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Die Hanse und Kamen

von Klaus Holzer

Um es gleich vorwegzunehmen: Kamen war „Hansestadt“. Kamener Kaufleute spielten jahrhundertelang eine wichtige Rolle in der Hanse, vor allem in Lübeck, Bergen und Stockholm. Aber Kamen war als Stadt nicht von der Bedeutung wie z.B. Soest oder Dortmund, die als „Vor-Orte“ die kleineren Städte vertraten. Dennoch lohnt sich ein Blick auf Kamens Hansegeschichte. 

Was bedeutet das Wort „Hanse“? Eine Hanse ist eine Gruppe, eine Schar, die sich zu einem bestimmten Zweck zusammentut. Ab etwa 1250 schließen sich Kaufleute zu Fahrgemeinschaften zusammen, um ihre gefährlichen Handelsfahrten durch bewaffnete Reiter absichern zu lassen. Im Konvoi war es sicherer, und man konnte die Kosten für die Sicherheitsleute teilen. Ab dem 14.Jh. kamen die Städte ins Spiel: damit einher ging die Entwicklung von der Kaufmannshanse zur Städtehanse. Ein festes Gründungsdatum gibt es nicht, der Übergang ist fließend. Hansekaufmann war nicht, wer Bürger einer Hansestadt war, sondern Hansestadt war, wessen Bürger am Außenhandel beteiligt waren und unwidersprochen an den Handelsprivilegien teilhatten. (weshalb Hansestädte von sich sagten, sie seien „stede van der dudeschen hense“)

Es muß also unterschieden werden muß zwischen der Kaufmannshanse, die wirtschaftliche Macht repräsentierte und der Städtehanse, die als politische Macht wahrgenommen wurde. Was nicht bedeutete, daß die Hanse als loser Städtebund Entscheidungsbefugnis hatte. Die Städte blieben autonom. Köln z.B. hätte sich nie von außen in seine Angelegenheiten hineinreden lassen.

Abb.1: Breitunger Rennweg

Gefährlich waren die Kaufmannsfahrten vor allem aus zwei Gründen. Zum einen waren große Teile der Verkehrswege unbefestigte Naturwege, die vorzugsweise auf Höhenrücken verliefen, weil Talböden meist feucht, wenn nicht sumpfig waren, z.B. der Hellweg, der, wie die meisten alten Handelswege, die Grundlage für die heutigen Verkehrsachsen ist: römische Handels- und Heerstraße – dto. Karls d.Gr. – R1 – N1 – A44. Die Gefahr eines Achs- oder Radbruchs war damit immer gegeben. Oder ein Wagen kippte einfach um, und was einmal am Boden lag, durfte von jedermann aufgesammelt werden, was immer mehr Duodezfürsten zu ihrem Privileg erklärten.

Zum anderen zogen marodierende Banden entwurzelter Ritter, deren große Zeit vorüber war, durchs Land und bestritten ihren Lebensunterhalt durch Raub und Mord.

Die ersten Kaufleute gründeten an bestimmten Eckpunkten ihrer Reisen sogenannte Kontore, die zu Eckpfeilern des hansischen Handels wurden: Nowgorod, London, Brügge und Bergen. Die gewählten Ältermänner, Leiter der Kontore, achteten auf die Einhaltung der Privilegien, die ihnen von den Herrschern in Dänemark, Schweden, Norwegen, Rußland und England gewährt wurden, weil man überall gute Geschäfte erwartete. Die Ältermänner mußten gute Beziehungen zu den jeweiligen Herrschern aufrechterhalten, um den deutschen Kaufleuten günstige Handelsbedingungen zu sichern. 

Ab ca. 1400 wurden die Verkehrswege sicherer, Stadtgründungen nahmen zu, dadurch entstanden Märkte und Messen für ein sich entwickelndes Bürgertum: Handel wurde wichtiger, Händler operierten aus den Städten heraus. Lübeck schälte sich als Zentrum der Städtehanse heraus. Damit etablierte sich die Hanse lange Zeit als die dominierende politische und wirtschaftliche Macht im gesamten Ostseeraum, teils bis in die Niederlande (Brügge, Kontor im heutigen Belgien) und England (Kontor in London) hinein. Und mit den über weite Strecken reisenden Kaufleuten verbreiteten sich Nachrichten, Neuigkeiten, Informationen und Gedanken.

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Abb. 2: Die Grafschaft Mark im 15. Jh.

Handelsfahrten zu Lande waren eine langwierige Angelegenheit. Zum einen konnte ein hochbeladener Sechsspänner am Tag höchstens 30 bis 40 km zurücklegen, schließlich gab es keine befestigten Straßen, schon gar nicht auf Fernstrecken, zum anderen mußten viele unabhängige Territorien und Herrschaftsbereiche durchquert werden. In „Deutschland“ gab es im MA etwa 350 solcher Territorien, dazu kamen noch viele Unabhängige und Freie Reichsstädte. Oft mußte Zoll, Akzise genannt, bezahlt werden. Das alles verzögerte die Fahrten.

Abb. 3: Die Vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg, 1540

Abb. 4: Eine Hansekogge

Da paßte es gut, daß eine neue Art von Schiff konstruiert wurde, die Hansekogge. Sie konnte, bei großer Seetüchtigkeit, 200 Tonnen, das sind ca. 100 Wagenladungen, befördern und stellte damit alle früheren Schiffstypen in den Schatten. Sie erreichte eine Geschwindigkeit von 8,3 bis 12,4 km/h = 200 – 300 km pro Tag, je nach Wind. 100 Wagen waren, bei 30 – 40 km pro Tag, monatelang unterwegs, eine Kogge 1 – 2 Wochen! Sie konnte Tag und Nacht segeln, nächtliches Reisen zu Lande war unmöglich. Da erwies sich Lübecks Insellage als besonders hilfreich für die Vorherrschaft der Stadt in der Hanse. 

Aerial image of Lübeck (view from the southwest)

Abb. 5: Lübecks Insellage

Abb. 6: Die Altstadt Kamens

Wie muß man sich Kamen nun im 13. und 14. Jahrhundert vorstellen?

Der am Sesekeübergang in Nord-Südrichtung, Richtung Hellweg-Lippe, gelegene Ort mit seinem sumpfigen Hinterland hatte sich wegen seiner Nähe zu Haus Mark bei Hamm und seiner gesamtstrategischen Lage in der Grafschaft Mark zu einer stark befestigten Stadt mit ungewöhnlich vielen Burgmannshöfen, nämlich 10, entwickelt. Diese Herrenhöfe, die sich wie eine Perlenschnur um die erste Ansiedlung legen, stellten mit ihren Mauern und Wällen die erste Stadtbefestigung dar. Erst als die Stadt aus diesem Ring herauswuchs, begann man, die eigentliche Stadtmauer zu bauen. Das war zwischen 1243 und 1247. Die Fläche der Stadt beträgt nun 28,8 Hektar bei zuerst 6 Stadttoren und 4 Ecktürmen. Das älteste Tor an der langen Brücke, das Wünnentor (Richtung Wiesen im Bereich der heutigen Koppelstraße), wurde 1660 zugemauert. Der Weg vom Mühlen- oder Rennentor (Möllenporte) an der heutigen Maibrücke zum Ostentor (Verbindung zur Residenzstadt Hamm) hatte sich als Querung durch die Stadt durchgesetzt. 

Abb. 7: Das erste Kamener Kreuz

Die Länge der Mauer mit zwei Gräben und einem Wall dazwischen betrug 2030 m, also 2,03 km. An ummauerter Fläche war Kamen damit nicht viel kleiner als Dortmund zur selben Zeit. Nur war durch die großen Freiflächen für die Adelshöfe viel weniger Platz für Bürgerhäuser, entsprechend kleiner war die Bevölkerungszahl. 

1253 gründete sich an der Lippebrücke in Werne der Werner Bund von Dortmund, Soest, Lippstadt und Münster gegen die Willkür der Landesherren.  Dortmund und Soest sicherten sich führende Positionen in der Hanse. 1268 schloß sich Osnabrück an.

Abb. 8: Gedenkstein Werner Bund 

Der Deutsche Ritterorden gründete ursprünglich das Feldhospital bremischer und lübischer Kaufleute während des Dritten Kreuzzuges um 1190 im Heiligen Land bei der Belagerung der Stadt Akkon. Mit dem Ende der Kreuzzüge 1270 verließ er das Heilige Land und gründete im Baltikum den Deutschordensstaat. 

Abb. 9: Der Staat des Deutschen Ordens zwischen 1260 und 1410

Der war 200.000 km2 groß (Deutschland heute: knapp 360.000 km2). 1410 verlor der Orden die Schlacht bei Tannenberg gegen das Königreich Polen, das mit dem Großherzogtum Litauen verbunden war. Das war der Anfang vom Ende des Deutschritterordens. Doch bevor es dazu kam, garantierte der Orden eineinhalb Jahrhunderte lang die Sicherheit in dem von ihm kontrollierten Gebiet. Und diese Macht manifestierte sich in der Marienburg, einem Monumentalbau ungeheuren Ausmaßes. Seine Größe: 21 Hektar (0,21 km2; zum Vergleich: der Vatikanstaat = 44 ha), 14,3 ha Nutzfläche. Es ist der größte Backsteinbau Europas.

Abb. 10: Die Marienburg

In der Tradition des lübischen Feldhospitals (s.o.) steht die Gründung des Heilig-Geist-Hospitals am Koberg in Lübeck im Jahre 1286, heute eine der ältesten bestehenden Sozialeinrichtungen der Welt. (Auch Kamen hatte ein Heilig-Geist-Hospital, dazu später mehr). Diese Spitäler waren wichtige Anlaufstationen für die Hansekaufleute, fanden sie hier doch u.a. Verpflegung und Unterkunft für die Nacht, und die Armen im Hospital konnten sich ein paar Pfennige mit Abspannen, Striegeln, Füttern und Tränken der Pferde  verdienen.

Abb. 11: Das Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck

Im Heilig-Geist-Hospital in Lübeck befindet sich eine Wandmalerei mit sechs Medaillons. Links unten ist der Kaufmann Johannes de Camen abgebildet. Er war der Anführer einer aus Kamen eingewanderten und sich von dorther ständig ergänzenden großen Sondergruppe unter den Lübecker Stockholmfahrern, dem Kamener Kreis. Er wanderte in der ersten Hälfte des 14. Jh. nach Lübeck ein. Sein Hauptgeschäftsfeld war der Handel auf der Linie Stockholm, Reval, Gotland. Er war nicht der erste Kamener in Lübeck. Er war vermutlich in Anlehnung an die Kamener Johann Metelere und Arnold Suderland, die beide in Lübeck Ratsherren waren, emporgekommen.

Abb. 12: Johannes de Camen 

Exkurs:

Familiennamen waren zu dieser Zeit noch nicht allgemein üblich, daher die Herkunftsbezeichnung, an den Vornamen angehängt. Ursprünglich gab es nur Vornamen, meistens biblischen Ursprungs oder mit religiösem Bezug: Josef, Johannes, Franz usw. Doch als im MA immer mehr Menschen in die Städte zogen – „Stadtluft macht frei“ – entstand eine Ballung von Leuten, deren Modenamen zu einer Häufung von Namengleichheit führte. Wenn aber die meisten Männer Josef oder Johannes hießen, konnte man sie nicht mehr unterscheiden. Das war fatal in einer Zeit, in der Schriftlichkeit unverzichtbar wurde: Verträge im (Fern)handel, Erbschaftsverträge usw. mußten verschriftlicht werden. Dazu mußte man Personen unterscheiden können. Ausgehend von Italien breiteten sich Familiennamen allmählich nach Norden aus. Lange bestanden beide Systeme nebeneinander. Familiennamen wurden gebildet: nach Beruf: Schmidt, Schneider; Wohnstätte: Brinkmann, Zurbrüggen; Herkunft: vom Rhein, Sachse, Westphal; Eigenschaft: Groß; Vorname des Vaters: Johannsen usw.

Nicht als Politiker, wohl aber als Kaufmann, wird ein zweiter Kamener, Claus de Camen, genannt. Er war der ca. 15 Jahre lang vielleicht bedeutendste Kaufmann der Stockholm/Gotland – Brügge-Linie. Er war darüber hinaus im gesamten Ostseeraum aktiv. Für die Jahre 1368/69 liegen die Zahlen seiner Umsätze vor:

1368 Ausfuhr aus der Ostsee  2.276 Mark
1369 2.004 Mark
1368 Einfuhr in die Ostsee  2.393 Mark
1369 975 Mark
1368 Butterausfuhr Ostseelinie  > 1.200 Mark
1369 > 1.000 Mark
1368 schwedische Metalle  > 300 Mark
1369 > 500 Mark

Er kann als der hervorragendste Repräsentant eines hansischen Großhändlers gelten. Abgesehen von Butter bildeten die schwedischen Metalle (Kupfer u. Osemund = sehr weiches, gut schmiedbares Eisen, bei uns vor allem aus der Gegend um Lüdenscheid bekannt, daher auch die Eisenindustrie im märkischen Kreis) die Hauptartikel in Claus’ Ost-Westhandel. Obendrein handelte er mit geringen Mengen an Tran und Häuten. Er lieferte Pelzwerk aus dem Baltikum nach Flandern. 1378, 1379 und 1381 gehörte Claus auch zu den führenden Großhändlern von Heringen, wie man aus erhaltenen Handels- und Rechnungsbüchern weiß.

Exkurs:

Wieviel ist das nach heutigem Verständnis? Das läßt sich kaum seriös beziffern, weil es im Mittelalter (MA) keine allgemein gültige zentrale Währungseinheit gab. Eine führende Währung war die Kölner Mark, wobei Mark hier eine Gewichtseinheit ist. Die Kölner Mark war 233,8123 gr. Silber schwer. In Wien hingegen war die Mark Silber fast 280,668 gr., in Krakau jedoch nur 197,98 gr. schwer. Eine geläufige Einteilung in Nennwerte war: 1 Mark Silber Kölnisch = 19 Gulden; 1 Gulden = 15 Batzen = 60 Kreuzer = 240 Pfennige = 480 Heller. Und das schwankt je nach Stadt und Land. Vielleicht helfen ein paar Vergleichswerte: In Hamburg und Lübeck kostet 1 Pfund Butter 4 Pfennige. Ein einfaches Haus irgendwo kostete zwischen 10 und 20 Mark. Ein Haus am Marktplatz in Nürnberg, der teuersten und angesehensten Stadt der Zeit, kostete 1825 Gulden, also weniger als 100 Kölner Mark.

Was schon beim Verlauf der Verkehrsachsen deutlich wurde, bestätigt sich auch auf einem anderen Gebiet. Flandern liegt zentral zu England und Frankreich, daher erlangte Brügge große Bedeutung, und noch heute sind die großen Häfen von Rotterdam und Antwerpen/Brügge die Nr.1 und 2 in Europa.

Der West-Osthandel Claus de Camens ruhte wie fast aller Großhandel dieser Jahre auf dem Geschäft mit flandrischem Tuch. 1368/69 bezog er dazu nicht geringe Mengen Öl aus Flandern. Ab 1368/70 erscheint sein Name gelegentlich im Schonen-Handel (südschwedische Provinz, zur Hansezeit zu Dänemark gehörig). Unser Wissen über diese Dinge resultieren aus Zollisten und Rechnungsbüchern, in Kontoren aufbewahrt. Claus hat in Lübeck Familie, er pflegt enge geschäftliche Beziehungen nach Stockholm.  

Abb. 13: Lübecks Insellage und Fischerstraße

Claus kaufte 1364 ein Haus in der Fischerstraße, einer bevorzugten Wohnlage, wo er bis zu seinem Tode wohnte. Er erwarb weiteren Haus- und Grundbesitz, machte auch Finanzgeschäfte. Zusammen mit seinem Verwandten Arnold Sparenberg kaufte er 1371 ein sehr wertvolles Schiff, das er natürlich zum Ausbau seiner geschäftlichen Aktivität einsetzte.

1370 setzte der Lübecker Großhändler Herman de Camen sein Testament auf, er wählte Nicolaus de Camen, Ratmann Johann Metelere, Arnold Sparenberg und Arnold Suderland, die nachweislich aus Kamen nach Lübeck eingewandert waren, zu seinen Nachlaßpflegern. Sparenberg u. Sudermann wurden in das Lübecker Patriziat aufgenommen. Nach Hermans Tod meldeten seine Verwandten in zwei Briefen aus Kamen und einem Brief aus Hamm ihre Erbansprüche an (was, nebenbei bemerkt, verdeutlicht, daß Nachrichten auch damals recht schnell wanderten). Mit Herman war aber auch der Stockholmer Lubbert de Camen verwandt. Weitere Namen Lübecker Fernhandelskaufleute mit Kamener Abstammung waren Tideman Doding, Johan Lemhus, Cesar de Rode, Bernhard Pleskowe Patr. (= lateinisch pater = Vater) und Johan Stot. Schon 1309 war ein Hinrich van Camen Lübecker Ratsherr. Und das sind nur die herausragendsten. Die Lübecker Kamener bildeten gar eine eigene „Camener Gruppe“.

Als Verwandte von Claus wurden in Stockholm ansässig: Tideman van Camen, Johan Sparenberg, Albert Mentze, Hannus Camen, Lubbert de Camen, Berend de Camen war in leitender Stellung im Dalarner Kupferbergbau. Man kann sagen, daß die Kamener zur Stockholmer Oberschicht gehörten, unter ihnen waren sogar Bürgermeister. Man muß sagen: Stockholmer Camener gehörten den ersten gesellschaftlichen Kreisen an, sie lebten mit ihren Familien in der Mehrheit in ihrem eigenen Kamener Viertel. Ein erheblicher Teil der Stockholmer Bürgerschaft bestand aus Deutschen, und von 1296 bis 1478 wurde der 24-köpfige Rat der Stadt paritätisch mit deutsch- und schwedischsprachigen Stadtbürgern besetzt.

Abb. 14: Königliche Hoheit im Hermelin (Winterfell) 

Ein Beispiel für die Geschäfte, die Kamener in Schweden tätigten: Ende Februar 1371 fertigte der Stockholmer Rat seinen Bürgern Engelbert de Elten und dem Camener Johan Sparenberg ein Eigentumszeugnis über elftausend Wieselfelle aus, die ihnen Bo Jonsson, Reichsdrost (im Hochmittelalter das vornehmste Hofamt) von Schweden verkauft hatte. Die Pelze wurden nach Lübeck gesandt. Der Reichsdrost verkauft Kamenern ein nur für gekrönte Häupter geeignetes Produkt seines Landes (es gab eine strenge Stände- und Kleiderordnung)!

Kamener waren prominent in Lübeck, Stockholm und Bergen, vergaßen sie darüber ihre Heimatstadt? Offenbar waren die Bindungen in die alte Heimat doch noch recht stark, sicherlich befördert durch noch lebende Verwandtschaft. So bedachte der Lübecker Ratsmann Arnold Sudermann Stine, die Tochter seiner Schwester Greten und ihre Kinder, Metten Harnegge und eine Klausnerin (= Beghine), alle wohnhaft in Kamen, in seinem Testament mit namhaften Beträgen. Aber sie stifteten nicht nur ihrer Verwandtschaft Geld, sondern auch städtischen Einrichtungen. 

Abb. 15: Das Heilig-Geist-Hospital Kamen

Das Heilig-Geist-Spital in Kamen, das Armen-und Siechenhaus, erhielt finanzielle Unterstützung, und der Neubau der St. Severinskirche (heute Pauluskirche) wäre ohne die Spenden der Hansekaufleute nicht möglich gewesen. So konnte in den 1370er Jahren das gotische Kirchenschiff mit seinen Zwerchhäusern (zwerch = ältere Form von quer, vgl. a. Zwerchfell), gebaut werden, der romanische Turm erhielt einen dem neuen, größeren Langhaus angemessenen neuen (schiefen) Turmhelm. 

Abb. 16: Die St. Severinskirche in Kamen (Pauluskirche), ca. 1840, mit Zwerchhäusern

Die Eckpfeiler des hansischen Handels waren die großen Kontore in Nowgorod (wichtig für den Handel zwischen den rohstoffreichen Gebieten Nordrußlands (z. B.Getreide, Holz, Wachs, Felle, Pelze, Leder- und Goldschmiedearbeiten sowie byzantinische und orientalische Luxusartikel nach Westen; im Gegenzug lieferte der Westen außer Salz und Heringen Stockfisch, Steingut, Bernstein, Silber, Waffen, Textilien aller Art, dazu Wein und Bier und den Ländern Westeuropas mit ihren Fertigprodukten (z. B.Tuche, Wein) aus den Kontoren London, Brügge und Bergen (Nebenbei: Amtsträger in den Kontoren, Sekretäre, Justiziare usw. lebten zölibatär: in der Bedeutung verglich man sich mit der Kirche!) Wie wichtig sich die großen Kaufleute fühlten (und wohl auch waren), zeigt sich an ihrer Kleidung.

