Die Mühlenstraẞe in Kamen-Mitte

von Klaus Holzer

Sie wissen, daß es eine Mühlenstraße in Westick gibt? Aber Sie wissen nicht, daß es auch in Kamen-Mitte (damals noch ohne „Mitte“) eine Mühlenstraße gab? Kein Wunder, gibt es sie doch seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. nicht mehr. Es handelt sich bei ihr um das obere Stück der Bahnhofstraße, vom Markt bis zur Maibrücke. Sie führte also vom Mittelpunkt der Ackerbürgerstadt zu einem der wichtigsten Handwerke einer jeden mittelalterlichen Stadt: dem Müller. Eike von Repgow legt in seinem ca. 1220/30 entstandenen „Sachsenspiegel“ dar, für wie wichtig Mühlen damals gehalten wurden. Daraus ging klar hervor: Auf Mord, Beraubung einer Kirche, einer Mühle oder eines Friedhofs steht die Strafe des Räderns! Das war die schlimmste vorstellbare Strafe. Ausrauben einer Mühle wurde mit Mord, Schändung von Kirche und Friedhof gleichgestellt!

In dieser Abbildung ist übrigens die Ähnlichkeit des Mühlrades mit dem Kammrad im Kamener Stadtwappen, das aus derselben Zeit stammt, frappierend. 

Abb. 1: Eike von Repgow, Sachsenspiegel

Die Mühlenstraße war Teil des wichtigen Straßenkreuzes in Kamen, Ost–, Nord–, Weststraße, dazu Am Geist, die Diagonale über den Markt, und die Fortführung nach Süden zum Hellweg über die Mühlenstraße. Sie führte als einzige Straße über die Seseke und war durch ihre Lage und Bedeutung wohl die am stärksten frequentierte Straße. Dreimal in der Woche war in Kamen Markt, zweimal für je eine Woche Jahrmarkt, von Graf Adolf I., Grafen von der Mark, der zwischen 1249 und 1277 regierte, zugestanden und von Graf Adolf II am 4. Juli 1346 bestätigt. Dann  strömten Händler, Gaukler und Bauern in die Stadt, um Geschäfte zu machen, die Kamener mit allem zu versorgen, was sie nicht selber herstellen konnten, sie zu unterhalten und natürlich auch mit den neuesten Nachrichten aus aller Welt zu versorgen.

Abb. 2 – 4: Kaufleute, Gaukler und Bauern hatten alle ihren festen Platz in der Stadt

Die Brücke muß man sich bis gegen Ende des 18. Jh. als einfache Holzbrücke vorstellen, die jedoch den damaligen Ansprüchen wohl genügte, schließlich waren auch die Fuhrwerke der Händler meist recht bescheidene Fahrzeuge, deren Last nicht sehr hoch war. Pferde mußten sie bei jedem Wetter über unbefestigte Straßen ziehen können, die beim leichtesten Regen zu Schlammlöchern wurden.

Abb. 5: Ein Wagen, wie ihn die Hansekaufleute benutzt haben

Preußen hatte 1717 die Akzise wieder eingeführt, eine Steuer auf Waren, die beim Eintritt in eine Stadt zu entrichten war. Das machte man nun in jeder Stadt, überall hatten Händler diese Steuer zu entrichten, was die Geschäfte beträchtlich behinderte. Schon damals taten sie daher etwas, was auch heute noch Usus ist: sie schlugen die Kosten der Akzise auf den Preis auf (heute ist das die MWSt). Schließlich erkannten die preußischen Behörden das Problem und schafften die Steuer gegen Ende des Jahrhunderts wieder ab.

Das scheint zu einem Anwachsen des Handels geführt zu haben, vielleicht auch zu größeren Fuhrwerken. Wie auch immer, es fällt auf, daß die Stadt Kamen zur selben Zeit, 1797, die Notwendigkeit erkennt, die „Homeybrücke“1 zu erneuern, und nicht nur wieder eine Holzbrücke, sondern jetzt eine richtige Steinbrücke zu bauen.

Aber Kamen ist arm, der Glanz und Reichtum der Hansezeit sind lange dahin. Man tat das, was ebenfalls auch heute noch üblich ist: man nimmt Darlehen auf. Aber es gibt noch keine Sparkassen und Banken. Man muß sich das Geld bei reichen Bürgern leihen. 

Hier eine Aufstellung dieser Darlehen:

10. Juni 1797, 500 Reichsthaler von Doktor Proebsting2, städt. Einnahmen als Pfand,

10. Juni 1797, 500 Reichsthaler von Prediger Hecking in Bönen, städt. Einnahmen als Pfand,

10. Juli 1798,  395 Reichsthaler von Stadtkämmerer Rediger, städt. Einnahmen als Pfand,

10. Juli 1798, 200 Reichsthaler vom Armenhospital in Kamen, städt. Einnahmen als Pfand, 14 Tage später von der Kriegs- und Domänenkammer in Hamm3 genehmigt. Insgesamt lieh sich die Stadt also 1595 Reichsthaler.4

Die zwei Darlehen vom Juni 1797 sind ausdrücklich zur Bezahlung der Kosten für die neue Steinbrücke über die Seseke gedacht, die beiden von 1798 ebenfalls für die Steinbrücke, doch auch, und das ist bemerkenswert, für das Straßenpflaster. 1798 wird die Mühlenstraße als erste Straße in Kamen mit einem Steinpflaster versehen!

Es dauerte lange, bis Kamen diese vier Darlehen getilgt hatte. Das an Hecking war am 15. November 1825 getilgt, das Rediger-Darlehen am 2. Dezember 1829, das des Armenhospitals am 9. Juli 1838. Von der Tilgung des Darlehens von Dr. Proebsting ist in diesen Urkunden nichts zu finden.

Im Vergleich zu der Gewaltleistung, die der Bau der Stadtmauer bedeutete, waren der Bau der Brücke und die Pflasterung der Straße sicherlich leicht zu bewältigen5. Spätestens Anfang des neuen Jahrhunderts dürfte beides fertig gewesen sein. Bis 1923 war diese Brücke die einzige Straßenbrücke in Kamen. Sogar die Kleinbahn UKW6 hat sie noch erlebt. Dann aber war sie unrettbar beschädigt. Sie mußte abgerissen und eine neue gebaut werden.

Abb. 6: Die alte Maibrücke, 1985

 2001 wurde sie saniert und vom motorisierten Verkehr befreit. Heute ist sie Bestandteil des neuen Sesekparks, der im Jahre 2018 der Kamener Bevölkerung übergeben wurde.

Abb. 7: Die neue Maibrücke

Quelle der Abbildungen:

Abb. 1: aus: Aufruhr 1225! Das Mittelalter an Rhein und Ruhr, Darmstadt 2010; das Mühlenrad (oben) auf einer Darstellung im Sachsenspiegel des Eike von Repgow aus den 1220/30er Jahren, wie es auch im Kamener Stadtwappen zu sehen ist.

Abb. 2: Bernd Fuhrmann, Die Stadt im Mittelalter, Stuttgart 2006, S. 57

Abb. 3: Bernd Fuhrmann, Die Stadt im Mittelalter, Stuttgart 2006, S. 27

Abb. 4: Stadtarchiv Kamen

Abb. 5: Archiv Klaus Holzer

Abb. 6: Wikipedia

Abb. 7: Photo Klaus Holzer

1 Zur Erklärung des Namens vgl. Artikel „Maibrücke“

2 Wahrscheinlich Dr. med. Philipp Ludwig Pröbsting, geb. 26. Mai 1735, gest. 23. April 1812, der Großvater des bekannten Stadtchronisten.

3 Die Reichs- und Domänenkammern wurden in Preußen 1723 als Provinzialbehörden eingeführt, ab 1815 in die preußischen Bezirksregierungen umgewandelt.

4 Auch wenn heute nicht mehr sinnvoll erschlossen werden kann, wieviel diese Summe seinerzeit wirklich bedeutete, wird aber im Verhältnis ersichtlich, was für eine gewaltige Summe das war, wenn man einmal die Zahlen für einen städtischen Haushalt damit vergleicht. Pröbsting führt in seiner Kamener Stadtgeschichte detailliert auf, wie die Zahlen für 1702 sind: Einnahmen – 867 Thaler, 45 Stüber; Ausgaben: 963 Thaler, 9 Stüber; das ergibt einen Negativsaldo von 96 Thalern, 4 Stübern! Auch wenn die Zahlen fast 100 Jahre später vielleicht etwas andere sind, die prekäre Situation wird deutlich. Versuch der Annäherung des Wertes des Reichsthalers um jene Zeit: 1818 erhielt ein Schullehrer, der gleichzeitig Organist und Küster war, 100 Reichsthaler im Jahr. 

