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Juden in Kamen

von Klaus Holzer

Vorbemerkung:

Der Anlaß für diesen Artikel ist das 120-jährige Jubiläum der Einweihung der neuen Kamener Synagoge am 15./16. November 2021.

Abriß der Geschichte der Juden in Kamen.

Historisches

Juden gibt es in Kamen nachweislich seit 1348. In diesem Jahr stellte Graf Engelbert III (1347 – 1391) einem Juden namens Samuel einen Schutzbrief auf sieben Jahre aus, in dem er ihm dieselben Rechte gibt, „wie sie unsere anderen Juden in Hamm, Unna und Kamen haben“. Solch ein Schutzbrief wurde immer nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren ausgestellt, und die auferlegte Gebühr war jedes Jahr neu zu entrichten. Daß Juden überhaupt eines Schutzbriefes bedurften, zeigt deutlich, wie prekär ihr sozialer Status war. Sie galten als „Wucherjuden“, da sie oft als Geldverleiher auftraten (im MA waren Wucher und Zins synonym, ein Geldverleiher verlangte natürlich Zinsen) und, weil Kapital knapp war, hohe Zinsen verlangten, wie auch ihre christlichen Konkurrenten, die aber nicht den Nachteil hatten, als „Christusmörder“ zu gelten. Und 1403 erteilte der römisch-deutsche König Ruprecht von der Pfalz (1352 – 1410; ab 1400 König) einem Juden in Kamen freies Geleit.

Die Pest, die in Europa zuerst zwischen 1348 und 1350 wütete und etwa ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents hinwegraffte, führte zu den ersten Judenpogromen. Man hatte damals keine naturwissenschaftliche Erkenntnis über den Ursprung dieser Seuche. Da fiel es auf, daß die Pest unter den Juden weit weniger heftig wütete als unter den anderen Bevölkerungsgruppen. Was man nicht ahnte, war, daß der Grund dafür die unter den Juden weit stärker ausgebildete Hygiene war. Da fiel es leicht, sich die Juden als Sündenböcke vorzunehmen: sie hätten die Brunnen vergiftet und trügen daher die Schuld am Ausbruch der Pest. Zudem standen sie im Verdacht, für ihre religiösen Feste und für magische und medizinische Zwecke Kinder zu töten¹. Auch in der märkischen Hauptstadt Hamm kam es zu einem Pogrom, in der Hauptstadt des Grafen, der eben noch einem Juden einen Schutzbrief ausgestellt hatte. Das Eigentum von Juden, die einem Pogrom zum Opfer gefallen waren, wurde konfisziert und füllte auch die Kasse des Landesherrn auf.

Abb. 1: Herzöge Kleve & Grafen von der Mark: Nachfolger von Graf Engelbert, vor der Schwanenburg in Kleve

Ob es danach noch Juden in der Grafschaft Mark gab, kann nur vermutet werden. Und wenn, dann wird es wohl keine geschlossenen jüdischen Gemeinden gegeben haben, denn für das Gebet, d.h., für die Existenz einer Gemeinde braucht es mindestens zehn Männer. Erst 1413 gab der Graf von Kleve und Mark² fünf Juden samt Familien Geleit nach Kamen gegen eine jährliche Abgabe von drei Gulden. 

Abb. 2: Luther: Von den Jüden und ihren Lügen (Titelseite von 1543)

Mit der Reformation durch Martin Luther, einen erbitterten Judenfeind (Martin Luther, Von den Jüden und ihren Lügen, 1543), verschlechterte sich die Lage der Juden in ganz Deutschland erheblich. Gewerbefreiheit und Mobilität, kurz Freiheit – alles das gab es für sie nicht. Ihnen blieb nur eine Existenz als Hausierer, Geldverleiher und im Landhandel, alles Gewerbe, die nicht besonders attraktiv waren. Allerdings gab es auch Ausnahmen. Ein Dokument von 1564 bezeugt die Dankbarkeit des Drosten Dietrich von der Recke, der auch Burgmann in Kamen war, gegen den jüdischen Kaufmann Nathan. Überhaupt scheint dieser Dietrich ein gerecht denkender Mensch gewesen zu sein, belegt doch eine weitere Urkunde, daß er dafür sorgte, daß ein zu Unrecht eingekerkerter Jude freigelassen wurde. Und für 1605 ist weiterhin belegt, daß ein Jude Abraham der Stadt Kamen die jährliche Abgabe für seinen Schutzbrief schuldig geblieben war. Daher ist uns seine Existenz bekannt. Man sieht: Juden wurden gebraucht … und dennoch verfolgt. Es gab also wohl im MA über lange Zeit Juden in Kamen, doch kaum jüdische Gemeinden, weil es sich i.d.R. um einzelne Juden mit ihren Familien handelte.

Das Vierte Laterankonzil³ dekretierte, daß Juden sich nicht mehr so kleiden durften wie Christen, sondern daß sie sich stattdessen „jederzeit in den Augen der Öffentlichkeit durch die Art ihrer Kleidung von anderen Menschen unterscheiden sollten“. Es sollte sichergestellt werden, daß christliche und jüdische Männer und Frauen „sich nicht irrtümlich miteinander einlassen“. Trotz aller Probleme, die das 16. Jh. für die Juden brachte, gab es aber auch Fortschritte im Bereich der Religionen. 

Abb.: 3: Die beiden Schlußseiten des Augsburger Religionsfriedens von 1555

Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 kam die Kompromißformel „cuius regio, eius religio“ ([in] wessen [Herrschafts-] Gebiet [jemand wohnt], dessen Glaube [folgt er]) einer neuen Toleranz in Sachen Religion gleich, setzte ein Umdenken ein, wenn es auch kaum die Juden betraf. Einen wichtigen Schritt in Richtung weiterer Duldung Andersgläubiger stellte der Westfälische Frieden von Münster und Osnabrück von 1648 dar. Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands wurde Religionsfriede vertraglich geregelt und damit festgelegt. Für die Märker, und damit die Kamener Juden, wurde das Jahr 1609 besonders wichtig, als die Vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg dem Kurfürstentum Brandenburg zugeschlagen wurden. Das Territorium war zu groß, um eine Politik der religiösen Intoleranz zu verfolgen. Vor allem der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm (1620 – 1688) gewährte 1656 allen jüdischen Familien in seinen westlichen Territorien, darunter Kleve und Mark, einen gemeinsamen Schutzbrief, der es ihnen gestattete, sich niederzulassen und ein Gewerbe und das Geld- und Pfandleihgeschäft zu betreiben, was für die Juden nicht weniger als eine nicht unbeträchtliche Sicherheit ihrer Existenz bedeutete, zum ersten Mal in ihrer heute 1700-jährigen Geschichte in Deutschland. Ende der 1650er Jahre erhielten die Kamener Juden Meyer Moses und Salomon Moses ein Geleitpatent, natürlich gegen einen erheblichen jährlichen Tribut von sechs Talern. In den folgenden Jahren wurde diese Politik auf weitere Familien in der Grafschaft Mark ausgeweitet, darunter wohl auch Kamener Juden. Weitere Belege für Schutzbriefe gibt es aus den Jahren 1689, 1694, 1703 und 1705. 

Bei aller damals gezeigten Toleranz sollten wir aber nicht vergessen, daß Juden weiterhin Menschen minderer Klasse waren, die rechtlich ihren Nachbarn eben nicht gleichgestellt waren. Es versteht sich von selbst, daß ihnen Hausbesitz kaum möglich war.

Auch wenn Geldverleiher nicht gut angesehen waren, kam ihre Tätigkeit doch auch der Stadt Kamen zugute. Mehrmals zwischen 1680 und 1711 liehen jüdische Geldverleiher aus Hamm wie auch aus Kamen sowohl Privatpersonen wie auch der Stadt erhebliche Summen Geldes. Vor allem die Stadt wäre ohne diese Darlehen in große Schwierigkeiten gekommen, hätte sie doch anders ihre Kontributionen an einquartierte Truppen nicht bezahlen können, und das hätte Zerstörung und Plünderung, gar Brandschatzung, bedeutet.

1701 wurde das Kurfürstentum Brandenburg zum Königreich Preußen. Da Kleve-Mark erst 1666 durch Erbvergleich endgültig brandenburgisch geworden war, war es an der Zeit, eine Bestandsaufnahme zu machen (was für die zu dieser Zeit äußerst moderne und effektive preußische Verwaltung kein großes Problem darstellte): wie groß waren die westlichen Gebiete Preußens? Welche Städte gab es? Wie groß waren sie? Wie stand es mit Handel und Handwerk? Wie groß war die Wirtschaftskraft? usw. Daher schickte Wilhelm I. fähige Leute in die Provinz, die anschließend in einem ausführlichen Bericht die Lage darstellen sollten. Nach Kamen wurde der Steuer- und Kommissionsrat Motzfeld geschickt, der unter dem Datum des 7. Februar 1722 seinen „Historischen Bericht von der Stadt Kamen“ nach Berlin schickte. Hier zählt er ganz präzise die „Ahnzahl der Einwohner“ auf, nach allen möglichen Kriterien aufbereitet, und gleich darunter „Manufactrice und Handwerker“. Im letzten Satz hier schreibt er: „Daneben sind noch 5 Judenfamilien, welche schlachten und allerhand handlung treiben“. 

Juden waren zu dieser Zeit nicht frei, sich niederzulassen, wo sie wollten, weil ihr Schutz- oder Geleitbrief immer nur für die eine bestimmte Zeit und Stadt galt, ist mit Klaus Goehrke anzunehmen, daß diese fünf Familien den Kern der Kamener jüdischen Gemeinde bildeten, die in den 1930er Jahren von den Nazis vertrieben oder ermordet wurden. „Demnach konnten Juden, die 1933 in Kamen ansässig waren, ihre Kamener Familientradition bis ins 17. Jh. zurückführen – nicht viele Kamener Familien können das für sich in Anspruch nehmen.“

Emanzipationsbewegungen

Wie haben sich nun die Zahlen, soweit bekannt, entwickelt? Hier gibt es vor allem drei Quellen: Motzfeld (1722), Buschmann (1841) und Pröbsting (1901). Danach ergibt sich folgende Entwicklung: 1722 – 5 Familien

1725-4 Familien ohne Freizügigkeit

1802-43 Personen

1816-54 Personen

1830-12 Familien; Kaufleute, Handelsleute und Metzger; Buschmann kommentiert das: „Die Bevölkerung der Stadt besteht zwar zum größten Theile aus Evangelischen, doch leben hier auch viele Katholiken und 12 jüdische Familien. Diese Verschiedenheit religiöser Bekanntnisse übt jedoch auf das bürgerliche Leben durchaus keinen störenden Einfluß.“ Und weiter: „Schon seit undenklichen Zeiten wohnten hier einige Schutzjuden, die, gegen Erlegung einer jährlichen Abgabe, ungestört ihren Geschäften nachgehen konnten. Seit etwa 3 Jahrzehnten (Anm.: das schreibt Buschmann etwa 1840) hat sich die Zahl der hiesigen Israeliten vermehrt, ihre Geschäfte haben an Ausdehnung gewonnen und ihr Wohlstand ist sehr gewachsen.“

1840-88 Personen; 9 Kaufleute: 8 Händler mit seidenen, wollenen und baumwollenen Waren, 1 Eisenhändler

1847-108

1880-113

1885-119

1895-105

1897-109

1899-130

1900-135

1910-112

1925-  90

1933-  56

1938-  33

1939-  20

1940-  11

Es wird deutlich, daß von der Mitte des 19. Jh. an die Zahl der Juden in Kamen kontinuierlich zunimmt. Dazu haben mehrere Entwicklungen beigetragen. 

Zum einen brachte Napoleon zu Anfang des 19. Jh. die in Frankreich schon vorher eingeführte Judenemanzipation auch ins Königreich Westfalen, das von „König Lustik“4 in Kassel regiert wurde, namentlich ins westlich angrenzende  Großherzogtum Berg, zu dem die Grafschaft Mark von 1807 bis 1813 gehörte. Diese kurze Phase der französischen Besatzung brachte in vielerlei Hinsicht einen Modernisierungsschub. 1807 verkündete der Großherzog Joachim Murat, daß es „die höchste landesherrliche Absicht ist, dieselben (Anm.: die Juden) allmählich in die nämlichen Rechte und Freiheiten zu setzen, denen (sic) die übrigen Einwohner genießen“. Allerdings wurden viele Rechte kurz danach wieder zurückgenommen. 

Im Zuge der preußischen Reformbewegung nach dem Zusammenbruch gegen Napoleon, mit dem Namen des Reformers Karl August von Hardenberg verbunden, wurde 1812 das Edikt erlassen: „Die Juden und deren Familien sind für Einländer und preußische Staatsbürger zu achten.“ Diese Gleichstellung mit allen anderen eröffnete den Juden den Weg zur bürgerlichen Existenz. Seit dieser Zeit haben sie auch erbliche Familiennamen. Natürlich tauchte die Frage auf, was für Namen sie bekommen sollten, war es doch u.a. erklärtes Ziel, dadurch zur Integration beizutragen. Darum gab es viel Streit, weil die örtlichen Behörden nicht immer bereit waren, den Regierungsanweisungen zu folgen.

An den Befreiungskriegen gegen Napoleon nahm der 17-jährige Salomon Herzberg aus Kamen als Freiwilliger im 1. Westfälischen Kavallerie-Regiment teil. Er fiel 1815 in der Schlacht von Ligny, zwei Tage vor Waterloo, einziger Gefallener aus Kamen. 

Auf dem Wiener Kongress 1815 wurden viele dieser Verbesserungen wieder zurückgenommen, allerdings hatten viele Juden die von den Franzosen eingeräumten Chancen ergriffen und waren erfolgreiche „sehr gute ruhige Bürger“ geworden. 

Am 23. Juli 1847 trat ein Gesetz in Kraft, das Juden erneut Freizügigkeit und Handelsfreiheit zusicherte. Das bedeutete ebenfalls, daß die Juden nunmehr offiziell als Religionsgemeinschaft und als juristische Körperschaft mit eigener Vermögensverwaltung anerkannt wurden. Und daß jüdische Lehrer von der Regierung konzessioniert wurden, Deutsch als Unterrichtssprache das Hebräische ersetzte und jetzt auch für alle jüdischen Kinder Schulpflicht bestand.

Bismarck unterzeichnete 1869 das „Gesetz betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung“, was die Gleichstellung der Juden in Deutschland bedeutete, auch wenn der Antisemitismus damit nicht verschwand. Und ihre Gleichstellung hieß für die Juden alle Rechte und Pflichten, wie jedermann sie zu erfüllen hatte, also auch, daß sie zum Militärdienst eingezogen werden konnten. Zwei Kamener Juden nahmen am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 teil, im Ersten Weltkrieg wurden mehrere Kamener Juden mit dem EK II ausgezeichnet.

