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Einladung zum 13. Zeitzeichen des KKK

Der Maler Lukas Cranach im Zeitalter der Reformation

Wie kaum ein anderer Künstler seiner Zeit ist Lukas Cranach der Ältere (1472-1553) mit der Reformation  verbunden. In seinen Bildern spiegeln sich die Themen des reformierten Christentums. In
seinen Drucken und Flugschriften kritisiert er die Institution Kirche. Seine Portraits von Martin Luther prägen bis heute unser Bild des Reformators. Doch Cranach ist weitaus mehr als nur der Maler der Reformation. Er arbeitet ebenso  für die „alte Kirche“ und deren Vertreter.  Seine Bilder zeigen auch die Hinwendung zur Antike. Alles das macht ihn zu einem der erfolgreichsten und produktivsten Künstler der Zeit. Gerade in Cranachs Werken wird der kulturelle und gesellschaftliche Umbruch der Zeit deutlich.

Der Referent des Abends ist Dr. Falko Herlemann, der Kunstgeschichte, Philosophie und  Archäologie in Bochum studierte, mit Magister Artium und Promotion abschloß. Er ist durch zahlreiche Publikationen zur aktuellen Kunst hervorgetreten, hält Vorträge, führt in Ausstellungen ein und ist als Kurator, Journalist und Dozent für Kunstgeschichte am IBKK Bochum tätig.

Termin: Donnerstag, 27. April 2017, 19.30 Uhr, im Museum Kamen, Bahnhofstraße 21 

Eintritt: € 3,00

KH

 

„Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben.“ Das 12. Zeitzeichen des KKK.

von Klaus Holzer

1-guenter-trunz-beim-vortragAbb. 1: Günter Trunz beim Vortrag



Zum zweiten Mal in diesem Jahr landete der KKK einen Volltreffer. Schon das 11. Zeitzeichen im Frühjahr 2016 (Martin Litzinger über das KZ Schönhausen in Bergkamen) brachte ein volles Haus. Und beim 12. ZZ am 24.11.2016 wurde auch noch der letzte Stuhl aus dem Magazin geholt und im Vortragsraum des Museums aufgestellt. Und das Kommen lohnte sich.

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Abb. 2: Wilhelm Busch

Der Lüdinghausener Rezitator Günter Trunz zog sein Publikum gleich in die Welt des Wilhelm Busch. Durch seine lebendige Art des Vortrags, oft mit leichter Hand vorgetragen, Busch angemessen, unterhielt er es blendend. Er brachte es dazu, mitzumachen: „Dieses war der erste Streich …“, begann er, und das Publikum skandierte: „… und der zweite folgt sogleich.“ Und jeder kannte auch noch: „Und die Moral von der Geschicht: …“.So wurde jedem unmittelbar klar, wie einprägsam Buschs Sprache ist. Auch wenn wohl kaum jemand Buschs Verse in letzter Zeit gelesen hatte, was aus Kinderzeiten im Gedächtnis geblieben war, zeigte sich an den vielen Stellen, wo Mitsprechen verlangt war.

Psychologisch geschickt (Trunz ist u.a. studierter Psychologe) unterbrach sich der Rezitator bei längeren Geschichten immer wieder und streute Erklärungen ein: Woher kommt das lautmalerische „ricke racke“? (Von der Exzenterwelle, die den Einfülltrichter in der Mühle hin und her bewegt.) Warum spielen Rotwein und Tabak bei Busch eine so große Rolle? (Busch war beiden sehr zugetan, mußte sogar zweimal wegen Nikotinvergiftung im Krankenhaus behandelt werden. Sie waren also unmittelbarer Teil seiner Lebenswirklichkeit.) Und auf diese Weise wurde zum einen die lange Geschichte in überschaubare Blöcke aufgeteilt, und zum anderen deutlich, daß bestimmte Elemente der Handlung direkt auf Lebensumstände Buschs zurückzuführen sind. So wirkten die Pointen manchmal doppelt scharf, trafen umso härter. Dann gab es Lachen und Szenenapplaus.

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Abb. 3: aus „Hans Huckebein“

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Abb. 4: aus „Die fromme Helene“

„Hans Huckebein“ in seiner Boshaftigkeit und die „Fromme Helene“ in ihrer bigotten Frömmigkeit begeisterten keinen Deut weniger als „Max und Moritz“, sind in ihrer Treffsicherheit der Karikatur viel stärker an Erwachsene gerichtet. Und „Das Bad am Samstagabend“ wird allen Eltern von zwei fast gleichaltrigen Kindern aus eigener Erinnerung bekannt sein: „Und die Moral von der Geschicht/Bad zwei in einer Wanne nicht.“ Wie Busch mit ganz wenigen Strichen Gesichter zeichnet, wie ein richtig gesetzter Bogen den Ausdruck verändert, von schüchtern und fromm bis dreist und kühn, wie  die statische Zeichnung in der explodierenden Piepe reine Bewegung wird – es war ein Genuß, dieses großformatig auf der Leinwand zu sehen.

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Abb. 5: Originalblatt des Anfangs von „Max und Moritz“

Immer wieder gab es Abbildungen und Photographien, die die Bildergeschichten in einen äußeren Kontext stellten: ein Photo der Villa Kessler, die für Wilhelm Busch während seiner Frankfurter Zeit von Bedeutung war; eins der Mühle in Ebergötzen, in der der junge Wilhelm zeitweilig wohnte, und die dem Vater seines engsten Freundes Erich Bachmann gehörte. Diese Mühle mit dem drumherum liegenden Dorf war der Schauplatz, auf dem die beiden Buben ihre Streiche verübten, die zum Vorbild für „Max & Moritz“ wurden. Oder einige Abbildungen von Originalblättern zum „Max & Moritz“, die im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover zu bewundern sind.

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Abb. 6: Die letzte Szene aus „Das Bad am Samstagabend“

In einer kleinen begleitenden Ausstellung zeigte Trunz, wie sehr Wilhelm Busch auch ein Markenzeichen (geworden) ist, wie sehr er geehrt wird. Es gibt Münzen und Medaillen mit seinem Konterfei (z.B. eine 10,00 Euro-Münze in Deutschland), aber auch mit seinen bekanntesten Schöpfungen geschmückt; es gibt Briefmarken mit Wilhelm-Busch-Motiven der Deutschen Post, Wein, auf dessen Etikett Max und Moritz prangen. Da bleibt es auch nicht aus, daß Wilhelm Busch zu dem benutzt wurde (und wird), was man Merchandising nennt: Bettwäsche aus der DDR mit Max und Moritz und anderen Motiven; Bierkrüge, Krawatten u.a. Und ein Jurist hat sich scherzhaft-ernsthaft mit den Streichen der beiden Lausbuben beschäftigt: Was für Straftaten stellen ihre Streiche und die Reaktionen der anderen Beteiligten dar? Diebstahl? Raub? Körperverletzung? Mord?