5 vgl.a.Artikel „Mühlentorweg“

6 So hieß die Straßenbahn, die von 1909 bis 1950 zwischen Unna, Kamen und Werne verkehrte.

KH

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: 70 Jahre gelebte Freiheit und Demokratie.

Bei der folgenden Zusammenfassung handelt es sich um Teil IV des 15. ZZ des KKK, verfaßt und vorgetragen von Dr. Heinrich-Wilhelm Drexhage

Am 3. Mai 1949 wurde in Bonn vom Parlamentarischen Rat das Grundgesetz (GG) der Bundesrepublik Deutschland verkündet. Dieses Datum markiert den Beginn der längsten Periode von Frieden, Freiheit und Demokratie in der Geschichte Deutschlands.

Abb. 1: Der Parlamentarische Rat

Dieses GG ist auf den schrecklichen Erfahrungen der deutschen Geschichte aufgebaut: wie die erste deutsche Demokratie, die Weimarer Republik, zwischen den extremen rechten und linken Parteien zerrieben wurde, zu ihrem Spielball wurde, obgleich, oder auch weil, sie in ihrer Verfassung eine besonders freiheitliche Grundordnung aufwies. So scheiterte sie wegen ihrer großen Liberalität und ging schließlich im Wüten der Nationalsozialisten unter. Damit gab es keine Freiheit mehr. 

Erst nach der Zerstörung Deutschlands besannen sich die Männer und Frauen des Parlamentarischen Rates auf die Ideen der Denker früherer Jahrhunderte und verfaßten ein GG, das allgemeine Gültigkeit beanspruchte. Daher lautet der erste, so einfache, aber folgenschwere Satz des GG:  Art. 1(1) „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Damit ist der Grundton vorgegeben: der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt alles staatlichen Handelns. Ein Satz mit einer Tragweite, der sich in keiner anderen Verfassung in der Welt findet. Die Menschenwürde ist als „vorstaatlich“ gegeben, als von Natur aus vorhanden.

Weitere grundlegende Artikel: Art. 2 (1) „Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Art. 4(1) „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“

Art. 5: (Meinungs-, Informations-, Presse-, Rundfunk-, Film-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit)

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugängigen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Diese Grundrechte bilden den Prüfstein für ein funktionierendes Staatswesen und eine freie pluralistische Gesellschaft. Da das Bunderverfassungsgericht festgestellt hat, daß das „Kommunikationsrecht zu den vornehmsten Menschenrechten überhaupt“ gehöre, werden die Grenzen hier sehr weit gezogen. Es gibt nur sehr wenig, was in Deutschland nicht gesagt werden darf, das wichtigste: Leugnung des Holocausts und Verherrlichung des Nationalsozialismus sind unter Strafe gestellt, Ergebnis historischer Erfahrung.

(Zusammenfassung von Klaus Holzer)

Bildquelle: Abb. 1: Bundesarchiv

Freiheit: ein kurzer kultur– und ideengeschichtlicher Überblick

Bei der folgenden Zusammenfassung handelt es sich um Teil III des 15. ZZ des KKK, verfaßt und vorgetragen von Dr. Heinrich-Wilhelm Drexhage

Der Begriff der Freiheit: Kurzer kultur- und ideengeschichtlicher Überblick

Im zweiten Teil des Abends gab Dr. Drexhage einen Überblick über die Entwicklung des Begriffs der Freiheit in den letzten zweieinhalbtausend Jahren, beginnend mit Perikles (um 500 – 429 v.Chr.) in der klassischen griechischen Antike. Er erläuterte ausführlich das Verständnis von Freiheit dieses bedeutenden Staatsmannes und wie sich dieser Begriff im Alltag Athens darstellte: die griechische Polis ist der Schlüssel zum Verständnis der griechischen Antike und ihrer politischen Kultur. In ihr gab es zum ersten Mal eine freiheitliche demokratische Grundordnung, die alle Männer, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und gesellschaftlichen Stellung, in die politischen Entscheidungsprozesse einbezog.

Abb. 1: Perikles & die Akropolis

Im römischen Reich hat es hingegen niemals eine demokratische Verfassung gegeben, allenfalls eine gewisse Unabhängigkeit der „coloniae“, der Städte, in Deutschland Köln, Xanten und Trier. Immerhin stellten Marc Aurel und Seneca, die die um 300 v.Chr. gegründete griechische Philosophenschule der Stoa für Rom adaptierten, fest, daß es für den Menschen keine äußere Freiheit geben könne, da er ihre Voraussetzungen nicht kontrollieren könne, weswegen seine innere Freiheit entscheidend sei. 

Abb. 2: Seneca & Marc Aurel

Im Hochmittelalter herrschte eine streng gegliederte Ständeordnung, die kaum Freiheit ließ. 90% der Bevölkerung waren Bauern und damit „Unfreie, Leibeigene, Hörige“. Erste Ansätze gab es in England, wo 1215 die „Magna Charta Libertatum“ („Große Urkunde der Freiheiten“) dem Adel grundlegende politische Freiheiten gegenüber dem König verbriefte.

In Deutschland verfaßte zwischen 1220 und 1235 der Ritter und Rechtskundige Eike von Repgow das Rechtsbuch „Sachsenspiegel“, in dem er feststellte: „Als man zum ersten Male Recht setzte, da gab es noch keinen Dienstmann und waren alle Menschen freie Leute […]. Ich kann es auch mit meinem Verstande nicht für Wahrheit halten, daß jemand das Eigentum eines anderen Menschen sein soll.“

Abb. 3: Eike von Repgow

Und als im 12. Jh. in Deutschland mehr und mehr Städte, und damit Bürger, entstanden, gab es auch immer mehr Freiheit: „Stadtluft macht frei.“

Im Spätmittelalter begannen die Menschen zunehmend, ihre Unfreiheit als bedrückend, als Belastung zu empfinden, was in den Bauernkriegen 1525 kulminierte. Die Aufstände wurden jedoch von den Fürsten brutal unterdrückt, die Feudalordnung hatte weiter Bestand.

Abb. 4: John Locke

Erst die Aufklärung bringt deutlichen Fortschritt. Ein früher Aufklärer, der Engländer John Locke (1632 – 1704) beschrieb die Grundvoraussetzungen für eine gedeihliches Staatswesen: dieses habe nur den Zweck, Freiheit, Eigentum, Leben und körperliche Unversehrtheit seiner Bürger zu schützen. Und er formulierte as erster, alle Gewalt im Staate müsse vom Volk ausgeübt werden.

In Frankreich war es vor allem Montesquieu (1689 – 1755) der die Grundlagen für den modernen Verfassungsstaat legte. Sein Landsmann Voltaire (1694 – 1778) kämpfte zeitlebens für Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz.

Abb. 5: Immanuel Kant

In Deutschland war es vor allem Immanuel Kant (1724 – 1804), für den Freiheit, Vernunft bzw. Verstand zentrale Begriffe seiner Philosophie waren: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Daher gelte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Und weiter: „Zu dieser Aufklärung wird aber nichts mehr gefordert als Freiheit […], nämlich die, von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Der öffentliche Gebrauch der Vernunft muß jederzeit frei sein und der kann allein Aufklärung unter Menschen zustande bringen.“ Damit war die Grundlage für die Würde des Menschen und seine Freiheit gelegt.

Abb. 6: John Stuart Mill

Besonders wirkungsmächtig war im 19. Jh. der englische Philosoph und Politiker John Stuart Mill (1806 – 1873). Er legte überzeugend dar, daß menschliches Glück entscheidend vom Grad der Freiheit abhänge, die in einem liberalen Staatswesen gewährt werde. Nur in zwei Fällen dürfe man sich in die Handlungsfreiheit eines Menschen einmischen: um sich selber zu schützen oder die Schädigung anderer zu verhindern. Das ist sein noch heute in der anglo-amerikanischen Welt akzeptiertes Mill-Limit.

(Zusammenfassung Klaus Holzer)

Bildquellen: Abb. 1: N. Harris, Antikes Griechenland; Abb. 2: Gipsabdruck Archäologisches Museum Münster, J. Martin, Das alte Rom (Marc Aurel); Abb. 4,  5 & 6: Wikipedia

Anderer Begriff von Freiheit in GB & den USA

von Klaus Holzer

V. Andere Begriffe von Freiheit in GB & USA

Das Verständnis von Freiheit ist, wie andere Dinge auch, eng mit der eigenen historischen Erfahrung verknüpft. Es gibt eben doch Dinge, die mit dem Begriff der Nation zusammenhängen. Wer wollte leugnen, daß das Leben, die typischen Dinge des Alltags wie auch der grundsätzlichen Ideen, in anderen Länder andere sind als bei uns. Ich weiß, das gerät in die Nähe des politisch verbrannten Begriffs der Leitkultur, aber ich glaube, daß das vor allem daran liegt, daß er schnell mit deutscher Überlegenheit assoziiert wurde, mit „Deutschland, Deutschland über alles“. Was wiederum dem Engländer selbstverständlich ist: Man begegnet immer wieder dem dankbaren Stoßseufzer: Was für ein Glück, daß ich als Engländer geboren bin. Oder den Amerikanern, die sich in „God’s own country“ wähnen. Und wer wollte ernsthaft bestreiten, daß das Leben in Frankreich oder Italien oder Spanien oder England sich erheblich von dem hier unterscheidet?