Ab der Mitte des Jahrhunderts nahm die Industrialisierung Deutschlands rasant zu. Die Wirtschaft blühte auf, auch die Juden profitierten von dieser Entwicklung. Vielen gelang es, sich aus dem ärmlichen Dasein als Hausierer durch wirtschaftlichen Erfolg in bürgerliche Verhältnisse emporzuarbeiten. Dazu trug sicherlich auch der Drang der Juden nach Bildung bei. Bildung war mobiles Gut, mobiles Vermögen, das ihnen nicht weggenommen werden konnte, das sie immer bei sich hatten, wenn sie wieder einmal vertrieben wurden. Ihr Bildungshunger trug zu ihrem Erfolg bei, weckte aber auch den Neid der weniger Erfolgreichen. Die jüdischen Gemeinden blühten auf, überall wurden neue Synagogen gebaut. Spannung entstand, wo traditionelle Juden und Reformjuden aufeinandertrafen. Letztere wandten sich der Moderne zu und zeigten starke Tendenz zur Assimilation, wozu offenbar auch die Kamener Juden gehörten (s. weiter u.).

Synagoge

Schon früh gab es ein jüdisches Bethaus, eine Synagoge, in Kamen. Das erste soll in der Mühlenstraße gestanden haben, das ist die heutige Bahnhofstraße zwischen dem Markt und der Mühle an der Maibrücke, doch ist nicht bekannt, wo genau. Dann erwähnt Buschmann eine „jetzt dem Herrn Pröbsting gehörende […] Scheune“ als Bethaus. 1756 bauten „die hiesigen jüdischen Eingesessenen“ eine neue Synagoge an der Cämstraße (heute Kämerstraße: der südliche Teil dieser Straße hieß Judengasse), die jedoch „klein und schlecht“ war. Sie soll eine hebräische Inschrift über der Haustür getragen haben: „Dieses Versammlungshaus ist entstanden zur Ehre Gottes im 3. Monat (Siwan) des Jahres 5450.“. Nach der christlichen Zeitrechnung wäre das 1689. 1830 wurde ein neues Gebäude, das aus Spenden der kleinen Gemeinde bezahlt wurde, an derselben Stelle errichtet. Dabei dürfte es sich um das Fachwerkhaus handeln, das am 14. Mai 1973 abgebrochen wurde. Dort steht heute ein Lebensmittelmarkt.

Abb. 4: Die alte Synagoge

Abb. 5: Luftphoto von Kamen; die Synagoge ist rechts oben, gegenüber dem hellen, einzeln stehenden Haus der Familie Evers (s.a. Abb. 12)

Abb. 6: Die Synagoge (zwischen den Pappeln) vom Sesekedamm aus gesehen

Abb. 7: Die Synagoge (ganz links am Bildrand) vom überschwemmten Mersch her gesehen

Kurz vor der Jahrhundertwende 1899/1900 erreichte die Kamener jüdische Gemeinde ihre größte Anzahl von 135 Personen. Die alte Synagoge wurde zu klein und mußte durch eine neue ersetzt werden. Die Gemeinde erwarb daher ein Grundstück an der Grünen Straße (heute etwa die Auffahrt zur Hochstraße von der Bahnhofstraße her). Der Erlös aus der Versteigerung (6.500 Mark) der alten Synagoge an den Metzger Joseph Jacob5  trug wesentlich zur Finanzierung des Vorhabens bei.

Abb. 8: Die neue Kamener Synagoge

Schon ein Jahr später legte der Dortmunder Architekt Max Lorf einen Bauplan vor. 1901 stand der Neubau, der sich durch seinen neuromanischen Baustil kaum von seiner Nachbarschaft abhob. Wegen Pfuschs am Bau stürzte ein Teil des Baus vor der Fertigstellung ein.

Abb. 9: Ein Stein, vermutlich aus der neuen Synagoge stammend (im Museum)

Abb. 10: Gebetbuch, vermutlich aus der neuen Synagoge stammend (im Museum)

Abb. 11: Die Synagoge stürzt zum Teil ein

Abb. 12: Familie  Evers vor der Synagoge (s.a. Abb. 5)

Abb. 13: Familie Siekman feiert Hochzeit vor der Synagoge (die Mauer rechts gehört zum Amtsgericht, heute Museum)

Der Bau hatte große Ähnlichkeit mit der Dortmunder Synagoge (auch hier war Lorf einer der Architekten), beide wiesen einen großen zentralen Rundbau mit einer Kuppel auf, allerdings war die Kamener Synagoge mit 100 Plätzen deutlich kleiner. Wie sehr die Kamener Juden assimiliert waren, wie sehr sie sich also in ihrer Heimatstadt zu Hause fühlten, wird an der Einweihungsfeier am 15./16. November 1901 deutlich. 

Abb. 14: Zeitungsannonce zur Einweihung der Synagoge

Damit alle Kamener, vor allem die Honoratioren der Stadt, teilnehmen konnten, fand am Abend des 16. November 1901, an einem Sabbat, ein Festball statt! Und alle, alle kamen, auch die Pfarrer der christlichen Gemeinden – nur der Bürgermeister Adolf von Basse ließ sich entschuldigen, obgleich ihm sicherlich keine Judenfeindlichkeit nachgesagt werden konnte. Und so, wie die christliche Gesellschaft an der Einweihung der Synagoge teilgenommen hatte, kamen Vertreter der jüdischen Gemeinde zur Konsekration der Kirche Hl. Familie im Oktober 1902. 

Abb. 15: Redaktionelle Ankündigung

Und schon seit einigen Jahrzehnten nahmen die Kamener Juden rege am Kamener Vereinsleben teil. Sie stellten Schützenkönige, sangen in den Männer-Gesangvereinen aktiv mit, stellten Vorsitzende. Dennoch wurden in dieser Zeit zwei Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof geschändet. 

Diese Synagoge war natürlich auf lange Zeit angelegt, und so entstand in ihr ein reges Gemeindeleben. Niemand konnte wissen, daß sie nur bis 1938 ihren Dienst tun würde. In diesem Jahr hörte die jüdische Gemeinde Kamen auf zu bestehen. Viele hatten Kamen bereits verlassen, sich vor den Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht. Viele aber wurden Opfer der Verfolgung durch die Nazis. Von den 135 Juden in Kamen (1900) waren 1933 noch 56 in ihrer Heimatstadt. 

Und was geschah mit der Synagoge? 1938 entzogen die Nazis allen jüdischen Gemeinden ihren Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts, stuften sie nur noch als bloße Vereine ein. Somit wurde es zu schwer für die noch verbliebenen Juden, die Kosten ihrer Synagoge zu tragen, außerdem war die Zahl der Gemeindemitglieder inzwischen so klein geworden, daß die erforderlichen 10 Männer für die Abhaltung des Gottesdienstes nicht mehr zu finden waren. Schließlich kaufte die Stadt Kamen unter dem Bürgermeister Otto Braunheim Grundstück und Gebäude für den Schleuderpreis von 3.600 Mark ließ sogleich den Davidstern von der Kuppel entfernen und begann bald mit dem Abriß des Gebäudes.

Abb. 16: Der Abbruch Synagoge wird angekündigt

Wie sehr die Nazis in den Alltag eingriffen, mögen die folgenden zwei Beispiele demonstrieren: es gibt einen ermäßigten Gepäcktarif für Arier – ist Kleinlicheres vorstellbar? Und gleichzeitig Wirkungsvolleres? Abb. 17:  Ermäßigter Gepäcktarif für Arier

Und wenn der „Führer“ sprach – dafür gab es den „Volksempfänger, ihn hatte der geniale Propagandist Joseph Göbbels als Medium mit enormer Reichweite früh erkannt – wurde diese Rede landesweit übertragen und möglichst viele Leute hingelockt. Diese beiden Beispiele zeigen, in welchem Ausmaß die Nazis das Alltagsleben regulierten.

Abb. 18: Eine Führerrede ist Pflichtveranstaltung für Parteigenossen

Nach dem Kriege verklagte die Jewish Trust Corporation, die in Fällen, wo keine Erben zu ermitteln waren, tätig wurde, die Stadt Kamen wegen des viel zu niedrigen Kaufpreises der Synagoge. 1954 mußte Kamen in einem Vergleichsverfahren DM 15.000 an die Corporation zahlen. 

Das Synagogengrundstück war der Stadt willkommen, weil man hier eine Adolf-Hitler-Straße bauen wollte. 

Abb. 19: Neue Straßennamen6  für Kamen

Abb. 20: Adolf-Hitler-Straße

Das immerhin blieb Kamen erspart. In der sogenannten Reichskristallnacht am 9. November 1938, heute Pogromnacht genannt, gab es brutale Ausschreitungen gegen Kamener Juden, jüdische Geschäfte wurden beschädigt und von vielen anschließend gemieden, es kam zu ersten Inhaftierungen. In der Folgezeit wurden immer mehr Geschäfte geschlossen, manche „arisiert“, d.h., zum Schleuderpreis von Nachbarn übernommen.

Die unbenutzte Synagoge verfiel, Kamener Schüler, die der Hitlerjugend angehörten, zerschlugen Fenster und schändeten sie. Im Krieg erhielt sie einen Treffer und wurde 1946 abgerissen.

Abb. 21: Die Edelstahltafel am Standort der neuen Synagoge

Heute erinnern an diese Synagoge eine Edelstahltafel bei den Garagen hinter der Kanzlei Weskamp und eine Mauerruine an der Hochstraßenauffahrt, an der am 27. Januar jeden Jahres, dem Auschwitz-Tag, eine Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung stattfindet. 

Abb. 22: Die Mauerruine zur Erinnerung an die Kamener Juden

An dieser Mauer wurde 1978 eine Tafel angebracht, die in einem wichtigen Detail falsch war: „Zur Erinnerung an unsere jüdischen Mitbürger, die in den Jahren 1933 – 1945 Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Hier stand das am 9. November 1938 zerstörte Gotteshaus der Synagogengemeinde Kamen. Die Bürger der Stadt Kamen.“ Der 1989 korrigierte Text lautet: „Zur Erinnerung an unsere jüdischen Mitbürger, die in den Jahren 1933 – 1945 Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Die Bürger der Stadt Kamen.“

Nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Zahl der Kamener Juden kontinuierlich ab. An den Zahlen nach 1933 erkennt man, daß die Politik der örtlichen Nazis begann, sich auszuwirken:

1910-112 Personen

1925-  90

1933-  56

1938-  33

1939-  20

1940-  11

1943-  0

Schulwesen

Schon 1680 hatten die Kamener Juden eine eigene Schule. In der Synagoge von 1756, die in der Judengasse stand, gab es eine Lehrerwohnung und ein kleines Schulzimmer, im Neubau an derselben Stelle ebenfalls. Der Vorsänger in der Synagoge war gleichzeitig Lehrer in der Schule. Alle Kosten für die Schule trug die jüdische Gemeinde selbst. Das führte zu heftigem Streit: Sollten alle Gemeindemitglieder sich an den Kosten für die Schule beteiligen oder nur die Eltern der Schüler? Das änderte sich erst 1874, als die Schule als öffentliche Volksschule anerkannt wurde. Das bedeutete, daß der Lehrer „als öffentlicher Volksschullehrer in dem Genuß aller Zulagen und Wohlthaten“ war. Das war besonders bemerkenswert, weil die Zahl der jüdischen Schüler immer nur sehr gering war, niemals mehr als 15 (1885). Das für den Unterhalt der Schulen und des Unterrichts nötige Geld konnte die Stadt Kamen sich leisten, weil die Zeche Monopol ihren Vollbetrieb aufgenommen hatte und, wie alle größeren Arbeitgeber mit mehr als 40 Arbeitern, eine Kopfgewerbesteuer von 10 bis 15 Mark zu entrichten hatte. Die Stadt zahlte auch der jüdischen Schule 10 Mark für jedes Schulkind. Und natürlich gingen viele jüdische Kinder auf die weiterführenden Schulen Kamens. Ab 1933 durften jüdische Kinder nicht mehr zur Kamener Oberschule gehen, sie gingen stattdessen zum Lyzeum nach Unna.

Für den Unterricht mußte von der Gemeinde allerdings ein Raum angemietet werden. 1894 kaufte sie schließlich für 14.000 Mark ein Haus in der Wilhelmstraße (heute Hanenpatt) und richtete hier ihre Schule mit Lehrerwohnung ein. Da gleichzeitig auch die neue Synagoge an der Bahnhofstraße/Grünen Straße gebaut wurde, bemerkt Pröbsting: „Diese wird ein ehrendes Zeugnis für die Opferwilligkeit der jüdischen Gemeinde sein.“ Wie unabhängig in finanzieller Hinsicht die jüdische Gemeinde war, ja, sein mußte, wird von Buschmann klar gemacht: „Für ihre Armen sorgt die jüdische Gemeinde selbst und allein. Den Dürftigen werden aus einer kleinen Armencasse regelmäßige Unterstützung, und von den einzelnen Glaubensgenossen nebenher, milde Gaben verabreicht.“

Begräbniswesen

Jahrhundertelang durften Juden nicht innerhalb der Mauern einer Stadt begraben werden, zusammen mit Christen auf dem Kirchhof, weil man sie verantwortlich machte für den Tod des Erlösers7. In Kamen befand sich seit dem Ende des 18. Jh., als die Zahl der Juden in der Stadt zu wachsen begann, der jüdische Friedhof südlich des Westentores an der heutigen Koppelstraße, d.h., vor dem Galenhof, natürlich außerhalb der Stadtmauer. Der städtische Friedhof lag zu der Zeit zwischen der Chaussée nach Hamm und der Rottumer Straße, heute Hammer Straße und Derner Straße, damals direkt vor dem Ostentor, wo es noch kein einziges Haus, also Platz genug gab. Das Gelände des heutigen Stadtparks war seit 1810 (Kamen gehörte zu der Zeit zum Arrondissement Hamm im Großherzogtum Berg) der Kamener Totenhof, der erste kommunale, d.h. überkonfessionelle, Friedhof, doch stellte man nach wenigen Jahrzehnten fest, daß der Grundwasserstand zu hoch war, alle Särge im Wasser standen, was zu einer Zeit, in der man sein Frischwasser aus Brunnen holte, besonders gefährlich war. Also wurde dieser Totenhof 1866 geschlossen und ein neuer am Overberger Weg, heute Friedhofstraße, angelegt, mit dem Haupteingang an der Westseite, der Münsterstraße. Heute ist das der alte Friedhof. Jetzt endlich profitierten auch die Kamener Juden von den Neuerungen der Moderne. Sie bekommen, von der Kommune bezahlt, eine eigene Begräbnisstätte auf dem neuen kommunalen Friedhof. Buschmann schreibt: „Daß die Todten der verschiedenen christlichen Confessionen auf diesem neuen städtischen Begräbnisplatze der Reihe nach und durch­einander begraben werden, ist selbstverständlich; nur die Juden werden abgesondert begraben und ist ihnen ein dreieckiger Platz vorn am Overberger Wege zum jüdischen Begräbnisplatz eingeräumt und auf Kosten der Stadt eingerichtet worden. Dies Verfahren muß als eine Rücksichtnahme gegen die Judengemeinde bezeichnet werden, welche diese hoch anschlagen und anerkennen sollte, da ihr hier­durch die Befolgung ihrer religiösen Sitten ermöglicht wird, wel­che sich sogar die Christen auf dem Communalen Todtenhofe versagen müssen.“ Noch heute ist dieses Stückchen Gräberfeld erhalten, jedoch haben nur wenige Gräber die Naziherrschaft überdauert.