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Abb. 7: Der junge Wilhelm Busch, Selbstprorträt

Eigentlich hatte Wilhelm Busch ein ernsthafter Maler werden wollen – er reiste extra nach Antwerpen, um die flämischen Maler des „Goldenen Zeitalters“ zu studieren – doch fand er nicht die Beachtung, die er verdient. Angesichts des Erfolgs seiner Bildergeschichten ist das erklärlich, erfand er doch hier ein ganz neues Genre, den Vorläufer des Zeichentrickfilms wie auch des Comics. Allerdings ist seine Sprache viel raffinierter als die der modernen Weiterentwicklungen. Doch liegt in dem Erfolg seiner Bildergeschichten auch die Tragik des Fast-Scheiterns als Maler.

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Abb. 8: „Herbstwald“

In den zwei Pausen bot der KKK, passend zum Motto des Abends, den Museumswein und Knabbereien an. Lang dauerte der Abend, und doch nicht lang genug. Stürmisch forderte das Publikum eine Zugabe. Und die gab es auch: „Max und Moritz“ in der Sprache des Ruhrgebiets, der künstlichen Jürgen von Mangers wie auch der echten, die tatsächlich gesprochen wird. Oder vielleicht gesprochen wurde? Alle lachten Tränen und wollten noch mehr. Aber soll man nicht aufhören, wenn’s am schönsten ist?

 

Bildquellen:

Abb. 1: Photo Klaus Holzer

Abb. 2 – 6 & 8: zeno.org

Abb. 7: aus Wilhelm Busch, Und die Moral von der Geschicht, Gütersloh, o.J.

KH

Das 11. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen

2016-04-28 19.04

Abb. 1: Martin Litzinger beim Vortrag:

„Man hörte die Schmerzensschreie der Misshandelten“ 

Das Konzentrationslager Schönhausen in Bergkamen im Jahre 1933

Da hat der KKK wohl einen Nerv getroffen: der Vortragssaal war schon 10 Minuten vor Beginn des Abends voll besetzt! Der Museumsleiter, Robert Badermann, mußte noch gut ein Dutzend Stühle nachträglich herbeischaffen. Und es hat sich gelohnt zu kommen. Martin Litzinger kennt sich in seinem Thema aus wie wohl kein zweiter, hat er sich doch bereits seit 2001mit diesem Thema beschäftigt. Und doch, gibt er zu, sind immer noch weite Bereiche terra incognita.

Das heutige Gemeindezentrum der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Kamen-Bergkamen trägt seit dem 25. Oktober 1983 eine Gedenktafel, die daran erinnert, daß dieses Gebäude 1933 als provisorisches „Konzentrations– und Schutzhaftlager“ benutzt wurde, als frühes KZ der Nationalsozialisten. Wie war es dazu gekommen? Welche Geschichte steht dahinter?
Postkarte Wohlfahrtsgebäude Schönhausen

Abb. 2: Das Wohlfahrtsgebäude Schönhausen

der Zeche Grimberg I/II

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg den Führer der NSDAP, Adolf Hitler, zum Reichskanzler. Dieser begann sogleich, zusammen mit seinem Minister Hermann Göring, gegen seine politischen Gegner vorzugehen, vor allem die SPD und die KPD. Am 27. Februar 1933 brannte das Reichstagsgebäude in Berlin ab. Hitler bezichtigte die Kommunisten der Tat und beschuldigte sie, einen Volksaufstand und Staatsstreich zu planen und setzte umgehend die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft. Dadurch konnte jeder aus Gründen der staatlichen Sicherheit ohne richterliche Anordnung auf unbestimmte Zeit in „Schutzhaft“ genommen werden. Wobei „Schutzhaft“ lediglich ein zynischer Euphemismus für Verfolgung und Vernichtung ist. Das führte dazu, daß innerhalb kurzer Zeit alle Gefängnisse überfüllt waren, so daß weitere, provisorische „Konzentrationslager“ entstanden. In unserer Region war vor allem der nördliche Kreis Unna betroffen, weil hier weite Teile der Bevölkerung, Bergleute und ihre Familien, der NSDAP ablehnend gegenüberstanden, traditionell SPD wählten, viele von ihnen auch KPD.

Der Bürgermeister des damaligen Amtes Pelkum, Hans Friedrichs, schrieb daher am 22. März 1933 an den Landrat in Unna, es sei „zwingend notwendig, die schnellste Schaffung von Konzentrationslagern durchzuführen“. Jener Landrat war der überzeugte Nationalsozialist Wilhelm Tengelmann, hauptberuflich Betriebsinspektor der Gelsenkirchener Bergwerks AG, gerade an diesem Tag von seinem Freund Hermann Göring kommissarisch mit diesem Amt betraut, erst am 29. März 1933 offiziell eingeführt. Tengelmann bat den Bergwerksdirektor Ernst Fromme, den der Zeche Monopol gehörenden Gebäudekomplex des Wohlfahrtsgebäudes Schönhausen der Zeche Grimberg I/II zur Verfügung zu stellen, was auch bewilligt wurde.

Dieses Wohlfahrtsgebäude war ein Gemeinschaftshaus für die hier wohnenden Bergmannsfamilien, eine für ihre Zeit sehr fortschrittliche Einrichtung, deren Sinn und Zweck somit pervertiert wurde. In diesem Gebäude gab es

eine kleine Mietwohnung

einen Kindergarten

einen Gesundheits– und Baderaum

Räume, in denen Näh–, Haushalts– und Kochunterricht gegeben wurde

einen Saal mit Theaterbühne, als Versammlungs– und Veranstaltungsraum sowie als Turnhalle genutzt

dahinter einen Sport– und Spielplatz

Da es sich um einen geschlossene Anlage handelte, ließ sich die Bewachung durch SS, SA und Stahlhelm, von Göring zur Hilfspolizei ernannt, leicht organisieren. Lagerkommandant wurde der Kamener SA-Führer Wilhelm Boddeutsch, sein Stellvertreter der Bergkamener SA-Mann Ewald Büsing. Die Wachmannschaft betrug 44 Mann.

Tengelmann ordnete am 11. April 1933 die Verhaftung aller „Führer und Ersatzführer der KPD und sämtlicher Nebenorganisationen“ ab 4.30 Uhr an. Die ersten Häftlinge wurden noch in derselben Nacht, am 12. April, eingeliefert, die ersten von fast 1000 bis zur Auflösung des Lagers ein halbes Jahr später, Ende Oktober 1933. Am Anfang waren es überwiegend KPD-Mitglieder (ca. 580), ab Juni SPD-Mitglieder (ca. 200), aber auch Reichsbannerleute (ca. 60), Mitglieder der Eisernen Front, der Gewerkschaften, aber auch politisch neutrale Personen (ca. 70) und 14 Juden. Zur Verhaftung reichte bei den meisten die Mitgliedschaft in ihrer Partei, doch ein freimütiges Wort, Verleumdung und Denunziation reichten für die Inhaftierung. So waren auch 6 Nationalsozialisten (!) inhaftiert.

