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Christian Zucchi – ein Maler in Kamen

von Klaus Holzer

Abb. 1 CZ Kopie

Abb. 1: Christian Philipp Zucchi, 8. Februar 1811 in Mainz – 19.September1889 in Leipzig

Wie der Name vermuten läßt, stammt die Familie aus Italien, genauer: aus Venedig, wenngleich auch in dieser Beziehung vieles im

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Abb. 2: Das Wappen der Familie Zucchi

Dunkeln ist. Die Familie wandert aus und läßt sich in Mainz nieder, wo Sohn Christian Philipp (CZ) am 8. Februar 1811 geboren wird1.

Seine Jugend fällt in eine äußerst unruhige Zeit. Die Französische Revolution liegt erst 22 Jahre zurück; Napoleon hatte Deutschland erobert und wieder verloren; die deutschen Länder fühlten sich befreit und gleichzeitig durch den Franzosen inspiriert. Ein Virus hatte die Deutschen befallen und ließ sich nicht vertreiben, und Mainz war besonders stark infiziert: die Idee der Republik faszinierte die Bevölkerung.

Schon am 17. März 1793 hatte der Mainzer Jakobinerklub  die Mainzer Republik ausgerufen.

Abb. 3 Siegel-Jakobinerclub-Mainz

Abb. 3: Das Wappen des Mainzer Jakobinerklubs

Ihr maßgeblicher Mann war Johann Georg Forster2

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Abb. 4: Johann Georg Forster,

27. November 1754 – 10. Januar 1794

 der seine Republik an Frankreich anschließen wollte. Während er in Paris war, um die Bedingungen zu verhandeln, eroberten Preußen und Österreich das abtrünnige Territorium zurück, doch ließ das Virus des Republikanismus die an sich revolutionsfeindlichen Deutschen nicht mehr los.

In mehr und mehr deutschen Staaten rumorte es, bis der Vormärz in der Frankfurter Paulskirche gipfelte. Gleichzeitig entwickelte sich ein Wunschbild bürgerlicher Behaglichkeit, das Biedermeier,3            

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Abb. 5: Zimmer im Biedermeier-Stil

 das sich den von Frankreich ausgehenden Empire-Stil anverwandelte und sich einerseits durch Geradlinigkeit, Feierlichkeit, nüchterne Strenge und sachliche Zweckmäßigkeit auszeichnete, andererseits aber auf Repräsentation und Dekoration, auf die damals modische Vorstellung von wohnlicher Gemütlichkeit hinzielte.

In diesem Spannungsfeld wuchs CZ auf. Aber ebenso wenig, wie er politischer Revolutionär wurde, modernisierte er die Malerei, blieb stattdessen den Konventionen verhaftet 4. Sein Talent zu zeichnen verhieß ihm eine Karriere als Porträtmaler, zumal die großbürgerlichen Familien großen Wert auf repräsentative Familiengemälde legten, Gemälde, die den wirtschaftlichen und privaten Erfolg unterstrichen. Hier wollte man sich zeigen, zugleich aber wollte man auch den Schmuck fürs großbürgerliche Heim.

Es ist nicht bekannt, wo CZ gelernt hat. Man darf annehmen, daß er das machte, was damals fast alle machten, die Maler werden wollten: er ging zu einem Meister in die Lehre, schließlich galt Malerei grundsätzlich noch als Handwerk. Um 1830 jedenfalls ist er beim Nürnberger Kupferstecher Friedrich Fleischmann und eignet sich dessen Fertigkeiten an. Nach frühen Wanderjahren nach Süden – Italien war immer die Sehnsucht der Deutschen, und das war der gebürtige Mainzer ja – etwa an den Chiemsee, nach Obermais, Ittensee, Tegernsee, zum Südtiroler Rosengarten bis nach Bozen. Am 30. April heiratet er zum ersten Mal, Anna Maria Becker. Offenbar ist er immer noch in Süddeutschland, da ihr Sohn Carl Georg am 2. Februar 1840 in Freising geboren wird.

Im Jahre 1848 kommt CZ nach Kamen. Es ist unbekannt, wieso er ausgerechnet hierher kam, war Kamen doch ein kleines, verträumtes Landstädtchen, dessen Bürger Handwerker und Ackerbürger waren, ein Städtchen, das nicht durch Reichtum auffiel. Janna Westerholz vermutet, er könne vom Kirchenneubau gehört und einen Auftrag erhofft haben. Viel Auswahl an Gasthäusern wird es nicht gegeben haben, CZ quartiert sich im Hotel „Preußischer Hof“ (so genannt seit 1822) ein. Der Wirt Heinrich Wilhelm Grevel hat eine hübsche Tochter namens Sybilla Elisabeth (6.4.1825 – 29.7.1910), in die Zucchi sich sofort verliebt, obwohl er zu dieser Zeit noch verheiratet ist (seine erste Frau stirbt am 20. September 1850 in Mainz). Diese Liebe wird erwidert und so heiraten die beiden am 3. Oktober 1851 und werden von Pfarrer Overbeck „zuhause“, d.h., im Gasthaus Grevel, getraut.

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Abb. 6: Christian Philipp und Sybilla Elisabeth Grevel

Hier präsentiert sich ein gutbürgerliches Ehepaar. Sybilla Elisabeth nach der letzten Mode der Zeit gekleidet: der Körper wird durch das wiederentdeckte Mieder stark betont, der untere Teil des Kleides ist durch mehrere (das konnten bis zu 6 sein!), teils durch Roßhaar verstärkte Unterröcke extrem stark ausgestellt. Hier paßt kein Mantel mehr, daher trägt die Frau stattdessen die pelerinenartige Rotonde.

Christian entzieht sich dem dernier cri. Er zieht den bequemeren (einreihigen) Gehrock dem Frack bzw. der Redingote vor, die ihn wegen ihrer Körperbetontheit zwänge, einen Schnürgürtel zu tragen, und statt des modischen Vatermörders trägt er einen normalen Kragen mit Plastron. Und seine Frisur ist definitiv zweite Hälfte 19. Jh.: er mag wohl keine Koteletten, Favoris genannt.

Der Eintrag im Kamener Kirchenbuch lautet: Der Witwer Christian Philipp Zucky (Schreibweise eingedeutscht, Duden gab es noch nicht), 40 Jahre alt, katholisch, Einwilligung zur Ehe durch die Mutter schriftlich und Fräulein Elise Grevel, 26 Jahre alt, evangelisch, Einwilligung zur Ehe durch den Vater mündlich.

Das erste Kind des Paares wurde wohl 1852 geboren und auf den Namen Caroline Gertrude Dorothea getauft.

Natürlich bleibt der Maler nun erst einmal in Kamen und malt eine Reihe von Kamener Motiven, Personen und markanten Stellen im Straßenbild. Rolf Fritz erwähnt auf S. 223 a.a.O. auch „eine Ansicht der Zeche Grillo, die damals noch in weiten Kornfeldern lag“. Leider trifft auf dieses Gemälde wohl zu, was er anderer Stelle sagt, daß nämlich CZs Werke „nach seinem Tode in einem Inventar zusammengefaßt, für wenig Geld verkauft  wurden und heute verschollen sind“.

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Abb. 7: Straßenszene „Am Geist“ in Kamen, 1850er Jahre

Ein einfaches Bild einer Kamener Straßenszene Am Geist, vor dem Gasthaus seiner Schwiegereltern. Der Gastwirt Grevel steht in der Haustür und verabschiedet Besuch. Seine Frau steht neben der Kutsche und spricht letzte Worte mit den Abreisenden, das Pferd trabt an, ein Hund läuft bellend auf das Gespann zu. Es ist nicht ganz klar, ob die Szene am späten Abend anzusiedeln ist – die Sonne steht schon tief im Westen – oder spät in der Nacht und das Licht vom Mond herrührt. Der Himmel ist zu hellblau für Mondlicht, jedoch die Straße zu leer für den späten Nachmittag oder frühen Abend. Die Straße Am Geist führt nach Süden und öffnet sich in westlicher Richtung auf den Markt. Soweit erkennbar, tragen die Personen Gesellschaftskleidung. Vielleicht reist der Sonntagsbesuch gerade ab, oder Reisende, die im Gasthaus übernachtet haben.

Es ist klar, daß CZ hier eine romantische Kleinstadtszene darstellt, die Häuser wiedergibt, wie sie dort standen. Der Kamener erkennt das Gasthaus noch heute wieder, das ehemalige Hotel König von Preußen, das Hotel Bergheim. CZ beobachtet genau, gibt alles detailgetreu wieder. Die Farbgebung ist zurückhaltend. Der blaue Himmel ist überwiegend von Schleierwolken bedeckt, das Licht scheint von Südwesten oder Westen zu kommen. Das Haus am rechten Bildrand ist dementsprechend in Dunkel gehüllt, steht es doch auf der Westseite der Straße. Auch hier zeigt sich wieder, daß CZ nicht selten ein Problem mit der perspektivgerechten Darstellung hat, doch beweist es gleichzeitig, wie atmosphärisch dicht er malen konnte.

Janna Westerholz berichtet, daß die Familie Bergheim zu erzählen wußte, daß es sich bei der Kutsche um die Hausdroschke handelt, die Hotelgäste über die damals noch unbefestigten Straßen zum Bahnhof fuhr. Das konnte sich nur das erste Haus am Platze, eben der „König von Preußen“, Besitzer Heinrich Wilhelm Grevel, leisten. Mit der Bahn zu reisen, war die modernste Art des Reisens, und Kamen hatte seit dem 2. Mai 1847 einen Bahnhof an der Köln-Mindener Strecke, auch wenn das nach Schinkel gestaltete Bahnhofsgebäude wohl erst später errichtet wurde.

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Abb. 8: Die Vorhalle des Hotels „König von Preußen“ im 19. Jh.

Viele seiner Gemälde hingen früher im Hotel „König von Preußen“ der Familie Bergheim an den Wänden der Gaststube. Bergheims erbten als Verwandte der Familien Grevel/Zucchi nach deren Aussterben den gesamten Nachlaß. Am besten bekannt sein dürfte CZ in Kamen für das Altarbild, das er für die damalige „Kirche der größeren evangelischen Gemeinde“, heute Pauluskirche, malte.

Gerade, am 29. März 1849, hatte der Generalsuperintendent D. Franz Friedrich Graeber aus Münster die Kirche feierlich eingeweiht. Am 24. Juni 1849 stellte die Repräsentation der größeren ev. Gemeinde zu Camen dann folgendes fest: „Zur Verschönerung der neuen Kirche ist ein Bild des Malers Zucchi, darstellend die Tröstung des Heilandes am Ölberge, im Werte von 200 Talern als Altarbild aufgestellt. Durch die Gaben hiesiger Bürger ist über die Hälfte des Kostenwertes gedeckt und es wird von den Mitgliedern der Landgemeinden auch noch ein namhafter Betrag erwartet. Repräsentation beschließt die Übernahme des bleibenden Kaufschillingrestes auf die Einnahmen des Klingelbeutels zur allmählichen Tilgung.“ (zit. nach W. Wieschhoff, a.a.O.) Das Gemälde hat die Maße 2,85 m x 2 m. Es ist mit seinem Rahmen in zwei Pilaster eingesetzt, die einen Palmettenaufsatz tragen (ein Dekorelement, das typisch ist für den Klassizismus; Motiv: Hand mit gespreizten Fingern bzw. Fächer aus Blättern).

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Abb. 9: Jesus auf dem Ölberge. Altargemälde in der Pauluskirche in Kamen. Gesamtansicht

Der biblische Hintergrund für dieses Altarbild findet sich in Lukas 22, ab Vers 41. Jesus weiß: Es muß an mir vollendet werden, was geschrieben steht. Er ging zum Ölberg, „41kniete nieder, betete 42und sprach: Vater, willst Du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! 43Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn“.

Das Gemälde bezieht sich auf genau diesen Vers. Links am Bildrand kniet der Engel (Zucchis Braut, Sybille Elisabeth Grevel, soll hier Modell gestanden haben), etwas erhöht, im Licht, das aus dem Himmel auf die Szene herunterscheint, seine linke Hand zum Himmel aufzeigend, bestätigend, wohin Jesus sein Weg führen wird. Die Anatomie dieses Armes ist Zucchi arg daneben geraten. Der Winkel, in dem er gehalten wird, stimmt nicht; der Unterarm ist zu lang geworden; er ist aus der Perspektive gefallen, besonders auch Zeigefinger und Daumen der himmelwärts zeigenden Hand. In der Rechten hält er einen Pokal, der die Stärkung enthält. Der Blick des Engels, aus einem neutralen Gesicht, scheint nicht auf Jesus gerichtet, sondern eher auf seinen Körper in Höhe der Ellbogen. Jesus, noch Mensch, kniet davor auf dem Boden, richtet seinen Blick nach oben. Jesus’ Kopf entspricht der nazarenischen Tradition 5: langes, schmales, eher süßliches Gesicht, langes, dunkles Haar. Die Hände wirken weniger wie zum Gebet gefaltet, sondern wie aus Pein gewrungen. Sein Gesicht sieht glatt aus, hier erkennt der Betrachter keine Pein, keinen inneren Kampf zwischen der Hoffnung des Menschen Jesus und der Ergebung Jesus’ in sein Schicksal als Erlöser. Es ist nicht zu sehen, was Lukas in Vers 44 beschreibt: „Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.“ Dieser Jesus ringt nicht mit dem Tode, kein Schweiß fällt wie Blutstropfen auf die Erde.

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Abb. 10: Das Altargemälde

In dieser Szene ist Jesus zusammen mit seinen Jüngern. Auf dem Gemälde verschwinden sie fast im Dunkel, obgleich sie eine gewichtige Rolle in Jesus’ letzten Momenten zu spielen haben. Die großen Flächen sind überwiegend dunkel, kaum gestaltet. Und den Falten der Gewänder fehlt räumliche Tiefe, man sieht, daß sie eher flächig gemalt sind. Deutlicher und stimmungsvoll sind die soldatischen Häscher im Hintergrund rechts zu erkennen. Der Dortmunder Kunsthistoriker Dr. Rolf Fritz urteilt: „ … deutlich, daß Zucchi sich hier offenbar übernommen hatte, und zwar sowohl im Thema wie im Format. Beides ging über seine Kräfte.“

Dennoch muß anerkannt werden, daß die farbliche Gestaltung das Gemälde deutlich gliedert, damit der inhaltlichen Ausgestaltung der Szene gerecht wird: himmlisches Licht mit dem weißgekleideten Engel auf der linken Seite, die Verheißung; Düsternis mit dem rotgekleideten Jesus auf der rechten Seite, die noch unerlöste irdische Welt, jedoch erreicht das himmlische Licht schon Jesus’ Gesicht.

Zucchi nahm, soweit bekannt ist, nie wieder einen solchen Auftrag an, sondern malte das, was er am besten konnte: Porträts. Das war ein Gebiet, auf dem er seine Qualitäten als Maler zeigen konnte.