Abb. 23: Der Judenfriedhof in Kamen

Abb. 24: Leser Stern: das älteste noch erhaltene jüdische Grab, nur 23 Jahre nach Eröffnung des Friedhofs angelegt

Abschließendes

Am 19. Sept. 1941 wurde von den Nazis der Judenstern eingeführt, der von allen getragen werden mußte, die nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 rechtlich als Juden galten.

Abb. 25: Der Judenstern, der hebräischen Schrift nachgeahmt

Im Jahre 1943 war die jüdische Gemeinde Kamen ausgelöscht, im Nazi-Jargon „judenrein“. Hier ein paar Zahlen zu den Juden in Deutschland: Vor 1933 gab es ungefähr 500.000 Juden in Deutschland; die Nazis brachten 6 Millionen Juden aus ganz Europa um; im Jahr 2005 betrug die Zahl der Juden in Deutschland 108.200, seitdem ist sie kontinuierlich auf 93.695 im Jahre 2020 gesunken. 

Die jüdische Gemeinde Kamen brachte hervorragende Leute hervor:

Abb. 26: Dr. Bernhard Heymann

Bernhard Heymann, 23. April 1861 in Kamen – 10. Mai 1933 in Leverkusen

Er war einer der Chemiker, die Deutschland einmal den Beinamen „Apotheke der Welt“ eingetragen haben. 

Bernhard Heymann war der Sohn des Kamener Kaufmanns Isaak Heymann und seiner Frau Sarah Levy, die ihr Geschäft für „Manufakturwaren, Konfektion, Betten, Möbel“ in der Weststraße 20 hatten. 

Abb. 27: Das Geschäft der Heymanns in der Weststraße (links)

Er absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre, doch befriedigte ihn die damit verbundene Tätigkeit nicht. Also entschloß er sich, das Abitur nachzuholen (in Soest) und zum Studium der Chemie nach München zu gehen. An der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität promovierte er bei Wilhelm Koenigs, einem damals bekannten Chemiker, nach dem die Koenigs-Knorr-Methode benannt ist, die eine der bekanntesten Reaktionen der Kohlenhydratchemie ist, und der dem jungen Heymann wohl die ersten Impulse für seine spätere Arbeit gab. 

Im Alter von 36 Jahren erhielt er die Führung des Forschungslabors der Bayer & Co. in Elberfeld (heute Wuppertal; heute Bayer AG, Leverkusen) und führte es in kurzer Zeit zu internationalem Renommee. Die wichtigsten unter seiner Leitung entstandenen Ergebnisse betrafen chemisch-technische Prozesse wie Textilhilfsmittel (zum Färben und zum Veredeln von Textilien, z.B., um sie wasserdicht zu machen), Pflanzenschutz, Kautschukhilfsmittel (um ihm die gewünschten Eigenschaften zu geben wie z.B. Haltbarkeit, Elastizität, Biegsamkeit, Dichtigkeit usw.) und die chemische Katalyse. 

1912 wurde Heymann stellvertretendes, 1926 ordentliches Vorstandsmitglied der Bayer AG, bzw. der I.G. Farben.

Schon seit 1913 arbeitete Bernhard Heymann auch persönlich an der chemotherapeutischen Synthese. Unter seiner Leitung gelang Richard Kothe und Oscar Dressel ein Präparat, das gegen den Erreger der Schlafkrankheit wirksam ist. Wilhelm Roehl führte dieses Medikament zur Marktreife. 

Die Schlafkrankheit wird von der Tsetsefliege übertragen und führt nach einem Verlauf in drei Stadien zum Tode. Im Endstadium verfällt der Infizierte in einen schläfrigen Dämmerzustand, woher sich der Name ableitet. Das Medikament wurde zunächst als Bayer 205 eingesetzt und später „Germanin“ genannt. Für diese Entdeckung bzw. Entwicklung erhielt Bernhard Heymann hohe wissenschaftliche Auszeichnungen, u.a. die Ehrendoktorwürde der Universitäten Bonn und Dresden. Und von Frankreich, damals noch Kolonialmacht, stark in Afrika engagiert, wurde diese Erfindung so bewertet (lt. Brief seines Schwiegersohnes W.E. Brenner vom 14.4.1931): „Sie ist mehr wert als alle Reparationsleistungen.“ Er bezog sich mit seiner Aussage auf die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg auferlegten Reparationen8.

Der damalige Kamener Bürgermeister, Gustav Adolf Berensmann, gratulierte Bernhard Heymann zu seinem 70. Geburtstag. Er schrieb: „Dem bekannten Wissenschaftler und bedeutenden Sohn unserer Stadt sendet zu seinem 70. Geburtstage die herzlichsten Glückwünsche der Magistrat der Stadt Kamen. gez. Berensmann, Bürgermeister.“ Die Kamener Zeitung berichtete über die Ehrung des „bekannten Wissenschaftlers und großen Sohnes unserer Stadt Dr. phil., Dr. med., h.c., Dr. ing. e.h. Bernhard Heymann“. 

Abb. 28: Ernst Moses Marcus

Ernst Moses Marcus, 3. Sept. 1856 in Kamen – 30. Okt. 1928 in Essen

Ernst Moses Marcus’ Eltern betrieben im Haus Markt 10 in Kamen ein Geschäft für Aussteuer und Hochzeitsausstattungen. Dieses im klassizistischen Stil gebaute Haus von 1860 steht heute noch. Ernst besuchte das Archigymnasium in Soest, studierte anschließend Jura in Bonn und Berlin. 1885 kam er als Gerichtsassessor nach Kamen zurück, wurde, nach einigen Zwischenstationen, Amtsrichter in Essen. Hier begann er, sich mit philosophischen Fragestellungen zu beschäftigen. 1916 wurde er mit dem Titel „Geheimer Justizrat“ ausgezeichnet, lehnte danach alle weiteren Beförderungen ab, um sich weiter seinen philosophischen Studien, vornehmlich Immanuel Kant, widmen zu können.

Marcus veröffentlichte, neben vielen Essays und Aufsätzen in philosophischen Fachzeitschriften, 16 Bücher über die Lehre seines Lieblingsphilosophen Kant. Noch 1981 wurden ausgewählte Schriften von ihm veröffentlicht.

Abb. 29: Dr. Julius Voos und seine Frau Stephanie

Julius Voos, 3. April 1904 in Kamen – 2. Jan. 1944 in Auschwitz

Julius Voos wuchs in Kamen, Schulstr. 2, mit fünf Geschwistern auf. Er wur­de dort Schüler der evangelischen Wilhelmschule (andere Quellen sprechen von der benachbarten Diesterwegschule) (bis 1918) 

Abb. 30: Julius Voos mit seiner Schulklasse (2. Reihe, 3. von rechts, um 1913)

Abb. 31: Julius Voos als Rabbiner

Abb. 32: Die Metzgerei Voos (1. Haus links) in der Schulstraße, um 1930

Abb. 33: Die Schulstraße, vom Turm der Pauluskirche gesehen, 1930er Jahre 

und war anschließend sechs Jahre zur Lehrerausbildung als Internatsschüler in der Marks-Haindorf-Stiftung9 in Münster. Er bestand 1923 das Religionslehrer-, 1924 das Vorbeter- und Volksschullehrerexamen. Seine erste Anstellung erhielt er von 1924 bis 1928 als Religionslehrer und Kantor in Meisenheim am Glan/ Pfalz. 

Im Selbst­studium bereitete er sich neben seiner Lehrertätigkeit auf das Abitur vor, das er als Externer an der Ober­realschule in Idar-Oberstein am 10.10.1927 bestand. Er studierte anschließend an der Berliner Universi­tät und an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“ Philosophie, Geschichte, Psychologie und Religionsgeschichte u.a. Dr. Leo Baeck.

Voos wurde in Bonn zu einem Thema über die Geschichte der messianischen Be­wegung im Judentum (16. Jh.) zum Dr. phil. promo­viert.

Nach dem Rabbinerexamen fand er eine An­stellung in Guben/Niederlausitz. In der Pogromnacht 1938 ging die Synagoge seiner Gemeinde in Flammen auf. Julius Voos wurde im KZ Buchenwald inhaftiert und erst nach einigen Wochen freigelassen, weil seine Frau inzwischen die Emigration der Familie nach China eingeleitet hatte, die dann aber nicht zustande kam. 

Am 19.1.1939 ver­zog Julius V. mit seiner Frau nach Münster. Dort wurde er von der Gemeinde als Rabbiner und, an der Marks-Haindorf-Stiftung, als Lehrer eingestellt. Bis 1940 scheiterten alle Emigrationspläne u.a. am Geldmangel. Er war seit 1926 Eigentümer des elterlichen Hauses und musste 1940 nach langen Verhandlungen dem Verkauf an einen früheren Nachbarn in Kamen unter dem Einheits­wert zustimmen („Arisierung“).

Am 30.3.1942 wur­de er zur Zwangsarbeit in einer Fahrradfabrik in Bielefeld herangezogen und wohnte mit seiner Familie dort in den „Judenhäusern“10. Am 2.3.1943 wurde er einem Berliner Transport zu­geteilt und nach Auschwitz deportiert. Während sei­ne Frau und sein Sohn in der Gaskammer ermordet wurden, wurde er an der Rampe „selektiert” und kam anschließend u.a. ins Lager Auschwitz III (Mo­nowitz), wo er bei Hungerverpflegung Schwerstarbeit zu leisten hatte.

Laut Zeugnis eines Überle­benden war Julius Voos, der letzte Rabbiner in Münster, der einzige Rabbiner in Auschwitz, der das „Lager er­barmungslos mitgemacht, schwerst gearbeitet, ge­hungert und gedurstet und die Kameraden noch auf­gerichtet” hat. Es ging mit ihm ein „vorbildlicher Mensch, der für jeden ein gutes Wort hatte, zugrun­de.” 

Abb. 34: Der Stolperstein zum Andenken an Dr. Julius Voos

In Münster und in Kamen (seit Dez. 1996) gibt es je eine Gasse, die seinen Namen trägt.

Abb. 35: Julius-Voos-Gasse

Zum Schluß möchte ich Klaus Goehrke zitieren, der, gegen Ende seines Buches „Weil wir Juden waren“, folgende Einzelheiten aufführt:

„So konnte denn, im Nazijargon, festgehalten werden: 1943 war Kamen „judenrein“. Halten wir abschließend fest, wessen wir gedenken müssen. Es ist eine lange Liste. Mindestens 29 Kamener Bürger sind Opfer der Deportationen geworden, sei es, daß sie direkt aus Kamen über Dortmund in den Tod geschickt wurden sei es, daß sie zur Deportationszeit  schon außerhalb von Kamen, vielleicht sogar in den Niederlanden, gewohnt hatten. Hinzu kommen mindestens 35 Ermordete, die in Kamen geboren sind oder zeitweise hier gelebt haben, jedoch vor 1933 in einen anderen Ort verzogen waren. Die Todesorte sind längst nicht immer bekannt. Am häufigsten, über zwanzig mal, müssen wir an Auschwitz denken, dann an die schrecklichen Ghettos von Riga, Zamosz und Lodz und die damit verbundenen ostpolnischen Vernichtungslager. 

Sicherlich kann man auch einen Teil der in den Jahren der Verfolgung verstorbenen Juden zu den Opfern zählen, vor allem die aus Kamen Geflüchteten, die durch ihren vorzeitigen Tod der Deportation entgingen. Es sind Abraham Jacoby, der im Juli 1939 in Haarlem verstarb; Johanna Langstadt, geb. Stern, die 51-jährig 1939 in Nijmwegen verschied, und Anna Odenheimer geb. Heymann, die 1943 mit ihrem Mann Max Odenheimer in Amsterdam zu Tode kam.

Nur von fünf der Deportierten ist bekannt, daß sie die Lagerhaft überlebt haben. Und den etwa 60 Opfern stehen insgesamt ungefähr 50 mit Kamen verbundene Juden gegenüber, die sich rechtzeitig durch die Emigration nach England, Amerika oder Israel retten konnten.“

Heute

In Kamen gibt es nach Auskunft der jüdischen Gemeinde Unna heute fünf oder sechs Juden, die jedoch nicht der liberalen Unnaer Gemeinde angehören. Die jahrhundertelange jüdische Geschichte Kamens ist erloschen. In Kamen sind keine antijüdischen Handlungen aus den letzten Jahren bekannt, doch mag, nein kann man es nicht glauben, daß es heute schon wieder (noch immer?) Antisemitismus in Deutschland und Europa (und anderswo in der Welt, etwa im Nahen Osten) gibt. Wir fallen zurück in überholt geglaubte Verhaltensweisen. Aus der Geschichte lernen? Manche, zu viele, nie.

Einzelne aus Kamen vertriebene Juden haben nach dem Krieg immer mal wieder ihre ehemalige Heimatstadt besucht. Eine jüdische Familie hat vor nicht allzu langer Zeit Kamen verlassen, es gibt  in Kamen keine jüdische Gemeinde mehr. Seit 2006 wurden in Kamen 50 Stolpersteine verlegt. Seit 1980 ist Eilat in Israel eine der Kamener Partnerstädte. 

Abb. 36: Das Eilater Wappen am Partnerschaftsbrunnen in Kamen

Abb. 37 : Der Davidstern

Jüdisches Leben in Kamen ist Erinnerung, dank den Stolpersteinen. Wie schön wäre es, wenn Juden selbstverständlich wieder dazugehörten, ohne Diskriminierung, ohne Hervorhebung. Einfach als Kamener11.

KH

Nachbemerkung: Wer das Thema vertiefen möchte, sollte zu Klaus Goehrkes Buch „Weil wir Juden waren“ greifen (vgl.a. Quellenangaben)

Fußnoten:

1 Dieses Ritualmordmotiv entstand Anfang der 1250er Jahre in der ostenglischen Stadt Lincoln, als die Leiche eines kleinen Jungen, gen. Hugh, in einem Brunnen gefunden wurde. Umgehend entstand das Gerücht, er sei von Juden entführt und bei einer Scheinkreuzigung ermordet worden. Ein Mann namens Copin wurde verhaftet und gestand unter der Folter, daß fast alle Juden Englands hinter dem Tod des Jungen standen. Copin wurde hingerichtet, und mit ihm 18 weitere Juden. Dieser Fall führte letztendlich zur Ausweisung aller Juden aus England durch Edward I. im Jahre 1290.

