1924 das Vorbeter- und Volksschullehrerexamen. Seine erste Anstellung erhielt er von 1924 bis 1928 als Religionslehrer und Kantor in Meisenheim am Glan/ Pfalz. 

Im Selbst­studium bereitete er sich neben seiner Lehrertätigkeit auf das Abitur vor, das er als Externer an der Ober­realschule in Idar-Oberstein am 10.10.1927 bestand. Er studierte anschließend an der Berliner Universi­tät und an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“ Philosophie, Geschichte, Psychologie und Religionsgeschichte u.a. Dr. Leo Baeck.

Voos wurde in Bonn zu einem Thema über die Geschichte der messianischen Be­wegung im Judentum (16. Jh.) zum Dr. phil. promo­viert.

Nach dem Rabbinerexamen fand er eine An­stellung in Guben/Niederlausitz. In der Pogromnacht 1938 ging die Synagoge seiner Gemeinde in Flammen auf. Julius Voos wurde im KZ Buchenwald inhaftiert und erst nach einigen Wochen freigelassen, weil seine Frau inzwischen die Emigration der Familie nach China eingeleitet hatte, die dann aber nicht zustande kam. 

Am 19.1.1939 ver­zog Julius V. mit seiner Frau nach Münster. Dort wurde er von der Gemeinde als Rabbiner und, an der Marks-Haindorf-Stiftung, als Lehrer eingestellt. Bis 1940 scheiterten alle Emigrationspläne u.a. am Geldmangel. Er war seit 1926 Eigentümer des elterlichen Hauses und musste 1940 nach langen Verhandlungen dem Verkauf an einen früheren Nachbarn in Kamen unter dem Einheits­wert zustimmen („Arisierung“).

Am 30.3.1942 wur­de er zur Zwangsarbeit in einer Fahrradfabrik in Bielefeld herangezogen und wohnte mit seiner Familie dort in den „Judenhäusern“10. Am 2.3.1943 wurde er einem Berliner Transport zu­geteilt und nach Auschwitz deportiert. Während sei­ne Frau und sein Sohn in der Gaskammer ermordet wurden, wurde er an der Rampe „selektiert” und kam anschließend u.a. ins Lager Auschwitz III (Mo­nowitz), wo er bei Hungerverpflegung Schwerstarbeit zu leisten hatte.

Laut Zeugnis eines Überle­benden war Julius Voos, der letzte Rabbiner in Münster, der einzige Rabbiner in Auschwitz, der das „Lager er­barmungslos mitgemacht, schwerst gearbeitet, ge­hungert und gedurstet und die Kameraden noch auf­gerichtet” hat. Es ging mit ihm ein „vorbildlicher Mensch, der für jeden ein gutes Wort hatte, zugrun­de.” 

Abb. 34: Der Stolperstein zum Andenken an Dr. Julius Voos

In Münster und in Kamen (seit Dez. 1996) gibt es je eine Gasse, die seinen Namen trägt.

Abb. 35: Julius-Voos-Gasse

Zum Schluß möchte ich Klaus Goehrke zitieren, der, gegen Ende seines Buches „Weil wir Juden waren“, folgende Einzelheiten aufführt:

„So konnte denn, im Nazijargon, festgehalten werden: 1943 war Kamen „judenrein“. Halten wir abschließend fest, wessen wir gedenken müssen. Es ist eine lange Liste. Mindestens 29 Kamener Bürger sind Opfer der Deportationen geworden, sei es, daß sie direkt aus Kamen über Dortmund in den Tod geschickt wurden sei es, daß sie zur Deportationszeit  schon außerhalb von Kamen, vielleicht sogar in den Niederlanden, gewohnt hatten. Hinzu kommen mindestens 35 Ermordete, die in Kamen geboren sind oder zeitweise hier gelebt haben, jedoch vor 1933 in einen anderen Ort verzogen waren. Die Todesorte sind längst nicht immer bekannt. Am häufigsten, über zwanzig mal, müssen wir an Auschwitz denken, dann an die schrecklichen Ghettos von Riga, Zamosz und Lodz und die damit verbundenen ostpolnischen Vernichtungslager. 

Sicherlich kann man auch einen Teil der in den Jahren der Verfolgung verstorbenen Juden zu den Opfern zählen, vor allem die aus Kamen Geflüchteten, die durch ihren vorzeitigen Tod der Deportation entgingen. Es sind Abraham Jacoby, der im Juli 1939 in Haarlem verstarb; Johanna Langstadt, geb. Stern, die 51-jährig 1939 in Nijmwegen verschied, und Anna Odenheimer geb. Heymann, die 1943 mit ihrem Mann Max Odenheimer in Amsterdam zu Tode kam.

Nur von fünf der Deportierten ist bekannt, daß sie die Lagerhaft überlebt haben. Und den etwa 60 Opfern stehen insgesamt ungefähr 50 mit Kamen verbundene Juden gegenüber, die sich rechtzeitig durch die Emigration nach England, Amerika oder Israel retten konnten.“

Heute

In Kamen gibt es nach Auskunft der jüdischen Gemeinde Unna heute fünf oder sechs Juden, die jedoch nicht der liberalen Unnaer Gemeinde angehören. Die jahrhundertelange jüdische Geschichte Kamens ist erloschen. In Kamen sind keine antijüdischen Handlungen aus den letzten Jahren bekannt, doch mag, nein kann man es nicht glauben, daß es heute schon wieder (noch immer?) Antisemitismus in Deutschland und Europa (und anderswo in der Welt, etwa im Nahen Osten) gibt. Wir fallen zurück in überholt geglaubte Verhaltensweisen. Aus der Geschichte lernen? Manche, zu viele, nie.

Einzelne aus Kamen vertriebene Juden haben nach dem Krieg immer mal wieder ihre ehemalige Heimatstadt besucht. Eine jüdische Familie hat vor nicht allzu langer Zeit Kamen verlassen, es gibt  in Kamen keine jüdische Gemeinde mehr. Seit 2006 wurden in Kamen 50 Stolpersteine verlegt. Seit 1980 ist Eilat in Israel eine der Kamener Partnerstädte. 

Abb. 36: Das Eilater Wappen am Partnerschaftsbrunnen in Kamen

Abb. 37 : Der Davidstern

Jüdisches Leben in Kamen ist Erinnerung, dank den Stolpersteinen. Wie schön wäre es, wenn Juden selbstverständlich wieder dazugehörten, ohne Diskriminierung, ohne Hervorhebung. Einfach als Kamener.

KH

Nachbemerkung: Wer das Thema vertiefen möchte, sollte zu Klaus Goehrkes Buch „Weil wir Juden waren“ greifen (vgl.a. Quellenangaben)

Fußnoten:

1 Dieses Ritualmordmotiv entstand Anfang der 1250er Jahre in der ostenglischen Stadt Lincoln, als die Leiche eines kleinen Jungen, gen. Hugh, in einem Brunnen gefunden wurde. Umgehend entstand das Gerücht, er sei von Juden entführt und bei einer Scheinkreuzigung ermordet worden. Ein Mann namens Copin wurde verhaftet und gestand unter der Folter, daß fast alle Juden Englands hinter dem Tod des Jungen standen. Copin wurde hingerichtet, und mit ihm 18 weitere Juden. Dieser Fall führte letztendlich zur Ausweisung aller Juden aus England durch Edward I. im Jahre 1290.

2 Die Grafschaft Mark existierte von 1180 bis 1391; von 1391 bis 1521 Grafschaften Kleve und Mark in Personalunion vereinigt; 1521 trat der Herzog von Jülich-Berg die Nachfolge in Kleve-Mark an, bis 1609; in diesem Jahr vorläufig, 1666 bei einem Erbvergleich endgültig, gelangten diese Territorien an Brandenburg; 1701 wurde Brandenburg das Königreich Preußen; von 1807 bis 1813, unter französischer Herrschaft, gehörte das Territorium der ehemaligen Grafschaft Mark zum Großherzogtum Berg; von 1813 bis 1918 war es preußisch. Hier wird exemplarisch deutlich, wie genealogische und dynastische Verhältnisse, Erbstreitigkeiten, Kriege, politische Ambitionen u.a. das Schicksal der Menschen prägten.