Abb. 17: Tyske Brygge in Bergen

Ein sehr wichtiger Stapelplatz (hier wurden Waren gestapelt, oft gezwungenermaßen, um der Bevölkerung ein Vorkaufsrecht zu sichern) war das Bergenkontor, die „Tyske Bryggen“, „Die deutsche Brücke“. Kamener sind seit den 1350er Jahren in Bergen nachgewiesen. Das Bergenkontor bestand aus zahlreichen am Kai aufgereihten Holzhäusern, an die sich schmale Höfe anschlossen. Hier lebten und arbeiteten die deutschen Geschäftsleute mit ihren Hilfskräften auf engem Raum. Die Lübecker Bergenfahrer leiteten das Kontor. Es existierte vom 13. bis zum 18. Jahrhundert und damit am längsten von allen. Über Bergen gelangte vor allem Getreide nach Norwegen, das für die Ernährung der Bevölkerung von entscheidender Bedeutung war. Im Gegenzug wurden große Mengen Stockfisch nach Deutschland gebracht, was wegen der vielen kirchlichen Fastentage, und damit die Ernährung hier, wichtig war. Nur Fisch war erlaubt, und Stockfisch löste das Aufbewahrungsproblem von Nahrung vor der Zeit des Kühlschranks.

Abb. 18: Stockfisch

Auch hier waren die Kamener tätig. Im Hansemuseum der „Deutschen Brücke“ in Bergen befindet sich der Abdruck eines Kamener Siegels aus dem 14. Jahrhundert, in den anderen drei Kontoren waren die Kamener weniger präsent. In Bergen gab es so etwas wie ein Kamener Viertel.

Abb. 19: Siegel von 1346 

Exkurs:

Übrigens kommt unser Ausdruck „gehänselt werden“ hierher: Wenn Lehrjungen zum ersten Mal nach Bergen kamen, wurden sie zunächst kräftig „gehänselt“, das heißt, sie hatten eine oft brutale Aufnahmeprüfung zu bestehen. Zum Beispiel mussten sie in beißendem Rauch laut singen oder Fragen beantworten. Verhinderte das der Husten oder die Atemnot, gab es reichlich Prügel. Die rauhe Männergesellschaft nannte das „die Bergener Spiele“ und vergnügte sich köstlich dabei.

Aber hatten die Kamener auch Produkte ihrer Heimatstadt anzubieten? Dazu schreibt Pröbsting in seiner Stadtgeschichte von 1901: „Wir finden, daß zu dieser Zeit die Stadt Camen, ebenso wie Dortmund, Soest, Hamm, Unna usw., zum Hansabunde gehört hat, wenn Camen auch nicht, wie diese, Sitz und Stimme auf den Hansetagen besaß. Diese Teilnahme an der großen Handelsgemeinschaft der Hansa beruhte ohne Zweifel darauf, daß die Wöllner und Weber von Camen ihre wollenen Tuche und ihre Leinwand auch auf den damaligen Weltmarkt schickten, wodurch der Wohlstand steigen und die Bedeutung der Stadt zunehmen mußte.“ Zu diesen beiden Produkten kamen Leder und Schuhe hinzu, dazu Bier und Weinbrand. Zusätzlich handelten sie mit Metallwaren aus dem Sauerland.

Im 15. Jh. verliert Kamen an wirtschaftlicher Bedeutung, vor allem durch 5 große Feuersbrünste zwischen 1452 und 1520. Pfingsten 1452 brannte die ganze Stadt ab bis auf Severinskirche und Rathaus, die beiden einzigen Steinhäuser, und 20 Bürgerhäuser. Auf dem Quartierstag in Dortmund 1554 wurde die Stadt Kamen noch als ein Ort bezeichnet, der mehrere „Hanßfahrten“ in Dortmund abgehalten habe.

Im Gegensatz zu Unna, Hamm, Werne und vielen anderen gleich großen Städten hört man bei Viertelversammlungen (Quartierstag; hierbei übernahmen die größeren Städte die Vertretung der kleineren Hansestädte) in Dortmund oder Soest dann nur noch sehr wenig von Kamen. Diese Vorbesprechungen zu den Tagfahrten (Tag = Tagung) scheinen sich die Kamener gespart zu haben, war man doch mit vielen Lübeckern ohnehin versippt und verschwägert. 

Im 16. Jh. begann der Niedergang der Hanse. Am letzten Hansetag 1669 nahmen nur noch 9 (andere Quellen sagen 6) Städte teil, darunter keine westfälische Stadt mehr. Die Hanse als Städte- und Handelsbund verlor ihre Bedeutung, weil der Handel sich zunehmend nach Westen orientierte, Richtung Amerika (1492), aber auch nach Asien, als die holländische und dann die englische Ostasien- und Ostindienkompanie den Welthandel bestimmten. 

Das allein hätte jedoch nicht gereicht, es kamen weitere Ursachen für diesen Niedergang hinzu.

Abb. 20: Holländische Fleute 

1. Die Holländer warteten mit einem neuen Schiffstyp auf, der Liete oder Fleute. Sie konnte größere Mengen transportieren, war schneller, war ein Plattschiff, was weniger Tiefgang bedeutete, auch kleine und kleinste Häfen konnten angelaufen werden. Sie war wegen neuartiger Konstruktionsmethoden billiger zu bauen, Laden und Löschen bzw. Leichtern brauchten weniger Zeit, das war schneller und sparte Kosten.

2. Der Hanse wird fehlende Innovationskraft vorgeworfen, zu satt sei sie geworden, zu lange zu mächtig gewesen. Süddeutschland hatte inzwischen aus Italien das moderne Rechnungs- und Bankwesen (doppelte Buchführung) übernommen, dadurch konnten Geschäftsvorgänge besser geplant werden, wie es z.B. die Augsburger Fugger vormachten.

3. Das Fehlen eines deutschen Nationalstaates, über den die Konkurrenz der Holländer und Engländer bereits verfügte. Das die Hanse einigende Band war zuletzt nur noch die gemeinsame Sprache, das Mittelniederdeutsche, gemeinhin Platt genannt (Verwandtschaft mit Holländisch und Flämisch).

4. Dänemark und Rußland gewährten der Hanse keine Privilegien mehr, die Hanse war sozusagen eine quantité négligeable geworden. Der 30jährige Krieg gab der Hanse den Rest.

5. Die Hanse versäumte es, ihren Handel in Richtung Westen/Atlantik umzuorientieren, wies sogar Angebote zur Zusammenarbeit aus England und Spanien zurück, überschätzte sich also deutlich, überließ den Handel  Holländern, Franzosen und Engländern.

Abb. 21: Die Thorbeckegracht in Zwolle

1980 rief die niederländische Stadt Zwolle den Gedanken der Hanse erneut ins Leben, in Form einer Lebens- und Kulturgemeinschaft der Städte. Die Intention ist jedoch eher in einer länderübergreifenden Versöhnung und dauerhaften Friedensordnung in Europa zu sehen. Die Hanse wurde neu begründet, um den grenzüberschreitenden Hansegedanken wieder zu beleben, das Selbstbewußtsein der Hansestädte zu fördern und die Zusammenarbeit zu entwickeln. Die handelspolitische Bedeutung tritt klar hinter die touristischen und historisierenden Aspekte zurück.

Abb. 22: Westfälischer Hansebund 

Darüber hinaus gibt es seit dem 25. Juni 1983 die Westfälischen Hansetage. Dort soll versucht werden, die Attraktivität der alten Hansestädte zu steigern. Die historische Grundlage dafür ist die Tatsache, daß es vorwiegend Kaufleute aus Westfalen waren, die auf ihren Handelszügen zur Ostsee die in der Mitte des 12. Jahrhunderts gegründete Stadt Lübeck besiedelten und von dort über Riga und Nowgorod den russischen Handelsraum erschlossen. Bei dieser Ostkolonisation spielten Kamener Kaufleute eine besondere Rolle.

Textquellen:

Badermann, Robert, Die Hanse und Kamen, in Springinsfelt, Kamener Hefte für Geschichte und Gegenwart, Kamen 2019

Koppe, Wilhelm, Lübeck-Stockholmer Handelsgeschichte im 14. Jh., Neumünster 1933

Ohler, Norbert, Historisches Lexikon Bayerns, darin: Reisen (Mittelalter)

Pröbsting, Friedrich, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901

Scheuch, Manfred, Historischer Atlas Deutschland, Vom Frankenreich bis zur Wiedervereinigung, Wien 1997

Bildquellen:

Abb. 1: Breitunger Rennweg Metilsteiner (talk) in Wikimedia

Abb. 2. Grafschaft Mark im 15. Jh., Wikimedia Commons

Abb. 3. Karte der Vereinigten Herzogtümer Jülich Kleve Berg (1540), Wikimedia Commons

Abb. 4. Hansekogge,  H.J. Draeger | Boyens Buchverlag, „Hanse anschaulich“

Abb. 5. Die Altstadt Lübecks, Photo Carsten Steger, Wikipedia

Abb. 6: Grundriß der Altstadt Kamens, in: Theo Simon, Kleine Kamener Stadtgeschichte, Dortmund 1982

Abb. 7: Das erste Kamener Kreuz, in: Heinz Stoob, Hrsg., Westfälischer Städteatlas: Kamen, Dortmund 1975

Abb. 8: Gedenkstein Werner Bund, Photo Klaus Holzer

Abb. 9: Der Staat des Deutschen Ordens zwischen 1260 und 1410, Wikimedia Commons

Abb. 10: Die Marienburg, Gregy für Wikimedia

Abb. 11: Lübeck-HeiligenGeist-Hospital, Lübeck Tourismus

Abb. 12: Johannes de Camen, Photo Klaus Holzer

Abb. 13: Lübecks Insellage mit Fischerstraße, Quelle unbekannt

Abb. 14. Königliche Hoheit im Hermelin (Winterfell), Quelle unbekannt

Abb. 15. Das Heilig-Geist-Spital in Kamen, Stadtarchiv

Abb. 16. St. Severinskirche Kamen (Pauluskirche), ca. 1840, Stadtarchiv

Abb. 17. Tyske Brygge Norwegen, Gatm, Wikipedia

Abb. 18. Stockfisch, Rufus 46, Wikipedia

Abb. 19. Kamener Siegel von 1346, Stadtarchiv

Abb. 20. Wenzel Hollar, Holländische Handelsschiffe (Fleute), Wikipedia

Abb. 21. Zwolle Thorbeckegracht, Kleuske, Wikipedia

Abb. 22. Westfälischer Hansebund

Einladung zum 20. Zeitzeichen des KKK

 

Die Hanse und Kamen

Der Vortrag findet am Donnerstag, 20. November 2025 im Kamener Haus der Stadtgeschichte, Bahnhofstr. 21, statt. Beginn ist um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Liebe Kulturfreunde,

die „düdesche hanse“ war fast 300 Jahre lang, von der Mitte des 14. bis zur Mitte des 17. Jh. eine wirtschaftliche, politische und kulturelle Macht im Ostseeraum. Es wird zwischen der Kaufmannshanse und der Städtehanse unterschieden, wenngleich die Abgrenzung nicht eindeutig ist.