Die Gefangenen stammten aus

Herringen 216

Rünthe 117

Bergkamen  69

Heeren-Werve  44

Kamen  39

Ihre Berufe waren

Bergleute 549

Handwerker 132

Arbeiter  93

Invaliden  65

Hausfrauen (!)  32 (von den Männern getrennt gefangengehalten, bald in andere Haftanstalten überführt)

Kaufleute/Händler  22

Lehrer/Rektoren  4/2

Journalisten   3

Rechtsanwälte   2

Schulrat   1

Fabrikant   1

Die Männer wurden im Saal des Gebäudes gefangen gehalten, besonders „gefährliche“ Häftlinge in einem gesonderten Raum. Es gab kein Mobiliar, sie mußten auf Turnmatten schlafen. Es gab nur wenige Toiletten und Wachgelegenheiten. Sie erhielten nur sehr wenig trockenes Brot und dünnen Kaffe oder Brühe als Nahrung, ihre Angehörigen mußten sie versorgen. Sie wurden zum Exerzieren und zu militärischen Übungen gezwungen, immer wieder mit dem Gummiknüppel geschlagen. Ansonsten mußten sie ihre Zeit wartend im Saal verbringen. Die Frauen mußten Kleider nähen, flicken, die Räume putzen.

Am schlimmsten waren die täglichen Mißhandlungen und Folterungen, durch die man „Geständnisse“ erpressen wollte. Gängige Methoden waren: das Kopfhaar ausreißen, Zähne ausschlagen, mit glühenden Zigaretten Verbrennungen zufügen, Schlafentzug durch, manchmal tagelanges“, Dauersitzen. Ein Dr. Busch aus Unna wurde mit einer Eisenstange blutig geschlagen (seine Haftbeschwerde blieb natürlich erfolglos), halb bewußtlos Geschlagene mußten auf einen Tisch steigen und „Heil Hitler“ rufen. Und oft traten SS-Leute unter dem Befehl von Otto Stegmann aus der Russelstraße in Bergkamen im Marschtritt auf die Fliesen im Vorraum und sangen Lieder, damit man die Schmerzensschreie der Mißhandelten nicht hörte. Manchmal wurden Mißhandlungen zur Abschreckung vor anderen Gefangenen durchgeführt, was mitunter Selbsttötungsversuche zur Folge hatte, die jedoch durch das Wachpersonal verhindert wurden. Perfide war es auch, die Ehefrau eines Flüchtigen als Geisel in Haft zu nehmen, was Auguste Glowiak aus Rünthe widerfuhr. Und ein Lehrer (!) kam aus der nahegelegenen Schillerschule regelmäßig in das Lager, um seiner Prügelleidenschaft zu frönen.

Natürlich blieben den Nachbarn des Lagers und Angehörigen der Häftlinge die Mißhandlungen nicht verborgen, doch tat der Lagerleiter, Wilhelm Boddeutsch, alles als „leeres Gerede“ ab, und ihm wurde gern geglaubt. Die NSDAP-Pressestelle Kamen gab mehrfach Presseerklärungen heraus, die die geordneten Verhältnisse im Lager darstellten, unterschwellig Mahnung und Drohung an die Leser, von einer willfährigen Presse bereitwillig veröffentlicht.

Schönhausen war als Lager eigentlich ungeeignet, zudem kamen ständig neue Häftlinge, daher wurden viele von ihnen in verschiedene andere Lager gebracht: Wittlich, Brauweiler, Moorlager Papenburg, Börgermoor u.a.

Nachdem am Anfang gezielt Kommunisten inhaftiert worden waren, begann am 25. Juni 1933 um 2.30 Uhr früh die Verhaftung der führenden SPD-Persönlichkeiten auf Anordnung Tengelmanns. Dazu gehörten:

Hans Heuser, nach dem Kriege Bürgermeister in Bergkamen und im Amt Pelkum

Paul Prinzler, nach dem Kriege Bürgermeister in Rünthe

Franz Trampe, Führer des Reichsbanners Bergkamen

seine Frau Luise Trampe, die, seelisch zermürbt, 1937 den Freitod starb

Und aus Kamen:

Leo Dyduch, Oswald Lepke, Valentin Schürhoff, Wilhelm Siekmann, alles Persönlichkeiten, die nach dem Krieg in der Kommunalpolitik eine wesentliche Rolle spielten.

Und der Bergkamener Karl Schnabel hat durch seine ausführlichen „Erinnerungen“ viel dazu beigetragen, daß wir heute so genau wissen, was sich in Schönhausen alles zugetragen hat.

Die Verhältnisse waren so schlimm geworden, daß selbst Tengelmann im Mai 1933 feststellte, daß der staatlichen Willkür, an der er teilhatte, oft auch private Willkür folgte. Er kündigte am 8. Mai 1933 an, „Eingriffe von Privatpersonen in die Rechte der Polizei künftig nicht mehr stillschweigend [hinzunehmen]“. Und die Verhaftung von Personen ohne Grund zur Inhaftierung schade der Sache der „nationalen Erhebung“.

Stellte eine Haftprüfungskommission fest, daß ein Gefangener unter dem Eindruck der Haft eine Besserung seiner Gesinnung zeigte, konnte er nach relativ kurzer Zeit entlassen werden. Über die Haftbedingungen hatte er allerstrengstes Stillschweigen zu bewahren, sonst wurde er gleich wieder festgenommen. Denunzianten gab es genug. Und bei seiner Entlassung mußte er unterschreiben, daß er keine Ansprüche aus der Haft ableite. Dazu gab es eine Ausgangssperre ab 19.00 Uhr, es sei denn, man wollte eine NSDAP-Veranstaltung besuchen, aber auch das war nur in Begleitung eines linientreuen „Paten“ gestattet.

Ab Juli 1933 gingen die Zahlen der Inhaftierten rapide zurück:

April 427

Mai163

Juni 225

Juli  72

August  66

September  35

Oktober    4

Offenbar war es den Nationalsozialisten gelungen, alle politischen Gegner im Kreis Unna auszuschalten.

Der neue Landrat, Dr. Heinrich Klosterkemper, veranlaßte am 20. Oktober 1933 die Schließung von Schönhausen. Zu der Zeit befanden sich noch 20 Gefangene dort, die entlassen oder nach Papenburg oder Oranienburg verlegt wurden. Am 28. Oktober wurde die Schließung in der Presse bekanntgegeben, doch mit der deutlichen Warnung: „ Personen, die sich auch jetzt noch nicht an die neue Ordnung gewöhnen können und sich irgendwie staatsfeindlich betätigen, werden künftig in die staatlichen Konzentrationslager im Börgermoor gebracht werden. Für eine Sammelstelle im Kreise ist gesorgt.“

Schönhausen wurde anschließend gründlich renoviert und im Frühjahr 1934 wieder als Wohlfahrtsgebäude genutzt.

