Die Severinskirmes in Kamen

von Klaus Holzer

Sim-Jü ist in unserer Region jedermann ein Begriff, und auf die betreffende Frage gibt es nur eine Antwort: „Die älteste Kirmes, das älteste Volksfest in der Gegend ist Sim-Jü.“ Die Stadt Werne ist etwas zurückhaltender und nennt Sim-Jü „das größte Volksfest an der Lippe, das seit der Verleihung des Marktrechtes im Jahr 1362 gefeiert“ wird. Sein Name leitet sich vom Tag Simon und Juda her, dem 28. Oktober, der immer für das Datum des Festes maßgeblich war. 

Viel weniger bekannt ist die Kamener Severinskirmes, vielleicht weil sie weniger Kontinuität aufzuweisen hat? Weniger beworben wird? Weniger traditionelle Elemente wie z.B. einen Viehmarkt aufzuweisen hat? Aber ein Blick in die Geschichte, genauer in eine Urkunde im Kamener Stadtarchiv, zeigt: die Severinskirmes ist älter als Sim-Jü, wie der frühere Kamener Stadtarchivar Hans-Jürgen Kistner 1996 herausfand. Ob sie freilich durchgängig stattfand, ist fraglich. Camen war im Mittelalter (MA) lange Zeit die zweitwichtigste Stadt in der Grafschaft Mark, wurde dann aber durch Stadtbrände (insgesamt 11, der letzte 1712) und Kriege (vor allem den Dreißigjährigen Krieg) und durchziehende Söldner aus vielen Nationen schwer getroffen. Sie forderten Kontributionen und plünderten, die Stadt und ihre Bürger verarmten. Besonders aber wütete die Pest in der kleinen Stadt. Das erste Mal trat sie bereits im Jahr 1580 auf. Und in den sowieso schon schweren Kriegsjahren zwischen 1618 und 1648 wütete die Pest 1624/25/26 und 1636 und forderte mehr als die Hälfte der Einwohner. Es ist kaum vorstellbar, daß unter solchen Umständen Kirmessen stattfanden.

Abb. 1: Urkunde vom 4. Juli 1346

Im Kamener Stadtarchiv gibt es eine Urkunde vom 4. Juli 1346, in welcher es in der Übersetzung aus dem Lateinischen von Ruth Merschmann und Hartmut Höfermann, früher am Städt. Neusprachlichen Gymnasium Kamen, bei Theo Simon veröffentlicht, Lehrer ebendort, heißt: „Ebenso haben wir zwei Jahrmärkte gewährt, einen zu Pfingsten, den anderen am Tage des seligen Severin (Anm.: 23. Oktober), des Schutzpatrons ihrer Kirche, und zwar in der Weise, daß niemand an diesem und den drei unmittelbar vorangehenden und folgenden Tagen (Anm.: Dauer also eine Woche!) wegen einer Schuld ohne Verfehlung verpflichtet oder gepfändet werden darf, sogar nicht, wenn er gesetzlos oder geächtet sein sollte. Ebenso haben wir beschlossen, daß drei Wochenmärkte, am Sonntag und am Montag und Donnerstag, mit derselben Freiheit wie die gewährten Jahrmärkte zu halten sind.“ Die Severinskirmes in Kamen weiterlesen

Kamener Köpfe: Dr. Walter Elger

von Klaus Holzer

Dr. Walter Elger, geb. 25. Dez. 1938

Abb. 1: Dr. Walter Elger, geb am 25. Dezember 1938 in Kamen

Exkurs 1: Als Thomas Robert Malthus (14. oder 17. Feb. 1766 – 23. Dez. 1834) im Jahre 1798 seinen „Versuch über das Bevölkerungsgesetz“ formulierte, wonach die Bevölkerungsgröße durch die verfügbare Nahrungsmittelmenge begrenzt und bestimmt sei, waren seine Grundannahmen zwar falsch, doch hatte er ein Problem erkannt, das bis heute im Kern nicht gelöst ist. Er postulierte, die Bevölkerung wachse in geometrischer Progression, also in gleichbleibenden Wachstumsraten bei immer größeren absoluten Werten, die Nahrungsmittelproduktion dagegen in arithmetischer Progression, also mit gleichbleibenden absoluten Zuwächsen. Daher reiche die Erde irgendwann nicht mehr aus, alle Menschen zu ernähren. Hunger führe zwar zu erhöhter Sterblichkeit, doch sei sexuelle Enthaltsamkeit zusätzlich vonnöten. Auf dieser Grundlage kam es bereits im 19. Jh. in den USA zu ersten Überlegungen von Geburtenkontrolle. Daß Malthus damit die Menschen insgesamt überforderte, ahnte er möglicherweise schon, doch gab es zu seiner Zeit eben noch keine anderen Möglichkeiten. Kamener Köpfe: Dr. Walter Elger weiterlesen

Das 17. Zeitzeichen des KKK: Helden Teil 2

Teil 2: Klaus Holzer – Reale Helden

Weniger klar umrissen als in der antiken Literatur ist das Bild des Helden in der heutigen Realität. Ganz nah beieinander liegen hier die Begriffe Held: positiv besetzt, aber unerreichbar; Vorbild: positiv besetzt, vom einzelnen erwählt, daher erreichbar; Idol: positiv besetzt, deutlich über dem Durchschnittsmenschen stehend, dennoch erreichbar.