2 Die Grafschaft Mark existierte von 1180 bis 1391; von 1391 bis 1521 Grafschaften Kleve und Mark in Personalunion vereinigt; 1521 trat der Herzog von Jülich-Berg die Nachfolge in Kleve-Mark an, bis 1609; in diesem Jahr vorläufig, 1666 bei einem Erbvergleich endgültig, gelangten diese Territorien an Brandenburg; 1701 wurde Brandenburg das Königreich Preußen; von 1807 bis 1813, unter französischer Herrschaft, gehörte das Territorium der ehemaligen Grafschaft Mark zum Großherzogtum Berg; von 1813 bis 1918 war es preußisch. Hier wird exemplarisch deutlich, wie genealogische und dynastische Verhältnisse, Erbstreitigkeiten, Kriege, politische Ambitionen u.a. das Schicksal der Menschen prägten.

3 11. – 30. November 1215; Lateran: päpstlicher Bereich im Zentrum Roms

4 Jérôme Bonaparte, ein Bruder Napoleons; angeblich waren seine Worte „Morgen wieder lustik“ alles, was er an Deutsch konnte.

5 Goehrke berichtet hierzu eine groteske Geschichte: „Ab etwa 1926 wohnte dort die Familie des SA-Mannes Alerich S., der bei den späteren großen Saal- und Straßenkämpfen in Kamen bis zur Machtübernahme durch den Führer eine maßgebende Rolle spielte und den ältesten Kamener SA-Sturm -ehrenhalber- … geführt hat.“

6 Dortmunder Straße – heute: Dortmunder Allee; Hermann-Göring-Straße – heute: Borsigstraße; Hindenburgdamm – heute: Sesekedamm; Horst-Wessel-Platz – heute: etwa dort, wo sich die Auffahrt von der Koppelstraße zur Hochstraße befindet; Horst-Wessel-Straße – heute: Koppelstraße; Gondelteich – Koppelteich, heute Koppelteichpark; die Vinckestraße war die Verbindung zwischen dem Amtsgericht (heute: Museum) über die Vinckebrücke zum Schwesterngang

7 Die Juden für den Tod des Erlösers verantwortlich zu machen, geht auf die Kirchenväter des 4. Jh. zurück. Daß Jesu 12 Jünger (und er selber) alle Juden waren, ist klar, doch wird dieses Jüdischsein ausschließlich Judas zugeschrieben, wozu sein Name sicherlich beiträgt. Judas verrät Jesus und wird so, als paradigmatischer Jude, für den Tod des Erlösers verantwortlich gemacht.

8 Um diese Aussage richtig einordnen zu können: Im Versailler Vertrag wurde zuerst festgelegt: 20 Milliarden Goldmark – das entsprach ca. 7.000 Tonnen Gold – sollte Deutschland innerhalb von drei Jahren zahlen. Das war nicht möglich, also geriet Deutschland in Rückstand und sollte daraufhin  269 Milliarden Goldmark in 42 Jahresraten abstottern.

9 Die Marks-Haindorf-Stiftung war eine wohltätige Körperschaft des öffentlichen Rechts in Münster und widmete sich der Integration der jüdischen Bürger Westfalens, benannt nach den Stiftern Elias Marks und Alexander Haindorf. Sie bestand von 1825 bis 1940 und unterhielt in MS ein Schule. Außerdem förderte sie „Handwerke und Künste unter den Juden“.

10 In der NS-Sprache Häuser aus ehemals jüdischem Besitz, in die ausschließlich Juden als Mieter zwangseingewiesen wurden, um Wohnraum für Arier freizumachen.

11 Ein Wort zur Verwendung des Wortes „Jude: Der Duden rät von der Verwendung dieser Bezeichnung ab, weil sie als diskriminierend empfunden werden könnte. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden (sic!) in Deutschland, sagt dazu, „Jude“ sei kein Schimpfwort, und daß er sich mit diesem Wort auf Augenhöhe mit Katholiken und Protestanten sehe (Jüdische Allgemeine, 3. Feb. 2022), und Ayala Goldmann, Kommentatorin bei der Jüdischen Allgemeinen, erklärt, daß sie keinen Juden kenne, der dieses Wort als diskriminierend empfinde. Es sei eher Nichtjuden unangenehm, weil sie sich immer noch an den nationalsozialistischen Mißbrauch der Bezeichnung erinnert fühlen. (Jüdische Allgemeine, 7. Feb. 2022)

Literatur:

Goehrke, Klaus, „Weil wir Juden waren“, Schicksal der Juden in Kamen, Kamen 1999

Goehrke, Klaus,  Burgmannen, Bürger, Bergleute, Eine Geschichte der Stadt Kamen, Greven 2010

Hermann-Ehlers-Gesamtschule Kamen, Spuren jüdischen Lebens in Kamen von 1900 – 1945, Werne 1998

Holland, Tom, Herrschaft. Die Entstehung des Westens, 3. Aufl., Stuttgart 2021

Holzer, Klaus, Bernhard Heymann, Chemiker aus Berufung, in: Beiträge zur Geschichte Kamens, Kamen 2016

Khariakowa, Alexandra, Jüdische Gemeinde Unna, im Gespräch 

Kistner, Hans-Jürgen (Bearb.), Kamen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Münster 2016, S. 484 – 496

Möllenhoff, Gisela, Julius Voos, Ein Kamener Junge, StA, in Kopie 

Moore, Charles, The Spectator’s Notes, The Spectator, 12th February 2022

Paulus, Julia (Bearb.), Zwischen Kulturkampf und Glaubensvielfalt, Religiosität und Kirchen, in: 

Westfalen in der Moderne, 1815 – 2015; LWL-Institut für Westfälische Regionalgeschichte, Münster 2015

Rennspieß, Uwe, Von der Weltwirtschaftskrise zur Gleichschaltung, Stadtgeschichte und Kommunalpolitik Kamens 1929 – 1933, Essen 1992

Simon, Theo, Kleine Kamener Stadtgeschichte, Kamen 1982

Zeitungen: Camener Zeitung vom 2.11.1901; Camener Zeitung vom 14.12.1901; Volksblatt vom 23.  24.1938; Volksblatt vom 26.9.1938; Volksblatt vom 24.10.1938; Volksblatt vom 12.12.1938, alle im StA Kamen

Bildquellen:

Abb. 1 – 3, 28 & 37: Wikipedia

Abb. 4, 5, 8, 11 – 20, 26, 29 & 30: StA Kamen

Abb. 6, 7, 27, 32 & 33: Archiv KH

Abb. 9, 10, 21 – 25, 34 – 36: Photo KH

Abb. 31: Leo Baeck Institute New York

Flurnamen: Malter – Scheffel


von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

„Malter“ und „Scheffel“ sind sicherlich zwei Wörter, die einmal zum täglichen Sprachgebrauch der Ackerbürger und natürlich auch der Bauern in unserer kleinen Ackerbürgerstadt gehörten. Und bestimmt gebrauchten unsere Vorfahren sie noch lange, nachdem 1799 das Dezimalsystem in Paris deklariert wurde, zunächst der Meter, dann alle anderen Maße, Fläche und Hohlmaße, die dann offiziell seit den 1890er Jahren auch in Deutschland galten. (Und wie lange wird es wohl noch dauern, bis auch das letzte alltäglich gebrauchte nicht-metrische Maß aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sein wird: viertel, halbes, dreiviertel Pfund? Und im landwirtschaftlichen Bereich mag es auch noch eine Zeitlang den „Morgen“ geben.)

                      Abb. 2: Scheffelmaß

„Scheffel“ ist ein altes Hohlmaß für Getreide und Hülsenfrüchte. Das Wort war schon im Althochdeutschen bekannt: skeffil, dann mhd. scheffel, auch in der Form schepel geläufig. Dieses Maß wurde bald auch als Flächenmaß verwendet und bezeichnete soviel Boden, wie man mit einem Scheffel Körner besäen kann. Zum Abmessen der richtigen Menge wurde das Gefäß gefüllt und dann am oberen Rand glatt gestrichen.

Die Menge eines Scheffels schwankte regional sehr stark, daher war ein Scheffel keine verläßliche Größe. Die Bandbreite eines Scheffels variierte je nach Region, ja sogar nach Ortschaft zwischen 23 und 223 Litern. Entsprechend verhielt es sich mit dem Flächenmaß: mit einem Scheffel Saatgut konnte man 1 bis 2½ Morgen besäen.

Kein Wunder, daß hier eine Vereinheitlichung dringend nötig war. in den 1890er Jahren hatten sich Standardmaße durchgesetzt, was größere Rechtssicherheit brachte. Dieses Hohl- wie auch Flächenmaß galt bis zum Beginn des 19. Jh. Dann setzte sich der preußische Morgen als Flächenmaß durch (Westfalen war seit dem Wiener Kongreß 1815 preußische Provinz), wonach das Hohlmaß Scheffel ganz von allein obsolet wurde.

Eng verwandt mit dem Scheffel ist der Malter, ebenfalls ein Hohlmaß, das meist 4 Scheffel, jedoch bei uns im Hellwegkreis ca. 24 Scheffel enthielt.

Abb. 3: Wilhelm Busch: Bauer Mecke (aus Max und Moritz)

„Malter“ ist ein Hohlmaß für Getreide und Hülsenfrüchte, das allerdings eine beträchtliche Menge enthielt, weswegen i.d.R. das kleinere Maß „Scheffel“ für den täglichen Gebrauch viel wichtiger war.

Das Sträßchen „Malter“ gibt es in Kamen seit 1924. Damals hieß es „Am Malter“, es war von Anfang an eine Anliegerstraße. Seit Juni 1968 heißt es nur noch „Malter“.

Abbildungen:

Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2: Leihgabe aus der Heimatstube Hörste bei Halle in Westfalen im Museum Halle;     Abb. 3: aus: Wilhelm Busch, Und die Moral von der Geschicht, Hrsg. Rolf Hochhuth, Gütersloh 1959

Quellen: 

Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erw. Auflage, Münster 2014; Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017; Stadt Kamen

Flurnamen: Koppel

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Eine Koppel ist ein eingezäuntes Stück Land oder Weide, der Name kann auch ein gemeinsames Weiderecht bezeichnen.

koppel Verbindung(sstück), ← lat. copula (frz./engl. couple): Ländereien bzw. Markengebiete (Grenz~)  berühren sich punktuell; eingezäuntes Weideland, urspr. ein „Joch Landes“ = soviel Land, wie ein Paar Ochsen an einem Tag pflügen kann (Ochsen wurden als Zugtiere durch ein Joch = Teil des Geschirrs verbunden)

Abb. 2: Koppelwiesen

Eine Koppel ist ein Verbindungsstück bzw. ein Band. Und genau so zog sich das große Areal, das in der Kamener Urkatasterkarte von 1827 so hieß, wie ein Band südwestlich bis westlich um die Stadt. 

Abb. 3: Urkataster nach Stoob

Abb. 3a: Stadtplan von 1949: die Straßenführung Bahnhofstraße – Koppelstraße verläuft entlang alter Flurstücke

Dieses Gelände umfaßt den gesamten Bereich südwestlich bis westlich der Stadtmauer: „Auf der kleinen Koppel“ im Süden, direkt an den südlichen städtischen Filleplatz1 angeschlossen, reicht sie in zwei Flurstücken „In der Koppel“ bis nördlich des Westentors. Westlich schließt sich der Kalthof2 an, nördlich „Auf dem Spiek“3. Älteren Kamensern dürfte dieses Gelände wohl vor allem als „Römers Wiese“ in Erinnerung sein. Allein die Tatsache, daß „Koppel“ in drei Straßennamen vorkommt, belegt die Größe des Areals.

Abb. 4 & 4a: Straßenschilder

In früheren Zeiten handelte es sich bei der heutigen Koppelstraße (Mitte der 1920er Jahre gebaut; vgl.a. Artikel Koppelstraße) nur um einen Feldweg, auf dem Vieh auf die Weide und zurück in den Stall getrieben wurde. Für Bauer Römer ging das bis in die 1960er Jahre: jeden Morgen trieb er sein Vieh durch die Weststraße Richtung Römers Wiese, jeden Abend wieder zurück. Auch wenn das Bild damals schon trog, hier hatten die Kamener zum letzten Mal das Bild des kleinen Ackerbürgerstädtchens, das Kamen jahrhundertelang war, vor Augen.

Abb. 5: Die Koppelstraße verläuft am unteren Bildrand

Vom Westentor gingen zwei Wege ab: der wichtigere, daher größere, eine alte Handelsroute, führte in die Hansestadt Lünen, und eine kleine nach Westick und Methler, kleinen, Kamen vorgelagerten Gemeinden, die damals einzige Verbindung von dort nach Kamen.

Zwischen dem „Koppelweg“ und der Stadtmauer, etwa in der Höhe des Hauses Koppelstraße 24, dem alten Galenhof benachbart, lag ein alter Kirchhof, wahrscheinlich ein Armenfriedhof, da er außerhalb der Stadtmauer lag, doch soll hier auch der jüdische Friedhof gewesen sein, vielleicht auf einem abgeteilten Stück. Juden mußten damals immer außerhalb der Stadtmauern beerdigt werden, weil sie eben nicht Christen waren. Nur die wurden auf dem Kirchhof bestattet.

Bildquellen: Abb. 1,4 & 4a: Photo Klaus Holzer; Abb. 2 & 5: Stadtarchiv Kamen; Abb. 3: Heinz Stoob, Städteatlas Kamen, Dortmund 1975

Anmerkungen:

1 Filleplatz: Abdeckplatz für krankes und verendetes Vieh wie auch für die Reinigung der Tierhäute von Fleisch– und Fettresten durch die Gerber bzw. Schuhmacher

2 Kalthof:  bezeichnet einen Hof bzw. eine Hofstelle, die im Verlaufe ihrer Geschichte zumindest für eine kurze Zeit nicht bewohnt war, deren Herdstelle also „kalt“ war

3 „spi(e)k“ ein Tümpel, der durch die Stauung von Wasser durch den Einsatz von Brettern entsteht.

KH

Flurname: Hemsack

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Ein Hamm ist der Winkel zwischen zwei Flüssen oder eine Flußkrümmung. Eine solche Lage bot für Neusiedlungen des gerade seßhaft gewordenen Menschen in der Jungsteinzeit einen entscheidenden Vorteil, weil sie auf zwei Seiten einen natürlichen Schutz bot, in Kamen zwischen Seseke und Körne. 