3 11. – 30. November 1215; Lateran: päpstlicher Bereich im Zentrum Roms

4 Jérôme Bonaparte, ein Bruder Napoleons; angeblich waren seine Worte „Morgen wieder lustik“ alles, was er an Deutsch konnte.

5 Goehrke berichtet hierzu eine groteske Geschichte: „Ab etwa 1926 wohnte dort die Familie des SA-Mannes Alerich S., der bei den späteren großen Saal- und Straßenkämpfen in Kamen bis zur Machtübernahme durch den Führer eine maßgebende Rolle spielte und den ältesten Kamener SA-Sturm -ehrenhalber- … geführt hat.“

6 Dortmunder Straße – heute: Dortmunder Allee; Hermann-Göring-Straße – heute: Borsigstraße; Hindenburgdamm – heute: Sesekedamm; Horst-Wessel-Platz – heute: etwa dort, wo sich die Auffahrt von der Koppelstraße zur Hochstraße befindet; Horst-Wessel-Straße – heute: Koppelstraße; Gondelteich – Koppelteich, heute Koppelteichpark; die Vinckestraße war die Verbindung zwischen dem Amtsgericht (heute: Museum) über die Vinckebrücke zum Schwesterngang

7 Die Juden für den Tod des Erlösers verantwortlich zu machen, geht auf die Kirchenväter des 4. Jh. zurück. Daß Jesu 12 Jünger (und er selber) alle Juden waren, ist klar, doch wird dieses Jüdischsein ausschließlich Judas zugeschrieben, wozu sein Name sicherlich beiträgt. Judas verrät Jesus und wird so, als paradigmatischer Jude, für den Tod des Erlösers verantwortlich gemacht.

8 Um diese Aussage richtig einordnen zu können: Im Versailler Vertrag wurde zuerst festgelegt: 20 Milliarden Goldmark – das entsprach ca. 7.000 Tonnen Gold – sollte Deutschland innerhalb von drei Jahren zahlen. Das war nicht möglich, also geriet Deutschland in Rückstand und sollte daraufhin  269 Milliarden Goldmark in 42 Jahresraten abstottern.

9 Die Marks-Haindorf-Stiftung war eine wohltätige Körperschaft des öffentlichen Rechts in Münster und widmete sich der Integration der jüdischen Bürger Westfalens, benannt nach den Stiftern Elias Marks und Alexander Haindorf. Sie bestand von 1825 bis 1940 und unterhielt in MS ein Schule. Außerdem förderte sie „Handwerke und Künste unter den Juden“.

10 In der NS-Sprache Häuser aus ehemals jüdischem Besitz, in die ausschließlich Juden als Mieter zwangseingewiesen wurden, um Wohnraum für Arier freizumachen.

11 Ein Wort zur Verwendung des Wortes „Jude: Der Duden rät von der Verwendung dieser Bezeichnung ab, weil sie als diskriminierend empfunden werden könnte. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden (sic!) in Deutschland, sagt dazu, „Jude“ sei kein Schimpfwort, und daß er sich mit diesem Wort auf Augenhöhe mit Katholiken und Protestanten sehe (Jüdische Allgemeine, 3. Feb. 2022), und Ayala Goldmann, Kommentatorin bei der Jüdischen Allgemeinen, erklärt, daß sie keinen Juden kenne, der dieses Wort als diskriminierend empfinde. Es sei eher Nichtjuden unangenehm, weil sie sich immer noch an den nationalsozialistischen Mißbrauch der Bezeichnung erinnert fühlen. (Jüdische Allgemeine, 7. Feb. 2022)

Literatur:

Goehrke, Klaus, „Weil wir Juden waren“, Schicksal der Juden in Kamen, Kamen 1999

Goehrke, Klaus,  Burgmannen, Bürger, Bergleute, Eine Geschichte der Stadt Kamen, Greven 2010

Hermann-Ehlers-Gesamtschule Kamen, Spuren jüdischen Lebens in Kamen von 1900 – 1945, Werne 1998

Holland, Tom, Herrschaft. Die Entstehung des Westens, 3. Aufl., Stuttgart 2021

Holzer, Klaus, Bernhard Heymann, Chemiker aus Berufung, in: Beiträge zur Geschichte Kamens, Kamen 2016

Khariakowa, Alexandra, Jüdische Gemeinde Unna, im Gespräch 

Kistner, Hans-Jürgen (Bearb.), Kamen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Münster 2016, S. 484 – 496

Möllenhoff, Gisela, Julius Voos, Ein Kamener Junge, StA, in Kopie 

Moore, Charles, The Spectator’s Notes, The Spectator, 12th February 2022

Paulus, Julia (Bearb.), Zwischen Kulturkampf und Glaubensvielfalt, Religiosität und Kirchen, in: 

Westfalen in der Moderne, 1815 – 2015; LWL-Institut für Westfälische Regionalgeschichte, Münster 2015

Rennspieß, Uwe, Von der Weltwirtschaftskrise zur Gleichschaltung, Stadtgeschichte und Kommunalpolitik Kamens 1929 – 1933, Essen 1992

Simon, Theo, Kleine Kamener Stadtgeschichte, Kamen 1982

Zeitungen: Camener Zeitung vom 2.11.1901; Camener Zeitung vom 14.12.1901; Volksblatt vom 23.  24.1938; Volksblatt vom 26.9.1938; Volksblatt vom 24.10.1938; Volksblatt vom 12.12.1938, alle im StA Kamen

Bildquellen:

Abb. 1 – 3, 28 & 37: Wikipedia

Abb. 4, 5, 8, 11 – 20, 26, 29 & 30: StA Kamen

Abb. 6, 7, 27, 32 & 33: Archiv KH

Abb. 9, 10, 21 – 25, 34 – 36: Photo KH

Abb. 31: Leo Baeck Institute New York

Flurnamen: Malter – Scheffel


von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

„Malter“ und „Scheffel“ sind sicherlich zwei Wörter, die einmal zum täglichen Sprachgebrauch der Ackerbürger und natürlich auch der Bauern in unserer kleinen Ackerbürgerstadt gehörten. Und bestimmt gebrauchten unsere Vorfahren sie noch lange, nachdem 1799 das Dezimalsystem in Paris deklariert wurde, zunächst der Meter, dann alle anderen Maße, Fläche und Hohlmaße, die dann offiziell seit den 1890er Jahren auch in Deutschland galten. (Und wie lange wird es wohl noch dauern, bis auch das letzte alltäglich gebrauchte nicht-metrische Maß aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sein wird: viertel, halbes, dreiviertel Pfund? Und im landwirtschaftlichen Bereich mag es auch noch eine Zeitlang den „Morgen“ geben.)

                      Abb. 2: Scheffelmaß

„Scheffel“ ist ein altes Hohlmaß für Getreide und Hülsenfrüchte. Das Wort war schon im Althochdeutschen bekannt: skeffil, dann mhd. scheffel, auch in der Form schepel geläufig. Dieses Maß wurde bald auch als Flächenmaß verwendet und bezeichnete soviel Boden, wie man mit einem Scheffel Körner besäen kann. Zum Abmessen der richtigen Menge wurde das Gefäß gefüllt und dann am oberen Rand glatt gestrichen.

Die Menge eines Scheffels schwankte regional sehr stark, daher war ein Scheffel keine verläßliche Größe. Die Bandbreite eines Scheffels variierte je nach Region, ja sogar nach Ortschaft zwischen 23 und 223 Litern. Entsprechend verhielt es sich mit dem Flächenmaß: mit einem Scheffel Saatgut konnte man 1 bis 2½ Morgen besäen.