Viele der wichtigen Figuren in der Geschichte der Hanse stammen aus Westfalen, spielten eine große Rolle bei der Ostkolonisation. Unter ihnen waren viele Camener. Sie waren nicht nur Händler, sie bekleideten auch wichtige Ämter in der Hanse. Und das hieß: sie stellten Senatoren in der Hanse-Hauptstadt Lübeck, sie gehörten der städtischen Oberschicht in Stockholm/Schweden an und hatten ein eigenes Viertel in Bergen/Norwegen, die „tyske bryggen“.

Wer waren diese Camener? Haben sie Camen verlassen und vergessen? Womit handelten sie? Wie ging dieser Handel vonstatten? Was war die Rolle der „Kontore“? Was war der Status eines Hansekaufmanns?

Auf diese Fragen versucht der Ortsheimatpfleger Klaus Holzer in seinem reich bebilderten Vortrag eine Antwort zu geben.

Freuen Sie sich auf einen informativen und unterhaltsamen Abend.

Klaus Holzer / Kultur Kreis Kamen

Kamens Alter Markt – seine Entwicklung

von Klaus Holzer

Der KKK lud zum 19. ZZ am 14. November 2024 ins Kamener Haus der Stadtgeschichte ein und nahm damit eine durch Corona unterbrochene Reihe an Vorträgen wieder auf. Unter dem Titel „Kamens Alter Markt – Photos aus 150 Jahren“ berichtete Ortsheimatpfleger Klaus Holzer über die Geschichte des Kamener Marktplatzes und seine Funktionen im Verlaufe eben dieser 150 Jahre.

Vorweg:

Markt ← mhd. market ← ahd. marcāt/as. markat ←spätlat. marcātus ← lat. mercatus = Kauf, das Ge–/Verkaufte

Geschäfte in unserem Sinne gab es im MA nicht, wohl aber Läden, d.i., einfache Bretter/Latten vor Fenstern, auf denen Waren zum Kauf angeboten wurden. Fensterladen!

Händler, die von Markt zu Markt reisten, hatten zum Schutz ihrer Ware ein Schutzdach = Kram über ihren Wagen gespannt, weil ihre Ware i.d.R. wertvoll war, z.B. aus dem Orienthandel stammte: Seide, Brokat, Barchent (Mischgewebe aus Baumwoll-Schuss auf Leinen-Kette) usw. Alltagsware brauchten sie nicht anzubieten, die wurde vor Ort hergestellt. Das Wort weitete sich auf den „Krämer“ aus. Diese reisenden Krämer kamen auf die Märkte.

Der Referent wies darauf hin, daß dieser Platz, im 14. Jh. angelegt, d.h., durch die entsprechende Bebauung mit Ackerbürgerhäusern definiert, für eine damalige Einwohnerzahl von ca. 1300 unverhältnismäßig groß ist. Selbst für die aktuelle Einwohnerzahl erscheint er recht groß. Aber über die Jahrhunderte hinweg war und blieb er der geographische und gesellschaftliche Mittelpunkt der Stadt.

Fester Bestandteil des Marktplatzes war von Anfang an das Rathaus, schon 1399 zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt. Es enthielt alle notwendigen Amtsräume: das Büro des Bürgermeisters, des Kämmerers, den Ratssaal, alle diese Ämter ehrenamtlich ausgeübt. Nur für die Ratsmitglieder gab es ein Fäßchen Bier (ca. 115 Liter) im Jahr. Daher kommt wohl die Tradition des deutschen Ratskellers? Das wichtigste Amt, das des Stadtsecretarius (Stadtschreiber und Notar), war das einzige bezahlte Amt. Durch ihre Lage war die Stadtverwaltung bürgernah im wörtlichen Sinne. Architektonisch fügte sich das Rathaus perfekt in die Reihe der den Platz umgebenden Ackerbürgerhäuser ein: ein Obergeschoß, mit Krüppelwalmdach, nur die Grundfläche war entsprechend den Anforderungen größer.

Abb. 1: Markttag mit Ausrufer 1868

Kamen hatte im Mittelalter (MA) ein eigenes Gericht, und die Bürger besaßen das privilegium de non evocando, d.h., sie durften in Strafsachen nur von einem Kamener Gericht verurteilt werden. Und obendrein sicherte Graf Adolf II von der Mark der Stadt Marktfreiheit zu: an beiden Jahrmärkten (zu Pfingsten und St. Severin = 23. Oktober) je eine Woche lang und an den drei Wochenmärkten je einen Tag lang. Das bedeutete: „Niemand durfte wegen einer Schuld ohne Verfehlung verpflichtet oder gepfändet werden, sogar nicht, wenn er gesetzlos oder geächtet sein sollte!“

Im 15. Jh. spielte die dynastische Entwicklung eine große Rolle für Kamen. Die Familie 

derer von der Mark starb aus, die Herrschaft ging an den Herzog von Kleve über. Als dieser Familie das gleiche widerfuhr, geriet das Herzogtum in Erbschaftsstreitereien. So landete Kamen 1609 beim Kurfürstentum Brandenburg. Die Brandenburger waren ehrgeizig und schafften es 1701, nach reichlichem Geldfluß (auf Deutsch: Bestechung) sich König in Preußen nennen zu dürfen. Als die Kamener  einen Tag später aufwachten, waren sie preußische Untertanen geworden.

Abb. 2: Sedansäule vor dem umgebauten Rathaus 1878/85

Preußen zentralisierte alles, Kamen verlor 1753 sein Gericht, jetzt war Unna zuständig. 1873 wurde die Zeche Monopol abgeteuft, Tausende von frisch im Süden und Osten Deutschlands angeheuerte Bergleute strömten in die in den 1550er Jahren protestantisch gewordene Stadt, die meisten von ihnen katholisch. Unausweichlich nahm die Zahl der Konflikte innerhalb der Stadt zu, Kamen erhielt sein Gericht zurück. 1878 zog es in das auf das Rathaus aufgesetzte 2. Obergeschoß ein. Doch schon 20 Jahre später bekam es sein eigenes Gebäude in der Bahnhofstraße. Heute befindet sich darin das Haus der Stadtgeschichte, vulgo das Museum.

Abb. 3: Feier zum Sedantag

1872 wurde eine 32 Meter hohe Sedansäule auf den Marktplatz gestellt, genau in den Kreuzungspunkt von Weerenstraße/Lämmergasse (heute: ?) und Weiße Straße/Kirchstraße, städtebaulich wohl durchdacht. Sie sollte an den Sieg in der Schlacht bei Sedan im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erinnern, die entscheidende Schlacht des Krieges, die in den 18. Januar 1871 mündete: Der preußische König Wilhelm I wurde im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert. Damit repräsentierte die Säule ein wichtiges Stück deutscher Geschichte, wenn auch seinerzeit, nach unseren Maßstäben, durch Nationalismus befleckt. Leider faßte der Kamener Rat 1956 den Beschluß, das im II. WK beschädigte Denkmal abzureißen. Begründung: as Denkmal sei nur noch ein Torso (der auf der Säule thronende Adler, der seinen halb geöffneten Schnabel drohend nach Westen stieß, weil dort der „Erzfeind“ = Frankreich saß, war im Krieg heruntergefallen); es bilde keine Zierde für den Marktplatz; es stelle ein Verkehrshindernis dar (!). Damit wurde unwillentlich, sicher auch unwissentlich, der erste Schritt in Richtung „Kamen – die schnelle Stadt“ gemacht. Viel schwerwiegender ist die Entfernung dieser Säule allerdings in Hinsicht auf unsere Geschichte und Erinnerungs(un)kultur. Nur Kamener im hohen Alter können sich noch an diese Säule, und wofür sie stand, erinnern. Die jüngeren wissen nichts von ihr, haben wohl zumeist nichts von Sedan und seinen Folgen gehört: Das Erste Deutsche Reich wurde gegründet (lassen wir mal das Heilige Römische Reich Deutscher Nation außen vor), verschwand mit dem Ende des 1. WK; ihm folgte das Zweite Deutsche Reich, das nach nur 15 Jahren verschwand und durch das Dritte (Deutsche) Reich abgelöst wurde, das in zwölf Jahren eine tausendjährige Zerstörung anrichtete.

Mit dem Fall des Denkmals erlosch die Erinnerung. So verdrängt man Geschichte, die doch eigentlich immer als konstitutiv für nationale Identität beschworen wird. Vielleicht verdrängt man allerdings auch nur den Teil, den man nicht mag. Mahnmale aber gehören nun einmal in die Öffentlichkeit, zum Lernen, Wissen und Mahnen.

Abb. 4: Kirmes mit Kleinbahn UKW

Immer wieder, durch die Jahrhunderte, war der Marktplatz der Ort aller Art von Veranstaltungen: Märkte, Kirmessen, Beerdigungszüge gingen diagonal über ihn hinweg, soldatische Aufmärsche gab es und politische, Versammlungen zum 1. Mai, auch Hunderte Motorradfahrer versammelten sich an diesem Tage zur ersten gemeinsamen Ausfahrt im Frühjahr, hier wurden 1946 Carepakete entladen und verteilt, Ostermärsche führten über ihn, Bundeskanzler Ludwig Erhard sprach hier zu Tausenden Kamenern, Musiktage mit Volkstanzgruppen fanden hier statt, Sinfoniekonzerte, Frühlings-, Hanse-, Trödel- und Weihnachtsmärkte, heute zur Winterwelt säkularisiert. Und seit 2012 steht im Frühjahr einige Wochen lang ein Maibaum mittendrauf. Und eines darf nicht vergessen werden: Die 1873 abgeteufte Zeche Monopol zog viele Bergleute mit ihren Familien in die Stadt, damit entstand erstmals die Notwendigkeit eines ÖPNV. Die Kleinbahn Unna – Kamen – Werne, als Straßenbahn bekannt, fuhr gut 40 Jahre lang, von 1909 bis Ende 1950 diagonal über den Marktplatz. Von Anfang an elektrisch! Im Zeitalter der Dampfmaschine, der Dampflok! Wegen der gefährlichen Engstelle zwischen Rathaus und dem gegenüberliegenden Kolonialwarengeschäft Mertin wurden in das Rathaus die Arkaden eingebaut.