Weitere Bedeutungen waren: ham, hammes, hämme – Zaun, Pferch, Hürde, Einfriedung, eingehegtes Landstück, oft in Wassernähe, deshalb auch Deutung als „Landstück in einer spitzig abknickenden, ein Dreieck bildenden Flußschlinge; oft in Siedlungsnamen“. So schrieb Levold von Northoff vom Gut Nordhoff, später Haus Bögge zugehörig, ein bedeutender Kleriker und Chronist,  vor 1358: „eine Stadt, die man den Hamm nennt“: heute Hamm. Hier ist die ursprüngliche Bedeutung erkennbar, ebenso noch in Hamburg, im Englischen in Namen wie Southampton. 

Im Mittelniederdeutschen bedeutete „ham“ auch Kniebeuge, daher z.B. Englisch ham = Schinken, kölsch Hämchen = Schinkeneisbein.

Der Hemsack in Kamen nimmt zum einen Bezug auf die Lage zwischen den beiden Flüssen, wo vor Tausenden von Jahren die germanische Siedlung entstand, die zu den bedeutendsten Ausgrabungsstätten zum Thema Germanen zählt und deren Funde zum großen Teil im Kamener Haus der Stadtgeschichte ausgestellt sind (aber auch im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm gibt es wunderbare Exponate aus dieser Siedlung). Zum anderen aber bedeutet der Name auch die Unmöglichkeit, nach dem Eingang hinauszugehen: Sack.

Ursprünglich handelt es sich bei dem Namen „Hemsack“ um eine Flurbezeichnung, die das ganze Gelände umfaßte. Erst im Januar 1981 wurde dieser Name auf eine dort verlaufende Straße verengt.

Abb. 2: Der Hemsack 1955; davor der Koppel(Gondel)teich und die Badeanstalt, rechts oben die Zeche Monopol

Abb. 3: Der Hemsack am 5. Dez. 1960; im Hintergrund die Zeche Monopol, noch mit hohem Schornstein und den zwei Fördertürmen, Vorgänger des heute denkmalgeschützten Förderturms

Alte Kamenser werden sich erinnern, daß der Hemsack ein großes Sportgebiet war, mit mehreren Fußballplätzen nebeneinander, umgeben vom Oval einer 1000-Meter-Bahn, der einzigen in Deutschland. Im Hemsack fanden auch die jährlichen Prüfungen für das Sportabitur statt, auf Bahnen, die heute kein Athlet mehr betreten würde, weil die Verletzungsgefahr viel zu hoch ist. Die Qualität der Bahnen entsprach der eines halbwegs vernünftigen Feldwegs. Ein so weitläufiges Sportgelände ließ sich nicht angemessen pflegen. Der Versuch, es zu erhalten, indem dort Motorrad- und Motocrossrennen veranstaltet wurden, scheiterte nach nur einer Veranstaltung.

Abb. 4: Der Hemsack 2018; rechts Technopark & Gründerzentrum, am oberen Bildrand das Klärwerk, links das Industriegebiet Hemsack

Auf diesem Photo ist, obgleich der Verlauf der Körne zur Zeit der Entstehung des Namens ganz anders war (sie verlief weiter westlich, hinter dem Klärwerk), deutlich ein Flußdreieck, ein Hamm, zu erkennen. Die Körne fließt zwischen den Bäumen vor dem Klärwerk am oberen Bildrand nach rechts in die Seseke.

Zur Zeit (Sommer 2020) wird das Gelände überplant mit dem Ziel, ein Wohngebiet am Fluß zu errichten.

Abbildungen: Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer; Abb. 4: Photo Stefan Milk

Quellen: Levold von Nordhof, Chronik der Grafen von der Mark und der Erzbischöfe von Cöln, aus Handschriften verbessert und vervollständigt von Dr. C.L.P. Tross, Hamm 1859; Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017

KH

Flurnamen: Geist/Geest

von Klaus Holzer


Abb. 1: Straßenschild Am Geist
Eigentlich bedeutet „Geist/Geest“ das „hohe, trockene, meist sandige und daher wenig fruchtbare Land“ (die Lüneburger Heide ist wohl die bekannteste Geestlandschaft Deutschlands), im Gegensatz zur Marsch, die in Kamen umgangssprachlich immer „Mersch“ hieß, Im Mersch, also männlichen Geschlechts war. Diese Flurbezeichnung war ursprünglich vor allem im Küstenbereich der Nordsee geläufig. Bei uns in Westfalen bezieht sich diese Flurbezeichnung ebenfalls auf höher gelegenes, wenig fruchtbares Land, was auf Kamen bezogen durchaus plausibel erscheint, war unsere Stadt doch von weitem Heideland umgeben: im Norden ein 55 qkm großes Heidegebiet (heute noch gibt es die Kamer Heide in Overberge), im Süden die Uelzener Heide u.a. In Overberge gab es beim Orts-Grenzdurchgang am Geistbaum die Flur Geisthoff; auf Kamener Gebiet nannte man einen Teil dieses Brinks (oft der Abhang eines Grashügels, hügeliges Stück Grasland, Randbereich einer Siedlung) Auf den Geistgärten. Auch Geestäcker werden erwähnt.

Abb. 2: Straßenschild Mersch
Als weiterer Beleg für diese mögliche Deutung des Flur- und Straßennamens mag gelten, daß es gleich hinter der Seseke, im südöstlich Bereich des Stadtgebiets, eine Straße namens „Mersch“, früher „In der Mersch“ (weiblichen grammatischen Geschlechts!), gibt, eine Bezeichnung, die immer eine Niederung bedeutet, die regelmäßig vom Meer oder einem Fluß überschwemmt wird, was die Seseke ja regelmäßig tat. Marsch oder Mersch kommt aus germ. *mariska = zum Meer (Wasser) gehörig (vgl.a. lat. mare = das Meer), schon germanisch als Sumpf, Morast, Binnensee bekannt. In der Regel war es eine Weide oder Wiese am Wasser, von Zeit zu Zeit überflutet.
Die kurze Straße, die vom ersten Kamener Kreuz (Kreuzung Ost-, Nord- und Weststraße) nach Süden führt, heißt Am Geist und liegt tatsächlich etwas höher als die anderen Flächen im Kamener Stadtgebiet. So könnte „Geist“ also durchaus von „Geest“ herrühren, allerdings gibt es bisher keinen Beleg dafür, daß die Flurbeschaffenheit tatsächlich für die Namengebung ursächlich ist.

Abb. 3: Hl.-Geist-Spital1
Daher kommt hier eine zweite Deutungsmöglichkeit in Frage, die viel für sich hat, die Herleitung aus Heilig-Geist-Spital, wenn man bedenkt, wie wichtig dieses für Kamen war. Vor 1359 gegründet, war es das erste und jahrhundertelang einzige Armen– und Siechenhaus der Stadt. Arm und krank, das gehörte offenbar nicht nur im Mittelalter zusammen, war aber vor Einführung des Sozialstaats immer mit einem elenden Leben verbunden. Nach 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, wurde es nicht mehr genutzt und verfiel vollständig. Erst 1717 wurden die Trümmerreste entfernt. Schon 1662 war das neue Hospital daneben erbaut, 1865 gründlich renoviert worden. Das stand dann bis in die 1930er Jahre, als es baufällig war und dem Möbelhaus Reimer Platz machen mußte. Später war Mrs Sporty darin, jetzt steht es seit langer Zeit leer.

Abb.: Abb. 1 & 2: Photo Klaus Holzer; Abb. 3: Stadtarchiv Kamen

1 Die Aufnahme stammt aus den 1930er Jahren, wie die Hakenkreuzfahnen belegen. Man beachte auch die hier noch vorhandenen Abwasserrinnen am Straßenrand, in die auch die Abflüsse aus den Häusern mündeten. Das Spital stand auf der Ecke Ost- und Nordstraße. Spoäter stand das Möbelhaus Reimer an dieser Stelle. Weitere Nachnutzungen: u.a. ein Gartenmöbelhaus und Mrs Sporty.

Quellen: Gunter Müller, Westfälischer Flurnamenatlas; Lieferung 1-5; Im Auftrag der Kommission für Mundart- und Namenforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. Alle fünf Bände sind im Stadtarchiv Kamen vorhanden; zur wissenschaftlichen Vertiefung geeignet.
Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901
Gisbert Strootdrees, Im Anfang war die Woort, Flurnamen in Westfalen, Bielefeld 2017

KH

Flurnamen: In der Bredde

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

Das Wort „Bredde“ (auch „brede“ und viele andere mundartliche Bezeichnungen) bedeutet zunächst einfach „Breite, Weite, weite Fläche/Ebene“, hat dann aber fast überall in Deutschland die Bedeutung „breites Ackerstück“ angenommen. Es handelt sich¹ um eine Ackerbezeichnung, die in Langstreifenfluren besonders auffällig war. Häufig war sie Land des Schultenhofes oder des örtlichen Adelssitzes. 

Aber warum war das überhaupt so bemerkenswert, daß daraus ein unterscheidendes Merkmal wurde, gar ein Flurname?

Bis zur Einführung des eisernen Pfluges gab es nur ganz einfache Pflüge, z.B. Holz– oder Geweihstangen, die den Boden bloß aufrissen, daher mußte man den Acker kreuzweise pflügen. 

Abb. 2: Hakenpflug

Die große Neuerung bracht der Kehrpflug. Er brach die Krume um, so daß der Boden viel tiefer aufgelockert und besser belüftet wurde. Dieser Pflug wies zuerst nur ein Streichblech mit Streichschiene und Schar auf, später dann eine Doppelschar. Es ist aber offenkundig, daß das Wenden eines solchen Pfluges, gezogen von Ochsen oder Pferden, einen erheblichen Aufwand bedeutete.

Abb. 3: Doppelscharpflug, Ulm 1935

Das Pflügen mit einem solchen Pflug ließ allerdings eine grobe Krume zurück, daher brauchte man   zusätzlich eine Egge, mit der man den Boden für die neue Aussaat vorbereiten konnte.

Abb. 4: Eggen mit Pferden, England 1942

Das bedeutete, daß der Bauer mit seinem Gespann sein Stück Acker mehrfach befahren mußte. Und das wiederum bedeutete, daß er sein Gespann oft wenden mußte, was kompliziert und daher umständlich und mühselig war und viel Zeit kostete. Der neue eiserne Pflug konnte daher nur dann effektiv eingesetzt werden, wenn man ihn nicht so oft wenden mußte. Jetzt war also das rechteckige, d.h., möglichst lange und entsprechend schmalere Feld besser geeignet für diese bäuerliche Tätigkeit und wurde bald zum Normalfall. War dennoch ein quadratisches, d.h., breites Feld übriggeblieben, war es eine Besonderheit. Daher gibt es den Flur-, daraus folgend den  Straßennamen In der Bredde.

Abb 5: Gewanne¹

Diese Abbildung zeigt sehr schön, wie ein Dorf sich organisierte. In direkter Umgebung de Dorfes lag die Allmende, manchmal als (Dorf)Anger, wo man sein Vieh weiden ließ. Um das Dorf herum lagen drei Gewanne, jeweils in Felder unterteilt, drei, weil man gelernt hatte, daß man den Ernteertrag durch die Dreifelderwirtschaft steigern konnte: Auf einem Feld wird Wintergetreide, auf einem anderen Sommergetreide angebaut, das dritte bleibt ungenutzt, Brache. Dabei wechselten die Anbauformen jährlich, das Feld kann sich also in jedem dritten Jahr erholen. Diese Neuerung bedeutete eine wesentliche Verbesserung im Bereich der Landwirtschaft. Vorher wurde ein Feld eine Saison bebaut und lag danach brach (Zweifelderwirtschaft). Die verbesserten Ernteerträge führten zu besserer Ernährung, diese wiederum zu einem Bevölkerungswachstum. Alles dieses war Voraussetzung zur Gründung von Städten, weil diese jetzt von Bauern mit Lebensmitteln versorgt werden konnten. 

Und noch etwas zeigt diese Abbildung: Die Anlage der Felder hatte absoluten Vorrang vor allem anderen. Wege nahmen nicht die kürzeste Route, sondern die unschädlichste.

Heute sind solche schmalen Streifenparzellen längst verschwunden. Zusammenlegung und Flurbereinigung sorgten dafür, daß solche Bezeichnungen ebenfalls verschwanden. Und natürlich ist das mühsame Wenden eines Pfluges auch Geschichte. Moderne Ackerschlepper können das ganz leicht. Nur Straßennamen erinnern noch an Fluren.

Quellen: Abb. 1: Photo Klaus Holzer; Abb. 2: Wikipedia, Pflug Altenwindeck; Abb. 3: Doppelschar-Kehrpflug mit Pflugkarren für tierischen Zug, Fa. Eberhardt, Ulm 1935, Wikipedia; Abb. 4: Photo D 8549, Imperial War Museum, Wikipedia; Abb. 5: Gewanne, Wikipedia, Falk Oberdorf, Osterstr. 8, 32312 Lübbecke

 

 1 Ackergrenze, an der der Pflug gewendet wird,  in mehrere Streifen aufgeteiltes Ackergelände

KH

Flurnamen: Bleiche

von Klaus Holzer

Abb. 1: Straßenschild

In östlicher Richtung von der Ostenallee abzweigend, gibt es seit 1975 die Straße „Bleiche“. Dieser Name hat es von einer Funktionsbezeichnung zum Flurnamen geschafft.

Eine „Bleiche“ genannte Fläche diente ursprünglich dem Bleichen frisch gewaschenen Leinens  wie auch des neu gesponnenen Leinentuches. Es handelte sich dabei um ein in der Nähe der Wohnbebauung liegendes Stück Grünland, das in der Regel an einem Fließgewässer lag, damit das Leinen immer feucht gehalten werden konnte. Je länger es der prallen Sonne ausgesetzt war, umso weißer, und damit umso wertvoller, wurde es. Das abgestandene und daher oft schmutzige Wasser von Teichen, Tümpeln und Stadtgräben war zu diesem Zweck ungeeignet. Nur selten legte man ein solches künstliches Gewässer an, das dann besonders tief ausgehoben und sorgsam gepflegt wurde.

Leinen war gefragte, aber auch teure Ware, es gehörte zur Aussteuer aller jungen Mädchen, deren Familien es sich leisten konnten. Diese Leute waren „betucht“. Und weil es so wertvoll war, war es auf der Bleiche ständig in Gefahr, gestohlen zu werden. Und weil die Bleiche gewöhnlich auf Grünland war, also auf Wiese und Weide, wo natürlich auch Vieh in der Nähe weidete, bestand immer die Möglichkeit, daß das Vieh auf die Bleiche geriet und das Leinen beschmutzte oder gar beschädigte. Daher standen am Rande einer Bleiche oft Bleichhütten, in denen sich Wächter aufhalten konnten. Oft wurde die Bleiche auch wie ein Garten eingezäunt. Ob das in Kamen der Fall war, ist nicht bekannt.