Kein Wunder, daß hier eine Vereinheitlichung dringend nötig war. in den 1890er Jahren hatten sich Standardmaße durchgesetzt, was größere Rechtssicherheit brachte. Dieses Hohl- wie auch Flächenmaß galt bis zum Beginn des 19. Jh. Dann setzte sich der preußische Morgen als Flächenmaß durch (Westfalen war seit dem Wiener Kongreß 1815 preußische Provinz), wonach das Hohlmaß Scheffel ganz von allein obsolet wurde.

Eng verwandt mit dem Scheffel ist der Malter, ebenfalls ein Hohlmaß, das meist 4 Scheffel, jedoch bei uns im Hellwegkreis ca. 24 Scheffel enthielt.

Abb. 3: Wilhelm Busch: Bauer Mecke (aus Max und Moritz)

„Malter“ ist ein Hohlmaß für Getreide und Hülsenfrüchte, das allerdings eine beträchtliche Menge enthielt, weswegen i.d.R. das kleinere Maß „Scheffel“ für den täglichen Gebrauch viel wichtiger war.

Das Sträßchen „Malter“ gibt es in Kamen seit 1924. Damals hieß es „Am Malter“, es war von Anfang an eine Anliegerstraße. Seit Juni 1968 heißt es nur noch „Malter“.

Abbildungen:

Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2: Leihgabe aus der Heimatstube Hörste bei Halle in Westfalen im Museum Halle;     Abb. 3: aus: Wilhelm Busch, Und die Moral von der Geschicht, Hrsg. Rolf Hochhuth, Gütersloh 1959

Quellen: 

Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erw. Auflage, Münster 2014; Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017; Stadt Kamen

16. ZZ des KKK: Schönheit – Macht oder Ohnmacht?

zusammengefaßt von Klaus Holzer

Schönheit – Zusammenfassung

vlnr Robert Badermann, Dr Heinrich-Wilhelm Drexhage und Klaus Holzer vor „Kleinen Galerie der Schönheit“, die die Referenten als Auftaktbild zusammengestellt hatten (Photo: Stefan Milk, HA)

 

Mit reichlich anderthalbjähriger Verspätung konnte der KKK endlich sein 16. ZZ durchführen. Am 11.11.2021 fand es am gewohnten Ort statt, im Saal der Hauses der Kamener Stadtgeschichte. „Schönheit – Macht oder Ohnmacht?“ lautete der etwas spröde Titel, der aber gut 20 Zuhörer nicht von ihrem Besuch abhielt. In seiner Anmoderation erläuterte Klaus Holzer die Überlegungen, die dem Thema vorangingen. 

Nach heutigem Verständnis ist Schönheit subjektiv: „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“ Der erste Referent, Dr. Heinrich-Wilhelm Drexhage, legte später dar, daß es im antiken Griechenland und sogar noch in der Renaissance anders war.

Schönheit war für den Menschen immer ein wichtiges Thema, was sich u.a. darin zeigt, daß „schön“ in vielen Redensarten verwendet wird: Frauen sind (waren?) „ das schöne Geschlecht“, Männer das starke (immer noch?), selbst für das Gegenteil muß sie herhalten: „Das ist ja eine schöne Bescherung.“

Schönheit übt heute durch ihre ständige Präsenz Einfluß auf fast alles aus. Wer kann sich ihr schon entziehen, der ständig auf uns einstürzenden Bilderflut entfliehen? Darin besteht ihre Macht. Schnell aber wurde klar, daß sie ohne ihr Gegenteil, Mängel oder gar Häßlichkeit nicht zu haben ist; die Rose nicht ohne ihre Dornen (Goethe im „Heideröslein“, weitere Beispiele sind William Blake, „The Sick Rose“, Charles Baudelaire, „Les Fleurs du Mal“); im Barock erinnerte ein Totenschädel am Fuße jedes Gemäldes den Betrachter an seine Sterblichkeit (vanitas-Motiv). Und es gibt genug Beispiele, die den Gegensatz zwischen innerer und äußerer Schönheit belegen: Quasimodo, der furchtbar häßliche und verkrüppelte „Glöckner von Notre Dame“ hat ein Herz aus Gold und rettet Esmeralda vor ihren Verfolgern; die schöne Königin hingegen, Schneewittchens Stiefmutter, hat ein Herz aus Stein; der junge, schöne Dorian Gray will nicht altern, er läßt sich ein Porträt malen, das statt seiner altert. Gray wird immer maßloser und grausamer, bleibt aber jung und schön, nur wenn er sein Porträt anschaut, sieht er sein wahres Ich (Oscar Wilde, „The Picture of Dorian Gray“). Und der Atompilz* ist nach allen äußeren Kriterien „schön“, weil ebenmäßig, doch weil wir um seine zerstörerische Kraft wissen, können wir seine Schönheit nicht akzeptieren.

Bei aller Subjektivität unserer Vorstellung von Schönheit scheint gesichert, daß Harmonie, Proportionalität und Symmetrie für Schönheit konstitutiv sind: Ebenmaß.

Im Zentrum des Abends stand der Mensch (mit kleinen Ausflügen in Architektur, Natur und Kunst) im europäischen Kulturkreis.

Teil I: 

Die antike griechische Auffassung von Schönheit

Zu Beginn seines Vortrags stellte Dr. Heinrich-Wilhelm Drexhage einige allgemeine Aussagen über Schönheit vor, die im Kern feststellten, daß Schönheit grundsätzlich eine subjektive Einstellung zugrunde liegt („Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“) und fand per Handzeichen heraus, daß das Publikum überwiegend dieser Meinung war.

Abb. 2: Platon

Das war jedoch nicht immer so. In der klassischen griechischen Antike fand der Sokrates-Schüler Platon (428 – 348 v.Ch.) im Dialog „Philebos“ mit Kalokagathia (gr. kalos = schön, agathos = gut) einen Begriff von Schönheit, der die Einheit des Schönen mit dem Guten und damit auch dem Wahren betont. Damit gilt umgekehrt logischerweise auch, daß dem Schlechten, Häßlichen, Verlogenen und Unwahren das Prädikat „schön“ niemals zuerkannt werden kann. Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann bescheinigt den antiken Griechen: „Die Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Schönen beginnt in der griechischen Antike, die der Schönheit huldigte wie vielleicht keine Kultur vor und nach ihr … . Fast alle Fragen, die den Diskurs des Schönen durch mehr als zwei Jahrtausende hindurch bestimmen werden, sind hier schon präformiert.“ (Wien, 2009)

Dieses Denken hat die europäische Vorstellung von Schönheit jahrtausendelang geprägt, wie Redensarten wie „wahre Schönheit“, „wahrhaftige Schönheit“, „natürliche Schönheit“ u.a. belegen. Im Gegensatz dazu stehen Redensarten wie „aufgesetzte“, „geschminkte“ oder „vorgetäuschte“ Schönheit, die also keine Schönheit ist.

Genauere Kriterien, wie das Schöne denn nun beschaffen sein muß, legt Platon in seinem Dialog „Timaios“ dar: „Alles Gute nun ist schön und was schön ist, entbehrt nicht des richtigen Maßes. Demnach darf auch ein lebendiges Wesen, wenn man ihm Schönheit zusprechen will, des Ebenmaßes nicht entbehren.“ In diesem Kontext verwendet Platon Begriffe wie Symmetrie, das rechte Maß, Harmonie. Was darunter konkret zu verstehen ist, haben die griechischen Bildhauer demonstriert, deren Skulpturen uns meist als römische Kopien bekannt sind.

Abb. 3: Diskobol

Abb. 4: Doryphoros

Abb. 5: Aphrodite

Abb. 6: Aphrodite von Knidos,

In allen diesen Beispielen wird klar: perfekte Proportionen, nichts wirkt übertrieben oder gar anstößig, wenngleich erotisch, das Streben nach Ebenmaß und Harmonie ist deutlich erkennbar, Beispiele von zeitloser Schönheit.

Und das gilt gleichermaßen für die Architektur, die sich mit ihren Säulenanordnungen in der ganzen europäisch beeinflußten Welt als beispielhaft erwies.