CZ hatte jetzt eine Familie zu ernähren. Das hieß wohl, daß er sich nach einer festen Beschäftigung umsehen mußte. 1853 ist er in Bielefeld, wo er als privater Zeichenlehrer arbeitete. Es gibt im Stadtarchiv Kamen die Kopie einer Zeitungsannonce vom 18. Oktober 1853, in der CZ ankündigt, „wieder (!) eine Zeichenschule“ einzurichten und Familien um Anmeldung zu seinen Malstunden bittet. Und da es immer schon schwer war, sein Leben als freischaffender Künstler zu finanzieren, malt er alles, was an Aufträgen zu ergattern ist. Für den Bielefelder Sammler Westermann z.B. malt er eine um 1850 bei Halle in Westfalen ausgegrabene germanische Urne, die der Sammler später dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg schenkte.

Da es ein Gemälde von ihm gibt, das Dortmund von Norden zeigt und auf 1854 datiert ist, muß er mindestens noch einmal für kurze Zeit zurückgekommen sein.

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Abb. 11: Dortmund von Norden

Diesem Gemälde wird übrigens vom Dortmunder Kunsthistoriker Dr. Rolf Fritz einige Bedeutung zugesprochen. Es ist historisch interessant, weil es  „ein genaues Porträt der Stadt in dem Stadium ihres Wachstums zur vorstadtumgebenen Industriestadt [gibt], in der die ersten Fabrikanlagen und Werkhallen sichtbar werden und zum ersten Mal Schornsteine neben den mittelalterlichen Kirchtürmen emporragen und die vierhundertjährige Silhouette der Stadt verändern.“ Darüber hinaus aber sei es auch künstlerisch von Wert, weil „das gewiß nicht sehr anziehende Motiv […] durch geschickte Komposition, vor allem aber durch flotte malerische Behandlung, die eine gute Handschrift verrät, weit aus der Menge der üblichen Ansichten herausgehoben“ sei.

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Abb. 12: Dortmund von Norden, farbig, am rechten Rand beschnitten

Hier scheint Zucchi, neben der Porträtmalerei, in seinem Element gewesen zu sein. Nichts an diesem Bild wirkt gekünstelt, gewollt. CZ malt, was sich seinem Auge darbietet, nicht, was in seinem Kopf damit geschieht, wie es nur 20 Jahre später Claude Monet in seinem namengebenden Gemälde „Impression, Soleil Levant“ von 1872 tun sollte. Seine Darstellung wirkt realistisch, mit deutlich romantischen Zügen. Die Stimmung ergibt sich aus der Szenerie. CZ wählt eine sehr glückliche Ansicht, die bestimmenden Linien strukturieren das Gemälde. Alles wirkt „richtig“, an seinem Platz. Der helle Streifen am grauen Himmel auf der rechten Seite bildet eine gekonnte Ergänzung der hier eher eingeschränkten Bebauung.

Stellt man dieses Gemälde neben die Ansicht aus Kamen (vgl. Abb. Am Geist) wird deutlich, daß CZ ein viel besserer Maler ist, als es uns das Kamener Altarbild zeigt. Hier stimmt alles: Motivwahl, Anordnung der Landschaft und Häuser, Strukturierung der Bildfläche, Schaffung einer Stimmung, Vermittlung einer Lebenswirklichkeit, selbst (fast) ohne menschliche Gestalten.

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Abb. 13: Christian Philipp Zucchi in Leipzig

Ein Vergleich mit Monet zeigt aber auch, daß CZ kein Erneuerer der Malerei war.

Bielefeld scheint kein auskömmliches Leben geboten zu haben. 1856 taucht die Familie Zucchi in Leipzig auf, einer lebendigen Großstadt, bekannt durch die größte Messe der Zeit, damals so etwas wie eine Verbindung von Stadt und Welt. Trotz aller Provinzialität – hier spürte man schon so etwas wie eine frühe Globalisierung. Da CZ immer noch Hesse war, mußte er sich wohl, um hier dauerhaft arbeiten zu können, einbürgern lassen. Hier bekamen die Zucchis eine weitere Tochter, Elisabeth Henriette Karoline, die selber Malerin wurde, und einen Sohn, Hermann, der aber schon am 6.6.1869 starb

In den 1860er Jahren malt CZ eine (die Leipziger?) Familie (Graff?) im Stil des Biedermeier, eine Familienidylle vor einem alten Baum in realistisch-romantischer Hügellandschaft. Das dürfte in etwa die Art Gemälde darstellen, die die reichen Leipziger sich für ihre Wohnung leisteten. Die Motivwahl und die Durchführung sind typisch für CZ in dem Sinne, daß es eben kein Avantgardist war. Heute schmückt es das Wohnzimmer einer Kamener Familie, die auch diese Reproduktion genehmigte. Abb. 12 Zucchi:Graff Kopie

Abb. 14: Die  Familie Graff (?)

Es ist typisches Biedermeier, wenngleich zeitlich verspätet, indem hier eine klare Rollenverteilung vorgenommen wird. Die ältere Schwester (sie trägt keinen Ehering, geringer Altersunterschied) wird umrahmt von den beiden jüngeren, Bruder und Schwester. Die Farben ihrer Kleidung sind von hoher Symbolik: die Farbe ihres Kleides ist blau, die Farbe der Treue, die Himmlisches und Irdisches verbindet, das kostbare Blau des Mantels Marias, ein sehr fein ausgearbeiteter weißer Spitzenbesatz, die sogenannte Berthe, die Farbe der Unschuld, krönt den Ausschnitt. In den Händen hält sie ein weißes Tuch. Ihre Finger zeigen, daß sie mit einer Näh– oder Stickarbeit beschäftigt ist, alle Utensilien liegen griffbereit auf dem Tischchen vor ihr: Nähkästchen, Schere, Stichel. Ihr inniger Blick schweift in die Ferne, bleibt im Bildkontext.

Hinter ihr, ganz in weiß gekleidet, in vollkommener Reinheit und Unschuld, sitzt ihre jüngere Schwester, die rechte Hand in die Armbeuge der älteren gelegt, die linke auf ihrer  Schulter ruhend. Sie schaut sanft und lieb den Maler an, stellt die Verbindung zur Außenwelt, zur Zukunft her. Ihr ist keine Tätigkeit zugeordnet, sie ist passives, liebes Kind. Überhaupt wird den Kinderporträts CZs nachgesagt, sie stellten Kinder immer als „lieb, gefällig, brav, sittsam, anständig, bürgerlich“ dar.

Ganz anders der schwarzweiß gekleidete Bruder, das Schwarz des gelehrten Talars, gepaart mit dem Weiß der Unschuld. Er sitzt vor seiner Schwester, hält ein Buch in seiner Rechten, hat den Zeigefinger zwischen die aktuellen Seiten gelegt, anscheinend vom Maler bei der Lektüre unterbrochen. Seine linke Hand ruht auf dem Kopf eines großen braunen Hundes, wohl des Familien-hundes. Auch er blickt den Maler an, jedoch selbstbewußt, entschlossen. Ihm ist eine Karriere abseits von zu Hause gewiß.

Auf dem Tisch vor der Gruppe steht, neben den bereits erwähnten Dingen, eine Vase mit Blumen, eine Blüte scheint herausgefallen zu sein.

Das Gemälde weist eine klare Komposition auf, die von senkrechten Linien dominiert wird, nur der Horizont hält die Waagrechte. Die Frauengesichter wirken bläßlich, vielleicht sogar wächsern, das des Jungen mit seinen roten Wangen deutlich lebhafter. Das Gemälde reiht sich in eine Vielzahl ähnlicher Darstellungen aus dieser Zeit ein, vereint Innigkeit und Repräsentation, weist jedoch eine deutliche idealistisch-romantische Überhöhung auf, weit weg von jedem Realismus. 

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Abb. 15: Die Signatur CZs unter dem Gemälde „Die Familie Graff“, elegant wie der Maler selber

CZ war in den 1840er Jahren in Süddeutschland, 1848 nachweislich bereits in Kamen. Dieses Gemälde ist signiert und datiert: Chr. Zucchi, Juni 1846. Es ist also vorstellbar, daß CZ sich, als er dieses Bild malte, auf dem Weg aus Süddeutschland nach Kamen befand. Dann könnte es sich bei der Mittelgebirgslandschaft im Hintergrund um das Wittgensteiner –, Sieger– oder Sauerland handeln. Das Haus am Bach im Talgrund könnte, entsprechend den Gepflogenheiten der Zeit, das Stammhaus der abgebildeten Personen sein, ein Gutshof, dem sozialen Stand der Familie angemessen.  

Schade, daß so wenig über CZ bekannt ist. Vielleicht schlummert noch manches in irgendwelchen Archiven, doch wird es nur ein (unwahrscheinlicher) Zufall zutage befördern können. Und ob es dann seinen Weg nach Kamen findet?

Ab 1856 ist CZ fest in Leipzig etabliert. Dennoch zieht ihn und seine Familie die verwandtschaftliche Bindung immer wieder nach Kamen. Im Stadtarchiv gibt es das Protokollbuch des Schützenbataillons, das unter dem Datum 25. September 1866 einen Eintrag zeigt, daß Zucchi  „zu Beschaffung eines neuen Transparentes 20 Thlr erhält“. Es geht nicht daraus hervor, ob das Transparent (wohl für das Festzelt) für das vorhergehende Fest (1865) angefertigt wurde oder erst noch angefertigt werden sollte. (Dank an Wolfgang Freese für diesen Hinweis.)

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Abb. 16: Christian Philipp Zucchi in den 1870er Jahren

Während der Leipziger Zeit wird eine weitere Tochter geboren, Elisabeth Henriette Karoline (13./14. 9.1860 – 21.7.1928), die ebenfalls Malerin wird. Die Metropole bot dem Porträtmaler CZ viel Arbeit, da es genug vermögende Bürger gab, die ihre Wohnzimmer schmücken wollten. Und CZ wird in Leipzig anerkannt, er ist beliebt. Aber auch für den Restaurator CZ gab es Arbeit. In der reichen Messestadt besaßen die Bildungsbürger, die reichen Kaufleute und Händler, viele Gemälde, die er auffrischen konnte. Und als es ihm gelang, als Zeichenlehrer an der Städtischen Höheren Mädchenschule angestellt zu werden, war ihm ein regelmäßiges Einkommen gesichert.

Bilder, auf denen CZ seine Familie darstellt, spiegeln eine gutsituierte bürgerliche Familie wieder. Stolz ist ihnen in die Figur geschrieben, die Kleidung ist nach der Mode geschneidert, wirkt teuer, die Wohnungseinrichtung ist solide-bürgerlich.

Am 19.9.1889 stirbt CZ im Alter von 78 Jahren in Leipzig, wo er auch begraben ist.

Rolf Fritz urteilt über CZ abschließend: „Gewiß keine überragende Begabung, keine Entdeckung für die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, ist er doch ein liebenswertes Talent, ein solider Porträtist, der gelegentlich durchaus eigene Wege geht und in seiner Ansicht von Dortmund und der Zeche Grillo sich Motiven zuwendet, die kaum einer seiner Zeitgenossen gesehen hat.

Westfalen ist in der Mitte des vorigen Jahrhunderts (Anm.d.Verf: d.h., des 19.Jh.) nicht gerade reich an malerischen Begabungen. Insbesondere im Ruhrgebiet fehlen sie fast vollständig. Neben wenigen guten Porträtisten, etwa in Hagen und Mühlheim, steht jetzt die Gestalt des Malers Christian Zucchi. Wenn er auch, wie der Westfale Theodor von Oer, später sein Brot in Sachsen suchte, so ist er doch zeitlebens mit Westfalen verbunden geblieben. In diesem Sinn dürfen wir wohl Christian Zucchi einen Maler in Kamen nennen.“

Und die familiäre Bindung der Familie nach Kamen zeigte sich auch darin, daß seine Tochter Elisabeth, obgleich in Erfurt geboren, immer wieder Kamen besuchte. Es gibt eine Reihe Photographien dieser Besuche. Idyllisch wird die Familie im Garten aufgestellt. (hier Abb. 13: Elisabeth in Kamen, 1911)

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Abb. 17: Elisabeth Zucchi (Mitte) zu Besuch in Kamen im Garten des Hotels „König von Preußen, um 1900

Anmerkungen:

1 Andere Quellen geben seine Geburt mit Ende 1810/Anfang 1811 an und die Taufe am 8. Januar 1811.

2 Georg Forster war vor allem Naturforscher, Ethnologe, Reiseschriftsteller, Übersetzer, Journalist und Essayist.

3 Die Bezeichnung „Biedermeier“ war ursprünglich ein Pseudonym, unter dem L. Eichrodt und A. Kußmaul in den „Fliegenden Blättern“ 1855 -1857 literarische Parodien als „Gedichte des schwäbischen Schullehrers Gottlieb Biedermeier“ veröffentlichten, wurde dann auf die Zeit von 1815 – 1848 übertragen, die man als ein Wunschbild bürgerlicher Behaglichkeit sah.

4 Als CZ junger Maler war, schuf Turner in England bereits Gemälde wie „Licht und Schatten“ (1843), die kaum noch Formen erkennen lassen. Und Monet gab mit seinem Gemälde „Impression. Soleil Levant“ von 1872 einer ganz neuen Stilrichtung ihren Namen, dem Impressionismus.

5 Ursprünglich ein Spottname für eine Gruppe deutscher Maler, die in Rom eine Erneuerung der Kunst auf religiöser Grundlage anstrebten. Eine Grundlage war die Rückbesinnung auf die altdeutsche Malerei (Dürer) und die italienische Malerei ) Perugino, Raffael)

Quellen:

Fritz, Rolf, Christian Zucchi, Maler in Kamen um 1850, in: WESTFALEN. HEFTE FÜR GESCHICHTE KUNST UND VOLKSKUNDE. 40. Band, 1962, Heft 1-3, S. 219 ff

Westerholz, Janna, Christian und Elisabeth Zucchi, Streiflichter aus der Kunstgeschichte Kamens, 1997

Wieschhoff, Wilhelm, Das Altarbild in der Pauluskirche, im Gemeindeblatt Der Schiefe Turm, Oktober 1995

Stefan Milk photographierte das Altarbild in der Pauluskirche, „Christus auf dem Ölberg“.

Abbildungen 2 – 4 aus Wikipedia

Alle weiteren Abbildungen entstammen dem Stadtarchiv Kamen.

Das Gemälde „Dortmund von der Nordseite“ von Christian Zucchi befindet sich im Bestand des Museums für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund (Inv. Nr. C 7985), hier reproduziert nach einer Schwarz-Weiß-Photographie, vom Museum zur Verfügung gestellt. Erst später stieß ich dank einem Hinweis von Wolfgang Freese im Stadtarchiv Kamen auf eine farbige Wiedergabe, die allerdings am rechten Rand beschnitten ist, hier aber wegen der Farbgebung trotzdem reproduziert wird.

