Am Stadtpark

von Klaus Holzer

Abb. 0: Am Stadtpark

Es mag merkwürdig anmuten, den Artikel über den Kamener Stadtpark mit einem Exkurs über Friedhöfe zu beginnen, doch hat sein Entstehen genau damit zu tun.

Im MA wurden die Toten in der Regel direkt um die örtliche Kirche herum begraben, daher kam auch die Trennung in konfessionsgebundene Begräbnisstätten. Der Name Friedhof war nicht gebräuchlich. Bei Protestanten wurde „Kirchhof“ gebräuchlich, nach der Lage um die Kirche herum. Katholiken bevorzugten meist „Gottesacker“. Aber mitten in der Stadt so viel Gelände freizulassen, damit auf Jahre hinaus alle Toten beerdigt werden konnten, bedeutete auch, daß die Toten die Lebenden verdrängten. Teurer Grund wurde dem allgemeinen Gebrauch entzogen. Daher verlegte man diese Begräbnisstätten immer mehr vor die Städte und nannte sie Friedhof. Das hatte nichts mit „Frieden“ zu tun, wie wir heute im allgemeinen annehmen, sondern leitet sich vom ahd. „frithof“, einge„fried“etes, d.h., umzäuntes Grundstück, ab.

In Kamen geschah das im Jahre 1810, als die Stadt zum Arrondissement Hamm gehörte. Auch hier also fand ein Modernisierungsschub unter französischem Einfluß statt. Die innerstädtischen Kirchhöfe wurden geschlossen, ein neuer Totenhof vor dem Ostentor angelegt, wo es freies Gelände genug gab. Es stand noch kein einziges Haus hier. Und von Beginn an wurde die Trennung nach Konfessionen aufgehoben, Angehörige beider großen Konfessionen durften auf diesem „kommunalen“ Friedhof beigesetzt werden.

Abb. 1: Vor dem Ostenthor: die Straße nach Hamm. Der Totenhof wurde 1810 rechts von dieser Straße angelegt.

Doch zeigte sich schon nach wenigen Jahrzehnten, daß ein ungeeignetes Grundstück ausgesucht worden war. Der Grundwasserstand war zu hoch. Die Särge lagen im Wasser, Leichengift drang in den Boden und, viel schlimmer, da es noch nicht für alle eine zentrale Wasserversorgung gab, ins Grundwasser ein. Wurde eine Begräbnisstelle geöffnet, trieb der Sarg an die Oberfläche, schwamm im Wasser. Dieser Friedhof mußte geschlossen werden. Das geschah 1866. Ein neuer Friedhof wurde am damaligen Overberger Weg angelegt, der Haupteingang befand sich an der Münsterstraße, das ist der heutige „alte Friedhof“.* Das ist, kurz gesagt, die Vorgeschichte zum Kamener Stadtpark.

Was aber sollte man mit dem gerade geschlossenen Friedhof anfangen? Dort lagen die Toten eines halben Jahrhunderts. 25 Jahre lang durfte vertraglich die Totenruhe nicht gestört werden, und natürlich mußte man auch aus Gründen der Pietät abwarten, bis das Gelände auf neue Weise genutzt werden konnte. Daher beschloß der Stadtrat erst 1891, dieses Gelände in einen Stadtpark umzuwandeln. Man ging gleich daran, „Anpflanzungen vorzunehmen und Wege anzulegen“ (Chronist Pröbsting, 1901). Der neue Stadtpark wird von den Kamenern gleich angenommen. Sonntagnachmittags gingen Familien dort spazieren, anschließend auch in eine der vielen Kamener Gaststätten oder in einen Biergärten, um Kaffee und Kuchen und anderes zu genießen, oder auch, besonders beliebt, sofern man es sich leisten konnte, eine Schinkenstulle: Bauernbrot mit westfälischem luftgetrocknetem Schinken.

Abb. 2: Die Annonce zur Pflanzung der Körnereiche: Wenn gefeiert wurde, dann richtig. Mit Nutzen für die Öffentlichkeit.

Wie sehr der neue Stadtpark den Kamenern gefiel, sieht man auch daran, daß schon am 14. Juni 1894 (Camener Zeitung) der „Turnverein zu Camen“ (also der 1854 gegründete VfL, hier der „älteste Turnverein unserer Provinz“ genannt) anläßlich seines 40jährigen Bestehens mit großem Pomp der Stadt eine „Körnereiche“ übergab, die bereits am 23. September 1891, dem 100. Geburtstag Theodor Körners (vgl. Art. Körnerstraße), gepflanzt worden war (und zugleich legte man auch einen Gedenkstein vor diesem Baum nieder).

Abb. 3: Die Körnereiche an der Schnittstelle der drei Hauptwege durch den Stadtpark

In der Zwischenzeit veranstaltete der Turnverein eine Sammlung, Auktionen, verkaufte Festzeitungen, verwendete „Strafgelder“ (wo die auch immer herkamen) und füllte den Restbetrag aus der Vereinskasse auf, damit der Baum einen würdigen Rahmen bekam. „Herr Steinhauermeister Eilentrop übernahm die Steinmetzarbeiten, Herr Schlossermeister Frieling stellte das geschmackvolle, schön gearbeitete Gitter her und Herr Malermeister Klatt machte den Anstrich.“ (Camener Zeitung, 20. Juni 1894; auf dem Photo in „Kamen in alten Ansichten“ gibt es dieses Gitter nicht mehr und es ist auch nicht ganz klar, was der Steinhauermeister für Arbeit zu erledigen hatte.) Als dann der Festzug mit Fahnen und Musik am Stadtpark eintraf, waren die städtischen Behörden mitsamt dem Bürgermeister Adolf von Basse bereits vor Ort. Dieser nahm die Eiche dankend für die Stadt in Empfang und schloß seine Ansprache „mit einem dreifachen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser“ (Camener Zeitung, desgl.).

Abb. 4: Goldmünze mit dem Porträt Kaiser Wilhelms I.

Gleich am nächsten Tag begann der Turnverein, mit einer neuen Auktion wieder Geld zu sammeln. Man war auf den Geschmack gekommen, wollte den neuen Stadtpark weiter verschönern. Es dauerte allerdings bis zum Jahre 1900, bis das gelang.

Abb. 5: Bauzeichnung des Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Brunnens

Da wurde „ein kleines Denkmal zum Gedächtnis unseres lieben alten Kaisers Wilhelm I. aufgerichtet. Es ist der Kaiser-Wilhelms-Brunnen, der durch freiwillige Liebesspenden zustande gekommen und mit dem Medaillonbild des Kaisers geziert ist“. (Stadtchronist Pröbsting, desgl.) Es war die Zeit, als das Lied „Wir wollen unsern alten Kaiser Willem wiederham“ populär wurde. Leider verfiel dieser Brunnen während der Weimarer Republik, Kamen war arm, man hatte keine Geld, ihn zu reparieren. Das taten erst die Nazis, doch währte das Glück nur kurze Zeit. Im Krieg wurde es zerstört und nicht wieder aufgebaut. Heute ist Kamen eine denkmalarme Stadt.

Abb. 6: Brunnen zum Gedächtnis an „unsern alten Kaiser Willem“

Abb.7: Beschriftung der Bauzeichnung zum Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Brunnen

So ist Kamen an einen Stadtpark gekommen, der, entgegen seinem Namen, außerhalb der eigentlichen Stadt liegt. Heute macht er nicht den Eindruck, als sei er das Hätschelkind der Stadtverwaltung. Dort, wo der Körner-Gedenkstein lag, steht eine große Eiche, mitten im Kreuzungspunkt der drei durch den Park führenden Hauptwege. Das kann nur die Körner-Eiche sein, doch ist sie nicht kenntlich gemacht. Kein Gitter ist mehr zu sehen. Nichts deutet mehr darauf hin, daß diese Stelle 1894 der Mittelpunkt der Kamener Stadtverschönerung war.

Der Körnerstein lag bis vor kurzem mitten im Park, an der zentralen Weggabelung, vor der Eiche, doch ist er unscheinbar, die Schrift kaum zu lesen, und weil er gern von Hunden an Stelle eines Baumes benutzt wurde, schaffte man ihn fort, in die Sicherheit des Stadtmuseums. Spaziergänger sieht man im Stadtpark nicht, Fußgänger wie auch Radfahrer benutzen ihn nur als Abkürzung auf ihrem Weg in die Stadt und zurück. Pflege beschränkt sich auf Rasenmähen. Bloß ein hübscher bunter Streifen von Osterglocken und Krokussen zeigt im Frühling, daß der Stadtpark noch nicht ganz vergessen ist.

Ob man ihn nicht doch wieder reaktivieren könnte?

Nachtrag:

Das bronzene Medaillon stammt aus der seinerzeit sehr bekannten Gladenbeck’s Bronze-Gießerei in Friedrichshagen bei Berlin, aus der so bekannte Denkmäler stammen wie die Victoria auf der Siegessäule in Berlin, Alexander von Humboldt in Philadelphia/USA oder die Luther-Denkmäler in Berlin, Eisleben, Erfurt und Hannover und viele andere überall auf der Welt und eben auch das Medaillon in Kamen, das aber leider mit dem ganzen Denkmal verschwunden ist. Und es ist unbekannt, wann es abgerissen wurde. Weder das Bauarchiv noch das Stadtarchiv verfügen über Kenntnis darüber. Und schon das Photo im Band „Kamen in alten Ansichten“ zeigt den Brunnen ohne das Medaillon. Lt. Rechnung vom 28. Maerz 1900 war der Preis 380 Mark. Wohl gibt es im Stadtarchiv die Archivalie zu diesem Denkmal, mit Rechnungen und einer präzisen Bauzeichnung. Doch selbst hier hat ein früherer Benutzer (?) die Abbildung des Medaillons aus der Zeichnung herausgekratzt. Hat hier an Anti-Monarchist, vollständig den Sinn eines Denkmals verkennend, sein Unwesen getrieben, auf der Zeichnung und im Stadtpark?

Die Steinarbeiten wurde von der Firma Schulte-Oestrich & Hilgenstock Nachfolger, Inh. Peter Gross, Camen, durchgeführt. Deren Rechnung vom 30. April 1900 betrug 1535,02 Mark. Eine weitere Rechnung datiert von 1908, jetzt heißt es natürlich schon Kamen. Eine Firma dieses Namens gibt es übrigens heute noch in Bochum. Und da sie 1895 gegründet wurde, könnte es da einen Zusammenhang geben.

* Er war zunächst auch von den Overbergern genutzt. Erst 1872 erwarb die Gemeinde Overberge weiteres Land und bekam dann einen eigenen Friedhof.

(Abb. 0: Photo KH; Abb. 1, 2, 5, 6 & 7: Stadtarchiv; Abb. 4: Wikipedia; Abb. 3: Photo Klaus Holzer)

KH

Bollwerk

von Klaus Holzer, auf der Grundlage eines Artikels von Edith Sujatta

 Bollwerk

Es gibt zwei Möglichkeiten für die Entstehung einer Stadt, die eine ist die Gründung durch einen Grundherrn, wie zum Beispiel Lippstadt (früher Lippe). Hier fand Graf Bernhard einen strategisch günstigen Ort, um seine Stadt zu gründen. Dann gibt es Orte, die sich aus einer besonderen Situation heraus entwickelten, an Furten, Brücken oder Wegkreuzungen. Hier treffen sich Menschen, die Überwege müssen  begehbar gehalten werden, diese Engstellen sind gefährlich, sie müssen gesichert werden. So hat es in Kamen angefangen.

Abb. 1: Nur Kamen liegt wegen der Besiedelung an der Furt südlich wie nördlich der Seseke

Die Straße „Am Bollwerk“, seit 1928 so benannt, ist eine ehemalige Torstraße, die durch das „Wünnentor“1 aus der Stadt herausführte, das älteste Stadttor, das aber schon 1660 abgebrochen wurde.

Abb. 2: Blick von der Vinckebrücke: etwas unterhalb der Ziegelmauer war die Furt, Kern Kamens

Bollwerk kommt von „Bohl(en)werk2 und bedeutet hier eine kleine Brücke über die flache Seseke und einen mit Bohlen ausgelegten Steg über den dahinter liegenden Sumpf, „Die lange Brücke“. Dieses „Bohl(en)werk“ war natürlich für die Reisenden nicht mehr erkennbar, wenn die Seseke, was sie oft tat, Hochwasser führte. Damit er aber seinen Überweg dennoch finden konnte, steckten die „Betreiber“ dieses Überganges links und rechts des Weges lange Stecken in den Sumpf, so wie es in Schneeregionen heute noch gemacht wird. Das übliche Hochwasser, zweimal im Jahr, floß in den tiefer gelegenen Süden, Richtung Unna. Wenn es wieder ablief, hinterließ es ein Sumpfgebiet. Dies ist auch der Grund dafür, daß sich die Menschen auf der nördlichen Seite der Seseke niederließen.

Der Knüppeldamm mußte ständig repariert, mit neuen Holzlagen erneuert werden. Wer macht das schon umsonst? Also mußte der Reisende eine „Maut“ bezahlen, wohl meistens mit Naturalien. Was lag da näher, als weitere Dienste anzubieten? Reparaturen an Wagen und Pferdegeschirr, etwas zu essen, ein Lager für die Nacht. Und dafür brauchte man natürlich weitere Leute, die mithalfen. So entstand fast ganz von allein der Kern einer kleinen Siedlung.

Solch eine Siedlung zog auch immer marodierende Banden an. Für die Sicherheit, aber auch einfach der besseren Übersicht über das schwierige Gelände halber, baute man hier zuerst eine sogenannte Motte, einen künstlichen Hügel, von Wasser umgeben, mit einer sogenannten Bohlenburg, einem Turm aus Holz, oft auf einem Steinsockel. Die Reste dieses Turms sind noch hinter dem ev. Gemeindehaus zu sehen. Hier saßen nun die germanischen „Edelinge“, kassierten Wegezoll und hielten Wache. Die Arbeit an der Brücke war wohl eher die Aufgabe der Hörigen.

Abb. 3: So ungefähr muß man sich die „Motte“ vorstellen (Abb. zur Verfügung gestellt von Edith Sujatta)

Abb. 4: Ein Stück der ältesten Mauer Kamens, vor 1100

Abb. 4a: Detail der ältesten Mauer

Im Mittelalter entwickelte sich aus dem sicheren, aber als Wohnung höchst unbequemen, weil kalten und zugigen, Turm die erste Burg mit ihren Wirtschaftsgebäuden, später nach ihren jeweiligen Besitzern genannt, z.B. Wetholz’scher Hof. In unmittelbarer Nähe entstand später die Grafenburg am heutigen Kirchplatz, die wiederum mehr Schutz bot, Bedarf an weiteren Handwerkern hatte und damit zur Keimzelle der späteren Stadt Kamen wurde.

1 Das „Wünnentor“ führte auf die städtischen „wünnen“, die Wiesen.

2 Das „Bohl(en)werk“ wanderte im Laufe der Jahrhunderte nach Westen, über die Niederlande nach Frankreich. Als Baron Haussmann in der Mitte des 19. Jh. Paris zu der modernen Metropole ausbaute, die wir heute kennen, legte er breite, von Bäumen gesäumte Straße an, die er, in Anlehnung an das Aussehen der „Bohl(en)-werke“ „boulevards“ nannte. Kurze Zeit später wanderte dieses neue, nunmehr französische, Wort wieder als Boulevard zurück zu uns.

Abbildungsnachweis:

Abb. 0,2,4 & 4a: Klaus Holzer; Abb. 1: nach Theo Simon, Kleine Kamener Stadtgeschichte, Kamen 1982; Abb. 3 zur Verfügung gestellt von Edith Sujatta

KH

Das 13. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen am Donnerstag, 27. April 2017

von Klaus Holzer

Das 13. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen

am Donnerstag, 27. April 2017

Abb. 1: Dr. Falko Herlemann beim Vortrag

Sehr erfolgreich verlief das 13. ZZ des KKK am 27. April 2017 im Haus der Stadtgeschichte Kamen. Immerhin 32 Zuhörer fanden sich im Saal des Museums ein, um Dr. Falko Herlemann aus Herne zu lauschen, der seinen Vortrag unter den Titel gestellt hatte, „Lucas Cranach der Ältere: Mehr als ein Maler der Reformation“. Und im Laufe des Abends wurde klar, wieviel mehr er war. Der uns Heutigen vor allem als Maler der Reformation geläufige Cranach war zugleich Kaufmann, Politiker, Diplomat, Drucker und Verleger, verstand sich aber zunächst als Handwerker. Und war vor allem vielseitiger Künstler.

Er wurde um den 4. Oktober 1472 (neuere Forschungen sprechen von 1475) in Kronach in Oberfranken geboren, des Hans Malers Sohn Lucas, der später seine Gemälde mit „Lucas Cranach“, was wohl heißen sollte: Lucas aus Kronach, signierte. Über seine Jugend ist kaum etwas bekannt, aber immerhin, daß Vater Cranach einmal eine deftige Strafe für „ungebührliches Verhalten“ seiner Söhne bezahlen mußte. Als nächstes ist er als Handwerkslehrling bekannt, ging dann „auf die Walz“ und war 1502 in Wien. Uns mag es verwundern, aber damals war der Künstler zuerst Handwerker, der während seiner Lehrzeit lernen mußte, seine Farben selber herzustellen (Ölfarben gab es noch nicht, die sind eine Erfindung aus der Mitte des 19. JH.): Pigmente zerkleinern, Malgrund vorbereiten, kurz alles, was der Maler später, wenn er seine Aufträge abarbeitete, brauchen würde. Erst nach der Wanderschaft durfte ein Geselle seine eigene Werkstatt eröffnen, was wegen der handwerklichen Zunftbindung aber immer noch mit Schwierigkeiten behaftet war.

1505 wurde Cranach Hofmaler des Kurfürsten Friedrich von Sachsen. Normalerweise ist das ein Knochenjob, weil man in den Hofalltag fest eingebunden war und u.a. die vielen Hoffeste organisieren mußte. Cranach jedoch hatte Glück, weil sein Brotherr ihm die Freiheit gab, sich auf seine Kunst zu beschränken und ihm sogar gestattete, seine Bilder auf dem freien Markt zu verkaufen.

Abb. 2: Lucas Cranachs Wappen

1508 erhält er vom Kurfürsten ein eigenes Wappen, eine gekrönte und geflügelte Schlange mit einem Rubinring im Maul, dessen genaue Bedeutung bisher nicht ganz erschlossen ist. 1510 eröffnet er seine eigene Werkstatt. Zwei Jahre später heiratet er die Tochter des Gothaer Bürgermeisters. Er eröffnet einen Weinausschank, eine Apotheke, wird Verleger und freundet sich mit Martin Luther an. Sie werden so enge Freunde, daß Lucas Trauzeuge der Luthers wird und später auch Pate ihres ersten Kindes. Jetzt ist Lucas „angekommen“. Er wird Kämmerer in Wittenberg, Ratsherr und sogar von 1537 – 1544 Bürgermeister.

Abb. 3: Albrecht Dürers Porträt von Lucas Cranach

1524 trifft er Albrecht Dürer in Nürnberg, der ihn porträtiert. Zusammen mit dem Nürnberger Großmeister illustriert er eine Bibel für Kaiser Maximilian. Derweil treten seine beiden Söhne, Hans und Lucas, in seine Werkstatt ein.

1547 verliert „sein“ Herzog, jetzt sein dritter Dienstherr, Herzog Johann Friedrich der Großmütige,  die Schlacht von Mühlberg gegen den Kaiser und wird erst nach Augsburg, dann nach Innsbruck in die Gefangenschaft geschickt, wohin Cranach ihm folgen muß.

Aus der Cranach-Werkstatt sind etwa 5.000 Gemälde bekannt, davon ca. 1.000 vom Meister selber. Hinzu kommen ca. 350 Zeichnungen und Holzschnitte und auch Kupferstiche. Es sind viele Dokumente überliefert, die detailliert Preise für seine Werke verzeichnen. Ein kleines Bild aus seiner Werkstatt kostet demnach nicht mehr, als der Wochenlohn eines Steinmetzen beträgt. Jedes Bild ist mit seinem Wappen signiert, gleichgültig, ob Cranach selber oder einer seiner Gesellen es  gemalt hat, während Dürer nur seine eigenen Werke mit dem bekannten AD signieren ließ. Es wird schon hieran deutlich, wie sehr Cranach sich an Marktgesetzen orientierte.

Religiöse Themen:

Um 1500 sind religiöse Themen besonders beliebt und daher modern. Die Menschen waren tief religiös, kirchliche Regeln bestimmten ihren Alltag. Den dabei entwickelten Konventionen folgt Cranach zunächst, weicht aber dann davon ab und zeigt schon in seinem Frühwerk, daß er ein eigenständiger Künstler ist. Stehen in der Konvention z.B. die drei Kreuze von Jesus und den beiden Schächern frontal zum Betrachter, schafft Cranach eine ganz neuen Raumwirkung, indem er die beiden seitlichen Kreuze schräg stellt. Plötzlich entsteht ein Raum, eine neue Perspektive. Hinzu kommt eine besonders expressive Darstellung, Jesus leidet, die Darstellung besticht durch ihre Drastik.

Abb. 4: Lucas Cranach, Die Kreuzigung Christi

Des weiteren legt er in seinen Gemälden die Landschaften ganz neu an, in mehreren Ebenen nach hinten gestaffelt, z.B. im Bild des Hl. Hieronymus. Für seine Kurfürsten (es waren insgesamt drei: Friedrich der Weise, Johann der Beständige und Johann Friedrich der Großmütige) schuf er Altar– und Marienbilder, die ganz konventionell die Hl. Sippe ins Zentrum stellen bzw. Maria, er, der Maler der Reformation! Doch plötzlich tauchen bei ihm auf den Außenflügeln reale, wiedererkennbare Menschen auf: Kurfürsten, Kaiser usw. Damit beginnt Cranachs Porträtmalerei, in der er ganz deutlich die neue Zentralperspektive verwendet.

Überraschenderweise finden sich bei Cranach auch richtiggehende Kopien z.B. von Hieronymus Bosch. Dazu muß der heutige Betrachter wissen, daß es damals erstens kein Urheberrecht gab und zweitens das galt, was chinesische Kopierer heute noch zu ihrer Entschuldigung vorbringen: eine Kopie ist Ausdruck von Hochachtung für die Qualität des Originals.  Cranach aber geht einen Schritt weiter, er betrachtet seine Kopien als Motivkästen für zukünftige Gemälde und verwendet motivische Elemente von Bosch in späteren Gemälden zur Illustration z.B. der Hölle.

Besonders häufig finden sich bei Cranach Doppelporträts, z.B. eine Professor und seine Frau mit den typischen Attributen: Mütze, Buch und Pelzkragen bzw. Haube und Brokatbesatz; einen Adligen mit Schwert und Jagdhund und seine Frau mit ihrem Hündchen, dem Symbol ehelicher Treue. In solchen Symbolen erzählt der Künstler die Geschichte der Porträtierten.

Was sich schon in den Mariendarstellungen und vielen Altarbildern andeutete, findet auch auf der aktuellen Ebene statt: der Lutherfreund Cranach porträtiert 1526 Kardinal Albrecht von Brandenburg, der ein erklärter Gegner Luthers ist und schließlich sogar ein Kirchenverfahren gegen ihn einleitet. Cranach verhält sich hier als Handwerker und Kaufmann, nicht anders als ein Tischler, der Bänke für eine Kirche anfertigt. In den Gemälden wird erkennbar, daß Cranach bestimmte immer wiederkehrende Bildelemente zur Gestaltung verwendet, was die quasi-industrielle Produktionsweise seiner Werkstatt erst ermöglicht.

Antike Themen:

In Italien hatte die Renaissance längst ihren Höhepunkt erreicht oder gar überschritten, als Cranach zu malen anfing. Italienische Künstler hatten die antike griechische Mythologie wiederentdeckt, vor allem in den überkommenen griechischen Skulpturen oder den erhaltenen römischen Kopien. Cranach war der erste, der diesen Trend in Deutschland aufgriff. In vielen Bildern gestaltete er „Apollo und Diana“, „Venus und Amor“ usw. Es fällt auf, daß seine Frauenkörper wenig anatomische Ähnlichkeit mit richtigen Frauenkörpern aufweisen, aber es gab damals eben keine Aktmodelle, nach denen man hätte zeichnen und malen können, nur Skulpturen, und da waren Frauen meist, zumindest teilweise, bekleidet. Ganz anders die männlichen Körper. Hier konnte die griechische Skulptur als Modell dienen. Männliche Nacktheit war für die Griechen normal.

Abb. 5: Lucas Cranach, Venus & Amor

Cranachs Frauengestalten tragen immer eine modische Frisur, idealisierte Landschaften bilden den Hintergrund. Und damit er dem Markt genügen kann, fertigt er Schablonen an, die als Versatzstücke für viele Gemälde verwendet werden können, was den Arbeitsprozeß wesentlich beschleunigt: „Apollo und Diana „ fünf Mal, „Venus und Amor“ gar 30 Mal. Der Markt verlangte danach, die Werkstatt mußte bezahlt werden, seine Lehrlinge und Gesellen verlangten regelmäßigen Lohn. Und dabei variierte er. Amor war nicht nur der Knabe, der Liebespfeile abschoß, sondern auch der Honigdieb, der, von den Bienen geplagt, flehentlich zu seiner „Mama“ Venus aufschaut. So transportiert er das antike Motiv in seine Gegenwart. Er ist aber ein zu guter Maler, als daß er 30 Mal bloß kopiert hätte. In den zahlreichen Variationen entstehen immer wieder originale Kunstwerke.

Abb. 6: Lucas Cranach, Liegende Quellnymphe

Andere antike, immer wiederkehrende Motive: die „Liegende Quellnymphe“ (22 Mal), die in ihrer räkelnden Nacktheit fast schon pornographisch wirkt; das „Urteil des Paris“, das er in eine thüringische Phantasielandschaft stellt; die „Drei Grazien“ u.a.

Abb. 7: Lucas Cranach, Drei Grazien 

Allegorische Bilder/ Themen:

Hierher gehören Themen wie das „Paradies“, das „Goldene Zeitalter“ u.ä., die Projektionen dieser Zustände in die Zukunft darstellen. Mensch und Tier leben in Frieden, der Löwe frißt das Lamm nicht. Oder „Caritas“, die Nächstenliebe, kümmert sich als Frau um viele Kinder – das Publikum will so etwas und kauft es.

Bilder der Reformation:

Es sind vor allem die vielen Porträts seines Freundes Martin Luther (und seiner Frau Katharina). Am Anfang steht der Kupferstich, der Luther als Augustinermönch darstellt, als einen hageren Menschen mit Tonsur. Auch dieses Motiv wird mehrfach variiert: Luther mit Hemd, in einer Nische usw., als Kupferstich, weil dieser hohe Auflagen ermöglichte. Und daraus erwuchs die weite Verbreitung, die Werbung für die Reformation mit sich brachte, gar Propaganda. Martin Luther, der Reformator, ist in Wort und Bild überall präsent. Cranach illustriert Luthers Schriften, seine Flugblätter und Bücher, die alle in hohen Auflagen erscheinen. Buchdruck und Cranach werden für die Reformation enorm wichtig.

Daß es auch viele Kopien dieses Kupferstichs gibt, ist leicht daran zu erkennen, daß identische Abbildungen seitenverkehrt auf dem Markt waren, was an der Technik des Kupferstichs liegt. Diese Kopien werden aber auch vom jeweiligen Kopierer verändert: der Reformator, vom heiligen Geist beflügelt, mit einer Art Heiligenschein dargestellt usw.

In der zweiten Phase wird der Mönch vom Junker Jörg abgelöst. Kurfürst Friedrich der Weise hatte Luther auf der Rückreise vom Wormser Reichstag entführen und vor Kaiser und Papst in Sicherheit bringen lassen. Auf der Wartburg übersetzte „Junker Jörg“ dann in nur 11 Wochen das NT. In diesen Darstellungen wird die konventionelle Ikonographie angewendet: der bärtige Junker verfügt über ein Schwert.

Erst in der dritten Phase dominiert Martin Luther, der Reformator, nun nicht mehr der hagere und asketische Mönch, sondern der wohlgenährte Reformator und Ehemann, dem das Bier gut schmeckt, das sein „Herr Käthe“ ihm braut.

Abb. 8: Doppelporträt Martin  & Katharina Luther

Cranach malt Hochzeitsbilder und eine Reihe Doppelporträts der Luthers. Etwa alle zwei Jahre entsteht so ein Gemälde, in der Form eines 9,5 cm großen Medaillons, immer mit den typischen Merkmalen des Arbeitens mit Schablonen: während die Gesichter altern, bleibt ihre Kleidung gleich. Ein Doppelporträt gibt es auch von Luther und seinem wichtigsten Mitarbeiter Philipp Melanchthon. Es steht ganz in der Tradition der Doppelporträts des Ehepaars Luther, indem es die enge Beziehung zweier Menschen zum Ausdruck bringt.

Die Reformation:

Lucas Cranach der Ältere besitzt quasi ein Monopol auf Martin Luther und die Reformation.

Cranach ist der Drucker und Illustrator der Reformation, ohne ihn hätten wir keine bildliche Vorstellung jener Zeit, sei es von frühen Bibeln, Flugblättern oder Porträts. Vor allem die farbigen Illustrationen waren sehr aufwendig, da Text und Bild nicht zusammen gedruckt werden konnten und von Hand koloriert werden mußten. Eine Auflage von 3000 Stück verlangte also eine gewaltige Kraftanstrengung, und das mußte zu einem erschwinglichen Preis geschehen. Wer lesen konnte, konnte sich in der Regel so etwas leisten. Durch Cranach wurde die Reformation zum ersten großen Medienereignis der Geschichte. Zusammen mit den vielen anderen Druckern und Nachahmern und Kopierern wurden Graphiken und Flugschriften zu Hunderttausenden gedruckt und vertrieben. Was natürlich einen gewaltigen Alphabetisierungsschub erzeugte.

Abb. 9: und die Ehebrecherin

Daß Cranach auch thematisch revolutionär sein konnte, zeigt z.B. sein Gemälde „Christus und die Ehebrecherin“, die, wie es biblisch belegt ist, gesteinigt werden soll. Der häßliche Mann am linken Bildrand hält die Steine bereits in der Hand, doch Jesus begnadigt sie. Oder das Bild mit Christus und einer Gruppe Kinder. Sie sind in seiner Darstellung nicht mehr mit der Erbsünde belastet, sündige Menschen von Geburt an, sondern unschuldige Kindlein, reine Seelen. Eine radikale Abkehr von der tradierten katholischen Lehre.

Es muß immer wieder betont werden, daß Cranach kein Ideologe war, sondern in seinem eigenen Verständnis Handwerker. Weil seine Brotherren, die Kurfürsten, die vermutlich größte Reliquiensammlung der Welt hatten, die sie im wohl ersten „Museum“ in Deutschland ausstellten, damit ihre Untertanen dorthin pilgern konnten, stellte er dafür Reklamezettel her. Das war ein Auftrag wie andere, Reformation und Freundschaft mit Luther hin oder her. Dieser Handwerker – Künstler bewies immer wieder seine Unabhängigkeit von Kirche, Bischof, Kaiser, den Mächten seiner Welt. Und begann ganz beiläufig, wenn auch nicht bewußt, die Emanzipation des Künstlers vom Handwerk und leitete ein völlig neues Selbstverständnis des Künstlers ein.

Abb. 10: Lucas Cranach im Alter von 77 Jahren, von seinem Sohn Lucas vollendet oder gemalt

Wie anregend der Vortrag war, zeigte sich anschließend in der Diskussion, in der ganz unterschiedliche Themen zur Sprache kamen: individuelle Beobachtungen an Gemälden, „Hexen“, Gegenreformation, Reformation oder Revolution, Luther und die Ablaßbriefe, 95 Thesen an der Kirchentür oder nicht, Maler und Handwerker, Nacktheit – Keuschheit – Unschuld in den Gemälden. Ein ergiebiger Abend.

Nachbemerkung: Am Ende seines Vortrags wies Herlemann auf eine lustige und bizarre Einzelheit hin. Teil des Lucas-Cranach-Grabes in Wittenberg ist eine Tafel, die ein Versehen oder eine Flüchtigkeit oder einen Fehler enthält. In der lateinischen Umschrift des Grabsteins in Wittenberg heißt es (ins Deutsche übersetzt): „Der schnellste Maler und Wittenbergs Bürgermeister, der seiner Tugend wegen drei sächsischen Kurfürsten und Herzögen lieb und teuer war.“ (Nach Meinung einiger Forscher beruht das Wort celerrimus – der schnellste – allerdings auf einem Schreibfehler in der Ausführung und sollte eigentlich „celeberrimus“ – der gefeiertste – heißen.

KH

Abb. 1: Klaus Holzer

alle anderen Abb. entstammen Wikipedia

Wimme

von Klaus Holzer

Eine ganz kurze Straße in Kamen heißt „Wimme“. Sie verläuft zwischen der Dunklen Straße im Westen und der Schulstraße im Osten und führt an der Nord–, der Turmseite der Kirche Heilige Familie vorbei. Geht man geradeaus weiter und folgt der Julius-Voos-Gasse weiter nach Osten, trifft man auf den „Wiemeling“.

Zwei merkwürdige Namen, und doch einander ähnlich. Gehören sie etwa zusammen?

Abb. 1: Das Eckhaus Wimme / Schulstraße, rechts hinten die Wilhelmschule (vgl. Artikel „Schulstraße“),  vermutlich vor 1900

Der Name „Wimme“ geht zurück auf ein mhd. widem(e), das wiederum aus einem ahd. widamo herrührt und in seiner ursprünglichen Bedeutung „Aussteuer“ hieß. Dabei handelte es sich zunächst um die Gabe eines Bräutigams an den Brautvater vor der Eheschließung. Dann merkte man, daß aber vor allem der Ehefrau geholfen werden mußte, da es eher die Regel war, daß der Mann vor ihr starb und die Frau unversorgt zurückblieb. Aus der Zuwendung an den Brautvater wurde also eine an die Ehefrau zu ihrer Versorgung.

Gleichzeitig war ein solches „widum“ das unbewegliche Vermögen einer Kirchenpfründe, in der Regel das Pfarrhaus, das nicht selten das Geschenk eines reichen Gönners an die Kirche war (die Kirche erhob Gebühren für alle möglichen Dienstleistungen, Priester & Pfarrer erhielten, neben einem Gehalt von ihrer Gemeinde, auch Naturalien als Zuwendungen, die Kirchensteuer gibt es erst seit 1919), oft aus seinem Erbe, um sich einen Platz im Paradies zu sichern. Und ihr sonstiges Einkommen mußten sich die Geistlichen sichern, indem sie sogenannte „Stolgebühren“ nahmen, das sind Gebühren für kirchliche Handlungen, zu denen die Stola getragen wurde, z.B. Taufe, Trauung, Begräbnis (es durfte keine Gebühr genommen werden für die Heilige Eucharistie, die Beichte und die letzte Ölung).

Diese beiden Bedeutungen trennten sich im 17. Jh., als mit „widum“ ausschließlich das Pfarrhaus gemeint war. So wissen wir, daß Straßen bzw. Gassen namens „Wimme“ immer Standort eines Pfarrhofs waren.

Der Kamener Pfarrer und Chronist Friedrich Pröbsting berichtet in seiner 1901 erschienenen „Geschichte der Stadt Camen“, daß zu seiner Zeit die Wimme noch „Wieme“ hieß. Der Zusammenhang dürfte also klar sein: „Wiemeling“ ist die Verkleinerungsform von „Wieme“, so wie es z.B. auch Liebling und Säugling gibt.

Abb. 2: Der Beginn des Wiemeling, von der Kirchstraße her gesehen

Und noch etwas: das mittelalterliche Wort lebt heute noch im Verb „widmen“ weiter und hat in den letzten Jahren eine unerwartete Popularität erlebt: Fußballer etwa „widmen“ ihre Tore ihren Freundinnen oder Neugeborenen.

KH

Die Abb. 1 & 2 entstammen dem Büchlein von Fred Kaspar, „Kamen in alten Ansichten“, Bd. 1, Zaltbommel, MCMLXXVI

Claude-Canaday-Straße & Bloomfieldstraße

von Klaus Holzer

Zwei Straßen auf der Lüner Höhe, es gibt sie seit 1978/79, dicht beieinanderliegend, obgleich sie nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, außer vielleicht, daß beide englisch klingen. Wie ist es zu diesen beiden Straßennamen gekommen, und warum ist es richtig, daß sie direkt nebeneinander liegen?

10. April 1945. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands nach dem verlorenen Krieg stand noch einen Monat lang aus, Kamen jedoch kapitulierte an diesem Tag, hißte die Weiße Fahne und ergab sich den Amerikanern. Es begann eine harte, entbehrungsreiche Zeit mit Wohnungsnot und Mangel an allem, was die Menschen zum Leben brauchten. Alles verschärft durch den Zuzug von Flüchtlingen aus den Ostgebieten. Es ging einfach um das nackte Überleben.

Kamener Bürgermeister war der seit 1944 bis zum 19.5.1945 amtierende Ernst Fromme. Die britische Militärregierung, die inzwischen das Kommando von den Amerikanern übernommen hatte, setzte am 19.5.1945 Gustav Adolf Berensmann ein, der bereits von 1924 bis 1932 Kamener Bürgermeister gewesen war. Bevor Gustav Adolph Wieczoreck im Herbst 1946 Bürgermeister wurde, übernahm der dienstälteste Beamte der Kamener Stadtverwaltung, der ehemalige Stadtbaurat Gutsav Reich kommissarisch die Leitung der Stadt.

Abb. 1: Gruß Claude Canadays vom 28. Oktober 1948

In dieser Funktion erreichte ihn aus der Bezirkshauptstadt Arnsberg die Anfrage, ob Kamen gewillt sei, Hilfe aus Bloomfield, einem 16.000-Einwohnerstädtchen (das stellte sich später als Übertragungsfehler heraus, man hatte eine Null zuviel angehängt; vgl.a. die Entstehung der Partnerschaft mit Montreuil-Juigné) in Nebraska/USA, anzunehmen. Dort gebe es einen Farmer namens Claude Canaday, der sich vorgenommen habe, in Deutschland eine ausgebombte Stadt und ihre darbenden Einwohner in der schweren Nachkriegszeit mit Hilfslieferungen zu unterstützen. Reich sagte ja, und es setzte eine lange Reihe von Carepaket-Lieferungen nach Kamen ein. Bloomfield übernahm für Kamen eine Stadtpatenschaft, die Kamen über die schwere Nachkriegszeit hinweghalf und immerhin dazu führte, daß Reichs Tochter und einer seiner Söhne noch im Sommer 1968 nach Bloomfield fuhren und den Kontakt erneuerten. Jahrzehntelang gab es diesen Kontakt, der aber u.a. auch wegen der großen Entfernung zwischen Westfalen und Nebraska niemals richtig ins Laufen kam.

Jetzt aber dürfte es außer diesen beiden Straßennamen kaum noch Gemeinsames zwischen Kamen und Bloomfield geben. Alle Mitglieder der Familie Canaday, die direkten Kontakt mit Kamen hatten, und besonders mit der Familie Reich, sind tot: Claude Canaday, der sie aus tiefem Mitgefühl für die notleidenden Kamener 1946 begründete, sein Enkel Paul 2015, und jetzt als letzter Julian, Claudes Sohn, der am 7. Juli 2016 starb.

Abb 2: von rechts nach links: Herbert Reich, Reinhild Reich, Grace Canaday, Claude Canaday, der Bürgermeister Bloomfields und seine Frau betrachten gemeinsam das Geschenk an die Gastgeber, einen Druck der ältesten bekannten Darstellung Kamens aus den 1840er Jahren, von Süden her gesehen.

Gustav Reich starb 1970, sein Sohn Herbert am 17. Februar 2016. Reinhild Reich, hochbetagte Tochter Gustav Reichs, ist die letzte Lebende, die die alten Bande noch mitgestaltete und bei einem Besuch in Nebraska 1968 für eine Weile intensivierte. Sie betrachtet die frühere Patenschaft, die für sie immer eine Partnerschaft war, als erloschen, da ihrer Ansicht nach auf Kamener Seite kein Interesse daran mehr vorhanden ist.

Robert Badermann, Leiter des Kamener Stadtarchivs, das über zwei dicke Aktenordner zu diesem Thema verfügt, gibt auf Nachfrage an, man habe Bloomfield zu seinem 125jährigen Bestehen gratuliert, doch sei keine Reaktion erfolgt. Es ist also wohl so, daß auf beiden Seiten nicht mehr viel vorhanden ist, das eine engere Beziehung zwischen den beiden Städten erlaubte.

Nachdem also fast alle direkt Beteiligten gestorben sind und die Nachkriegszeit lange zurückliegt, ist es vielleicht auch kein Wunder, daß diese Beziehung zu Ende gegangen ist. Die Besuche in beiderlei Richtung waren immer auf einen kleinen Personenkreis beschränkt und waren auch sehr selten. Die junge Kamener Generation weiß von der Großzügigkeit Bloomfields nichts. Kamener, die von den Lebensrettungsaktionen Claude Canadays und seiner Mitbürger für den besiegten Feind in Deutschland profitierten, gibt es nur noch sehr wenige, und die sind alt. Und die räumliche Entfernung trug das Ihre zur zeitlichen bei. Ein Kapitel Kamener Nachkriegsgeschichte scheint abgeschlossen.

KH

Abb. 1 & 2: Reinhild Reich

Einladung zum 13. Zeitzeichen des KKK

Der Maler Lukas Cranach im Zeitalter der Reformation

Wie kaum ein anderer Künstler seiner Zeit ist Lukas Cranach der Ältere (1472-1553) mit der Reformation  verbunden. In seinen Bildern spiegeln sich die Themen des reformierten Christentums. In
seinen Drucken und Flugschriften kritisiert er die Institution Kirche. Seine Portraits von Martin Luther prägen bis heute unser Bild des Reformators. Doch Cranach ist weitaus mehr als nur der Maler der Reformation. Er arbeitet ebenso  für die „alte Kirche“ und deren Vertreter.  Seine Bilder zeigen auch die Hinwendung zur Antike. Alles das macht ihn zu einem der erfolgreichsten und produktivsten Künstler der Zeit. Gerade in Cranachs Werken wird der kulturelle und gesellschaftliche Umbruch der Zeit deutlich.

Der Referent des Abends ist Dr. Falko Herlemann, der Kunstgeschichte, Philosophie und  Archäologie in Bochum studierte, mit Magister Artium und Promotion abschloß. Er ist durch zahlreiche Publikationen zur aktuellen Kunst hervorgetreten, hält Vorträge, führt in Ausstellungen ein und ist als Kurator, Journalist und Dozent für Kunstgeschichte am IBKK Bochum tätig.

Termin: Donnerstag, 27. April 2017, 19.30 Uhr, im Museum Kamen, Bahnhofstraße 21 

Eintritt: € 3,00

KH

 

Hanenpatt

von Klaus Holzer, auf der Grundlage eines Artikels von Edith Sujatta

Der Hanenpatt ist eine Torstraße, wenn das Sträßchen heute auch gar nicht mehr danach aussieht. Von der Bahnhofstraße aus gesehen auf der linken Seite, hinter dem kleinen Fachwerkhaus, einem sogen. Gadum1, das zum Hof gehörte, stand bis etwa 1855 zum Schutze des Mühlen– oder Rennentores2 der Burgmannshof der Familie von Hane. Daher kommt der jetzige Straßenname. Der Hof  heißt nach mündlicher Überlieferung auch Elsey– oder Elysenhof.

Abb. 1: Blick aus dem Hanenpatt zur Pauluskirche, vor dem Krieg

 Es gab aber vorher schon andere Bezeichnungen für den Weg vom Hanenhof zum Wünnentor* an der „Langen Brücke“ (vgl. Artikel „Am Bollwerk“), z.B. Langebrüggen-Patt, oder Glampatt/Glampfad, Glarenpfad, Wilhelmstraße. „Glamme“ ist eine Nebenform von Klamm/Schlucht, das ist ein tiefer Geländeeinschnitt, in der Regel von einem Gewässer durchströmt, wie es im Gebirge häufig vorkommt.

Abb. 2: Blick von der Pauluskirche auf Hanenpatt und Klosterstraße, etwa 1946, noch mit Kriegsschäden

Hier war es ein schmaler, sehr tiefer Graben, der das von der Seseke drückende Grundwasser abfing und gleichzeitig ein Teil des Wassergrabens  war, der den Grafenhof und die Severinskirche (Pauluskirche) mit ihrem Kirchhof schützte. Der Weg gehörte bis zur Schließung des Tores zur Langebrüggen-Schicht2, später zur Mühlenschicht.

Abb. 3: Blick in den Hanenpatt, 5. Dez. 1960, Sesekehochwasser

In der Kaiserzeit wurde er, der patriotischen Stimmung gemäß, in Wilhelmstraße umbenannt.

Seid der Kommunalreform von 1968 gehört eine Heerener Siedlung mit männlichen Vornamen zu Kamen, in der es eine Wilhelmstraße gibt. Um Verwechslungen zu vermeiden, hat man sich in Kamen auf den historischen Namen  „Hanenpatt“ besonnen .

Abb. 4: Blick von der Kriegsbrache zwischen Hanenpatt und Klosterstraße auf die Pauluskirche, späte 1960er Jahre

1 Ein Gadum (oft auch Gadem) ist ein Einraumgebäude, das von Dienstboten, alleinstehenden Personen oder Witwen mit Kindern bewohnt wurde.

2 ren(ne)bôm = Schlagbaum; Hinweis auf das dem Mühlentor vorgelagerte Homey (vgl. Artikel „Maibrücke)

3 Kamen war früher in Schichten eingeteilt, Nachbarschaften, die jeweils einem Stadttor zugeordnet waren, für das sie verantwortlich waren. Es gab eine Fülle von sozialen Pflichten innerhalb solcher Schichten.

KH

Abb. 1 – 4: Archiv Klaus Holzer

„Die Primitiven“

von Klaus Holzer

Nach der 1000 Jahre währenden kulturellen Starre, nach der totalen Niederlage Deutschlands 1945, nachdem der Wiederaufbau des zerstörten Kamens tatkräftig angegangen worden war und das begann, was später das „Wirtschaftswunder“ genannt werden sollte, hatte man auch in Kamen den Willen und die Zeit, sich Neuem zu öffnen. Nach der pompös-kitschigen Kunst der Nationalsozialisten griffen junge Kamener Künstler begierig die meist aus den USA herüberströmenden neuen Ideen auf und widmeten sich der abstrakten Kunst, trafen jedoch auf viel Unverständnis (vgl. Artikel „Die Gruppe Schieferturm“).

Und auch im Alltagsleben der 1950er Jahre tat sich viel. Der Lebensstil vor allem der Jugend änderte sich, der der Alten wurde offen abgelehnt. Zu Hause stand die Tütenlampe neben dem Nierentisch, an einer repräsentativen Stelle in der „guten Stube“ die Musiktruhe. Radio war das normale Medium für die ganze Familie, an Sonn– und Feiertagen wurden die fünf oder sechs Schallplatten aufgelegt, die man besaß. Viele besaßen auch schon ein neues Auto, natürlich einen Käfer, was denn sonst? Man wußte: „der läuft und läuft und läuft“! Und allmählich bürgerte es sich ein, damit in den Urlaub zu fahren, besonders gern nach Rimini auf den „Teutonengrill“ an der Adria. Wer noch keinen Käfer hatte, fuhr mit Touropa nach Oberstdorf oder Ruhpolding.

Der Toast Hawai war der kulinarische, weil exotische, Höhepunkt vieler Speisekarten. Zu Hause gab es jetzt oft was Neues zum Nachtisch: Ananas oder Mandarinen aus Dosen, am besten mit Schlagsahne, die oft von der italienischen Eisdiele am Markt geholt wurde. Manchmal auch Joghurt, von dem man wußte, daß Ilja Rogoff so uralt geworden war, weil er ihn jeden Tag mit Knoblauchpillen aß. Und zum Essen zu Hause (Ausgehen zum Essen gab es so gut wie nicht) leistete man sich nun einen guten Tropfen lieblichen Weins. Kam die Verwandtschaft am Sonntagnachmittag zu Besuch, gab es nach Kaffee und Kuchen Eierlikör oder Eckes Edelkirsch(likör) für die Frauen, die Männer zogen Asbach Uralt („Im Asbach Uralt liegt der Geist des Weines“) Chantré vor. Bei Gesellschaften gab es Erdbeerbowle. Man war wieder wer. Vor allem nach der Fußball-WM 1954, wo alle Zimmermanns „Rahn müßte schießen! Rahn schießt! TOOOR! TOOOR! TOOOR!“ hörten.

Die Jugend saugte begierig alles Amerikanische auf. Man kaute Kaugummi, ganz lässig. Als Musik kam der Rock’n Roll auf, ein ganz neuer Klang und Rhythmus, zu dem man tanzen konnte, wozu immer auch akrobatische Einlagen gehörten. Bevor Elvis Presley bekannt wurde, waren es vor allem Bill Haley and His Comets, die für Furore sorgten. Wer war nicht elektrisiert von Liedern wie; „Rock Around the Clock“ und „See you later, Alligator“? Und Elvis Presleys „Shake, Rattle and Roll“? Im Kino waren Filme wie „Die Saat der Gewalt“, „Jenseits von Eden“, „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“ Erfolge, vor allem wegen eines jungen Schauspielers, der alles zu verkörpern schien, wonach sich viele sehnten: den jugendlichen, aufsässigen Helden, der sich nicht unterkriegen ließ von den etablierten Mächten: James Dean. Viele Jungen trugen seine Frisur und seine Hosen, die damals „Nietenhosen“ hießen und der Jugend vorbehalten waren. Heute sind sie als Jeans an Jung und Alt gleichermaßen zu sehen, aber nicht immer zu bewundern. Für Mädchen (die damals noch nicht „junge Frauen“ waren) kamen natürlich Hosen gar nicht in Frage, das war „unmädchenhaft“, sie trugen Kleid oder Rock, und wenn sie sich „feinmachten“ oder in die Tanzstunde gingen, immer mit Petticoat, der sich 10 Jahre lang bis zum Siegeszug des Minirocks hielt.

Da die allermeisten Jugendlichen schon ab dem Alter von 14 Jahren arbeiteten, war Ausgehen auch für sie selten, und wenn, dann ging’s in den italienischen Eissalon am Markt 17 oder in die Milchbar, die in der Bahnhofstraße 58 unter den Arkaden war. Das war etwas so Neues, daß Oberstudiendirektor Günter Schwabe des hiesigen Städtischen Neusprachlichen Gymnasiums per Rundlauf durch alle Klassen bekanntmachte, daß sich kein Schüler seiner Anstalt dort sehen lassen dürfe, bei Androhung eines Schulverweises! Verruchter Ort! Und dabei gab es dort keinen Alkohol, sondern nur Milchmixgetränke! Und hier, wie auch in allen Kneipen im „sündigen Kamen“, von denen es wahrhaftig genug gab, sorgten Musikboxen dafür, daß Bill Haley und, mehr und mehr, Elvis Presley ständig zu hören waren. Für 20 Pfennige gab es eine Single, für 50 Pfennige drei zu hören. Und dazu schlürfte man seinen Milk Shake per Strohhalm, der oft genug tatsächlich noch aus Stroh war.

Tja, das war’s mit der Unterhaltung für Jugendliche in Kamen, außer Sport, den es immer und überall gab. Um nicht nur herumzuhängen, suchten alle nach nicht-sportlichen Freizeitbeschäftigungen. Da traf es sich gut, daß in einer Jungenklasse des Gymnasiums (von Koedukation war keine Rede, Jungenklassen waren die – klar – a, Mädchenklassen die – natürlich – b) mehrere Schüler saßen, die verschiedene Instrumente spielten und sich eines Tages einfach zusammensetzten und gemeinsam spielten, in der merkwürdigsten Besetzung, von der die europäische Musikgeschichte weiß:

Gunter „Einstein“ Hagemann– Trompete, Waldhorn

Dietmar „Lutz“ Scherff– Klavier

Klaus „Ede“ Holzer– Akkordeon

Reinhard „Nelly“ Elger– Gitarre

Hans Günter „Justus“ Liebich– Kontrabaß

Theo van Vügt– Schlagzeug

 

Anfangs durchaus angemessen war wohl der Name, den die Gruppe sich gab: „die primitiven“. Was die sechs spielten, ist nicht überliefert. Und auch nicht, ob sie als einheitliche Combo auftraten, doch zeigen alte Photos, daß zu ihrer Musik eifrig getanzt wurde. Ihr erster Auftritt war beim Klassenfest der UII a (Untersekunda, heute Klasse 10) am 7. Dezember 1957 im Hotel Biermann (heute Hotel „Stadt Kamen“) am Markt. An Mädchen für solche Veranstaltungen zu kommen, war gar nicht schwer, gehörte doch der Tanzkurs zu den quasi Pflichtveranstaltungen, die Jungen der U II a (Untersekunda, Klasse 10) lernten Tanzen mit den Mädchen der OIII b (Obertertia, Klasse 9).

Was sie spielten und wie diese Instrumente miteinander harmonierten, ist ebenfalls nicht überliefert. Für einen ganzen Abend reichte das Repertoire nicht, zwischendurch wurden Schallplatten aufgelegt, damit die Musikusse auch tanzen konnten. Und es herrschte auch Unsicherheit, ob man eventuell andere Instrumente brauchte. Es wurde experimentiert. Einer probierte dieses aus, ein anderer ein anderes.

Aber diese Musik, zufällig und „stillos“, konnte auf Dauer nicht befriedigen. Sie suchten nach Neuem und fanden es, wie die gleichaltrigen bildenden Künstler der „Gruppe Schieferturm“, in dem, was aus Amerika kam, dort der abstrakten Kunst, hier dem Jazz, den sie konsequent „jazz“ und nicht „dschäss“ aussprachen. Zwar war die vorherrschende Richtung des Jazz in den 1950er Jahren bereits der Bebop, doch so modern wollten die Jungs nicht sein. Ihnen gefiel der traditionelle Jazz, der mitreißende Dixieland, besser. Er ist glatter, eingängiger und, weil schwungvoller, besser zum Tanzen geeignet als der Bebop, also genau das, was Jugend zu der Zeit suchte. Und noch etwas, das vor allem heutige Jugendliche befremden dürfte: es gab keine Mikrophone, keine Verstärker, keine Lautsprecherboxen, keinen Soundcheck, kein Mischpult, an dem ein Techniker für die „richtige“ Verteilung der Stimmen sorgte. Und Schummeln per Karaoke also auch nicht. Alles mußte echt sein, das, was das Publikum hörte, mußten die Musiker auf der Bühne direkt produzieren.

Was ist das eigentlich, Dixieland Jazz? Im Kern ist das eine epigonale Musikgattung. Das Original war der „schwarze“ New Orleans Jazz, der seit den 1890er Jahren von Marching Bands bei den Beerdigungen (Funeral Marches) und dem Mardi Gras (Karneval in New Orleans/Louisiana, das ursprünglich eine französische Kolonie war) entstanden war und wesentliche Elemente des Blues enthielt, z.B. das 12-taktige Harmonieschema. Die bekanntesten Bands waren Joe „King“ Oliver’s Creole Jazz Band (Kreolen brachten das spanisch-französische Element in diese Musik), Kid Ory’s Olympia Band, „Jelly Roll“ Morton’s Red Hot Peppers (eher am Ragtime orientiert), die New Orleans Rhythm Kings und, natürlich, Louis Armstrong’s Hot Five und Hot Seven.

Diese Marching Bands begründeten auch die typische Instrumental-besetzung, mußten es doch Instrumente  sein, die sich beim Marschieren mitführen und spielen ließen: die Trompete bzw. das Kornett führte, spielte die Melodie, die bewegliche Klarinette umspielte sie, die Posaune gab das harmonische Fundament, setzte glissando-ähnliche Schleiftöne und unterstützte die Rhythmusgruppe, die zumeist aus Banjo, manchmal auch Gitarre, Tuba bzw. Sousaphon und Schlagzeug bestand. Wenn in geschlossenen Räumen gespielt wurde, ersetzte oft der Kontrabaß das Sousaphon und das Klavier wurde zum Mittler zwischen Melodie– und Rhythmusgruppe. Wichtig war, daß die Schläge auf 2 und 4 kamen, nicht auf 1 und 3, wie in der hiesigen Musik.

Diese Musiker begründeten den Ruhm so vieler „Themen“ wie Tiger Rag, When the Saints go Marchin’ in, St. Louis Blues, At the Jazz Band Ball, Darktown Strutters’ Ball, Memphis Blues, Tin Roof Blues, Muskrat Ramble. Besonders berühmt, und ein Muß für jeden Klarinettisten, der auch nur eine Spur Selbstachtung hatte, war das Klarinettensolo in High Society von Alphonse Picou, einem kreolischen Musiker aus New Orleans. Was natürlich den Klarinettisten der „primitiven“ anstachelte, zu üben, zu üben, bis es saß. Und der Ton durfte nicht „rein“ sein. Um möglichst authentisch zu sein, setzte er seine Stimmbänder als begleitendes Brummen beim Klarinettenspiel ein. Das klang erwünscht rauh.

Weiße Musiker fanden diese „schwarze“ Musik so mitreißend, daß sie sie imitierten, aber gleichzeitig glätteten. Die hieß dann Dixieland Jazz nach der Bezeichnung für die Südstaaten der USA: Dixieland. Und der wanderte nach Norden, wurde zum Chicago Jazz, aber auch in New York heimisch.

Und mit den amerikanischen Siegertruppen kam er nach Deutschland und somit auch nach Kamen. Im September 1958 ging’s los, im „Bandkeller“ im Haus Mühlenweg 1 (heute Mühlentorweg). Und die anfangs fünf Jungen („Einstein“ Hagemann war am Ende der Untersekunda mit seiner Familie weggezogen) merkten schnell, daß so etwas ohne regelmäßiges Üben nicht ging. Zu Hause mußte jeder versuchen, sein Instrument technisch so gut zu beherrschen, wie es eben ging, bei der wöchentlichen gemeinsamen Probe einigte man sich auf die Auswahl der Stücke und das Ensemblespiel. Wie ging das vor sich? Jazz wurde ja nicht in Noten niedergeschrieben, die man einfach kaufen konnte, und dann spielte man vom Blatt ab. Jazz ist eine Improvisationsmusik, d.h., es gibt wohl eine melodische und harmonische Struktur, die einem Stück zugrundeliegt, vor allem beim Dixieland, doch muß jeder einzelne damit kreativ umgehen können, diese Melodie paraphrasieren, abwandeln, frei umsetzen, kurz, etwas Neues daraus machen.

Der erste Schritt war immer: man mußte ein Stück hören und nachspielen. Also saß jeder zu Hause vor dem Plattenspieler und hörte und hörte und hörte Jazz, bis verzweifelnde Eltern das Ende der Veranstaltung durchsetzten. Und regelmäßig saßen alle vor dem Radio und lauschten der obersten Autorität in Sachen Jazz in Deutschland, dem Journalisten und Jazzkritiker Joachim

E.(rnst) Behrend. Der hatte auch das damals in Deutschland maßgebliche Buch über die Geschichte des Jazz verfaßt, „Das Jazzbuch“ von 1953, das für den einen oder anderen „primitiven“ zur Bibel und ständigen Lektüre wurde. Und wenn die Trompete die Melodie „draufhatte“, war es vor allem Nelly Elger, der sich die Mühe machte, die Harmoniefolge zu ergründen, sofern es nicht der einfache 12-taktige Blues war. Dann kam der entscheidende Augenblick, zu dem man aus der Schallplattenmusik etwas eigenes machen mußte. Jetzt mußte das neue Stück arrangiert werden: Melodieführung, Tutti, Soli, Chorus, Breaks, Dynamik usw.

Vorbilder für die Kamener Jazzer waren, natürlich, Louis Armstrong und seine Hot Five und Hot Seven, besonders sein Posaunist Jack Teagarden hatte es ihnen angetan. Er konnte beim Übergang von einer Phrase zur nächsten seine Posaune so markant über eine Quart oder sogar Quint „hochziehen“, daß allen ganz heiß wurde. Dauernd wurde der arme Justus Liebich bekniet, genau so zu spielen. Der aber war auf dem Weg, Berufsmusiker (er landete später bei den Bamberger Symphonikern!) zu werden und befürchtete, seinen „Ansatz“ (Stellung der Lippen auf dem Mundstück) zu beschädigen. Er „entschädigte“ die anderen dafür mit einem Lippentriller („Das ist extrem schwer“), den diese jedoch für nicht jazzmäßig hielten, ob schwer oder nicht. Zu den Vorbildern gehörten auch Eddie Condon, Pete Fountain und die Dukes of Dixieland. Dazu der damals schon in Paris (Paris hatte seinerzeit eine überaus lebendige Jazzszene. Jazz in Jazzkellern und Existenzialismus gehörten zusammen) lebende schwarze Amerikaner Sidney Bechet mit seinem Sopransaxophon.

Selbstverständlich gab es auch europäische Dixieland-Vorbilder. Das waren meistens Engländer: Chris Barber’s Jazz Band (bekanntestes Stück: Ice Cream), Acker Bilk (schnell als etwas süßlich empfunden), Ken Colyer (zum Big Band Jazz neigend), Monty Sunshine (der von Chris Barber kam und mit seinem „Petite Fleur“ einen Verkaufserfolg hatte), Kenny Ball (der aber nicht die Popularität der anderen erreichte), und ganz besonders auch die holländische Dutch Swing College Band (die für die Kamener unerreichtes Ziel blieb). Später auch noch die dänische Papa Bue’s Viking Jazzband (die aber schnell langweilig zu werden drohte, weil ihre Musik zu glatt war).

Daß Musik verbindet, eine Binsenweisheit, zeigte sich fast 30 Jahre später. Als der Klarinettist Mitte der 80er Jahre auf einer Reise in Nordengland war, verbrachte er auch zwei Nächte im City Hotel in Leeds. Als der Wirt an der Rezeption den Eintrag im Gästebuch las, stutze er und fragte: „Sie sind aus Bergkamen? Das kenne ich. Da habe ich schon mehrmals gespielt.“ „Was denn?“ „In einem Gasthaus auf dem Lande, Schmulling, glaube ich, hieß das. Ich bin Monty
Sunshine. Ich habe dort mit Chris Barber gespielt.“ Das gab einen herrlichen Abend voller Erinnerungen.

 

Seit Herbst 1958 wurde in neuer Besetzung musiziert:

Klaus „Ede“ Holzer (Klarinette, cl., Bandleader, bl. Damit war nicht viel Arbeit verbunden, man mußte bloß den Takt und damit das Tempo vorgeben, alles andere war gemeinsame Planung: wo treten wir auf, was spielen wir usw.),

Lothar Emminghaus (Trompete, tr.),

Hanns Günter „Justus“ Liebich (Posaune, tb.),

Dietmar „Lutz“ Scherff (Klavier, p.),

Reinhard „Nelly“ Elger (Banjo & Gitarre, bjo, g.),

Werner „James“ Morck (Baß, b.) und

Theo van Vügt (Schlagzeug, dr.).

Die Trompete wurde meist „Horn“ genannt, die Klarinette „Wurzel“, das Schlagzeug „Schießbude“. Der Name „die primitiven“ wurde nicht geändert. Zum einen war er eingeführt, zum anderen wollte man sich auch bewußt von all den Dixielanders, Stompers und Ramblers absetzen.

 

Es wurde intensiv geprobt, alle nahmen ihre Musik sehr ernst. Z.B. ist noch ein Zettel erhalten geblieben, mit dem sich der Posaunist Justus entschuldigte: „Habe heute von 2 – 6.00 in Dtmd. Probe. Kann also erst um 18.45 in Kamen sein. Entschuldige mich. Hanns.“ Am 30. Oktober 1958 wurde auch die Lokalpresse auf die neue Jazzband aufmerksam: zum ersten Mal in der Zeitung! In der Westfalenpost lasen die Kamener damals, daß diese Band beweise, daß sie keine Halbstarken seien, sondern eine „Rasselbande, die ihr Leben zu meistern versteht“. Alte Photos belegen, daß die Jungs zu allen Veranstaltungen Anzug, Hemd und Schlips trugen! Als Sechzehn–, Siebzehnjährige! Selbst, wenn es zum „Jammen“ in die Natur ging!

Im Frühjahr 1959 gab es den ersten, noch halböffentlichen, Auftritt in dieser neuen Formation, beim Klassenfest der OIIIb (Obertertia Mädchen). Doch am 30.4.1959 war es endlich soweit, der erste „richtige“ öffentliche Auftritt: Jazzbandball im Hotel Biermann am Markt. Die Eintrittskarten wurden selbst hergestellt. Der Besuch war gut, die Resonanz auf die Musik auch. Und dann ging’s Schlag auf Schlag: Jazzbandbälle am Abend, Jazztanztees (verbindet dieses Wort nicht wunderbar das Althergebrachte mit dem Modernen?) am Nachmittag. Es gab Veranstaltungen mit 250 – 300 Besuchern! Woher nahm diese „Rasselbande“ bloß die Courage, Hotelsäle auf eigenes Risiko anzumieten? Wenn etwas schiefgegangen wäre – Geld für einen wie auch immer gearteten Schadenersatz war nirgends in Sicht. Als Lothar Emminghaus die Band verließ, kam Dieter „Ditz“ Hanke als neuer Trompeter hinzu, und Peter Paul Schulze, allgemein „Beppo“ oder „Meier“ gerufen, mit dem Helikon, das er vom katholischen Posaunenchor geliehen hatte. Dort gab es auch Stunden, spielen mußte er dort natürlich auch. („Meier“ war am flexibelsten, er sprang immer dort ein, wo Not am Mann war und versuchte sich an der Gitarre, übernahm auch das Klavier, nahm immer wieder Stunden).

Inzwischen wuchs der Ruf der Gruppe, Engagements bei Vereinen und Organisationen folgten: SGV-Jugend, Landjugend Heeren, Kamener Skigilde, DAG-Jugend, DGB-Jugend, Junge Union, Lüner Jugendring, die Gemeinde Fröndenberg zum Besuch aus der französischen Partnerstadt Bruay, aber auch das Schulfest des Gymnasiums Kamen, über das die Westfälische Rundschau berichtete: „Als kurz nach Mitternacht die letzten flotten Tanzrhythmen verklangen, machte die Ansicht bei allen Teilnehmern bereits die Runde, eines der schönsten Schulfeste der letzten Jahre erlebt zu haben.“

Natürlich spielte die Band beim traditionellen Bücherverbrennen der Abiturienten 1960 auf dem Markt.

Und als im Westentor-Theater, einem der drei (!) Kamener Kinos, der Film „Jazz-Banditen“ gezeigt wurde, spielten „die primitiven“ als Vorprogramm.  Und es gab auch Privateinladungen. Z.B. spielten sie einmal in einer prächtigen Villa in Schwerte, von wo besonders viele besonders hübsche Mädels in Erinnerung blieben.

Immer wieder wird aus der Berichterstattung in den Kamener Zeitungen deutlich, eine wie fremde Musik der Jazz damals war. Es gab keinen Artikel, der nicht kurz erläuterte, was Dixieland Jazz sei, worin der Unterschied zum Modern Jazz bestehe, in dem Verwunderung darüber ausgedrückt wurde, daß auch Erwachsene zu solchen Veranstaltungen kamen. Und sie nannten den Jazz damals, halb das Fremde anerkennend, halb abwertend „Negermusik“, brachten ihn auch mit den wirklichen oder vermeintlichen Auswüchsen im Umfeld des Rock’n Roll in Verbindung, zählten doch jugendliche Musiker sonst generell zu den „Halbstarken“.

Natürlich wäre diese Band zerbrochen, wenn ihre Mitglieder sich nicht auch privat gut verstanden hätten. Gemeinsam fuhren sie in die Ferien, mit dem Fahrrad an den Möhne–,  den Sorpe– und den Edersee. Nie ohne Instrumente, selbst im Wald, beim Zelten, wurde gespielt.

Der Aufstieg ging weiter, nicht nur lokal, auch regional. Am 11. Oktober 1959 trat die Band bei einem Konzert in Schwerte auf, gemeinsam mit dem international bekannten Dortmunder Pianisten Günter Boas, der sogar schon mit der Jazzlegende Louis Armstrong zusammen gespielt hatte.

Außer Günter Boas mit seiner Rhythmusgruppe waren auch dabei: Papa Joe’s Jazz Babies, das Modern Jazz Quintet, „die primitiven“. Die hatten Erfolg mit folgenden Titeln: Sheik of Araby, Bluin’ the Blues, Thriller Rag, Down by the Riverside, Careless Love, The Eyes of Texas are Upon you. Vor diesem Konzert war Dietmar Scherff ausgeschieden, Beppo Schulze trat an seine Stelle, haute in die Tasten.

Es folgte „Strippe“ auf „Strippe“: Konzert, Tanz, Jam Session. Wolfgang Baer, Leiter des Kamener Bildungswerks (heute VHS; Wolfgang Baer trat später mit Jürgen von Manger auf, war sein ständiger Begleiter auf den Ruhrgebietsbühnen; auch „die primitiven“ traten einmal mit Manger auf, im damaligen Westentor-Theater, einem Kino an der Lüner Straße) lud im Herbst 1959 Glenn Buschmann (Kapellmeister und Klarinettist des Kammerorchesters der Stadt Dortmund, aber auch Jazzer) nach Kamen ein, um den Kamener Jungs etwas mehr Theorie und angeleitete Praxis angedeihen zu lassen: Harmonielehre, Improvisation, Ensemblespiel. Und „die primitiven“ lernten begeistert, ihr Bandname war inzwischen nur noch ironisch zu verstehen. So war es vielleicht gerechte Belohnung, daß sie das neue Jahr 1960 mit Jazz bei Biermann einleiten durften, zusammen mit dem Glenn-Buschmann-Quartet. Um Mitternacht wurde die Musik kurzerhand aus dem Saal nach draußen auf den Markt verlegt. Aus allen Kneipen rundherum kamen die Gäste ebenfalls nach draußen und tanzten. Kein Wirt ließ es sich nehmen, mit einem Tablett voller Bier zu kommen, und die Musiker griffen freudig zu. Eine Dreiviertelstunde lang war auf dem Markt eine Bombenstimmung.

 Und Wolfgang Baer lud die Wupper City Stompers und die Slant Tower Town Dixielanders, eine neue Kamener Formation, zusammen mit den „primitiven“ zum Konzert am Samstag, 2. April 1960 im Gymnasium Kamen ein. Die Aula im alten Gebäude (heute Diesterwegschule) war rappelvoll. Und weil die Bands sich gerade bei einer gemeinsamen Jam Session nach dem  Konzert

kennengelernt hatten, verabredete man sich für den Sonntagmorgen: bei wunderschönem Wetter gab es für die Kamener ein Gratiskonzert auf dem Markt, dem sogar eine Polizeistreife im Dienstwagen mit Vergnügen lauschte, statt wegen ruhestörenden Lärms einzuschreiten, auch wenn Wilhelm Busch einst dichtete: „Musik wird oft als Lärm empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden.“ Und es tauchte ein inzwischen regelmäßiger Gast auf, Walter Schipper, ein Kamener, der im Dortmunder Sinfonieorchester als Geiger beschäftigt war, in seiner Freizeit aber als Trompeter viel populäre Musik spielte und u.a. bei den Tanztees der „primitiven“ regelmäßig mit seinem „Horn“ erschien und sich mit einem besonders spektakulären Stück einführte: „Cherry Pink and Apple Blossom White“, das Pérez Prado mit seinem Orchester 1955 populär gemacht hatte.

Das Beispiel der „primitiven“ machte Schule. Die Slant Tower Town Dixielanders spielten guten Jazz in der Besetzung Escher (Trompete); Jürgen Neff (Posaune), Herbert Storin, (Klarinette), Karl-Ernst Pekoch (Schlagzeug), Heiner Busch (Piano), Bille (Gitarre & Banjo) und Dietmar Scherff (Tuba). Und fast gleichzeitig gründeten sich auch die „Kellerasseln“: Norbert Köckler (Trompete), Fritz Borgmann (Klarinette), Rüdiger Noltmann (Posaune), Jochen Barz (Klavier), Reinhard Heimel (Gitarre) und Friedrich Schwakenberg (Schlagzeug).

Beim Jazztanztee am 10. Juli 1960, zusammen mit der Modern Swing Group, einer Profi-Band, war ein neuer Schlagzeuger zum

ersten Mal dabei, Peter „Pitt“ Fey, der neuen Schwung in die Rhythmusgruppe brachte, und der bald für seine dynamischen und rhythmisch sicheren Schlagzeug-Soli bekannt wurde und beispielsweise bei einem Jazzbandball im Casino in Unna 300 (!) Tänzer zu Begeisterungsstürmen  hinriß. Sie hörten auf zu tanzen und hörten fasziniert zu. Und es kam immer ganz besondere Stimmung auf, weil alle mitsingen konnten, wenn die Band Nummern spielte wie Chris Barbers „Ice Cream“, auf das sich für die Kamener „Sch… Cream“ reimte und „Dinah“ mit der Reimzeile „… ist viel länger als meinah“. Aber das passierte immer erst später am Abend.

Wie oben schon einmal erwähnt, fuhren die Freunde auch oft zusammen in die Ferien. 1961 war Scharbeutz an der Ostsee das Ziel. Alle fuhren mit der Bahn, nur Pitt hatte ein Auto, einen rassigen Karmann Ghia, dessen zweiter Sitz durch die Schießbude belegt war. Gleich am zweiten Tag gingen sie zur Strandpromenade in Timmendorfer Strand und machten auf dem Steg Musik. Es dauerte nur Minuten und das Tanzen ging los. Es herrschte eine so gute Stimmung, daß alle sich einig waren, morgen geht’s weiter. Am nächsten Abend jedoch lag eine große Motorjacht am Steg. Nach einer Weile Musik kam dann ein Mann aus dem Boot auf „die primitiven“ zu und lud sie ein, aufs Schiff zu kommen und dort weiterzuspielen. Für Getränke wäre gesorgt. Das Steg-Publikum protestierte heftig, aber die Kamener erlagen der Versuchung. Und trafen auf eine illustre Truppe: die Jacht gehörte dem Sohn von Oskar Kokoschka, einem bekannten Maler, der u.a. den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer porträtiert hatte. Bei ihm war Gustav „Bubi“ Scholz, mehrfacher Deutscher und Europameister in verschiedenen Gewichtsklassen im Boxen, Bibi Johns, bekannte Schlagersängerin und Bully Buhlan, ebenfalls Schlagersänger und nicht minder bekannt. Es wurde ein prächtiger Abend, danach ein schwieriger Morgen, dazwischen eine große Lücke. Am nächsten Morgen war die Jacht weg, aber die Erinnerung wieder da.

Einige  Abende später gab es einen weiteren Höhepunkt. Damals gab es in allen Seebädern sogenannte „Jekami-Abende“, das „Jeder-kann-mitmachen“-Motto gab den Kurgästen (entsprechend war das Durchschnittsalter der Besucher) die Möglichkeit, ihre Talente zur Schau zu stellen und, natürlich, eine für den Veranstalter besonders preisgünstige Möglichkeit, die jeweilige Strandhalle zu füllen, da es über geglückte und auch nicht geglückte Vorführungen immer viel zu lachen gab und außerdem alle Freunde, Bekannten und die weiteren Gäste aus allen Pensionen mitkamen, um bei der Abstimmung über den Sieger ihre Freunde zu unterstützen. Zwischendurch spielte das Hausorchester gediegene Tanzmusik. Natürlich waren „die primitiven“ eines Abends dabei, in der Besetzung Trompete, Klarinette,Banjo, Piano, Schlagzeug. Die Band kam als letzter Wettbewerber des Abends dran. Keiner hatte mit Dixieland am Ende des Abends gerechnet, und schon gar nicht, daß das der Höhepunkt werden sollte. Eine Zugabe. Eine weitere Zugabe. Noch eine. Irgendwann war dann Schluß. Und die Band bekam ein richtiges Abendessen (da ansonsten, bei nicht sehr fortgeschrittenen Künsten, Selberkochen im Zelt angesagt war, hochwillkommen) und kostenlose Getränke.

In einem Städtchen wie Kamen, das damals nur rund 20.000 Einwohner hatte, kannte man sich, die Maler der „Gruppe Schiefertum“ und „die primitiven“. Man half einander. Damit die Musiker ihre Bälle und Tanztees mit Besuchern füllen konnten, mußte man ja werben. Plakate drucken? Wie bezahlen? Ulli Kett (vgl. Artikel „Ullrich Kett“ und „Die Gruppe Schieferturm“), ein ganz junger Maler, später sehr bekannt, der auch auf der Art Cologne ausstellte und verkaufte, malte zu jeder Veranstaltung der „primitiven“ 10 Plakate, einzeln, von Hand, individuell! Natürlich wären das heute Sammlerstücke! „Die primitiven“ revanchierten sich, indem sie im Sommer 1960 zur Eröffnung einer Kunstausstellung der „Maler unterm schiefen Turm“ vor der Martin-Luther-Schule am Koppelteich aufspielten.

 

 

 

Besondere Begeisterung herrschte unter den „primitiven“ immer, wenn bekannte Jazzgrößen zu Konzerten in der Gegend auftauchten, z.B. einmal George Lewis in Dortmund. Da muß man hin! Aber wie? Theo wußte von einem ausrangierten Lloyd-Kleinbus, abgemeldet, ohne Nummernschild, aber mit Zündschlüssel. Doch keiner der „primitiven“ hatte einen Führerschein. Einer der Bekannten aus der weiteren Umgebung der Musiker, Hermann, war der einzige Führerscheinbesitzer und übernahm gelegentlich Taxidienste für die Band. Also Hermann anheuern. Das Problem mit den Nummernschildern war schnell gelöst, die konnte man selber herstellen. Bei der Fahrt nach Dortmund merkten die „primitiven“ allerdings sehr schnell, warum der Wagen außer Betrieb gesetzt worden war. Hätte diese Fahrt nur etwas länger gedauert, wäre die Karriere der „primitiven“ an dem Nachmittag beendet gewesen. Sechs Leute saßen hinten drin, dicht eingehüllt in Abgas, das aus dem undichten Auspuff direkt in den Innenraum geblasen wurde! Alles hustete und stöhnte, die Augen tränten. Aber das Konzert war wunderbar.

Auch wenn nicht jede Zeitungskritik positiv ausfiel, manch ein Kritiker sehr kritisch war („Zu schwer für die primitiven“ lautete das Urteil nach einem Konzert in Weddinghofen, „Jazz aus Datteln und Kamen, wie er nicht sein soll“ nach einem in Lünen), die Band ließ sich nicht entmutigen, übte weiter, verstärkte ihre Bemühungen. Schließlich fühlte sie sich gewappnet, bei einem Wettbewerb am 15. Januar 1961 im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen anzutreten. Der 4. Platz war die Belohnung. Und bei der Vorausscheidung zum 1. NRW JAZZ & SKIFFLE JAMBOREE in Borken wurde sie gar Erste! Das wurde gewaltig gefeiert, mit den Fans, bei Willi Neff in der Pilsstube. Daher lief’s beim  Wettbewerb am nächsten Tag (vor 3.000 Zuschauern und –hörern!) dann nicht ganz so gut, nur 5. unter sechs Wettbewerbern (die Juroren vom Samstag erkannten „die primitiven“ nicht wieder), aber das war kein Grund, Trübsal zu blasen, schließlich war man, wie die Zeitungen betonten, die einzige Kleinstadtband, die es ins Finale geschafft hatte.

Und auch die Fahrt nach Borken war ein Abenteuer, man sollte wohl eher sagen: ein neuer Gipfel an Leichtsinn. Wie gesagt, Autos waren rar, da nahm man, was so eben zur Verfügung stand. