Alle Beiträge von KH

Die Patenschaft Bloomfield – Kamen

Ein geschichtlicher Überblick von Jürgen Dupke

Vor fast 70 Jahren gingen die Städte Bloomfield (Nebraska, USA) und Kamen (NRW, Deutschland) eine Patenschaft ein. Diese Patenschaft – und nicht Partnerschaft, wie sie die Stadt Kamen heute zu vielen Städten im In- und Ausland pflegt – war das Ergebnis großer wirtschaftlicher Not.

Nach dem Ende des II. Weltkrieges wünschte das Hilfs- und Unterstützungs-Komitee der kleinen Stadt Bloomfield aus dem Mittleren Westen der USA eine Verbindung zu einer deutschen Stadt ähnlicher Größe. Die alliierte Militärregierung hatte bereits 1947 nach deutschen Städten gesucht, die sich für eine Patenschaft durch amerikanische Städte eignen würden. Kamen empfahl sich in einem Brief an den Oberkreisdirektor in Unna (der dann an die Militärregierung berichtete) mit den Worten: „Durch den Krieg und seine Folgen ist die Einwohnerschaft hart getroffen worden. Die Siedlungen der Bergleute hatten unter dem Bombenkrieg schwer zu leiden. Aber auch die Innenstadt ist nicht verschont geblieben. (…) Wir sind deshalb dankbar für jede Hilfe, die uns zur Linderung einer durch höhere Gewalten für längere Zeit entstandenen Notlage von außen zuteil wird.“

Abb. 1

Zeremonie im großen Sitzungssaal des alten Rathauses in Kamen: Der amerikanische Kongreßabgeordnete Artur Stefan hält eine Rede an die Mitglieder des Kamener Rates

In Folge eines Fehlers wurde Bloomfield, das zu jener Zeit nur 1500 Einwohner zählte, mit Kamen, das bevölkerungsmäßig 10-mal so groß war, zusammengebracht. „Die Bewohner Bloomfields im Staate Nebraska haben beschlossen, die deutsche Stadt Kamen, im Kreis Unna, zu adoptieren. Dieser Beschluß geht zurück auf die Initiative des für seine privaten Hilfsleistungen nach Europa bekannten Bloomfielder Bürgers Claude Canaday“, zitierte daraufhin am 24. Februar 1948 die Westfalenpost aus einem entsprechenden Schreiben der Amerikaner. Diese hatten den Wunsch nach einer Stadt geäußert, die im Kohlenrevier liegen und eine katholische wie eine lutherische Kirche haben sollte.

Am 10. Juli 1948, rechtzeitig vor Beginn der 700-Jahrfeier der Stadt Kamen, wurde die erste Hilfslieferung, bestehend aus 100 CARE-Paketen, am Rathaus abgeladen. Es handelte sich um den Gegenwert einer 1.000 Dollar-Spende des Bloomfielder Hilfskomitees. Jeder US-Bürger konnte damals für 10 Dollar ein Paket, mit dem Namen des Spenders versehen, nach Europa schicken.

Abb. 2

Die erste Lieferung von Care-Paketen trifft ein

Überbracht wurden die Pakete, die so lange entbehrte Konsumwaren wie Kaffee, Schokolade und Fleischkonserven enthielten, durch das Kongreßmitglied Artur Stefan. Er wurde von General Lucius Clay, dem damaligen Militär-Gouverneur der US-Zone in Deutschland, begleitet. General Clay schrieb im Juli 1948 über seinen Besuch in Kamen an die Bürger von Bloomfield: „Wir kamen in Kamen gegen 16 Uhr an. Auf den Straßen dort hielten sich viele Menschen auf. Wir begaben uns in das Büro des Bürgermeisters, wo wir herzlich empfangen wurden. Um 17 Uhr wurde eine Zeremonie in einem großen Raum des Rathauses abgehalten. Einhundert CARE-Pakete aus Bloomfield waren in der Nacht zuvor eingetroffen. (…) 

Abb. 3

In der Mitte: General Lucius D. Clay, (1897 – 1978), bei seinem Besuch in Kamen. Clay war von 1947 bis 1949 Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland. Er gilt mit Adenauer und Schumacher als einer der Gründer der Bundesrepublik Deutschland; rechts daneben Stefan mit seiner Frau

Die Zeremonie war sehr beeindruckend. Kongreßmitglied Stefan hielt eine interessante Rede, in der er die Stadt Bloomfield vorstellte und die Adoption Kamens begründete. Die Deutschen waren überglücklich und viele von ihnen hatten Tränen der Dankbarkeit für die Großzügigkeit Bloomfields und das Geschenk der CARE-Pakete in den Augen. (…) Nach der Veranstaltung schauten wir aus den Rathaus-Fenstern und waren überrascht, daß die Straßen gefüllt waren mit Bürgern, die alle zum Rathaus hinaufsahen um Kongreßmitglied Stefan und seine Begleitung zu begrüßen. (…)“   

Abb. 4

Ein Polizist bewacht die erste Paket-Lieferung. Die Polizei trug damals für eine Übergangszeit extra hergestellte Uniformen, damit die aus der Nazizeit belastete Uniform aus der Öffentlichkeit verschwand

Die Hilfslieferungen an Kamen, die noch einige Jahre andauerten und nicht nur aus CARE-Paketen bestanden, wurden durch eine Sonderkommission an die Bedürftigen und Hungrigsten der Stadt verteilt, wie Bürgermeister Rissel und Stadtdirektor Heitsch dem Begründer des Hilfswerks in Bloomfield, Claude Canaday, im Sommer 1948 mitteilten.

Abb. 5

 So sehr erwarteten die Kamener die Hilfslieferungen

Wann die materielle Unterstützung der Kamener Bevölkerung durch die Bürger Bloomfields endete, ist durch die Unterlagen des Stadtarchivs nicht zu belegen. Sicher ist aber, daß der Motor der Hilfsleistungen, der Farmer Claude Canaday (1896 – 1988), zwei Reisen auf eigene Kosten nach Kamen im Oktober 1948 und im Juni 1949 antrat, um „seine“ Stadt kennenzulernen und sich persönlich dafür einzusetzen, daß u.a. die Fabrik Hermann Klein (Produzent von Achslagern und anderen Eisenbahnteilen), die von den englischen Besatzungsbehörden zur Demontage vorgesehen war, weiterarbeiten konnte. Mit diesem Vorstoß hatte er auch tatsächlich Erfolg.

In einem Brief vom Juli 1965 schrieb Canaday an den Kamener Bürgermeister Beckmann: „ In unserem ersten Hilfsangebot hofften wir, nur Ihre Bürger etwas zu ermutigen, wo doch die Leiden und die Hoffnungslosigkeit so groß war. Wir waren froh, daß Sie unser Angebot annahmen und sind stolz darauf, die Bürger der Stadt Kamen als unsere Freunde nennen zu können.“ 

Im Jahr 1990 feierte der Ort Bloomfield seinen 100-sten Geburtstag. Dazu hat auch Kamen sehr herzlich gratuliert. In einer Festschrift Bloomfields, die zu diesem Anlass erschien und im Kamener Stadtarchiv verwahrt wird, schrieben die Autoren: „Das Gemeinwesen Bloomfield besteht aus hart arbeitenden Bauern und Kleinstadtbewohnern, die ihre Unterstützung aus christlicher Nächstenliebe und Mitgefühl und nicht aus dem Überfluss gegeben haben.“

Am 16. Juli 2009 besuchte Leroy Cordes, Bürgermeister Bloomfields, die  Stadt Kamen. Er übergab dabei an sein Kamener Pedant, Hermann Hupe, eine Plakette, welche die damals mehr als 60 Jahre alte Patenschaft zwischen den beiden Städten symbolisiert. Diese Plakette befindet sich heute im Kamener Stadtarchiv.

Im Jahr 2015 schließlich konnte Bloomfield den 125-igsten Jahrestag seiner Gründung feiern. Auch dazu hat die Stadt Kamen, in einem Brief von Hermann Hupe an seinen amerikanischen Amtskollegen, sehr herzlich gratuliert. Die Dankbarkeit der Kamener für großzügige Hilfe in schwerer Zeit wird aber nicht nur durch den Schriftverkehr der Repräsentanten beider Städte gewürdigt. Sichtbares Zeichen dafür, daß die Unterstützung der amerikanischen „Paten“ nicht vergessen ist, sind die beiden Straßenbenennungen „Claude-Canaday-Straße“ und „Bloomfield-Straße“, die sich beide auf der Lüner Höhe befinden. An den Straßenschildern befinden sich Namenserläuterungen. In diversen Publikationen, besonders sei hier auf das Buch zur Kamener Stadtgeschichte „Burgmänner, Bürger, Bergleute“ von Klaus Goehrke hingewiesen, wird zudem die Historie und Bedeutung dieser Verbindung  beider Städte und ihrer Bürger dokumentiert.

 

Bildquellen: National Archives at College Park, Maryland, USA/ Stadtarchiv Kamen: Abb. Nr. 1,3,4,5 (alle Photos vom 8. Juli 1948

Stadtarchiv Kamen: Abb. Nr. 2

Zu Praetorius: Hexenverfolgungen – Dichtung und Wahrheit

von Klaus Holzer

Abb. 1 Hexenverbrennung 2

Abb. 1: Hexenverbrennung 1587

Was war es nun, dessen ,Hexen‘ beschuldigt wurden, was sie gestehen sollten? Es waren vier Tatbestände, die den ,Hexen‘ zur Last gelegt wurden und die sie zu gestehen hatten: Teufelspakt (beinhaltet auch Teufelsbuhlschaft, d.h., Geschlechtsverkehr mit dem Teufel), Hexenflug, Hexensabbat und Schadenszauber. Und erst, wenn sie dieses gestanden hatten, konnte gegen sie die Todesstrafe verhängt werden.

Abb. Ersatz Hexenflug

Abb. 2: Hexenflug

Das verlangte die kaiserliche Halsgerichtsordnung, die Constitutio Criminalis Carolina Kaiser Karls V. von 1532. Um das Geständnis zu erreichen, wurde gefoltert. Durch die Folter wurde also eine an sich gute Bestimmung in ihrer Wirkung pervertiert.


Abb

Abb. 3: Titel mit Frontispiz ( Titelblätter des Kommentars zur Carolina (im Stadtarchiv)

Aus der Zwischenablage

Abb. 4: Titelseite der Carolina, Ausgabe von 1696 (im Stadtarchiv)

Die die „zauberey“ betreffenden Passagen der Carolina lauten (Dank an Hans Jürgen Kistner, der mich auf diese Passagen aufmerksam machte):

44. Von zauberey gnuogsam anzeygung

ITem so jemandt sich erbeut andere menschen zauberei zuo lernen / oder jemands zuo bezaubern bedrahet vnd dem bedraheten dergleichen beschicht / auch sonderlich gemeynschafft mit zaubern oder zauberin hat / oder mit solchen verdechtlichen dingen / geberden / worten vnd weisen / vmbgeht / die zauberey auf sich tragen / vnd die selbig person des selben sonst auch berüchtigt / das gibt eyn redlich anzeygung der zauberey / vnd gnuogsam vrsach zuo peinlicher frage.

52. So die gefragt person zauberey bekent.

ITem bekent jemandt zauberey / man soll auch nach den vrsachen vnnd vmbstenden / als obsteht fragen / vnd des mer / wo mit / wie vnd wann / die zauberey beschehen / mit was worten oder wercken. So dann die gefragt person anzeygt / daß sie etwas eingraben / oder behalten hett daß zuo solcher zauberey dienstlich sein solt / Mann soll darnach suochen ob man solchs finden kundt / wer aber solchs mit andern dingen / durch wort oder werck gethan / Man soll dieselben auch ermessen / ob sie zauberey auff jnen tragen. Sie soll auch zuofragen sein / vonn wem sie solch zauberey gelernt / vnd wie sie daran kommen sei / ob sie auch solch zauberey gegen mer personen gebraucht / vnd gegen wem / was schadens auch damit geschehen sei.

109. Straff der zauberey.

ITem so jemamdt den leuten durch zauberey schaden oder nachtheyl zuofügt / soll man straffen vom leben zuom todt / vnnd man soll solche straff mit dem fewer thuon. Wo aber jemandt zauberey gebraucht / vnnd damit niemant schaden gethan hett / soll sunst gestrafft werden / nach gelegenheit der sach / darinnen die vrtheyler radts gebrauchen sollen / wie vom radt suochen hernach geschriben steht.

Abb. 2 CCCarolina Abb. 5: Constitutio Criminalis Carolina, Ausgabe von 1577

Im folgenden sollen vier Aspekte näher beleuchtet werden:

  1. Es wurde und wird behauptet, daß Hexenverfolgungen eine systematische Vernichtung von Frauen und (wenigen) Männern waren, die „im Vergleich zur damaligen Menschendichte mehr Menschenleben gefordert hat als die unvorstellbare Judenvernichtungsaktion Hitlers“. Dabei ist die Rede von bis zu 9 Millionen Hexenfolterungen und –verbrennungen.
  2. Prozesse und Verurteilungen fanden auf Betreibung der (katholischen) Kirche statt. Die (vor allem spanische) Inquisition war die treibende Kraft hinter Tortur und Verbrennungen.
  3. Der Hexenhammer.
  4. Friedrich Spee.

Ich beziehe mich in den folgenden Ausführungen auf das 2. Kapitel „Hexen und Zauber“, „I. Hexenglauben“ (S. 295 – 333) in „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“, erschienen bei Aschendorff in Münster 2007, des Münsteraner Theologen Arnold Angenendt, der sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt hat.

Zu 1.:

Angenendt zitiert „gut belegte Zahlen von Gustav Henningsen“ von 2003, die für Deutschland etwa 25.000 Opfer bei ca. 16 Millionen Einwohnern nachweisen. In den deutschen katholischen Gebieten waren die Opferzahlen höher als in protestantischen Gebieten. In den katholischen Ländern Europas hingegen liegen diese Zahlen bedeutend niedriger. Bezieht man die Zahl der Opfer auf die Gesamtbevölkerung, ergibt sich folgendes Bild (Hexenhinrichtungen in Europa, höchste Zahlen, Auszug aus der Tabelle von Henning):

Land

Einwohner um 1600

Hinrichtungen

Promille

Dänemark/Norwegen

970.000

1.350 (?)*

1,392

Deutschland

16.000.000

25.000

1,563

Polen/Litauen

3.400.000

10.000 (?)*

2,941

Schweiz

1.000.000

4.000

4

Liechtenstein

3.000

300

100

(Hexenhinrichtungen in Europa, niedrigste Zahlen, Auszug aus der Tabelle von Henning):

Land

Einwohner um 1600

Hinrichtungen

Promille

Niederlande

1.500.000

200

0,133

Italien

13.100.000

1.000 (?)*

0,076

Spanien

8.100.000

300 (?)*

0,037

Portugal

1.000.000 (?)*

7

0,0007

Irland

1.000.000

2

0,0002

* Diese Zahlen weisen eine größere Unsicherheit auf.

Diese Zahlen liegen deutlich unter den wohl ideologisch motivierten Phantasiezahlen, die in die Millionen gehende Opferzahlen propagieren, dennoch muß klar gesagt werden, daß sie immer noch bestürzend hoch sind. Der Begriff „Justizmord“ wurde bezeichnenderweise im Zusammenhang mit einem Hexenprozeß geprägt. Und der Anteil der Frauen liegt, nach ebenfalls als zuverlässig erachteten Schätzungen, die auf vorhandenen Dokumenten wie Gerichtsprotokollen fußen, bei 75 – 80%.

Zu 2.:

Wo die Hexenverfolgung in den Händen der Inquisition lag, wird ein gemäßigter bis vorsichtiger Umgang mit dem Hexereidelikt festgestellt. In Spanien war es die institutionalisierte Inquisition, die die Hexenverfolgungen unter ihre Kontrolle brachte und 1526 praktisch beendete. Der römischen Inquisition wird bescheinigt, Kranke und Bedürftige gut behandelt zu haben, schwangere Frauen mit Rücksicht. Es gab die gleiche Verpflegung wie für die Wärter, Heizmaterial für die Zellen und regelmäßig frische Bettwäsche, die Wärter waren ohne Grausamkeit.

Hexenglauben wird heute als vormodernes Allgemeinphänomen betrachtet, das zunächst von der Kirche nicht ernst genommen und daher oft durch Lynchjustiz „geahndet“ wurde. Der mit Hexenglauben eng zusammenhängende Schadenszauber war ein säkulares Delikt, das seit dem Codex Hammurabi (Babylon, 18. Jh. v. Chr.), mit Strafe bewehrt ist, das die Kirche nicht strafrechtlich verfolgte, wohl aber das weltliche Recht, wie es schon der Sachsenspiegel des Eike von Repgow (Deutschland, zwischen 1220 und 1235) vorsah: „Ist ein Christ ungläubig oder beschäftigt er sich mit Zauberei und Giftmischerei und wird dessen überführt, den soll man auf dem Scheiterhaufen verbrennen.“  (Hexenglauben und –verfolgung gibt es noch heute in Afrika, Südostasien und Südamerika.)

Abb. 3 Hexenverbrennung

Abb. 6: Hexenverfolgung/verbrennung

Der Hexereibegriff, den wir heute zugrundelegen, wurde erst gegen Ende des Mittelalters (MA) geschaffen. Kennzeichen: 1. Pakt mit dem Teufel. 2. Geschlechtsverkehr mit ihm; 3. Möglichkeit zum Schadenszauber bzgl. Mensch, Tier und Ernte; 4. Teilnahme am Hexensabbat.

Nahezu alle frühen Hexenprozesse wurden nicht von Geistlichen veranstaltet, hatten nichts mit kirchlicher Gerichtsbarkeit zu tun, sondern von Politikern und Laien, da die weltlich-staatliche Justiz generell die Zuständigkeit bei Hexenprozessen für sich reklamierte. 1532 beanspruchte die Constitutio Criminalis Carolina Kaiser Karls V., das für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation erlassene Strafgesetzbuch, die Kompetenz für Hexenprozesse, ließ sie aber nur für „wirklich nachweisbaren Schadenszauber“ zu und erlaubte nur begrenzte Folteranwendung. Dadurch wurden in schwierigen Fällen studierte Juristen notwendig, was die weltlich-staatliche Justiz nach sich zog.

Fast immer kamen Hexenprozesse durch Anzeigen aus der Nachbarschaft  und der Dorfgemeinde in Gang. Oft gab es im Dorf Hexenausschüsse, und da diejenigen, die jemanden der Hexerei bezichtigten, sich das Vermögen der „Hexen“ mit den Richtern teilen durften, endeten Hexenprozesse hier auch so gut wie immer mit einem Todesurteil. Auf dieser Ebene, zusammen mit den adeligen Ortsgerichten, kam es auch immer wieder zur kirchlicherseits längst verbotenen Wasserprobe. Und hier führte man in der Regel auch sofort die keinen Normen verpflichtete Folter durch. Ausgerechnet päpstliche Inquisitoren erkannten mit als erste, daß maßlose Folterung zu zahlreichen Fehlurteilen führen mußte und geführt hatte.

Abb. Ersatz Erkenntnis der ZauberinnenAbb. 7: Wasserprobe

In summa: Die Inquisition verfuhr rechtsbewußter und weniger grausam als die weltliche Justiz.

Zu 3.:

Der Dominikanermönch Heinrich Kramer, der sich lateinisch Institoris nannte, war eine zwielichtige Gestalt, die u.a. wegen Unterschlagung von Ablaßgeldern belangt worden war. Er besorgte sich 1484 von Papst Innozenz VIII. eine Bulle, die Hexenverfolgung vorsah, nicht jedoch Hexenverbrennung. Daraufhin zettelte er Hexenverfolgungen an, scheiterte jedoch kläglich, so z.B. in Innsbruck. Der Bischof von Brixen nannte ihn „kindisch“ und „verrückt“ und warf ihn aus Innsbruck hinaus. Erst dann schrieb er den „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum), und zwar allein, ohne den meist mitgenannten Jakob Sprenger. Er fügt seinem Buch die päpstliche Bulle bei, ein Gutachten der Kölner Theologischen Fakultät und ein kaiserliches Privileg, wodurch der Eindruck höchster Autorität entstand. Jedoch zeigen neue Forschungen, daß die Bulle in Wahrheit aus der Bürokratie des Vatikans stammt und ohne Wissen des Papstes verfaßt wurde. Und das Gutachten der Kölner Theologen ist mittlerweile als Fälschung entlarvt worden. Bleibt nur noch das kaiserliche Privileg, das bislang nicht angezweifelt wird.