Abb. 7: Akropolis

Damit wird deutlich, daß für das antike Griechenland Schönheit objektiv erkennbar ist, sie also nicht im Auge des Betrachters liegt.

Weiterentwicklung im Mittelalter (MA)

Der Referent machte hier einen Sprung von rund 2000 Jahren ins MA, das im Prinzip an der griechischen Idee von Schönheit festhielt. Der italienische Dichter Dante Alighieri (1265 – 1321) schrieb in seinem „Gastmahl“ (1306): „Man nennt das schön, dessen Teile einander gehörig entsprechen, weil aus ihrem Ebenmaß Wohlgefallen entspringt. Daher ist der Mensch wohl schön, dessen Glieder einander richtig entsprechen.“

Das MA fügte dieser Auffassung zwei Komponenten hinzu: Licht und Farbe, deren Ästhetik in dem Begriff der claritas zusammengeführt wird, was im Deutschen nur schwer in seiner ganzen Bedeutung wiederzugeben ist: Herrlichkeit, Glanz, Berühmtheit, Helligkeit. Besonders eindrucksvolle Beispiele finden sich in der Buch- und Miniaturenmalerei, in der vor allem Rot, Blau, Gold, Silber, Weiß und Grün ohne Abstufungen und ohne Helldunkel nebeneinander gesetzt werden. 

Abb. 8: Einband des Evangeliars Ottos III.

Abb. 9:  Darstellung des Monats Mai aus „Les très riches heures du Duc de Berry“* der Brüder Limburg

Auf diese Weise wird die antike Vorstellung (Schönheit entsteht durch Ebenmaß und Harmonie) durch eine christliche Komponente erweitert. Im Zentrum steht  das Licht als Eigenschaft Gottes, man stellt sich Gott als Lichtgestalt vor. Aus diesem Geist heraus entstanden die großen Kathedralen mit ihren sakralen Glasmalereien.

Abb. 10: Chorumgang der Kathedrale von Chartres

Abb. 11: Fensterrosette Nord der Kathedrale von Chartres*

Teil II: 

Architektur – Stadt

Auch wenn immer wieder Forderungen erhoben werden, Innenstädte durch moderne Architektur aufzuwerten (Kuben mit Flachdach, in schwarz-weiß, mit großen Fenstern), findet die große Mehrheit an Menschen Städte mit „alter“ Architektur lebenswerter, weil sie Urbanität bedeuten (Beispiele sind Münsters Prinzipalmarkt* und die Würzburger Altstadt*, beide gegen Kriegsende fast vollständig zerstört, im alten Stil wieder aufgebaut, heute führen sie in Umfragen, was die Zufriedenheit ihrer Bewohner mit ihrer Stadt anbetrifft). Kamen war vor der Ursünde der 1970er Jahre, der Flächensanierung der Nordstadt, ebenfalls ein lebenswertes Städtchen: kleinteilig, mit abwechslungsreicher Architektur, vielen Dachformen, Gäßchen usw. 

Abb. 12: Kamen in den 1950/60er Jahren

Es ist empirisch nachgewiesen, daß solche Städte (weitere Beispiele sind Bamberg, Trier, Lemgo u.a.) generell sauberer sind, ihre Einwohner entwickeln einen ausgeprägteren Bürgersinn. Sie fühlen sich in ihrer Stadt wohl, fühlen sich für sie verantwortlich. Ganz anders oft in „Wohnmaschinen“, in denen Menschen oft vereinsamen.

Abb. 13: Plattenbau in Rostock Hoyerswerda

Natur

Walt Disney hat durch seine Verfilmung des Romans „Bambi“* von Felix Salten (1922) von 1942 (in Deutschland 1950 zum ersten Mal gezeigt) das wohl heute noch gültige Bild des „niedlichen, putzigen“ Tierchens geprägt: Bambiisierung der Natur. Der WWF und andere Naturschutzorganisationen benutzen diese Vorstellung, um den Menschen hohe Spendenbeträge aus den Taschen zu ziehen: Eisbärenjunge, Robbenbabys, Pandas usw. (nur Wale können mithalten). Wenn es wirklich um bedrohte Tierarten ginge, müßten eigentlich ganz andere Tierchen im Vordergrund stehen. In Deutschland finden sich 576 nachgewiesene Spinnenarten, von den fast 37% auf der Roten Liste stehen. Aber viele Menschen ekeln, ja fürchten sich vor Spinnen. Wer mit ihnen wirbt, trifft verschlossene Portemonnaies. 

Doch findet sich Schönheit in der Natur allerorten: Landschaften für jeden Geschmack, Blumen vielerlei Art, alte Bäume. Fraglich wird sogar natürliche Schönheit, sobald sie so beliebt ist, daß sie massenhaft erscheint: Privatphotos und Postkarten mit Sonnenuntergängen werden zumeist als kitschig empfunden. Zuviel des Schönen wirkt monoton.

Kunst

Als Künstler sich noch als Handwerker mit Werkstätten verstanden, fertigten sie Auftragskunst, d.h., sie mußten die Vorstellungen ihrer Auftraggeber berücksichtigen, und diese Werke verschwanden nach Fertigstellung umgehend in Palästen und Villen. Die so entstandenen Schönheiten dienten allenfalls einer kleinen Elite als Modell. Die große Masse von Menschen sah regelmäßig nur diejenigen Gemälde, die in Kirchen die biblischen Geschichten erzählten und die Skulpturen im öffentlichen Raum, die freilich allgemein gültige Vorstellungen von Schönheit erfüllten. Der Alltag der meisten Menschen war in der agrarischen Gesellschaft durch das bloße Überleben dominiert.

Schon die Expressionisten fanden, daß die Kunst nach dem Grauen des Ersten Weltkriegs nicht mehr „schön“ sein dürfe, weil sie dann die Welt verfälsche und zu Kitsch werde. Nach dem Zweiten Weltkrieg formulierte Theodor W. Adorno: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ („Kulturkritik und Gesellschaft“, 1949) Daraufhin entstand eine Ästhetik des Häßlichen (zuerst ausführlich behandelt vom Hegelianer Karl Rosenkranz, Ästhetik des Häßlichen, Königsberg, 1853), die dazu führte, daß in der Kunst ganz allgemein Schönheit als Kriterium ausgeschlossen wurde. Was schön war, war nicht Kunst.

Abb. 14: Renaissance – Kruzifix

Abb. 15: Kruzifix in der Christuskirche Kevelaer von Werner Habig, 1950er Jahre

Kunst im öffentlichen Raum

In früherer Zeit diente die Kunst im öffentlichen Raum vor allem der Repräsentation und der Verschönerung der Städte, daher wurden Skulpturen und Plastiken an auffälligen Standorten plaziert: einem zentralen Platz, vor einer Kirche oder einem Palast, dem Rathaus, entlang einer Allee oder Brücke, am Ende der Sichtachse in einem Park usw. Herrscher usw. wurden in idealtypischer Pose dargestellt, Eleganz, Kühnheit, Ebenmaß verhalfen zu Schönheit. Nach dem Krieg ging alles „Schöne“ verloren, eigentlich im Widerspruch zu allen Erkenntnissen über Architektur, Wohnen, Stadt, Urbanität. Immerhin hat Kamen eine ganze Reihe Kunstwerke im öffentlichen Raum. Inwieweit hier Schönheit im Spiel ist, mag jeder selbst entscheiden. Bestimmt aber sind sie nicht an stadtbildprägenden Orten aufgestellt, die meisten Kamener wissen um sie nicht.