Dank gebührt dem Stadtarchiv Kamen, das bereitwillig Archivalien und Hilfsmittel zur Verfügung stellte.

KH

Ulrich Kett

von Klaus Holzer

Abb. 1 Ulrich Kett

Ulrich Kett,  geb. 15. Juli 1942

„Kunst ist, was ein Künstler macht. Und Künstler ist, wer vom Finanzamt als Künstler anerkannt ist.“

Ist eine uneitlere Definition des eigenen Tuns vorstellbar? Entspannt und gelassen sitzt Ulrich Kett in seinem Atelier in Meinerzhagen, umgeben von seinen Bildern und Büchern, mit sich und der Welt im reinen. So etwas kann wohl nur jemand sagen, der sich sicher ist, daß er sein Handwerk beherrscht, vom Porträtzeichnen bis hinter den Horizont des Abstrakten.

Ulrich Kett beherrscht das alles. Schon das Gekleckse und Gemale des kleinen Uli im Kindergarten in Kamen war besser als das der anderen Kinder. Die betreuende Nonne sammelte alles von ihm und gab es seiner Mutter, als der Junge auf die Volksschule wechselte. Er hörte nicht auf, Blatt um Blatt malte er voll, von der verständnisvollen Oma geduldet, ja gefördert: Häkeldecke vom Wohnzimmertisch, Zeitung als Unterlage darauf, ein Blatt, viele Blätter Papier zum Malen, Nachmittag für Nachmittag.

Nach der Schule ging’s in die Lehre als Dekorateur und Plakatmaler bei Kaufhaus Küster in der Weststraße in Kamen (heute Vögele), wo ein Jahr später Helmut Meschonat (vgl. Artikel Helmut Meschonat) ebenfalls diese Lehre begann. Zwei Jungen, eine Seele. Zu diesen beiden stieß Heinrich Kemmer als Dritter hinzu, der allerdings eine Lehre als Möbeltischler in Hamm machte.

Lehre, „künstlern“, über Kunst reden, abends ein Bierchen in einer der vielen Kamener Kneipen, Schaschlik extra scharf im Bacchus in der Weißen Straße. Der Plakatmaler Uli malte in Handarbeit alle die Plakate, die die Jazzbandbälle und –tanztees der „primitiven“ ankündigten.

Inzwischen hatten sich bei den drei Freunden sechs Bilder angesammelt, also wollten sie auch ausstellen. Aber wie das anfangen? Erst einmal mußte ein Name her: „Malkasten Schieferturm“ nannten sie sich, merkten jedoch sogleich, daß Heine Kemmer sich mehr mit Plastiken und Skulpturen beschäftigte, daher wurde daraus das allgemeinere „Gruppe Schieferturm“ (vgl. Artikel „Gruppe Schieferturm“). Aber ohne den Leiter des damaligen Kamener Bildungswerks, Wolfgang Baer, wäre es schwierig geworden, so ohne alle Kontakte. Er übernahm die Organisation, druckte Einladungszettel und tatsächlich kamen die ersten Ausstellungen der jungen Kamener in den beiden neuen Schulen am Koppelteich (vgl. Artikel Gustav Reich), Martin-Luther- und Glückaufschule, zustande, protegiert von Professor Lothar Kampmann (vgl. Artikel Lothar Kampmann). Dort trafen die drei auch Emile Künsch, einen umtriebigen Luxemburger, der sich in Kamen niedergelassen hatte. Ca. sieben Jahre lang war er der „Manager“ der Gruppe Schieferturm, bis man sich trennte.

Abb. 2 Der König 1964 100 x 80 cm Kopie

Abb. 2:  Der König (1964)

Abb. 3 Der König auf dem Weg nach Unna 1964 100 x 80 cm Kopie

Abb. 3: Der König auf dem Weg nach Unna (1964)

Für den heutigen Betrachter, seit Jahrzehnten gewöhnt an abstrakte Kunst, ist die Aufregung kaum noch verständlich, die Bilder wie diese „Königsbilder“ im Oktober 1964 erregten, als das Kamener Publikum erst sehr spärlich, nach Prof. Lothar Kampmanns sehr geharnischten Worten bei der Eröffnung etwas zahlreicher in die Ausstellung der Gruppe Schieferturm in die Glückauf-Schule ging. Das Abstrakte war in Kamen noch nicht „angekommen“. Hier sah man noch „realistisch und naturalistisch“. Kampmann: „ Wer ‚Gegenstand‘ gehört hat, soll ‚Gestalt’ denken, und wer ‚Natur‘ gehört hat, soll sie als Inbild und Abbild verstehen. In den ausgestellten Bildern kommt das Elementarische, das hinter dem hantierbaren Gegenstand steht, zum Ausdruck. … Die Künstler … befassen sich vielmehr mit der neuen Wirklichkeit.“ Um dem Publikum bei der Eröffnung der „Jubiläumsschau“ der Gruppe  Appetit zu machen, preisen die „Heimat-Nachrichten“ (leider ohne Datum, vermutlich HA 1964): „Außer bei Meschonats Werken ist durchweg eine gewisse Verwandtschaft zum Jugendstil erkennbar – insbesondere bei Kett, der jedoch die schreienden Formen auflöst und reduziert.“ Naja, die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und „Jugendstil“?

Ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis zur abstrakten Kunst wirft auch ein mit -d gezeichneter Bericht (ebenfalls ohne Datum, wohl ebenfalls HA 1964). Die Zeitung hatte das Photo eines Bildes von Kett erhalten: „Der König auf dem Wege nach Unna“ (Abb. 3). „In unserer Redaktion … machte diese Aufnahme einiges Kopfzerbrechen. Was war oben, was war unten? … Bis einer auf einer Ecke des Bildes so etwas entdeckte, was wie ein Signum aussah. … Ulrich Kett 64.“

Ein überzeugter Förderer der Kamener Künstler war Museumsrat Dr. Carl Baenfer aus Münster, der ihnen vielleicht den Weg zum freien Künstlertum hätte ebnen können. Für ihn malte „der Künstler von heute nicht schön, aber wahr“. Er müsse das Risiko auf sich nehmen, mißverstanden zu werden. Er schrieb der Kunst „geistige und übermaterielle Potenz“ zu. Alles dieses fand er in der Kunst der drei jungen Kamener. Er war so überzeugt von ihren Qualitäten, daß er immer wieder anreiste und sie beriet, ihnen das theoretische Gerüst vermittelte, sie ermutigte. Leider starb er bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg von Münster nach Kamen auf dem Weg zu „seiner“ Gruppe Schieferturm.

Nach diesen ersten Erfolgen schien mehr möglich. Ulrich bestand die Gesellenprüfung zum Abschluß seiner Lehrzeit. Nun betrachtete er sich als Halbprofi und daher prinzipiell unbescheiden, Halbprofi reichte ihm nicht. Positiv gewendet könnte man sagen, Neugier und künstlerischer Hunger setzten ein, Kunst und Kultur avancierten zum Lebensmittel. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er meldet sich zur Aufnahmeprüfung an der Werkkunstschule Dortmund und besteht auch diese. Aber um studieren zu können, braucht man Geld. Uli ging den harten Weg, mußte ihn gehen. Ein halbes Jahr lang verlegte er Betonplatten zu Fußwegen in der neuen Siedlung Lüner Höhe. Harte Arbeit, aber gut bezahlt, die wirtschaftliche Grundlage seines Kunststudiums, dessen Anfang ein halbes Semester Grundlehre in Dortmund war.

Abb. 22 Felsen mit Vogel 2014 110 x 90 cm Kopie

Abb. 4: Felsen mit Vogel

Der späte Uli Kett (2014) liebt Farben, aber keine Farbexplosionen mehr. Eine Farbe dominiert. Der Felsen im Hintergrund ist stark strukturiert, von Rissen durchzogen als geologische Formation erkennbar. Davor links unten der Vogel, offenbar ein Jungvogel, mit gelblichen Tönen eingefärbt, durchsichtig. Organische Natur vor anorganischer. Leben vor Stein.

Und wieder fiel Ulis Talent auf. Sein Dozent Ulrich Knispel riet ihm zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste Berlin. Die war in vier Tagen! Also: Mappe untern Arm geklemmt, raus an die Straße, Daumen raus, auf nach Berlin, eine Woche Aufnahmeprüfung, bestanden (als einer von nur 18, und einer von nur 10, die zeichnen konnten!), richtiger Student. Heureka!

Daß Kett ein begnadeter Zeichner ist, zeigt Abb. 5. Alle hier dargestellten Personen sind „richtige“ Personen, lebende Personen, die genau so aussehen. Sie sind wiedererkennbar: Gesichter, jede Falte darin, Bärte, Haarfarbe, Körperhaltung. Und damit das alles nicht zu einfach wird, wählt er grünen Karton und Farbstifte. Bei dieser Kombination muß jeder Strich sitzen, radieren geht nicht, das verzeihen weder Karton noch Stifte. Es braucht unendliche Präzision und Geduld.

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Abb. 5: Bekannte Vinologen, Die Erklärung der Welt, 1980

Sein Sinn für Humor und, böser, Ironie kommt im Titel zum Ausdruck. Er beschäftigt sich mit dem, was man zur Erklärung der Welt braucht: Rotwein erleichtert den Einblick, ermöglicht den Durchblick und verschafft den Ausblick. Die drei Vinologen sitzen hinter einem Tisch, eine zu zwei Dritteln geleerte Flasche Rotwein vor sich, aus der aber nur der mittlere der drei getrunken zu haben scheint. Ulrich Kett (rechts mit erhobenem Zeigefinger) sitzt ganz am Rand, schaut den Betrachter direkt an, er erklärt die Welt, ausgerechnet der, der wohl nichts getrunken hat. Die Farbe, mit der er dargestellt wird, ist der Farbton des Hintergrundes, aber kräftiger, nur der rötliche Haarschopf hebt sich farblich aus der Komposition heraus. Die Rotweinflasche trennt ihn von den anderen. Die mittlere Figur, der Rotweintrinker, geht farblich im Hintergrund auf, nur seine Kappe und seine gleichfarbige Krawatte stechen heraus. Neben ihm der Dritte im Bunde schnuppert am leeren Behälter, der aus dem Chemieraum zu stammen scheint. Auf dem Kopf trägt er einen umgedrehten Trichter, dessen Ablaufschlauch abgeklemmt ist, nichts geht hinein, nichts kommt heraus. Keine Farbe hebt diesen Vinologen hervor. Der Tisch, an dem die drei sitzen, schwebt über einer sauerländischen Hügellandschaft, Wald, Wiesen, keine Menschen. Die spirituelle Dreifaltigkeit schwebt über einer menschenleeren Welt.

Wieder Grundlehre: Formenlehre, Zeichnen und Malen in und nach der Natur (!), täglich von 8.00 bis 16.00 Uhr. Anschließend Vorlesungen und Aktzeichnen. Seminare waren abends oder samstagnachmittags. Ab dem dritten Semester Freie Malerei, Kunstgeschichte und Philosophie als Wahlfach. Philosophie? Für einen Künstler? Sie hilft, sagt Kett, ein „Ordnungssystem der eigenen Kunsttheorie zu entwickeln“. So erfährt der Künstler, „was Menschen denken können und wo ihre Grenzen sind“. Sie hilft, „Kunst zu erkennen und zu begreifen“.

Im folgenden Jahr kam Helmut Meschonat nach bestandener Gesellenprüfung auch nach Berlin, wurde auch Kunststudent und man wohnte zusammen in einer WG. Praktisch, heimelig und preisgünstig.

In den Semesterferien zog es sie wieder nach Kamen. Vereinzelte Aufträge, private Wohnhäuser auszugestalten, ermöglichten künstlerisches Arbeiten und brachten Uli Geld ein. Er wollte intensiv weiterarbeiten, malen, Omas Wohnzimmertisch reichte nicht mehr. Mescho und Heine wollten das auch. Ein Atelier mußte her. Da trafen glückliche Umstände zusammen. Mescho war der Neffe des damaligen Stadtdirektors Fritz Heitsch (vgl. Artikel Fritz Heitsch), der Bürokrat und auch Künstler war. Das Amtsgericht war damals gerade aus seinem alten Gebäude an der Bahnhofstraße aus– , die städtische Bauverwaltung eingezogen. Der Dachboden des Gebäudes wurde vom Bauamt nicht benötigt. Da brauchte es nur den kurzen Draht zwischen Fritz Heitsch und dem Leiter des Bauamts, Horst Schulze-Bramey, und die Jungs hatten ein Atelier. Schulze-Bramey ließ ihnen Heizung und fließendes Wasser legen, verpflichtete sie im Gegenzug aber dazu, alle Holzbalken im Raum mit Wasserglas als Feuerschutz zu streichen.

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Abb. 6: Das erste Atelier

Die Einweihungsfête war legendär, die Menge der dort entstandenen Bilder aber auch. Es war die Zeit des Ausprobierens: Zeichenkohle, Graphitstift, Tusche, Mischtechnik, Tempera & Farbstifte, Blei– & Farbstifte, Ölfarben, erst auf Papier, auch Packpapier, dann auf Leinwand, Siebdruck; zunächst figürlich, bald schon abstrakt – hier fühlte sich die Kunst nach den 1000 Jahren von 33 – 45 frei von Zwang, wurde so zur beherrschenden Form für Jahrzehnte – doch blieben figürliche Elemente erkennbar. Vor allem seine Landschaften von der Algarve von 1965 lassen deutlich die Konturen realer Landschaften erkennen, die Farben sind naturbezogen, doch sind sie so weit abstrahiert, daß sie den Betrachter zu ihrer Entschlüsselung brauchen. Die Farben evozieren jedoch alles das, was der beginnende Wirtschaftswunderdeutsche mit Portugal assoziiert: rot, blau, grün, sandfarben.

Leider hielten die Verkäufe nicht Schritt, Geld wurde also wieder knapp. VKU und Post boten Arbeit ab 4.00 bzw. 5.00 Uhr morgens und passable Bezahlung. Uli griff zu, reinigte Busse, trug Briefe aus. Er konnte sich das Material für weitere Bilder leisten, Geld für das abendliche Bierchen und Schaschlik war auch noch da. Am schönsten waren aber wohl immer die Abende bei Kümper, wenn Fritz Heitsch dort in der Ecke hinter der Theke saß. Dann gab’s Gespräche über Kunst, launige Erzählungen und zur Abwechslung Wein statt Bier, Bocksbeutel. Klar, Fritz Heitsch bezahlte. Und es gab Ausstellungen, in Kamen, Esch/Luxemburg, Mailand, den USA. Und natürlich nahmen die Studenten an Ausstellungen in Berlin teil.

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Abb. 7: Blauzeichen 2015

Der Titel ist wörtlich zu nehmen. Blau in verschiedenen Abtönungen bildet den Grundton des Bildes. Die für Uli Kett typischen Einschüsse gliedern die Fläche, noch in Blautönen. Formen werden identifizierbar. Hinter dem Blau gehen Orangetöne auf.