Im Anschluß meldeten sich noch einige Besucher zu Wort, weniger mit Fragen, als mit zusätzlichen Betrachtungen und Erinnerungen.

Nachbemerkung: Nach der Schließung des Lagers wurde es jahrzehntelang mehr oder weniger totgeschwiegen, niemand konnte oder wollte darüber reden, sich mit diesem Teil der Vergangenheit auseinandersetzen. Ein Bürgerantrag, in Schönhausen eine Gedenkstätte einzurichten, wurde abgelehnt. Keiner der Täter wurde jemals zur Rechenschaft gezogen.

Zusammengefaßt von Klaus Holzer

Abb. 1: Photo Klaus Holzer

Abb. 2: Stadtarchiv Bergkamen

Das 11. Zeitzeichen

Einladung zum 11. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen 

Porträt Martin Kopie

Martin Litzinger

Am 28. April 2016 findet das 11. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen statt. Der Referent des Abends, Martin Litzinger, wird sich mit einem Thema beschäftigen, das unser Land wohl nie loslassen wird. Jeder Deutsche hat von Konzentrationslagern gehört, doch wer weiß, daß es auch in Bergkamen ein solches gab? Das ehemalige Wohlfahrtsgebäude Schönhausen der Zeche Grimberg I/II wurde von den Nationalsozialisten 1933 in ein KZ umgewandelt, in dem politisch Unliebsame „in Schutzhaft genommen“ wurden. Es war kein KZ wie Auschwitz und Treblinka, aber doch ein Lager, in dem gefoltert wurde. Daher stellt Martin Litzinger seinen Vortrag auch unter die Aussage:

„Man hörte die Schmerzensschreie der Misshandelten“ 

Das Konzentrationslager Schönhausen in Bergkamen

im Jahre 1933

Martin Litzinger ist Stadtarchivar in Bergkamen und der beste Kenner der Bergkamener Geschichte. Er ist durch eine Serie von Veröffentlichungen hervorgetreten, in der er ausführlich die Geschichte jedes einzelnen Bergkamener Stadtteils darstellt.

Zeitzeichen 11 DIN A3 Plakat
Für die Umsetzung seiner Vorhaben ist der Kultur Kreis Kamen auf Spenden angewiesen, die auf das Konto des Fördervereins des Kamener Museums, IBAN DE 27 4435 0060 1800 0390 99 bei der Sparkasse UnnaKamen, Stichwort: KKK, (wenn möglich, konkreten Spendenzweck angeben) überwiesen werden können. Der Förderverein stellt steuerlich wirksame Spendenquittungen aus (bitte Spenderadresse deutlich angeben).

Klaus Holzer

Das 10. Zeitzeichen

Am Donnerstag 12. November 2015, fand im Alten Gasthaus Schulze Beckinghausen das 10. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen statt. Christiane Cantauw M.A., wissenschaftliche Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster beschäftigte sich mit: „Der gute Tod und die Kunst des Sterbens. Kulturhistorische Betrachtungen zu Tod und Sterben“.

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Die Befürchtungen des KKK, das Thema erweise sich als zu sperrig und könne abschrecken statt anziehen, erwies sich als unbegründet. Der Saal bei Schulze Beckinghausen war bis auf den letzten Platz gefüllt und noch einmal so vielen Interessenten mußte im Vorfeld abgesagt werden.

Was allen Menschen gemeinsam ist: niemand kennt den Zeitpunkt seines Todes. Gewiß ist nur, daß jeder sterben wird. Und mit dem Tod eines Menschen sind seit jeher bestimmte Riten verbunden.

Ihrem Vortrag stellte Christiane Cantauw folgende Sage voran:

„Es gab eine Zeit, in der die Menschen wußten, wann sie sterben würden. Dies führte dazu, daß sie beim Herannahen des Todestages die täglichen Verrichtungen vernachlässigten und die Folgen für die Nachwelt nicht mehr bedachten. Eines Tages beobachtet Gott, wie ein Bauer einen Zaun mit Brennnessel repariert. Zur Rede gestellt, rechtfertigt der Bauer sein Tun mit dem bevorstehenden Tod. Aufgrund dessen beschließt Gott, den Menschen die Kenntnis ihres Todestages zu nehmen.“

Wir Menschen wissen zwar nicht, wann wir sterben werden, leben aber in der Gewißheit, irgendwann sterben zu müssen. Wir können uns gedanklich mit Tod und Sterben auseinandersetzen, empirisch erfahrbar wird Sterblichkeit aber nur durch den Tod unserer Mitmenschen.

In diese drei Kategorien teilte die Referentin ihren Vortrag zum Thema ein:

a. Personen

b. Orte

c. Objekte

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a. Personen

Im Mittelalter (MA) waren mit dem Tod von Menschen Totengräber und Henker befaßt. Sie galten als unehrenhaft, weil es Teil ihres Berufs war, einen sachlichen Umgang mit dem Tod zu pflegen, sie mit dem Tod Geld, ihren Lebensunterhalt verdienten, während Fürsorge für die Toten doch eigentlich Christenpflicht war, man sich unentgeltlich ihrer annahm. Handwerker u.a. vermieden jeden Kontakt zu den Unehrenhaften, man heiratete nicht über die zwischen ihnen bestehende unsichtbare Grenze hinweg. Daher entstanden mit der Zeit regelrechte Henkersdynastien, die immer am Rande der Gesellschaft, wenn nicht außerhalb ihrer lebten.

Dafür gab es Nachbarschaften, die für die soziale Bindung der Menschen sorgten, Beistand leisteten bei allen entscheidenden Ereignissen im Leben: Geburt, Hochzeit, Tod. Dafür brauchte man keineswegs Freund miteinander zu sein. Solche „Tod– und Notnachbarn“ konnten einander spinnefeind sein – in der Situation des Todes stand man einander bei. Man holte den Priester, der die letzten Sakramente spendete; man wusch den Toten, kleidete ihn fürs Totenbett, hielt Totenwache, band ihm das Kinn hoch; stellte Essen und Getränke für die Trauernden bereit, kurz: leistete dem gesamten Haushalt Beistand. Man erledigte alle alltäglichen Arbeiten, damit die Hinterbliebenen Zeit für ihre Trauer hatten. Es entwickelte sich eine „ars moriendi“ als Pendant zur „ars vivendi“.