Eines ist über die lange Zeit zur Konstante geworden: Der Kamener Schützenverein feiert immer wieder sein Königspaar auf dem Markt, mit Polonäse und allem Drumherum, dessen die Schützen fähig sind. Doch auch das scheint allmählich zu viel Aufwand geworden zu sein, vielleicht aber auch nur ein weiteres Zeichen der allgemeinen Individualisierung der Gesellschaft heute.

Abb. 5: Treueste Marktnutzer: die Schützen

So gehörte der Marktplatz jahrhundertelang den Menschen, die in Kamen wohnten und arbeiteten, Bürger, Handwerker, Ackerbürger und Arbeiter. Dann kamen die 1960er Jahre und alles änderte sich. Ab ca. 1965 gab es den großen Bruch in der Tradition des Marktplatzes, den Bruch, der sich schon 1956 abzeichnete, als die Sedansäule als „Verkehrshindernis“ betrachtet wurde und sie deshalb abgebrochen wurde. Damit einher ging der Abriß etlicher „ansehnlicher alter Fachwerkhäuser“ (Klaus Goehrke) und die Flächensanierung der Nordstadt. Flächensanierung ist natürlich ein Euphemismus: Wenn man „saniert“, ist das etwas Gutes, wenn man „abreißt“, klingt das gleich nach Wahrheit, und die verschreckt. Kurz: Kamen entschied sich gegen „erhalten“ und für „erneuern“. 

Nicht alles, was neu gemacht wurde, war freiwilliges, geplantes Handeln. In Weltkrieg II waren einige Häuser auf der Westseite des Platzes zerstört worden. Die Lücken wurden erst in der zweiten Hälfte  der 1950er Jahre geschlossen, jedoch im neuen Kastenstil, d.h., ohne Stil, ohne Rücksicht auf die vorhandene Altbebauung mit Fachwerkhäusern. 

Abb. 6: Verabschiedung von Pastor Philips, im Hintergrund  zu erkennen: Kriegsschäden

Die Entwicklung brachte auf der Südseite die Verbreiterung der Lämmergasse mit sich, das Haus Markt 5 fiel, heute läuft der Verkehr mehrspurig zwischen Parkplatz und Marktplatz, und auf der Nordwestseite wurde das wunderschöne Fachwerkhaus des Bäckers von der Heyde mit der großen Brezel über dem ersten Obergeschoß der Verbreiterung eines schmalen Weges zur Marktstraße geopfert. Der frühere Schützenplatz wurde zum Neumarkt (seit 1993 Willy-Brandt-Platz), was auch die Bezeichnung „alter“ Markt damals rechtfertigte. 

Abb. 7: Die neue städtische Herrlichkeit: Waschbeton überall

Diese Neuausrichtung wurde dem Zeitgeist entsprechend gestaltet. Waschbeton wurde das vorherrschende Material. Mäuerchen, Bänke, Vitrinen, Blumenkästen, Fassaden – alles aus Waschbeton. „Wer mit dem Zeitgeist verheiratet ist, ist bald Witwe.“ (Kierkegard, dänischer Philosoph). Kamen war nach 25 Jahren schon Witwe.

Jetzt verlor der Marktplatz seine Funktion und sein Gesicht: ein Einbahnstraßensystem umrundete ihn, die Mitte wurde von zwei Straße durchschnitten, die als Zufahrten zu vier Reihen von Parkplätzen dienten. Kamen war die „schnelle Stadt“ geworden, der Marktplatz den Bürgern genommen. Überall wo Altes verschwand, wurde Platz gemacht für das neue Lieblingskind der Kamener, das Auto, meistens ein Käfer. Besonders abstrus: In der Weststraße, damals voller inhabergeführter Läden, durften zwar Autos fahren, nicht aber Motorräder und, jetzt kommt’s, auch keine Fahrräder!

Abb. 8: Die „gute Stube“ der Stadt: ein Parkplatz

Photos noch aus den 1970er Jahren belegen noch etwas anderes. Wie reich war die Auswahl an lokalen Tageszeitungen im Vergleich zu heute, alle Redaktionen am Markt: Da gab es die Westfalenpost, die Ruhrnachrichten, die Westfälische Rundschau, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung und den Hellweger Anzeiger, heute nur noch den HA und die WR, zwei fast identische Zeitungen, weil von einem Verlag, einer Redaktion betrieben.

Abb. 9: Ein Umdenken hat eingesetzt: die Autos sind vom Markt soweit wie möglich verbannt

Erst um 1990 setzt ein Umdenken ein. Der Markt wird erneut umgestaltet – Kierkegard hat recht – die Straßen werden entfernt, bis auf die auf der Südseite, ohne geht’s eben nicht, der Platz den

Bürgern der Stadt zurückgegeben. Städtisches Grün fehlt noch, umfangreiche Außengastronomie, zuvor kaum möglich, hat sich aber etabliert, wird angenommen, im Sommer mit Maibaum, einladend zum Verweilen, nicht mehr für Autos reserviert, gibt es fast mediterrane Atmosphäre: Sitzen im Freien, bei einem Bier, einem Wein, gutem Essen läßt sich gut sitzen und plaudern. 

Abb. 10: Der Markt ist den Kamenern zurückgegeben

Ein Blick von oben auf den Kamener Marktplatz verdeutlicht, daß trotz aller Veränderungen, immer wieder zum Schlechteren, Kamen immer noch eine ansehnliche Stadtmitte hat. An die Stadtverwaltung richtet sich die Aufforderung, eine Denkmalbereichssatzung zu beschließen, die ein städtisches Ensemble von Häusern unter Denkmalschutz stellt, auch wenn einzelne Häuser nicht darunterfallen. Unsere Altstadt darf ihr Gesicht nicht verlieren, ihr Gesicht, das sind ihre Häuser, damit Stadtführungen nicht in Zukunft anfangen müssen: Es war einmal eine Stadt an der Seseke, die …

KH

Historische Photos:

Stadtarchiv, Archiv Walter Christoph & Archiv  Klaus Holzer

Photo Nr 10: Stefan Milk

Das 17. Zeitzeichen des KKK: Helden

Teil 1: Dr. Heinrich-Wilhelm Drexhage – Fiktive Helden

Mit der Erfindung der Keilschrift beginnt die Zeit der schriftlichen Überlieferung und damit auch der Literatur. Die erste uns bekannte lange altbabylonische Erzählung ist die über Gilgamesch, den sagenhaften König von Uruk. Dieses Epos beschreibt seine außergewöhnlichen Taten und sein Suchen nach einem Wunderkraut, das ihm ewige Jugend bescheren soll. Als er es durch eigene Unachtsamkeit verliert, findet er sich mit seiner Sterblichkeit ab und reift als Persönlichkeit.

Abb. 1: Gilgamesch

Die Themen sind: Macht und Machtmißbrauch; Liebe und Freundschaft; Heldentum und menschliche Schwäche; das Verhältnis von Mensch und Gottheit. Das 17. Zeitzeichen des KKK: Helden weiterlesen

17. Zeitzeichen des KKK

Liebe Kulturfreundinnen, liebe Kulturfreunde,

nach drei Jahren Corona – Pause endlich wieder ein KKK-Zeitzeichen

Helden: verehrt – verklärt – verdammt

4000 Jahre Heldengeschichte

In der Geschichte der Menschheit gab es immer einzelne, die wegen ihrer Persönlichkeit aus der Masse herausragten: sie waren Anführer, weil sie besondere Taten vollbrachten, weil sie besser kämpften und in allem vorangingen. Sie haben die Zeiten überdauert, weilDichter die Taten von Gilgamesch über Odysseus bis Winnetou und Old Shatterhand besangen.
Dr. H.W. Drexhage zeichnet ihre Wirkungsgeschichte nach.

Aber viele Helden haben ihre Spuren auch in der
tatsächlichen Geschichte hinterlassen, z.B. Arminius, bei uns
besser bekannt als Hermann, der Cherusker, der dem römischen Reich 9 n. Chr. seine Grenzen aufzeigte. Er kämpfte vor 2000 Jahren, beginnt die 2. Hälfte der 4000 Jahre unseres Themas.

K. Holzer beschäftigt sich im 2. Teil des Abends mit den Helden der Wirklichkeit, die sich vornehmlich auf anderen Gebieten als dem Schwertkampf auszeichneten.

Es wird deutlich werden, wie sehr unser Begriff des Helden von persönlichen, nationalen und geschichtlichen Umständen abhängt.

Die Veranstaltung ndet am Donnerstag, 27. April 2023 im Kamener Haus der Stadtgeschichte, Bahnhofstr. 21, statt. Beginn ist um 19.30 Uhr.
Der Eintritt ist frei.

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: 70 Jahre gelebte Freiheit und Demokratie.

Bei der folgenden Zusammenfassung handelt es sich um Teil IV des 15. ZZ des KKK, verfaßt und vorgetragen von Dr. Heinrich-Wilhelm Drexhage

Am 23. Mai 1949 wurde in Bonn vom Parlamentarischen Rat das Grundgesetz (GG) der Bundesrepublik Deutschland verkündet. Dieses Datum markiert den Beginn der längsten Periode von Frieden, Freiheit und Demokratie in der Geschichte Deutschlands.

Abb. 1: Der Parlamentarische Rat

Dieses GG ist auf den schrecklichen Erfahrungen der deutschen Geschichte aufgebaut: wie die erste deutsche Demokratie, die Weimarer Republik, zwischen den extremen rechten und linken Parteien zerrieben wurde, zu ihrem Spielball wurde, obgleich, oder auch weil, sie in ihrer Verfassung eine besonders freiheitliche Grundordnung aufwies. So scheiterte sie wegen ihrer großen Liberalität und ging schließlich im Wüten der Nationalsozialisten unter. Damit gab es keine Freiheit mehr. 

Erst nach der Zerstörung Deutschlands besannen sich die Männer und Frauen des Parlamentarischen Rates auf die Ideen der Denker früherer Jahrhunderte und verfaßten ein GG, das allgemeine Gültigkeit beanspruchte. Daher lautet der erste, so einfache, aber folgenschwere Satz des GG:  Art. 1(1) „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Damit ist der Grundton vorgegeben: der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt alles staatlichen Handelns. Ein Satz mit einer Tragweite, der sich in keiner anderen Verfassung in der Welt findet. Die Menschenwürde ist als „vorstaatlich“ gegeben, als von Natur aus vorhanden.