1968 dann Abschluß des Studiums, danach Meisterschülerprüfung und zwei Semester Meisterschüler bei Prof. Kuhn in Berlin. Zwei Einzelausstellungen in Berlin in diesem Jahr waren aufwendig, aber unergiebig. Alle Künstlerkollegen kamen, die Galerien waren voll, das Bierfaß leer, kein Bild verkauft, die malten die Kollegen sich selber. Aber immerhin stand die Kunst im Mittelpunkt ihrer Gespräche, während heute die großen Galerien eher vom Geld bestimmt werden, wie auch die Frage nach der Qualität (zu) oft vom Preis entschieden wird: je teurer, desto besser. Auktionsrekorde überlagern die Kunst. Wie gut ist Giacometti? 140 Millionen Dollar. Der Kunstmarkt, d.h., Angebot und Nachfrage, bestimmt, was Kunst ist, nicht mehr der Künstler. Und beides kann man „machen“. Damit wird Kunst zur Geldanlage. Nicht ihre Qualität ist allein entscheidend – schon schwer genug zu bestimmen, zumal wenn man sich von der Abhängigkeit von Moden befreien will – sondern die Möglichkeit der Wertentwicklung.

Der politische Umbruch von 68 bewirkte in Ulrich Kett eine veränderte Sicht auf das eigene Tun, wie von außen: es gibt so viele Maler, noch mehr Gemälde bzw. Kunstwerke, dennoch ist Kunst nach wie vor etwas für die Minderheit. Doch die 68er wollten revolutionieren, Neues denken und schaffen. Aus dem Mißtrauen gegen die Elterngeneration (Was hast Du damals gemacht?), dem Protest gegen den Kapitalismus (Intellektuelle trugen plötzlich blaue, kragenlose Arbeiterhemden und 20er-Jahre-Ballonmützen) und dem Verlangen nach mehr Teilhabe an Bildung (auch für das legendäre „katholische Arbeitermädchen vom Lande“ von Georg Picht und Ralf Dahrendorf) erwuchs eine Bewegung, für die „Elite“ mit einem negativen Geruch behaftet war. Der „Mensch“ sollte in den Mittelpunkt allen Tuns rücken. Am besten faßte wohl der Slogan zweier Hamburger Studenten die Stimmung der Zeit zusammen: „Unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren.“ Ulis Berliner Clique setzte das um und gab Kunstkurse in Kinderheimen, Gefängnissen und Behindertengruppen. Damit wurden sie zu Vorreitern einer Bewegung, die derzeit in den Bemühungen gipfelt, durch Inklusion auch denen zu Bildung zu verhelfen, die sich sonst ausgeschlossen fänden. Uli und seiner Ulla, seit 1966 verheiratet, beide richtige 68er, schien das keine Lebensperspektive zu sein, zumal sie eine Art Inselsyndrom entwickelten.

Wir können uns das heute gar nicht mehr vorstellen, aber Berlin war nicht die offene Stadt, in der jeder sich frei bewegen konnte, wie wir sie heute kennen. Sieben Jahre vorher, am 13. August 1961, hatten DDR-Grenztruppen eine Mauer quer durch die Stadt gebaut, getrennt, was doch eigentlich zusammengehörte, und drum herum war DDR. Nirgends konnte man als Berliner oder Westdeutscher hin. Ohne strenge Kontrollen, oft Schikane, durch DDR-Grenzer konnte man nur per Flugzeug aus Berlin raus. Das kostete Geld. Uli hatte aber nun Ausstellungen im Bundesgebiet, Bilder mußten hingebracht werden. Ein Auto hatte er nicht. Es gab nur eine Spedition, die für Kunsttransporte durch die DDR eine Lizenz hatte, ohne Konkurrenz, daher entsprechend teuer, zu teuer für den jungen Künstler. Da blieb nur: ab mit den Bildern in Kartons und auf die (DDR-) Reichsbahn. Aber der DDR-Zoll respektierte kein Postgeheimnis, die adressierte Verpackung wurde geöffnet. Es konnte ja Konterbande darin sein. Und wenn der Inhalt nicht gefiel, und das war für Freunde des Sozialistischen Realismus der Regelfall, dann mußte man dem Klassenfeind schaden. So wurden nicht wenige Bilder von Ignoranten zerstört. Dann Ausstellung adé!  Wahrscheinlich hatten die Zöllner instinktiv begriffen, daß freie Kunst der Art, wie Uli Kett sie malte, einem Regime wie dem im „Ersten Deutschen Arbeiter– und Bauernstaat“ gefährlich werden konnte.

Eines Tages wollte Uli mit einem geliehenen Auto von Berlin nach Bochum fahren, Bilder in eine Ausstellung bringen. Aber dann: Stau auf der Avus. DDR-Grenzer machen „Dienst nach Vorschrift“,  d.h., jedes Auto wird genau durchsucht, vielleicht fand man ja einen „Republikflüchtling“. Das dauerte. Und wieder: Ausstellung adé! (Unsere westlichen Freunde, die Amerikaner, waren übrigens in dieser Beziehung nicht weniger banausisch. Eine Ladung Bilder aus Kamen kam bei einer Ausstellung in Dallas/Texas an, vorschriftsmäßig mit Zollstempeln versehen – auf der Vorderseite!) Kurz gesagt: die Chance auf eine erfolgreiche künstlerische Karriere in Berlin und von dort aus war fast Null.

Das Gute an 68, dieser Aufbruchszeit, war, daß nun jedermann die geforderte Teilhabe an Bildung zugute kommen sollte und es überall Schulversuche gab. Vor allem NRW tat sich mit einer Vielzahl von Gesamtschulgründungen hervor. Und so zogen Uli und Ulla mit Sack und Pack von Berlin nach Kierspe, wo Uli an den vorbereitenden Planungen für die spätere Gesamtschule Kierspe mitarbeitete, dort in der Sekundarstufe II lange Jahre unterrichtete und schließlich auch noch am Lehrplan Kunst für Gesamtschulen in NRW für die Sekundarstufe I mitarbeitete. Planerische, bürokratische Arbeit bedeutete natürlich, selber malen ging erst einmal nicht mehr. Jetzt war der Planer, Organisator, Didaktiker gefragt. Dabei entwickelte Kett neue Formen des Kunstunterrichts, er ließ in Projekten arbeiten. Eine Aufgabe konnte z.B. lauten: „Ich mache mir ein Bild vom Tod.“ Oder: „ Das Bild  der Frau im 20. Jh.“ Und dabei waren alle Darstellungsformen erlaubt. Das Ziel war, Bewertbarkeit, Vergleichbarkeit mit anderen Fächern herzustellen, Kunst war schließlich auch Abiturfach.

Abb. 22b Immer morgens 2015 90 x 110 cm Kopie

Abb. 8: Immer morgens, 2015

Wie bei Abb. 7 ist der Grundton Blau. Von links wie von rechts ragen die Einschüsse hinein, der rechte nach außen hin gegabelt, organische Formen versprechen Ende und Beginn, geht das Tageslicht auf oder unter? Ironie?

Ulrich Kett wollte die Kunst aus den Galerien hinaustragen, aus den Büros, Sparkassen und Arztpraxen, ihr das „Heilige“ nehmen. Hier ist er immer noch der 68er. Man ist an die bbb (Bergkamener Bilder Basare) erinnert, wo Dieter Treeck in den 1970er Jahren „Kunst zum Kumpel bringen“ wollte, da der „Kumpel schon nicht zur Kunst“ kam. Kunst soll den Menschen in seinem Alltag begleiten, nicht nur eine Wohnzimmerveranstaltung sein. Kett hat nichts dagegen, wenn seine Bilder auch schon mal in einer Küche hängen, wenn ihre Besitzer ihr Leben von Kunst umgeben haben wollen, ständig in Gefahr, bespritzt zu werden. Dennoch verlangt er, daß der Mensch die richtige Einstellung zur Kunst mitbringt: geht er zu einer Vernissage, sollte er das tun, als wenn er zum Konzert ginge: in guter Kleidung und mit der richtigen Einstellung, offenen Sinnes, eben zu einer besonderen Veranstaltung.

Aber der Künstler will selber schaffen, ohne seine Kunst ist er kein Künstler mehr. Zaghaft, tastend fing Uli wieder an zu malen, wie seinerzeit in der Grundlehre im Studium, gegenständlich, kleinformatig, Heiteres und Surreales, das half am Anfang, endete aber in einer Sackgasse. Wichtiger als das „Produzieren“ von Bildern wurde ihm die Erfahrung des Arbeitsprozesses. Da gab es zwei Möglichkeiten: zu malen, was er sah oder zu sehen, was er malte.Ulrich Kett malt nicht, was er sieht, sondern er sieht, was er malt. Er malt nicht (mehr) die Natur ab, seine Kunst schafft sich ihre eigene Natur. Daraus entwickelte sich, wie er es selber nennt, ein „Lust-Quäl-Prozeß“. Hin und weg. Hin(zufügen) und weg(nehmen). Aber das „Weg“ ist nie ganz weg. So wird Sehen zum Ahnen, Assoziationen entstehen. Das, was man in der Geschichte der Literatur und der Schreibkunst ein Palimpsest nennt, das war es, was Uli anstrebte. So wird der „Inhalt“ eines Bildes so lange reduziert, bis nur noch Flächen und Linien übrigbleiben, Farbe und Form. Aber unter der Oberfläche schlummert alles, was je dort war. Er malte, wozu er Lust hatte. „Ein Bild ist erst dann fertig, wenn ich es (das Bild) aushalte“. Er selbst sagte dazu einmal: „Ich male aus dem Bauch heraus, aber einen Bauch muß man auch erst einmal haben.“

Kett hat auch klare Vorstellungen davon, was Kunst kann und soll. Wenn es also von einem neuen Namen auf dem Kunstmarkt heißt, dieser Künstler überschreite die Grenzen der Kunst, dann sagt Kett nur: „Quatsch, wahre Kunst hat keine Grenzen.“ Seit der Dokumenta V ist auch Kitsch Kunst. „Kunst ist, was  Künstler  herstellen.“ Selbstbewußt oder schon arrogant?

Die 1980er Jahre brachten auch die Beschäftigung Ketts mit anderen Künstlern, den Heroen der Kunstwelt, als er Leonardo da Vincis „Abendmahl“ nachstellt: Liebermann, Bruegel, van Dyck, Picasso, Dix, Beckmann, Dali, Dürer, Rubens, Corinth, Wunderlich, Hausner, Rembrandt treten gemeinsam auf in seinem Bild „Geschichten über Kunstgeschichte: Die Jury bei der Arbeit.“ Die Ähnlichkeit der Gesichter mit den uns bekannten Vorlagen ist frappierend. Vielen Künstlern heute fehlt das handwerkliche Rüstzeug, man muß zeichnen können, richtig hinsehen. Das kann Kett. Und macht sich gleichzeitig über sie lustig in dem Bild „Die Vielsichtigkeit beim Trinken ist normal“, auf dem der betrunkene künstlerische Archetyp eine Frau gleich viermal sieht. Alternativ kann der Betrachter auch glauben, die zentrale Figur in diesem Bild sei Teil eines Renaissance-Gemäldes und der Maler habe die Frau im Hintergrund viermal gesehen und gemalt. Hier ist Kett hintergründig und vieldeutig. Wenn der Künstler so viel Zeit und Mühe in ein Bild steckt, braucht auch das Publikum Zeit zum Betrachten und muß sich Mühe geben. Der Betrachter soll „betrachten“, sich Zeit lassen dabei, es sich langsam erschließen, immer wieder Neues dabei entdecken. Weiteres Beispiel: „Landschaft in NRW“: Landschaft ist immer Ausschnitt, ob NRW oder Hessen, ist gleichgültig, doch der Betrachter ist erst verblüfft, dann wird es ihm dämmern. Wichtig ist, daß Kunst ihm gefällt, daß er aber weiß, warum oder warum nicht. Es steht ihm vollkommen frei, sich eine eigene Vorstellung von dem Bild zu machen. Der Künstler formuliert das so: „Alles dient zum Anlaß für das eigene Sehen – ein gestalterisches Sehen.“ Die Freiheit des Malers bedingt auch die Freiheit des Betrachters.

Ironie fasziniert Kett: auf einem Bild dieser Zeit, betitelt „Die Hl. Drei Könige betrachten das Jesuskind“, eigentlich ein Thema, das seit Jahrhunderten Standardmotiv der Malerei ist, geht Kett einen anderen Weg. Die drei Könige schauen aus dem Bild heraus den Betrachter an! Und der ist wieder verblüfft.

Surreale Darstellungen nehmen Anfang der 1980er Jahre einen breiten Raum in Ketts Werk ein. Auf „Die Arche der natürlichen Art“ (schon der Titel ist doppeldeutig: die Arche selber ist von „der natürlichen Art“, sie nimmt aber auch „die natürliche Art“ auf) thronen Zwiebeln und eine Birne jeweils auf einem Eisberg. Wir wissen, daß diese Eisberge schmelzen werden, die darauf sich gerettet wähnende Natur im Meer versinken wird.

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Abb. 9: Das Zerbrochene Spiel, 1981

Der Prophet Ulrich Kett zeigt in diesem Bild einen sich weit ausdehnenden trocken-rissigen Boden, eine Wüstenei, vertrocknetes, von Insekten zerfressenes Obst und ein verzweifelt schauendes Kind, über allem steht bedrohlich ein riesiger Heizkörper, wie wir ihn zum Beheizen unserer Häuser benutzen. Er nimmt in seinem Bild das beherrschende Thema unserer Tage vorweg: der Heizkörper symbolisiert menschliches Tun, Verantwortung für das Klima.

Ein weiteres Thema, das unseren Alltag betrifft, ist das Auto. Mittel des Transports, aber für manche auch Symbol der Freiheit. In Ketts Bildern kann es sich als beschützende Hülle um den Menschen legen, als Bedrohung anderer empfunden wurden, einzeln oder in Massen auftreten. Hier ist Kett der politische Maler.

Langsam arbeitete er sich wieder an seinen künstlerischen Stand von Berlin heran. Das Malen wirkte wie eine Befreiung. Seine ersten großformatigen Bilder in dieser neuen Phase sind so farbig, wie sie nie zuvor waren, wahre Farbexplosionen zeigen, wie befreit der Künstler sich fühlte.