Auf unterschiedlichen historischen Erfahrungen ergeben sich auch unterschiedliche Auffassungen von Freiheit:

GB:

Abb. 1: Zwei Flaggen vereint – ein Land entzweit

Die Briten streben u.a. deswegen aus der EU, weil nicht wenige von ihnen immer noch Ideen des Empire nachhängen, Ideen von Weltmacht, Unabhängigkeit. Seit 1066 ein Reich, mit zentraler Regierung, wurde nie erobert, hatte nie eine Invasion zu erleiden, war immer selbständig, erträgt also keine supranationale Institution, deren Spielregeln sie zu folgen hätte, war Sieger in beiden Weltkriegen, wurde dabei arm, verlor aber nie seine Würde, zieht daraus sein Selbstbewußtsein.

Abb. 2:  Pro-Brexit-Demonstration

Abb. 3: Anti-Brexit-Demonstration

Ein weiterer Grund ist das englische Recht: englische Richter sind absolut unabhängig: sie entscheiden auf der Grundlage des Common Law (vgl.a. common sense, heute zunehmend durch statute law ergänzt), d.h., durch Präzedenzfälle geprägt, womit jedes Urteil tendenziell wieder zum Präzedenzfall wird. Sie möchten nicht vom EuGH mit seinem geschriebenen Recht abhängig sein.

Abb. 4: Magna Charta, 1215

Ein bedeutender Teil der Magna Carta (Magna Charta oder Magna Carta Libertatum, dt. „Große Urkunde der Freiheiten“) ist z.T eine wörtliche Kopie der Charter of Liberties Heinrichs I. von 1100, die dem englischen Adel bereits entsprechende Rechte gewährte. Die Magna Carta verbriefte grundlegende politische Freiheiten des Adels gegenüber dem englischen König, also hat GB auch eine 900-jährige Geschichte der Freiheit; daher kommt wohl auch wenigstens z.T. die Aversion der Briten gegen die EU mit ihrem beträchtlichen Demokratiedefizit.

Die Mehrheit der Briten wehrt sich entschieden gegen die Einführung von Personalausweisen, weil sie die als zu starke staatliche Kontrolle empfinden, es gibt kein Meldesystem, z.B. bei Umzug; ein Problem dabei: es gibt kein abschließendes Wählerverzeichnis, man läßt sich registrieren, das wird durch das Kataster vollzogen: Fragebögen kommen in jedes Haus und Wahlberechtigte bekommen dann ihre voting card.

In einem Roman von 1855 (The Warden, Anthony Trollope) wird ein ganzes Kapitel der Macht der Presse gewidmet, und „Pressefreiheit“ kommt ausdrücklich darin vor! Und daß jedermann sein Recht vor Gericht erstreiten kann!

Meinungs- und Redefreiheit auch in GB heute in Gefahr, beschnitten zu werden: am 23.2.19 las der nigerianische Prediger Oluwole Ilesanmi in London aus der Bibel und predigte öffentlich darüber, was gesetzlich erlaubt ist. Ein Moslem nahm Anstoß daran, weil er den Islam verhöhnt glaubte. Er rief die Polizei, die den Prediger gesetzwidrig festnahm, in Handschellen fesselte und weit außerhalb Londons einfach aussetzte. Zunehmend ist konkurrierende Gesetzgebung aus politisch korrekten Gründen zum Problem für Presse- und Redefreiheit.

USA:

Abb. 5: Declaration of Independence

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

Die erste deutsche Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung veröffentlichte einen Tag nach ihrer Verabschiedung die deutschsprachige Zeitung Pennsylvanischer Staatsbote in Philadelphia. Sie gab diesen Abschnitt folgendermaßen wieder:

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“

Entscheidend: Freiheit ist nach dem Leben das erste unveräußerliche Recht, und das 1774! Noch vor der Französischen Revolution! Zu einer Zeit, da es in Deutschland noch ca. 300 Staaten gab, Hunderte reichsunmittelbare Ritter, dazu die reichsfreien Städte, bis auf diese alle absolutistisch eingestellt.

Abb. 6: Die Unabhängigkeitserklärung wird verfaßt (lks. Benjamin Franklin)

Wahlrecht: Die Amerikaner wählen den mächtigsten Mann ihres Landes, den Präsidenten nicht selber, sondern das tut ein Wahlmännergremium (electoral college).

Hintergrund: Die ersten Wahlen fanden im 18. Jh. statt, da konnten keine allgemeinen Wahlen auf Millionen Quadratkilometern organisiert werden. Es wurden in allen Regionen Männer gewählt, die dann nach Washington reisten und den Präsidenten wählten. Heute eher unpraktisch, doch gibt man seine Traditionen nicht so leicht auf, weil man, wie die Engländer, eine ungebrochene Geschichte hat. 

Abb. 7: The Puritans

Pilgrim Fathers – Puritans: Die ersten Einwanderer waren wegen religiöser Verfolgung und Unterdrückung aus England geflohen, daher war es für sie besonders wichtig, „to worship God in their own way“.

Grundsätzlich: Der Kongreß garantiert „absolute Religionsfreiheit, uneingeschränkte Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit; jeder Glaube muß frei sein: Scientology bei uns vom Verfassungsschutz beobachtete Sekte, dort Kirche (es braucht, es gibt keine staatliche Anerkennung, jeder kann seine Kirche gründen), daher auch kein Blasphemiegesetz; heute strikte Trennung von Kirche und Staat, keine Kirchensteuer, dafür religiöse Privatschulen oder Sunday Schools; es gibt in den USA keine religiösen Feiertage außer Weihnachten (Thanksgiving ist nicht religiös begründet)

Abb. 8: The Cowboy

Frontier/Westward Ho!: Der Cowboy, die Inkarnation des Westward H0! Eroberung des unerforschten Westens ohne staatliche Organisation und Rechtsrahmen verlangte privates Handeln in absoluter Freiheit, z.T. als Willkür, nur mit Waffengewalt –  daher ist das Recht auf Selbstverteidigung heute noch verfassungsmäßig garantiert.

First Amendment (to the Constitution): 

Congress shall make no law respecting an establishment of religion or prohibiting the exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press;  or of the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances.

(Der erste Zusatz (zur Verfassung)Der Kongreß soll kein Gesetz erlassen, das die Gründung einer Religion zum Gegenstand hat oder die freie Ausübung derselben behindert; oder die Redefreiheit beschneidet, oder die Pressefreiheit; oder das Recht der Menschen, sich friedlich zu versammeln, und eine Petition an die Regierung zu richten, um die Abstellung von Mißständen zu verlangen.)

Second Amendment:

A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed.

(Der zweite Zusatz: Da eine wohlgeordnete Bürgerwehr für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.)

Die USA haben ein ganz anderes Verständnis von Freiheit als wir: Sie kennen kein Feudalwesen mit Bindung an Herkunft, Namen und Überlieferung, während Europa sich doppelter Gefahr ausgesetzt sah, weil es ja keine Verfassungen, und damit Rechtssicherheit, gab: nach oben zu schielen, sich Fürstenlaunen und Herrengunst anzupassen, was bedeutete, daß man nach unten sich den aufstrebenden Teilen des Volkes gegenüber abriegelte und auf gesellschaftliche Vorrechte pochte. Ergebnis: Liebedienerei und Erbengesinnung statt freiheitlichen Denkens in Deutschland.

Abb. 9: Absolute Rede- und Demonstrationsfreiheit

Absolute Meinungs- und Redefreiheit: In Deutschland sind nationalsozialistische Haltung/Äußerungen/Symbole verboten. 

(In Estland und Lettland sind sowjetische/kommunistische Symbole verboten, beides aus der historischen Erfahrung heraus; ein aktuelles Beispiel: Die NATO stellt Truppen an den Grenzen zu Rußland auf. Bei uns wird das von vielen heftig als Kriegstreiberei kritisiert, bei Polen und Balten dagegen als Garantie für Freiheit angesehen, nämlich wegen ihrer ganz besonderen Erfahrungen mit der UdSSR bzw. Rußland.)

Das Verbot resultiert aus unserer historischen Erfahrung, in USA jedoch sind diese Gedanken durch Meinungsfreiheit gedeckt: nur weil jeder Idiot seine wirre Meinung frei sagen darf, darf ich auch sagen, was ich will; z.B. hat der Supreme Court festgestellt: Die amerikanische Flagge steht u.a. für das Recht, diese Flagge zu verbrennen. Der Engländer Richard Williamson, früherer Bischof der Piusbruderschaft, bestritt 2009 im schwedischen Fernsehen den Holocaust. Er wurde in D dafür zu 1800 Euro Geldstraße verurteilt, ging bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mit der Begründung dagegen an, seine Äußerung sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Im englischen und amerikanischen Denken ist es nicht die Aufgabe des Staates, die richtige Interpretation von Geschichte vorzugeben.

Die Tatsache des Holocausts wird in beiden Ländern anerkannt, doch ist seine Leugnung nicht strafbar.

Dieses sind nur einige Aspekte, den Unterschied in der Denkweise und staatlichen Organisation betreffend. Ich hoffe aber, daß zumindest im Ansatz deutlich geworden ist, wie diese Unterschiede zustand gekommen sind.

KH

Bildquellen: Abb. 1: The Spectator, April 2019; Abb. 2 – 4, 8 & 9: Wikipedia; Abb. 5 – 7: Wikimedia Commons;

Zum Fall der Berliner Mauer vor bald 30 Jahren: das 15. ZZ des KKK

von Klaus Holzer

Als am 15. Juni 1961 Walter Ulbricht, Vorsitzender des Staatsrats der DDR und Erster Sekretär der SED und damit mächtigster Mann im Staate, auf einer Presskonferenz von einer Frankfurter Journalistin gefragt wurde, ob er die Staatsgrenze der DDR befestigen wolle, antwortete der: „ …. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Selten hatte die Aussage eines Staatsoberhaupts kürzere Lügenbeine. Zwei Monate später begann die DDR, um Ostberlin eine Mauer zu errichten, den Ostteil der Stadt vom Westteil abzuschneiden.

Abb. 1: Checkpoint Charlie, 27. Okt. 1961

Am 21. Oktober 1961 stand die Welt dicht vor einem Krieg zwischen Ost und West, der leicht hätte atomar werden können: 30 amerikanische und 30 sowjetische Panzer standen sich in Berlin am Checkpoint Charlie gegenüber, und die Entscheidung über Krieg oder Frieden lag plötzlich bei den zwei Panzerkommandanten. 24 Stunden Warten, bis beide Seiten ihre Panzer zurückzogen. Immerhin hatte der Zwischenfall aus westlicher Sicht einen Vorteil gebracht: es war damit klar, daß Ostberlin nicht „die Hauptstadt der DDR“ war, wie die Regierung der DDR es immer wieder behauptete, sondern der Sowjetunion unterstand, d.h., immer noch Teil des Viermächtestatus’ ganz Berlins war.

Abb. 2: Die drei Alliierten Führer in Potsdam

(17. Juli – 2. Aug. 1945)

Wie konnte es zu dieser Situation kommen? Nach dem verlorenen Krieg wurde Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt, Berlin entsprechend in vier Sektoren. Von Anfang an war die Berliner Situation besonders schwierig, weil es von sowjetisch kontrolliertem Territorium umgeben war. Weil sich die Lebensverhältnisse zwischen Ost und West weit auseinander entwickelten, und das bezog sich nicht nur auf die wirtschaftlichen Verhältnisse, zog es zunehmend mehr Ostdeutsche in den freien und reicheren Westen. Zwischen 1949 und 1961 verließen rund 2,9 Mill. Menschen den Osten, vor allem gut ausgebildete Arbeiter und Akademiker, die auf beiden Seiten gute Chancen besaßen. Allein im Juli 1961 flüchteten ca. 30.000 Menschen, d.h., etwa 1.000 am Tag im Durchschnitt. Zu einer weiteren Schwächung des Ostens trug das wirtschaftlich voll gerechtfertigte Wechselkursverhältnis der Mark der DDR und der D-Mark (der Deutschen Mark West) bei, das damals 4:1 betrug. So kam es zum Abfluß von Waren und zum illegalen Geldumtausch. Die DDR stand damit vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Da sah das ZK der SED keinen anderen Ausweg als die totale Abschottung seines Landes gegenüber dem Westen, mit Zustimmung der Sowjetunion.

Abb. 3: Bau der Mauer (13. Aug. 1961)

Das Ergebnis war die Berliner Mauer, monströses Symbol barbarischen Denkens. Am 13. August 1968 baute die DDR unter dem Schutz von Volkspolizei und Nationaler Volksarmee eine rund 160 km lange Mauer um Ostberlin, mit 296 Beobachtungstürmen und vielen weiteren technischen Einrichtungen, die „Republikflucht“ verhindern sollten, zusätzlich zu der 1.360 km langen Zonengrenze. Ein Land mauerte also seine Bürger ein, machte sie zu Gefangenen im eigenen Land, nahm ihnen viele Rechte, Dinge, die im Westen längst selbstverständlich waren und offenbar ein menschliches Grundbedürfnis darstellen. Das Ergebnis: ca. 180.000 DDR-Bürger flohen trotzdem in den Westen, an der Berliner Mauer wurde eine nicht genau bekannte Zahl an Flüchtlingen getötet, man schätzt zwischen 130 und 269. Der Drang nach Freiheit und besserem Leben läßt Menschen alles riskieren.

Abb. 4: Tote an der Mauer (17. Aug. 1961: Peter Fechter)

In dieser politisch auf Dauer unerträglichen Situation kam es in den Folgejahren auf Grund verschiedener politischer Initiativen und Verträge zu einer gewissen Entspannung zwischen Ost und West. Hier ist vor allem Willy Brandts Ostpolitik zu nennen. Einen wichtigen Augenblick gab es am 12. Juni 1987, als der damalige US-Präsident Ronald Reagan bei einer Rede an der Mauer die Worte sprach: „Mr Gorbachov, tear down this wall.“ Was aber damals niemand ernst nahm. Reagans Worte wurden als bloße Pflichtübung verstanden.

Abb. 5: Ronald Reagan: „Mr Gorbachov, tear down this wall.“

Dann aber kam es kurz vor dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR im Sommer 1989 in vielen Großstädten Ostdeutschlands zu Massendemonstrationen, auf denen die Menschen Reisefreiheit für alle forderten, auch das Recht, in den Westen zu reisen. 

Der Drang der Ostdeutschen, endlich frei zu sein, wurde immer stärker. Vor allem in Leipzig versammelten sich mehr und mehr Menschen auf den Straßen und protestierten gegen das SED-Regime. Als Katalysator fungierte hier besonders die Leipziger Nikolaikirche, die zu jener Zeit bereits eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Unzufriedenen hatte. Schon lange vorher hatte ihr Pastor Christian Führer damit begonnen, zu Fürbitten für die vielen von der Stasi Verhafteten einzuladen. Trotz der Repressalien der Behörden nahm die Zahl der Teilnehmer beständig zu. Am 9. Oktober 1989 wurde die Nikolaikirche zum Ausgangspunkt für die Demonstration der 70.000 in Leipzig, der „Friedlichen Revolution“. Ohne die Kirchen der DDR und ihr Angebot, Sicherheitsraum zu sein, wäre es wohl nicht zu einem gewaltfreien Ende der DDR gekommen. Die Deutschen mögen nie eine richtige Revolution hinbekommen haben, aber sie sind die einzigen auf der Welt, die dafür eine friedliche Revolution geschafft haben.

Abb. 6: Leipziger Montagsdemonstration (9. Okt. 1989)

Es gab für DDR-Bürger zwar Sonderreiseregelungen für Rentner und Verwandtenbesuche im Westen, doch allgemein waren Reisen selbst für privilegierte DDR-Bürger nach außerhalb der DDR nur in die „sozialistischen Bruderländer“ erlaubt. Dorthin waren im Sommer 1961 viele tausend DDR-Bürger gereist, vor allem in die Tschechoslowakei und nach Ungarn. Da sich große Menschenmassen weigerten, in die DDR zurückzufahren, ergab sich für die beiden Länder ein Problem, das sie schließlich lösten, indem sie ihre Grenzen nach Österreich öffneten. Das Ergebnis war eine Massenflucht in den Westen. Und der Druck auf die DDR erhöhte sich weiter. Das ZK der SED erließ daraufhin eine Regelung für die ständige Ausreise.

Abb. 7: Ungarn öffnet die Grenze zu Österreich (19. Aug. 1989)

Und jetzt erhielt die Situation eine gewisse Eigendynamik, nicht ohne Elemente einer Burleske. Diese Regelung sollte am 10. November 1961 frühmorgens veröffentlich werden. Davon wußte aber der zuständige Sekretär für das Informationswesen des Zentralkomitees der SED, der ehemalige Journalist Günter Schabowski, nichts. Er hatte die Informationen über die ZK-Sitzung für eine Pressekonferenz am Vorabend von Egon Krenz, dem Nachfolger Erich Honeckers als Staatsratsvorsitzender seit dem 6. Oktober 1989 erhalten. Es gibt wohl keine zweite an sich so unbedeutende Situation in der Geschichte, die derartig große politisch-historische Bedeutung erlangt hätte. Dabei ereignete sich eine, fast möchte man sagen, Slapstick-Einlage.

Als Schabowski gefragt wurde, wann die neue Reiseregelung in Kraft trete, schaute er eher hilflos auf seine Notizen und antwortete dann: „Nach meiner Kenntnis ist das … sofort … unverzüglich.“ Weil diese Pressekonferenz sowohl über West- wie auch Ostrundfunk direkt übertragen wurde, sprach sich seine Ankündigung sofort herum. Tausende Ostberliner strömten zu den Grenzübergängen und wurden durchgelassen, weil die Grenzpolizisten keine Befehle hatten, wie zu reagieren war, und weil der Druck durch die Massen auf sie zu hoch wurde. Der Sog der Freiheit war zu groß, als daß er hätte gestoppt werden können. Aus zwei Ländern wurde eins.

Abb. 8: Menschenmassen am Grenzposten

Wie reagierte das Ausland, vor allem der Westen, darauf? Man sollte annehmen, daß allerorten Begeisterung herrschte. Erinnern wir uns aber an 1961: Der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy, der wenige Tage nach dem Mauerbau bei einer Rede in Berlin die Worte sprach: „Ich bin ein Berliner“ und damit so große Begeisterung auslöste, daß dieser Satz immer noch als geflügeltes Wort gilt und in vielerlei Abwandlungen seither verwendet wurde, sagte gleich nach dem Mauerbau im Kreis seiner Berater: „Eine Mauer ist verdammt noch mal besser als Krieg“. Und Harold MacMillan, der britische Premierminister sagte öffentlich:„Die Ostdeutschen halten den Flüchtlingsstrom auf und verschanzen sich hinter dem eisernen Vorhang. Daran ist an sich nichts Gesetzwidriges“. Nach westlicher Solidarität klang das wahrhaftig nicht. Selbst wenn man in Rechnung stellt, daß das alles sich erst 16 Jahre nach Kriegsende ereignete – es muß schon befremden.

Abb. 9: „Öffnung des Eisernen Vorhangs”, Plastik von Wolfgang Dreysse, Quedlinburg, aufgestellt in Hameln

Und nach dem Fall der Mauer gab es ebenfalls nicht ungeteilte Begeisterung, außer, dieses Mal, beim amerikanischen Präsidenten George H. Bush, der die deutsche (Wieder)vereinigung vorbehaltlos unterstützte. Der französische Premierminister François Mitterrand hielt den deutschen Wunsch nach Vereinigung für legitim, hatte aber große Angst vor der deutschen wirtschaftlichen Macht. Sein Landsmann François Mauriac ist für seinen Ausspruch bekannt: „Ich liebe Deutschland. Ich liebe es so sehr, daß ich zufrieden bin, weil es gleich zwei gibt“. Die britische Premierministerin Margret Thatcher mußte von ihrem persönlichen Berater ermahnt werden, zum Jahrestag der Vereinigung die Worte „Freund, Verbündeter und Partner“ zu verwenden. Und am 3. Oktober 1990 erhielt sie die schriftliche Empfehlung eines weiteren Beraters: „Wir sollten nett zu den Deutschen sein“. Sie selber hielt uns für „toads“, die zwielichtige, angeberische Kröte aus dem in England überaus bekannten Roman „The Wind in the Willows“ von Kenneth Grahame. Beide, Mitterrand und Thatcher, beknieten Gorbatschow, er möge es nicht zu einem vereinten Deutschland kommen lassen.

Abb. 10: Die erste frei Wahl in der DDR (18. März 1990)

Demokratie heißt, die Wahl zu haben; die Wahl zu haben heißt, Freiheit zu haben. Mit dieser Freiheit übernehme ich aber auch die Verantwortung für mich und mein Tun. Frei zu sein, ist nicht einfach. 

Abb. 11: Gorbatschow stimmt der NATO-Mitgliedschaft Deutschlands zu (15. Juli 1990)

Deutschland mußte sich jedenfalls erst in seine neue Rolle finden. Bis dahin war es ein „wirtschaftlicher Riese“, jedoch ein „politischer Zwerg“ gewesen. Die alte Bundesrepublik hatte sich bequem im Viermächtestatus eingerichtet, sich unter dem amerikanischen Atomschirm zwar eine relativ große Wehrpflichtarmee gehalten, die aber ausschließlich Verteidigungsaufgaben im eigenen Land erfüllen sollte, auf der großen politischen Bühne überließ sie gern den alten Siegermächten das Wort, verwies in allen Konflikten auf seine belastete Vergangenheit und hielt sich heraus, rief manchmal leise von unter dem Tisch her: „Hallo. Ich möchte dabei sein.“ Aber jetzt mußte es an die Verantwortung ran: „Wir können uns unserer Verantwortung nicht entziehen. Das ist der Grund, warum deutsche Soldaten zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in einem Kampfeinsatz (auf dem Balkan) stehen”, erklärte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Bundestag im Oktober 1998.

Und heute erleben wir die Fortsetzung: Soll, muß Deutschland seinen Verteidigungsetat auf 2% seines Haushalts erhöhen, so wie es sich 2014 in Wales und 2016 in Polen verpflichtet hat? Und wie es Trump immer wieder fordert, wodurch es vielen bei uns leicht fällt, dieses Ziel abzulehnen, weil man Trump ablehnt. Freiheit heißt eben auch, Verantwortung zu übernehmen.

1989 fiel die Mauer, 1990 vereinigten sich die beiden Teile Deutschlands zu einem Land. Nur wenige ahnten, welche Schwierigkeiten diese Vereinigung mit sich bringen würde. Was nicht verwundert, gab es doch keinen Präzedenzfall. Niemand hatte vorher aus zwei Ländern eins gemacht, noch dazu mit so extrem unterschiedlichen politischen Systemen. Ein neues Deutschland, das seinen Bürgern Freiheit bot, etwas, das den einen selbstverständlich geworden war, an das die anderen sich erst noch gewöhnen mußten. Daß nicht gleich alles so lief, wie man sich das vorgestellt hatte, belegt ein Ausspruch einer führenden DDR-Dissidentin, die später auch am Runden Tisch eine gewichtige Rolle spielte: „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“

KH

Bildquellen: Abb. 1 – 8 und 10 & 11: Bundesarchiv; Abb. 9: Photo Klaus Holzer

Otto Holz’ Mahnmal als Kunstwerk

von Klaus Holzer

Als Otto Holz’ Mahnmal im Oktober 1953 eingeweiht wurde, gab es fast einen Eklat, weil sein Entwurf so völlig anders geartet war, als das die Menschen seinerzeit erwarteten. Sie waren in einer Zeit groß geworden, die sich solche Mahn– und Denkmale nur in der traditionellen Form vorstellen konnten. 

Abb. 1: Hans Dammanns Kriegerdenkmal von 1927 in Overberge

Ihr Idealbild fand und findet sich in Overberge neben Grundhöfer verwirklicht. Dort steht ein Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, geschaffen vom damals sehr erfolgreichen Bildhauer Hans Dammann. Es besteht aus edlem Material, zeigt einen Soldaten auf einer hohen Plinthe, er hat seinen Helm abgenommen, kniet in demütiger Haltung, hält seinen Helm in der Hand, „Helm ab zum Gebet“, alle Details sind fein herausgearbeitet: Haare, Gesicht, Hände, Schuhe, Mantelfalten. Der Betrachter erkennt einen verehrungswürdigen Helden, zu dem er aufblickt, der sich für Volk und Vaterland geopfert hat. Die erhabene Darstellung regte des Betrachters Gefühl, er bewunderte den Helden. Bewunderung aber geht einher mit Gefühlen, mit Dankbarkeit, es wird nicht verlangt, Taten rational einzuordnen.

Abb. 2: Otto Holz’ Mahnmal von 1953 am Sesekedamm

Und nun fanden sie sich konfrontiert mit Otto Holz’ Mahnmal. Es besteht aus einem groben Betonklotz mit zwei Auskragungen auf jeder Seite, auf der Oberfläche zwei Tafeln: „Vergesst uns nicht 1953“ Hier wird der Betrachter aufgefordert zu fragen, was und wer denn nicht vergessen werden soll, er will Antworten, seine Gefühle kommen gar nicht erst ins Spiel. Hier gibt es keinen Helden, der sich geopfert hat, der Bewunderung verlangen könnte, hier wird nichts fein herausgearbeitet, das Material ist nicht kostbar, sondern Allerweltsbaumaterial. 

Warum machte Otto Holz das? Zwischen den beiden Mahnmalen liegen nur 27 Jahre, darin jedoch die Erfahrung von 1000 Jahren Naziherrschaft und Auschwitz. Da konnte Holz nicht mehr einen Dammann Zwo hinstellen. Hierin liegt die große künstlerische Bedeutung dieses Mahnmals: der radikale gedankliche und künstlerische Bruch mit einer Vergangenheit, die wir nicht mehr wollen, die wir aber niemals loswerden. 

Das Mahnmal wurde für diesen Ort geschaffen, die Jusos haben 1989 ihre Friedenslinde direkt daneben gestellt, Baum und Betonklotz bilden ein Ensemble. Und in nur 50 Metern Entfernung steht Reimund Kaspers Mauerruine zur Erinnerung an die letzte Kamener Synagoge, die in der Nähe stand, und an die von den Nazis vertriebenen und ermordeten Kamener Juden. 

Wo findet man noch so einen Ort, der derartig umfassendes Erinnern ermöglicht?

KH

Abb. 1 & 2: Photo Klaus Holzer

Das Mahnmal „VERGESST UNS NICHT. 1953″ von Otto Holz

von Klaus Holzer

Das Mahnmal „Vergesst uns nicht 1953“ wurde am 25. Oktober 1953 eingeweiht und stand bis zum Beginn der Arbeiten am Sesekepark an seiner Stelle am Sesekedamm. Dann wurde es wegen der Bauarbeiten entfernt und befindet sich zur Zeit in einer Steinmetzwerkstatt in Bergkamen zur Restaurierung.

Abb. 1: Das Mahnmal „VERGESST UNS NICHT 1953“ von Otto Holz

Bevor es abgebaut wurde, versprach Dr. Liedtke, es werde wieder an seine alte Stelle kommen, denn für diesen Ort sei es konzipiert worden, und es bilde ja auch eine Einheit mit der 1989, 50 Jahre nach Kriegsbeginn, gepflanzten „Friedenslinde“ mit ihrer Tafel DIE „KAMENER JUGENDLICHEN FÜR FRIEDEN UND VÖLKERVERSTÄNDIGUNG – NIE WIEDER KRIEG“ eine Einheit.

Was hat es mit diesem Mahnmal auf sich? Viele, vor allem jüngere, Kamener wissen vielleicht gar nicht, woran es erinnern soll. Auch wenn für manche der Gedanke naheliegt – es steht nicht für die Opfer des Aufstandes vom 17. Juni 1953 in Ostberlin, sondern erinnert an diejenigen Deutschen, die zu jener Zeit noch in Kriegsgefangenschaft waren. Im Verlaufe des Jahres 1953 entwickelte sich in der bundesdeutschen Bevölkerung immer stärker das Gefühl, daß es im neunten Jahr nach Kriegsende nicht immer noch Kriegs– und Zivilgefangene in Ländern der Alliierten geben dürfe, vor allem in der UdSSR, wo, wie der SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer am 2. Oktober erklärte, Männer und Frauen „immer noch der Stacheldraht umschließt und die sowjetische Posten bewachen“. „Die meisten von ihnen waren unter den groteskesten Vorwänden in den Jahren 1950 und 1951 zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt und zu Kriegsverbrechern gestempelt worden.“ (WR, 2.10.1953)

Daher fand vom 17. – 25. Oktober 1953 eine bundesweit begangene Kriegsgefangenen-Gedenkwoche statt, die offenbar im ganzen Land große Zustimmung erfuhr. In dem bundesweit veröffentlichten Appell hieß es: „Wir selber wollen aus dieser Hoffnung heraus nicht müde werden, vor der Weltöffentlichkeit zu mahnen, zu bitten und zu flehen und zum Herrgott zu beten, daß, wenn manche Machthaber der Welt nicht helfen können und andere gar wider uns und unsere Gefangenen sind, er sich unser erbarmt.“

Abb. 2: Der Künstler Otto Holz, 1907 – 1988

Mit dem Entwurf für dieses Mahnmal wurde Otto Holz beauftragt, damals Kunstlehrer am Städtischen Neusprachlichen Gymnasium Kamen. Dieser war ein Künstler, der radikal mit der traditionellen Kunst gebrochen hatte. Pathos und die Glorifizierung von Heldentum waren ihm fremd. Daher entsetzte sein Kunstwerk (ja, in diese Kategorie gehört das Mahnmal) viele Kamener, die etwas Traditionelles erwartet hatten, etwa im Stile des Denkmals an der Waldstraße neben Grundhöfer in Overberge.

Abb. 3: Die Einweihungsfeier am 25. Oktober 1953

Die Einweihung des Mahnmals am 25. Oktober 1953 zeigte, in welchem Maße ganz Kamen Anteil nahm. „Rund 4000 Teilnehmer bevölkerten den Sesekedamm und die Bahnhofstraße zur Zeit der Feierstunde“, schreibt die WR einen Tag später. Der Posaunenchor spielte, Sprecher verschiedener Vereine und Verbände appellierten an die „Gewahrsamsmächte“ und das „Weltgewissen“, die Gefangenen aus ihrer Rolle als „politisches Wechselgeld“ zu entlassen. Pfarrer Busch und Pfarrer Rawe schlossen sich an, Erich Reichelt rief dazu auf, „die Brücke zwischen Heimat und Gefangenen nicht zusammenbrechen zu lassen“. Dann nahm Bürgermeister Rissel „das Mahnmal mit einem Appell an die Friedensbereitschaft der Welt in die Obhut der Stadt“. (WR, 26.Okt.1953)

Abb. 4: Das Ensemble aus Mahnmal und Friedenslinde vor dem Bau des Sesekeparks

Denk– und Mahnmale haben die Funktion, die Menschen an Dinge zu erinnern, die einschneidende Ereignisse in ihrer und der Geschichte ihrer Nation darstellen, sie vor dem Vergessen zu bewahren. Ihre Form verrät viel über den Geist ihrer jeweiligen Entstehungszeit und bewahrt so, über den historischen Anlaß hinaus, auch das künstlerische Ausdrucksvermögen ihrer Epoche. Das gilt in ganz besonderem Maße für Otto Holz‘ Mahnmal am Ssekedamm.

Es stand seit seiner Einweihung an seinem Ort, war immer von Stacheldraht umschlossen, der inzwischen, zeitbedingt, Rost zeigt. Es stand immer nur ca. zwei Meter vom Gehweg entfernt, 65 Jahre lang. Nie hat sich jemand am Stacheldraht verletzt. Warum sollte das jetzt anders sein? Der Abstand zwischen Friedenslinde und Treppe zum Ufer hinunter ist groß genug, außerdem wird der Spaziergänger noch durch den Strauch zwischen der Freifläche und der Treppe geschützt. Das Mahnmal verdient, an seinem angestammten Ort wieder aufgestellt zu werden, an der prominenten Stelle im östlichen Teil des Sesekeparks, in Einheit mit der prächtig gediehenen Linde. Der Platz ist vorhanden. Dort gehört es wieder hin. 

Klaus Holzer

KKK

Quelle der Abb.: Abb. 1 & 4: Photo Klaus Holzer; Abb. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer

Nachtrag: Am 28. März 2019 entschied der Kulturausschuß des Kamener Rates, der Beschlußvorlage der Stadtverwaltung folgend, das Mahnmal „VERGESST UNS NICHT 1953″ nicht mehr an seinem alten Standort am Sesekeufer aufzustellen, sondern auf der Grünfläche vor dem Amtsgericht.

KH

Einladung zum 15. Zeitzeichen

30 Jahre Mauerfall – „Freiheit,  die ich meine”?

Am Donnerstag, 2. Mai 2019, findet das 15. ZZ des KKK statt. Dieses Mal ist „Freiheit” das zentrale Thema. Ausgehend vom Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren beschäftigen sich die beiden Referenten des Abends mit unterschiedlichen Aspekten des Freiheitbegriffs. Dr. Heinrich-Wilhelm Drexhage legt die Spannweite dieses Begriffs in einer historisch-philosophischen Darstellung dar, geht auch auf das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und erläutert seine historische Bedingtheit. Klaus Holzer weist auf unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit in anderen Ländern hin, besonders in GB und den USA. Unter der Überschrift „Quo vadis, Freiheit” werden die Referenten anhand aktueller Beispiele versuchen aufzuzeigen, daß Freiheit heute mannigfaltigen Bedrohungen ausgesetzt ist. Manches daran wird sicher so provokant sein, daß eine lebhafte Diskussion den Abend beenden könnte.

Ort der Veranstaltung ist das Haus der Kamener Stadtgeschichte, Bahnhofstraße 21 in Kamen. Beginn 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

KH

Mühlentorweg mit angrenzendem Bereich

von Klaus Holzer

Straßen ermöglichen Mobilität, müssen also Orientierung geben. Daher erhalten sie Namen. Innerorts führt die Kirchstraße zur Kirche, die Schulstraße zur Schule, die Schlachthofstraße zum Schlachthof usw. Straßen in die Nachbarorte heißen Westicker ~, Unnaer ~, Werner ~, Lünener ~ oder Hammer Straße usw. Und für die große Orientierung tun es auch Himmelsrichtungen: Ost~, Nord~ und Weststraße. Es fällt aber auf, daß Kamen keine Südstraße hat, keine Südenmauer, kein Südtor1 hatte. Hier war der Bezugspunkt immer die schon seit dem 13. Jh. belegte Mühle – Mühlen waren so wichtig, daß ihre Zerstörung die härteste Strafe nach sich zog, gleich nach der Kirchenschändung, wie Eike von Repgow im Sachsenspiegel (Anf. 13. Jh.) darlegt –, der Kamen wohl auch das Kammrad in seinem Stadtwappen verdankt: die Mühlenstraße (vom Markt bis zur Maibrücke) führte durchs Mühlentor1 zum Hellweg.

Das hätte doch gereicht, oder? Jedoch gibt es heute auch einen Mühlentorweg in Kamen. Wie verhält es sich damit? Auch hier muß man wieder ein wenig ausholen, den Mühlentorweg in den richtigen Zusammenhang bringen.

Mühlentorweg, das klingt alt, doch trägt er diesen Namen erst seit dem 14. Okt. 1975, vorher hieß er Mühlenweg, doch gibt es auch diesen erst seit den 1930er Jahren. Immerhin ist der Bezug auf das Mühlentor oder auch die Mühle völlig gerechtfertigt, beginnt dieser Weg doch direkt an der Mühle, die bis 1973 an dieser Stelle stand, und gleich daneben stand bis 1820/22 das Mühlentor, dort, wo heute Klosterstraße und Ostenmauer zusammentreffen. 

Abb. 1: Eine frühe Darstellung des Mühlentors

Wirft man einmal einen Blick auf alte Kamener Stadtpläne, z.B. den Urkatasterplan von 1827, wird schnell klar, warum dieses Sträßchen nicht sehr alt sein kann. Kamen war seit dem 13. Jh. eine sehr stark befestigte Stadt. Vor allem im Süden dürfte sie so gut wie uneinnehmbar gewesen sein. Wer sich ihr aus dieser Richtung näherte, hatte zunächst die Seseke vor sich, dahinter einen Wall mit Palisaden und einen Stadtgraben und die ganze Kombination gleich noch einmal, gefolgt von der 16 Fuß (ca. 5 m) hohen und 3 Fuß (gut 90 cm) breiten Stadtmauer, zwischen der Maibrücke und der heutigen Koppelstraße, dem ältesten Teil der Stadt, der schon auf das 11. Jh. zurückgeht. Hier hatte man die Seseke schon früh begradigt, hier stand das erste Stadttor, das Langebrüggentor. Hier hatte man möglicherweise auch mit dem Bau der Stadtmauer angefangen, und dann wahrscheinlich in westlicher und östlicher Richtung gleichzeitig gebaut2.

Abb. 2: Teilstück des Urkatasters von 1827

Da die Kamener Ackerbürger waren, jeder Bürger also sein eigenes kleines Stückchen Land vor der Stadtmauer zur Eigenbewirtschaftung hatte, jeder sehr sparsam war, wurden natürlich selbst  die Streifen Land auf den Wällen nicht verschenkt, auch sie wurden bewirtschaftet, lagen sie doch direkt im Schatten der Mauer und waren somit durchaus geschützt.

So legte man hier schon früh einen Weg an, der von den Gerbern benutzt wurde. Gerben war ein sehr langwieriger Prozeß. Die Gerber brauchten viel, am besten fließendes, Wasser, um ihre Felle zu reinigen, zu „schrubben“. Ihr Schrubbhagen lag damals allerdings an einem Stadtgraben, der an zwei Stellen weiter westlich über Verbindungskanäle von der Seseke mit Wasser versorgt wurde. Fleisch–, Fett– und Haarreste mußten mit dem Scherdegen auf dem Scherbaum abgeschabt werden. Das stank nach faulem Fleisch und saurer Lohe. Daher mußte immer wieder mit viel Wasser gespült werden. Ein alter Gerberspruch dazu lautete:

In des Leders Werdegang

ist die Hauptsach’ der Gestank.

Kalk, Alaun, Mehl und Arsen 

machen’s gar recht weiß und schön. 

Eigelb, Pinkel, Hundeschiete 

geben ihm besond’re Güte.

Drum bleibt stets ein Hochgenuß 

auf den Handschuh zart ein Kuß.

Abb. 3: Ein Gerber bei der Arbeit

Das den Gerbern gehörende Lohhaus lag auf dem ersten stadtseitigen Wall, direkt hinter der Stadtmauer. Dort stand auch ein Brauhaus auf der Ecke Mühlenstraße/ Klosterstraße (wo heute das Gebäude der Volksbank an der Bahnhofstraße steht). Hoffentlich hatte dieses einen eigenen Brunnen mit sauberem Wasser!

Von der Maibrücke aus in östlicher Richtung gab es zwar zwischen der Seseke und der Stadtmauer nur einen Wall und einen Graben, doch war eine feindliche Eroberung auch hier ziemlich aussichtslos. Bis zum 30-jährigen Krieg blieb Kamen vermutlich unbehelligt, aber vielleicht war es inzwischen auch so arm geworden, daß niemand es erobern wollte.

Erst das 17. Jh. mit seinen neuartigen Kanonen ließ Mauer und Graben obsolet werden. Folglich litt die Stadt in diesem Krieg sehr unter Einquartierungen, Kontributionen und Plünderungen durch brandenburgische, hessische, pfalz-neuburgische, spanische und französische Truppen. Die Lage war so schlimm, daß die Stadt Kamen am Ende des Krieges fast kein Eigentum mehr besaß, weil alles verpfändet worden war, sonst wäre sie, weil sie keine Kontributionen zu zahlen in der Lage war, mit Sicherheit vollständig zerstört worden. Was dann allerdings ein großes Feuer im Jahre 1646 dennoch besorgte.

Abb. 4: Palisade

Es ist offenkundig, daß auf Stadtgräben und Wällen kein Weg, keine Straße verlaufen kann. Aber als diese Befestigungen nunmehr nutzlos geworden waren, verfielen sie. Die Gräben verschlammten, die Wälle verflachten, die Stadtmauer diente als stadtnaher Steinbruch. Also brach man ihre Reste zwischen 1820 und 1822 ab, „zur Verschönerung der Stadt“, wie der erste Kamener Stadtchronist, Friedrich Buschmann, 1841 schreibt, trug die Wälle ab und schüttete die Gräben zu, planierte den ganzen Streifen. So gewann man ein ansehnliches Stück Land hinzu, das man neu nutzen konnte. Nach einigen Jahren Ruhezeit, in denen die Verfüllungen sich setzen konnten (wer genau hinschaut, sieht noch heute, daß das Gelände außerhalb der Ostenmauer deutlich abfällt), begann man 1827 damit, es mit kleinen Handwerkerhäusern zu bebauen. Als Fundamente dienten die Stadtmauer und der dahinterliegende ehemalige Wall, so ließen sich nur traufenständige Häuser bauen, die genau dem Verlauf der ehemaligen Stadtmauer folgen.

Jetzt stand also auch der Platz für den neuen Weg zur Verfügung, wenngleich noch keine Notwendigkeit dafür gegeben war, war doch das Mersch, Überlaufgebiet des Flusses, völlig unbebaut. Hier legten nur die Leineweber ihr kostbares Produkt auf die Bleiche. Und die Seseke war ja hier nicht ein begradigter Flußlauf, sondern immer noch ein mäandrierender Flachlandfluß, der weite Gebiete regelmäßig mehrmals im Jahr überschwemmte. Erst als in den 1920er Jahren die Regulierung  und die damit einhergehende Begradigung der Seseke die Bändigung des Flusses verhießen, wurde auf dem Stück zwischen Mühle/Mühlenkolk im Westen und der südöstlichen Ecke der ehemaligen Stadtmauer bei der heutigen Ängelholmer Brücke Bauland ausgewiesen. Dort war bis Ende der 1920er Jahre eine Holzbrücke, dann bis 1969 eine Eisenbrücke mit Betonelementen, danach wurde die heutige Brücke errichtet, seit 2013 heißt sie Ängelholmer Brücke.

Dieses Bauland gehörte in die vom 1925 nach Kamen gekommenen Stadtbaurat Gustav Reich vorgenommene Überplanung der alten Stadt Kamen. Die ersten hier entstandenen Häuser waren das damalige Bürgermeisterhaus Hindenburgdamm2 Nr. 10, sowie die Häuser Hindenburgdamm Nr. 9 und Hindenburgdamm Nr. 7. Erst danach wurde auch der Mühlenweg bebaut. Das Haus Mühlenweg 1 entstand 1936. Der Zahnarzt Dr. Elger, der bisher in den Räumen des Hauses Bahnhofstraße 49 neben dem Photoladen Ernst Braß’ praktiziert hatte, ließ sich von Gustav Reich überzeugen, daß hier der ideale Bauplatz für sein Haus war. Wenige Jahre zuvor war die Seseke-Regulierung abgeschlossen worden, Hochwasser war damit nach damaligem Kenntnisstand nicht mehr zu erwarten. Dann entwickelte sich die Bebauung in Richtung Osten. Erst Mitte der 1950er Jahre entstanden die letzten Häuser am östlichen Ende, noch später die Fortsetzung des Mühlentorwegs über die Ostenallee hinaus3.

Abb. 5: Die alte Seseke mit der neuen Synagoge im Hintergrund (zwischen den Pappeln), 1937

Direkt nach der Begradigung pflanzte man am Sesekedamm die Ahornbäume, deren sechs durch den Sturm Friederike am 18. Januar 2018 irreparabel beschädigt und am 21. März 2018 gefällt wurden. Am Mühlenweg sieht man die Handschrift von Gustav Reich: an vielen Stellen, so auch hier, wurden schnellwachsende Pappeln gepflanzt (vgl. Abb. 5), die nach dem Krieg durch Buchen ersetzt wurden, und man muß sagen, die Bäume sind prächtig anzusehen, doch wissen die Anwohner auch ein anderes Lied zu singen. Zum einen werfen sie eine Menge Laub ab, was aber gravierender ist, ist der Licht– und Sonnenmangel ausgerechnet in den Sommermonaten, da die Baumreihe die ganze Südseite abdeckt. Doch läßt sich das vielleicht jetzt besser ertragen, da der Fluß revitalisiert ist. Er enthält nur noch Reinwasser statt stark durch Fäkalien verunreinigtes Schmutzwasser, das während sommerlicher Trockenperioden nicht mehr bestialisch stinkt. Seitdem hat die Wohnqualität deutlich zugenommen: ruhig, grün, stadtnah.

Abb. 6: Heutiger Baumbestand

KH

Bildquellen: Abb. 1 & 5: Stadtarchiv Kamen; Abb. 2: Archiv Klaus Holzer; Abb. 3: Balthasar-Behem-Kodex,  Krakau 1505; Abb. 4: Museumsdorf Düppel; Berlin-Zehlendorf; Abb. 6: Photo Klaus Holzer

Fußnoten:

1  Allerdings wird als Lagebeschreibung beim Verkauf einer Rente aus Ländereien am 2. Sept. 1395 ein Stück „landes … gelegen syn suden vor der porten voer Camene“ angegeben, also gewissermaßen vor dem „Südtor“. Das Mühlentor wird hingegen schon zum ersten Mal am 4. Dez. 1368 erwähnt. Die beiden dürften also identisch sein.

Alle Burgmannshöfe waren von Abgaben befreit, mußten dafür aber bestimmte Dienste erbringen. Das Mühlentor wurde vom Hanenhof, nach der Eigentümerfamilie von Hane genannt, geschützt, an den heute noch der Hanenpatt erinnert. Sein Burglehen in Kamen war „vor der mollenporten gelegen“, wie es 1499 in einer Urkunde heißt.

2 Heute Sesekedamm

3  Bis Ende der 1920er Jahre Holzbrücke, dann bis 1969 Eisenbrücke mit Betonelementen, danach die heutige Brücke, seit 2013 Ängelholmer Brücke.

Die heutige Ostenallee war damals ein unbefestigter Weg, hatte auf einer Seite einen ehemaligen Stadtgraben, auf der anderen wild wachsende Weißdornbüsche, mehrere Meter hoch. Wenn sie im Winter vom Schnee beladen heruntergedrückt wurden, erschien dieser Weg als Hohlweg. Er hatte keinen Namen, wurde aber inoffiziell von vielen Schwarzer Weg genannt.

Laut Ratsbeschluß vom 22.3.1956 wurde ein Verbindungsweg gebaut zwischen Ostenmauer, der Fußgängerbrücke über die Seseke (heute: Beeskower Brücke) und dem Sesekedamm zur Mozartstraße.

Julius-Voos-Gasse

von Klaus Holzer

Abb. 1. Die Schulstraße, 1920er Jahre (?), gesehen vom Turm der Pauluskirche; vorn rechts das Haus der ehemaligen Metzgerei Voos

Diese Gasse war Teil der Kördelgasse und ist erst seit 1997 nach jemandem benannt, der wahrscheinlich andernorts mehr bedeutet als hier, in seiner Heimatstadt. Und womöglich wüßten wir gar nichts mehr von ihm, wenn es nicht einen Stolperstein am Haus Schulstraße 2 gäbe, der an ihn und seine Familie erinnert. 

Abb. 2.  Zur Erinnerung an Dr. Julius Voos

Julius Voos war der Sohn von Jakob Voos, der im Jahre 1897 als Metzger nach Kamen kam, hier heiratete und die kleine Metzgerei seines Schwiegervaters in der Schulstraße 2 übernahm. Julius wurde am 3. April 1904 geboren und besuchte die Kamener Wilhelmschule, die gleich nebenan am Kirchplatz lag, heute ein Mehrfamilienhaus. 1918 trat er  in die Präparandenanstalt1 der Marks-Haindorf-Stiftung in Münster ein. Hier begann er seine Ausbildung zum jüdischen Religionslehrer, die ihn nach Meisenheim (Pfalz) führte, wo er auch als Kantor arbeitete. Erst danach machte er sein Abitur in Idar-Oberstein. Anschließend studierte er in Berlin Philosophie, Geschichte und Religionsgeschichte. Anschließend promovierte er in Bonn über ein Thema aus der jüdischen mittelalterlichen Religionsgeschichte. Ab 1938 wirkte er als Rabbiner in Guben (Brandenburg), und heiratete 1936 in Breslau Stephanie Fuchs. Nach den Novemberpogromen von 1938 versuchte er, auszuwandern, das Vorhaben scheiterte jedoch. Anfang 1939 nahm er die Stelle als Rabbiner in Münster an, wo es im Rathausinnenhof ebenfalls einen Stolperstein für ihn gibt. Er sollte der letzte Rabbiner in Münster sein. Anfang des Jahres 1939 war Voos noch ein letztes Mal in seinem Elternhaus in Kamen.

Abb. 3.: Die Schulstraße in den 1930er Jahren; am linken Rand das Schild der Metzgerei Voos

Zwei Jahre später mußte Voos Zwangsarbeit in einer Bielefelder Fahrradfabrik leisten. Am 2. März 1943 wurde er mit seiner Familie – am 28. April 1941 war sein Sohn Denny geboren 

worden – nach Auschwitz geschickt, wo seine Frau und sein Sohn sofort ermordet wurden. Dr. Julius Voos wurde zur Schwerstarbeit eingeteilt, die ihn gesundheitlich ruinierte. Daran starb er im Krankenbau von Auschwitz am 2. Januar 1944. Klaus Goehrke schreibt in seinem Büchlein „Stolpersteine“: „Ihm wird nachgesagt, er sei der einzige Rabbiner in Auschwitz gewesen, der wie alle schwer gearbeitet, gehungert und gedurstet und dabei die Kameraden noch aufgerichtet habe.“ Ein Schicksal, an das erinnert werden muß.

Seit 2014 gibt es den Dr.-Julius-Voos-Preis  von der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, der seitdem jährlich im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ vergeben wird.

K H

Die Informationen entstammen dem erwähnten Büchlein „Stolpersteine“ von Klaus Goehrke sowie Wikipedia.

1 Eingangsstufe für die Volksschullehrer-Ausbildung

 

Abb.: 1 & 3: Archiv Klaus Holzer; 2: Photo Klaus Holzer