Die Nachbarn erwiesen dem Toten auch die letzte Ehre, indem sie Zeugen der Sterbesakramente waren. Und diese waren besonders wichtig, denn ohne sie zu sterben verursachte die Furcht vor dem Fegefeuer. Dann rief man die 14 Nothelfer an, deren wichtigster im Münsterland St. Christophorus war: der Legende nach trug er ein Kind durch einen reißenden Fluß und merkte in der Flußmitte, daß die Last immer schwerer wurde. Dazu befragt, antwortete das Kind: Du trägst die ganze Welt auf deinen Schultern. Damit wurde er derjenige, der im Glauben der Menschen die Seelen ins Totenreich hinübertrug. (Hier gibt es Anklänge an die antike griechische Mythologie: der Fährmann Charon befördert die Toten über den Fluß Styx ins Totenreich.)

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Ebenfalls nicht gesellschaftlich angesehen waren die Totenfrauen, meist Witwen und arme Frauen, die ihre Dienste an den Toten gegen Bezahlung verrichteten. Zu dieser Gruppe gehörten auch die Totengräber, die allenfalls noch als Kloakenreiniger beschäftigt wurden. Heute wird die Rolle der Nachbarn in der Regel durch Bestattungsunternehmen wahrgenommen.

b. Orte

Auf dem Land war es in Westfalen immer üblich, zu Hause zu sterben. Das Schlafzimmer war meist auch das Sterbezimmer. Dort stand der Versehtisch mit einem Standkreuz, Kerzen, Palmzweig, Weihwasser und einer Schale Salz. Die Uhren im Haus wurden angehalten und alle glänzenden Gegenstände verhüllt: man wollte symbolisch zeigen, daß diese Gegenstände als Ausdruck der diesseitigen Welt für den Toten jetzt unbedeutend waren, seine Seele war im Jenseits. Um aber ganz sicher zu gehen, daß der Tote auch wirklich tot war, wurde er drei Tage lang aufgebahrt und eine Nachtwache organisiert (mancherorts waren das nur Männer, sonst aber Frauen für tote Frauen, Männer für Männer, immer aber war die Totenwache Pflicht). Während der Nachtwache wurde gebetet, über den Toten geredet, auch schon mal Karten gespielt und Schnaps getrunken, wenn der Tote eben das zu Lebzeiten gern getan hatte. Er gehörte einfach noch dazu. Erst im Laufe des 19. Jh. änderte sich das, weil man diesen Gedanken nicht mehr verstand und solches Handeln als pietätlos empfand. Und als im 20.Jh. schließlich alle Feierlichkeiten in Gasthäuser verlegt wurden, gehörte der Tote endgültig nicht mehr dazu.

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Ein Besuch im Trauerhaus war Pflicht, zeigte die Ehrerbietung gegenüber dem Toten. Dabei spritzte man mit einem Buchsbaumzweig Weihwasser über ihn. Strich man mit diesem Zweig über jemandes Warzen, dann nahm der Tote diese mit ins Jenseits und man war seine Warzen los. Kinder kamen zum „Bekieken der Leiche“ und standen dann unter dem Schutz der Heiligen.

Bis ins 18. Jh. wurden die Toten auf dem Kirchhof beerdigt. Das war das Areal direkt um die Kirche herum. Dort fanden auch Armenspeisungen, Prozessionen und Rechtsprechung statt. Der Sinn: im Angesicht der Kirche und der Lebenden und der Toten fand dort Alltägliches statt. Die Toten waren mitten unter den Lebenden. So ließ man z.B. auch Vieh dort weiden. Nur die Reichen und Mächtigen wurden in der Kirche selber beerdigt.

Während der Pestepidemien im MA wurden die Kirchhöfe zu klein. Daher wurden Pestfriedhöfe außerhalb der Stadt angelegt. Somit waren die Toten nicht mehr mitten unter den Lebenden. Familienbegräbnisse wurden nun zunehmend in Reihengräbern vorgenommen. In der Mitte des 19. Jh. wurden dann Klagen laut, daß menschliche Gebeine auf Kirchhöfen gefunden wurden. Danach wurden Friedhöfe nur noch am Ortsrand angelegt.

Gleichzeitig war im Zuge der Industrialisierung die Arbeiterklasse entstanden, die nicht mehr, wie zuvor die Landbevölkerung, großen Wohnraum zur Verfügung hatte. In ihren Kleinwohnungen, oft wg. der finanziellen Entlastung zusätzlich mit Schlafgängern belegt, gab es keinen Platz für die Aufbahrung des Toten mehr. Es entstand die Notwendigkeit zum Bau von Leichenhallen auf den Friedhöfen. Die erste entstand 1792 in Weimar, 1819 wurden sie in Preußen gesetzlich eingeführt (Westfalen war seit 1815 preußische Provinz), 1873 die erste in Münster gebaut. In der Mitte des 20. Jh. wurde es Pflicht, die Aufbahrung in Leichenhäusern vorzunehmen, heute ist sie wieder zu Hause erlaubt.

Früher war Selbstmördern und ungetauften Kindern die Bestattung in geweihter Erde versagt. Starben sie, bevor sie ein Jahr alt waren, gab es ein „Begräbnis unter dem Mantel“, d.h., sie wurden zu jemand anderem in den Sarg gelegt oder in einem anderen Grab „beigesetzt“. Das sparte vor allem Kosten

Kosten gespart werden auch durch die heute rasant zunehmende Feuerbestattung, deren Anteil mittlerweile schon bei 50% liegt. Das erste Krematorium gab es in Gotha im Jahre 1878. In Westfalen war Karl Ernst Osthaus , wie in vielem anderen auch, der Vorreiter, als er 1907/08 das erste Krematorium in Hagen bauen ließ. Es gründeten sich überall Vereine für Feuerbestattung, die vor allem hygienische Gründe für diese Form der Bestattung ins Feld führten. Aber natürlich war diese Bestattungsform auch platzsparend. (Jüdische Gräber haben Ewigkeitsrecht, weswegen man z.B. auf dem jüdischen Friedhof in Prag bis zu 30 Begräbnisschichten übereinander findet.) Papst Leo XIII (1810 – 1903) war gegen die Feuerbestattung. Erst 1963 hat die katholische Kirche sie akzeptiert.

c. Objekte

Wir können dem Tod kein Schnippchen schlagen, daher gewöhnen wir uns an ihn, wir entwickeln Formen für den Umgang mit ihm. Trauerkleidung wird eingeführt, wird zur Norm für alle. Der ganze Körper wird mit einem Rentuch (Leichentuch aus Leinen) verhüllt. Bis ins 17. Jh. war die Farbe der Trauerkleidung nicht geregelt, es konnte rot, weiß, grün sein. Daß wir heute schwarze Kleidung vorschreiben, geht auf das spanische Hofzeremoniell zurück. Ursprünglich trug man in Volltrauer sechs Wochen lang schwarz, in Halbtrauer durfte man danach schon wieder ein bißchen Schmuck anlegen. Später trug man einen Trauerflor am linken Oberarm (Juden zerreißen ihre Kleidung). Das alles war wichtig, symbolisierte es doch für bestimmte Zeit einen Ausnahmezustand.