Das Gebäude der Dorfschule Kierspe, erst neun Jahre alt, stand eines Tages leer, mitten im Grünen, Wald und Wiesen als Nachbarschaft. Dorfschulen waren in NRW abgeschafft worden, eine Anschlußnutzung war nicht in Sicht. Das war die Gelegenheit für die beiden Ketts, zu einem Heim zu kommen, das auch die Möglichkeit bot, die großformatigen Bilder, die längst Ulis Markenzeichen geworden waren, zu malen und aufzuhängen. Die Stadt Kierspe wollte das Gebäude loswerden, weil ein nicht benötigtes Gebäude zu unterhalten schlicht zu teuer ist. Hinzu kam, daß die Heizkosten phänomenal waren, weil es ein typischer 60er-Jahre-Bau war, mit großen Fensterfronten und der damals üblichen Dämmung: gar nicht. Hier trafen der Wunsch, zu verkaufen und der nach einem eigenen Heim zusammen. Man traf sich in einer vernünftigen Mitte und so wurde die ehemalige Schule, nach geringfügigen Umbauten, für 40 Jahre das erste eigene Zuhause der Ketts. In dieser ländlichen Abgeschiedenheit entstanden nun die neuen Bilder, in ländlicher Idylle, bis zu 25 Kettsche Heidschnucken auf den Wiesen drumherum.

Ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre läßt sich in seinen Bildern so etwas wie „abstrakte Figürlichkeit“ erkennen, wenn es so etwas überhaupt gibt. Wir erkennen Figuren, Körper, Körperlichkeit, können aber keine konkreten Formen sehen, identifizieren, sie nur erahnen.

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Abb. 10: Luft Wasser Erde, 1997

Abstrakt und doch auf den ersten Blick klar. „Luft, Wasser, Erde“. Weiß, blau, erdig-braun-grün. Leichtigkeit und Schwere. Oben und Unten. Zwei Diagonalen schießen ins Bild.

Kett wählt organische Formen für seine Darstellungen, sogar für Anorganisches wie Stahl. Hier tritt etwas für seine späteren Landschaften Typisches in seine Bilder: durch (fast) monochrome Flächen schießt ein senkrechter, waagerechter, diagonaler, gerader oder gekrümmter Strahl, der die Fläche gliedert, ein dynamisches, strukturierendes Element. Beschleunigung und Verlangsamung. Solche ast–, zweigartigen „Strahlen“ veranlassen Kett, diese „linearen Großstrukturen“ in Großplastiken umzusetzen, die, in Landschaften gestellt, den Raum gliedern.

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Abb. 11. Grüne Fahne, 1992

Man könnte Ulrich Ketts Sinn für Ironie vermuten, wenn man nicht sein Prinzip des „Hin & Weg“, des Palimpsests, kennte. Alles, was vorher da war, ist noch unter der Oberfläche vorhanden. An der Oberfläche ist das Grün nur noch zu erahnen.

Die erste Ausstellung des neuen Ulrich Kett fand 1975 in Lüdenscheid statt. Seine Arbeiten wurden jetzt oft der art informel zugeordnet. Uli war das egal, er malte, was er wollte und konnte. Und damit begann eine außerordentlich fruchtbare Phase, in der 864 Bilder entstanden. Das war ein Konvolut, das zum Teil in Buchform (Kett, Band I + II, ISBN 3 – 9808670 – 0 5)  veröffentlicht wurde . Aber weil es so viele Bilder waren, kam Kett in mit der Erfindung von Titeln in Not. Da hat er die Jahre nach dem Alphabet benannt. 2003 war z.B. das O-Jahr. Das führte aber zu neuen Problemen. Wer weiß etwas anzufangen mit Titeln wie: Obsequent, Observanz, OD, Obligat, Observabel, Offerent? So ließ er sich bereitwillig überreden, wieder „literarische Titel“ zu machen wie „Das was Elger Esser uns (zu Recht) nicht zeigen wollte“ oder „Irgendwie war der Molch unter den Fluss geraten“.

Abb. 5 Das, was Elger Esser uns (zu recht) nicht zeigen wollte 2009 110 x 90 cm Kopie

Abb. 12: Das, was Elger Esser uns (zu recht) nicht zeigen wollte, 2009 


Abb. 6 Irgendwie war der Molch unter den Fluss geraten 2009 110 x 90 cm Kopie

Abb. Nr. 13: Irgendwie war der Molch unter den Fluss geraten, 2009

Die fast monochrome Bildfläche wird grob strukturiert. Ganz weit am oberen Rand entdeckt der Betrachter, blau eingefaßt, einen „Fluß“, unter dem eine Figur mit vier Beinen entfernt an ein lebendes Wesen erinnert, und rechts daneben noch einmal. Der Betrachter setzt seine Vorstellungskraft ein.

So nahm er als Vorlage für Abb. 12 ein Photo von Elger Escher. Der hatte eine bretonische Küstenlandschaft photographiert und dann das Photo so lange „reduziert“, bis nur noch zu ahnen war, was da eigentlich abgebildet war. Oder auch nicht mehr. Uli hat dieses Verfahren anders herum angewandt: durch die Hinzufügung von Linien und Farben (trotzdem fast nur Weiß und Grautöne) wieder ins Bild hineingegeben, was Escher vorher herausgenommen hatte. So zeigt er, daß das Originalbild auch ohne diese Hinzufügungen funktioniert, ja, sogar besser ist. Deswegen sagt er: „… (zu recht) nicht zeigen wollte.“ Daher zeigen seine eigenen Bilder auch immer weniger. Man könnte fast sagen, daß Uli in seinen besten Bildern alles ausläßt außer der Magie.

1990 erhielt er den Ida-Gerhardi-Publikumspreis der Stadt Lüdenscheid. Es folgten viele weitere Ausstellungen, weit über 100, Vertretung durch mehrere Galerien, Vertretung und Verkäufe auf der Art Cologne, besonders erfolgreich eine Einzelausstellung in Löwen/Belgien.

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Abb. 14: Saison, 2006

Wer genau hinschaut, könnte ein weites Bergtal erkennen, überall Schnee, Felsspitzen und ein Stück blauen Himmels ragen aus ihm heraus. Wintersaison? Die dunklen Einschübe unten links und rechts erwecken den Eindruck, man stehe auf einer gegenüberliegenden Höhe und nähme die Weite des Anblicks in sich auf.

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Abb. 15: Ich weiß es auch nicht so genau, 2006

Deutlicher als in Abb. 14 ragt ein grauer Berggipfel in den grauen Himmel, oben verläuft ein Grat diagonal von links nach rechts. Doch da ragt ein Fremdkörper ins Bild hinein. Der Künstler „malt aus dem Bauch heraus“, das, was dabei herauskommt, überrascht ihn. „Ich weiß es auch nicht so genau.“ (Größer könnte der Unterschied zu seinem Freund und Malerkollegen Helmut Meschonat nicht sein: bei Kett entstehen organische Formen aus dem Bauch, Helmut Meschonat konstruiert streng geometrische Formen. Doch beider Bilder „entwickeln sich“.)

Ab 1994 malt Kett Gesichter, die auf den Betrachter wirken, als seien sie Landschaften. Zwei Jahre später beginnen auch so genannte Landschaften sein Malen zu beherrschen: Urbane Zonen, Wasser, Großes Haus für M, Bebautes Wasser – so lauten jetzt die Titel. Und später: Neue Kräfte, Zweimal durch, Saison, Stadtlandschaft, Naturlandschaft, Stimmungslandschaft, Seestück, Landschaftsporträt in NRW. Landschaft ist nur noch als Erinnerung, als Ahnung erhalten. Die Kunsthistorikerin Dr. Carolin Krüger-Bahr schreibt in der Broschüre „Ulrich Kett, Landschaften“: „Ketts Bilder zeigen natürlich keine bestimmten Orte. Und natürlich vermag der Betrachter keine klar identifizierbaren Landschaften wiederzuentdecken. Vielmehr rühren die formale und die farbliche Gestaltung einer jeden Arbeit an die Erinnerung, die jeder Mensch an Natur und Landschaft hat: Weite und Horizont oder Enge und Berg/Tal.“

Abb. 9 Stadtlandschaft 1 2014 60 x 75 cm Kopie

Abb. 16: Stadtlandschaft 1, 2014 

Der Betrachter fragt sich: Wo ist hier Stadt? Wo Landschaft? Vielleicht kommt er der Sache näher, wenn er sich die „Stadtlandschaft“ als Photo aus dem Weltraum vorstellt. Dann erscheinen Strukturen unter Wolken, die für menschliches Leben als geeignet erscheinen.

Abb. 9a Stadtlandschaft 2 2014 110 x 90 cm Kopie

Abb. 17: Stadtlandschaft 2, 2014

Besonders deutlich wird Ketts Technik des Palimpsests in seinem Bild „Noch Rot“. Immer wieder entfernte er alles, was er am Anfang auf die Leinwand aufgetragen hatte, fügte stattdessen Neues hinzu. Das Ergebnis: nur noch an wenigen Stellen scheint Rot durch. Der dominierende Eindruck ist Blau. „Noch Rot“.

Abb. 10 Noch rot 2014 110 x 90 cm Kopie

Abb. 18: Noch rot, 2014

Ende der 80er Jahre zwangen Uli schlimme Krankheiten zu längeren Pausen. Das sieht man auch seinen Bildern aus dieser Zeit an. Sie werden von Weiß und Grautönen dominiert, bis hin zur Monochromie.

Trotz aller internationalen Erfolge vergaß Uli seine Heimatstadt Kamen nicht. Ausstellungen seiner Großformate gab es zu sehen in der Kamener Stadthalle, kuratiert von Reimund Kasper, und im Haus der Kamener Stadtgeschichte, zusammen mit den alten Freunden aus der Zeit der „Gruppe Schieferturm“, Helmut Meschonat und Heinrich Kemmer.

Jetzt hat der Künstler sich weitgehend vom Trubel des Kunstbetriebs zurückgezogen, malt auch  viel weniger. Doch zeigen die Bilder aus den letzten beiden Jahren immer noch (oder wieder?) die Kraft, die den Maler UK beflügelte und befähigte, Hunderte von Bildern in wenigen Jahren zu malen.

Abb. 11 Blaues Bild mit hohem Bogen 2006 200 x 460 cm Kopie

Abb. 19: Blaues Bild mit hohem Bogen

Der Einfluß des Bauhauses auf die Architektur ist unübersehbar. Sparsam werden Farben eingesetzt, weiß und schwarz. Wie dekorativ wirken Uli Ketts Bilder hier! Das Format nimmt den Bauhausstil auf, fast monochrom blau, streng rechteckig. Doch das intensive Blau bildet den Kontrapunkt zur Farbgestaltung des Raumes. Erst durch diese „Gegenstimme“ verliert der Raum seine Kälte. (In Lüdenscheid und Umgebung, wo UK seit Jahrzehnten wohnt, hängen in Firmen und in öffentlichem Besitz 35 z.T. sehr große Arbeiten. Das Triptychon in Abb. 19 hat 2 m x 4,6 m!)

Klaus Holzer

im Januar 2016

Dank an Ulrich Kett, der sich einen ganzen Tag für mich Zeit nahm und mit dem sich zu unterhalten eine große Freude war. Abstecher in die Philosophie und die Theologie gelangen mühelos. Und  Dank auch für die Bereitstellung des Bildmaterials. Alle Photos, bis auf Nr. 2 & 3, sind von Rainer Halverscheid

Lothar Kampmann

Lothar Kampmann

„Der bewegte Mensch ist Ausdruck von Leben.“

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LK ist sicherlich einer der bekanntesten Kamener Künstler, vielleicht der bekannteste, und dennoch nahm in seiner Heimatstadt niemand Notiz davon, daß sich sein Todestag am 20. Januar 2013 zum 20. Mal jährte.

LK wurde am 11. Juli 1925 in Aachen geboren, wohin seine Mutter extra für seine Geburt von Kamen aus in ihre Heimatstadt zurückgefahren war. Schon während seiner Kriegsgefangenschaft begann er zu zeichnen, zumeist seine Mitgefangenen. 1954 schloß er ein Studium zum Kunsterzieher in Mainz ab und arbeitete auch einige Jahre lang in diesem Beruf. Nachdem er am Aufbau einer fundierten Lehrerausbildung im Fach Kunst maßgeblich beteiligt war, erhielt er erst eine außerordentliche, 1964 eine ordentliche Professur an der Pädagogischen Hochschule Dortmund, die später zur Universität, heute Technische Universität Dortmund, wurde. Er ist der Gründer der Altenakademie Dortmund, die heute noch Bestand hat.

Daß sich Anfang des Jahres niemand seiner erinnerte, erstaunt umso mehr, als sich zu Jahresbeginn wieder einmal eine Kontroverse um sein vielleicht bekanntestes Kamener Kunstwerk, den „Kömschen Bleier“, abspielte: ist er gegenwärtig am richtigen Ort in der richtigen Weise aufgestellt? Oder sollte doch noch ein anderer, besserer Ort gefunden werden, wo er, so wie seinerzeit von LK im Postpark selber, auf einem senkrechten Pfosten, besser für die Allgemeinheit sichtbar würde?

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„Kömscher Bleier“, 1968 (links) und 2013 (rechts)

Aber natürlich hat LK nicht nur den Bleier geschaffen, viel breiter ist sein Werk angelegt. Ein wenig davon soll hier vorgestellt werden.

Vielleicht sagt es etwas über uns Kamener aus, daß uns sein Werk so ans Herz gewachsen ist, daß wir uns erst jetzt, 20 Jahre nach seinem Tode, über die richtige Präsentation seines künstlerischen Erbes streiten. Zu seinen Lebzeiten überwog die Freude an seinen Skulpturen und Plastiken, waren sie doch immer auf eine Weise modern, ohne jedoch die von uns allen so vertraute Figürlichkeit aufzugeben.

Exemplarisch läßt sich das an den 16 Plastiken seines „Figurenparks“ in Bergkamen studieren: ihre Größe reicht von unter– bis überlebensgroß; die Übergänge zwischen den Körperteilen sind nicht organisch fließend, sondern deutlich abgesetzt; die Körper sind eckig, nur die Köpfe weisen Rundungen auf. Dennoch erkennt der Betrachter sofort, daß die Figuren lebendig wirken, nicht steif und leblos, auch wenn sie keine Hände und Füße haben.

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Großplastik „Trauernde“ 1960er Jahre

 

Ganz anders wirkt sein Bronzeenvironment „Bergmannsleben“ in Methler. Diese Figurengruppe erzählt eine Geschichte, ganz in der Tradition der „alten“ Kunst: ein Bergmann wendet sich, als er sein Haus verläßt auf dem Weg zur Arbeit, noch einmal um und winkt seiner Familie zum Abschied zu (oder kommt er gerade zurück von dort und begrüßt er die Seinen?). Das Idyll wird vervollständigt durch seine Eltern, die auf einer Bank am Haus sitzen und ihren Lebensabend genießen. Im Garten steht eine „Bergmannskuh“, auf dem Dach des Hauses sitzen drei Tauben, die Rennpferde des Kumpels. Alle Elemente des Lebens einer Bergmannsfamilie vor 100 Jahren sind hier versammelt.