Abb. 16: Gregor Telgmann, Die Quelle, 1993, Kamen Markt

Abb. 17: Hans Dammann, Kriegerdenkmal, 1927, Overberge

Abb. 18: Otto Holz, VERGESST UNS NICHT 1953, Kamen

Abb. 19: Gisela Lieberknecht-Krinke, 1999, Zeitraum, Postpark Kamen

Abb. 21: Hans-Detlev Grüber, Zeitgrab, 1999, Koppelteichpark Kamen

Abb. 20: Peter Bucker, Zeit-Bewegung, 1999, Edelkirchenhof Kamen

Abb. 21: Manfred H. Billinger, Krieger (Schütze), 1993, Weiße Straße Kamen

Der Mensch

Früher spielte Schönheit im Alltag der allermeisten Menschen keine Rolle, weil es in den überwiegend agrarischen Gesellschaften ums bloße Überleben ging. Schönheit war zunächst ausschließlich ein Thema für den Adel. Erst mit dem Aufkommen einer wohlhabenden Kaufmannsschicht verbreiteten sich Vorstellungen von Schönheit unter breiteren Bevölkerungsschichten, gleichzeitig mit der Verbreitung von gedruckten Bildern. Verstärkt wurde diese Tendenz durch die Erfindung der Photographie, heute, im digitalen Zeitalter, werden wir von einer Flut von Bildern überschwemmt. Ohne Bilder kann keine Vorstellung von Schönheit popularisiert werden.

Damit wird Schönheit, von Natur aus ungleich verteilt, quasi demokratisch, d.h., für jedermann erreichbar: Kosmetik*, Diäten*, Sport*, Schönheitsoperationen*, Tätowierungen*, Piercings*, Kleidung*, ja sogar genetische Manipulation* stehen heute als Methoden zur Selbstoptimierung zur Verfügung, heftig beworben von den einschlägigen Industrien, spezialisierten Ärzten, Tattoostudios u.dergl. Und, gar nicht neu: Schönheit wird meist mit Jugend assoziiert (vgl. die mittelalterliche Suche nach dem Jungbrunnen).

Eine große Rolle, vornehmlich für Mädchen und junge Frauen, spielen heute sogenannte Influencerinnen*. Sie verdienen ihr Geld damit, Produkte bestimmter Firmen anzupreisen und sie zu Modestandards zu machen. Auf diese Weise werden diese Produkte in den Markt gedrückt und massenhaft verkauft. Folge: Influencerinnen und ihre Followerinnen werden einander immer ähnlicher, ihr Aussehen wird nivelliert. Dieses Phänomen ist aber wesentlich weiter verbreitet, denn auf diese Weise läßt sich Gruppenzugehörigkeit demonstrieren: zum Brioni-Anzug trägt man eine Rolex, Garderobe von Dolce & Gabbana signalisiert die Zugehörigkeit zum Jetset usw. 

Eine Tendenz zur Ent-Individualisierung läßt sich sogar verallgemeinern. Nicht das schöne individuelle Gesicht wird von den meisten Menschen als besonders schön empfunden, wahrscheinlich, weil es sowieso als unerreichbar gilt, sondern das wohlproportionierte, ebenmäßige Durchschnittsgesicht, wie es heute der Rechner durch das sogenannte Morphing* herstellen kann, indem er zwei Gesichter in eins verschmelzen läßt. Gesichter spielen nach wie vor eine große Rolle für die Beurteilung einer Person, und auch wenn Lavaters „Physiognomie“* lägst widerlegt ist, glauben doch auch heute noch viele Menschen, daß es eine typische Verbrechervisage gibt.

Gutes Aussehen, einen guten Eindruck machen, scheint heute oft wichtiger zu sein als Intelligenz. Darwins „survival of the fittest“ wird zu „survival of the prettiest“, will heißen: schön zu sein, vielleicht sollte es treffender aber auch oberflächlicher heißen, attraktiver zu sein, verheißt handfeste Vorteile im Alltag:

  • Attraktive Menschen verdienen im Durchschnitt mehr
  • Sie werden in der Schule, im Beruf und vor Gericht besser behandelt
  • Attraktive Verkäufer verkaufen mehr
  • Attraktiven Personen wird mehr Kompetenz unterstellt
  • Attraktive Personen sind selbstbewußter

Allerdings scheint in letzter Zeit ein Umdenken stattzufinden, offenbar bewirkt durch die demographische Entwicklung. Immer mehr Menschen werden immer älter, 100jährige sind keine Seltenheit mehr (oft euphemistisch „silver ager“ genannt). Versuchten vor wenigen Jahren noch viele Alte, sich in Mode und Sprache jugendlich zu geben, wird solches Verhalten zunehmend als anbiedernd und peinlich angesehen. Sogar die Werbung hat die Alten entdeckt und setzt die Würde des Alters als besondere Form der Schönheit ein.

Am Ende drückte der Referent seine Hoffnung aus, daß Schönheit im Sinne der griechischen Antike wieder mehr zur Geltung kommen möge, daß das Schöne untrennbar mit dem Wahren und Guten verknüpft sein möge und daß sich eine 3000jährige Frau als Influencerin etablieren möge: Nofretete.

Abb. 23: Nofretete

Denn wie sagt der Fürst Myschkin in Dostojewskis „Der Idiot“: „Schönheit wird die Welt erlösen.“

Anmerkung: In weiten Bereichen fehlen Abbildungen wegen Unklarheiten bzgl. des Urheberrechts. Ein * bei bestimmten Schlüsselbegriffen zeigt an, daß unter diesem Stichwort passende Beispiele im Internet gefunden werden können.

 

Bildquellen:

Abb. 1: Photo Stefan Milk HA; Abb. 2 – 8: Archiv Dr. H.-W. Drexhage; Abb. 8: Buchdeckel des Evangeliars Kaiser Otts III., Sigune auf Wikipedia; Abb. 9: Brüder Limburg für den Duc de Berry, Monat Mai, Wikipedia; Abb. 10: Chartres: Fensterrosette Nord Chartres Photo by PtrOs auf Wikipedia; Abb. 11: Chartres: Chorumgang BjörnT auf Wikipedia; Abb. 12: Archiv Klaus Holzer; Abb. 13: Plattenbau, Wikipedia; Abb. 14: Renaissance-Kruzifix Wikipedia; Abb. 15: Christus-Kirche Kevelaer Habig; Abb. 16: Quelle Telgmann Photo Klaus Holzer; Abb. 17: Dammann Photo Klaus Holzer; Abb. 18: Holz Photo Klaus Holzer; Abb. 19: Zeitraum Photo Klaus Holzer; Abb. 20: Zeitgrab Photo Klaus Holzer; Abb. 21: Zeit-Bewegung Photo Klaus Holzer; Abb. 22: Krieger Photo Klaus Holzer; Abb. 23: Nofretete, Wikipedia

Flurnamen: Koppel

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Eine Koppel ist ein eingezäuntes Stück Land oder Weide, der Name kann auch ein gemeinsames Weiderecht bezeichnen.

koppel Verbindung(sstück), ← lat. copula (frz./engl. couple): Ländereien bzw. Markengebiete (Grenz~)  berühren sich punktuell; eingezäuntes Weideland, urspr. ein „Joch Landes“ = soviel Land, wie ein Paar Ochsen an einem Tag pflügen kann (Ochsen wurden als Zugtiere durch ein Joch = Teil des Geschirrs verbunden)

Abb. 2: Koppelwiesen

Eine Koppel ist ein Verbindungsstück bzw. ein Band. Und genau so zog sich das große Areal, das in der Kamener Urkatasterkarte von 1827 so hieß, wie ein Band südwestlich bis westlich um die Stadt. 

Abb. 3: Urkataster nach Stoob

Abb. 3a: Stadtplan von 1949: die Straßenführung Bahnhofstraße – Koppelstraße verläuft entlang alter Flurstücke

Dieses Gelände umfaßt den gesamten Bereich südwestlich bis westlich der Stadtmauer: „Auf der kleinen Koppel“ im Süden, direkt an den südlichen städtischen Filleplatz1 angeschlossen, reicht sie in zwei Flurstücken „In der Koppel“ bis nördlich des Westentors. Westlich schließt sich der Kalthof2 an, nördlich „Auf dem Spiek“3. Älteren Kamensern dürfte dieses Gelände wohl vor allem als „Römers Wiese“ in Erinnerung sein. Allein die Tatsache, daß „Koppel“ in drei Straßennamen vorkommt, belegt die Größe des Areals.