Für das Jahresseelenamt gab es seit dem 15. Jh. (bis ins 19. Jh.) Totenzettel, die üblicherweise im Gesangbuch aufbewahrt wurden und auf denen der Werdegang des Verstorbenen erzählt wurde. Im HochMA kam aus Frankreich der Arme-Seelen-Glaube zu uns, der dazu führte, daß Spenden als Einnahmequelle entdeckt wurden, durch die man die Zeit des Toten im Fegefeuer verkürzen konnte. Es zeigte, daß die Trennung zwischen den Welten der Lebenden und der Toten nicht unüberwindlich sei: wenn die Lebenden den Toten etwas Gutes tun können – warum dann nicht auch umgekehrt die Toten den Lebenden? Der „Wiedergänger“ war entstanden. Damit der Tote nicht als solcher zurückkommen konnte, trug man ihn mit den Füßen zuerst hinaus.

Im 18./19. Jh. wurde es in Westfalen Mode, aus dem Haar verstorbener Frauen Schmuck herzustellen, meist aus geklöppeltem Haar in Bildform. Mit dem Aufkommen der Photographie wurden Erinnerungsphotos Mode. Dabei ging es zunächst darum, den Toten „wie lebendig“ abzubilden, man wollte die Zerstörung des Körpers bannen. Anfangs mußte man dazu die Leiche zum Photographen bringen, später ließen diese sich in der Nähe der Friedhöfe nieder. Im 20. Jh. wurde der Aufgebahrte als Schlafender photographiert. Den Tod verstand man nun als „Schlaf“. (Auch hier wieder der Anklang an die griechische Mythologie: Hypnos = Schlaf und Thanatos = Tod sind Brüder). Gleichzeitig wurde das Abschiednehmen am offenen Sarg unüblich, der Tote sollte wie ein Lebender im Gedächtnis bleiben.

So gibt es starke Wandlungen in unserem Verhältnis zum Tod. In der „guten, alten Zeit“ gab es eine enge soziale Kontrolle in seinem Umfeld. Der Tod war öffentlich, jeder hielt die sozialen Normen ein. Man brachte dem Toten Ehrerbietung und Achtung entgegen. Durch die Lockerung religiöser Bindungen in der Mitte des 20. Jh. fanden Sterben und Tod mehr und mehr unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Das Brauchtum in seinem Umfeld wurde aufgegeben, die Menschen verloren auch ihre Verhaltenssicherheit im Angesicht des Todes. Dafür entstand die Hospizbewegung, das Sterben braucht eben einen eigenen Ort und eine eigene Zeit. Heute kommt es zu immer individuelleren Formen des Begräbnisses: ein Fußballanhänger bekommt die Farben seines Lieblingsvereins und einen Fußball auf sein Grab, ein Fußballverein legt seinen eigenen Friedhof an. Das Opfer eines tödlichen Verkehrsunfalls bekommt eine Gedenkstelle am Unfallort, an der regelmäßig Blumen abgelegt und Kerzen entzündet werden, kurz, es ist eine Vielfalt an Umgangsweisen mit dem Tod an die Stelle früheren Brauchtums getreten. Die alte ars moriendi ist ausgestorben.

Ohne Titel 2

Nachdem das aufmerksam lauschende und, wie sich nachher zeigte, begeisterte Publikum die reichlichen Portionen Grünkohl mit Bratkartoffeln, Kassler und Mettwurst verspeist hatte, ergab sich eine angeregte Unterhaltung mit der Referentin, die noch eine Reihe Kamener Besonderheiten beim Umgang mit dem Tod nach Münster mitnahm.

Die Ortsheimatpflegerin von Kamen wußte folgendes zu berichten: In Kamen gab es ebenfalls Nachbarschaften, die sich um alles im Umfeld von Geburt, Hochzeit und Tod kümmerten, Schichten genannt. Jede Schicht war einem Stadttor zugeordnet. In der Ostenschicht, die am längsten Bestand hatte, war es üblich, daß die Sargträger ein spitzenumrandetes Leinentüchlein bekamen, das sie um die Tragegriffe des Sarges legten und nach der Beerdigung als Lohn behalten durften.

Der Ortsheimatpfleger von Heeren-Werve trug folgende amüsante Geschichte bei: Als man begann, die Toten aufzubewahren, kam es einmnal vor, daß der Sarg für eine besonders gut genährte und stämmige Tote nicht durch die Haustür paßte. Hineinzukommen war kein Problem, da man den Sarg hochkant stellen und drehen konnte, wie es erforderlich war. Das Hinaustrage gestaltete sich allerdings sehr schwierig, hochkant tragen und den Sarg drehen – das konnte und wollte man der Toten nicht antun. Da baute man ein Gerüst vor dem größten Fenster auf, hievte den Sarg darauf und vermochte ihn abzutransportieren.

Und er wußte noch eine zweite Anekdote zu berichten: Bei einer Nachtwache wurde fleißig gebechert, bis die Jungs auf die Idee kamen, daß der Tote doch sicherlich auch ein Schnäpschen trinken möchte. Sie steckten ihm die Tülle der Flasche in den Mund und ließen den Schnaps rinnen. Als die Flüssigkeit langsam die Speiseröhre hinunterlief und die in ihr enthaltene Luft komprimierte, löste sich ein gewaltiger Rülpser. Vor lauter Schreck über den vermeintlich zum Leben erweckten Toten nahmen die Schluckspechte Reißaus.

KH

Das 10. Zeitzeichen

Das mittlerweile 10. Zeitzeichen des KKK findet am 12. November 2015 statt. Beginn ist um 19.00 Uhr. Und der Veranstaltungsort ist dieses Mal die alte Gaststätte Schulze Beckinghausen, Mühlenstraße 99, in Westick.

Die Referentin des Abends ist Christiane Cantauw, MA, von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster.

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Das Thema ist der Jahreszeit angemessen:

„Der gute Tod und die Kunst des Sterbens.“

Zeitzeichen 10 DIN A5 Plakat

Kulturhistorische Schlaglichter auf Tod und Sterben.

Um den Abend auch zu einem westfälischen Ereignis werden zu lassen, kocht der Gastwirt Uli Neumann ein typisch westfälisches Gericht: Grünkohl mit Bratkartoffeln und einer Scheibe Kassler und einer Mettwurst zum Preis von € 8,90.

Damit der Wirt das Essen planen kann, bitten wir die Teilnehmer um Anmeldung bei Klaus Holzer, Tel.: 02307 / 79 74 19 oder als Email: et.holzer@gmx.de

KH

9. Zeitzeichen

von Klaus Holzer

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Photo: Jürgen Dupke

9. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen am 23. April 2015 im Haus der Stadtgeschichte in Kamen:

Malte Hinz bei seinem Vortrag

9. Zeitzeichen des KKK zum Thema Pressefreiheit

Es war ein Novum bei den Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen, es waren keine Bilder, vom Beamer an die Wand projiziert, die das Interesse auf sich zogen, es war das reine Wort! Aber es bannte die Zuhörer und hielt sie auf ihren Plätzen fest!