Abb. 1: Frauen beim Spülen der Wäsche am Mühlenkolk¹; im Hintergrund die Wiesen auf dem Gelände des heutigen Amtsgerichts (s. Abb. 3)

In Kamen gab es wohl mehr als eine Bleiche, waren die Leineweber doch eines der zwei  am stärksten ausgeübten Handwerke: im Jahre 1722 gab es in Kamen 44 Leineweber, dicht gefolgt von 38 Schustern. Neben der Bleiche im Osten der Stadt, nahe der Seseke und mehreren Flußaltarmen, etwa dort, wo 1843 Kamens erste Badeanstalt war (vgl.a. Artikel Ostenallee/Ostkamp/Bleiche), gab es, das ist belegt, mindestens eine zweite, dort, wo heute das Amtsgericht an der Poststraße steht. Hier standen die Seseke und der Mühlenkolk zum Ausspülen und Feuchthalten des Leinens zur Verfügung, und der Weg aus der Stadt zur Bleiche war sehr kurz.

Abb. 2: Photo der Bleiche am Amtsgericht; das Gebäude links ist die Kamener Mühle, zuletzt Mühle Ruckebier

Eine Besonderheit berichteten alte Kamenser über  die Situation hier. Damals zogen viele Zigeuner, wie es damals hieß, über Land. Sie standen generell in dem Ruf, Diebstählen nicht abgeneigt zu sein. Die Kamener Leineweber handelten also ganz schlau, als sie Zigeuner zur Bewachung ihres Leinens auf der Bleiche einstellten. Es soll kaum etwas abhanden gekommen sein.

KH

Abbildungen: Nr. 1: Photo Klaus Holzer; Nr. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer

 

¹Kolk = Strudel im Wasser, Höhlung am Flußufer; auch afries. Grube, Loch, Wasserloch; verw. mit „Kehle“, architekt. „Hohlkehle“): hier der künstlich angelegte Teich zum Ausgleich von Hoch- und Niedrigwasser

Flurnamen als Straßennamen

von Klaus Holzer

Überall wo Menschen sich bewegen, wo sie siedeln, brauchen sie Orientierung, d.h., sie benennen ihre Umgebung z.B. nach natürlichen und topographischen Gegebenheiten: Hain oder Wald, Bach oder Fluß, Berg oder Tal, Teich oder Weg usw., die zur Unterscheidung, als Orientierungsmerkmale ländlichen Wohnens und Arbeitens dienen. Als der Mensch in der Jungsteinzeit vom Jäger und Sammler zum Siedler, also seßhaft, wurde und anfing, Land zu bearbeiten, konzentrierte sich jeder immer wieder auf dasselbe Stückchen Land, das er bearbeitete und alsbald als „sein“ Land betrachtete. Und er nannte es in Abgrenzung zum Land seiner Nachbarn nach einer Besonderheit, d.h., er gab ihm einen „Namen“, der es vom angrenzenden Land unterscheidbar machte: Landschaftsform, Eigenarten der näheren Umgebung, Lage- und Nutzungsbezeichnungen, Bezug auf sich als Eigentümer oder auf das umgebende Milieu wurden zu geläufigen Mitteln bei der Benennung. Größere Bereiche erhielten ihre Namen oft nach den Himmelsrichtungen: Osten–, Süden–, Westen– und Nordenfeldmark. Und natürlich wurden nicht nur Acker- und sonstige Nutzflächen mit Namen versehen, sondern auch „Weidestücke und Waldstreifen, [ … ] Wege und Wegeränder, [ … ] kultivierte Moorflächen und Heiden, [ … ] Berghänge und Felsformationen, [ … ] Teiche, Bäche und deren Uferflächen“.1

Abb. 1: Kamen in seinen drei Entwicklungsphasen, mit Flurnamen (nach Stoob, Westfälischer Städteatlas, Kamen, 1975)

Flurbezeichnungen stammen aus einer Zeit, die noch keine Schrift kannte, als alles mündlich weitergegeben wurde, aus einer Zeit, in der der Mensch, gerade seßhaft geworden, wenig mobil war, meistens aus seinem Dorf, allenfalls seiner näheren Umgebung, in der Regel nicht hinauskam. Und das bedeutet auch, daß Flurbezeichnungen keine großen Areale bezeichneten, die so eine mindestens regionale Bedeutung haben konnten (und damit eine größere Chance hatten, einen wenig veränderlichen Namen zu erhalten), sondern kleinteilig angelegt waren und sich durch Generationen auch verändern konnten. Immer aber hatten sie ursprünglich „Namen“, die aus den Umständen heraus eine Bedeutung hatten. „Je nach Ordnungskategorie können für einen Gegenstand verschiedene Bezeichnungen anwendbar sein: Ein eingehegter Acker ist ein „Kamp“. Gleichzeitig kann er nach der Nutzung  als „Haferland“ bezeichnet werden, nach seiner Größe als „Dreimorgen(-Stück)“, nach seinem Relief als „Horst“, nach seiner Form als fîfhôk (Fünfheck). Alle diese „Flurnamen“ sind richtige Beschreibungen, also nicht Namen, sondern Bezeichnungen.“2  Daß Bezeichnungen sich mit veränderten Bedingungen ändern, liegt auf der Hand.

Systematisiert wurden diese Angaben auf Napoleons Initiative (Wieder einmal! Wie so viel Grundlegendes der Moderne in Deutschland geht auch dieses auf ihn zurück), der das eroberte Land vermessen ließ. Als er endgültig besiegt und vertrieben war, führten die Preußen (Westfalen war seit dem Wiener Kongreß 1815 preußische Provinz) diese Maßnahme fort. Geometer vermaßen flächendeckend das ganze Land, listeten die Grundstücke auf, notierten die Größe der Parzellen, beschrieben die Bodenbeschaffenheit, trugen die Bezeichnungen ein, die die Eigentümer nannten – und sorgten so dafür, daß sich alte, niederdeutsche, Flurbezeichnungen erhalten konnten. Sie geben Auskunft über die alte Welt, aus der sonst keine schriftlichen Aussagen erhalten sind.

Beide, Franzosen und Preußen, hatten gute Gründe für diese doch eigentlich sehr aufwendige Sache, ein ganzes Land zu vermessen: zum einen hatte man auf diese Weise präzise Karten für Wirtschaft, Handel und Verkehr, zum anderen aber auch eine Grundlage für die Besteuerung der Grundeigentümer, deren Namen anfänglich mit eingetragen wurden (was sich als nicht zweckmäßig erwies, weil jede Erbschaft, jeder Verkauf erfaßt werden mußte und ständig neue Karten gezeichnet werden mußten); nicht zuletzt aber hatten diese Karten auch einen militärischen Sinn. 

Die heute noch erhaltenen Namen für solche „Flur” genannten Stücke Land entstammen dem Plattdeutschen, das oft von Dorf zu Dorf seine eigenen Ausprägungen hatte: sogar zwischen Kamen und Methler gab es Unterschiede. Solche Namen, die sich heute noch in Kamener Straßennamen erhalten haben, sind z.B. Mersch, Bredde, Bleiche, Brink, Hemsack u.a. 

Abb. 2: Übersicht Fluren Kamen

Diese alten Flurbezeichnungen wurden aufgegeben, als die Industrialisierung im 19. Jh. Deutschland grundlegend veränderte. Agrarland wurde zu Industrieland, Dörfer zu Städten, Städte zu Großstädten (Beispiel Bochum: 1843 hatte Bochum 4282 Einwohner, 1905 schon über 100.000), unbebautes Land wurde zugebaut, Städte vergrößerten sich ins Umland (Beispiel Kamen: die Westenfeldmark, freies, offenes Land, wurde ab 1873 mit dem Einzug des Bergbaus entlang der Lünener Straße dicht bebautes Stadtgebiet) landschaftliche Eigentümlichkeiten veränderten sich bis zum Verschwinden. Man schaue sich nur einmal die vielen Einfamilienhaussiedlungen (Schlafstädte für die nahe Großstadt) um den Kern alter Städte an, die vielen Einkaufszentren, die auf die „grüne Wiese“ gesetzt wurden und die Einkaufsqualität „innenstadtunschädlich“ verbessern sollten, doch entgegen allen gelehrten Gutachten den Tod eben dieser einläuteten (heute durch den Internetbestellhandel zu Ende geführt).

Die Flurnamen verloren ihren Sinn, die Fluren sollten aber aus eigentums-, verwaltungs- und steuerrechtlichen Gründen weiterhin erfaßt werden. 1861 wurde per Gesetz die Bildung eines Katasters vorgeschrieben. Erst ab diesem Zeitpunkt also wurden die Flurbezeichnungen katastermäßig erfaßt. Von nun an wurden die Namen durch Nummern ersetzt, so daß bei Veränderungen die Karten nicht mehr betroffen waren, nicht neu gezeichnet werden mußten, es reichte, z.B. bei einem Besitzerwechsel, die Eintragung im Grundbuch zu verändern.

Abb. 3: Flurstücke Kamen

Abb. 4: Flurstücke Altstadt Kamen

Heute sind diese Flurbezeichnungen in Straßennamen zwar manchmal noch erhalten, aber nicht mehr von praktischer Bedeutung, weil die Landschaft sich sehr stark verändert hat, die städtische Bebauung sich immer weiter in die Außenbezirke hinausgezogen hat, es also z.B. die frühere Randlage (Brink) gar nicht mehr gibt, allenfalls noch in alten Namen erhalten ist, in Dörfern kein Platz mehr für eine Wiese (Anger) freigelassen wurde, oder die tägliche Arbeit sich ganz anders darstellt, man keine Wäsche mehr auf die Bleiche legt, Stadtgräben sind trockengelegt worden und verschwunden (Beispiel Kamen: die noch in den 1960er Jahren vorhandenen Reste des alten Stadtgrabens außerhalb der Ostenmauer an der Ostenallee liegen heute unterirdisch), wo in der Stadt gibt es noch Weiden und Wiesen, den Hemsack gibt es noch, doch ist die Körne im Zuge des Sesekeumbaus in den 1920er Jahren verlegt worden, das Flußdreieck von früher gibt es so nicht mehr (und außerdem steht dort jetzt das Klärwerk). Und natürlich hat das Zusammenlegen früher selbständiger Städte (Elberfeld und Barmen zu Wuppertal, 1929) und Gemeinden (die Kommunalreform NRW Ende der 1960er Jahre: die ehemals selbständigen Gemeinden Derne, Heeren-Werve, Methler, Rottum und Südkamen sind heute Kamener Stadtteile) ebenfalls diese Wirkung. Kurz, wenn es heute noch Flurnamen in Straßennamen gibt, ist das in der Regel eine Reminiszenz an frühere Verhältnisse, die nur noch dem an der Ortsgeschichte Interessierten etwas bedeuten.

Und Platt sprechen heute nur noch wenige Menschen, die Bedeutung unserer Flurnamen ist uns nicht mehr geläufig. Daher wird hier der Versuch unternommen, die Bedeutung wenigstens einiger dieser Namen zu erklären.

Dank an Herrn Eckard Pischel für seine Angaben zu Katastern.

Glossar: Flur (die) – offenes, unbewaldetes Kulturland, in Parzellen eingeteilte landwirtschaftliche Nutzfläche

Gewann (das) – abgegrenztes Teilstück einer Flur

Allmende (die) – auch: die gemeine Mark, Gemeinheit; Areal, das allen Dorfbewohnern zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stand

Gemarkung (die) – Gebiet, gesamte Fläche einer Gemeinde; Gemeindeflur 

Feldmark (die) – Fläche aller zu einer Gemarkung (also einer Gemeinde oder einem Landgut) gehörenden unbebauten Grundstücke (Ackerland, Wiesen, Weiden, Waldungen usw.) 


Literatur:

1 Gunter Müller, Westfälischer Flurnamenatlas; Lieferung 1-5; Im Auftrag der Kommission für Mundart- und Namenforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. Alle fünf Bände sind im Stadtarchiv Kamen vorhanden; zur wissenschaftlichen Vertiefung geeignet.

2 Gehölz, Baumgruppe

3 Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen, 800 bis 1800, zweite überarbeitete und erweiterte Auflage, Duisburg 2014

4 Karl Kühnapfel, Sau hätt se kürt in Kamen und drümmrümm, Kamen 1997, 2. Aufl. zusammengestellt von Wilfrid Loos

5 Weitere Werke, die Grundlage dieses Artikels sind: Hugo Craemer, Alt-Kamen im Lichte seiner Orts- und Flurnamen. aus: Zechenzeitung, 1929, Jgg. 3-7 & 8;

Ferdinand Brandenburg, Die Kamener Flurnamen, Westfälischer Anzeiger, fünf Folgen zwischen Anf. Feb. und Anf. April 1944

KH

Pest und Corona in Kamen

von Klaus Holzer

Abb. 1. Kamens Fußgängerzone in Coronazeiten 

Seit fast einem Jahr leiden wir unter Corona, einer Pandemie, die 2018/19 in China ihren Anfang nahm, viel zu weit weg, als daß sie uns hätte berühren können, wie wir damals glaubten. Doch dann erwischte sie uns mit aller Macht und legte alles Leben, so wie wir es kannten, monatelang lahm. Die Pandemie zu bestehen, gar zu überwinden, hilft uns die Wissenschaft, die Naturwissenschaft vor allem. Ihr ist es gelungen, das Virus, seine Wirkung und seine Verbreitung, zu entschlüsseln, es weitgehend zu verstehen. Sie hat sogar inzwischen ein Gegenmittel, einen Impfstoff, entwickelt, der verspricht, die Seuche zu überwinden. 

Abb. 2 & 3: Im MA noch unbekannt: Die Verbreiter der Pest, die Ratte und der Floh

Damit sind wir in einer vergleichsweise glücklichen Position gegenüber unseren mittelalterlichen Vorfahren. Sie standen der Seuche ihrer Zeit, der Pest, hilflos gegenüber. Sie nannten sie „Pestilenz“ und den „Schwarzen Tod“. 

Abb. 4: Der schwarze Tod

Mangels naturwissenschaftlicher Kenntnisse nahmen sie an, Gott habe die Seuche geschickt, um den Menschen für sein sündiges Verhalten zu bestrafen. Daher lag denn auch die einzige Möglichkeit der Heilung in verschiedenen Arten von Buße, um Gott wieder versöhnlich zu stimmen: man ließ Messen lesen, sammelte Almosen, führte Prozessionen und mehrtägige Altargänge durch und hielt strenges Fasten ein. 

Abb. 5: Die Geißler

Schwärme von Geißlern zogen überall durch die Straßen und schlugen sich mit ihren Geißeln blutig, die härteste Buße. Die meisten dieser Maßnahmen führten jedoch zu einer weiteren Verbreitung der Pest, weil fast immer große Gruppen von Menschen zu dieser Art von Buße zusammenkamen. Und die hygienischen Verhältnisse im allgemeinen waren katastrophal.