Abb. 4 & 4a: Straßenschilder

In früheren Zeiten handelte es sich bei der heutigen Koppelstraße (Mitte der 1920er Jahre gebaut; vgl.a. Artikel Koppelstraße) nur um einen Feldweg, auf dem Vieh auf die Weide und zurück in den Stall getrieben wurde. Für Bauer Römer ging das bis in die 1960er Jahre: jeden Morgen trieb er sein Vieh durch die Weststraße Richtung Römers Wiese, jeden Abend wieder zurück. Auch wenn das Bild damals schon trog, hier hatten die Kamener zum letzten Mal das Bild des kleinen Ackerbürgerstädtchens, das Kamen jahrhundertelang war, vor Augen.

Abb. 5: Die Koppelstraße verläuft am unteren Bildrand

Vom Westentor gingen zwei Wege ab: der wichtigere, daher größere, eine alte Handelsroute, führte in die Hansestadt Lünen, und eine kleine nach Westick und Methler, kleinen, Kamen vorgelagerten Gemeinden, die damals einzige Verbindung von dort nach Kamen.

Zwischen dem „Koppelweg“ und der Stadtmauer, etwa in der Höhe des Hauses Koppelstraße 24, dem alten Galenhof benachbart, lag ein alter Kirchhof, wahrscheinlich ein Armenfriedhof, da er außerhalb der Stadtmauer lag, doch soll hier auch der jüdische Friedhof gewesen sein, vielleicht auf einem abgeteilten Stück. Juden mußten damals immer außerhalb der Stadtmauern beerdigt werden, weil sie eben nicht Christen waren. Nur die wurden auf dem Kirchhof bestattet.

Bildquellen: Abb. 1,4 & 4a: Photo Klaus Holzer; Abb. 2 & 5: Stadtarchiv Kamen; Abb. 3: Heinz Stoob, Städteatlas Kamen, Dortmund 1975

Anmerkungen:

1 Filleplatz: Abdeckplatz für krankes und verendetes Vieh wie auch für die Reinigung der Tierhäute von Fleisch– und Fettresten durch die Gerber bzw. Schuhmacher

2 Kalthof:  bezeichnet einen Hof bzw. eine Hofstelle, die im Verlaufe ihrer Geschichte zumindest für eine kurze Zeit nicht bewohnt war, deren Herdstelle also „kalt“ war

3 „spi(e)k“ ein Tümpel, der durch die Stauung von Wasser durch den Einsatz von Brettern entsteht.

KH

Flurname: Hemsack

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Ein Hamm ist der Winkel zwischen zwei Flüssen oder eine Flußkrümmung. Eine solche Lage bot für Neusiedlungen des gerade seßhaft gewordenen Menschen in der Jungsteinzeit einen entscheidenden Vorteil, weil sie auf zwei Seiten einen natürlichen Schutz bot, in Kamen zwischen Seseke und Körne. 

Weitere Bedeutungen waren: ham, hammes, hämme – Zaun, Pferch, Hürde, Einfriedung, eingehegtes Landstück, oft in Wassernähe, deshalb auch Deutung als „Landstück in einer spitzig abknickenden, ein Dreieck bildenden Flußschlinge; oft in Siedlungsnamen“. So schrieb Levold von Northoff vom Gut Nordhoff, später Haus Bögge zugehörig, ein bedeutender Kleriker und Chronist,  vor 1358: „eine Stadt, die man den Hamm nennt“: heute Hamm. Hier ist die ursprüngliche Bedeutung erkennbar, ebenso noch in Hamburg, im Englischen in Namen wie Southampton. 

Im Mittelniederdeutschen bedeutete „ham“ auch Kniebeuge, daher z.B. Englisch ham = Schinken, kölsch Hämchen = Schinkeneisbein.

Der Hemsack in Kamen nimmt zum einen Bezug auf die Lage zwischen den beiden Flüssen, wo vor Tausenden von Jahren die germanische Siedlung entstand, die zu den bedeutendsten Ausgrabungsstätten zum Thema Germanen zählt und deren Funde zum großen Teil im Kamener Haus der Stadtgeschichte ausgestellt sind (aber auch im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm gibt es wunderbare Exponate aus dieser Siedlung). Zum anderen aber bedeutet der Name auch die Unmöglichkeit, nach dem Eingang hinauszugehen: Sack.

Ursprünglich handelt es sich bei dem Namen „Hemsack“ um eine Flurbezeichnung, die das ganze Gelände umfaßte. Erst im Januar 1981 wurde dieser Name auf eine dort verlaufende Straße verengt.

Abb. 2: Der Hemsack 1955; davor der Koppel(Gondel)teich und die Badeanstalt, rechts oben die Zeche Monopol

Abb. 3: Der Hemsack am 5. Dez. 1960; im Hintergrund die Zeche Monopol, noch mit hohem Schornstein und den zwei Fördertürmen, Vorgänger des heute denkmalgeschützten Förderturms

Alte Kamenser werden sich erinnern, daß der Hemsack ein großes Sportgebiet war, mit mehreren Fußballplätzen nebeneinander, umgeben vom Oval einer 1000-Meter-Bahn, der einzigen in Deutschland. Im Hemsack fanden auch die jährlichen Prüfungen für das Sportabitur statt, auf Bahnen, die heute kein Athlet mehr betreten würde, weil die Verletzungsgefahr viel zu hoch ist. Die Qualität der Bahnen entsprach der eines halbwegs vernünftigen Feldwegs. Ein so weitläufiges Sportgelände ließ sich nicht angemessen pflegen. Der Versuch, es zu erhalten, indem dort Motorrad- und Motocrossrennen veranstaltet wurden, scheiterte nach nur einer Veranstaltung.

Abb. 4: Der Hemsack 2018; rechts Technopark & Gründerzentrum, am oberen Bildrand das Klärwerk, links das Industriegebiet Hemsack

Auf diesem Photo ist, obgleich der Verlauf der Körne zur Zeit der Entstehung des Namens ganz anders war (sie verlief weiter westlich, hinter dem Klärwerk), deutlich ein Flußdreieck, ein Hamm, zu erkennen. Die Körne fließt zwischen den Bäumen vor dem Klärwerk am oberen Bildrand nach rechts in die Seseke.

Zur Zeit (Sommer 2020) wird das Gelände überplant mit dem Ziel, ein Wohngebiet am Fluß zu errichten.

Abbildungen: Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer; Abb. 4: Photo Stefan Milk

Quellen: Levold von Nordhof, Chronik der Grafen von der Mark und der Erzbischöfe von Cöln, aus Handschriften verbessert und vervollständigt von Dr. C.L.P. Tross, Hamm 1859; Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017

KH

Flurname: Hemsack

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Ein Hamm ist der Winkel zwischen zwei Flüssen oder eine Flußkrümmung. Eine solche Lage bot für Neusiedlungen des gerade seßhaft gewordenen Menschen in der Jungsteinzeit einen entscheidenden Vorteil, weil sie auf zwei Seiten einen natürlichen Schutz bot, in Kamen zwischen Seseke und Körne. 

Weitere Bedeutungen waren: ham, hammes, hämme – Zaun, Pferch, Hürde, Einfriedung, eingehegtes Landstück, oft in Wassernähe, deshalb auch Deutung als „Landstück in einer spitzig abknickenden, ein Dreieck bildenden Flußschlinge; oft in Siedlungsnamen“. So schrieb Levold von Northoff vom Gut Nordhoff, später Haus Bögge zugehörig, ein bedeutender Kleriker und Chronist,  vor 1358: „eine Stadt, die man den Hamm nennt“: heute Hamm. Hier ist die ursprüngliche Bedeutung erkennbar, ebenso noch in Hamburg, im Englischen in Namen wie Southampton. 

Im Mittelniederdeutschen bedeutete „ham“ auch Kniebeuge, daher z.B. Englisch ham = Schinken, kölsch Hämchen = Schinkeneisbein.