Abb. 5 Malleus_1669

Abb. 8: Der Hexenhammer

Seit seinem Erscheinen in der Karwoche 1487 und einem weiteren Druck 1520 erschien der Hexenhammer in 10.000 Exemplaren und traf offensichtlich den Nerv der Zeit: Er wurde zur Grundlage der Hexenverfolgungen und –verbrennungen, die vor allem das 16. und 17. Jh. erschütterten. Von nun an wurden Hexereidelikte nördlich der Alpen ausschließlich vor weltlichen Gerichten verhandelt, die sich ja der Zustimmung der katholischen Kirche gewiß waren, waren doch die Umstände ihrer Entstehung nicht bekannt. Selbst die protestantischen Kursächsischen Konstitutionen (1572 vom sächsischen Kurfürsten August publizierte Sammlung von Rechtsentscheidungen) übernahmen Teile des Hexenhammers. Sie bieten eine organische Weiterentwicklung des auf dem Sachsenspiegel fußenden sächsischen Rechts und wandten ihn an, samt der Todesstrafe. Selbst die bekannten Gegner der Hexenverfolgung, Spee und Prätorius, bestreiten nicht, daß es Hexen gibt. Und Luther äußert sich in seiner Predigt vom 6. Mai 1526: „Sie schaden vielfaltig, also sollen sie getötet werden, nicht allein, weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.“ Calvin scheint hier nicht klar zuzuordnen zu sein. Zum einen erklärte er, Gott selbst habe die Todesstrafe für Hexen festgesetzt („Hexenverfolgung”, wikipedia). Zum anderen soll Calvin für  Praetorius eine Autorität sein, die er im Kampf gegen Hexenverfolgungen auf seiner Seite sieht (Detmers, historicum.net). Es bleibt jedoch klar festzuhalten, daß Hexerei im MA Bestandteil der Lebenswirklichkeit war.

Die spanische Inquisition lehnte den Hexenhammer auf einer Konferenz in Granada 1526 ab, die römische Inquisition urteilte 1580 genauso.

Zu 4.:

Ein weiteres Indiz dafür, daß es nicht „die Kirche“ war, die vor allem für Hexenverfolgung und –verbrennung verantwortlich war, ist die Tatsache, daß es der Mönch Friedrich Spee (FS) (25.2.1591 – 7.8.1635) und, noch vor ihm, der Pfarrer Anton Praetorius (AP) (um 1560 – 6.12.1613) waren, die vehement gegen diese Praxis Stellung bezogen, ja, sie in Wort und Tat bekämpften, und nicht etwa die Juristen in städtischen und landesherrlichen Diensten. Allerdings hatten Theologen und Prediger durchaus ihren Anteil an diesen Greueltaten.

Abb. 6 Friedrich Spee

Abb. 9: Friedrich Spee von Langenfeld (Ölbild von Martin Mendgen, 1938, Stadtbibliothek Trier)

Der wirkungsvollste Gegner der Hexenverfolgungen war ein Jesuit, Friedrich Spee, der Autor der Cautio Criminalis seu de processibus contra Sagas Liber (deutsch: Rechtliches Bedenken oder Buch über die Prozesse gegen Hexen). In dieser Schrift, die er 1631 anonym veröffentlichte, argumentiert FS zunächst vor allem juristisch. Er verlangt eine wirksame Strafverteidigung: der Richter solle dafür sorgen, daß es den Gefangenen nicht an Advokaten fehlt. Den Verteidigern solle der Zugang zum Gefängnis nicht verwehrt werden dürfen. Dann solle der Richter ein festes Gehalt bekommen, um ihn vor Bestechlichkeit zu schützen und seine Unabhängigkeit zu gewährleisten. Und er fordert die Beachtung des Grundsatzes in dubio pro reo ein, heute als „Unschuldsvermutung“ in aller Munde.

Abb. 7 Cautio_criminalis_1631

Abb. 10: Cautio Criminalis eines unbekannten römischen (katholischen) Theologen (anonym von Friedrich Spee veröffentlicht)

FS belegt an Beispielen aus seiner eigenen Erfahrung, daß die Folter ein inhumanes, ganz und gar unzuverlässiges Mittel zur Erforschung der Wahrheit ist. Die Verantwortlichkeit für Folter und Hexengerichte verteilt FS folgendermaßen: 1. die Fürsten, 2. die Ratgeber der Fürsten, 3. die Hexenrichter, 4. die Hexenbeichtväter, 5. das Volk,      6. die Hexenliteratur, 7. die Prediger. Seine Schrift richtet sich demzufolge ausdrücklich ad magistrates Germaniae: Ratgeber und Beichtväter der Fürsten, Inquisitoren, Richter, Advokaten, Beichtiger der Angeklagten und Prediger.

Schon 1627 hatte ein anderer Jesuit, Adam Tanner in Bayern, seine theologischen Argumente gegen Hexenverbrennungen vorgebracht, voller Abscheu gegen die zu der Zeit in den geistlichen Fürstbistümern Eichstätt, Bamberg, Würzburg und Mainz tobenden Hexenverbrennungen.

Doch entwickelte FS nicht nur eine lückenlose juristische Argumentationskette gegen die Hexenverbrennungen, sondern legte auch ausführlich christlich–kirchliche Argumente dar. Zuallererst berief er sich auf den Gott der Liebe: Gott ist ein für alle Male von unbegreiflicher Liebe zum Menschengeschlecht erfüllt. Im Gegensatz zu den Scharfmachern interpretiert er das Weizen/Unkraut–Gleichnis in Matthäus 13, 24 – 30 tolerant: Wenn Gefahr droht, daß zugleich der Weizen mit ausgerauft werde, dann darf das Unkraut nicht vertilgt werden. Mit seiner Klage „Ecce Germania tot sagarum mater“ (Sehet Deutschland, so vieler Hexen Mutter) spielt er auf das Ecce homo der Passionsgeschichte an. Seine Haltung kam „vom Glauben her“.

Und weiter unten heißt es: „[…] Schadenszauber und damit auch Hexerei [galten] bei den kirchlichen und bei den weltlichen Instanzen als wirklich existent und strafbar. Darum verfolgte die weltliche Justiz den durch Hexerei angerichteten Schaden als justiziables Verbrechen. Die kirchliche Vorgehensweise wollte […] nur geistliche Bestrafung, bei Verzicht auf Körperstrafen. Da jedoch kirchlicherseits bei den Ketzern die Todesstrafe möglich geworden war, mußte allen Hexern und Hexen wegen ihres häretischen Teufelspaktes ebenfalls der Tod drohen. Aber die Kirchengerichte wie besonders die Inquisition hielten sich zurück, ja lehnten ab. So ist am Ende festzustellen: Zauberei galt allgemein als teuflisch, wegen des Teufelspaktes als Glaubensaufkündigung, wurde aber kirchenoffiziell nicht mit dem Tode geahndet, allerdings nicht deswegen, weil man die Todesstrafe grundsätzlich für bedenklich gehalten hätte, sondern weil man bei Hexerei den erforderlichen juristischen Erweis für unmöglich hielt.“

Und es verdient festgehalten zu werden, daß alle Konfessionen bei diesem Kampf gegen Hexenverfolgungen beteiligt waren: der calvinistische Pfarrer Anton Praetorius  als Vorreiter mit seinem „Gründlichen Bericht von Zauberei und Zauberern“ , der Jesuit Friedrich Spee mit seiner „Cautio Criminalis“ von 1631 als wirkungsvollster Kämpfer, lutherische Pfarrer, als sie AP öffentlich unterstützten, indem sie die dritte Auflage von 1613 seines „Gründlichen Berichts“ förderten.

Fazit: Die aufklärerisch-liberale Interpretation der Hexen-Verfolgung lautete, wie die Aufarbeitung der Hexerei-Geschichtsschreibung inzwischen ergeben hat: „mehrere Millionen Opfer, mittelalterliches Phänomen und ausschließliche Schuld bei der katholischen Kirche bzw. der Inquisition“. Das Gegenteil ist inzwischen herausgearbeitet: weder Millionen Opfer, noch mittelalterliches Phänomen, sogar Ablehnung durch Päpste und Inquisition.

Abb. 8 Titelseite 1602

Abb. 11: Antonius Praetorius – Gründlicher Bericht von Zauberey etc. (vgl. Artikel über Praetorius)

Auch Hartmut Hegeler kommt in seiner Schrift „Hexenprozesse. Die Kirchen und die Schuld“ (Unna 2003) zu einem ähnlichen Verdikt: „Von einer alleinigen Verantwortung der Kirchen für Entstehung und Durchführung der Hexenprozesse kann jedoch nicht gesprochen werden.“ (S.8) Allerdings beurteilt er die Verstrickung der lutherischen, calvinistischen und katholischen Kirche als so schwerwiegend, daß er offizielle Schuldanerkenntnisse von ihnen verlangt und darüber hinaus auch die Rehabilitierung aller als Hexen verurteilten Personen. Hierin hat er durch seine Initiative auch schon einiges erreicht: bis 2015 wurden „Hexen“ in 40 Städten und Gemeinden rehabilitiert. Winterberg im Sauerland machte am 19. November 1993 den Anfang, heute steht Gelnhausen in Hessen seit dem 10. Juni 2015 am vorläufigen Ende der Liste.

Hegeler sagt dazu: „Eine rechtliche und theologische Rehabilitierung der unschuldig hingerichteten Opfer der Hexenprozesse ist ein überfälliger Akt im Geiste der Erinnerung und Versöhnung.“

Wie komplex die Materie ist, wird allerdings auch deutlich. „Man darf nicht vergessen, dass die Menschen nach damals geltendem Recht verurteilt wurden. Hexerei war ein existierender Straftatbestand, auch Folter war erlaubt,“ sagt der Jurist Prof. Dr. Wolfgang Schild von der Universität Bielefeld. „ Eine tatsächliche juristische Rehabilitierung – also die Aufhebung der Urteile – ist deshalb nicht möglich. Was die Städte also lediglich tun können, hat vielmehr symbolischen Wert.“ (lt. dpa vom 27. Nov. 2011) Er betont also das juristische Prinzip, wonach Gesetze nicht rückwirkend (ex post) angewandt werden dürfen.

Auch wenn vielleicht nicht überall eine juristische Aufarbeitung und, damit einhergehend, eine Revision der mittelalterlichen Hexengerichtsurteile möglich oder erwünscht ist, mindestens läßt sich aber Hegelers Vorschlag umsetzen, wenigstens eine Straße nach dem ersten Kämpfer gegen Hexenprozesse, Antonius Praetorius, zu benennen. Eine mitgegebene Erklärung wird alle an diese doch im ganzen unrühmliche Zeit erinnern. Ein Akt der Aufklärung.

Anhang: Die drei Passagen (44, 52, 109), die oben aus der Carolina zitiert werden, im Erscheinungsbild  der Ausgabe von 1696 (im Stadtarchiv Kamen):

44 Zauberey

Ziff. 44: Von Zauberey genugsame Anzeigung

52 gefragte Person

Ziff.  52: So die gefragte Person Zauberey bekennt

109 Straff

Ziff. 109: Straff der Zauberey

Bildnachweis:

aus Wickiana: Abb. 1

aus Wikipedia: Abb. 2, 5, 7, 8 (MM, Lyon 1669), 10 (Rinteln 1631), 11

Stadtarchiv Kamen: Abb. 3 & 4

aus H. Hegeler, Hexenverfolgung am Beispiel von Anton Praetorius: Abb. 6

Friedrich-Spee-Gesellschaft Trier: Abb: 9

KH

Ulrich Kett

von Klaus Holzer

Abb. 1 Ulrich Kett

Ulrich Kett,  geb. 15. Juli 1942

„Kunst ist, was ein Künstler macht. Und Künstler ist, wer vom Finanzamt als Künstler anerkannt ist.“

Ist eine uneitlere Definition des eigenen Tuns vorstellbar? Entspannt und gelassen sitzt Ulrich Kett in seinem Atelier in Meinerzhagen, umgeben von seinen Bildern und Büchern, mit sich und der Welt im reinen. So etwas kann wohl nur jemand sagen, der sich sicher ist, daß er sein Handwerk beherrscht, vom Porträtzeichnen bis hinter den Horizont des Abstrakten.

Ulrich Kett beherrscht das alles. Schon das Gekleckse und Gemale des kleinen Uli im Kindergarten in Kamen war besser als das der anderen Kinder. Die betreuende Nonne sammelte alles von ihm und gab es seiner Mutter, als der Junge auf die Volksschule wechselte. Er hörte nicht auf, Blatt um Blatt malte er voll, von der verständnisvollen Oma geduldet, ja gefördert: Häkeldecke vom Wohnzimmertisch, Zeitung als Unterlage darauf, ein Blatt, viele Blätter Papier zum Malen, Nachmittag für Nachmittag.

Nach der Schule ging’s in die Lehre als Dekorateur und Plakatmaler bei Kaufhaus Küster in der Weststraße in Kamen (heute Vögele), wo ein Jahr später Helmut Meschonat (vgl. Artikel Helmut Meschonat) ebenfalls diese Lehre begann. Zwei Jungen, eine Seele. Zu diesen beiden stieß Heinrich Kemmer als Dritter hinzu, der allerdings eine Lehre als Möbeltischler in Hamm machte.

Lehre, „künstlern“, über Kunst reden, abends ein Bierchen in einer der vielen Kamener Kneipen, Schaschlik extra scharf im Bacchus in der Weißen Straße. Der Plakatmaler Uli malte in Handarbeit alle die Plakate, die die Jazzbandbälle und –tanztees der „primitiven“ ankündigten.

Inzwischen hatten sich bei den drei Freunden sechs Bilder angesammelt, also wollten sie auch ausstellen. Aber wie das anfangen? Erst einmal mußte ein Name her: „Malkasten Schieferturm“ nannten sie sich, merkten jedoch sogleich, daß Heine Kemmer sich mehr mit Plastiken und Skulpturen beschäftigte, daher wurde daraus das allgemeinere „Gruppe Schieferturm“ (vgl. Artikel „Gruppe Schieferturm“). Aber ohne den Leiter des damaligen Kamener Bildungswerks, Wolfgang Baer, wäre es schwierig geworden, so ohne alle Kontakte. Er übernahm die Organisation, druckte Einladungszettel und tatsächlich kamen die ersten Ausstellungen der jungen Kamener in den beiden neuen Schulen am Koppelteich (vgl. Artikel Gustav Reich), Martin-Luther- und Glückaufschule, zustande, protegiert von Professor Lothar Kampmann (vgl. Artikel Lothar Kampmann). Dort trafen die drei auch Emile Künsch, einen umtriebigen Luxemburger, der sich in Kamen niedergelassen hatte. Ca. sieben Jahre lang war er der „Manager“ der Gruppe Schieferturm, bis man sich trennte.

Abb. 2 Der König 1964 100 x 80 cm Kopie

Abb. 2:  Der König (1964)

Abb. 3 Der König auf dem Weg nach Unna 1964 100 x 80 cm Kopie

Abb. 3: Der König auf dem Weg nach Unna (1964)

Für den heutigen Betrachter, seit Jahrzehnten gewöhnt an abstrakte Kunst, ist die Aufregung kaum noch verständlich, die Bilder wie diese „Königsbilder“ im Oktober 1964 erregten, als das Kamener Publikum erst sehr spärlich, nach Prof. Lothar Kampmanns sehr geharnischten Worten bei der Eröffnung etwas zahlreicher in die Ausstellung der Gruppe Schieferturm in die Glückauf-Schule ging. Das Abstrakte war in Kamen noch nicht „angekommen“. Hier sah man noch „realistisch und naturalistisch“. Kampmann: „ Wer ‚Gegenstand‘ gehört hat, soll ‚Gestalt’ denken, und wer ‚Natur‘ gehört hat, soll sie als Inbild und Abbild verstehen. In den ausgestellten Bildern kommt das Elementarische, das hinter dem hantierbaren Gegenstand steht, zum Ausdruck. … Die Künstler … befassen sich vielmehr mit der neuen Wirklichkeit.“ Um dem Publikum bei der Eröffnung der „Jubiläumsschau“ der Gruppe  Appetit zu machen, preisen die „Heimat-Nachrichten“ (leider ohne Datum, vermutlich HA 1964): „Außer bei Meschonats Werken ist durchweg eine gewisse Verwandtschaft zum Jugendstil erkennbar – insbesondere bei Kett, der jedoch die schreienden Formen auflöst und reduziert.“ Naja, die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und „Jugendstil“?

Ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis zur abstrakten Kunst wirft auch ein mit -d gezeichneter Bericht (ebenfalls ohne Datum, wohl ebenfalls HA 1964). Die Zeitung hatte das Photo eines Bildes von Kett erhalten: „Der König auf dem Wege nach Unna“ (Abb. 3). „In unserer Redaktion … machte diese Aufnahme einiges Kopfzerbrechen. Was war oben, was war unten? … Bis einer auf einer Ecke des Bildes so etwas entdeckte, was wie ein Signum aussah. … Ulrich Kett 64.“

Ein überzeugter Förderer der Kamener Künstler war Museumsrat Dr. Carl Baenfer aus Münster, der ihnen vielleicht den Weg zum freien Künstlertum hätte ebnen können. Für ihn malte „der Künstler von heute nicht schön, aber wahr“. Er müsse das Risiko auf sich nehmen, mißverstanden zu werden. Er schrieb der Kunst „geistige und übermaterielle Potenz“ zu. Alles dieses fand er in der Kunst der drei jungen Kamener. Er war so überzeugt von ihren Qualitäten, daß er immer wieder anreiste und sie beriet, ihnen das theoretische Gerüst vermittelte, sie ermutigte. Leider starb er bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg von Münster nach Kamen auf dem Weg zu „seiner“ Gruppe Schieferturm.

Nach diesen ersten Erfolgen schien mehr möglich. Ulrich bestand die Gesellenprüfung zum Abschluß seiner Lehrzeit. Nun betrachtete er sich als Halbprofi und daher prinzipiell unbescheiden, Halbprofi reichte ihm nicht. Positiv gewendet könnte man sagen, Neugier und künstlerischer Hunger setzten ein, Kunst und Kultur avancierten zum Lebensmittel. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er meldet sich zur Aufnahmeprüfung an der Werkkunstschule Dortmund und besteht auch diese. Aber um studieren zu können, braucht man Geld. Uli ging den harten Weg, mußte ihn gehen. Ein halbes Jahr lang verlegte er Betonplatten zu Fußwegen in der neuen Siedlung Lüner Höhe. Harte Arbeit, aber gut bezahlt, die wirtschaftliche Grundlage seines Kunststudiums, dessen Anfang ein halbes Semester Grundlehre in Dortmund war.

Abb. 22 Felsen mit Vogel 2014 110 x 90 cm Kopie

Abb. 4: Felsen mit Vogel

Der späte Uli Kett (2014) liebt Farben, aber keine Farbexplosionen mehr. Eine Farbe dominiert. Der Felsen im Hintergrund ist stark strukturiert, von Rissen durchzogen als geologische Formation erkennbar. Davor links unten der Vogel, offenbar ein Jungvogel, mit gelblichen Tönen eingefärbt, durchsichtig. Organische Natur vor anorganischer. Leben vor Stein.

Und wieder fiel Ulis Talent auf. Sein Dozent Ulrich Knispel riet ihm zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste Berlin. Die war in vier Tagen! Also: Mappe untern Arm geklemmt, raus an die Straße, Daumen raus, auf nach Berlin, eine Woche Aufnahmeprüfung, bestanden (als einer von nur 18, und einer von nur 10, die zeichnen konnten!), richtiger Student. Heureka!

Daß Kett ein begnadeter Zeichner ist, zeigt Abb. 5. Alle hier dargestellten Personen sind „richtige“ Personen, lebende Personen, die genau so aussehen. Sie sind wiedererkennbar: Gesichter, jede Falte darin, Bärte, Haarfarbe, Körperhaltung. Und damit das alles nicht zu einfach wird, wählt er grünen Karton und Farbstifte. Bei dieser Kombination muß jeder Strich sitzen, radieren geht nicht, das verzeihen weder Karton noch Stifte. Es braucht unendliche Präzision und Geduld.