Abb. 6: Juden als Sündenböcke

Eine weitere Art, diese Seuche zu bekämpfen, bestand darin, einen Sündenbock zu suchen. Nach einem Pestausbruch entstand sehr schnell das Gerücht, die Juden seien schuld. Sie hätten die Brunnen vergiftet, um alle Christen zu ermorden, Kinder rituell geschlachtet und deren Blut getrunken und, vor allem, sie seien für den Tod Jesu verantwortlich. Befeuert wurden die folgenden  Pogrome durch die Tatsache, daß die jüdischen Gemeinden von der Pest nur relativ wenig betroffen waren. Daß das an der wesentlich besseren Hygiene der Juden lag, ahnte man nicht.

Die erste große Pestwelle in Westeuropa begann 1347 in Genua, aus Asien eingeschleppt von genuesischen Händlern und Seeleuten, umgehend nach Marseille und Barcelona weitergetragen. Bis 1352 erreichte sie fast ganz Europa (Corona reist heute nicht per Segelschiff, sondern mit dem Flugzeug und ist entsprechend schneller. Obendrein haben wir heute eine digitale Informationsverbreitung, die uns das Weltgeschehen in Echtzeit miterleben läßt). Sie hatte eine verheerende Wirkung und rottete mancherorts bis zur Hälfte der Menschen aus, im Durchschnitt wohl etwa 40% der europäischen Bevölkerung. 

Abb. 7: Die Pest entvölkert ganze Landstriche

Immerhin kam man in Venedig schon 1374 zu der Einsicht, daß man die Erkrankten isolieren müsse, wenn auch sowieso niemand den Kontakt mit ihnen suchte (Venedig war auch die erste Stadt, die 1423 ein Pestkrankenhaus einrichtete). Es wurde eine Meldepflicht eingeführt, die Erkrankten isoliert. In der Regel dauerte diese Isolation 40 Tage1, auf italienisch „quaranta“, bald danach griffen die Franzosen diese Idee auf und nannten sie „quarantaine“, woher unser heute gebräuchliches Wort Quarantäne stammt. Die Toten wurden so schnell wie möglich in Massengräbern beerdigt. Die Situation war schlimm, doch wird der mittelalterliche Mensch auf den Schwarzen Tod mit mehr Gelassenheit reagiert haben, als wir uns das heute vorstellen können, gab es doch so viele Gründe für einen frühen Tod, von der hohen Kindersterblichkeit bis zu vielen Krankheiten, Mangelernährung, den häufigen Unfällen, oft schlechter, weil eintöniger Ernährung, meist Getreidebrei, mangelhafter medizinischer Versorgung, der soziale Stand und Krieg waren alltägliche Risiken. Die meisten Menschen erreichten nicht 50 Lebensjahre. Außer Aderlaß und Astrologie gab es kaum etwas, das den Ärzten zur Verfügung stand. Sie wußten es einfach nicht besser.

Abb. 8: Der Pestarzt schützte sich mit dieser speziellen Maske, die mit Essig getränkt und mit Kräutern gefüllt war

Die Pest breitete sich in fast ganz Europa aus, auch Kamen blieb nicht von ihr verschont. Wir wissen nicht, ob sie unsere Stadt noch im 14. Jh. erreichte. Lt. dem ersten Stadtchronisten Friedrich Buschmann dauerte es ungefähr 230 Jahre, bis sie Kamen heimsuchte, dann aber heftig. 

Bis zur Mitte des 15. Jh. war Kamen eine wohlhabende und mächtige Stadt, für damalige Verhältnisse bevölkerungsreich, etwa 1500 – 1600 Einwohner. Sie genoß Privilegien, die die Grafen von der Mark ihr eingeräumt hatten und pflegte gute Beziehungen zur Hanse, nach Lübeck vor allem, wo Kamener Kaufleute wichtige Händler waren und einige es sogar in den lübischen Senat schafften. Kamen war, nach Hamm, die zweitwichtigste Stadt in der Grafschaft. Wöllner und Weber schufen Reichtum, weil sie ihre Tuche über die Hanse auf dem Weltmarkt anboten, schon früh die Globalisierung des Handels nutzten und vorantrieben.

Die glänzenden Aussichten wurden jäh zunichte gemacht, als 1580 zum ersten Mal die Pest hier ausbrach. Es ist nicht bekannt, wie viele Leben sie forderte, es ist keine Chronik, kein Kirchenbuch auf uns gekommen, das Genaueres festgehalten hätte. Das älteste noch vorhandene Kamener Kirchenbuch beginnt 1620, aus dem wir freilich das Grauen der folgenden Jahre erfahren.

Abb. 9: Marodierende Soldaten im Dreißigjährigen Krieg

1624 begann der Dreißgjährige Krieg, unter dem Kamen entsetzlich leiden sollte. Es gab Durchmärsche, Einquartierungen, es waren Kontributionen zu entrichten, Plünderungen zu erleiden, kurz, Kamen verarmte. Und als wäre der Krieg nicht schon genug der Last gewesen, brach im Jahre des Kriegsbeginns die Pest aus und forderte 267 Tote. Und das bei einer Bevölkerung von etwa 1600 Personen! Innerhalb eines Jahres starb an der ersten Pestwelle also etwa ein Sechstel der hiesigen Bevölkerung! 1625 starben weitere 209, 1626 noch einmal 115 Einwohner. Das bedeutet, daß Kamens Bevölkerungszahl von ca. 1600 auf ca. 1000 zusammenschmolz, über ein Drittel aller Kamener starb in nur drei Jahren an der Pest!

Abb. 10: Beerdigung von Pestopfern

Und 1636 erfolgte ein weiterer Ausbruch, der weitere 213 Leben forderte. Buschmann berichtet 1841, daß am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) „die Einwohnerzahl der Stadt auf die Hälfte zusammengeschmolzen“ war. 1673 starben in Kamen und im Kirchspiel noch einmal 400 Menschen. Solchen Verlust kann keine Geburtenrate ausgleichen, die im 17. Jh. in Kamen im Durchschnitt 60 betrug (so der zweite Stadtchronist Friedrich Pröbsting). Noch 1722 hatte Kamen mit 1.413 Einwohnern nicht wieder die Zahl von vor 1624 erreicht. Erst 1816 sind es mit 1.941 Einwohnern deutlich mehr. Die Auswirkungen der Pest auf die Demographie, und damit die Wirtschaft, waren enorm.

Kein Wunder, daß Kamen seine starke wirtschaftliche Stellung in der Grafschaft Mark nicht länger behaupten konnte, nachdem es schon 1492 auf den dritten Platz hinter Unna abgerutscht war. Jetzt ging es weiter bergab, bis ins Mittelfeld, doch blieb die Stadt mit ihrer Bevölkerungszahl immer noch weit vor z.B. Bochum (!). Knapp gesagt: Kamen war verarmt. „So fand sich denn am Schlusse jenes grauenvollen 30jährigen Krieges die hiesige Stadt fast aller ihrer Besitzungen beraubt und mit Schulden belastet, und die gesamte Bürgerschaft war allmählig verarmt.“ (Buschmann) Die Stadt mußte den größten Teil ihres Grundbesitzes notverkaufen, „ganze Reihen von Häusern [waren] ohne Bewohner, die entlegenen Ackergründe [blieben] culturlos liegen, und große Flächen Ackerland in der Reck-Camenschen Gemeinheit bewaldeten“ (Buschmann). 

Abb. 11: Das Siechenhaus vor Dassow in Mecklenburg-Vorpommern

Immerhin, schließt Buschmann, gab es in der Gemeinde Overberge einen kleinen Kirchenkotten, Siechenhaus genannt, der, von der evangelischen Kirche unterhalten, für die Aufnahme von Kranken bereitstand und wohl aus der Pestzeit stammte. Man kümmerte sich trotz der immer bewußten Risiken um seine Pestkranken, wenn auch, weise, weit außerhalb der städtischen Bebauung.

Abb. 12: Aus der mittelalterlichen Seuchenerfahrung griff das Barock das clunianzensische memento mori wieder auf

Abb. 13: Ein besonders schönes Beispiel des memento mori: der freundlich lächelnde, ekstatisch tanzende, äußerst lebendige Tod

Und zu all diesem Unglück aus Pest und Krieg kamen damals immer noch verheerende Stadtbrände. Zwischen 1250 und 1712 brannte Kamen elf Mal. An Pfingsten 1452 blieben nur die Kirche, das Rathaus und 20 Häuser stehen, alles andere brannte nieder. Und Heilung und Rettung suchten die Menschen in der Buße. Allerdings gibt es auch heute noch religiöse Gemeinschaften, die der Medizin mißtrauen und Gebete für das einzige Gegenmittel halten. Und wenn sie nicht helfen sollten, nun, dann hat Gott anderes mit einem vorgehabt.

Ein Blick in Kamens Historie relativiert unser Leid vielleicht doch etwas.

1 Die Dauer von 40 Tagen bestimmt sich wohl aus der Bibel: Jesu Versuchung; die Sintflut; Noah; Auszug des Volkes Israel aus Ägypten; Moses auf dem Berg Sinai; die Fastenzeit; die Zeit zwischen Auferstehung und Himmelfahrt: immer handelt es sich um einen Zeitraum von 40 Tagen, der Gelegenheit zu Buße und Besinnung gibt, Wende und Neubeginn ermöglichen soll. 

KH

Abb. 1: Photo Klaus Holzer

Abb. 2: planet wissen (Wikipedia)

Abb. 3: planet wissen (Wikipedia)

Abb. 4: Arnold Böcklin, Die Pest, 1898, Kunstmuseum Basel (Wikipedia)

Abb. 5: Carl von Marr, Die Flagellanten, 1889, Museum of Wisconsin Art (Wikipedia)

Abb. 6: Chronik von Gilles Li Muisis, Darstellung der Geißlerzüge, um 1350, Bibliothèque royale de Belgique (Wikipedia)

Abb. 7: Chronik von Gilles Li Muisis, Scène de la peste de  1720 à la Tourette (Marseille) 1720 (Wikipedia)

Abb. 8: Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom, 1656 (Wikipedia)

Abb. 9: Sebastian Vranckx, Marodierende Soldaten, 1647 Deutsches Historisches Museum Berlin, (Wikipedia)

Abb. 10: Chronik von Gilles Li Muisis, Beerdigung der Pestopfer in Tournai, um 1350, Bibliothèque royale de Belgique

Abb. 11: Autor unbekannt, Siechenhaus von Dassow, Mecklenburg-Vorpommern, (Wikipedia)

Abb. 12: Autor unbekannt, Pesttafel mit dem Triumph des Todes, Deutsches Historisches Museum Berlin (Wikipedia)

Abb. 13: Hans Leinberger zugeschrieben, 1596, auf Schloß Ambras, Österreich (Wikipedia)

Oststraße, oder wie man damals reiste

von Klaus Holzer

Oststraße, oder wie man damals reiste

Die Oststraße gehört zu den großen Magistralen Kamens, zusammen mit der Nord– und der Weststraße und der südlichen Achse über „Am Geist“ (vorher Königstraße), den Markt und die heutige Bahnhofstraße. Dieses große erste „Kamener Kreuz“ führte durch die wichtigsten Kamener Stadttore hinaus in alle Himmelsrichtungen: nach Norden ging es in das Münsterland, nach Westen die Lippe abwärts auf den Rhein zu, nach Süden zu lag Kurköln und nach Osten, durch das Ostentor, führte der Weg zur Hauptstadt der Grafschaft Mark, Hamm, und, fast noch wichtiger, zumal für die Kamener Kaufleute, nach Nordosten. Dort lag Lübeck, die zentrale Hansestadt, in der diese Kamener eine gewichtige Rolle spielten, wie im gesamten Handel der Hanse. (vgl. Art. Die Hanse) Diese Straßen waren zur Groborientierung wichtig für alle Reisenden. Auf diesen Strecken fanden sich auch immer Landmarken, z.B. in Form von Kirchtürmen oder besonderen Bäumen, die halfen, die Route zu bestimmen. So gelangte man in Städte, die Schutz und Unterkunft für die Nacht boten.

Abb. 1: Blick in die Oststraße vom Kreisel Hammer Straße; die Pferdewechselstation befand sich kurz hinter dem haltenden Pferdewagen auf der rechten Seite

Abb. 2.: Die gleiche Perspektive heute

An solchen Straßen gab es daher immer auch Möglichkeiten zur Übernachtung und Pferdewechselstationen, in Kamen belegt seit 1343. Kamen wurde schon im 18. Jh. von einem mehr oder weniger regelmäßigen Postkutschendienst angefahren, daher entstand in der Oststraße eine Pferdewechselstation (in Abb. 1  gleich hinter der Kurve, auf der rechten Seite). Diese Station lag im schon länger bestehenden Gasthaus „Zur Post“, das von der der Familie Koepe betrieben wurde. Erst nachdem Kamen durch die Eisenbahn an das moderne Verkehrswegenetz angeschlossen war, wurde diese Pferdewechselstation überflüssig und der nächste Koepe, Alexander, siedelte dann endgültig zum Markt über. (Interessant: Der Nachfolger im „Weißen Röss’l” der Koepes war Willy Neff, der als Nachtclubkönig von Kamen ebenfalls ein sehr erfolgreicher Wirt war.)

Abb. 3: Blick in die Oststraße (links) vom „Kamener Kreuz“ her, etwa 1890er Jahre; rechts am Rand das Café Humberg

Abb. 4: Blick in die Oststraße vom „Kamener Kreuz“ her, etwa kurz nach 1900; das Haus rechts steht an der Stelle der abgerissenen Scheune (vgl. Abb. 3) 

Übernachtungsmöglichkeiten gab es in vielen Städten, so auch in Kamen, in Hospitälern (aus lat. hospēs = Gastfreund, Wirt), die zuerst jedoch Armen- und Krankenhäuser waren. Das Heilig-Geist-Hospital stand auf der Kreuzung Osten-, Norden- Weststraße und Am Geist, das erste und jahrhundertelang einzige Armen– und Siechenhaus der Stadt. Arm und krank, das gehörte offenbar nicht nur im Mittelalter zusammen. Nach 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, wurde es nicht mehr genutzt und verfiel vollständig. Erst 1717 wurden die Trümmerreste entfernt. Schon 1662 jedoch war das neue Hospital daneben erbaut und 1865 gründlich renoviert worden. Das stand dann bis in die 1930er Jahre, als es baufällig war und dem Möbelhaus Reimer Platz machen mußte.

Abb. 5.: Hl. Geist-Hospital in den 1930er Jahren

Dieses Hospital erhielt im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Schenkungen, so daß es seiner Funktion gerecht werden konnte, und wenn das Geld tatsächlich einmal knapp wurde, half wohl auch die Stadt gelegentlich aus. 