Malte Hinz, bis Ende dieses Monats noch Chefredakteur der Westfälischen Rundschau, einer Zeitung ohne Redaktion – was er als falsche Entscheidung der Geschäftsleitung der Funke-Gruppe kritisierte – schlug am Donnerstagabend, 23. April 2015 im Haus der Stadtgeschichte in Kamen einen weiten Bogen vom Beginn der Pressefreiheit 1832 bis heute. Dazu konnte er auf reiche eigene Erfahrungen in 44 Jahren als Journalist zurückgreifen. Das tat er gekonnt und erhellte das vielleicht eher spröde Thema durch seinen fesselnden Vortrag.

Der Name Phillipp Jakob Siebenpfeiffer war wohl den wenigsten seiner Zuhörer jemals untergekommen, und doch steht er am Anfang der Pressefreiheit, die heute in Art. 5 des GG für Deutschland festgeschrieben steht. Dieser PhJS verteidigte das Recht, seine Meinung frei veröffentlichen zu dürfen gegen die damals herrschende Obrigkeit vehement und setzte sie, trotz aller Widrigkeiten, durch. Ihm folgten im Verlauf der letzten 180 Jahre immer wieder große Verleger und Journalisten, die, so MHs zentraler Begriff, „Haltung“ besaßen und das Wesen einer freien Presse begründeten und verfestigten: Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Rudolf Augstein, Henri Nannen, Axel Caesar Springer u.a.

Guter Journalismus, das ist sorgfältige Auswahl der Meldungen aus der täglichen Flut, gründliche Recherche, Bewahrung der Distanz zu den Mächtigen, Mut und Standfestigkeit, auch festes Auftreten der Lokaljournalisten gegenüber dem Rathaus – so verstanden, wird die Zeitung in ihrer alten Form auf Papier noch lange Bestand haben. Auch das Internet mit seiner Minuten-Aktualität könne einem solchen Qualitätsjournalismus nichts anhaben. Zwar sei die Bezeichnung „Journalist“ nicht geschützt, auch wer für die vereinseigene Angelzeitung schreibt, könne sich so nennen, doch betreffe das nicht die Bezeichnung „Redakteur“. Diese bezeichne einen Ausbildungsberuf, und das sei dann ein geschützter Begriff.

MH räumte ein, daß das Nebeneinander mehrerer Lokalredaktionen durch die Konkurrenzsituation im ganzen zu einer Verbesserung der journalistischen Arbeit führe und gab zu, das das Schließen der Redaktionen der Westfälischen Rundschau in den betreffenden Städten zu einer Verarmung der Presselandschaft geführt habe, was durch Anwesende bekräftigt wurde.

Mit Sorge blickte MH auf Tendenzen in der Politik, unter dem Deckmäntelchen der Sicherheit Journalisten (und Bürger) zu belauschen und auszuspähen, weil so Pressefreiheit unterwandert und ausgehöhlt werde, es ohne sie aber keine Demokratie gebe. Auch auf die Frage, was Satire darf, ging MH explizit ein: alles. Und der Karikierte, Entlarvte, muß alles ertragen. Und es kann keine Ausnahmen davon geben, weder für Einzelpersonen noch Gruppen noch für z.B. religiöse Gefühle, denn das würde ja eine Privilegierung bedeuten, und das wäre antidemokratisch. Da müssen die Angegriffenen jedweder Couleur jede Unverschämtheit und Geschmacklosigkeit über sich ergehen lassen, bis an die Grenze zur Volksverhetzung, die nicht überschritten werden darf. Freilich brauche nicht jedermann so etwas gut zu finden, aber das sei Geschmackssache, und Geschmack sei privat.

Anschließend gab es viele Fragen und eigene Ansichten zum Thema seitens des Publikums. Ein Teilnehmer beklagte die mangelhafte Vorberichterstattung über den Vortragsabend in der Lokalpresse. Für Schüler, meinte er, hätte der Abend Pflichtveranstaltung sein müssen. Ein Vertreter des KKK erläuterte daraufhin seine Bemühungen um angemessene, d.h., ausführlichere Berichterstattung. Er habe die Lokalredaktionen mehrfach angeschrieben und mit Informationen über den Vortrag versorgt, sie sogar persönlich aufgesucht und die Einladung wiederholt, sie ausdrücklich auch zur Berichtserstattung darüber eingeladen. Er müsse aber resigniert feststellen, daß Pressefreiheit auch das Recht der Presse beinhalte, über ein Ereignis nicht zu berichten. Vielleicht ist dieser Punkt schon das Ergebnis der verschwundenen Konkurrenz auf dem Kamener Pressemarkt?

Die Gefahr durch den islamistischen Terror wurden angesprochen, die allgemeine Situation in der Welt, wie die Schere im Kopf wirkt, wenn jemand, sobald er über Unliebsames berichtet, damit rechnen muß, beim nächsten Mal nicht mehr im Flugzeug der Kanzlerin zu sitzen, wenn es zu wichtigen Treffen geht, aber auch, wie sie wirkt, wenn Gefahr für Leib und Leben droht. Immer ist es eine Frage der Abwägung, die der einzelne Journalist vornehmen muß. Und damit kam MH auf seinen Anfang zurück: Dann ist „Haltung“ gefragt. Denn Pressefreiheit geht über alles.

KH

 

Malte Hinz, Die Presse ist frei – kein Aber! 

Pressefreiheit ist ein hohes Gut, das es unter allen Umständen zu bewahren gilt. Gilt das nur in Sonntagsreden oder auch, wenn es darauf ankommt?

Am 7.1.2015 ermordeten islamistische Terroristen 12 Journalisten in den Redaktionsräumen der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Mittlerweile bringen nicht wenige Zeitungen aus Angst vor weiteren Anschlägen keine Mohammed-Karikaturen mehr, sofern sie nicht durch die Androhung von Gewalt schon vorher eingeschüchtert waren. Wer die Sprachregelungen der Political Correctness nicht beachtet, wird umgehend im Internet niedergemacht. Wer hält solchem Druck stand? Ist, wer ihm nachgibt, Feigling oder Realist oder einfach Mensch?

Sind Situationen vorstellbar, in denen auf Pressefreiheit freiwillig verzichtet wird, z.B., wenn es um die Sicherheit einer Gesellschaft geht? Was darf, was muß Satire? Heißt Pressefreiheit, daß über alles berichtet werden muß? Wann setzt die Schere im Kopf an? Kann Pressefreiheit mißbräuchlich benutzt werden, z.B., zur Meinungsmache? Geben wir mit der Pressefreiheit Grundwerte unserer Zivilisation auf?