Abb. 23 Kopie

Abb. 5: Bekannte Vinologen, Die Erklärung der Welt, 1980

Sein Sinn für Humor und, böser, Ironie kommt im Titel zum Ausdruck. Er beschäftigt sich mit dem, was man zur Erklärung der Welt braucht: Rotwein erleichtert den Einblick, ermöglicht den Durchblick und verschafft den Ausblick. Die drei Vinologen sitzen hinter einem Tisch, eine zu zwei Dritteln geleerte Flasche Rotwein vor sich, aus der aber nur der mittlere der drei getrunken zu haben scheint. Ulrich Kett (rechts mit erhobenem Zeigefinger) sitzt ganz am Rand, schaut den Betrachter direkt an, er erklärt die Welt, ausgerechnet der, der wohl nichts getrunken hat. Die Farbe, mit der er dargestellt wird, ist der Farbton des Hintergrundes, aber kräftiger, nur der rötliche Haarschopf hebt sich farblich aus der Komposition heraus. Die Rotweinflasche trennt ihn von den anderen. Die mittlere Figur, der Rotweintrinker, geht farblich im Hintergrund auf, nur seine Kappe und seine gleichfarbige Krawatte stechen heraus. Neben ihm der Dritte im Bunde schnuppert am leeren Behälter, der aus dem Chemieraum zu stammen scheint. Auf dem Kopf trägt er einen umgedrehten Trichter, dessen Ablaufschlauch abgeklemmt ist, nichts geht hinein, nichts kommt heraus. Keine Farbe hebt diesen Vinologen hervor. Der Tisch, an dem die drei sitzen, schwebt über einer sauerländischen Hügellandschaft, Wald, Wiesen, keine Menschen. Die spirituelle Dreifaltigkeit schwebt über einer menschenleeren Welt.

Wieder Grundlehre: Formenlehre, Zeichnen und Malen in und nach der Natur (!), täglich von 8.00 bis 16.00 Uhr. Anschließend Vorlesungen und Aktzeichnen. Seminare waren abends oder samstagnachmittags. Ab dem dritten Semester Freie Malerei, Kunstgeschichte und Philosophie als Wahlfach. Philosophie? Für einen Künstler? Sie hilft, sagt Kett, ein „Ordnungssystem der eigenen Kunsttheorie zu entwickeln“. So erfährt der Künstler, „was Menschen denken können und wo ihre Grenzen sind“. Sie hilft, „Kunst zu erkennen und zu begreifen“.

Im folgenden Jahr kam Helmut Meschonat nach bestandener Gesellenprüfung auch nach Berlin, wurde auch Kunststudent und man wohnte zusammen in einer WG. Praktisch, heimelig und preisgünstig.

In den Semesterferien zog es sie wieder nach Kamen. Vereinzelte Aufträge, private Wohnhäuser auszugestalten, ermöglichten künstlerisches Arbeiten und brachten Uli Geld ein. Er wollte intensiv weiterarbeiten, malen, Omas Wohnzimmertisch reichte nicht mehr. Mescho und Heine wollten das auch. Ein Atelier mußte her. Da trafen glückliche Umstände zusammen. Mescho war der Neffe des damaligen Stadtdirektors Fritz Heitsch (vgl. Artikel Fritz Heitsch), der Bürokrat und auch Künstler war. Das Amtsgericht war damals gerade aus seinem alten Gebäude an der Bahnhofstraße aus– , die städtische Bauverwaltung eingezogen. Der Dachboden des Gebäudes wurde vom Bauamt nicht benötigt. Da brauchte es nur den kurzen Draht zwischen Fritz Heitsch und dem Leiter des Bauamts, Horst Schulze-Bramey, und die Jungs hatten ein Atelier. Schulze-Bramey ließ ihnen Heizung und fließendes Wasser legen, verpflichtete sie im Gegenzug aber dazu, alle Holzbalken im Raum mit Wasserglas als Feuerschutz zu streichen.

Abb. 1a

Abb. 6: Das erste Atelier

Die Einweihungsfête war legendär, die Menge der dort entstandenen Bilder aber auch. Es war die Zeit des Ausprobierens: Zeichenkohle, Graphitstift, Tusche, Mischtechnik, Tempera & Farbstifte, Blei– & Farbstifte, Ölfarben, erst auf Papier, auch Packpapier, dann auf Leinwand, Siebdruck; zunächst figürlich, bald schon abstrakt – hier fühlte sich die Kunst nach den 1000 Jahren von 33 – 45 frei von Zwang, wurde so zur beherrschenden Form für Jahrzehnte – doch blieben figürliche Elemente erkennbar. Vor allem seine Landschaften von der Algarve von 1965 lassen deutlich die Konturen realer Landschaften erkennen, die Farben sind naturbezogen, doch sind sie so weit abstrahiert, daß sie den Betrachter zu ihrer Entschlüsselung brauchen. Die Farben evozieren jedoch alles das, was der beginnende Wirtschaftswunderdeutsche mit Portugal assoziiert: rot, blau, grün, sandfarben.

Leider hielten die Verkäufe nicht Schritt, Geld wurde also wieder knapp. VKU und Post boten Arbeit ab 4.00 bzw. 5.00 Uhr morgens und passable Bezahlung. Uli griff zu, reinigte Busse, trug Briefe aus. Er konnte sich das Material für weitere Bilder leisten, Geld für das abendliche Bierchen und Schaschlik war auch noch da. Am schönsten waren aber wohl immer die Abende bei Kümper, wenn Fritz Heitsch dort in der Ecke hinter der Theke saß. Dann gab’s Gespräche über Kunst, launige Erzählungen und zur Abwechslung Wein statt Bier, Bocksbeutel. Klar, Fritz Heitsch bezahlte. Und es gab Ausstellungen, in Kamen, Esch/Luxemburg, Mailand, den USA. Und natürlich nahmen die Studenten an Ausstellungen in Berlin teil.

Abb. 22a Blauzeichen 2015 150 x 125 cm Kopie

Abb. 7: Blauzeichen 2015

Der Titel ist wörtlich zu nehmen. Blau in verschiedenen Abtönungen bildet den Grundton des Bildes. Die für Uli Kett typischen Einschüsse gliedern die Fläche, noch in Blautönen. Formen werden identifizierbar. Hinter dem Blau gehen Orangetöne auf.

1968 dann Abschluß des Studiums, danach Meisterschülerprüfung und zwei Semester Meisterschüler bei Prof. Kuhn in Berlin. Zwei Einzelausstellungen in Berlin in diesem Jahr waren aufwendig, aber unergiebig. Alle Künstlerkollegen kamen, die Galerien waren voll, das Bierfaß leer, kein Bild verkauft, die malten die Kollegen sich selber. Aber immerhin stand die Kunst im Mittelpunkt ihrer Gespräche, während heute die großen Galerien eher vom Geld bestimmt werden, wie auch die Frage nach der Qualität (zu) oft vom Preis entschieden wird: je teurer, desto besser. Auktionsrekorde überlagern die Kunst. Wie gut ist Giacometti? 140 Millionen Dollar. Der Kunstmarkt, d.h., Angebot und Nachfrage, bestimmt, was Kunst ist, nicht mehr der Künstler. Und beides kann man „machen“. Damit wird Kunst zur Geldanlage. Nicht ihre Qualität ist allein entscheidend – schon schwer genug zu bestimmen, zumal wenn man sich von der Abhängigkeit von Moden befreien will – sondern die Möglichkeit der Wertentwicklung.

Der politische Umbruch von 68 bewirkte in Ulrich Kett eine veränderte Sicht auf das eigene Tun, wie von außen: es gibt so viele Maler, noch mehr Gemälde bzw. Kunstwerke, dennoch ist Kunst nach wie vor etwas für die Minderheit. Doch die 68er wollten revolutionieren, Neues denken und schaffen. Aus dem Mißtrauen gegen die Elterngeneration (Was hast Du damals gemacht?), dem Protest gegen den Kapitalismus (Intellektuelle trugen plötzlich blaue, kragenlose Arbeiterhemden und 20er-Jahre-Ballonmützen) und dem Verlangen nach mehr Teilhabe an Bildung (auch für das legendäre „katholische Arbeitermädchen vom Lande“ von Georg Picht und Ralf Dahrendorf) erwuchs eine Bewegung, für die „Elite“ mit einem negativen Geruch behaftet war. Der „Mensch“ sollte in den Mittelpunkt allen Tuns rücken. Am besten faßte wohl der Slogan zweier Hamburger Studenten die Stimmung der Zeit zusammen: „Unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren.“ Ulis Berliner Clique setzte das um und gab Kunstkurse in Kinderheimen, Gefängnissen und Behindertengruppen. Damit wurden sie zu Vorreitern einer Bewegung, die derzeit in den Bemühungen gipfelt, durch Inklusion auch denen zu Bildung zu verhelfen, die sich sonst ausgeschlossen fänden. Uli und seiner Ulla, seit 1966 verheiratet, beide richtige 68er, schien das keine Lebensperspektive zu sein, zumal sie eine Art Inselsyndrom entwickelten.

Wir können uns das heute gar nicht mehr vorstellen, aber Berlin war nicht die offene Stadt, in der jeder sich frei bewegen konnte, wie wir sie heute kennen. Sieben Jahre vorher, am 13. August 1961, hatten DDR-Grenztruppen eine Mauer quer durch die Stadt gebaut, getrennt, was doch eigentlich zusammengehörte, und drum herum war DDR. Nirgends konnte man als Berliner oder Westdeutscher hin. Ohne strenge Kontrollen, oft Schikane, durch DDR-Grenzer konnte man nur per Flugzeug aus Berlin raus. Das kostete Geld. Uli hatte aber nun Ausstellungen im Bundesgebiet, Bilder mußten hingebracht werden. Ein Auto hatte er nicht. Es gab nur eine Spedition, die für Kunsttransporte durch die DDR eine Lizenz hatte, ohne Konkurrenz, daher entsprechend teuer, zu teuer für den jungen Künstler. Da blieb nur: ab mit den Bildern in Kartons und auf die (DDR-) Reichsbahn. Aber der DDR-Zoll respektierte kein Postgeheimnis, die adressierte Verpackung wurde geöffnet. Es konnte ja Konterbande darin sein. Und wenn der Inhalt nicht gefiel, und das war für Freunde des Sozialistischen Realismus der Regelfall, dann mußte man dem Klassenfeind schaden. So wurden nicht wenige Bilder von Ignoranten zerstört. Dann Ausstellung adé!  Wahrscheinlich hatten die Zöllner instinktiv begriffen, daß freie Kunst der Art, wie Uli Kett sie malte, einem Regime wie dem im „Ersten Deutschen Arbeiter– und Bauernstaat“ gefährlich werden konnte.

Eines Tages wollte Uli mit einem geliehenen Auto von Berlin nach Bochum fahren, Bilder in eine Ausstellung bringen. Aber dann: Stau auf der Avus. DDR-Grenzer machen „Dienst nach Vorschrift“,  d.h., jedes Auto wird genau durchsucht, vielleicht fand man ja einen „Republikflüchtling“. Das dauerte. Und wieder: Ausstellung adé! (Unsere westlichen Freunde, die Amerikaner, waren übrigens in dieser Beziehung nicht weniger banausisch. Eine Ladung Bilder aus Kamen kam bei einer Ausstellung in Dallas/Texas an, vorschriftsmäßig mit Zollstempeln versehen – auf der Vorderseite!) Kurz gesagt: die Chance auf eine erfolgreiche künstlerische Karriere in Berlin und von dort aus war fast Null.

Das Gute an 68, dieser Aufbruchszeit, war, daß nun jedermann die geforderte Teilhabe an Bildung zugute kommen sollte und es überall Schulversuche gab. Vor allem NRW tat sich mit einer Vielzahl von Gesamtschulgründungen hervor. Und so zogen Uli und Ulla mit Sack und Pack von Berlin nach Kierspe, wo Uli an den vorbereitenden Planungen für die spätere Gesamtschule Kierspe mitarbeitete, dort in der Sekundarstufe II lange Jahre unterrichtete und schließlich auch noch am Lehrplan Kunst für Gesamtschulen in NRW für die Sekundarstufe I mitarbeitete. Planerische, bürokratische Arbeit bedeutete natürlich, selber malen ging erst einmal nicht mehr. Jetzt war der Planer, Organisator, Didaktiker gefragt. Dabei entwickelte Kett neue Formen des Kunstunterrichts, er ließ in Projekten arbeiten. Eine Aufgabe konnte z.B. lauten: „Ich mache mir ein Bild vom Tod.“ Oder: „ Das Bild  der Frau im 20. Jh.“ Und dabei waren alle Darstellungsformen erlaubt. Das Ziel war, Bewertbarkeit, Vergleichbarkeit mit anderen Fächern herzustellen, Kunst war schließlich auch Abiturfach.

Abb. 22b Immer morgens 2015 90 x 110 cm Kopie

Abb. 8: Immer morgens, 2015

Wie bei Abb. 7 ist der Grundton Blau. Von links wie von rechts ragen die Einschüsse hinein, der rechte nach außen hin gegabelt, organische Formen versprechen Ende und Beginn, geht das Tageslicht auf oder unter? Ironie?

Ulrich Kett wollte die Kunst aus den Galerien hinaustragen, aus den Büros, Sparkassen und Arztpraxen, ihr das „Heilige“ nehmen. Hier ist er immer noch der 68er. Man ist an die bbb (Bergkamener Bilder Basare) erinnert, wo Dieter Treeck in den 1970er Jahren „Kunst zum Kumpel bringen“ wollte, da der „Kumpel schon nicht zur Kunst“ kam. Kunst soll den Menschen in seinem Alltag begleiten, nicht nur eine Wohnzimmerveranstaltung sein. Kett hat nichts dagegen, wenn seine Bilder auch schon mal in einer Küche hängen, wenn ihre Besitzer ihr Leben von Kunst umgeben haben wollen, ständig in Gefahr, bespritzt zu werden. Dennoch verlangt er, daß der Mensch die richtige Einstellung zur Kunst mitbringt: geht er zu einer Vernissage, sollte er das tun, als wenn er zum Konzert ginge: in guter Kleidung und mit der richtigen Einstellung, offenen Sinnes, eben zu einer besonderen Veranstaltung.

Aber der Künstler will selber schaffen, ohne seine Kunst ist er kein Künstler mehr. Zaghaft, tastend fing Uli wieder an zu malen, wie seinerzeit in der Grundlehre im Studium, gegenständlich, kleinformatig, Heiteres und Surreales, das half am Anfang, endete aber in einer Sackgasse. Wichtiger als das „Produzieren“ von Bildern wurde ihm die Erfahrung des Arbeitsprozesses. Da gab es zwei Möglichkeiten: zu malen, was er sah oder zu sehen, was er malte.Ulrich Kett malt nicht, was er sieht, sondern er sieht, was er malt. Er malt nicht (mehr) die Natur ab, seine Kunst schafft sich ihre eigene Natur. Daraus entwickelte sich, wie er es selber nennt, ein „Lust-Quäl-Prozeß“. Hin und weg. Hin(zufügen) und weg(nehmen). Aber das „Weg“ ist nie ganz weg. So wird Sehen zum Ahnen, Assoziationen entstehen. Das, was man in der Geschichte der Literatur und der Schreibkunst ein Palimpsest nennt, das war es, was Uli anstrebte. So wird der „Inhalt“ eines Bildes so lange reduziert, bis nur noch Flächen und Linien übrigbleiben, Farbe und Form. Aber unter der Oberfläche schlummert alles, was je dort war. Er malte, wozu er Lust hatte. „Ein Bild ist erst dann fertig, wenn ich es (das Bild) aushalte”. Er selbst sagte dazu einmal: „Ich male aus dem Bauch heraus, aber einen Bauch muß man auch erst einmal haben.“

Kett hat auch klare Vorstellungen davon, was Kunst kann und soll. Wenn es also von einem neuen Namen auf dem Kunstmarkt heißt, dieser Künstler überschreite die Grenzen der Kunst, dann sagt Kett nur: „Quatsch, wahre Kunst hat keine Grenzen.“ Seit der Dokumenta V ist auch Kitsch Kunst. „Kunst ist, was  Künstler  herstellen.” Selbstbewußt oder schon arrogant?

Die 1980er Jahre brachten auch die Beschäftigung Ketts mit anderen Künstlern, den Heroen der Kunstwelt, als er Leonardo da Vincis „Abendmahl” nachstellt: Liebermann, Bruegel, van Dyck, Picasso, Dix, Beckmann, Dali, Dürer, Rubens, Corinth, Wunderlich, Hausner, Rembrandt treten gemeinsam auf in seinem Bild „Geschichten über Kunstgeschichte: Die Jury bei der Arbeit.“ Die Ähnlichkeit der Gesichter mit den uns bekannten Vorlagen ist frappierend. Vielen Künstlern heute fehlt das handwerkliche Rüstzeug, man muß zeichnen können, richtig hinsehen. Das kann Kett. Und macht sich gleichzeitig über sie lustig in dem Bild „Die Vielsichtigkeit beim Trinken ist normal“, auf dem der betrunkene künstlerische Archetyp eine Frau gleich viermal sieht. Alternativ kann der Betrachter auch glauben, die zentrale Figur in diesem Bild sei Teil eines Renaissance-Gemäldes und der Maler habe die Frau im Hintergrund viermal gesehen und gemalt. Hier ist Kett hintergründig und vieldeutig. Wenn der Künstler so viel Zeit und Mühe in ein Bild steckt, braucht auch das Publikum Zeit zum Betrachten und muß sich Mühe geben. Der Betrachter soll „betrachten“, sich Zeit lassen dabei, es sich langsam erschließen, immer wieder Neues dabei entdecken. Weiteres Beispiel: „Landschaft in NRW“: Landschaft ist immer Ausschnitt, ob NRW oder Hessen, ist gleichgültig, doch der Betrachter ist erst verblüfft, dann wird es ihm dämmern. Wichtig ist, daß Kunst ihm gefällt, daß er aber weiß, warum oder warum nicht. Es steht ihm vollkommen frei, sich eine eigene Vorstellung von dem Bild zu machen. Der Künstler formuliert das so: „Alles dient zum Anlaß für das eigene Sehen – ein gestalterisches Sehen.“ Die Freiheit des Malers bedingt auch die Freiheit des Betrachters.

Ironie fasziniert Kett: auf einem Bild dieser Zeit, betitelt „Die Hl. Drei Könige betrachten das Jesuskind“, eigentlich ein Thema, das seit Jahrhunderten Standardmotiv der Malerei ist, geht Kett einen anderen Weg. Die drei Könige schauen aus dem Bild heraus den Betrachter an! Und der ist wieder verblüfft.

Surreale Darstellungen nehmen Anfang der 1980er Jahre einen breiten Raum in Ketts Werk ein. Auf „Die Arche der natürlichen Art“ (schon der Titel ist doppeldeutig: die Arche selber ist von „der natürlichen Art“, sie nimmt aber auch „die natürliche Art“ auf) thronen Zwiebeln und eine Birne jeweils auf einem Eisberg. Wir wissen, daß diese Eisberge schmelzen werden, die darauf sich gerettet wähnende Natur im Meer versinken wird.

Abb. 25 Kopie

Abb. 9: Das Zerbrochene Spiel, 1981

Der Prophet Ulrich Kett zeigt in diesem Bild einen sich weit ausdehnenden trocken-rissigen Boden, eine Wüstenei, vertrocknetes, von Insekten zerfressenes Obst und ein verzweifelt schauendes Kind, über allem steht bedrohlich ein riesiger Heizkörper, wie wir ihn zum Beheizen unserer Häuser benutzen. Er nimmt in seinem Bild das beherrschende Thema unserer Tage vorweg: der Heizkörper symbolisiert menschliches Tun, Verantwortung für das Klima.

Ein weiteres Thema, das unseren Alltag betrifft, ist das Auto. Mittel des Transports, aber für manche auch Symbol der Freiheit. In Ketts Bildern kann es sich als beschützende Hülle um den Menschen legen, als Bedrohung anderer empfunden wurden, einzeln oder in Massen auftreten. Hier ist Kett der politische Maler.

Langsam arbeitete er sich wieder an seinen künstlerischen Stand von Berlin heran. Das Malen wirkte wie eine Befreiung. Seine ersten großformatigen Bilder in dieser neuen Phase sind so farbig, wie sie nie zuvor waren, wahre Farbexplosionen zeigen, wie befreit der Künstler sich fühlte.

Das Gebäude der Dorfschule Kierspe, erst neun Jahre alt, stand eines Tages leer, mitten im Grünen, Wald und Wiesen als Nachbarschaft. Dorfschulen waren in NRW abgeschafft worden, eine Anschlußnutzung war nicht in Sicht. Das war die Gelegenheit für die beiden Ketts, zu einem Heim zu kommen, das auch die Möglichkeit bot, die großformatigen Bilder, die längst Ulis Markenzeichen geworden waren, zu malen und aufzuhängen. Die Stadt Kierspe wollte das Gebäude loswerden, weil ein nicht benötigtes Gebäude zu unterhalten schlicht zu teuer ist. Hinzu kam, daß die Heizkosten phänomenal waren, weil es ein typischer 60er-Jahre-Bau war, mit großen Fensterfronten und der damals üblichen Dämmung: gar nicht. Hier trafen der Wunsch, zu verkaufen und der nach einem eigenen Heim zusammen. Man traf sich in einer vernünftigen Mitte und so wurde die ehemalige Schule, nach geringfügigen Umbauten, für 40 Jahre das erste eigene Zuhause der Ketts. In dieser ländlichen Abgeschiedenheit entstanden nun die neuen Bilder, in ländlicher Idylle, bis zu 25 Kettsche Heidschnucken auf den Wiesen drumherum.

Ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre läßt sich in seinen Bildern so etwas wie „abstrakte Figürlichkeit“ erkennen, wenn es so etwas überhaupt gibt. Wir erkennen Figuren, Körper, Körperlichkeit, können aber keine konkreten Formen sehen, identifizieren, sie nur erahnen.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Abb. 10: Luft Wasser Erde, 1997

Abstrakt und doch auf den ersten Blick klar. „Luft, Wasser, Erde“. Weiß, blau, erdig-braun-grün. Leichtigkeit und Schwere. Oben und Unten. Zwei Diagonalen schießen ins Bild.

Kett wählt organische Formen für seine Darstellungen, sogar für Anorganisches wie Stahl. Hier tritt etwas für seine späteren Landschaften Typisches in seine Bilder: durch (fast) monochrome Flächen schießt ein senkrechter, waagerechter, diagonaler, gerader oder gekrümmter Strahl, der die Fläche gliedert, ein dynamisches, strukturierendes Element. Beschleunigung und Verlangsamung. Solche ast–, zweigartigen „Strahlen“ veranlassen Kett, diese „linearen Großstrukturen“ in Großplastiken umzusetzen, die, in Landschaften gestellt, den Raum gliedern.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Abb. 11. Grüne Fahne, 1992

Man könnte Ulrich Ketts Sinn für Ironie vermuten, wenn man nicht sein Prinzip des „Hin & Weg“, des Palimpsests, kennte. Alles, was vorher da war, ist noch unter der Oberfläche vorhanden. An der Oberfläche ist das Grün nur noch zu erahnen.

Die erste Ausstellung des neuen Ulrich Kett fand 1975 in Lüdenscheid statt. Seine Arbeiten wurden jetzt oft der art informel zugeordnet. Uli war das egal, er malte, was er wollte und konnte. Und damit begann eine außerordentlich fruchtbare Phase, in der 864 Bilder entstanden. Das war ein Konvolut, das zum Teil in Buchform (Kett, Band I + II, ISBN 3 – 9808670 – 0 5)  veröffentlicht wurde . Aber weil es so viele Bilder waren, kam Kett in mit der Erfindung von Titeln in Not. Da hat er die Jahre nach dem Alphabet benannt. 2003 war z.B. das O-Jahr. Das führte aber zu neuen Problemen. Wer weiß etwas anzufangen mit Titeln wie: Obsequent, Observanz, OD, Obligat, Observabel, Offerent? So ließ er sich bereitwillig überreden, wieder „literarische Titel“ zu machen wie „Das was Elger Esser uns (zu Recht) nicht zeigen wollte“ oder „Irgendwie war der Molch unter den Fluss geraten“.

Abb. 5 Das, was Elger Esser uns (zu recht) nicht zeigen wollte 2009 110 x 90 cm Kopie

Abb. 12: Das, was Elger Esser uns (zu recht) nicht zeigen wollte, 2009 


Abb. 6 Irgendwie war der Molch unter den Fluss geraten 2009 110 x 90 cm Kopie

Abb. Nr. 13: Irgendwie war der Molch unter den Fluss geraten, 2009

Die fast monochrome Bildfläche wird grob strukturiert. Ganz weit am oberen Rand entdeckt der Betrachter, blau eingefaßt, einen „Fluß“, unter dem eine Figur mit vier Beinen entfernt an ein lebendes Wesen erinnert, und rechts daneben noch einmal. Der Betrachter setzt seine Vorstellungskraft ein.

So nahm er als Vorlage für Abb. 12 ein Photo von Elger Escher. Der hatte eine bretonische Küstenlandschaft photographiert und dann das Photo so lange „reduziert“, bis nur noch zu ahnen war, was da eigentlich abgebildet war. Oder auch nicht mehr. Uli hat dieses Verfahren anders herum angewandt: durch die Hinzufügung von Linien und Farben (trotzdem fast nur Weiß und Grautöne) wieder ins Bild hineingegeben, was Escher vorher herausgenommen hatte. So zeigt er, daß das Originalbild auch ohne diese Hinzufügungen funktioniert, ja, sogar besser ist. Deswegen sagt er: „… (zu recht) nicht zeigen wollte.“ Daher zeigen seine eigenen Bilder auch immer weniger. Man könnte fast sagen, daß Uli in seinen besten Bildern alles ausläßt außer der Magie.

1990 erhielt er den Ida-Gerhardi-Publikumspreis der Stadt Lüdenscheid. Es folgten viele weitere Ausstellungen, weit über 100, Vertretung durch mehrere Galerien, Vertretung und Verkäufe auf der Art Cologne, besonders erfolgreich eine Einzelausstellung in Löwen/Belgien.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Abb. 14: Saison, 2006

Wer genau hinschaut, könnte ein weites Bergtal erkennen, überall Schnee, Felsspitzen und ein Stück blauen Himmels ragen aus ihm heraus. Wintersaison? Die dunklen Einschübe unten links und rechts erwecken den Eindruck, man stehe auf einer gegenüberliegenden Höhe und nähme die Weite des Anblicks in sich auf.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Abb. 15: Ich weiß es auch nicht so genau, 2006

Deutlicher als in Abb. 14 ragt ein grauer Berggipfel in den grauen Himmel, oben verläuft ein Grat diagonal von links nach rechts. Doch da ragt ein Fremdkörper ins Bild hinein. Der Künstler „malt aus dem Bauch heraus“, das, was dabei herauskommt, überrascht ihn. „Ich weiß es auch nicht so genau.“ (Größer könnte der Unterschied zu seinem Freund und Malerkollegen Helmut Meschonat nicht sein: bei Kett entstehen organische Formen aus dem Bauch, Helmut Meschonat konstruiert streng geometrische Formen. Doch beider Bilder „entwickeln sich“.)

Ab 1994 malt Kett Gesichter, die auf den Betrachter wirken, als seien sie Landschaften. Zwei Jahre später beginnen auch so genannte Landschaften sein Malen zu beherrschen: Urbane Zonen, Wasser, Großes Haus für M, Bebautes Wasser – so lauten jetzt die Titel. Und später: Neue Kräfte, Zweimal durch, Saison, Stadtlandschaft, Naturlandschaft, Stimmungslandschaft, Seestück, Landschaftsporträt in NRW. Landschaft ist nur noch als Erinnerung, als Ahnung erhalten. Die Kunsthistorikerin Dr. Carolin Krüger-Bahr schreibt in der Broschüre „Ulrich Kett, Landschaften“: „Ketts Bilder zeigen natürlich keine bestimmten Orte. Und natürlich vermag der Betrachter keine klar identifizierbaren Landschaften wiederzuentdecken. Vielmehr rühren die formale und die farbliche Gestaltung einer jeden Arbeit an die Erinnerung, die jeder Mensch an Natur und Landschaft hat: Weite und Horizont oder Enge und Berg/Tal.“

Abb. 9 Stadtlandschaft 1 2014 60 x 75 cm Kopie

Abb. 16: Stadtlandschaft 1, 2014 

Der Betrachter fragt sich: Wo ist hier Stadt? Wo Landschaft? Vielleicht kommt er der Sache näher, wenn er sich die „Stadtlandschaft“ als Photo aus dem Weltraum vorstellt. Dann erscheinen Strukturen unter Wolken, die für menschliches Leben als geeignet erscheinen.

Abb. 9a Stadtlandschaft 2 2014 110 x 90 cm Kopie

Abb. 17: Stadtlandschaft 2, 2014

Besonders deutlich wird Ketts Technik des Palimpsests in seinem Bild „Noch Rot“. Immer wieder entfernte er alles, was er am Anfang auf die Leinwand aufgetragen hatte, fügte stattdessen Neues hinzu. Das Ergebnis: nur noch an wenigen Stellen scheint Rot durch. Der dominierende Eindruck ist Blau. „Noch Rot“.

Abb. 10 Noch rot 2014 110 x 90 cm Kopie

Abb. 18: Noch rot, 2014

Ende der 80er Jahre zwangen Uli schlimme Krankheiten zu längeren Pausen. Das sieht man auch seinen Bildern aus dieser Zeit an. Sie werden von Weiß und Grautönen dominiert, bis hin zur Monochromie.

Trotz aller internationalen Erfolge vergaß Uli seine Heimatstadt Kamen nicht. Ausstellungen seiner Großformate gab es zu sehen in der Kamener Stadthalle, kuratiert von Reimund Kasper, und im Haus der Kamener Stadtgeschichte, zusammen mit den alten Freunden aus der Zeit der „Gruppe Schieferturm“, Helmut Meschonat und Heinrich Kemmer.

Jetzt hat der Künstler sich weitgehend vom Trubel des Kunstbetriebs zurückgezogen, malt auch  viel weniger. Doch zeigen die Bilder aus den letzten beiden Jahren immer noch (oder wieder?) die Kraft, die den Maler UK beflügelte und befähigte, Hunderte von Bildern in wenigen Jahren zu malen.

Abb. 11 Blaues Bild mit hohem Bogen 2006 200 x 460 cm Kopie

Abb. 19: Blaues Bild mit hohem Bogen

Der Einfluß des Bauhauses auf die Architektur ist unübersehbar. Sparsam werden Farben eingesetzt, weiß und schwarz. Wie dekorativ wirken Uli Ketts Bilder hier! Das Format nimmt den Bauhausstil auf, fast monochrom blau, streng rechteckig. Doch das intensive Blau bildet den Kontrapunkt zur Farbgestaltung des Raumes. Erst durch diese „Gegenstimme“ verliert der Raum seine Kälte. (In Lüdenscheid und Umgebung, wo UK seit Jahrzehnten wohnt, hängen in Firmen und in öffentlichem Besitz 35 z.T. sehr große Arbeiten. Das Triptychon in Abb. 19 hat 2 m x 4,6 m!)

Klaus Holzer

im Januar 2016

Dank an Ulrich Kett, der sich einen ganzen Tag für mich Zeit nahm und mit dem sich zu unterhalten eine große Freude war. Abstecher in die Philosophie und die Theologie gelangen mühelos. Und  Dank auch für die Bereitstellung des Bildmaterials. Alle Photos, bis auf Nr. 2 & 3, sind von Rainer Halverscheid

Antonius Praetorius, der erste Kämpfer gegen Hexenprozesse

von Klaus Holzer

Antonius Praetorius, geb. um 1560 in Lippstadt, gest. 6.12.1613 in Laudenbach a/d Bergstrasse

Antonius Praetorius

Antonius Praetorius, gesehen von Reimund Kasper

Wie unschwer zu erkennen ist, ist der Name des Mannes lateinisch. Und das, obwohl er als Sohn des Matthes Schulze in Lippstadt geboren wurde. (Der Name „Schulze“ kommt von „Schultheiß“, d.h., es handelt sich um jemanden in herausgehobener Position, einen Verwalter, der „jemanden heißen kann, dem Grundherrn Verpflichtungen (=Schuld) abzuleisten“, der also bestimmt, was und wieviel jemand an Abgaben und Diensten an den Fron– bzw. Lehnsherrn zu leisten hat.) Dieser hatte mit seinem Sohn Großes vor und schickte ihn zur örtlichen Lateinschule. Und schon zu Hause in Lippstadt hatte Anton mit 13 Jahren ein Erlebnis, das später sein Leben bestimmen sollte: er wird Zeuge eines Hexenprozesses und erlebt, was die Anwendung der Folter mit Menschen macht. Er wurde Zeuge, wie Frauen hinausgeführt und verbrannt wurden, „nur darum, sie hätten mit dem Satan … gezecht, getanzt, bebuhlt und Wetten gemacht; welches doch alles ihrer Natur zuwider und unmöglich gewesen“.

Mit 21 Jahren hat er eine theologische Ausbildung absolviert und sich fundierte Bibelkenntnisse erworben, die ihm später bei seiner Argumentation gegen die Hexerei nützlich sein werden. Er wird Lehrer und nennt sich fortan „Antonius Praetorius“ (AP), was eine Übersetzung des Familiennamens ins Lateinische ist. Damit folgt er der humanistischen Tradition, den Namen zu latinisieren, damit die gelehrte Disputation, die vorherrschende Form des wissenschaftlichen Streits, in der lingua franca des Mittelalters (MA) geführt werden konnte. (Das Lateinische ist eine synthetische Sprache, d.h., alle grammatischen Umstände werden durch Formen bestimmt und zum Ausdruck gebracht, es finden sich Bedeutung und grammatische Kategorien in einem Wort, daher können z.B. deutsche Namen wie „Schulte“ im Lateinischen nur äußerst umständlich verwendet werden.) 

1580 geht er als Lehrer nach Kamen. Hier heiratet er 1584 Maria, eine Kamenerin, die ihm 1585 den Sohn Johannes gebiert. Offenbar ist er ein guter Lehrer, er erwirbt sich bald Ansehen. Schon 1586 wird er zum Rektor der Kamener Lateinschule ernannt – der Vorläuferin des heutigen Städtischen Gymnasiums – was durch eine vom Urkunde vom 28. April 1586 im Kamener Stadtarchiv belegt ist.

Abb. 0a. Schulurkunde mit AusschnittAbb. 1: Urkunde vom 28. April 1586 

Die Stifter schreiben in der besagten Urkunde, „das die Schuele alhier zu Camen ettliche viele Jahren hero mit erfarnen fließigen Schuldienern nitt fast woll versehenn  gewesenn“. Sie erklären dann, daß „ … dahero die Jugendt ubell erzogenn, alß wilde Rancken auferwachsenn unnd jetzo auf heuttige stunde ein gewißer  Verlauf und mangell bei Burgschaft und gemeinde dieser Stadt gespuiret würdt.“ Es bedürfe aber „erfarner christlicher Schuelldiener, … Sinthemall dadurch die junge anwachsene Jugendt vonn Kindt auf zu Gottsfruchtt, guiter Lehr, Künsten, ehr, Zuchtt unnd tugendt dermaißenn angeführet unnd aufertzogen wurdt“.

Offenbar trauen die Stifter AP zu, die Dinge in Ordnung zu bringen und geben ihre „Donation, gifft, contribution und ordnung“ „zu befuderung seiner christlichen Kirchen und gemeinden, auch dieser Stadt Burgerschaft, und den benachbarten zu Dienst, nutz und besten“.

Damit das möglich wird, stiften 14 Bürger, darunter auch der Bürgermeister Joachim Buxtorf, insgesamt 1520 Taler und 72 Taler Rente pro Jahr, weil „die Mittel der Unterhaltung der Schuldiener zu gering seien und Kirche und Staat wegen eigener Bedürftigkeit nicht zulegen können“. (zit. aus Theo Simon, Die Geschichte der Schule, in: 100 Jahre Städtische Höhere Lehranstalt Kamen, Festschrift 1958; Übersetzung bzw. Zusammenfassung: unter einem Mangel an erfahrenen Lehrern gelitten habe; woher die Jugend übel erzogen sei, als wilde Rangen aufgewachsen sei, und daß Bürgerschaft und Stadt diesen Mangel spürten; da ja dadurch die heranwachsende Jugend von Kind auf zu Gottesfurcht, guter Lehre, den Künsten ( = hier sind gemeint die septem artes liberales, an erster Stelle Grammatik: Lateinische Sprachlehre und ihre Anwendung auf die Werke der klassischen Schulautoren), Ehre, Zucht und Tugend ( = zu tugendhaftem Verhalten) angeleitet und erzogen werden; sie geben ihre Stiftung und deren Ordnung zur Unterstützung der christlichen Kirchen und Gemeinden, der Bürgerschaft Camens und benachbarter Orte zu ihrem Nutzen und Besten.)

Abb. 0bAbb. 2: Widmungsseite der Ausgabe von 1613

Zwei weitere Stifter, Hermann Reinermann und Johann Bodde, dazu Pfarrer Wilhelm Schulenius, werden ihn im Jahre 1613 noch einmal unterstützen: sie erscheinen als Praetorius’ Unterstützer auf der Widmungsseite der dritten Auflage seines Buches „Gründlicher Bericht von Zauberey und Zauberern/ darinn dieser grausamen Menschen feindtseliges und schändliches Vornemen/ und wie Christlicher Obrigkeit ihnen Zubegegnen/ ihr Werck zuhindern/ auffzuheben und zu Straffen / gebüre und wol möglich sey … kurtz und ordentlich erkläret. Durch Joannem Scultetum Westphalo-camensem. Gedruckt zu Lich/ in der Graffschaft Solms bey Nicolao Erbenio“. Darin behandelt er das Zauberwesen, die Folter und die Rolle der Obrigkeit im Hexenprozeß. Mit Argumenten aus der Bibel distanziert er sich von Calvins und Luthers Aufrufen zur Verbrennung der Hexen und forderte die Abschaffung der Folter.

Abb. 1a, Titelseite 1602

Abb. 3: Gründlicher Bericht, 2. Auflage 1602

Abb. 1 Titelseite 1613

Abb. 4: Gründlicher Bericht (Facsimile-Titel, 3. Auflage von 1613)

Allerdings hält es ihn in Kamen nicht lange. Hartmut Hegeler, der sich wohl am ausführlichsten mit AP auseinandergesetzt hat, vermutet unter den Gründen auch die Fehlgeburten, die seine Frau in den nächsten Jahren hatte, und ihren dadurch verursachten frühen Tod. Schon 1587 wird er lutherischer Diakon in Worms. Bevor er 1589 zweiter Pfarrer in Oppenheim wird, wechselt er von der lutherischen Lehre zum Calivinismus und wird noch 1589 reformierter Pfarrer in Dittelsheim. AP war überzeugt, daß die Radikalität der Botschaft Christi, wie Calvin sie verkündete, die fortschrittlichste Variante der Reformation war. 1596 schon veröffentlicht er seine Schrift De Pii Magistratus Officio (Des frommen Amtsträgers Pflicht), in der er eine bibelorientierte Erneuerung von Kirche und Nation gemäß Johannes Calvins Lehren fordert.

In der Mission für die Verbreitung der calvinistischen Konfession fand er sein erstes Lebensthema. Schon 1597 veröffentlicht er sein „Haußgespräch. Darinn kurz doch klärlich und gründlich begriffen wird/was zu wahrer Christlicher Bekanntnuß/auch Gottseligem Wandel gehörig/und einem jeden Christen vornemlich zu wissen von nöhten“ . Des weiteren mischt er sich in den Streit mit den Lutheranern um das Abendmahl ein. Nach einem Disput mit dem Mainzer Erzbischof über die Marienverkündigung nach der Rekatholisierung von Oberwöllstadt wurde er für ein paar Tage ins Gefängnis geworfen, kam erst nach dem persönlichen Eingreifen seines Landesherrn wieder frei.

Seit 1560 herrschte in Mitteleuropa die „kleine Eiszeit“: extrem kalte Winter und nasse Sommer führten zu Mißernten, daraus erwuchsen Hungersnöte, das Vieh starb, Krankheiten breiteten sich aus. Nur in zwei der über 40 Jahre gab es normale Ernten. Kriege, Krankheiten und Katastrophen erzeugten bei den Menschen Angst und Panik. Es herrschte Endzeitstimmung. Um 1590 wüteten spanische Truppen in Deutschland. Eine Pestepidemie raffte an manchen Orten die Hälfte der Bevölkerung hinweg.

Da im MA Naturereignisse als gottgegeben verstanden wurden, war eine solche Katastrophe das Zeichen für die göttliche Bestrafung des Menschen für sein sündiges Leben oder das Ergebnis eines Schadenszaubers durch Hexen. Dann suchte man sich einen Sündenbock (Sündenbock: ein Ziegenbock, auf den am Versöhnungstag durch den jüdischen Hohepriester [nach 3, Mose 16] symbolisch die Sünden des Volkes übertragen wurden und der anschließend, mit diesen „Sünden beladen“, „in die Wüste geschickt“ wurde), z.B. eine Hexe, die man verbrannte. Die Kamener verhielten sich zivilisierter, hier gab es keine Hexenverbrennung. Hier verursachte die kleine Eiszeit die Hinwendung zum Reformierten Glauben in den 1590er Jahren. Diese Variante der Reformation war besonders streng, ihre Anhänger glaubten sich Gott besonders nahe.

Bei vielen mittelalterlichen Gelehrten fällt auf, wie breit ihre Interessen gefächert waren, wie sehr ihr Spezialistentum, im Gegensatz zu heute, nur eine Facette ihres Schaffens darstellte (vgl.a. Johannes Buxtorf und Hermann Hamelmann). AP veröffentlicht 1595 die erste bekannte Beschreibung des Heidelberger Großen Fasses „De Vas Heidelbergense“, ein wahrlich nicht sehr theologisches Thema, wenngleich er es als Symbol für die Überlegenheit des reformierten Glaubens preist.

Abb. 2 Faß HeidelbergAbb. 5: Das Heidelberger Faß

1593 wird AP Zeuge des Dalberger Hexenprozesses und empört sich über „schändliche, närrische und greiflich lügenhafte Dinge von teuflischer Gemeinschaft“ dermaßen, daß er zum ersten Mal dagegen anschreibt.

1596 starb seine zweite Frau an der Pest. Er verlobte sich ein weiteres Mal, doch schon drei Tage nach der Ankündigung der Hochzeit starb seine Verlobte.

Abb. 2a KarteAbb. 6: Wirkungsbereich des Antonius Praetorius

Sein entscheidendes Lebensthema fand AP im Jahre 1597, als er als Pfarrer in Ysenburg-Birstein in der Nähe Frankfurts am Main angestellt war. Als die Bewohner des Ortes gegen vier Frauen des Ortes einen Hexenprozess forderten, wurde AP vom Grafen, der ihn als fürstlichen Hofprediger angestellt hatte, zum Mitglied des Hexengerichts berufen. In dieser Funktion erlebte er, wie grausam die Folter gegen die vermeintlichen Hexen angewandt wurde, um ihnen das Geständnis abzupressen, als Hexen den Schaden an Menschen, Tieren und der Ernte (während der kleinen Eiszeit) verübt zu haben. AP, der Ortspfarrer, ist außer sich vor Zorn. Als er sieht, was bei der Folter geschieht, kann er nicht still bleiben: „O Ihr Richter, was macht Ihr doch? daß ihr schuldig seid an dem schrecklichen Tod Eurer Gefangenen? Ihr seid Totschläger! Gott schreibt es auf einen Denkzettel! Welche Richter zu der Ungerechtigkeit Lust haben und unschuldiges Blut vergießen, werden in Gottes Hand zur Rache verfallen und sich selbst in die unterste Hölle hinabstürzen!“ So schreibt er es in seinem „Bericht“.

Eine der Frauen stirbt an der Folter, die anderen drei bleiben noch vier Wochen in Haft, bleiben so lange von der Folter verschont. Dann jedoch werden sie zum zweiten Mal dem „peinlichen Verhör“ unterworfen, werden erneut zwei Tage lang gefoltert. Zwei weitere Frauen sterben. „Sind also drey Weiber im Gefengnuss umbkommen/und kan noch niemand sagen/wie/wem//was/sie böses gethan“.

Abb. 3 Vorrede BerichtAbb. 7: Aus der Vorrede zum Gründlichen Bericht

Er verlangt die Einstellung der Folter und die sofortige Freilassung der Beschuldigten so heftig, daß die einzige überlebende Gefangene freigelassen wird. Es ist kein weiterer Fall bekannt, daß ein Pfarrer während eines Hexenprozesses die Beendigung der von ihm als unmenschlich erkannten Folter verlangte und damit Erfolg hatte. Im Prozeßprotokoll heißt es: „weil der Pfarrer alhie hefftig dawieder gewesen, das man die Weiber peinigte, alß ist es dißmahl deßhalben underlaßen worden. Da er mit großem Gestüm und Unbescheidenheit vor der Tür angericht den Herrn D. angefürdert und heftig CONTRA TORTURAM geredet.”

Abb. 4 Prozeßakte 1597Abb. 8: Auszug aus dem Protokoll von 1597

Angesichts der Stimmung zu der Zeit und der Umstände ist es nur natürlich, daß AP daraufhin seine Stelle als Hofprediger verlor. 1598 wurde er Pfarrer in Laudenbach an der Bergstraße. Doch sein Erlebnis in Birstein läßt ihn nicht mehr los. Jetzt beginnt er seinen Kampf gegen den Hexenwahn und die damit einhergehenden unmenschlichen Foltermethoden und schreibt seinen „Gründlichen Bericht“ (s.o.). Er fordert Verteidiger für die der Hexerei Angeklagten, ihre Gleichbehandlung und mehr als nur einen Zeugen gegen sie. Grundlage seiner Argumentation bleibt immer die Bibel, das AT und das NT.

Grundlage für die Hexenverfolgungen war zum einen die Bulle (lat. bulla – Kapsel, Schutzkapsel für Metallsiegel, auch das Metallsiegel selbst; seit dem 13. Jh. ein päpstlicher Erlaß über wichtige kirchliche Angelegenheiten, in lat. Sprache auf Pergament geschrieben) Summis desiderantes affectibus (Hexenbulle) Papst Innozenz‘ VIII. von 1484 und der Malleus Maleficarum (Hexenhammer) des Dominikanermönchs Henricus Institoris (Heinrich Kramer), der 1486 in Speyer veröffentlicht worden war und über zwei Jahrhunderte zur Legitimation dieser Praxis diente. Und die Schuldvorwürfe konzentrierten sich auf folgende vier Punkte:

  1. Hexen haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.
  2. Das geschieht in der Form der Teufelsbuhlschaft (Eheschließung) und gipfelt im Geschlechtsverkehr mit dem Teufel.
  3. Sie üben Schadenszauber aus: an Menschen, Tieren, Ernten und Wetter.
  4. Sie nehmen am Hexensabbat teil, daher kennen sie alle anderen Hexen und müssen deren Namen im Verhör nennen.

AP wußte genau, in welcher Gefahr jeder schwebte, der gegen Hexenprozesse zu Felde zog. Daher wurde sein „Gründlicher Bericht“ zunächst unter dem Namen seines 13-jährigen, in Kamen geborenen, Sohnes veröffentlicht. (Durch „Joannem Scultetum Westphalo-camensem“ ist sein Pseudonym: Johannes Schulze aus Kamen in Westfalen. Er selber war ja als Antonius Praetorius bekannt. Und lange Zeit hat wirklich niemand diese Schrift mit AP in Verbindung gebracht. Das ist die zweite Möglichkeit der Latinisierung: man hängt eine lateinische, d.h. deklinierbare Endung an den deutschen Namen an.) Erst vier Jahre später, 1602, traut er sich, die zweite Auflage unter seinem eigenen Namen herauszubringen. 1613 erscheint die dritte Auflage, zu der AP ein Vorwort schreibt und die durch Gutachten lutherischer Theologen untermauert wird, was bedeutet, daß sie zu einem überkonfessionellen Appell gegen Folter und Hexenprozesse wurde. Und es zeigte sich auch, daß es in ganz Deutschland Menschen aller Stände gab, die gegen Hexenprozesse waren und daß AP mit seinem „Gründlichen Bericht“ sozusagen offene Türen einrannte. Er war es, der sich als erster öffentlich äußerte und die Bibel wie auch menschliche Vernunft gegen die Hexenhysterie und die ungesetzliche Anwendung der Folter durch die Justizbehörden setzte.

Damit wir uns ein Bild davon machen können, mit welcher Vehemenz AP zu Werke schritt, hier ein paar Zitate aus seinem „Bericht“ (zit. nach Wikipedia, „Anton Praetorius“):

„Es muss ein Ende sein mit der Tyrannei, die bisher viele unterdrücket, denn Gott fordert Gerechtigkeit.“

„Es sollten die obersten Herren gelehrt sein in Gott, fromm und ein Vorbild. … Christliche Obrigkeiten sollen das Werk der Zauberer auf christliche Weise hindern und strafen.“

„Ihr seid im Unrecht. Ihr steht in des Kaisers Strafe, denn Ihr seid für mutwillige und öffentliche Totschläger und Blutrichter zu halten!“

„Welche Richter zu der Ungerechtigkeit Lust haben und unschuldiges Blut vergießen, werden in Gottes Hand zur Rache verfallen und sich selbst in die unterste Hölle hinabstürzen!“

Und seine rechtliche und moralische Auseinandersetzung mit der Folter ist von bestechender Schärfe und liest sich so (zit. nach Wikipedia, „Anton Praetorius“): „Ich sehe nicht gern, daß die Folter gebraucht wirdt

1. Weil fromme Koenige vnd Richter im ersten Volck Gottes sie nicht gebraucht haben:

2. Weil sie durch Heidnische Tyrannen auffkommen:

3. Weil sie vieler vnd grosser Luegen Mutter ist:

4. Weil sie so offt die Menschen am leibe beschaediget.

5. Weil auch endlich viel Leut/ ohn gebuerlich vrtheil vnd Recht/ ja ehe sie schuldig erfunden werden/ dadurch in Gefaengnussen vmbkommen: Heut gefoltert/ Morgen todt.

Auch findt man in Gottes Wort nichts von Folterung/ peinlicher Verhoer/ vnd durch Gewalt vnd Schmertzen außgetrungener Bekaentnuß/

Weil dann die peinliche verhoerung so vnchristlich/ so scharpff/ so gefaehrlich/ so schaedlich/ vnd darzu so betrieglich vnd vngewiß/ soll sie billich von Christlicher hoher Oberkeit nicht gebrauchet noch gestattet werden.

Je mehr jemand foltert vnd foltern laesset/ je gleicher er den Tyrannen thut vnd wird.

Endlich ist gewiß/ der Teuffel fuehlet der Folter Schmertzen nicht/ vnd wirdt dardurch nicht vertrieben.

Ihr Herrn vnd Richter habt den armen Leuten mit Folterung … auff den Weg der verzweiffelung gebracht …: Derhalben seyd ihr schuldig an ihrem Todt.

unterschrift_praetoriusAbb. 9: Antonius Praetorius’ Unterschrift

Am 6. Dezember 1613 starb der Kämpfer gegen Hexenprozesse und Missionar für den calvinistischen Glauben, Antonius Praetorius, in Laudenbach in Hessen. Er wurde 53 Jahre alt.

KH

Große Teile meines Wissens über AP und etliche Zitate entstammen den zahlreichen Schriften, die Hartmut Hegeler aus Unna über AP verfaßt hat. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Folgende Schriften von Hartmut Hegeler bilden die Grundlage obigen Artikels:

Hartmut Hegeler, Anton Praetorius – Vom Kirchenreformator zum Kämpfer gegen Hexenprozesse und Folter in der Wetterau – De Pii Magistratus officio – Des frommen Amtsträgers Pflicht

Hartmut Hegeler, Anton Praetorius – Kämpfer gegen Hexenprozesse und Folter

 

Die Zitate stammen aus Hartmut Hegelers Schriften, soweit nicht anders vermerkt.

Weitere Informationen im Internet unter:

www.anton-praetorius.de

Hier finden Sie Hartmut Hegelers Publikationen über AP:

http://www.anton-praetorius.de/buecher/buecher.htm

 

Die Abbildungen entstammen:

Stadtarchiv Kamen: Nr. 1 (bearbeitet von KH)

Universität Heidelberg, Repro-Faksimile  Deutsches Rechtswörterbuch: Nr. 2, 4, 7

H. Hegeler, – ein Kapitel Rheinhessischer Geschichte: Nr. 5

Wikipedia: Nr. 3, 6, 8, 9

KH

Stadtbaurat Gustav Reich

von Klaus Holzer

Abb. 1

Abb. 1: Gustav Reich, 22. August 1887 – 9. Juli 1970

Erst Ansiedlungen, dann Dörfer, schließlich Städte wurden
nicht geplant, sondern entstanden nach Gesichtspunkten zeitgemäßer Zweckmäßigkeit. Kamen verdankt seine Entstehung der Lage an einer einstmals für den Verkehr wichtigen Sesekefurt. Entscheidend für die Entstehung der Siedlung war, daß es dort alles gab, was der Mensch für seine Existenz brauchte: Der Fluß gab Wasser, zusammen mit Fischen, Krebsen und Muscheln als Nahrung; Wald versorgte die Siedler mit Jagdtieren und Holz zum Hausbau, zum Heizen und Kochen; Weide und Wiese für das Vieh gaben Sommer– wie auch Winterfutter. (Die erste in Deutschland planmäßig gegründete Stadt ist Freiburg im Breisgau, 1120.)

Jäger und Sammler hatten andere Bedürfnisse als seßhafte Bauern, die Stadt mußte sich anders organisieren als das Dorf, und die mittelalterliche Stadt mußte andere Lebensweisen ermöglichen als die moderne. Doch der Kernbereich menschlichen Zusammenlebens in der Stadt umfaßte immer: das Zentrum mit Rathaus, Kirche, Handwerker– und Bürgerhäuser, Selbstverwaltung und städtische Gerichtsbarkeit, soziale und berufliche Differenzierung der Stadtbevölkerung in Stadtvierteln. Daraus folgte zunächst wie von selbst eine räumlich sinnvolle Gliederung der Stadt. Lediglich Einzelheiten wurden anfangs vorgeschrieben: keine Strohdächer mehr wegen der Brandgefahr (in Kamen ab 1712), der Abstand der Häuser zueinander ebenfalls wegen der Brandgefahr (in allen Häusern gab es offene Feuerstellen), aber auch, damit jedes Haus den notwendigen Lichteinfall hatte.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Kamen eine kleine Stadt, die sich noch viel von ihrem mittelalterlichen Erscheinungsbild bewahrt hatte. Immer noch war sie das ländliche Ackerbürgerstädtchen, das sich nur an zwei Stellen über die alte Stadtmauer ausgedehnt hatte: im Westen hatte sich die Zeche Monopol angesiedelt, im Süden bot der Bahnhof Anschluß an die Köln-Mindener Eisenbahn, die den Beginn des Industriezeitalters ermöglichte, den Anschluß an die Moderne.

cHRM chunklen 32 ignored: ASCII: ..z&..€„..ú...€è..u0..ê`..:˜...p HEX: 00007A26000080840000FA00000080E8000075300000EA6000003A980000177

Abb.2: Kamen auf einem Luftbild von 1922: ein kleines Ackerbürgerstädtchen

Nach der langen Amtszeit als Bürgermeister von Vater und Sohn von Basse (1847 – 1913!), trat Dr. Kurt Hermann Wiesner am 1. Juli 1913 sein Amt als Kamener Bürgermeister an, verließ Kamen aber am 13. November 1923, um Polizeipräsident in Erfurt zu werden. Nach einem zweijährigen Interregnum, in dem der Beigeordnete August Siegler von November 1922 an stellvertretender Kamener Bürgermeister war, wurde am 25. September 1924 der aus Aplerbeck gebürtige Gustav Adolf Berensmann sein Nachfolger. Dieser war vorher schon BM in Laasphe gewesen und erwies sich als ausgesprochen tatkräftig. In einer seiner ersten Amtshandlungen holte er seinen dortigen Stadtbaumeister Gustav Reich nach Kamen. Er wußte genau, wen er da holte. „Baurat Reich ist von uns berufen, die alte Stadt mit ihrem schiefen Turm aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken,“ mit diesen Worten führte Berensmann ihn am 1. Mai 1925 in sein Amt ein. Reich brachte für seine neue Aufgabe reichlich Erfahrung mit. Von 1911 bis 1914 war er Regierungsbaumeister und Bauführer in Frankfurt gewesen, anschließend 6 Jahre in Wiesbaden, war dabei auch „als Kommissar gegen die Verschandelung des Rheintals“  zuständig gewesen. Reich brachte sowohl in der Planung wie Bauausführung, im Tiefbau wie im Hochbau viel Erfahrung mit. Zu seinem neuen Tätigkeitsbereich in Kamen gehörten das gesamte Bauwesen und die Versorgungsbetriebe: Verwaltungsabteilung und Baupolizei, Stadtplanungs– und Baupflegeamt, Hochbauamt, Tiefbauamt, Grundstücks– und Vermessungsamt und die Städtischen Betriebswerke.

GR hatte zuvor bereits vier Jahre im Ersten Weltkrieg gedient, schied 1918 als Oberleutnant der Reserve aus dem Dienst, reich dekoriert: EKI und EK II, Ritterkreuz des Zähringer Löwen mit Schwertern, das Ehrenkreuz für Frontkämpfer und das Treudienstehrenzeichen.

Abb. 3

Abb.3: Reichs Entwurf der Stadtplanung für Kamen von 1927

Ohne Titel

Abb.4: Kamen auf einem Luftbild von vor 1938, Reichs Handschrift ist schon zu erkennen

Reich erwies sich als ebenso energiegeladen wie Berensmann. Umgehend entwickelte er eine Stadtplanung, um Kamen zu einer modernen Stadt zu machen, fit fürs 20 Jh. 1927, nach nur zwei Jahren im Amt, wartete GR mit einem Stadtbauplan auf, der „als Grundlage jedweden gemeindlichen Unternehmens nach neuzeitlichen Gesichtspunkten“ (GR) aufgestellt war, für Kamen, die siebenhundertjährige Stadt, der erste Stadtbebauungsplan überhaupt. Wenn eine Leitidee darin zu entdecken ist, dann die des „Zusammenklangs von weltlicher und geistlicher Autorität“ (GR). Dr. Fred Kaspar von der Denkmalbehörde des LWL urteilte 1988: „Das … in seiner Komplexität weit überdurchschnittliche Konzept … ist … bis heute prägend geblieben“. Und weiter: „Die Bebauung und Konzeption der beiden Gartenplätze sowie der anschließenden Straßenstücke, insbesondere von Ostring und Kastanienallee [ist] exemplarisch für die großen und künstlerisch anspruchsvollen Konzepte des Städtebaus … in Kamen nach dem Ersten Weltkrieg ….“ Dr. Kaspar bezieht Reichs Konzeption für den Postbereich, den Edelkirchenhof bzw. den Bereich von Koppelteich und Schwimmbad mit ein, beklagt aber die Veränderungen durch Um– und Neubauten. Er schlußfolgert: „Für die Erhaltung und Nutzung dieses Stadtbezirkes (gemeint: Gartenstadt Ost (Ostring, Hammer Straße/Kastanienallee, Gartenplatz, Hüchtweg) in seiner ursprünglichen Konzeption liegen daher künstlerische, wissenschaftliche und städtebauliche Gründe vor.“ Er verlangt: „Sie ist als ein (Gesamt–)Baudenkmal zu betrachten.“ Und: „Der Zusammenhang der Gebäude wird … insbesondere durch die achsiale Ausrichtung der Anlage und deren Betonung durch Elemente wie Baumreihen (Pappeln, Kastanien), Hecken (Weißdorn) oder Mauern geschaffen.“ Er bescheinigt Reich „hohen gestalterischen und formalen Anspruch.“

Abb. 5

Abb.5: Das Haus Kirchplatz Nr. 5a & 5b, mit Pflanzkreuz in der Mulde

Was heißt das nun konkret? Die alte Stadt Kamen war von zwei Polen bestimmt: hier die 900 Jahre alte Pauluskirche, dort das 700 Jahre alte Rathaus. Alle anderen Bauten, Profanbauten, sind darauf zugeordnet. Um diesen Gedanken zu betonen, legte GR zwischen den beiden großen Kirchen einen Platz an, der dem Gedenken der im Ersten Weltkrieg Gefallenen gewidmet war. Der Platz war als Mulde angelegt, um, wie GR es formulierte, den Sakralbauten „Erhöhung nach oben“ zu geben. Darinnen befand sich an zentraler Stelle ein gepflanztes Kreuz. Als Ergänzung, um ein würdiges Ensemble zu schaffen, stellte er vor das städtische Wahrzeichen, den schiefen Turm,

seitlich versetzt ein Mahnmal, das Löwendenkmal, vom Dortmunder Bildhauer Beyer geschaffen. Der Sockel trug die Inschrift: „So betet, daß die alte Kraft erwache.“ Dieses Mahnmal wurde im Februar 1945 bei dem schwersten Bombenangriff auf Kamen, zusammen mit dem schiefen Turm, schwer beschädigt und 1946 abgerissen.

Und dann wurde Kamen in atemberaubendem Tempo verändert. Mitte der 1920er Jahre war die Wohnungsnot groß, Wohnungsbau wurde zu einer zentralen Aufgabe für die öffentliche Hand. Am  Beispiel Kamen: Die Stadt Kamen besaß 1924 43 stadteigene Wohnungen, 1928 bereits 190! Natürlich konnte GR bei allen seinen Bauprojekten auf das große Reservoir an Arbeitskräften zugreifen, das, verarmt durch die Inflation, nur auf Beschäftigung wartete. Reichs Pläne verhalfen der Stadt zu einer Erneuerung, den Arbeitslosen zu Einkommen. Der Stadtplaner und Architekt Reich war in seinem Element.

Dabei war eine berufliche Orientierung als Architekt gar nicht sein erstes Ziel. Direkt nach dem Abitur in Hanau 1906 ging er ans Konservatorium nach Frankfurt und studierte Musik, Klavier und Violine. Dieses Studium brach er zwar nach einem Jahr wieder ab, doch war er ein so guter Musiker, daß er z.B. im März 1921 bei einer „Beethoven-Feier in der städtischen Turnhalle in Laasphe“ als Pianist in einem Beethoven-Trio und einem –quartett , als Sologeiger und Chorleiter auftrat. Da war er bereits Stadtbaumeister in Laasphe.

Keine drei Monate nach GRs Amtsantritt in Kamen, am 24. August 1925, begannen die Arbeiten am Bau der Kamener Kanalisation, 15 km wurden unter seiner Ägide gebaut. GR bettete diese Arbeiten in ein umfassenderes Konzept ein. Begünstigt wurden viele dieser Arbeiten durch die Möglichkeit, sie im Rahmen von Notstandsarbeiten durchzuführen, insgesamt 12 Maßnahmen. Er ließ die Hauptstraßen in der Innenstadt ausbauen, plante und baute Umgehungsstraßen, legte Straßen und Plätze in neu erschlossenen Stadtteilen an und legte die entsprechenden Versorgungsleitungen.

Ohne Titel

Abb.6: Der Koppelteich, auch Gondelteich genannt

Abb. 7

Abb. 7: Der Postteich, von vielen ebenfalls Gondelteich genannt

Es besteht ein Zusammenhang mit der zu dieser Zeit stattfindenden Sesekeregulierung, da das Abwasser nun in die regulierte Seseke floß. Und in dieses Konzept gehörte auch die Anlage zweier „Gondelteiche“ (ca. 1930), die den Freizeit– und Erholungswert Kamens erheblich steigerten, zu einer Zeit, in der der jährliche Urlaub für die Mehrheit der Menschen keineswegs eine Selbstverständlichkeit war.

Abb. 8

Abb.8: Sommeridyll am Postteich

Ohne Titel

Abb.9: Winterfreuden auf dem Koppelteich

Im Sommer waren diese Teiche beliebte Ziele für Spaziergänger, fast immer saßen Angler an ihren Ufern, die Karpfen und Hechte fingen, im Winter war Schlittschuhlaufen auf wirklich großen Flächen beliebte Freizeitbeschäftigung, Eishallen gab es schließlich nicht. Enten und Schwäne fühlten sich auf ihnen wohl, Häuser für sie waren auf Inseln in die Teiche gebaut. Beide Teiche lagen, wie auch die Mulde zwischen den Kirchen, mehrere Meter unter Straßenniveau.

Bestimmte Gestaltungsprinzipien sind bei Reichs Entwürfen und ihren Ausführungen durchgängig erkennbar:

  1. Symmetrie ist ein zentrales Prinzip: Abgang in Bogenform am Postteich, zentral vor Postgebäude gelegt; Eingang zur Kastanienallee von der Hammer Straße her; ähnlich am Koppelteich: gegenüberliegende Auf/Abgänge; Anordnung der Bebauung an der (heutigen) Koppelstraße links und rechts der Auffahrt zur Hochstraße; Skulpturen am Gebäude der (heute) alten Post, desgl. am Privathaus Reichs, Kreis und Oval sowie ihrer beider Segmente, an verschiedenen Stellen im Plan erkennbar, u.a. auf dem Edelkirchenhof. Durch diese Symmetrie ergeben sich immer wieder interessante Sichtachsen.
  2. Springbrunnen an Land, im Wasser Inseln
  3. Anlage der beiden Schulgebäude am Koppelteich einander gegenüber, Gebäude in einem einheitlichen Baustil errichtet
  4. Die Mulde zwischen den Kirchen ist nach diesem Prinzip angelegt
  5. Gartenplatz I & II in der Gesamtanlage wie auch der Detailgestaltung desgl., das gilt auch für die zentralen Mulden
  6. Reich hat sehr häufig Pappeln verwendet: ihre schlanke Form wirkt wie ein Rahmen: Edelkirchenhof, Koppelteich, Hemsack u.a., überhaupt war Kamen eine „grüne“ Stadt. Es dominierten Pappeln, Trauerweiden und Rotdorn.

Abb. 11a

Abb.10: Der Edelkirchenhof, von 100 Pappeln umstanden

13. Dezember 1925: die Arbeiten zur Umgestaltung des Edelkirchenhofs in eine Parkanlage beginnen. Er wird nun von 100 Pappeln umstanden.

Anfang der 1920er Jahre baute die Zeche die Zechenhäuser nördlich des heutigen kleinen Kreisels an der Lünener Straße, die bis zum ehemaligen Hause Recker reichten. Dafür wurde als Ausgleichsgelände der neue Park „Am Edelkirchenhof“ angelegt. Dieser war bis dahin eine Viehweide des Bauern Koepe gewesen. An diese Familie erinnert heute noch der Koepeplatz.

Im Zuge des Baues dieser neuen Häuser entstand die neue Straße „Am Reckhof“.

Abb. 10

Abb.11: Am Reckhof

15. Februar 1926: der Ausbau des Kirchplatzes mit dem Kriegerehrenmal beginnt.

Abb. 12

Abb.12: Einweihung des Löwendenkmals vor der Pauluskirche am 27. Oktober 1927

29. April 1926: der Kamener Stadtrat faßt den Beschluß, der Reichspost ein Grundstück im Mersch zu schenken, damit dort die neue Post gebaut werden konnte. Hintergrund war 1928 die Ankündigung der Reichsbahn gewesen, den alten Bahnhof aufzugeben und hierher zu verlegen. Dann hätte man die zwei wichtigsten Transportträger, Bahn und Post, an einer Stelle im Stadtgebiet zusammen gehabt. Doch der neue Bahnhof wurde nie gebaut.

Abb. 13

Abb.13: Die neue Reichspost

4. März 1926: Beginn des Umbaus des Krankenhauses

15. Juni 1926: Beginn des Rathausumbaus.

15. März 1927: Abschluß der Instandsetzungsarbeiten des Stadtparks an der Hammer Straße

12. Mai 1927: Beginn des Baus der Badeanstalt im Hemsack

Ohne Titel

Abb.14: Reichs Planung in der Umsetzung: Koppelteich, Badeanstalt, Hemsack mit 3 Sportplätzen und Deutschlands einziger 1000-Meterbahn

2. Oktober 1927: Einweihung des Kriegerehrenmals am Kirchplatz

24. September 1927: Einweihung des Ratskellers im Rathaus

Abb. 16

Abb.15: Der Ratskeller, Innenansicht

28. August 1928: die Badeanstalt im Hemsack wird eröffnet

Abb. 15

Abb.16: 28. August 1928: Bürgermeister Berensmann eröffnet die Badeanstalt im Hemsack

9. Juni 1928: Einbau des Gedächtnisbrunnens für die gefallenen Verwaltungsbeamten und –angestellten der Stadt Kamen in der Rathaushalle.

cHRM chunklen 32 ignored: ASCII: ..z&..€„..ú...€è..u0..ê`..:˜...p HEX: 00007A26000080840000FA00000080E8000075300000EA6000003A980000177

Abb.17: Gedächtnisbrunnen im alten Rathaus

1. November 1928: Beginn der baulichen Erschließung des feuchten Merschgebietes

1. November 1928: Beginn des Baus des Bürgermeisterhauses am Sesekedamm

Abb. 19

Abb.18: Das Bürgermeisterhaus für BM Berensmann

1930: die Arkaden des Schwesterngangs werden errichtet

Abb. 18

Abb.19: Die Arkaden am Schwesterngang

12. November 1938: die Reichsautobahn Recklinghausen – Bielefeld wird eingeweiht, heute A2.

Überall in Kamen tauchte der neue Stadtbaurat auf, war sogleich bestens bekannt, fuhr er doch ein einzigartiges Fahrrad, ein Familienerbstück von 1890, dessen Rahmen so hoch war, daß er gar nicht „normal“ aufsteigen konnte. Dazu brauchte er die auf der Hinterachse liegenden kurzen Trittstangen, mit deren Hilfe er sich in einem kuriosen Schwung von hinten in den Sattel hievte. Und immer hatte er seine geliebte Pfeife im Mund, manchmal durch eine Zigarre ersetzt. Einmal passierte es, daß sich seine Hose in der offenen Kette verfing, auf der Bahnhofstraße, gleich hinter dem Rathaus, in Höhe der Metzgerei Radtke. Reich stürzte, die Pfeife aber behielt er im Mund. Passanten sahen das und sagten: „Selbst beim Unfall hat er seinen Knösel im Mund.“ Und sogar für Urlaubsfahrten nahm GR immer das Fahrrad, zusammen mit seiner Familie ging es bis an den Bodensee.

Allerdings brachte der passionierte Radfahrer sich (und andere) auch immer mal wieder in Gefahr. An der Gabelung Bahnhof–/Horst-Wessel-Straße (heute Koppelstraße) war immer viel Verkehr. GR radelte einfach weiter: „Ich habe Vorfahrt.“ Später besaß er ein leichtes Motorrad, das von Ernst Sander aus der Zünderfabrik betreut wurde. Als GR eines Tages nach Heeren fuhr, aber dort nicht ankam, ging man auf die Suche nach ihm. Er wurde verletzt im Straßengraben an der Derner Straße gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Weil GR beim Fahren zunehmend unsicher wurde und seine Familie sich sorgte, beschwor Reichs Sohn Herbert Herrn Sander, seinem Vater zu sagen, er könne es nicht mehr reparieren. Leider müsse er von nun an auf sein Motorrad verzichten. Da war es mit dem Fahrrad dann doch sicherer.

Ohne Titel

Abb.20: Kamens zweite Straßenbrücke an der Koppelstraße

Im Zuge seiner Planungen entstanden mehrere Straßen, die wichtigste wohl die damalige Emil-Rathenau-Straße, dann Horst-Wessel-Straße, heute Koppelstraße, weil in ihrem Verlauf die erst zweite vollwertige Straßenbrücke über die Seseke entstand. Bis 1923 war die 1695 zum ersten Mal erwähnte Maibrücke die einzige Straßenbrücke in Kamen. Die Notwendigkeit einer zweiten Brücke war offenbar geworden, als die Maibrücke 1923 baufällig geworden war und erst halbseitig, dann ganz gesperrt werden mußte und alle Bauern, die aus dem Süden auf den Kamener Markt wollten, große Umwege über Derne bzw. Weddinghofen gehen mußten.

Er plante außerdem bereits eine Umgehungsstraße, die vielleicht sogar die in den 1970er Jahren gebaute, die Stadt zerschneidende Hochstraße überflüssig gemacht hätte, den heutigen Unkeler Weg.

Abb. 21

Abb.21: In der Fortführung des Ostrings: der als Umgehungsstraße geplante Unkeler Weg

Weiters baute GR den Friedhof an der Werner Straße um und verlegte den Haupteingang wegen des zunehmenden Verkehrs in die Friedhofstraße. Er erlaubte sich keine Ruhe, seine Ideen sprudelten nur so aus ihm heraus. Das merkten natürlich auch seine Mitarbeiter, die stickum Reißaus nahmen, wenn sie ihren Chef am späten Nachmittag auf dem Fahrrad erspähten, wie er Kurs auf das Rathaus nahm, fand er doch gar nichts dabei, auch um 7 Uhr abends noch schnell etwas zu diktieren.

Abb. 22

Abb.22: Gartenplatz der neuen Gartenstadt „Kamen – Ost

Abb. 23

Abb. 24

Abb.23 & 24: Einfahrt von der Hammer Straße in die Kastanienallee, die zwischen Gartenplatz I und Gartenplatz II verläuft. Zwei Bauprinzipien Reichs sind schön zu sehen: Symmetrie und Kreissegmente. Ergebnis: die Bewohner haben sich dort immer wohlgefühlt.

Reich Gartenplatz Haussäulen

Ein besonders schönes Beispiel eines Einfamilienhauses am Gartenplatz

Einen Höhepunkt seines Wirkens stellen die beiden Wohnsiedlungen Gartenplatz I und II im Osten Kamens dar. Nur wenige Jahrzehnte vorher, 1898, hatte der Engländer Ebenezer Howard sein Buch „To-Morrow: A Peaceful Path to Real Reform“ veröffentlicht, in dem er das Modell einer Gartenstadt entwickelte. Sie sollte die Trennung zwischen Stadt und Land aufheben und die Vorzüge beider in einem verwirklichen. GR brachte Grün in das Wohnumfeld, die Nähe zur Stadtmitte war ohnehin gegeben. In jede der beiden Siedlungen fügte er einen zentralen Platz ein, wieder als Mulde ausgelegt, mit einem Springbrunnen in der Mitte, „zur Erhöhung nach oben“, hier sogar auf Profanbauten bezogen. Plätze waren für ihn konstitutives Element von Stadt, Versammlungsorte, Orte der Gemeinschaft.

Abb. 25

Abb.25: Die Kastanienallee verläuft zwischen Gartenplatz I und Gartenplatz II

Wie detailversessen GR war, zeigt sich an den Einzelheiten: Einzelhäuser immer giebelständig, Doppelhäuser traufenständig; Anordnung der Gauben nach festen Regeln; Dachgestaltung; symmetrische Fassadengestaltung; Fenstergestaltung; Freisitze; Baumaterial.

Ein weiterer Punkt, wo Kamen GRs Dickschädel viel zu verdanken hat, war der Bau der Reichsautobahn Recklinghausen – Bielefeld. Die ursprüngliche Planung sah vor, daß „seine“ Stadt, wie er fand, durch den Damm der Fahrbahnen „gedankenlos zerschnitten“ werde sollte. Er sorgte dafür, daß das Stadtgebiet nicht nach Norden geschlossen wurde, wodurch der Verkehr mit den Gemeinden im Norden und Westen empfindlich gestört worden wäre. Ein Zeitgenosse versichert, daß es in keiner Stadt, auch keiner Großstadt, so viele Durchlässe durch die Autobahn gibt wie in Kamen, nämlich acht (und nachträglich noch der Radweg Klöcknerbahntrasse), was sich heute als wahre Wohltat erweist. Und er trug seine Ideen zum Kamener Kreuz bei. Ideen und Planungen waren bei ihm kein Selbstzweck, sondern hatten immer den Menschen und ihrer Stadt zu dienen. Er radelte vor Ort und überprüfte seine Pläne auf ihre Stimmigkeit und Umsetzbarkeit.

Abb. 29

Abb.26: Das alte Kamener Kreuz.

 

Abb. 30

Abb.27:  Die Einweihung der Autobahn, heute A2, am 12. November 1938

Natürlich kam jemand wie Reich nicht an den Nationalsozialisten vorbei. Nach eindringlicher Aufforderung trat er am 1. Mai 1937 in die NSDAP ein, doch scheint er sich nichts haben zuschulden kommen lassen, wurde er doch gleich nach dem Krieg, nachdem er einen Entnazifizierungsbogen ausgefüllt hatte, wieder in den Dienst der Stadt Kamen aufgenommen. So geschah es, daß er 1946 als Dienstältester im Kamener Rathaus ca. ein halbes Jahr als Stadtdirektor amtierte und somit den höchsten Posten in der Stadt bekleidete.

In dieser Funktion erreichte ihn auch eine Anfrage des Arnsberger Regierungspräsidenten, ob Kamen gewillt sei, Hilfe aus Bloomfield, einem 16000-Einwohnerstädtchen (das stellte sich später als Übertragungsfehler heraus, man hatte eine Null zuviel angehängt; vgl.a. Montreuil-Juigné) in Nebraska/USA, anzunehmen.

Abb. 26

Abb.28: Spende aus Bloomfield: von links: Reich, Rissel, Canaday, Heitsch

Ohne Titel

Abb.29: Carepakete werden vor dem Rathaus abgeladen

Abb. 28

Abb.30: Die Kamener warten schon auf die Verteilung

Dort gebe es einen Farmer namens Claude Canaday, der sich vorgenommen habe, eine ausgebombte Stadt und ihre darbenden Einwohner in der schweren Nachkriegszeit mit Hilfslieferungen zu unterstützen. Reich sagte ja, und es setzte eine lange Reihe von Carepaket-Lieferungen nach Kamen ein. Bloomfield übernahm für Kamen eine Stadtpatenschaft, die immerhin dazu führte, daß Reichs Tochter und einer seiner Söhne noch im Sommer 1968 nach Bloomfield fuhren und den Kontakt erneuerten. Offenbar gibt es immer noch einen Sohn von CC, heute 85 oder 86 Jahre alt.

Für eine kurze Zeit muß GR seine Arbeit in Kamen unterbrechen, als er am 1.8.1939 zu einer Militärübung eingezogen wird, anschließend zur Teilnahme am Krieg nach Polen, Belgien und Frankreich (in Rennes organisiert er die Wasserversorgung) abkommandiert wird. Am 27.9.1940 kommt er hierher zurück, als Hauptmann der Reserve, vom Kreis Unna als kriegswichtig angefordert. Während der Kriegszeit teilt er seine Arbeitszeit zwischen dem Kreis, wo er nebenamtlich das Bauamt leitet, wozu das gesamte Luftschutzsystem gehörte, und der Stadt Kamen auf.

Wer viel macht und tut, eckt an. Immer wird es unterschiedliche Ansichten und Meinungen geben. Und GR war ein Mann mit Ecken und Kanten. So gab es 1946 eine  politische Auseinandersetzung über den Wiederaufbau eines städtischen Hauses in der Schlachthofstraße, die in einem Disziplinarverfahren endete. Doch der Regierungspräsident in Arnsberg empfahl Abwarten, die Sache geriet in Vergessenheit und verlief im Sande.

Was an GRs Planung auffällt, ist die Modernität auch in unserem heutigen Sinne, und das vor 80/90 Jahren. Das war die Zeit, als Kohle und Stahl die wichtigsten Wirtschaftsträger waren, die die mit Abstand meisten Arbeitsplätze boten. Doch war die Arbeit anstrengend und schmutzig, die Luft durch Kohlekraftwerke, Verkokung und Stahlherstellung verpestet. Filter, die Abgase reinigten, für uns selbstverständlich, gab es nicht. Urlaub an der See, in den Bergen, war für die Arbeiter an der Ruhr unerschwinglich. Erholung konnte es also nur in der unmittelbaren Nähe, zu Hause, geben. Grün in der Stadt war überlebenswichtig, und GR plante überall mit Grün.

GR wurde auch als Käufer von Grundstücken für die Stadt tätig: z.B. Haus Heide mit seinen 450 Morgen Land, die er als Reserve ansah, die den Kamener Ackerbürgern im Tausch angeboten werden konnten, wenn eines Tages ihr Land für die Stadtentwicklung gebraucht werden sollte.

Abb. 34

Abb.31: Häusergruppe am Ostring

Abb. 35

Abb.32: Das ehemalige Altersheim Am Ufer 

Neben diesen vielen Großprojekten kümmerte sich GR aber auch um einzelne Häuser. Die Häuser am Ostring, im Baustil der 1930er Jahre, mit Ornamenten, Pilastern und Gesimsen, gehen auf sein Konto. Das Haus 5a/b am Kirchplatz, das Altersheim an der Seseke und die beiden Schulen am Koppelteich ebenfalls, im Stil der 1950er Jahre.

Die beiden Schulen am Koppelteich

Abb. 31

 

Abb. 32

Abb.33: Glückauf-Schule (oben) und Abb.34:  Martin-Luther-Schule (unten)

Abb. 33

Abb.35: Der Koppelteich mit den beiden Schulen (oben, Bildmitte)

GR wurde am 31. März 1953 aus dem Dienst verabschiedet. Und er hatte noch viel vor, jedenfalls wollte er „keine Kakteen züchten“. in den nächsten anderthalb Jahrzehnten wirkte er weiter und nutzte seine riesige Erfahrung als Baumeister im Dienste verschiedener Wohnungsbaugesellschaften,insbesondere der GAGFAH (Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten), aber auch  privater Bauherren. In Gerichtsverfahren wirkte er als amtlich bestellter Gutachter mit. Erst im April 1957 konnte er mit seiner Familie in das eigene Haus in Kamen einziehen, natürlich selber entworfen und mit einem Relief über der Eingangstür geschmückt, das seine drei Kinder über dem Zirkel des Architekten zeigt, wieder entworfen vom Dortmunder Bildhauer Beyer.

Abb. 36Abb. 37

 

 

Abb. 36: Der Eingang zu Reichs Privathaus (links)

Abb.37: Das Relief über der Haustür zeigt Reichs Kinder und den Architektenzirkel (unten)

 

 

Im Frühjahr 1970 gibt es erste Anzeichen einer schweren Gefäßerkrankung. Nur vier Monate später, am 9. Juli 1970, stirbt Stadtbaurat i.R./Regierungsbaumeister a.D. Gustav Reich in Kamen. Die Spuren, die er hinterließ, sind verwischt. Junge Kamener kennen seinen Namen nicht, ältere erinnern sich an einen Großen der Kamener Stadtgeschichte. Stadtbaurat i.R. Gustav Reich liegt auf dem alten Friedhof begraben, zusammen mit seiner Frau Luise, mit der er seit 1923 verheiratet war. Der Stein auf ihrem Grab wurde nach seinem eigenen Entwurf für das Grab seiner Eltern im Spessart als Kopie in Kamen angefertigt.