Mittelalterliche Städte waren in der Regel von einer Stadtmauer umgeben, deren Durchgänge durch Stadttore verschlossen werden konnten. Die großen Straßen führten durch sie hindurch und wurden von den Kaufleuten benutzt, die die Märkte beschickten und dazu von Stadt zu Stadt zogen. Selbst die Fernverbindungsstraßen waren in den Städten meistens bis zum Beginn des 18. Jh. nicht gepflastert und schon beim geringsten Regen schlammig und kaum passierbar. Immerhin wurde Kamens Mühlenstraße (heute Bahnhofstraße vom Markt bis zur Maibrücke, wo die Mühle stand) bereits 1797/98 als erste Straße in Kamen gepflastert, viel später folgte die Oststraße, erst 1890 wurden die Rott–, die Kamp–, die Weeren–, die Nord– und die Weststraße gepflastert. Auch das ist indirekt ein Beleg für die Bedeutung des Zugangs zum Hellweg, der alten Heer- und Handelsstraße, der via regis.

War es schon schwierig, durch die Städte zu kommen, war das Reisen außerhalb oft unmöglich.  Eine lübische hanseatische Gesandtschaft, von Münster aus weiterreisend, berichtet in ihrem Reisetagebuch 1606 folgendes: „… [wir] passirten auff Steinforde (Anm.: Drensteinfurt) zu Mittag und den Abend auff Hamme: war ein sehr boser und tieffer Wegk, das bei gantzen Meilen (Anm.: 1 Meile = ca. 7,5 km) bis zu den Axsen im Dreke giengen. Von Hamme sein wir den folgenden Tagk, war den 5. Dez. passiert auf Kamen, Unna, durch das Torff Wickeden, Asselen, Brake, und hatten denselben Tagk nicht geringe pericull (Anm.: Gefahr) wegen einer Compagnie Reuter, so alda abgedancket wart, und sich sehn lies, aber der liebe Gott half uns den Avent (Anm.: Ankunft) noch binnen Dortmunde durch den bosen unfletigen Wegk.“1 Trotz solcher Schwierigkeiten gelang es allerdings diesen Postfuhren, die Strecke von Cleve am Niederrhein nach Königsberg in Ostpreußen in 10 Tagen zurückzulegen!) Solch eine Reisegruppe hieß „Hanse“ und war aus Sicherheitsgründen „ein starke convoy und fünff Kutzschen sambt 15 Reisigen“ [Anm.: Bewaffneten].

Und diese Strapazen trafen die Reisenden nicht etwa in gemütlichen Reisewagen, sondern wurden durch deren Bauweise noch verschärft: hölzerne ungefederte Achsen, ohne Verdeck, ungepolsterte Sitze ohne Lehne; erst ab etwa 1700 wurden Verdecke mit seitlichen Vorhängen und Türen üblich, wurden die Sitze zu Bänken verbunden, erhielten eine Strohpolsterung und Rückenlehnen, Aufsteigetritte und Laternen.

Abb. 6: Koepescher Bierkeller an der Einmündung der Ostenmauer in die Oststraße

Dort wo das Ostentor gestanden haben muß, also auf der Oststraße zwischen Ostenmauer und Nordenmauer, wurde 1855 vom Wirt Joh. G.Koepe ein Bierkeller gebaut. Das war eben der Koepe, der am Markt Ecke Weerenstraße eine Gaststätte betrieb. Das Eckhaus gegenüber war damals seine Scheune, in der er Bier braute und Fusel (Schnaps) brannte.

So ein Keller war unbedingt nötig, war das Bier seinerzeit doch lange nicht so haltbar wie heute, und Kühlung war nur in solchen Kellern möglich. Im Winter schnitt man aus zugefrorenen Teichen dicke Blöcke Eis, die hier gelagert wurden und bis weit in den Sommer Kühlung lieferten.

Das Ostentor hat noch eine ganz besondere Anekdote in seiner Geschichte. 1807 hatte Napoleon ganz Deutschland erobert. Aus Berlin hatte er die Quadriga vom Brandenburger Tor als Zeichen seines Triumphes abnehmen und nach Paris bringen lassen. Als er aber 1814 endgültig geschlagen war, sollte sie wieder nach Berlin zurückkehren, natürlich ebenfalls im Triumphzug. Dazu wurden alle auf dem möglichst langen Weg nach Berlin liegenden Städte durch Reiter informiert, daß der Zug zu einem bestimmten Termin durch diese Stadt kommen werde. Und natürlich wollte jedermann das Schauspiel sehen. Die Kamener waren so vorsichtig, sich nach der Breite des Transportes zu erkundigen, weil man noch eine Stadtmauer mit Stadttoren hatte. Der erste Kamener Stadtarchivar, Ernst Braß, schreibt dazu im Heimatbuch Hamm (1922), „Aus der Geschichte der Stadt Kamen“ auf S. 197f: „Ein Festtag war es, als am 15. Mai 1814 der 1806 von Napoleon vom Brandenburger Tor in Berlin geraubte Siegeswagen durch unsere Stadt zurückgeführt wurde. Zu diesem Zwecke wurde ein Teil des Ostentores abgebrochen. Alt und Jung begleitete denselben unter Jubel und Freud durch die Stadt.“2 Andere Stadthistoriker bezweifeln diese Annahme. So schreibt Wilhelm Hellkötter etwa: „Ob es wahr ist, daß im Jahre 1806/07 das Ostentorgebäude abgebrochen werden mußte, als Napoleon die Viktoria von dem Brandenburger Tor in Berlin nach Frankreich wegführte, ist unwahrscheinlich; ich konnte hierüber im Stadtarchiv keine Unterlagen finden.“3 Hellkötter nimmt also an, daß, wenn das überhaupt geschehen sein sollte, dann schon durch Napoleon, als er die Quadriga nach Paris bringen ließ. Sicher scheint aber zu sein, daß es 1814 abgebrochen wurde.

Und gesichert ist auch (lt. Hellkötter), daß dieses Ostentor am 7.6.1722 schon einmal eine Rolle spielte: „Friedrich Wilhelm II wurde von einer Gruppe Berittener von der Ortsgrenze zu Overberge abgeholt und über die Oststraße (dann Königstraße) in die Stadt und auf den Markt geführt, wo alle Camener ihn mit Jubel empfingen.“ Und so erhielt das Kamener Hotel „König von Preußen” (Bergheim) seinen Namen.

Am stadtäußeren Ende der Oststraße, in unmittelbarer Nähe des Ostentores, in die „Nordenmauer“ hineinführend, lag auch der Rungenhof, über den keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen. Vermutlich war er einer der ersten, wenn nicht der erste Burgmannshof, ein gutes Stück außerhalb der frühen Stadt, im Verlaufe der dritten Entwicklungsphase (vgl.a. Art. Kirchhof) „eingemeindet“. Ursprünglich war er wohl zum Schutz des Ostentores gedacht, das aber nicht besonders geschützt zu werden brauchte, da die Straße nach Hamm (Derner Straße) sicher war: dort residierte der Graf von der Mark. Und weil der Rungenhof so früh verschwand, gibt es auch keine Erkenntnisse über ihn. Eine weitere Möglichkeit, warum es über den Rungenhof keine Erkenntnisse gibt: er lag ursprünglich ein Stück weit draußen, außerhalb der engeren Bebauung. Als die Stadtmauer gebaut wurde, erschien es unzweckmäßig, sie wegen des Rungenhofs so weit nach außen zu führen: zu lang, zu teuer, zusätzliche Sicherheit wg. der märkischen Residenzstadt Hamm war bereits vorhanden, daher wurde der Rungenhof nicht mehr benötigt und abgerissen. Das alles ist jedoch Spekulation. Selbst im reichlich bestückten Kamener Stadtarchiv gibt es keine Urkunde, die hierüber Auskunft geben könnte.

Abb. 7: Der Rungenhof, Bebauung mit Zechenhäusern

Um 1900 wurde das freie Gelände von der Zeche gekauft und mit Zechenwohnungen bebaut. Pröbsting berichtet 1901: „Die erste Häusergruppe wurde in der Nähe des Bahnhofs gebaut; dies sind zum Teil kleinere Häuser für je vier Familien. Sodann wurde der alte von der Recksche Burghof, Vogels Hof genannt, an der Nordstraße, bebaut, und dann an der Nordenmauer auf Rungenhof eine Reihe von Häusern – jedes zu 12 Familien – hergestellt.“4

1 Zitiert nach: Wilhelm Schäfer, „…war ein sehr boser tieffer Wegk“. Aus der Geschichte des Post- und Verkehrswesens unserer Heimat, aus: Heimat am Hellweg, 1955, S. 61

2 Ernst Braß,, „Aus der Geschichte der Stadt Kamen“, Heimatbuch Hamm, 1922, S. 197f

3 Wilhelm Hellkötter, Westfälischer Anzeiger, 26.11.1943

4 Friedrich Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen,      Hamm 1901, S. 50

Eine wunderbare Beschreibung, wie man am Anfang des 19.Jh. in Deutschland reiste, gibt der schwedische Autor Per Daniel Amadeus Atterbom in seinem Reisebericht „Auf dem Postwagen durch Pommern und Brandenburg“ (1817):

„Willst Du Dir einen klaren Begriff vom Postfahren machen, dann betrachte das folgende Bild: Man wird in einen ungeheuren, mehrsitzigen Wagenrumpf gepackt, der bedeckt, aber sonst in jeder Hinsicht unbequem ist, zusammen mit einer Menge Personen von allen möglichen Sinnesstimmungen, Ständen, Vermögen, Jahren und beiderlei Geschlechts; Menschen, die man hier zum ersten Mal in seinem Leben sieht und zum größeren Teile sicherlich nie wieder zu sehen bekommt. In dieser Weise wird man ganz piano von vier phlegmatischen Pferden fortgezogen, von denen das eine die Ehre hat, auf seinem Rücken einen livreegeschmückten Lümmel zu tragen, der den Titel Schwager führt und unaufhörlich mit einer himmelstürmenden Fuhrmannspeitsche in der Luft herumknallt, ohne daß die Reise auch nur im geringsten schneller ginge. Die wege sind freilich nicht zum Schnellfahren eingerichtet, am wenigsten in der Mark Brandenburg und je näher nach Berlin zu. Die Pferde waten Schritt für Schritt durch schwellenden Sand, während die Munterkeit der Fahrenden , ehe sie sich dessen versehen, durch einen tüchtigen Rippenstoß aufgefrischt wird, indem der Wegen über einen mitten auf der Landstraße liegenden Steinhaufen oder über einen grundfesten Feldstein fährt, den aus dem Wege zu räumen niemand sich die Mühe gemacht hat. 

Wenn man in dieser Weise längere Zeit durch den Sand geschaukelt ist, erreicht man eine Stadt, und dann beginnt das größte Leiden; der Postillion will da nämlich teils Zeit einbringen, teils sich vor Mädchen und Bekannten als glänzender Hippodromist zeigen; deshalb jagt er unbarmherzig toll durch die langen schlecht gepflasterten Straßen, so daß den armen Passagieren auf ihren Holzbänken zumute wird, als ob ihnen Leber und Lunge aus dem Leib springen möchten, und nicht selten Männer, Weiber und Kinderbunt durcheinander von ihren Sitzen herunterwirbeln und auf den Wagenboden fallen. Darum kümmert sich Bruder Schwager aber nicht, denn er macht Reiterkünste auf seinem Pferde, woselbst er natürlich keine Stöße bekommt, knallt lustig mit der Peitsche und bläst auf seinem Posthorn einen Marsch nach dem andern. Die sogenannten Chausseen sind nicht viel bequemer als die Stadtstraßen, nur ein wenig besser gepflastert.

[…]

Die Bezahlung, welche man an jeder Station schon von dem Posthause an, woselbst man sich zuerst als Exportartikel einschreiben ließ, im voraus für seine Person  und für den Koffer oder Mantelsack erlegt […], und die Trinkgelder, die man nach Erreichung der Station dem sogenannten Schwager schenkt, sind in deutscher Münze höchst unbedeutend, ja selbst im Verhältnis zu unserer schlechten schwedischen sehr mäßig. Trotzdem läßt sich nicht in Abrede stellen, daß unsere Vorspanneinrichtung dem Reisenden für einen noch geringeren Preis , besonders wenn er selber einen Wagen hat, alle die Vorteile gewährt, welche die hierzulande ungemein teure Extrapost bietet, die auch bewirkt, daß man im Gasthaus den Geldbeutel viel weiter öffnen muß, ohne deswegen gerade im entsprechenden Maße die Genüsse der vornehmeren Apparition zu erhalten.

[…] Du errätst wohl schon, daß ich damit auf das eigensinnige Unwesen und die Mannigfaltigkeit des Geldwesens abziele, welches in Deutschland herrscht. Nicht bloß, daß das Münzwesen im allgemeinen in der verschiedenen Staaten auf abweichenden Grundsätzen und Voraussetzungen beruht, nicht nur, daß die inneren Wechselverhältnisse den besonderen Münzsorten die Aufmerksamkeit erschweren – zum Beispiel die süddeutschen Gulden und Kreuzer gegenüber den Talern und Groschen Norddeutschlands –, es nimmt auch jede Münzsorte für sich selber unaufhörlich, unter Beibehaltung desselben Namens, einen veränderten Wert an, ja, sie kommt sogar in einem und demselben Reiche unter ungleichen Prägungen und Inschriften vor, obwohl diese eine und dieselbe Bedeutung haben sollen. 

[…] Diese Unterscheidung (zwischen guten und schmutzfarbigen unechten Münzen) und ist sehr wichtig, da 24 gute Groschen einen Taler ausmachen, zu dem sonst 42 Groschen-Münzen gehören. […] Aber in jedem Falle hängt es doch von ihrem (Wirtsleute und Verkäufer) guten Willen ab, aus der Unkenntnis eines Ausländers im Verkehr mit ihren Dreiern, Sechspfennigen und Gott weiß was sonst noch für Unterabteilungen dieses Plunders Vorteil zu ziehen oder nicht zu ziehen.[…] 

[…] Es verhält sich mit den Geldwerten Deutschlands, wohin man kommt, wie mit der neulich vorgenommenen Ausmessung der pommerschen Landstraßen, welche dahin ausfiel, daß die Wegstrecke, welche früher vier (schwedische) Meilen lang war, nun fünf Meilen lang wird usw. Im übrigen freuen sich Auge und Finger darüber, daß man niemals im Handel und Wandel nötig hat, sich mit zerfetzten, schmutzigen Papierlappen wie bei uns zu quälen; man trägt eitel Gold und Silber  bei sich in feinen grünen Netzen und erquickt sich magisch bei jedem Anblick des Metallschimmers.“

aus: Rainer Wieland, Hrsg., Das Buch der Deutschlandreisen – Von den alten Römern zu den Weltenbummlern unserer Zeit, Berlin 2017, S. 198ff,

Abb.: Nr. 1 & 3-7: Archiv Klaus Holzer; Nr. 2: Photo Klaus Holzer

KH