Weitere grundlegende Artikel: Art. 2 (1) „Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Art. 4(1) „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“

Art. 5: (Meinungs-, Informations-, Presse-, Rundfunk-, Film-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit)

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugängigen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Diese Grundrechte bilden den Prüfstein für ein funktionierendes Staatswesen und eine freie pluralistische Gesellschaft. Da das Bunderverfassungsgericht festgestellt hat, daß das „Kommunikationsrecht zu den vornehmsten Menschenrechten überhaupt“ gehöre, werden die Grenzen hier sehr weit gezogen. Es gibt nur sehr wenig, was in Deutschland nicht gesagt werden darf, das wichtigste: Leugnung des Holocausts und Verherrlichung des Nationalsozialismus sind unter Strafe gestellt, Ergebnis historischer Erfahrung.

(Zusammenfassung von Klaus Holzer)

Bildquelle: Abb. 1: Bundesarchiv

Freiheit: ein kurzer kultur– und ideengeschichtlicher Überblick

Bei der folgenden Zusammenfassung handelt es sich um Teil III des 15. ZZ des KKK, verfaßt und vorgetragen von Dr. Heinrich-Wilhelm Drexhage

Der Begriff der Freiheit: Kurzer kultur- und ideengeschichtlicher Überblick

Im zweiten Teil des Abends gab Dr. Drexhage einen Überblick über die Entwicklung des Begriffs der Freiheit in den letzten zweieinhalbtausend Jahren, beginnend mit Perikles (um 500 – 429 v.Chr.) in der klassischen griechischen Antike. Er erläuterte ausführlich das Verständnis von Freiheit dieses bedeutenden Staatsmannes und wie sich dieser Begriff im Alltag Athens darstellte: die griechische Polis ist der Schlüssel zum Verständnis der griechischen Antike und ihrer politischen Kultur. In ihr gab es zum ersten Mal eine freiheitliche demokratische Grundordnung, die alle Männer, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und gesellschaftlichen Stellung, in die politischen Entscheidungsprozesse einbezog.

Abb. 1: Perikles & die Akropolis

Im römischen Reich hat es hingegen niemals eine demokratische Verfassung gegeben, allenfalls eine gewisse Unabhängigkeit der „coloniae“, der Städte, in Deutschland Köln, Xanten und Trier. Immerhin stellten Marc Aurel und Seneca, die die um 300 v.Chr. gegründete griechische Philosophenschule der Stoa für Rom adaptierten, fest, daß es für den Menschen keine äußere Freiheit geben könne, da er ihre Voraussetzungen nicht kontrollieren könne, weswegen seine innere Freiheit entscheidend sei. 

Abb. 2: Seneca & Marc Aurel

Im Hochmittelalter herrschte eine streng gegliederte Ständeordnung, die kaum Freiheit ließ. 90% der Bevölkerung waren Bauern und damit „Unfreie, Leibeigene, Hörige“. Erste Ansätze gab es in England, wo 1215 die „Magna Charta Libertatum“ („Große Urkunde der Freiheiten“) dem Adel grundlegende politische Freiheiten gegenüber dem König verbriefte.

In Deutschland verfaßte zwischen 1220 und 1235 der Ritter und Rechtskundige Eike von Repgow das Rechtsbuch „Sachsenspiegel“, in dem er feststellte: „Als man zum ersten Male Recht setzte, da gab es noch keinen Dienstmann und waren alle Menschen freie Leute […]. Ich kann es auch mit meinem Verstande nicht für Wahrheit halten, daß jemand das Eigentum eines anderen Menschen sein soll.“

Abb. 3: Eike von Repgow

Und als im 12. Jh. in Deutschland mehr und mehr Städte, und damit Bürger, entstanden, gab es auch immer mehr Freiheit: „Stadtluft macht frei.“

Im Spätmittelalter begannen die Menschen zunehmend, ihre Unfreiheit als bedrückend, als Belastung zu empfinden, was in den Bauernkriegen 1525 kulminierte. Die Aufstände wurden jedoch von den Fürsten brutal unterdrückt, die Feudalordnung hatte weiter Bestand.

Abb. 4: John Locke

Erst die Aufklärung bringt deutlichen Fortschritt. Ein früher Aufklärer, der Engländer John Locke (1632 – 1704) beschrieb die Grundvoraussetzungen für eine gedeihliches Staatswesen: dieses habe nur den Zweck, Freiheit, Eigentum, Leben und körperliche Unversehrtheit seiner Bürger zu schützen. Und er formulierte as erster, alle Gewalt im Staate müsse vom Volk ausgeübt werden.

In Frankreich war es vor allem Montesquieu (1689 – 1755) der die Grundlagen für den modernen Verfassungsstaat legte. Sein Landsmann Voltaire (1694 – 1778) kämpfte zeitlebens für Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz.

Abb. 5: Immanuel Kant

In Deutschland war es vor allem Immanuel Kant (1724 – 1804), für den Freiheit, Vernunft bzw. Verstand zentrale Begriffe seiner Philosophie waren: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Daher gelte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Und weiter: „Zu dieser Aufklärung wird aber nichts mehr gefordert als Freiheit […], nämlich die, von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Der öffentliche Gebrauch der Vernunft muß jederzeit frei sein und der kann allein Aufklärung unter Menschen zustande bringen.“ Damit war die Grundlage für die Würde des Menschen und seine Freiheit gelegt.

Abb. 6: John Stuart Mill

Besonders wirkungsmächtig war im 19. Jh. der englische Philosoph und Politiker John Stuart Mill (1806 – 1873). Er legte überzeugend dar, daß menschliches Glück entscheidend vom Grad der Freiheit abhänge, die in einem liberalen Staatswesen gewährt werde. Nur in zwei Fällen dürfe man sich in die Handlungsfreiheit eines Menschen einmischen: um sich selber zu schützen oder die Schädigung anderer zu verhindern. Das ist sein noch heute in der anglo-amerikanischen Welt akzeptiertes Mill-Limit.

(Zusammenfassung Klaus Holzer)

Bildquellen: Abb. 1: N. Harris, Antikes Griechenland; Abb. 2: Gipsabdruck Archäologisches Museum Münster, J. Martin, Das alte Rom (Marc Aurel); Abb. 4,  5 & 6: Wikipedia

Anderer Begriff von Freiheit in GB & den USA

von Klaus Holzer

V. Andere Begriffe von Freiheit in GB & USA

Das Verständnis von Freiheit ist, wie andere Dinge auch, eng mit der eigenen historischen Erfahrung verknüpft. Es gibt eben doch Dinge, die mit dem Begriff der Nation zusammenhängen. Wer wollte leugnen, daß das Leben, die typischen Dinge des Alltags wie auch der grundsätzlichen Ideen, in anderen Länder andere sind als bei uns. Ich weiß, das gerät in die Nähe des politisch verbrannten Begriffs der Leitkultur, aber ich glaube, daß das vor allem daran liegt, daß er schnell mit deutscher Überlegenheit assoziiert wurde, mit „Deutschland, Deutschland über alles“. Was wiederum dem Engländer selbstverständlich ist: Man begegnet immer wieder dem dankbaren Stoßseufzer: Was für ein Glück, daß ich als Engländer geboren bin. Oder den Amerikanern, die sich in „God’s own country“ wähnen. Und wer wollte ernsthaft bestreiten, daß das Leben in Frankreich oder Italien oder Spanien oder England sich erheblich von dem hier unterscheidet?

Auf unterschiedlichen historischen Erfahrungen ergeben sich auch unterschiedliche Auffassungen von Freiheit:

GB:

Abb. 1: Zwei Flaggen vereint – ein Land entzweit

Die Briten streben u.a. deswegen aus der EU, weil nicht wenige von ihnen immer noch Ideen des Empire nachhängen, Ideen von Weltmacht, Unabhängigkeit. Seit 1066 ein Reich, mit zentraler Regierung, wurde nie erobert, hatte nie eine Invasion zu erleiden, war immer selbständig, erträgt also keine supranationale Institution, deren Spielregeln sie zu folgen hätte, war Sieger in beiden Weltkriegen, wurde dabei arm, verlor aber nie seine Würde, zieht daraus sein Selbstbewußtsein.

Abb. 2:  Pro-Brexit-Demonstration

Abb. 3: Anti-Brexit-Demonstration

Ein weiterer Grund ist das englische Recht: englische Richter sind absolut unabhängig: sie entscheiden auf der Grundlage des Common Law (vgl.a. common sense, heute zunehmend durch statute law ergänzt), d.h., durch Präzedenzfälle geprägt, womit jedes Urteil tendenziell wieder zum Präzedenzfall wird. Sie möchten nicht vom EuGH mit seinem geschriebenen Recht abhängig sein.

Abb. 4: Magna Charta, 1215

Ein bedeutender Teil der Magna Carta (Magna Charta oder Magna Carta Libertatum, dt. „Große Urkunde der Freiheiten“) ist z.T eine wörtliche Kopie der Charter of Liberties Heinrichs I. von 1100, die dem englischen Adel bereits entsprechende Rechte gewährte. Die Magna Carta verbriefte grundlegende politische Freiheiten des Adels gegenüber dem englischen König, also hat GB auch eine 900-jährige Geschichte der Freiheit; daher kommt wohl auch wenigstens z.T. die Aversion der Briten gegen die EU mit ihrem beträchtlichen Demokratiedefizit.

Die Mehrheit der Briten wehrt sich entschieden gegen die Einführung von Personalausweisen, weil sie die als zu starke staatliche Kontrolle empfinden, es gibt kein Meldesystem, z.B. bei Umzug; ein Problem dabei: es gibt kein abschließendes Wählerverzeichnis, man läßt sich registrieren, das wird durch das Kataster vollzogen: Fragebögen kommen in jedes Haus und Wahlberechtigte bekommen dann ihre voting card.

In einem Roman von 1855 (The Warden, Anthony Trollope) wird ein ganzes Kapitel der Macht der Presse gewidmet, und „Pressefreiheit“ kommt ausdrücklich darin vor! Und daß jedermann sein Recht vor Gericht erstreiten kann!

Meinungs- und Redefreiheit auch in GB heute in Gefahr, beschnitten zu werden: am 23.2.19 las der nigerianische Prediger Oluwole Ilesanmi in London aus der Bibel und predigte öffentlich darüber, was gesetzlich erlaubt ist. Ein Moslem nahm Anstoß daran, weil er den Islam verhöhnt glaubte. Er rief die Polizei, die den Prediger gesetzwidrig festnahm, in Handschellen fesselte und weit außerhalb Londons einfach aussetzte. Zunehmend ist konkurrierende Gesetzgebung aus politisch korrekten Gründen zum Problem für Presse- und Redefreiheit.

USA:

Abb. 5: Declaration of Independence

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

Die erste deutsche Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung veröffentlichte einen Tag nach ihrer Verabschiedung die deutschsprachige Zeitung Pennsylvanischer Staatsbote in Philadelphia. Sie gab diesen Abschnitt folgendermaßen wieder:

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“

Entscheidend: Freiheit ist nach dem Leben das erste unveräußerliche Recht, und das 1774! Noch vor der Französischen Revolution! Zu einer Zeit, da es in Deutschland noch ca. 300 Staaten gab, Hunderte reichsunmittelbare Ritter, dazu die reichsfreien Städte, bis auf diese alle absolutistisch eingestellt.

Abb. 6: Die Unabhängigkeitserklärung wird verfaßt (lks. Benjamin Franklin)

Wahlrecht: Die Amerikaner wählen den mächtigsten Mann ihres Landes, den Präsidenten nicht selber, sondern das tut ein Wahlmännergremium (electoral college).

Hintergrund: Die ersten Wahlen fanden im 18. Jh. statt, da konnten keine allgemeinen Wahlen auf Millionen Quadratkilometern organisiert werden. Es wurden in allen Regionen Männer gewählt, die dann nach Washington reisten und den Präsidenten wählten. Heute eher unpraktisch, doch gibt man seine Traditionen nicht so leicht auf, weil man, wie die Engländer, eine ungebrochene Geschichte hat. 

Abb. 7: The Puritans

Pilgrim Fathers – Puritans: Die ersten Einwanderer waren wegen religiöser Verfolgung und Unterdrückung aus England geflohen, daher war es für sie besonders wichtig, „to worship God in their own way“.

Grundsätzlich: Der Kongreß garantiert „absolute Religionsfreiheit, uneingeschränkte Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit; jeder Glaube muß frei sein: Scientology bei uns vom Verfassungsschutz beobachtete Sekte, dort Kirche (es braucht, es gibt keine staatliche Anerkennung, jeder kann seine Kirche gründen), daher auch kein Blasphemiegesetz; heute strikte Trennung von Kirche und Staat, keine Kirchensteuer, dafür religiöse Privatschulen oder Sunday Schools; es gibt in den USA keine religiösen Feiertage außer Weihnachten (Thanksgiving ist nicht religiös begründet)

Abb. 8: The Cowboy

Frontier/Westward Ho!: Der Cowboy, die Inkarnation des Westward H0! Eroberung des unerforschten Westens ohne staatliche Organisation und Rechtsrahmen verlangte privates Handeln in absoluter Freiheit, z.T. als Willkür, nur mit Waffengewalt –  daher ist das Recht auf Selbstverteidigung heute noch verfassungsmäßig garantiert.

First Amendment (to the Constitution): 

Congress shall make no law respecting an establishment of religion or prohibiting the exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press;  or of the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances.

(Der erste Zusatz (zur Verfassung)Der Kongreß soll kein Gesetz erlassen, das die Gründung einer Religion zum Gegenstand hat oder die freie Ausübung derselben behindert; oder die Redefreiheit beschneidet, oder die Pressefreiheit; oder das Recht der Menschen, sich friedlich zu versammeln, und eine Petition an die Regierung zu richten, um die Abstellung von Mißständen zu verlangen.)

Second Amendment:

A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed.

(Der zweite Zusatz: Da eine wohlgeordnete Bürgerwehr für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.)

Die USA haben ein ganz anderes Verständnis von Freiheit als wir: Sie kennen kein Feudalwesen mit Bindung an Herkunft, Namen und Überlieferung, während Europa sich doppelter Gefahr ausgesetzt sah, weil es ja keine Verfassungen, und damit Rechtssicherheit, gab: nach oben zu schielen, sich Fürstenlaunen und Herrengunst anzupassen, was bedeutete, daß man nach unten sich den aufstrebenden Teilen des Volkes gegenüber abriegelte und auf gesellschaftliche Vorrechte pochte. Ergebnis: Liebedienerei und Erbengesinnung statt freiheitlichen Denkens in Deutschland.

Abb. 9: Absolute Rede- und Demonstrationsfreiheit

Absolute Meinungs- und Redefreiheit: In Deutschland sind nationalsozialistische Haltung/Äußerungen/Symbole verboten. 

(In Estland und Lettland sind sowjetische/kommunistische Symbole verboten, beides aus der historischen Erfahrung heraus; ein aktuelles Beispiel: Die NATO stellt Truppen an den Grenzen zu Rußland auf. Bei uns wird das von vielen heftig als Kriegstreiberei kritisiert, bei Polen und Balten dagegen als Garantie für Freiheit angesehen, nämlich wegen ihrer ganz besonderen Erfahrungen mit der UdSSR bzw. Rußland.)

Das Verbot resultiert aus unserer historischen Erfahrung, in USA jedoch sind diese Gedanken durch Meinungsfreiheit gedeckt: nur weil jeder Idiot seine wirre Meinung frei sagen darf, darf ich auch sagen, was ich will; z.B. hat der Supreme Court festgestellt: Die amerikanische Flagge steht u.a. für das Recht, diese Flagge zu verbrennen. Der Engländer Richard Williamson, früherer Bischof der Piusbruderschaft, bestritt 2009 im schwedischen Fernsehen den Holocaust. Er wurde in D dafür zu 1800 Euro Geldstraße verurteilt, ging bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mit der Begründung dagegen an, seine Äußerung sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Im englischen und amerikanischen Denken ist es nicht die Aufgabe des Staates, die richtige Interpretation von Geschichte vorzugeben.

Die Tatsache des Holocausts wird in beiden Ländern anerkannt, doch ist seine Leugnung nicht strafbar.

Dieses sind nur einige Aspekte, den Unterschied in der Denkweise und staatlichen Organisation betreffend. Ich hoffe aber, daß zumindest im Ansatz deutlich geworden ist, wie diese Unterschiede zustand gekommen sind.

KH

Bildquellen: Abb. 1: The Spectator, April 2019; Abb. 2 – 4, 8 & 9: Wikipedia; Abb. 5 – 7: Wikimedia Commons;

Zum Fall der Berliner Mauer vor bald 30 Jahren: das 15. ZZ des KKK

von Klaus Holzer

Als am 15. Juni 1961 Walter Ulbricht, Vorsitzender des Staatsrats der DDR und Erster Sekretär der SED und damit mächtigster Mann im Staate, auf einer Presskonferenz von einer Frankfurter Journalistin gefragt wurde, ob er die Staatsgrenze der DDR befestigen wolle, antwortete der: „ …. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Selten hatte die Aussage eines Staatsoberhaupts kürzere Lügenbeine. Zwei Monate später begann die DDR, um Ostberlin eine Mauer zu errichten, den Ostteil der Stadt vom Westteil abzuschneiden.

Abb. 1: Checkpoint Charlie, 27. Okt. 1961

Am 21. Oktober 1961 stand die Welt dicht vor einem Krieg zwischen Ost und West, der leicht hätte atomar werden können: 30 amerikanische und 30 sowjetische Panzer standen sich in Berlin am Checkpoint Charlie gegenüber, und die Entscheidung über Krieg oder Frieden lag plötzlich bei den zwei Panzerkommandanten. 24 Stunden Warten, bis beide Seiten ihre Panzer zurückzogen. Immerhin hatte der Zwischenfall aus westlicher Sicht einen Vorteil gebracht: es war damit klar, daß Ostberlin nicht „die Hauptstadt der DDR“ war, wie die Regierung der DDR es immer wieder behauptete, sondern der Sowjetunion unterstand, d.h., immer noch Teil des Viermächtestatus’ ganz Berlins war.

Abb. 2: Die drei Alliierten Führer in Potsdam

(17. Juli – 2. Aug. 1945)

Wie konnte es zu dieser Situation kommen? Nach dem verlorenen Krieg wurde Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt, Berlin entsprechend in vier Sektoren. Von Anfang an war die Berliner Situation besonders schwierig, weil es von sowjetisch kontrolliertem Territorium umgeben war. Weil sich die Lebensverhältnisse zwischen Ost und West weit auseinander entwickelten, und das bezog sich nicht nur auf die wirtschaftlichen Verhältnisse, zog es zunehmend mehr Ostdeutsche in den freien und reicheren Westen. Zwischen 1949 und 1961 verließen rund 2,9 Mill. Menschen den Osten, vor allem gut ausgebildete Arbeiter und Akademiker, die auf beiden Seiten gute Chancen besaßen. Allein im Juli 1961 flüchteten ca. 30.000 Menschen, d.h., etwa 1.000 am Tag im Durchschnitt. Zu einer weiteren Schwächung des Ostens trug das wirtschaftlich voll gerechtfertigte Wechselkursverhältnis der Mark der DDR und der D-Mark (der Deutschen Mark West) bei, das damals 4:1 betrug. So kam es zum Abfluß von Waren und zum illegalen Geldumtausch. Die DDR stand damit vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Da sah das ZK der SED keinen anderen Ausweg als die totale Abschottung seines Landes gegenüber dem Westen, mit Zustimmung der Sowjetunion.

Abb. 3: Bau der Mauer (13. Aug. 1961)

Das Ergebnis war die Berliner Mauer, monströses Symbol barbarischen Denkens. Am 13. August 1968 baute die DDR unter dem Schutz von Volkspolizei und Nationaler Volksarmee eine rund 160 km lange Mauer um Ostberlin, mit 296 Beobachtungstürmen und vielen weiteren technischen Einrichtungen, die „Republikflucht“ verhindern sollten, zusätzlich zu der 1.360 km langen Zonengrenze. Ein Land mauerte also seine Bürger ein, machte sie zu Gefangenen im eigenen Land, nahm ihnen viele Rechte, Dinge, die im Westen längst selbstverständlich waren und offenbar ein menschliches Grundbedürfnis darstellen. Das Ergebnis: ca. 180.000 DDR-Bürger flohen trotzdem in den Westen, an der Berliner Mauer wurde eine nicht genau bekannte Zahl an Flüchtlingen getötet, man schätzt zwischen 130 und 269. Der Drang nach Freiheit und besserem Leben läßt Menschen alles riskieren.

Abb. 4: Tote an der Mauer (17. Aug. 1961: Peter Fechter)

In dieser politisch auf Dauer unerträglichen Situation kam es in den Folgejahren auf Grund verschiedener politischer Initiativen und Verträge zu einer gewissen Entspannung zwischen Ost und West. Hier ist vor allem Willy Brandts Ostpolitik zu nennen. Einen wichtigen Augenblick gab es am 12. Juni 1987, als der damalige US-Präsident Ronald Reagan bei einer Rede an der Mauer die Worte sprach: „Mr Gorbachov, tear down this wall.“ Was aber damals niemand ernst nahm. Reagans Worte wurden als bloße Pflichtübung verstanden.

Abb. 5: Ronald Reagan: „Mr Gorbachov, tear down this wall.“

Dann aber kam es kurz vor dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR im Sommer 1989 in vielen Großstädten Ostdeutschlands zu Massendemonstrationen, auf denen die Menschen Reisefreiheit für alle forderten, auch das Recht, in den Westen zu reisen. 

Der Drang der Ostdeutschen, endlich frei zu sein, wurde immer stärker. Vor allem in Leipzig versammelten sich mehr und mehr Menschen auf den Straßen und protestierten gegen das SED-Regime. Als Katalysator fungierte hier besonders die Leipziger Nikolaikirche, die zu jener Zeit bereits eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Unzufriedenen hatte. Schon lange vorher hatte ihr Pastor Christian Führer damit begonnen, zu Fürbitten für die vielen von der Stasi Verhafteten einzuladen. Trotz der Repressalien der Behörden nahm die Zahl der Teilnehmer beständig zu. Am 9. Oktober 1989 wurde die Nikolaikirche zum Ausgangspunkt für die Demonstration der 70.000 in Leipzig, der „Friedlichen Revolution“. Ohne die Kirchen der DDR und ihr Angebot, Sicherheitsraum zu sein, wäre es wohl nicht zu einem gewaltfreien Ende der DDR gekommen. Die Deutschen mögen nie eine richtige Revolution hinbekommen haben, aber sie sind die einzigen auf der Welt, die dafür eine friedliche Revolution geschafft haben.

Abb. 6: Leipziger Montagsdemonstration (9. Okt. 1989)

Es gab für DDR-Bürger zwar Sonderreiseregelungen für Rentner und Verwandtenbesuche im Westen, doch allgemein waren Reisen selbst für privilegierte DDR-Bürger nach außerhalb der DDR nur in die „sozialistischen Bruderländer“ erlaubt. Dorthin waren im Sommer 1961 viele tausend DDR-Bürger gereist, vor allem in die Tschechoslowakei und nach Ungarn. Da sich große Menschenmassen weigerten, in die DDR zurückzufahren, ergab sich für die beiden Länder ein Problem, das sie schließlich lösten, indem sie ihre Grenzen nach Österreich öffneten. Das Ergebnis war eine Massenflucht in den Westen. Und der Druck auf die DDR erhöhte sich weiter. Das ZK der SED erließ daraufhin eine Regelung für die ständige Ausreise.

Abb. 7: Ungarn öffnet die Grenze zu Österreich (19. Aug. 1989)

Und jetzt erhielt die Situation eine gewisse Eigendynamik, nicht ohne Elemente einer Burleske. Diese Regelung sollte am 10. November 1961 frühmorgens veröffentlich werden. Davon wußte aber der zuständige Sekretär für das Informationswesen des Zentralkomitees der SED, der ehemalige Journalist Günter Schabowski, nichts. Er hatte die Informationen über die ZK-Sitzung für eine Pressekonferenz am Vorabend von Egon Krenz, dem Nachfolger Erich Honeckers als Staatsratsvorsitzender seit dem 6. Oktober 1989 erhalten. Es gibt wohl keine zweite an sich so unbedeutende Situation in der Geschichte, die derartig große politisch-historische Bedeutung erlangt hätte. Dabei ereignete sich eine, fast möchte man sagen, Slapstick-Einlage.

Als Schabowski gefragt wurde, wann die neue Reiseregelung in Kraft trete, schaute er eher hilflos auf seine Notizen und antwortete dann: „Nach meiner Kenntnis ist das … sofort … unverzüglich.“ Weil diese Pressekonferenz sowohl über West- wie auch Ostrundfunk direkt übertragen wurde, sprach sich seine Ankündigung sofort herum. Tausende Ostberliner strömten zu den Grenzübergängen und wurden durchgelassen, weil die Grenzpolizisten keine Befehle hatten, wie zu reagieren war, und weil der Druck durch die Massen auf sie zu hoch wurde. Der Sog der Freiheit war zu groß, als daß er hätte gestoppt werden können. Aus zwei Ländern wurde eins.

Abb. 8: Menschenmassen am Grenzposten

Wie reagierte das Ausland, vor allem der Westen, darauf? Man sollte annehmen, daß allerorten Begeisterung herrschte. Erinnern wir uns aber an 1961: Der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy, der wenige Tage nach dem Mauerbau bei einer Rede in Berlin die Worte sprach: „Ich bin ein Berliner“ und damit so große Begeisterung auslöste, daß dieser Satz immer noch als geflügeltes Wort gilt und in vielerlei Abwandlungen seither verwendet wurde, sagte gleich nach dem Mauerbau im Kreis seiner Berater: „Eine Mauer ist verdammt noch mal besser als Krieg“. Und Harold MacMillan, der britische Premierminister sagte öffentlich:„Die Ostdeutschen halten den Flüchtlingsstrom auf und verschanzen sich hinter dem eisernen Vorhang. Daran ist an sich nichts Gesetzwidriges“. Nach westlicher Solidarität klang das wahrhaftig nicht. Selbst wenn man in Rechnung stellt, daß das alles sich erst 16 Jahre nach Kriegsende ereignete – es muß schon befremden.

Abb. 9: „Öffnung des Eisernen Vorhangs“, Plastik von Wolfgang Dreysse, Quedlinburg, aufgestellt in Hameln

Und nach dem Fall der Mauer gab es ebenfalls nicht ungeteilte Begeisterung, außer, dieses Mal, beim amerikanischen Präsidenten George H. Bush, der die deutsche (Wieder)vereinigung vorbehaltlos unterstützte. Der französische Premierminister François Mitterrand hielt den deutschen Wunsch nach Vereinigung für legitim, hatte aber große Angst vor der deutschen wirtschaftlichen Macht. Sein Landsmann François Mauriac ist für seinen Ausspruch bekannt: „Ich liebe Deutschland. Ich liebe es so sehr, daß ich zufrieden bin, weil es gleich zwei gibt“. Die britische Premierministerin Margret Thatcher mußte von ihrem persönlichen Berater ermahnt werden, zum Jahrestag der Vereinigung die Worte „Freund, Verbündeter und Partner“ zu verwenden. Und am 3. Oktober 1990 erhielt sie die schriftliche Empfehlung eines weiteren Beraters: „Wir sollten nett zu den Deutschen sein“. Sie selber hielt uns für „toads“, die zwielichtige, angeberische Kröte aus dem in England überaus bekannten Roman „The Wind in the Willows“ von Kenneth Grahame. Beide, Mitterrand und Thatcher, beknieten Gorbatschow, er möge es nicht zu einem vereinten Deutschland kommen lassen.

Abb. 10: Die erste frei Wahl in der DDR (18. März 1990)

Demokratie heißt, die Wahl zu haben; die Wahl zu haben heißt, Freiheit zu haben. Mit dieser Freiheit übernehme ich aber auch die Verantwortung für mich und mein Tun. Frei zu sein, ist nicht einfach. 

Abb. 11: Gorbatschow stimmt der NATO-Mitgliedschaft Deutschlands zu (15. Juli 1990)

Deutschland mußte sich jedenfalls erst in seine neue Rolle finden. Bis dahin war es ein „wirtschaftlicher Riese“, jedoch ein „politischer Zwerg“ gewesen. Die alte Bundesrepublik hatte sich bequem im Viermächtestatus eingerichtet, sich unter dem amerikanischen Atomschirm zwar eine relativ große Wehrpflichtarmee gehalten, die aber ausschließlich Verteidigungsaufgaben im eigenen Land erfüllen sollte, auf der großen politischen Bühne überließ sie gern den alten Siegermächten das Wort, verwies in allen Konflikten auf seine belastete Vergangenheit und hielt sich heraus, rief manchmal leise von unter dem Tisch her: „Hallo. Ich möchte dabei sein.“ Aber jetzt mußte es an die Verantwortung ran: „Wir können uns unserer Verantwortung nicht entziehen. Das ist der Grund, warum deutsche Soldaten zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in einem Kampfeinsatz (auf dem Balkan) stehen“, erklärte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Bundestag im Oktober 1998.

Und heute erleben wir die Fortsetzung: Soll, muß Deutschland seinen Verteidigungsetat auf 2% seines Haushalts erhöhen, so wie es sich 2014 in Wales und 2016 in Polen verpflichtet hat? Und wie es Trump immer wieder fordert, wodurch es vielen bei uns leicht fällt, dieses Ziel abzulehnen, weil man Trump ablehnt. Freiheit heißt eben auch, Verantwortung zu übernehmen.

1989 fiel die Mauer, 1990 vereinigten sich die beiden Teile Deutschlands zu einem Land. Nur wenige ahnten, welche Schwierigkeiten diese Vereinigung mit sich bringen würde. Was nicht verwundert, gab es doch keinen Präzedenzfall. Niemand hatte vorher aus zwei Ländern eins gemacht, noch dazu mit so extrem unterschiedlichen politischen Systemen. Ein neues Deutschland, das seinen Bürgern Freiheit bot, etwas, das den einen selbstverständlich geworden war, an das die anderen sich erst noch gewöhnen mußten. Daß nicht gleich alles so lief, wie man sich das vorgestellt hatte, belegt ein Ausspruch einer führenden DDR-Dissidentin, die später auch am Runden Tisch eine gewichtige Rolle spielte: „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“

KH

Bildquellen: Abb. 1 – 8 und 10 & 11: Bundesarchiv; Abb. 9: Photo Klaus Holzer

Einladung zum 15. Zeitzeichen

30 Jahre Mauerfall – „Freiheit,  die ich meine“?

Am Donnerstag, 2. Mai 2019, findet das 15. ZZ des KKK statt. Dieses Mal ist „Freiheit“ das zentrale Thema. Ausgehend vom Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren beschäftigen sich die beiden Referenten des Abends mit unterschiedlichen Aspekten des Freiheitbegriffs. Dr. Heinrich-Wilhelm Drexhage legt die Spannweite dieses Begriffs in einer historisch-philosophischen Darstellung dar, geht auch auf das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und erläutert seine historische Bedingtheit. Klaus Holzer weist auf unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit in anderen Ländern hin, besonders in GB und den USA. Unter der Überschrift „Quo vadis, Freiheit“ werden die Referenten anhand aktueller Beispiele versuchen aufzuzeigen, daß Freiheit heute mannigfaltigen Bedrohungen ausgesetzt ist. Manches daran wird sicher so provokant sein, daß eine lebhafte Diskussion den Abend beenden könnte.

Ort der Veranstaltung ist das Haus der Kamener Stadtgeschichte, Bahnhofstraße 21 in Kamen. Beginn 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

KH