Abb. 38

Abb.38: Das Grab von Gustav und Luise Reich

Die heutige Stadt muß, um zu funktionieren, u.a. folgende Dinge verbinden: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit, Kultur, soziale und Gesundheitspflege, Verkehr. Worum kümmerte sich GR? Worum nicht?

Wenn man diese Definition von Stadt heute zugrundelegt, fällt auf, wie sehr GR Generalist war, immer das große Ganze im Blick hatte. Stadt war für ihn ein zivilisierter Lebensraum, der dem Menschen zu dienen hatte. Daher entwarf er das System Stadt und paßte alle Einzelteile in dieses System ein. Wenn man sich seine Häuser ansieht, fällt deutlich auf, daß GR sich nicht den modernistischen Entwicklungen des Bauhauses anschloß. War hier die Intention, Handwerk und Kunst zusammenzubringen, modulares Bauen zunächst für den Industriebau zu entwickeln, dann auch für den Wohnungsbau vor allem in Großstädten, bewahrte GR „menschliche“ Dimensionen, baute das „Häuschen für Otto Normalverbraucher“, Siedlungen für Arbeiter am Sommerweg, auf dem Kupferberg. Jedoch entstanden unter seiner Leitung auch repräsentative Häuser: das Bürgermeisterhaus, die Häusergruppe am Ostring, und auch die Häuser in der Gartenstadt Ost waren vorwiegend für Angehörige Freier Berufe, Lehrer und gehobene Angestellte gedacht.

Reichs Schwerpunkt lag sicherlich auf der Stadtplanung: wie soll Kamen in der Zukunft aussehen? Wie gestalte ich die Stadt, damit sie zum einen sich den neuen technischen Entwicklungen öffnen kann, zum anderen den Kamenern Heimat ist, eine Stadt, die lebenswert ist. Innerhalb dieses Bereichs kümmerte er sich besonders um Wohnen, Freizeit, soziale und Gesundheitspflege, der kulturelle Bereich spiegelte sich in der Gestaltung. Arbeiten und Einkaufen scheinen nur am Rande, vielleicht als Folge anderer Entscheidungen, eine Rolle gespielt zu haben.

28 Jahre lang hat GR das Bild dieser Stadt geprägt. Was ist davon übriggeblieben?

  • Die beiden Gondelteiche sind verschwunden, die sie ersetzenden Parks sind nach Meinung vieler Kamener kein echter Ersatz geworden.
  • Die Mulden zwischen den Kirchen und in der Gartenstadt sind ebenfalls verschwunden. Sie wurden verfüllt, die Mulde zwischen den Kirchen ist halb Kinderspielplatz, halb Parkplatz.
  • Der repräsentative Zugang zur Kastanienallee von der Hammer Straße ist verschwunden: Pavillonbauten, seitliche Mauern, metallener Torbogen.
  • Das Löwendenkmal ist verschwunden, nach Beschädigung durch Bomben im Krieg wurde es 1946 abgerissen.
  • Der Edelkirchenhof ist nach seiner Neugestaltung von hohen, dichten Bäumen bestanden, dunkel, wenig attraktiv.
  • Der Anbau des alten Rathauses ist mitsamt dem Ratskeller verschwunden.
  • Die alte Badeanstalt wurde mehrfach verbessert, steht aber heute auf dem Prüfstand.
  • Die Sportplätze im Hemsack werden demnächst bebaut, die 1000-Meter-Bahn ist seit Jahrzehnten verschwunden. Niemand wußte mehr, wie sie zu verwenden war.
  • Die Arkaden am Schwesterngang sind verschwunden.
  • Das Bürgermeisterhaus war als Privathaus von vornherein in Randlage
  • Haus Heide wurde verkauft

Die vielen großen Veränderungen geschahen besonders in den Jahren 1965 bis 1975, als man allerorten die „autogerechte Stadt“ schaffen wollte, die dann aber die menschlichen Dimensionen einbüßte. Zwar entstand in Kamen die Fußgängerzone, doch zog sie Parkplätze nach sich, man konnte mit dem Auto überall hinfahren. Kamen mutierte damals zur „schnellen Stadt“. Die heutige gute Stube, der alte Markt, war zentraler Parkplatz, von Straßen umrundet. Aus der Not machte man eine Tugend: Kamen wurde die Stadt mit „freiem Parken“. Der große, umfassende Stadtentwurf aber fehlte.

Durch das Verschwinden wesentlicher Anlagen Reichs sind seine Symmetrie und Kreis– bzw. Ellipsensegmente aus dem Stadtbild verschwunden. Kamen hat sich verändert, jede Stadt muß sich verändern. Ob immer zum Besseren, ist durchaus fraglich, sind doch viele Zeugen von Kamens mittelalterlicher Vergangenheit aus dem Stadtbild verschwunden und zu oft durch nichtssagende oder schlechte Architektur ersetzt worden. Weitere alte Gebäude stehen auf der Abrißliste. Der Tag ist wohl nicht mehr fern, da wir die Kamener Altstadt nicht mehr „Altstadt“ nennen können.

 

Luftbild Hemsack Kamen ©Stefan Milk Kämerstraße 45 A 59174 Kamen 02307 12998 0171 5447957 stmilk@aol.com

Abb.39: Der Hemsack 2015, ein letzter Blick. Auch er wird verschwinden.

 

Mein Dank gilt Frau Reinhild Reich für ihre Geduld bei zwei langen Gesprächen über ihren Vater und die Überlassung von Material.

Desgleichen danke ich dem Stadtarchiv Kamen für die Photos, die es mir zur Verfügung gestellt hat, besonders Herrn Jürgen Dupke.

Dank auch an Rüdiger Plümpe und Hans Jürgen Kistner.

Und natürlich an Stefan Milk für die Überlassung des Luftphotos vom Hemsack.

Aspekte des Denkmalschutzes habe ich entnommen: „Zum Denkmalwert der Gartenstadt Ost (Ostring, Hammer Straße/Kastanienallee, Gartenplatz, Hüchtweg)“, von Dr. Fred Kaspar, Westfälisches Amt für Denkmalpflege, Münster 1988

 

Abbildungen:

Familie Reich: Nr. 1,5,13, 32

Stadtarchiv: Nr. 2,3,4,14,16,20,22,24,25,26,27,28,29,30

Archiv Klaus Holzer: Nr. 6,7,8,9,10,11,12,15,19; Photos Nr. 18,21,31,33,34,36,37,38

Rüdiger Plümpe: Nr. 17

Archiv Hans Jürgen Kistner: Nr. 35

Stefan Milk: Nr. 39

KH

Der KKK fragt … Teil 9

Als es nach dem Krieg wieder neue Kameras zu kaufen gab, legte sich mancher Kamener einen neuen Photoapparat zu, „mit vergüteter Optik“, das war schon die zweite, deutlich verbesserte Generation Nachkriegskameras. Aber nun wußte man nicht, wie man damit umging. Was tun? Damals ging man zu Photo Holzer, dort hatte man sie erstanden, dort bekam man sie erklärt. Es waren aber so viele, und immer mit den gleichen Fragen, daß Konrad Holzer den „Foto-Amateur-Ring Kamen“ ins Leben rief. Jeden Mittwochabend traf man sich im Atelier von Photo-Holzer und besprach alle Probleme und, vor allem, deren Lösung.

Foto-Amatuer-Ring-KamenUnd dann ging’s an die Praxis. Überall krochen die Amateurphotographen herum, keine Ecke Kamens blieb ausgespart. Überall wurde photographiert, bei Sonnenschein, bei künstlichem Licht, bei Nacht …. Und eine Woche später trafen sich alle wieder und erörterten die Ergebnisse. Und das schönste war: wenn man das alles erklären wollte, mußte man sich genaue Aufzeichnungen machen: Objekt, Ort, Zeit, Lichtverhältnisse, Belichtung, Blende, Entfernung …, eben alles. Und natürlich fuhr man jedes Jahr zur Photokina nach Köln, machte Tagesausflüge ins Sauerland, im Sommer wie im Winter. Und photographierte, was das Zeug hielt.

Und von diesen vielen Photos und Dias dürften noch viele in Kisten, Kästen, Schachteln oder Koffern schlummern, auf Schränken, in ihnen, auf Dachböden, in Kellern …. Daher die Frage: wer weiß noch von diesen Schätzen? Welcher Vater, Großvater, Bruder, Onkel hat Photos hinterlassen?

KH

Pfarrer Gerhard Donsbach

von Klaus Holzer


 Wenn es im Gedächtnis der Kamener Protestanten einen Pfarrer gegeben hat, der als prägende Figur in Erinnerung geblieben ist, dann wohl Gerhard Donsbach. Generationen von Kamenern hat er getauft, konfirmiert, getraut und zur letzten Ruhestätte begleitet, ihre Kinder und Kindeskinder. Jahrzehntelang. Von 1933 bis 1975.

Donsbach Barett Photo 1 Kopie Gerhard Donsbach,  12. Mai 1905 – 3. Dezember 1996 (Photo: HA)

Das war nicht von Anfang an klar, als er am 1. Februar 1932 als Hilfsprediger hier ankam. Doch schon ein Jahr später, am 19. Februar 1933, wurde er durch Superintendent Carl Philipps in der Pauluskirche ordiniert, mitten in der Zeit, wo sich Deutschlands Schicksal entschied. Und es war sicherlich ein gutes Zeichen, daß er von Philipps ordiniert wurde, der als Anhänger der Bekennenden Kirche sich treu blieb und sich nicht den Deutschen Christen anschloß, einer den Nationalsozialisten nahestehenden Ausformung der Kirche. So konnte sein Nachfolger Manfred Nemitz 1975 sagen: „Gerhard Donsbach war eine bestimmende Konstante dieser Stadt. Er hat sein Mäntelchen nie nach dem Winde gehängt.“

Am 1. Dezember 1933 übernahm er die Vierte Pfarrstelle  der Evangelischen Kirchengemeinde Kamen, die Kamen-Ost, Lerche, Rottum und Derne umfaßte. Während des Krieges mußte er auch Vertretungen in Unna übernehmen, wo er alle 14 Tage Gottesdienst in der Stadtkirche hielt, außerdem kirchlichen Unterricht und alle kirchlichen Amtshandlungen in Königsborn, Afferde, Massen und Obermassen.

Als es 1937 zur Spaltung des Presbyteriums zwischen Anhängern der Bekennenden Kirche und Deutschen Christen kam, verhielt Donsbach sich „diplomatisch“, wie es einer seiner Weggefährten ausdrückte, der Kirchenarchivar Wilhelm Wieschoff, wiewohl er mit der Bekennenden Kirche sympathisierte. Wie sehr er als Persönlichkeit und Kollege die Achtung auch der Anhänger der Deutschen Kirche genoß, spiegelt folgende Anekdote: Ende der 1930er Jahre wollte die Gestapo Donsbach im Konfirmandenunterricht verhaften. Er hätte nichts dagegen tun können. Da kam ausgerechnet vom Amtskollegen Kochs, einem Deutschen Christen, Hilfe. Er vertrieb die Gestapo mit Hilfe seines goldenen Parteiabzeichens. Und Donsbach konnte sich revanchieren. Als Kochs nach dem Krieg schon fast auf dem Transport-Lkw der Alliierten in Richtung Internierungslager saß, vermochte er ihn umgekehrt da herunter zu holen. Und noch eine Geschichte wirft ein Schlaglicht auf den Menschen Gerhard Donsbach. Ein Kamener hatte ihn im Konfirmanden-unterricht als Hitlerjunge wegen seines Bekenntnisses ständig gepeinigt. Und ganz spät, kurz vor seinem Tod, quälten ihn seine Gewissensbisse so sehr, daß er wieder in die Kirche eintrat.

Da in den späteren Kriegsjahren wegen Fliegeralarms oft keine Busse fuhren, mußten alle notwendigen Fahrten in seine vielen Gemeinden mit dem Fahrrad unternommen werden. Während des Krieges gab es Eilbegräbnisse in aller Frühe, und selbst zu dieser Tageszeit schon unter Beschuß der angreifenden Tiefflieger. Gerhard Donsbach bewältigte alles das nicht nur, ohne zu murren, sondern ging in seinem Amt auf. Was seine Kamener Heimatpfarrei anging – da war er ein lebendes Lexikon. Er kannte jeden, mit Namen und Beruf.

Daß er nie einen Führerschein besessen hatte, führte immer wieder zu kuriosen Situationen, weiß sein Nachfolger, der heutige Superintendent Martin Böcker, zu berichten, der ihn oft zu einem Ziel kutschierte: „Er wollte oft schon unterwegs aussteigen oder hatte sich hoffnungslos im Gurt verheddert.“

Das Pfarrhaus an der Hammer Straße ist ein würdiger Bau, der stark an englische Häuser des gothic style erinnert, dunkler violett-roter Ziegel. Hier saß die Familie 1947 mit Freunden zusammen, als an der Kellertür Geräusche zu hören waren. Jeder dachte sofort an Einbrecher. Gerhard Donsbach sprang als erster auf, unerschrocken nach der Feuerklatsche greifend, zur Verteidigung und Abwehr schreitend. Die anderen griffen, was da stand und lag, darunter eine Mistgabel. Als man sich der Kellertreppe näherte, löste sich die Spannung in Lachen auf. Da stand ein Pferd, das offenbar von der benachbarten Wiese des Pferdemetzgers Weber ausgerissen war.

Nach dem Krieg hat er zusätzlich zur eigenen Pfarrei noch zwei vakante Pfarreien, die erste und die dritte, mit verwaltet. Nebenher baute er kriegsbeschädigte, gar zerstörte kirchliche Gebäude wieder auf. Die Pauluskirche war von zwei Bomben getroffen worden, der Turmhelm schwer beschädigt.  Um alles kümmerte er sich selber. Doch damit war es noch nicht genug. In der Nachkriegszeit mußte erst alles wieder ans Laufen gebracht werden: das kirchliche Sonntagsblatt „Friede und Freude“ für Kamen, Heeren-Werve und Bergkamen mußte redigiert werden, der Kirchenchor brauchte einen Vorsitzenden, die Frauenhilfe mußte wiederaufgebaut werden, Gemeindebibelstunden wurden gewünscht. Gerhard Donsbach war zur Stelle. Und nebenher schrieb er noch die Geschichte seiner geliebten Kapelle Lerche auf, mit der Hand. Anläßlich seines 50. Ordinationsjubiläums sagte er selber: „Aus heutiger Sicht habe ich vieles falsch gemacht, aber meine Arbeit hat mir immer viel Freude bereitet. Ich habe vieles lernen dürfen, und Gott hat mir bei meinen Aufgaben Kraft gegeben.“

Seine Verabschiedung aus dem Dienst war am 30. Mai 1975. In allen diesen Jahren stand ihm seine Frau Luise treu zur Seite. Perfekt füllte sie die klassische Rolle der evangelischen Pfarrersfrau aus, wie sie sich in den Jahrhunderten nach Luthers Reformation entwickelt hatte. 1937 heirateten Gerhard und Luise, und von dem Tag an übernahm sie den Singekreis der Gemeinde, war 60 Jahre lang Vorsitzende der Frauenhilfe.

Natürlich war der 19. Februar 1983 ein großer Tag für die Kamener evangelische Gemeinde, der Tag des 50jährigen Ordinations-Jubiläums von Pfarrer i.R. Gerhard Donsbach. Das wurde mit einem Festgottesdienst in der Pauluskirche begangen, anschließend gab es ein Kaffeetrinken im  evangelischen Gemeindehaus. Und alles, was Rang und Namen in der evangelischen Kirche von Westfalen hatte, war da. Ein Erinnerungsalbum an diesen Festtag ist voller Glück– und Segenswünsche. Nicht nur einer Handschrift sieht man an, daß der Schreiber hohen Alters ist, langjähriger Wegbegleiter. Und selbst einige der ersten Konfirmandinnen von 1933 waren gekommen, die in einem herzlichen Schreiben „Rückschau auf 50 Jahre Freud und Leid“ hielten. In altdeutscher Schrift betonen sie, daß Pfarrer Donsbach immer ihr „treuer Pfarrer“ war. Superintendent Meier hob vor allem seinen Einsatz im alltäglichen Dienst hervor. Selbst das Ergebnis der Kollekte anläßlich dieses Tages läßt die hohe Wertschätzung des Jubilars erkennen. Sie erbrachte DM 1188,-.

Donsbach 60. Odrdjub. 92 2

Gerhard Donsbach mit seiner Ehefrau Luise bei seinem 60. Ordinationsjubiläum 1992 (Photo: Privat)

Wenn man ihn sah, mit strengem Blick, buschigen Augenbrauen, förmlich gekleidet, nie nachlässig, wirkte er eher distanziert. Wir Kinder hatten einen Heidenrespekt vor ihm. Ein früheres Presbyteriumsmitglied, das mit ihm zusammengearbeitet hat, erzählt, daß Gerhard Donsbach ihm der liebste aller damaligen Kamener Pfarrer gewesen sei. Wenn er am Sonntag nach dem Gottesdienst das Geld aus dem Klingelbeutel gezählt und sortiert habe, kam Donsbach immer dazu und half. Und er kam immer dazu, weil er seine Predigten nie überzog, immer waren sie angemessen kurz, aber klar und auf den Punkt. Man hörte gern zu, weil man ihn verstand. Berühmt war er auch für seine volksnahen Sprüche– und Liedtextsammlungen, die er gern für seine Predigten nutzte. Und er war warmherzig und seiner Gemeinde nah. Dem Zeitgeist war er nie erlegen. Er blieb immer er selbst.

Donsbach Grab 3

Photo: KH

Am 3. Dezember 1996 starb Pfarrer Gerhard Donsbach in Kamen im Alter von 91 Jahren. Seine Frau Luise folgte ihm, hundertjährig, 17 Jahre später. Sie liegen beide nebeneinander begraben auf dem alten Kamener Friedhof.

KH

Nach der Veröffentlichung dieses Artikels meldete sich eine interessierte Leserin, Elke Jaeger aus Lerche, die eine sehr erhellende Anekdote über Pfarrer Gerhard Donsbach beitragen konnte.

Auch wenn Lerche heute ein Stadtteil von Hamm ist, seine Kirchengemeinde gehört seit Jahrhunderten zu Kamen, Kirchenkreis Ost, für den Pfarrer Donsbach in den 1960er Jahren zuständig war. Die kleine Elke, damals noch Nüsken, erinnert sich an den Pfarrer als einen strengen Mann, vor dem sie, wie alle Kinder damals, große Ehrfurcht empfand.

Elkes Mutter war früh gestorben, so daß Vater Nüsken als Witwer mit drei kleinen Kindern dastand, und das auf einem Bauernhof. Wie sollte das gehen? Er lernte eine andere Frau kennen, die sehr herzliche Klara Löer, die zwar selber einen Sohn hatte, aber gleichzeitig auch den Kindern Vater Nüskens eine gute Mutter war. Alles paßte. Also beschloß man, zu heiraten. Aber es gab ein Problem: Nüskens waren evangelisch, Klara Löer aber katholisch! Was uns heute vielleicht mittelalterlich anmutet, war damals ein echtes Problem, eine sogenannte Mischehe. Es war eine Zeit, wo Kinder denen der anderen Konfession noch Schmähverse hinterherriefen, wo man sich auch schon mal „kloppte“, wo es noch Priester und Pfarrer gegeben hat, die die jeweils andere Konfession als „vom Teufel“ bezeichneten.

Herr Nüsken und Frau Löer gingen zu ihrem Pfarrer Donsbach und trugen ihm ihr Anliegen vor. Bei wie vielen Pfarrern wären sie abgeblitzt? Anders Gerhard Donsbach: am 30. Januar 1960 erteilte er dem Paar den kirchlichen Segen. Für ihn war das menschliche Glück wichtiger als kirchliche Richtlinien, und er sah, daß in dieser neuen Familie alle miteinander glücklich waren. Aber er hatte doch noch etwas in petto. So wie er für seine volksnahen Sprüche bekannt war, so hatte er doch auch seinen ganz persönlichen Humor. Als Trauspruch wählte er aus: „Alle Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ (1. Petrus 5, Vers 7)

KH

Der KKK fragt … Teil 8

In dieser Folge von „Der KKK fragt …“ stellen wir kein Photo vor. Dieser Frage liegt ein Zufall zugrunde. Bei einem Besuch im Archiv der Stadt Kamen entdeckte ich rein zufällig die Sonderbeilage der WR zur 700-Jahr-Feier der Stadt Kamen vom 27. Juli 1948.