Der Hemsack in Kamen nimmt zum einen Bezug auf die Lage zwischen den beiden Flüssen, wo vor Tausenden von Jahren die germanische Siedlung entstand, die zu den bedeutendsten Ausgrabungsstätten zum Thema Germanen zählt und deren Funde zum großen Teil im Kamener Haus der Stadtgeschichte ausgestellt sind (aber auch im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm gibt es wunderbare Exponate aus dieser Siedlung). Zum anderen aber bedeutet der Name auch die Unmöglichkeit, nach dem Eingang hinauszugehen: Sack.

Ursprünglich handelt es sich bei dem Namen „Hemsack“ um eine Flurbezeichnung, die das ganze Gelände umfaßte. Erst im Januar 1981 wurde dieser Name auf eine dort verlaufende Straße verengt.

Abb. 2: Der Hemsack 1955; davor der Koppel(Gondel)teich und die Badeanstalt, rechts oben die Zeche Monopol

 

Abb. 3: Der Hemsack am 5. Dez. 1960; im Hintergrund die Zeche Monopol, noch mit hohem Schornstein und den zwei Fördertürmen, Vorgänger des heutigen denkmalgeschützten Förderturms

Alte Kamenser werden sich erinnern, daß der Hemsack ein großes Sportgebiet war, mit mehreren Fußballplätzen nebeneinander, umgeben vom Oval einer 1000-Meter-Bahn, der einzigen in Deutschland. Im Hemsack fanden auch die jährlichen Prüfungen für das Sportabitur statt, auf Bahnen, die heute kein Athlet mehr betreten würde, weil die Verletzungsgefahr viel zu hoch ist. Die Qualität der Bahnen entsprach der eines halbwegs vernünftigen Feldwegs. Ein so weitläufiges Sportgelände ließ sich nicht angemessen pflegen. Der Versuch, es zu erhalten, indem dort Motorrad- und Motocrossrennen veranstaltet wurden, scheiterte nach nur einer Veranstaltung.

Abb. 4: Der Hemsack 2018; rechts Technopark & Gründerzentrum, am oberen Bildrand das Klärwerk, links das Industriegebiet Hemsack

Auf diesem Photo ist, obgleich der Verlauf der Körne zur Zeit der Entstehung des Namens ganz anders war (sie verlief weiter westlich, hinter dem Klärwerk), deutlich ein Flußdreieck, ein Hamm, zu erkennen. Die Körne fließt zwischen den Bäumen vor dem Klärwerk am oberen Bildrand nach rechts in die Seseke.

Zur Zeit (Sommer 2020) wird das Gelände überplant mit dem Ziel, ein Wohngebiet am Fluß zu errichten.

Abbildungen: Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer; Abb. 4: Photo Stefan Milk

Quellen: Levold von Nordhof, Chronik der Grafen von der Mark und der Erzbischöfe von Cöln, aus Handschriften verbessert und vervollständigt von Dr. C.L.P. Tross, Hamm 1859

Flurnamen: Geist/Geest

von Klaus Holzer


Abb. 1: Straßenschild Am Geist
Eigentlich bedeutet „Geist/Geest“ das „hohe, trockene, meist sandige und daher wenig fruchtbare Land“ (die Lüneburger Heide ist wohl die bekannteste Geestlandschaft Deutschlands), im Gegensatz zur Marsch, die in Kamen umgangssprachlich immer „Mersch“ hieß, Im Mersch, also männlichen Geschlechts war. Diese Flurbezeichnung war ursprünglich vor allem im Küstenbereich der Nordsee geläufig. Bei uns in Westfalen bezieht sich diese Flurbezeichnung ebenfalls auf höher gelegenes, wenig fruchtbares Land, was auf Kamen bezogen durchaus plausibel erscheint, war unsere Stadt doch von weitem Heideland umgeben: im Norden ein 55 qkm großes Heidegebiet (heute noch gibt es die Kamer Heide in Overberge), im Süden die Uelzener Heide u.a. In Overberge gab es beim Orts-Grenzdurchgang am Geistbaum die Flur Geisthoff; auf Kamener Gebiet nannte man einen Teil dieses Brinks (oft der Abhang eines Grashügels, hügeliges Stück Grasland, Randbereich einer Siedlung) Auf den Geistgärten. Auch Geestäcker werden erwähnt.

Abb. 2: Straßenschild Mersch
Als weiterer Beleg für diese mögliche Deutung des Flur- und Straßennamens mag gelten, daß es gleich hinter der Seseke, im südöstlich Bereich des Stadtgebiets, eine Straße namens „Mersch“, früher „In der Mersch“ (weiblichen grammatischen Geschlechts!), gibt, eine Bezeichnung, die immer eine Niederung bedeutet, die regelmäßig vom Meer oder einem Fluß überschwemmt wird, was die Seseke ja regelmäßig tat. Marsch oder Mersch kommt aus germ. *mariska = zum Meer (Wasser) gehörig (vgl.a. lat. mare = das Meer), schon germanisch als Sumpf, Morast, Binnensee bekannt. In der Regel war es eine Weide oder Wiese am Wasser, von Zeit zu Zeit überflutet.
Die kurze Straße, die vom ersten Kamener Kreuz (Kreuzung Ost-, Nord- und Weststraße) nach Süden führt, heißt Am Geist und liegt tatsächlich etwas höher als die anderen Flächen im Kamener Stadtgebiet. So könnte „Geist“ also durchaus von „Geest“ herrühren, allerdings gibt es bisher keinen Beleg dafür, daß die Flurbeschaffenheit tatsächlich für die Namengebung ursächlich ist.

Abb. 3: Hl.-Geist-Spital1
Daher kommt hier eine zweite Deutungsmöglichkeit in Frage, die viel für sich hat, die Herleitung aus Heilig-Geist-Spital, wenn man bedenkt, wie wichtig dieses für Kamen war. Vor 1359 gegründet, war es das erste und jahrhundertelang einzige Armen– und Siechenhaus der Stadt. Arm und krank, das gehörte offenbar nicht nur im Mittelalter zusammen, war aber vor Einführung des Sozialstaats immer mit einem elenden Leben verbunden. Nach 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, wurde es nicht mehr genutzt und verfiel vollständig. Erst 1717 wurden die Trümmerreste entfernt. Schon 1662 war das neue Hospital daneben erbaut, 1865 gründlich renoviert worden. Das stand dann bis in die 1930er Jahre, als es baufällig war und dem Möbelhaus Reimer Platz machen mußte. Später war Mrs Sporty darin, jetzt steht es seit langer Zeit leer.

Abb.: Abb. 1 & 2: Photo Klaus Holzer; Abb. 3: Stadtarchiv Kamen

1 Die Aufnahme stammt aus den 1930er Jahren, wie die Hakenkreuzfahnen belegen. Man beachte auch die hier noch vorhandenen Abwasserrinnen am Straßenrand, in die auch die Abflüsse aus den Häusern mündeten. Das Spital stand auf der Ecke Ost- und Nordstraße. Spoäter stand das Möbelhaus Reimer an dieser Stelle. Weitere Nachnutzungen: u.a. ein Gartenmöbelhaus und Mrs Sporty.

Quellen: Gunter Müller, Westfälischer Flurnamenatlas; Lieferung 1-5; Im Auftrag der Kommission für Mundart- und Namenforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. Alle fünf Bände sind im Stadtarchiv Kamen vorhanden; zur wissenschaftlichen Vertiefung geeignet.
Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901
Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017

KH

Flurnamen: In der Bredde

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Das Wort „Bredde“ (auch „brede“ und viele andere mundartliche Bezeichnungen) bedeutet zunächst einfach „Breite, Weite, weite Fläche/Ebene“, hat dann aber fast überall in Deutschland die Bedeutung „breites Ackerstück“ angenommen. Es handelt sich¹ um eine Ackerbezeichnung, die in Langstreifenfluren besonders auffällig war. Häufig war sie Land des Schultenhofes oder des örtlichen Adelssitzes. 

Aber warum war das überhaupt so bemerkenswert, daß daraus ein unterscheidendes Merkmal wurde, gar ein Flurname?

Bis zur Einführung des eisernen Pfluges gab es nur ganz einfache Pflüge, z.B. Holz– oder Geweihstangen, die den Boden bloß aufrissen, daher mußte man den Acker kreuzweise pflügen. 

Abb. 2: Hakenpflug

Die große Neuerung bracht der Kehrpflug. Er brach die Krume um, so daß der Boden viel tiefer aufgelockert und besser belüftet wurde. Dieser Pflug wies zuerst nur ein Streichblech mit Streichschiene und Schar auf, später dann eine Doppelschar. Es ist aber offenkundig, daß das Wenden eines solchen Pfluges, gezogen von Ochsen oder Pferden, einen erheblichen Aufwand bedeutete.

Abb. 3: Doppelscharpflug, Ulm 1935

Das Pflügen mit einem solchen Pflug ließ allerdings eine grobe Krume zurück, daher brauchte man   zusätzlich eine Egge, mit der man den Boden für die neue Aussaat vorbereiten konnte.

Abb. 4: Eggen mit Pferden, England 1942

Das bedeutete, daß der Bauer mit seinem Gespann sein Stück Acker mehrfach befahren mußte. Und das wiederum bedeutete, daß er sein Gespann oft wenden mußte, was kompliziert und daher umständlich und mühselig war und viel Zeit kostete. Der neue eiserne Pflug konnte daher nur dann effektiv eingesetzt werden, wenn man ihn nicht so oft wenden mußte. Jetzt war also das rechteckige, d.h., möglichst lange und entsprechend schmalere Feld besser geeignet für diese bäuerliche Tätigkeit und wurde bald zum Normalfall. War dennoch ein quadratisches, d.h., breites Feld übriggeblieben, war es eine Besonderheit. Daher gibt es den Flur-, daraus folgend den  Straßennamen In der Bredde.

Abb 5: Gewanne¹

Diese Abbildung zeigt sehr schön, wie ein Dorf sich organisierte. In direkter Umgebung de Dorfes lag die Allmende, manchmal als (Dorf)Anger, wo man sein Vieh weiden ließ. Um das Dorf herum lagen drei Gewanne, jeweils in Felder unterteilt, drei, weil man gelernt hatte, daß man den Ernteertrag durch die Dreifelderwirtschaft steigern konnte: Auf einem Feld wird Wintergetreide, auf einem anderen Sommergetreide angebaut, das dritte bleibt ungenutzt, Brache. Dabei wechselten die Anbauformen jährlich, das Feld kann sich also in jedem dritten Jahr erholen. Diese Neuerung bedeutete eine wesentliche Verbesserung im Bereich der Landwirtschaft. Vorher wurde ein Feld eine Saison bebaut und lag danach brach (Zweifelderwirtschaft). Die verbesserten Ernteerträge führten zu besserer Ernährung, diese wiederum zu einem Bevölkerungswachstum. Alles dieses war Voraussetzung zur Gründung von Städten, weil diese jetzt von Bauern mit Lebensmitteln versorgt werden konnten. 

Und noch etwas zeigt diese Abbildung: Die Anlage der Felder hatte absoluten Vorrang vor allem anderen. Wege nahmen nicht die kürzeste Route, sondern die unschädlichste.

Heute sind solche schmalen Streifenparzellen längst verschwunden. Zusammenlegung und Flurbereinigung sorgten dafür, daß solche Bezeichnungen ebenfalls verschwanden. Und natürlich ist das mühsame Wenden eines Pfluges auch Geschichte. Moderne Ackerschlepper können das ganz leicht. Nur Straßennamen erinnern noch an Fluren.

Quellen: Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2: Wikipedia, Pflug Altenwindeck; Abb. 3: Doppelschar-Kehrpflug mit Pflugkarren für tierischen Zug, Fa. Eberhardt, Ulm 1935, Wikipedia; Abb. 4: Photo D 8549, Imperial War Museum, Wikipedia; Abb. 5: Gewanne, Wikipedia, Falk Oberdorf, Osterstr. 8, 32312 Lübbecke

 

 1 Ackergrenze, an der der Pflug gewendet wird,  in mehrere Streifen aufgeteiltes Ackergelände

KH

Flurnamen: Bleiche

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

In östlicher Richtung von der Ostenallee abzweigend, gibt es seit 1975 die Straße „Bleiche“. Dieser Name hat es von einer Funktionsbezeichnung zum Flurnamen geschafft.

Eine „Bleiche“ genannte Fläche diente ursprünglich dem Bleichen frisch gewaschenen Leinens  wie auch des neu gesponnenen Leinentuches. Es handelte sich dabei um ein in der Nähe der Wohnbebauung liegendes Stück Grünland, das in der Regel an einem Fließgewässer lag, damit das Leinen immer feucht gehalten werden konnte. Je länger es der prallen Sonne ausgesetzt war, umso weißer, und damit umso wertvoller, wurde es. Das abgestandene und daher oft schmutzige Wasser von Teichen, Tümpeln und Stadtgräben war zu diesem Zweck ungeeignet. Nur selten legte man ein solches künstliches Gewässer an, das dann besonders tief ausgehoben und sorgsam gepflegt wurde.

Leinen war gefragte, aber auch teure Ware, es gehörte zur Aussteuer aller jungen Mädchen, deren Familien es sich leisten konnten. Diese Leute waren „betucht“. Und weil es so wertvoll war, war es auf der Bleiche ständig in Gefahr, gestohlen zu werden. Und weil die Bleiche gewöhnlich auf Grünland war, also auf Wiese und Weide, wo natürlich auch Vieh in der Nähe weidete, bestand immer die Möglichkeit, daß das Vieh auf die Bleiche geriet und das Leinen beschmutzte oder gar beschädigte. Daher standen am Rande einer Bleiche oft Bleichhütten, in denen sich Wächter aufhalten konnten. Oft wurde die Bleiche auch wie ein Garten eingezäunt. Ob das in Kamen der Fall war, ist nicht bekannt.

Abb. 1: Frauen beim Spülen der Wäsche am Mühlenkolk¹; im Hintergrund die Wiesen auf dem Gelände des heutigen Amtsgerichts (s. Abb. 3)

In Kamen gab es wohl mehr als eine Bleiche, waren die Leineweber doch eines der zwei  am stärksten ausgeübten Handwerke: im Jahre 1722 gab es in Kamen 44 Leineweber, dicht gefolgt von 38 Schustern. Neben der Bleiche im Osten der Stadt, nahe der Seseke und mehreren Flußaltarmen, etwa dort, wo 1843 Kamens erste Badeanstalt war (vgl.a. Artikel Ostenallee/Ostkamp/Bleiche), gab es, das ist belegt, mindestens eine zweite, dort, wo heute das Amtsgericht an der Poststraße steht. Hier standen die Seseke und der Mühlenkolk zum Ausspülen und Feuchthalten des Leinens zur Verfügung, und der Weg aus der Stadt zur Bleiche war sehr kurz.

Abb. 2: Photo der Bleiche am Amtsgericht; das Gebäude links ist die Kamener Mühle, zuletzt Mühle Ruckebier

Eine Besonderheit berichteten alte Kamenser über  die Situation hier. Damals zogen viele Zigeuner, wie es damals hieß, über Land. Sie standen generell in dem Ruf, Diebstählen nicht abgeneigt zu sein. Die Kamener Leineweber handelten also ganz schlau, als sie Zigeuner zur Bewachung ihres Leinens auf der Bleiche einstellten. Es soll kaum etwas abhanden gekommen sein.

KH

Abbildungen: Nr. 1: Photo Klaus Holzer; Nr. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer

 

¹Kolk = Strudel im Wasser, Höhlung am Flußufer; auch afries. Grube, Loch, Wasserloch; verw. mit „Kehle“, architekt. „Hohlkehle“): hier der künstlich angelegte Teich zum Ausgleich von Hoch- und Niedrigwasser