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„Bergmannsleben“, 1981

Hier und in seinen Gitterreliefs erweist sich LK als ein Sammler und

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Gitterrelief „Vergangenheit“, 1969

Bewahrer dessen, was die heimatliche Region einmal auszeichnete. Ist es in Methler das überkommene Bild der Bergmannsfamilie, das er bewahrt, so zeigt Südkamen, was LK an Geräten auf Bauernhöfen und in Werkstätten der Heimat gesammelt hat: Hufeisen, Schloß und Schlüssel lange vergangener Türen, Pumpenschwengel, Fuchsfalle, Waffeleisen, Kneifzange, Flachshechel und Pflugschar fügte er zu einem dekorativen Gitter zusammen, das den Betrachter gleich gefangennimmt und in vergangene Zeiten zurückversetzt. Mit seinen öffentlichen Kunstwerken wollte LK bewußt auch das „kulturlose Ruhrgebiet“ aufwerten. So schrieb er anläßlich des 5. Bergkamener Bilderbasars an Dieter Treeck, dessen Idee die bbb waren und der damit, wenn schon der Arbeiter nicht zur Kunst komme, die Kunst zum Arbeiter bringen wollte: „Die Kunst ging zum Betrachter. Das war doch die einfache Grundformel. … „Er (Anm.: der bbb) sollte ein Ort der Grundbildung im Sinne des Wortes sein. Auch eine Stätte der Weiterbildung, Bekanntmachung mit dem neuen Gedanken– und Formengut. Aber er hat sich zur Weiterbildung des Bildungsbürgertums gemausert, mit aller geistig hochmütigen Lukullhaftigkeit. … Lieber Herr Treeck, Ihre Idee vom bbb ist gut wie eh und je. Aber die Künstler haben sich nicht geändert. In zwölf Jahren nichts dazugelernt. … Die Künstler, ich eingeschlossen, haben entscheidend versagt und Sie damit im Stich gelassen.“ LK, der umgängliche Mensch, ein scharfer Beobachter und ein unerbittlicher Kritiker.

LK war unendlich großzügig, wovon seine Freunde und Bekannten mehr als ein Lied singen können. Wo immer er war, zu Hause, zu Besuch, an der Universität, immer hatte er einen Stift, eine Feder, Modelliermasse dabei. Immer zeichnete oder modellierte er, und für gewöhnlich ließ er diese spontan entstandenen Kunstwerke dort als Geschenk zurück, wo er sie gerade angefertigt hatte. Und zu Hause passierte es ihm einmal, daß er gedankenverloren sein Material knetete und formte und plötzlich feststellte: „Mann! Jetzt habe ich die Venus von Milo gemacht! Das geht ja überhaupt nicht!“ Und schuf etwas Neues.

Einmal machte LK sich nach Süddeutschland auf, im Auto eine Mappe mit Arbeiten, die in einer Ausstellung gezeigt werden sollten. Auf halber Strecke machte er bei einem Freund Rast, um dort zu übernachten. Der Freund war neugierig und bat darum, die Zeichnungen sehen zu dürfen. Voller Schreck stellte LK fest, daß er eine Mappe mit leeren Blättern mitgenommen hatte. Die Ausstellung konnte am nächsten Tag dennoch pünktlich eröffnet werden: LK hatte die ganze Nacht gezeichnet und genügend Blätter fertig bekommen. Als sein Freund ihn fragte, wieso er das so schnell könne, war die lapidare Antwort: „Dafür habe ich jahrelang geübt.“

Weitere künstlerische Betätigungsfelder, die aber nicht im öffentlichen Raum zu finden sind, sind seine Ölbilder

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Ölgemälde mit Applikationen, 1983

und seine Kleinplastiken, die seine Meisterschaft auch auf diesen Gebieten belegen. Ein immer wiederkehrendes Thema ist der weibliche Körper, nackt oder halbnackt. Seine Kleinplastiken zeigen sie sitzend, kniend, immer anmutig, wohlgestalt und ausbalanciert.

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Kleinplastik „Kniende Frauenfigur“, o.J.

Besonders entzücken aber immer wieder seine Rohrfederzeichnungen, auf denen er in wenigen genialen Strichen, stark reduziert, Figuren und Bewegungen erstehen läßt. Wie von magischer Kraft wird der Betrachter hineingezogen in das Bild und sieht plötzlich eine Dynamik, die beim ersten Blick verborgen war.  Und die dazu nötigen Rohrfedern schnitt er sich selber aus Schilf oder Bambus.

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Rohrfederzeichnung, ohne Titel, 1964

Und dann gab es noch den großen Didaktiker LK, der Dutzende Bände mit „Anleitungen für bildnerisches Gestalten“ veröffentlichte. Diese wurden in Kindergärten, Schulen und Familien so populär, daß einzelne Bände mehrfach aufgelegt wurden. In einem weiteren Werk faßte LK seine gesamten, umfangreichen Kenntnisse in Technik und Materialkunde zusammen. „Alles will gelernt sein, die Technik des Gehens und Bewegens wie die Technik des Sprechens.“ Und seine Lust zu experimentieren legte er in dem Buch „Aufforderung zum Experiment“ nieder, in dem er beschreibt, wie man neue, unkonventionelle Materialien für künstlerisches Schaffen nutzbar machen kann. Die meisten seiner Bücher wurden in viele Fremdsprachen übersetzt.

Allerdings liegt in seiner Experimentierfreude mit Materialien auch die Ursache für ein Problem, das wir heute mit manchen seiner Kunstwerke haben, da sich erst viel später gezeigt hat, daß seine Materialmischungen nicht immer zeitüberdauernd sind.

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Großplastik, ohne Titel, 1960er Jahre

Als LK den Entwurf für die Plastik „Mit anderen Teilen – Weiterführung des St. Martin-Themas“ anfertigte, war es so heiß, daß das Wachs weich wurde, zusammenfiel und seine Form verlor. LK war schon krank und konnte selber kaum noch Hand anlegen. Aber er ordnete sofort an: „Schafft die Plastik aufs Klo! Da ist es kühler.“ Danach mußte sie in die Gießerei nach Gescher geschafft werden und dort wieder aufgebaut werden. Schließlich wurde sie doch  fertig, und so steht sie seit 1992 in Selm-Bork.

Im Rückblick erweist LK sich als ein Künstler, der den Spagat zwischen Bewahrung der Tradition und Vision der Moderne schaffte. Er war ein Künstler, der in seiner Heimat fest verwurzelt war und von daher der Welt aufgeschlossen gegenübertreten konnte, ein Künstler, der die Welt der Kinder erweiterte und die der Erwachsenen bereicherte, denn

„Menschen sind für mich die absolute Wirklichkeit, nie Staffage.“

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Portätbüste, Bronze, ohne Jahr

Weitere Kunstwerke, die die künstlerische Bandbreite des Werkes Lothar Kampmanns zeigen:

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Holzschnitt, 1971, Weiblicher Torso, Weiblicher Akt (v.l.n.r.)

Frühe Malerei, 1959 (links)

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Lothar Kampmann, 1980

Text und Photos: KH

Einige der Informationen wurden der Schrift „1 Bildhauer, ein gewisser Kampmann“ von Georg Eggenstein entnommen, die er anläßlich des 80. Geburtstages von Prof. Lothar Kampmann im Jahre 2005 veröffentlichte.

Die zwei Porträtphotos von LK wurden von Frau Susanna Kampmann zur Verfügung gestellt. Die abgebildeten Kunstwerke (außer den Großplastiken, dem Relief, dem Bergmannsleben und der Porträtbüste) befinden sich in Privatsammlungen.

Helmut Meschonat

Helmut Meschonat

1. HM 2

In die Wiege gelegt war es ihm nicht, als Helmut Meschonat (HM) 1943 in Werries bei Hamm geboren wurde. Und auch als seine Familie 1954 nach Kamen zog, war es nicht absehbar. Zwar malte seine Mutter ein wenig, und beide Eltern hatte Verständnis dafür, daß es ihren Sohn Helmut immer wieder zu Papier und Zeichenstift zog, doch das war so, wie es eben immer ist: Kinder kritzeln gern, nennen es malen.  Augen und Ohren öffnete dem Jungen, der mittlerweile gar nicht schlecht zeichnete, erst sein Großonkel Fritz Heitsch (FH), der zu der Zeit Stadtdirektor in Kamen war. FH (vgl. Artikel über FH unter „Kamener Köpfe“) machte ihn mit Klassik, und seine beiden Söhne Werner und Klaus mit Jazz bekannt. FH zeigte und erklärte ihm Gemälde und Skulpturen bekannter heimischer Künstler – vor allem an Viegener konnte der Junge sich nicht satt sehen – kurz, er öffnete ihm die Welt. Die Welt, die HM für den Rest seines Lebens faszinieren sollte: er wurde musizierender Maler, die Kunst wurde sein Leben.

In dieser Zeit, in den 1950er Jahren, traf er Ulrich Kett und Heinrich Kemmer, beide künstlerisch interessiert, beide schon, wie HM, als Maler aktiv, und tat sich mit ihnen zusammen zur Gruppe „Schierferturm“, in einem Wort geschrieben, weil der Turm der Pauluskirche nicht nur schief war (und ist), sondern zu jener Zeit auch mit Schiefer gedeckt war. Weil die Jungs aber keinen Raum hatten, wo sie malen konnten, geschweige denn ein Atelier, vermittelte ihnen Stadtdirektor FH den Dachboden des damaligen Amtsgerichts (heute Haus der Stadtgeschichte) als Arbeitsraum, den die Gruppe selbst gestaltete.

Aber natürlich gab es nebenher auch ein „bürgerliches“ Leben. HM war 15 Jahre alt und wurde in die Lehre gegeben, wie das damals eben so üblich war. Doch wies die Lehre als Schaufenstergestalter im Kaufhaus Küster (heute Vögele) einen starken Bezug zum Künstlerischen auf, gab es doch keine Firmen, die komplette Schaufenstergestaltungen aus industriell gefertigten Teilen angeliefert hätten. Jedes Schaufenster mußte nach eigenen Entwürfen und mit selbst hergestellten Elementen gestaltet werden. Drei Jahre, von 1958 bis 1960, lernte er das Handwerk und schloß die Lehre erfolgreich ab, ein Jahr später als Uli Kett, der ebenfalls bei Küster gelernt hatte. Und der war es auch, der HM überzeugte, daß sie mehr aus ihrem Talent machen sollten. Sie bestanden, zeitversetzt um ein Jahr, die Aufnahmeprüfung an der Werkkunstschule Dortmund und schrieben sich dort ein. Zur Beruhigung der Eltern gab HM zu Hause an: Ich will Graphiker werden. Sie waren es zufrieden. Das schien ihnen ein Beruf zu sein, von dem man leben konnte.

Also gingen die zwei nacheinander zur Werkkunstschule nach Dortmund, wo sie sich in zwei Semestern die handwerklichen Grundlagen der Kunst aneigneten, die so wichtig sind, will man sich einmal in der Kunst frei bewegen, in der Freiheit von sich selbst auferlegten, selber formulierten Regeln, nicht in der Regellosigkeit, die heute oft mit Freiheit verwechselt wird.

Schon am 4. September 1960 gab es die erste Ausstellung in Kamen in der Pausenhalle der Martin-Luther-Schule. In den Ruhrnachrichten äußerte der Journalist Ulrich Schwarz seine Skepsis, daß die Ausstellung überhaupt Besucher anzuziehen vermöge, weil es moderne, d.h. wohl abstrakte, Kunst zu sehen gebe. Und auf seine Frage, ob HM und seine Freunde erwarten, Gemälde zu verkaufen, bejahen diese natürlich: „Aber nicht, weil es uns um Geld geht, sondern weil das heißt, daß Menschen das, was wir geschaffen haben, so sehr gefällt, daß sie es besitzen möchten.“

In Dortmund entdeckte der Junge, noch nicht einmal zwanzigjährig, endgültig seine Neigung und Begabung für die Malerei. Folgerichtig schloß sich ein zehnsemestriges Kunststudium an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin an, in der Klasse Professor Kuhn. Nach bestandener Abschlußprüfung folgte die Ernennung zum Meisterschüler und zwei Semester Meisterklasse bei Professor Jaenisch. Danach – Glückseligkeit. Ich bin Künstler!

Aber dann das Vakuum: was mache ich jetzt?

Jetzt war HM „fertiger Künstler“. Aber Malen ist, wie alle Kunst, nicht ein Ergebnis, sondern ein ständiger Prozeß, sonst wäre jedes folgende Bild nur ein Abklatsch eines vorhergehenden. Eigentlich beginnt jetzt erst die Suche nach dem persönlichen Stil. HM wollte „modern malen. Aber das ist schwer, und es kostet Anstrengung und Zeit, seinen eigenen Stil zu finden“, wie er selber es einmal zum Ausdruck brachte.

Nach Beendigung eines solchen Studiums kann man dann als freier Künstler arbeiten, doch ist es extrem hart, zu leben, zu überleben. Wer Puccinis „La Bohème“ kennt, weiß, daß es auf Dauer nicht geht, von Luft und Liebe zu leben, es will auch gewohnt und gegessen werden. Ein Brot– und Butterberuf mußte her.

Da traf es sich gut, daß zu der Zeit, nach 68, in allen Kultusministerien Aufbruchstimmung herrschte. Überall wurden neue Schulen gegründet, mehr Lehrer gebraucht, wurde der Fächerkanon erweitert. Wie viele andere zu jener Zeit auch – erinnert sich noch jemand an die „Mikätzchen“? – fand HM, ohne pädagogische Ausbildung, eine Stelle als Kunstlehrer an einer Bochumer Realschule. Inzwischen hatte er Gabi Elger geheiratet, die ebenfalls aus Kamen stammte und in Berlin bei Prof. Kuhn studiert hatte. Beide zogen wegen der neuen Stelle nach Bochum.

Das Dasein als Lehrer für Kunst läßt glücklicherweise Zeit für schöpferische Tätigkeit. Das eigene Malen kam also nicht zu kurz.

Schon als Student (wenn man einmal von der Kamener Zeit absieht) stellte HM aus, sogar noch einmal mit seinen Jugendfreunden aus Kamener Zeit, Uli Kett und Heine Kemmer, in der Galerie Pater in Mailand.