(Nebenbei bemerkt: Diese Feier fand zum falschen Zeitpunkt statt. Kamen erhielt seine Stadtrechte erst im Jahre 1284, nicht 1248. Es handelte sich um einfachen Zahlendreher. Allerdings erwies sich die Veranstaltung als sehr geeignet, um der nach dem Krieg noch teilzerstörten Stadt und der darniederliegenden Wirtschaft einen kräftigen Schub zu geben. Und es half enorm, daß fünf Wochen vorher durch die Währungsreform die Deutsche Mark eingeführt worden war.)

Auf Seite 3 dieser Beilage steht ein kleiner Artikel, der jeden, der sich mit der Kamener Geschichte beschäftigt, mit Begeisterung erfüllen muß. Ich zitiere auszugsweise:

Die Brille des Herrn Dr. Buxtorf

… So zeigt die Geschäftsstelle der „West. Rundschau“ auf der Weststraße in ihrem Schaufenster ein uraltes Monstrum von einer Brille samt Futteral, ein kleines halb vermodertes kunstvoll geschnitztes Holzkästlein und einen schweinsledernen Folianten. Diese Dinge sind jedoch kein wertloser Plunder, sondern unter dieser Brille , von der man kaum annehmen sollte, daß jemand etwas dadurch zu sehen vermag, hat der größte Kopf Kamens (bildlich gesprochen) studiert: Professor ling. hebr. Dr. Johann Buxtorf, der 1554 (sic!) als Pastorensohn in Kamen geborene berühmte Sprachgelehrte. Kein Wunder, daß das Brillengestell da eine etwas vorsintflutliche Form hat! Das Holzkästchen ist übrigens seine Schupftabaksdose gewesen und der Foliant stellt eines seiner Bücher über die hebräische Sprache dar. …

Die 700-Jahr-Feier fand vor 67 Jahren statt und viele Kamener wird es nicht mehr geben, die sich an sie noch mit vielen Einzelheiten erinnern können. Doch einen Versuch sei es allemal wert. Daher die Fragen:

1. Wer erinnert sich an dieses Ausstellungsstück in der Geschäftsstelle der WR?

2. Wer weiß, wo es herstammt? Oder gar, wo es sich befindet?

2. Wer hat es, womöglich ohne zu wissen, worum es handelt, eine solche Brille in einem solchen Kästchen zu Hause ineiner Schublade oder auf dem Dachboden?

PS: Auf der Ecke, wo die Kampstraße in die Weststraße einmündet, stand bis zum Ende des 19. Jh. das Geburtshaus von Johannes Buxtorf (25.12.1564 – 13. 9.1629), dem sicherlich bedeutendsten Gelehrten, den Kamen je hervorgebracht hat.

10. Bild

Johannes Buxtorf (der Ältere), am 25. Dezember 1564 in Kamen (Westfalen) als Sohn eines Predigers geboren, ging in Hamm und Dortmund zur Schule, studierte in Marburg, Herborn (1585-88), Heidelberg und Basel (1588-90), wurde 1590 Magister und Professor der hebräischen Sprache (er ist der Begründer der philologischen Hebraistik) in Basel. Dort wurde er der „Stammvater einer ruhmreichen Gelehrtenfamilie”, jeden Ruf an andere Universitäten (z.B. Leyden) lehnte er ab. Buxtorf starb am 13. September 1629 in Basel an der Pest.

Erfahren Sie hier mehr über Johannes Buxtorf!

KH

Der KKK fragt … Teil 7

Der ehemalige Kamener Stadtarchivar Jürgen Kistner besitzt ein umfangreiches Archiv, das er immer wieder einmal durchforscht. Dabei ist ihm das angefügte Photo in die Hände gefallen, das jedoch große Rätsel aufgibt.

KKK_Foto

Vermutlich ist es nach 1900 entstanden. Es zeigt eine sich lang hinziehende Fabrikanlage, neben der links ein hoher Kamin steht, vermutlich gehörte er zu einer Ziegelei, von denen es bei uns um diese Zeit recht viele gab. Das Gebäude rechts neben dem Kamin ist markant, vielleicht hilft es, den Ort zu identifizieren. In der Mitte verläuft ein Weg, der auf eine Unterführung zuläuft. Was auf dem darüber führenden Damm ist, ob ein anderer Weg, ist nicht zu erkennen. Durch die Bildmitte läuft eine Reihe Pfosten, an denen vielleicht ein Zaun befestigt werden soll. Davor sieht man Bahnschienen, vielleicht eine Feldbahn, die zu der Fabrik oder zur Zeche gehört? Davor ist die Erde aufgewühlt, offenbar sind umfangreiche Erdarbeiten im Gange.

Wer kann helfen, die Lage zu bestimmen?

KH

Das 10. Zeitzeichen

Am Donnerstag 12. November 2015, fand im Alten Gasthaus Schulze Beckinghausen das 10. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen statt. Christiane Cantauw M.A., wissenschaftliche Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster beschäftigte sich mit: „Der gute Tod und die Kunst des Sterbens. Kulturhistorische Betrachtungen zu Tod und Sterben“.

Ohne Titel 3

Die Befürchtungen des KKK, das Thema erweise sich als zu sperrig und könne abschrecken statt anziehen, erwies sich als unbegründet. Der Saal bei Schulze Beckinghausen war bis auf den letzten Platz gefüllt und noch einmal so vielen Interessenten mußte im Vorfeld abgesagt werden.

Was allen Menschen gemeinsam ist: niemand kennt den Zeitpunkt seines Todes. Gewiß ist nur, daß jeder sterben wird. Und mit dem Tod eines Menschen sind seit jeher bestimmte Riten verbunden.

Ihrem Vortrag stellte Christiane Cantauw folgende Sage voran:

„Es gab eine Zeit, in der die Menschen wußten, wann sie sterben würden. Dies führte dazu, daß sie beim Herannahen des Todestages die täglichen Verrichtungen vernachlässigten und die Folgen für die Nachwelt nicht mehr bedachten. Eines Tages beobachtet Gott, wie ein Bauer einen Zaun mit Brennnessel repariert. Zur Rede gestellt, rechtfertigt der Bauer sein Tun mit dem bevorstehenden Tod. Aufgrund dessen beschließt Gott, den Menschen die Kenntnis ihres Todestages zu nehmen.”

Wir Menschen wissen zwar nicht, wann wir sterben werden, leben aber in der Gewißheit, irgendwann sterben zu müssen. Wir können uns gedanklich mit Tod und Sterben auseinandersetzen, empirisch erfahrbar wird Sterblichkeit aber nur durch den Tod unserer Mitmenschen.

In diese drei Kategorien teilte die Referentin ihren Vortrag zum Thema ein:

a. Personen

b. Orte

c. Objekte

Ohne Titel 4

a. Personen

Im Mittelalter (MA) waren mit dem Tod von Menschen Totengräber und Henker befaßt. Sie galten als unehrenhaft, weil es Teil ihres Berufs war, einen sachlichen Umgang mit dem Tod zu pflegen, sie mit dem Tod Geld, ihren Lebensunterhalt verdienten, während Fürsorge für die Toten doch eigentlich Christenpflicht war, man sich unentgeltlich ihrer annahm. Handwerker u.a. vermieden jeden Kontakt zu den Unehrenhaften, man heiratete nicht über die zwischen ihnen bestehende unsichtbare Grenze hinweg. Daher entstanden mit der Zeit regelrechte Henkersdynastien, die immer am Rande der Gesellschaft, wenn nicht außerhalb ihrer lebten.

Dafür gab es Nachbarschaften, die für die soziale Bindung der Menschen sorgten, Beistand leisteten bei allen entscheidenden Ereignissen im Leben: Geburt, Hochzeit, Tod. Dafür brauchte man keineswegs Freund miteinander zu sein. Solche „Tod– und Notnachbarn“ konnten einander spinnefeind sein – in der Situation des Todes stand man einander bei. Man holte den Priester, der die letzten Sakramente spendete; man wusch den Toten, kleidete ihn fürs Totenbett, hielt Totenwache, band ihm das Kinn hoch; stellte Essen und Getränke für die Trauernden bereit, kurz: leistete dem gesamten Haushalt Beistand. Man erledigte alle alltäglichen Arbeiten, damit die Hinterbliebenen Zeit für ihre Trauer hatten. Es entwickelte sich eine „ars moriendi“ als Pendant zur „ars vivendi“.

Die Nachbarn erwiesen dem Toten auch die letzte Ehre, indem sie Zeugen der Sterbesakramente waren. Und diese waren besonders wichtig, denn ohne sie zu sterben verursachte die Furcht vor dem Fegefeuer. Dann rief man die 14 Nothelfer an, deren wichtigster im Münsterland St. Christophorus war: der Legende nach trug er ein Kind durch einen reißenden Fluß und merkte in der Flußmitte, daß die Last immer schwerer wurde. Dazu befragt, antwortete das Kind: Du trägst die ganze Welt auf deinen Schultern. Damit wurde er derjenige, der im Glauben der Menschen die Seelen ins Totenreich hinübertrug. (Hier gibt es Anklänge an die antike griechische Mythologie: der Fährmann Charon befördert die Toten über den Fluß Styx ins Totenreich.)

Ohne Titel 5

Ebenfalls nicht gesellschaftlich angesehen waren die Totenfrauen, meist Witwen und arme Frauen, die ihre Dienste an den Toten gegen Bezahlung verrichteten. Zu dieser Gruppe gehörten auch die Totengräber, die allenfalls noch als Kloakenreiniger beschäftigt wurden. Heute wird die Rolle der Nachbarn in der Regel durch Bestattungsunternehmen wahrgenommen.

b. Orte

Auf dem Land war es in Westfalen immer üblich, zu Hause zu sterben. Das Schlafzimmer war meist auch das Sterbezimmer. Dort stand der Versehtisch mit einem Standkreuz, Kerzen, Palmzweig, Weihwasser und einer Schale Salz. Die Uhren im Haus wurden angehalten und alle glänzenden Gegenstände verhüllt: man wollte symbolisch zeigen, daß diese Gegenstände als Ausdruck der diesseitigen Welt für den Toten jetzt unbedeutend waren, seine Seele war im Jenseits. Um aber ganz sicher zu gehen, daß der Tote auch wirklich tot war, wurde er drei Tage lang aufgebahrt und eine Nachtwache organisiert (mancherorts waren das nur Männer, sonst aber Frauen für tote Frauen, Männer für Männer, immer aber war die Totenwache Pflicht). Während der Nachtwache wurde gebetet, über den Toten geredet, auch schon mal Karten gespielt und Schnaps getrunken, wenn der Tote eben das zu Lebzeiten gern getan hatte. Er gehörte einfach noch dazu. Erst im Laufe des 19. Jh. änderte sich das, weil man diesen Gedanken nicht mehr verstand und solches Handeln als pietätlos empfand. Und als im 20.Jh. schließlich alle Feierlichkeiten in Gasthäuser verlegt wurden, gehörte der Tote endgültig nicht mehr dazu.

Ohne Titel 7

Ein Besuch im Trauerhaus war Pflicht, zeigte die Ehrerbietung gegenüber dem Toten. Dabei spritzte man mit einem Buchsbaumzweig Weihwasser über ihn. Strich man mit diesem Zweig über jemandes Warzen, dann nahm der Tote diese mit ins Jenseits und man war seine Warzen los. Kinder kamen zum „Bekieken der Leiche“ und standen dann unter dem Schutz der Heiligen.

Bis ins 18. Jh. wurden die Toten auf dem Kirchhof beerdigt. Das war das Areal direkt um die Kirche herum. Dort fanden auch Armenspeisungen, Prozessionen und Rechtsprechung statt. Der Sinn: im Angesicht der Kirche und der Lebenden und der Toten fand dort Alltägliches statt. Die Toten waren mitten unter den Lebenden. So ließ man z.B. auch Vieh dort weiden. Nur die Reichen und Mächtigen wurden in der Kirche selber beerdigt.

Während der Pestepidemien im MA wurden die Kirchhöfe zu klein. Daher wurden Pestfriedhöfe außerhalb der Stadt angelegt. Somit waren die Toten nicht mehr mitten unter den Lebenden. Familienbegräbnisse wurden nun zunehmend in Reihengräbern vorgenommen. In der Mitte des 19. Jh. wurden dann Klagen laut, daß menschliche Gebeine auf Kirchhöfen gefunden wurden. Danach wurden Friedhöfe nur noch am Ortsrand angelegt.

Gleichzeitig war im Zuge der Industrialisierung die Arbeiterklasse entstanden, die nicht mehr, wie zuvor die Landbevölkerung, großen Wohnraum zur Verfügung hatte. In ihren Kleinwohnungen, oft wg. der finanziellen Entlastung zusätzlich mit Schlafgängern belegt, gab es keinen Platz für die Aufbahrung des Toten mehr. Es entstand die Notwendigkeit zum Bau von Leichenhallen auf den Friedhöfen. Die erste entstand 1792 in Weimar, 1819 wurden sie in Preußen gesetzlich eingeführt (Westfalen war seit 1815 preußische Provinz), 1873 die erste in Münster gebaut. In der Mitte des 20. Jh. wurde es Pflicht, die Aufbahrung in Leichenhäusern vorzunehmen, heute ist sie wieder zu Hause erlaubt.

Früher war Selbstmördern und ungetauften Kindern die Bestattung in geweihter Erde versagt. Starben sie, bevor sie ein Jahr alt waren, gab es ein „Begräbnis unter dem Mantel“, d.h., sie wurden zu jemand anderem in den Sarg gelegt oder in einem anderen Grab „beigesetzt“. Das sparte vor allem Kosten

Kosten gespart werden auch durch die heute rasant zunehmende Feuerbestattung, deren Anteil mittlerweile schon bei 50% liegt. Das erste Krematorium gab es in Gotha im Jahre 1878. In Westfalen war Karl Ernst Osthaus , wie in vielem anderen auch, der Vorreiter, als er 1907/08 das erste Krematorium in Hagen bauen ließ. Es gründeten sich überall Vereine für Feuerbestattung, die vor allem hygienische Gründe für diese Form der Bestattung ins Feld führten. Aber natürlich war diese Bestattungsform auch platzsparend. (Jüdische Gräber haben Ewigkeitsrecht, weswegen man z.B. auf dem jüdischen Friedhof in Prag bis zu 30 Begräbnisschichten übereinander findet.) Papst Leo XIII (1810 – 1903) war gegen die Feuerbestattung. Erst 1963 hat die katholische Kirche sie akzeptiert.

c. Objekte

Wir können dem Tod kein Schnippchen schlagen, daher gewöhnen wir uns an ihn, wir entwickeln Formen für den Umgang mit ihm. Trauerkleidung wird eingeführt, wird zur Norm für alle. Der ganze Körper wird mit einem Rentuch (Leichentuch aus Leinen) verhüllt. Bis ins 17. Jh. war die Farbe der Trauerkleidung nicht geregelt, es konnte rot, weiß, grün sein. Daß wir heute schwarze Kleidung vorschreiben, geht auf das spanische Hofzeremoniell zurück. Ursprünglich trug man in Volltrauer sechs Wochen lang schwarz, in Halbtrauer durfte man danach schon wieder ein bißchen Schmuck anlegen. Später trug man einen Trauerflor am linken Oberarm (Juden zerreißen ihre Kleidung). Das alles war wichtig, symbolisierte es doch für bestimmte Zeit einen Ausnahmezustand.

Für das Jahresseelenamt gab es seit dem 15. Jh. (bis ins 19. Jh.) Totenzettel, die üblicherweise im Gesangbuch aufbewahrt wurden und auf denen der Werdegang des Verstorbenen erzählt wurde. Im HochMA kam aus Frankreich der Arme-Seelen-Glaube zu uns, der dazu führte, daß Spenden als Einnahmequelle entdeckt wurden, durch die man die Zeit des Toten im Fegefeuer verkürzen konnte. Es zeigte, daß die Trennung zwischen den Welten der Lebenden und der Toten nicht unüberwindlich sei: wenn die Lebenden den Toten etwas Gutes tun können – warum dann nicht auch umgekehrt die Toten den Lebenden? Der „Wiedergänger“ war entstanden. Damit der Tote nicht als solcher zurückkommen konnte, trug man ihn mit den Füßen zuerst hinaus.

Im 18./19. Jh. wurde es in Westfalen Mode, aus dem Haar verstorbener Frauen Schmuck herzustellen, meist aus geklöppeltem Haar in Bildform. Mit dem Aufkommen der Photographie wurden Erinnerungsphotos Mode. Dabei ging es zunächst darum, den Toten „wie lebendig“ abzubilden, man wollte die Zerstörung des Körpers bannen. Anfangs mußte man dazu die Leiche zum Photographen bringen, später ließen diese sich in der Nähe der Friedhöfe nieder. Im 20. Jh. wurde der Aufgebahrte als Schlafender photographiert. Den Tod verstand man nun als „Schlaf“. (Auch hier wieder der Anklang an die griechische Mythologie: Hypnos = Schlaf und Thanatos = Tod sind Brüder). Gleichzeitig wurde das Abschiednehmen am offenen Sarg unüblich, der Tote sollte wie ein Lebender im Gedächtnis bleiben.

So gibt es starke Wandlungen in unserem Verhältnis zum Tod. In der „guten, alten Zeit“ gab es eine enge soziale Kontrolle in seinem Umfeld. Der Tod war öffentlich, jeder hielt die sozialen Normen ein. Man brachte dem Toten Ehrerbietung und Achtung entgegen. Durch die Lockerung religiöser Bindungen in der Mitte des 20. Jh. fanden Sterben und Tod mehr und mehr unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Das Brauchtum in seinem Umfeld wurde aufgegeben, die Menschen verloren auch ihre Verhaltenssicherheit im Angesicht des Todes. Dafür entstand die Hospizbewegung, das Sterben braucht eben einen eigenen Ort und eine eigene Zeit. Heute kommt es zu immer individuelleren Formen des Begräbnisses: ein Fußballanhänger bekommt die Farben seines Lieblingsvereins und einen Fußball auf sein Grab, ein Fußballverein legt seinen eigenen Friedhof an. Das Opfer eines tödlichen Verkehrsunfalls bekommt eine Gedenkstelle am Unfallort, an der regelmäßig Blumen abgelegt und Kerzen entzündet werden, kurz, es ist eine Vielfalt an Umgangsweisen mit dem Tod an die Stelle früheren Brauchtums getreten. Die alte ars moriendi ist ausgestorben.

Ohne Titel 2

Nachdem das aufmerksam lauschende und, wie sich nachher zeigte, begeisterte Publikum die reichlichen Portionen Grünkohl mit Bratkartoffeln, Kassler und Mettwurst verspeist hatte, ergab sich eine angeregte Unterhaltung mit der Referentin, die noch eine Reihe Kamener Besonderheiten beim Umgang mit dem Tod nach Münster mitnahm.

Die Ortsheimatpflegerin von Kamen wußte folgendes zu berichten: In Kamen gab es ebenfalls Nachbarschaften, die sich um alles im Umfeld von Geburt, Hochzeit und Tod kümmerten, Schichten genannt. Jede Schicht war einem Stadttor zugeordnet. In der Ostenschicht, die am längsten Bestand hatte, war es üblich, daß die Sargträger ein spitzenumrandetes Leinentüchlein bekamen, das sie um die Tragegriffe des Sarges legten und nach der Beerdigung als Lohn behalten durften.

Der Ortsheimatpfleger von Heeren-Werve trug folgende amüsante Geschichte bei: Als man begann, die Toten aufzubewahren, kam es einmnal vor, daß der Sarg für eine besonders gut genährte und stämmige Tote nicht durch die Haustür paßte. Hineinzukommen war kein Problem, da man den Sarg hochkant stellen und drehen konnte, wie es erforderlich war. Das Hinaustrage gestaltete sich allerdings sehr schwierig, hochkant tragen und den Sarg drehen – das konnte und wollte man der Toten nicht antun. Da baute man ein Gerüst vor dem größten Fenster auf, hievte den Sarg darauf und vermochte ihn abzutransportieren.

Und er wußte noch eine zweite Anekdote zu berichten: Bei einer Nachtwache wurde fleißig gebechert, bis die Jungs auf die Idee kamen, daß der Tote doch sicherlich auch ein Schnäpschen trinken möchte. Sie steckten ihm die Tülle der Flasche in den Mund und ließen den Schnaps rinnen. Als die Flüssigkeit langsam die Speiseröhre hinunterlief und die in ihr enthaltene Luft komprimierte, löste sich ein gewaltiger Rülpser. Vor lauter Schreck über den vermeintlich zum Leben erweckten Toten nahmen die Schluckspechte Reißaus.

KH