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Der Referent des Abends ist den Kamenern gut bekannt: Malte Hinz (Photo: WR), Chefredakteur der Westfälischen Rundschau, der lange in den heimischen Redaktionen in Kamen und Bergkamen gearbeitet hat. Angesichts der gegenwärtigen politischen Situation sind die Ausführungen eines Journalisten zum Thema Pressefreiheit sicherlich von besonderem Interesse, scheint doch Pressefreiheit derzeit von allen Seiten bedroht, sei es „embedded journalism“ oder die islamistische Bedrohung auch in unserem Land. Oder einfach durch zu große Nähe zu Regierenden. Die Frage nach dem Wert der Pressefreiheit stellt sich umso dringlicher. Für Malte Hinz gibt es „kein Aber“. Er tritt offensiv für die Freiheit der Presse ein. Eine Diskussion im Anschluß an seine Ausführungen ist erwünscht.

Zu dieser Veranstaltung am Do., 23. April 2015 um 19.30 Uhr lädt der KKK Sie ins Haus der Stadtgeschichte in Kamen, Bahnhofstraße 21, ein. Der Eintritt ist frei. Spenden für Projekte des KKK in Kamen sind willkommen.

KH

8. Zeitzeichen am 13. Nov. 2014

 

Zusammenfassung von Klaus Holzer

Das 8. Zeitzeichen des KKK

Am Donnerstag, 13. November 2014, fand im Haus der Stadtgeschichte in Kamen das 8. Zeitzeichen des Kulturkreises Kamen statt. Heribert Reif, bis Januar 2014 Leiter des Botanischen Gartens Rombergpark in Dortmund sprach über „Kopfbuchen – zum Geschichtsverständnis früherer Waldnutzung“. Mit tiefer Kenntnis und voller Begeisterung referierte Heribert reich über Holz– und Waldnutzung während der letzten anderthalb Jahrtausende. Und er wußte Erstaunliches zu berichten.

Wer von seinen Zuhörern wußte schon, daß

… bereits Karl der Große eine erste Waldschutzsatzung erließ, weil er die Bedeutung von Holz zum Bauen, Heizen, Kochen und für den Waffenbau erkannt hatte?

… sich anhand der Bepflanzung vom Gardasee übers Piedmont bis in die Toskana deutsche Siedlungsspuren nachweisen lassen? (Die germanischen Fürsten hatten, als sie zur Völkerwanderungszeit nach Italien zogen, in ihrem Troß eben auch Bauern und Handwerker dabei, die im fremden Land genau das taten, was sie von zu Hause kannten?)

… die mangels Geschichtskenntnissen heute oft banal Monsterbäume oder –wälder genannten Anpflanzungen das Ergebnis bäuerlicher und forstwirtschaftlicher kultureller Leistung sind? (Ausgewachsene Buchen zu fällen, war früher viel mehr als heute härteste Knochenarbeit, gab es doch keine Motorsäge. Daher war es sehr wirtschaftlich, die Bäume in ca. zwei oder zweieinhalb Metern Höhe zu schneiden und statt der dicken Stämme die dann von hier aus gewachsenen jungen Äste zu ernten, sobald sie die richtige Dicke hatten. Das Sägen wurde leichter, und das Spalten entfiel. Und unter der Höhe von zwei Metern ging das nicht, weil das frei weidende Vieh sonst die frischen Triebe abgefressen hätte. Für die Tiere blieben aber die seitlich aus der Wurzel wachsenden Triebe als Futter. Baumäste sind übrigens vorteilhaft für die Gesundheit der Tiere.)

… die Linde der Baum der Franken war, der regelmäßig alle 10 – 15 Jahre in Form geschnitten wurde, wovon es noch heute Beispiele am Niederrhein und im Oberbergischen gibt?

…die Eiche ursprünglich vor allem nördlich der Lippe (seit vielen Jahrhunderten eine geographische, ethnische, politische und religiöse Grenze) und in Ostwestfalen und im Lippischen angepflanzt wurde, also im Gebiet der Sachsen, und nicht beschnitten wurde, sondern frei wuchs? (Karl zwangschristianisierte die Sachsen bekanntlich vor 800 und eroberte dabei ihr Land, was dann für die weitere Verbreitung des „sächsischen“ Baumes sorgte.)

… Bäume, wenn sie regelmäßig beschnitten und somit zu neuem Austrieb animiert werden, viel älter werden als ihre unbeschnittenen Nachbarn?

… kein Baum älter als ca. 800 Jahre wird, auch wenn immer wieder von „tausendjährigen“ Eichen usw. die Rede ist? (Die 1000 Jahre sind leicht zu erklären, wenn man die Erinnerungsspanne des Menschen zugrundelegt: drei, höchstens vier Generationen, deutlich unter 100 Jahren. Diese „tausendjährigen“ Bäume bleiben immer tausendjährig.)

… die Linde der Baum der Frau ist, in matriarchalischen Gesellschaften dominierte? Der Baum Marias, weil ihre Blattform an ein Herz erinnert? Der Gerichtsbaum wurde, weil auch Justitia eine Frau ist?

… die Eiche der männliche Baum ist, in patriarchalischen Gesellschaften vorherrschte?

… in Ostwestfalen/Lippe die Linde in manchen Gegenden in ca. zwei Metern Höhe beschnitten wurde, damit man die neuen Triebe so biegen und wachsen lassen konnte, daß darauf ein Gerichtsraum eingerichtet werden konnte? (Die Seitentriebe wurden miteinander verflochten, so daß ein Baumhaus entstand.)

Vieles mehr wußte Heribert reif zu berichten, immer hoch interessant, fesselnd erzählt, das meiste neu, wenngleich mancher ihm nicht immer folgen mochte, so z.B. bei den Ausführungen des Referenten zu den Gründen für die Reformation. Da bleibt so mancher wohl doch eher bei der orthodoxen Deutung.

Über eineinhalb Stunden dauerte der Vortrag, doch niemand ging vorzeitig. Heribert Reif hatte seine Zuhörer in seinen Bann gezogen.

KH

 

Zeitzeichen 8

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser nächstes „Zeitzeichen”, das mittlerweile achte (!), findet am 13. November 2014 statt, wieder im Haus der Stadtgeschichte in Kamen, Bahnhofstraße 21. Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt frei. Spenden sind willkommen.

An diesem Abend wird Heribert Reif, bis vor kurzem noch Direktor des Romberg-Parks in Dortmund und damit erwiesenermaßen einer der besten Baumkenner Deutschlands, sich mit ganz besonderen Erscheinungsformen von Buchen beschäftigen, vor allem auch darstellen, wie   unterschiedlich sie in der jeweiligen regionalen Kultur in Rheinland und Westfalen auftreten.

KH