Man stelle sich das einmal vor: drei Kamener Jungs, noch Studenten, stellen ihre Werke in Mailand aus und werden international zur Kenntnis genommen! Ein italienischer Kunstkritiker schrieb damals über HM: „Helmut Meschonat kommt offensichtlich aus dem ersten russischen Futurismus und folgt präzis und ohne Zweideutigkeit einer Tradition. Seine Kompositionen, oft von echten Diagrammen und streng technischen Zeichnungen begleitet, sind enge Verwandte einer Funktionalität, die auf keinen Fall mit der Poesie befreundet ist, so wie wir sonst gewohnt sind, sie zu empfinden, haben auch – was koloristische Durcharbeitung betrifft, fast immer ins Schwarze getroffen. Seine Bilder haben eine vitale Kraft, welche auf jeden Fall den Autor charakterisieren.“

Und der künstlerische Werdegang von HM begann, Gestalt anzunehmen. Als Jugendlicher hatte er, wie seine beiden Freunde auch, alles gezeichnet, was ihm vor die Augen kam, mehr oder weniger realistisch, um Genauigkeit im Detail bemüht. „Wir malten uns durch die Kunstgeschichte.“ Während des Studiums machte die naive  einer reflektierten Herangehensweise Platz. Die Moderne brach auch über HM herein. Abstrakte Malerei war der Ausdruck der Zeit. Wer nicht abstrakt malte, galt als veraltet. HM malte abstrakt. Dann kam skulpturale Malerei auf, mit vielen obskuren Schriftzeichen verziert, etwas bombastisch „skripturale Elemente“ genannt.

2. 1964, Bild 6, Öl auf Lwd., aus der gleichen Serie wie die Skandalbilder in Unna

Abstrakte Malerei von 1964 mit skripturalen Elementen. HM ist auf Formensuche. In Kamen gemalt (HM)

Daraus resultierte der „Gemäldeskandal von Unna“. Der Kreis Unna hatte sich ein „hypermodernes Kreishaus“ (Hellweger Anzeiger) zugelegt und plante, DM 50.000 für Kunst auszugeben (das gab es damals: es sollte 1% der Bausumme für „Kunst am Bau“ ausgegeben werden!), damit die Büros der Mitarbeiter ansehnlich ausgestattet werden konnten, aber er wollte auch „Geld in Kunstwerken anlegen“ (HA, 23.9.1964), bevorzugt von heimischen Künstlern, um sie „ideell und materiell zu unterstützen“ (HA, a.a.O). Unter den angekauften Werken befanden sich auch zwei von HM, die für die Dienstzimmer der Dezernenten bestimmt waren: „Bemaltes Quadrat“ und „Erzählendes Weiß“. Und wie das so geht mit Bildern an der Wand: Betrachter betrachten sie. Und da glaubte plötzlich jemand mit dechiffrierendem Blick und hintergründiger Phantasie Wortgruppen zu erkennen: „Sie A … loch“, „doof“ und „Sie Mistvieh“. Und der Skandal war da! Verstärkt durch das allgemeine Unverständnis für abstrakte Kunst.

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Über diesen beiden Gemälde stritt man sich 1964 wochenlang in der Öffentlichkeit, in den Zeitungen und im Fernsehen (Photos: KH)

Daraufhin stritten Bürger und Politiker, Kreisverwaltung und Öffentlichkeit, Presse und Künstler wochenlang über Kunst, in Rede und Gegenrede, mit Kommentaren und Leserbriefen und in Interviews auch im Fernsehen. Was ist Kunst? Was soll sie? Was kann sie? Ist Kunst wichtig? Ist abstrakte Kunst überhaupt Kunst? Oder muß Kunst figürlich sein? Es wurde erbittert gestritten. Es war wunderbar. Ist das heute noch vorstellbar? Oder eher nicht mehr, weil wir dazu „erzogen“ wurden, daß sowieso „alles geht“? Daß Regellosigkeit zur Regel geworden ist?

Auf die Nachfrage des Autors bestätigt Thomas Hengstenberg, Kulturreferent des Kreises Unna, daß die fraglichen Gemälde noch im Besitz des Kreises Unna sind, jedoch z.Zt. nicht die Büros von Dezernenten schmücken, sondern im Magazin in Cappenberg lagern.

5. 1965, Safe für G., Dispersionsfarbe auf Lwd.

„Safe für G.“ & Photo Safebild X 1965 

6a. 1965, Safebild X, Dispersionsfarbe auf Nessel

1965, Dispersionsfarbe auf Leinwand, HM hat seine Form gefunden: monumental, symmetrisch, frontale Ausrichtung, der individuelle Farbauftrag, das Malerische ist verschwunden. Der Farbauftrag ist jetzt radikal glatt, unpersönlich. In Kamen gemalt. (HM)

6. 1966, Neomat, Dispersionsfarbe auf Lwd.

„Neomat“, 1966, Dispersionsfarbe auf Lwd., Maschinenformen als Bildmotiv, Geräte, das Funktionale unter anderen Aspekten gesehen, modifiziert; wichtig: keine erkennbare Funktion, Querschnitte, „Neomat“ ­- typischer Titel für diese Zeit, in Berlin gemalt. Stilistisch sind die Bilder nicht so direkt einzuordnen. Wenn man so will, auch eine gegenständliche Hard-Edge- Malerei mit kräftigen Farben. (HM)

In diesen abstrakten Gemälden deutet sich aber auch schon der nächste Entwicklungsschritt HMs an. Es sind bereits Formen zu erkennen, die in den folgenden Jahren große Bedeutung gewinnen sollten: seine Serie „Safebilder“ beginnt. In ständig variierten Darstellungen wurde der Safe in den Folgejahren zum zentralen bildgebenden Element in HMs Werken. Und Form wurde HM mit den Jahren immer wichtiger. Der Safe wurde von Maschinenquerschnitten abgelöst; es gab Lackbilder, in denen die dritte Dimension angedeutet wurde; die Darstellungsweise veränderte sich: in die Gestaltung des Himmels und der Wolken zogen Barockelemente ein. Diese Bilder kamen so gut an, daß die Bundesanstalt für Arbeitsschutz in Dortmund sieben von ihnen ankaufte.

7. 1968, Made in W. Berlin, Acryl auf Hartfaser

„Made in W. Berlin“  1968 Acryl auf Hartfaser, Darstellung von Maschinenquerschnitten wieder in der Frontalansicht, Schautafeln, Signalfarben. Ich glaube nicht, dass es sich um Pop-Art handelt. Mit diesen „Made-in …- Bildern“ wurde ich Meisterschüler. (HM)

Die späten 1970er Jahre waren für HM sehr erfolgreich: der damalige Bundespräsident Walter Scheel kaufte eins seiner Gemälde an, zwei wanderten ins Arbeitsministerium nach Bonn, wo sie für Norbert Blüm und Walter Riester bei ihren Interviews mit dem Fernsehen, dem „Spiegel“ und allen anderen den Hintergrund bildeten und so bundesweit bekannt wurden. „HM“ war immer dabei!

8. 1970, Abbildung 8, Lack auf Hartfaser, dieses Bild war u.a. i.d. Villa Hammerschm. ausgest.

„Abb. 8“  1970 Lack auf Hartfaser, Ansicht von Maschinen und Geräten, räumliche Darstellung, keine Schnitte mehr. Wenn man so will, eine Variante der Pop-Art. Eine etwas aufwändige Schabloniertechnik. Kühl und unromantisch. Gemalt in Bochum. Dieses u. andere Lackbilder waren in der Villa Hammerschmidt zu sehen. Begonnen habe ich mit diesen Bildern aber noch in Berlin, 1969. Sie haben immer den Titel „Abbildung …“ Also: die Dinge sind nicht die Dinge selbst, sondern nur Abbildungen. (HM)

1971 wurde seine Frau Gabi Elger (GE) von Frau Heinemann, der Frau des Bundespräsidenten Gustav Heinemann, zu einer Ausstellung in die Villa Hammerschmidt eingeladen. Das Präsidentenehepaar wollte junge Künstlerinnen fördern. Als man aber sah, was GEs Ehemann HM malte, wurde er ebenfalls eingeladen auszustellen. Dahinter stand die Empfehlung des Direktors des Bonner Kunstmuseums.

9. 1972, Siebdruck

„Siebdruck“ 1972 Nr.3.  Die Darstellungsweise der Lackbilder eignete sich besonders für den Siebdruck. 1972 entstanden mehrere Druckauflagen. Eine davon ging später an den Bochumer Kunstverein. Es sind eher Innenräume mit Bildschirmen, Cockpits vielleicht, jedenfalls technische Motive. (HM)

10. 1979, Bild 3, Acryl auf Lwd.

 „Bild 3“  1979 Acryl auf Lwd. Ab 1973 suche ich nach neuen oder anderen Möglichkeiten. Die unpersönliche, präzise Malweise muss beendet werden. Ich will jetzt Maschinen (natürlich!) in der Landschaft malen, romantische Ausschnitte von Landschaft, romantische Lichtführung, oft barocke Himmel und Farbgebungen, davor großen Platz in Anspruch nehmend Maschinen. Die Landschaft wird immer mehr verdrängt. Aus den Maschinen werden dann allmählich Maschinenarchitekturen, Industriearchitektur, immer anonym. (HM)

 Ein Kritiker schreibt dazu 1981: „Bedrohlich, monolithisch, unzerstörbar – so erscheinen die Bilder das Bochumer Künstlers Helmut Meschonat. … Doch die Natur bleibt in den Bildern Meschonats außen vor. Ein Stück düsteren Himmels bleibt sichtbar, die übrige Bildfläche nehmen die festungsartigen Industriebauten ein. Licht, Schatten und die reduzierte Verwendung von Farben verstärken den angsteinflößenden Charakter der Bilder. Dennoch: Keine direkte Aktion geht aus von den Werken, die gemalten Bauten wirken in ihrer versteinerten Ruhe eher archaisch, urzeitlich. Ihre Bedrohlichkeit liegt in ihrer raumgreifenden Kraft, ihrer machtvollen Präsenz. Pyramiden der Neuzeit. Geometrische Burgen der Technik, die verborgen bleibt. Als Industriebauten nur erkennbar an wenigen Attributen: Leitungen, Rohre, fehlende Fenster. … In der Beschränkung auf ein Thema liegt die gesammelte Stoßkraft seines Werkes, das unsere Lebenswelt auf individuelle Art reflektiert und sich aktuellen Kunsttendenzen nicht unterwirft.“

HM war inzwischen so erfolgreich, daß er mehrfach in Münster in den Ausstellungen „Westfälische Künstler“  vertreten war. Daher kannte man seine Arbeit dort. Das führte dazu, daß er eine Gastdozentur an der FH MÜnster erhielt und von 1983 bis 1986 Graphiker und Objektdesigner im Fach „Zeichnerische Darstellung“ unterrichtete.

11. 2005, Bild 2, Acryl auf Lwd.

„2005 Bild 2“  Acryl auf Lwd., immer wieder die gleiche oder ähnliche Thematik. Das Pfeilerelement taucht häufiger auf, auch durch die Perspektive mit drei Fluchtpunkten wirken die Bauwerke teilweise nicht mehr so stabil. Stark reduzierte Farben. Für die Stilrichtung dieser Bilder ab 1975 weiß ich keine Bezeichnung. (HM)

12. 1993, Bild 6, Acryl auf Lwd.

„Bild 6“ 1993  Acryl auf Lwd. Wie Bild 3, 1979. Licht und Schatten. Rätselhaftes Bauwerk, kleiner Naturausschnitt. (HM)

13. 2010, Bild 1, Acryl auf Lwd.

„Bild 1“ 2010 Acryl auf Lwd. Ab 2003 änderte sich teilweise die Sicht. Es sind eher Konstruktionen mit einer Draufsicht. Gebilde, die man nicht einordnen kann. Ab 2010 wird die Konstruktionsordnung aufgelöst und die Pfeiler u. Balken erscheinen eher ungeordnet, teilweise in kräftigen Farben. Es sind keine Bauwerke mehr. Symbole für das von Menschen Geschaffene und Zerstörte. Wie immer Licht und Schatten. (HM)

Danach fand er zu „seinem“ Thema: dreidimensional wirkende, sich selbst tragende „architektonische“ Bilder, auf seltsame Art abstrakt und figürlich-konkret zugleich. Dem Betrachter drängt sich der Eindruck auf, daß ein modernes Bild von HM genau so gut die Darstellung der Balkenkonstruktion des mittelalterlichen Turmhelms der Kamener Pauluskirche sein könnte.

14. 2011, Bild 4, Acryl auf Lwd.

„2011 Bild 4“  Acryl auf Lwd., wie 2010 (HM)

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 Dachstuhl im Helm der Pauluskirche, Kamen. Die Ähnlichkeit ist unübersehbar. (Photo: KH)

HM hat an Dutzenden von Ausstellungen teilgenommen, viele von ihnen juriert, mit hohen Ablehnungsquoten. Viele seiner Gemälde hängen in Privatsammlungen, aber auch in öffentlichen Sammlungen ist er gut vertreten: Stadt Kamen, Stadt Bochum, Senat West-Berlin, Schering AG. Berlin, Kreisverwaltung Unna, Kultusministerium NRW, Sparkasse Bochum, Stadt Düsseldorf, Industrie– und Handelskammer Bochum, Bundesministerium für Arbeit Bonn (jetzt Berlin), Bundesanstalt für Arbeitsschutz Dortmund.

16. 2012 Bild 4 Acryl auf Lwd.

„2012 Bild 4“  Acryl auf Lwd., Rückbesinnung auf Gebäudemotive. Kalte Farben, ab 2014 monochrom, Grau in Grau. Dadurch Konzentration auf die Form. Rätselhafte Bauwerke, deren Funktionen unklar bleiben. Menschen gibt es hier nicht. Stilrichtung? Realismus ist das ja auch nicht. (HM)

Wenn es wahr ist, daß alle guten Maler Bilder erzeugen, die im Gedächtnis bleiben, dann ist HM ein guter Maler. Seine zweckfreien „Bauwerke“ (1993 & 2005), monumental, bedrohlich, in kalten Farben gemalt, in eine unergründliche Tiefe weisend, sind solche Bilder. Bei aller grundsätzlichen Ähnlichkeit jedoch zeigen sie eine Entwicklung, auch wenn diese sich erst auf den zweiten Blick enthüllt. Im Hintergrund sind Grün, wenn auch nur als Silhouette und monochromes Blau, beide in starkem Kontrast zum Bauwerk. 12 Jahre später hat sich dieser Kontrast aufgelöst. Die hellen Farbtöne sind ausschließlich düsteren Farben gewichen, das Grün ist verschwunden, der Himmel nicht mehr monochrom, sondern in dem Gebäude angepaßten Farbtönen wolkenreich–drohend, deutlich barocke Himmelsdarstellungen evozierend.

Bis 2008, bis zum Alter von 65 Jahren, hat HM im Schuldienst gearbeitet. Nie hat er aufgehört zu malen, weniger geworden ist es schon. Er stellt nicht mehr so viel aus, auch geht er nicht mehr in so viele in Ausstellungen.

Dafür hat er jetzt mehr Zeit für sein Hobby. Während all der Jahre hat er nicht vergessen, es zu pflegen: den Jazz. Aber es beschränkt sich nicht auf das Abspielen und Anhören von LPs und CDs. Er ist aktiv. In seinem Zimmer zu Hause in Bochum stehen ein Tenor–, ein Alt– und ein Sopransaxophon, die alle gespielt werden. Dazu kommen eine B– und eine C-Klarinette, die ebenfalls deutliche Gebrauchsspuren zeigen. Seit 40 Jahren spielt er in wechselnden Gruppierungen, erst Dixielandjazz – zusammen mit den beiden Jazzveteranen der „primitiven“ Pitt Fey (d) und Nelly Elger (bjo) in der neuen Formation „Six Town Seven“ – dann auch andere Formen des Jazz, auch hier ging er mit der Zeit. Und immer noch tritt er mit Freunden ein paar Mal im Jahr zu einer „Mucke“ an, zum Jazzen. Da muß er improvisieren, erfinden, genau wie in seiner Malerei. Aber hier ist er mit anderen schöpferisch zusammen, die Einsamkeit des Malers wird durch die Bindung an das Ensemble ersetzt.

 

17. HM Klarinette

HM als Klarinettist

Auf grundsätzliche Fragen, den Künstler und die Kunst, seine Kunst betreffend, reagiert HM eher unwirsch: „Ich habe jetzt so lange darüber nachgedacht, daß ich gestehen muß: Keine Ahnung. Weiß ich nicht. Interessiert mich auch nicht.“ Und zeigt ansatzweise die Problematik einer solchen grundsätzlichen Fragestellung auf: Die Rolle des Künstlers in dieser Welt? – Aus welcher Sicht? In welcher Welt? – Es gibt nicht DIE Welt. Es gibt auch nicht DEN Künstler. Warum gilt der eine als großer Künstler, der andere nicht? Wer wollte objektiv die Rolle des Künstlers bestimmen?

Aber der Blick auf HMs künstlerische Entwicklung, wie sie sich in seinen Bildern zeigt, läßt schon einen spezifischen Blick auf die Welt erkennen. Zur Zeit des Wirtschaftswunders, als der Lebenszweck vieler Menschen sich in der Anhäufung von Wohlstand oder gar Reichtum erschöpfte, zeigen seine Bilder unterschiedlich große Safes.

Er malt keine Blumen, Natur kommt in seinen Bildern nicht vor. In einer Zeit, die technikgläubig war, glaubte, daß der Mensch sich durch Technik die Welt untertan machen könne, malte er Maschinen, die seine Gemälde dominieren, so wie sie das Leben beherrschten. Der Mensch arbeitete in Schichten, wie eine Maschine, im Rhythmus der Maschine, damit diese ausgelastet war. Der Mensch hatte sich nach der Maschine zu richten.

Und als er sah, wie die Krake Bebauung aus den Städten ins Land hinübergriff, wie immer mehr landwirtschaftliche Fläche mit Industriebauten und Supermärkten zugebaut wurde, eroberten monumentale Gebäude seine Bilder, menschenleer, immer düsterer, hinter denen Landschaft verschwand. Natur war endgültig durch Konstruktion, d.h., Menschengemachtes ersetzt.

So entstand ganz von allein eine „Ästhetik des Trostlosen“. Die Realität hatte sich HM aufgezwungen. Selbst wenn er vielleicht viel lieber Blumen gemalt hätte – es ging nicht.

Und den heutigen Künstlern, die alle Kunst nur als Kunst akzeptieren wollen, wenn sie politisch ist, entgegnet er brüsk: „Nein. Moderne Kunst muß nicht politisch sein.“ Vielleicht gehört HM damit in die länger werdende Reihe der Künstler, die einfach sagen: „Kunst ist da. Sie gehört zur Welt. Ist Teil der Welt. Ist Ausdruck der Welt.“

Aber vielleicht ist das ja dann doch wieder politisch?

KH

(Anm: Alle Photos von Kunstwerken, sofern nicht anders angegeben, stammen von HM selber. Die fett gedruckten Kommentare unter den Kunstwerken hat HM selber geschrieben. Das Porträtphoto und HM als Klarinettist hat HM selber zur Verfügung gestellt. Danke.)

gruppe schieferturm

Die Kamener Künstlergruppe „gruppe schieferturm“

Das Wort „Gruppe“ war Ende der 1950er Jahre beileibe kein so modisches Wort wie heute, da alles und jedes eine „Gruppe“ ist, oft auch eine „Group“. Zuerst nannten sich die drei Kamener Jungs – Heinrich Kemmer (HK), Helmut Meschonat (HM) und Ullrich Kett (UK) – die sich der Kunst widmen wollten, „malkasten schieferturm“, was bestimmt auch damals schon nicht nach Avantgarde klang, eher nach den von allen Schulkindern malträtierten Malkästen, die vor allem von der Firma Pelikan stammten.

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Die Kamener Künstlergruppe „Gruppe Schieferturm“:
Heinrich Kemmer, Helmut Meschonat, Ullrich Kett, 1962

Das Wort „Gruppe“ war Ende der 1950er Jahre beileibe kein so modisches Wort wie heute, da alles und jedes eine „Gruppe“ ist, oft auch eine „Group“. Zuerst nannten sich die drei Kamener Jungs – Heinrich Kemmer (HK), Helmut Meschonat (HM) und Ulrich Kett (UK) – die sich der Kunst widmen wollten, „malkasten schieferturm“, was bestimmt auch damals schon nicht nach Avantgarde klang, eher nach den von allen Schulkindern malträtierten Malkästen, die vor allem von der Firma Pelikan stammten.

Mit „schieferturm“ verbanden die drei auch einen kleinen Scherz, war doch der schiefe Turm der Pauluskirche damals auch schiefergedeckt. Gemeint war der allerdings nicht, sondern eher das kleine, zufällig schiefergedeckte Türmchen am alten Amtsgericht, dem Domizil der Gruppe (s.a. weiter unten). Und weil sie sich eben nicht auf den „Schiefen Turm“ der Pauluskirche beziehen wollten, schrieben sie die beiden Worte in eins, und die Betonung wechselte von der zweiten auf die erste Silbe. Der Namenswechsel von „Malkasten“ nach „Gruppe“ kam dann, als die Ausstellungen anspruchsvoller wurden, die drei im Ausland bekannt wurden.

Diese Gruppe fing bald an, eigene Ausstellungen zu organisieren, und die erste Ausstellung 1959 ist wohl auch ihr Entstehungsdatum unter diesem Namen. UK erinnert sich und kommentiert heute: „Es war die prinzipielle Unbescheidenheit von Laien.“ Organisation verlangt Arbeit, Zeit, Verbindungen, Verhandlungen, für 18jährige eine große Herausforderung. Doch da gab es in ihrem Umfeld Emile Künsch, einen umtriebigen Luxemburger, den es nach Kamen verschlagen hatte.

4. EK Porträt

Emile Künsch, der Manager der Gruppe

Er organisierte gern und nahm sich ebenso gern der Künstlergruppe Schieferturm an. Er sorgte dafür, daß die drei ein Atelier fanden, was umso leichter fiel, als der damalige Stadtdirektor Fritz Heitsch selber künstlerisch tätig war und daher Verständnis für den Nachwuchs hegte.

4. Port. FH

Fritz Heitsch, Stadtdirektor, Künstler, Gönner

So kam die Gruppe dazu, sich den Dachboden des damaligen Amtsgerichts, des heutigen Hauses der Stadtgeschichte, herrichten zu dürfen und verfügte von da an über einen künstlerischen Treffpunkt, der wesentlich dazu beitrug, daß ihre Freundschaft sich festigte (vgl.a. Artikel über Fritz Heitsch).

Eine Ausstellung der Gruppe vom 19. bis 25. Oktober 1964 im Zeichensaal der Glückauf-Schule erregte in zweierlei Hinsicht besonderes Aufsehen.

6. LK Porträt

Lothar Kampmann, Künstler und Förderer

Zum einen kritisierte der Eröffnungsredner, Prof. Lothar Kampmann (LK), die Stadt Kamen heftig, weil sich kein Vertreter von Rat und Verwaltung sehen ließ: „Bei Rassehunde– und Angorakaninchenausstellungen, da glaubt man, die Verbundenheit mit den Arbeitern bekunden zu können. Auch Künstler sind Arbeiter, nur mit dem Unterschied, daß sie auch noch mit dem Kopf was tun.“ Und daß die Stadt die Gruppe mit Geld unterstützt hatte, entlockte ihm nur ein knurriges: „Geld ist das wenigste. Und ich sehe gar nicht ein, daß sich die Künstlergruppe kniefällig für Almosen bedanken muß.“ Und selbst für die großzügige Geste der Stadt durch Stadtdirektor Heitsch, der Gruppe den Dachboden des Amtsgerichts zur Verfügung zu stellen, hatte LK nur einen ätzenden Kommentar übrig: „Das ist ein makabrer Ort, das Dachgeschoß eines Amtsgerichtsgefängnisses. Damit zeigt man, daß die Künstler außerhalb gesellschaftlicher Rangordnungen stehen.“ Immerhin erschienen, wenngleich verspätet, zwei Vertreter der Stadt, Stellvertretender Bürgermeister Hans Achtabowski und Jugendpfleger Edgar Hirt. So nahm die Veranstaltung dann in dieser Hinsicht doch noch ein versöhnliches Ende. Und im Verlaufe der Ausstellungswoche kamen auch noch Bürgermeister Beckmann, Ratsmitglied Fritz Rethage und Oberamtmann Bäcker in die Glückaufschule.

Zum anderen trat Kampmann aber auch einer in der Öffentlichkeit verbreiteten Unkenntnis und einem Mißverständnis entgegen: „Aus allen Länderecken hört man, daß das Gegenständliche wiederkommt, die Befassung mit dem Gegenstand wieder modern wird. Dann ist diese Ausstellung ja unmodern. Dem liegt ein Denkfehler zugrunde. Wer ‚Gegenstand‘ gehört hat, soll ‚Gestalt’ denken, und wer ‚Natur‘ gehört hat, soll sie als Inbild und Abbild verstehen. In den ausgestellten Bildern kommt das Elementarische, das hinter dem hantierbaren Gegenstand steht, zum Ausdruck. Die Künstler wollen nicht den groben, klobigen Gipsabguß oder die Nachzeichnung, damit sind sie nicht zufrieden. Sie befassen sich vielmehr mit der neuen Wirklichkeit, was für den Künstler ebenso schwer ist wie für den Betrachter.“ Er wunderte sich, daß die ausstellenden Künstler überhaupt noch in Kamen zu sehen seien statt in Berlin oder Kassel. „Provinzler können hier nicht kaufen, sondern nur Menschen, die eine künstlerische Tat suchen.“ Kunst war wohl damals wichtig, verursachte sie doch wiederholt breite öffentliche Diskussionen (vgl.a. Artikel über Helmut Meschonat und den „Gemäldeskandal von Unna“)

7. Schietu

von links: Ulrich Kett, Helmut Meschonat; von rechts: Emile Künsch, Dr. Krabs, Kreisdirektor und Förderer der Gruppe, Heinrich Kemmer bei der Ausstellung in Esch, Luxemburg

Freundschaft war die Grundlage der Gruppe, denn es gab keine förmliche Mitgliedschaft. Die drei verbrachten viel Zeit miteinander, sofern sie nicht beruflich getrennt waren. Sie malten, um sich künstlerisch entwickeln zu können, doch vor allem UK war es, der sich auch praktisch nützlich machte. Er malte Plakate! Wo gab oder gibt es das? Seit Toulouse-Lautrec unerhört! Ein Künstler malte jedes der 10 Plakate einzeln, mit wechselnden Motiven und Farben, die in der Regel Konzerte oder Tanztees (so hieß das damals) der recht beliebten Kamener Dixielandband „die primitiven“ (so hießen die wirklich; einen englischen Namen, wie sie schon für Jazzbands in Mode waren, wollten sie nicht) bei Bergheim ankündigten. Ob wohl noch ein paar solcher Plakate existieren? In irgendeinem Partykeller in Kamen? Populär genug waren die Band und UK und seine Plakate.

Und natürlich verbrachten sie nicht nur die Tage miteinander. Kamen war zu der Zeit die Stadt im Ruhrgebiet mit der höchsten Kneipendichte (1 Kneipe auf 260 Einwohner!), und es gab auch etliche eher anrüchige Etablissements. Klar, daß die drei die Kneipenszene nutzten, um realistische Detailstudien zu treiben, aus denen dann abstrakte Gemälde wurden, eine Art neuer, künstlerischer Wirklichkeit. Schließlich malte damals jeder Künstler, der „modern“ sein wollte, abstrakt. Und bei HK geronnen diese zu Skulpturen, die sich „an die alten Wurzeln antiker Bäume anlehnen.“ (Galeriedirektor Kahn zur Eröffnung einer Ausstellung der Gruppe in Dallas, Texas, 1967)

Aber die reale Realität nagte auch an dieser Künstlergruppe. Etwas zeitversetzt begannen HK, UK und HM ihr Kunststudium, erst an der Werkkunstschule Dortmund, dann an der Hochschule, später Universität der Bildenden Künste in Berlin. Nur HK blieb in Dortmund. So konnten sie sich nur noch während der Semesterferien sehen, was natürlich kein kontinuierliches gemeinsames Arbeiten und Gestalten mehr erlaubte. Statt Gruppen– gab es nun vermehrt Einzelausstellungen. Und es kam eine Entfremdung von Emile Künsch hinzu, der dann zu „Emil“ wurde. Allerdings hat sich die Gruppe nie förmlich aufgelöst. Heinrich Kemmer starb am 2. April 2014 in Hamminkeln. Ullrich Kett und Helmut Meschonat sind also eigentlich noch immer die originale „Künstlergruppe Schieferturm“.

Die heutige Gruppe „Künstlerbund Schieferturm“ hat nichts mit der alten Gruppe zu tun, aber der Name ist für eine Kamener Gruppierung wohl zu naheliegend. Die heutige Gruppe „Schieferturm“ hat sich diesen Namen  zugelegt,  wußte vielleicht   nichts vom Original.

Künstler, die mit der alten „gruppe schieferturm“ ausstellten, einige von ihnen mehrmals:

Rolf Birkner, Dortmund
Gabriele Elger, Kamen
Jürgen Gramse, Dortmund
Fritz Heitsch, Kamen
Gerhard Hoberg, Heeren
Gerhard Knoblauch, Berlin
Karl-Heinz Krüger, Fröndenberg
Ludwig Loschek, Kamen
Jörg Poppe-Marquardt, Berlin
Heinz Potthast, Kamen

Frühe Ausstellungsorte waren:

Schulen in Kamen;

In der Burg, Unna;
Galerie Pater, Mailand;
Städt. Galerie Esch, Luxemburg;
Kunst im Turm, Uni Dortmund;
Contemporary Fine Arts Gallery, Dallas, Texas

Gönner „in schwerer Zeit“ (UK):

Dr. Carl Baenfer, Landesmuseum Münster
Prof. Lothar Kampmann, Kamen
Dr. Krabs, Kreisdirektor Unna (ganz besonderer Förderer)
Emile Künsch, Kamen
Fritz Heitsch, Stadtdirektor in Kamen
Horst Schulze Bramey, Stadtbaumeister Kamen

KH