Der Held ist eine herausragende Persönlichkeit mit einzigartigen Fähigkeiten, er braucht immer einen Widerpart, wagt sich auf terra incognita vor und trifft in der Regel eine ethische Grundentscheidung. Vorbild und Idol haben es einfacher: es gibt sie, sie existieren ohne weitere Bedingungen. 

Der antike Held zählt heute nicht mehr, weil es seine Art zu kämpfen in der digitalisierten Welt nicht mehr gibt (ferngelenkte Rakete statt Schwert), was früher terra incognita war, ist heute Touristenziel. Herausragende Leistungen gibt es auch heute noch, werden aber i.d.R. von Organisationen wir médecins sans frontières erbracht. Organisationen taugen aber nicht zu Helden, dort wird man Mitglied oder spendet. Helden sind immer Einzelpersonen.

Abb. 1: Kruzifix von Werner Habig

Sonderfall Jesus: Der klassische Held siegt oder geht im Kampf unter, das ist seine Entscheidung. Jesus siegt im Tod, weil dieser durch Gottvater vorbestimmt ist. Er hat keine Aktions-, sonder eine Passionsgeschichte. Aber weiß Jesus das? Kann er Vorbild sein? Oder kann man ihm nur folgen? An ihn glauben? Eine Glaubensfrage.  Das 17. Zeitzeichen des KKK: Helden Teil 2 weiterlesen

Das 17. Zeitzeichen des KKK: Helden

Teil 1: Dr. Heinrich-Wilhelm Drexhage – Fiktive Helden

Mit der Erfindung der Keilschrift beginnt die Zeit der schriftlichen Überlieferung und damit auch der Literatur. Die erste uns bekannte lange altbabylonische Erzählung ist die über Gilgamesch, den sagenhaften König von Uruk. Dieses Epos beschreibt seine außergewöhnlichen Taten und sein Suchen nach einem Wunderkraut, das ihm ewige Jugend bescheren soll. Als er es durch eigene Unachtsamkeit verliert, findet er sich mit seiner Sterblichkeit ab und reift als Persönlichkeit.

Abb. 1: Gilgamesch

Die Themen sind: Macht und Machtmißbrauch; Liebe und Freundschaft; Heldentum und menschliche Schwäche; das Verhältnis von Mensch und Gottheit. Das 17. Zeitzeichen des KKK: Helden weiterlesen

150 Jahre Bergbau in Kamen

von Klaus Holzer

150 Jahre Bergbau in Kamen

In Kamen erinnert man sich immer noch mit einiger Wehmut an seine Bergbaugeschichte. Immer noch beschwört man die Vergangenheit durch das Singen des Steigerliedes, das aus dem Erzgebirge eingewandert und so schnell heimisch geworden ist. Politikerreden enden immer noch mit dem Bergmannsgruß „Glück Auf“. Als letzte in der ganzen Stadt sichtbare Reminiszenz an die Kamener Zeche Monopol steht das Fördergerüst auf dem ehemaligen Zechengelände, heute Technopark mit Gründerzentrum, auch die Gartenstadt Sesekeaue gehört dazu. In Politikerreden und offiziellen Verlautbarungen ist der Bergbau heute noch lebendig, doch scheint niemand gemerkt zu haben, daß es in diesem April 2023 genau 150 Jahre her ist, daß der erste Spatenstich zur Teufe von Schacht Grillo 1 getan wurde.

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17. Zeitzeichen des KKK

Liebe Kulturfreundinnen, liebe Kulturfreunde,

nach drei Jahren Corona – Pause endlich wieder ein KKK-Zeitzeichen

Helden: verehrt – verklärt – verdammt

4000 Jahre Heldengeschichte

In der Geschichte der Menschheit gab es immer einzelne, die wegen ihrer Persönlichkeit aus der Masse herausragten: sie waren Anführer, weil sie besondere Taten vollbrachten, weil sie besser kämpften und in allem vorangingen. Sie haben die Zeiten überdauert, weilDichter die Taten von Gilgamesch über Odysseus bis Winnetou und Old Shatterhand besangen.
Dr. H.W. Drexhage zeichnet ihre Wirkungsgeschichte nach.

Aber viele Helden haben ihre Spuren auch in der
tatsächlichen Geschichte hinterlassen, z.B. Arminius, bei uns
besser bekannt als Hermann, der Cherusker, der dem römischen Reich 9 n. Chr. seine Grenzen aufzeigte. Er kämpfte vor 2000 Jahren, beginnt die 2. Hälfte der 4000 Jahre unseres Themas.

K. Holzer beschäftigt sich im 2. Teil des Abends mit den Helden der Wirklichkeit, die sich vornehmlich auf anderen Gebieten als dem Schwertkampf auszeichneten.

Es wird deutlich werden, wie sehr unser Begriff des Helden von persönlichen, nationalen und geschichtlichen Umständen abhängt.

Die Veranstaltung ndet am Donnerstag, 27. April 2023 im Kamener Haus der Stadtgeschichte, Bahnhofstr. 21, statt. Beginn ist um 19.30 Uhr.
Der Eintritt ist frei.

Die Kamener lutherische Gemeinde und ihre Kirche

von Klaus Holzer

Die Kamener lutherische Gemeinde und ihre Kirche

Abb. 1: Die Lutherkirche in den 1950er Jahren: bis 1976 war sie noch deutlich als Straßenkirche erkennbar 

Abb. 2: Die Lutherkirche aus Norden und

Abb. 3: aus Süden (2022), mit dem Anbau von 1871

Die kleinste der drei großen Kamener Kirchen verdankt ihre Existenz der Standhaftigkeit der zehn Kamener Familien, die 1589, als alle anderen Kamener sich zum Reformierten Glauben bekannten (vgl. Art. „Pauluskirche“), der lutherischen Konfession treu blieben. Und weil die Lutheraner die jüngste Kirchengemeinde sind und um ihre Werdung jahrzehntelang kämpfen mußten, gegen alle, und über 100 Jahre lang mit den Reformierten über Kreuz lagen, gerät dieser Artikel so umfangreich, muß er doch diese Reibereien berücksichtigen. Die Kamener lutherische Gemeinde und ihre Kirche weiterlesen

100 Jahre Dammbruch an der Seseke

von Klaus Holzer

Wir haben uns daran gewöhnt, wir kennen es gar nicht mehr anders: es mag regnen, soviel es will, die Seseke bleibt in ihrem Bett. Seit 2008 ist sie renaturiert, und trotz der immensen Kosten von 500 Mill. Euro ist der Umbau jeden Pfennig wert. Kein Wasser mehr im Keller, viele Kilometer Wander- und Radwege.

Abb. 1: Der Dammbruch vom 2. Februar 1923

Das war aber nicht immer so. Am 2. Februar vor genau 100 Jahren schaffte es dieses Flüßchen, zu einem reißenden Strom zu werden, der alles mitriß, was sich ihm in den Weg stellte.  Aber der Reihe nach. 100 Jahre Dammbruch an der Seseke weiterlesen

Die Katholische Pfarrkirche „Heilige Familie“ in Kamen

von Klaus Holzer

Abb. 1: Die beiden die Stadtsilhouette prägenden Kirchen im besonderen Gewitterlicht

Meistens ist von der Pauluskirche die Rede, wenn das Thema Kirche in Kamen erwähnt wird. Ihr Turm ist uralt und hat eine charakteristische Gestalt, er wird symbolhaft für die ganze Stadt verwendet. Und manchmal wird vergessen, daß sie früher einmal, vor Luther, „katholisch“ war und daß es heute in Kamen eine bemerkenswerte katholische Kirche Hl. Familie gibt, die zwar erst 120 Jahre alt ist, doch als besonders gelungenes Beispiel einer neugotischen Kirche gilt, so gelungen, daß sie, trotz ihrer „Jugend“, ein denkmalgeschütztes Gebäude ist.

Die Kirche Hl. Familie ist die fünfte katholische Kirche in Kamen, ohne die Geschichte ihrer Vorläufer ist sie nicht zu erzählen. Die Katholische Pfarrkirche „Heilige Familie“ in Kamen weiterlesen

Juden in Kamen

von Klaus Holzer

Vorbemerkung:

Der Anlaß für diesen Artikel ist das 120-jährige Jubiläum der Einweihung der neuen Kamener Synagoge am 15./16. November 2021.

Abriß der Geschichte der Juden in Kamen.

Historisches

Juden gibt es in Kamen nachweislich seit 1348. In diesem Jahr stellte Graf Engelbert III (1347 – 1391) einem Juden namens Samuel einen Schutzbrief auf sieben Jahre aus, in dem er ihm dieselben Rechte gibt, „wie sie unsere anderen Juden in Hamm, Unna und Kamen haben“. Solch ein Schutzbrief wurde immer nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren ausgestellt, und die auferlegte Gebühr war jedes Jahr neu zu entrichten. Daß Juden überhaupt eines Schutzbriefes bedurften, zeigt deutlich, wie prekär ihr sozialer Status war. Sie galten als „Wucherjuden“, da sie oft als Geldverleiher auftraten (im MA waren Wucher und Zins synonym, ein Geldverleiher verlangte natürlich Zinsen) und, weil Kapital knapp war, hohe Zinsen verlangten, wie auch ihre christlichen Konkurrenten, die aber nicht den Nachteil hatten, als „Christusmörder“ zu gelten. Und 1403 erteilte der römisch-deutsche König Ruprecht von der Pfalz (1352 – 1410; ab 1400 König) einem Juden in Kamen freies Geleit. Juden in Kamen weiterlesen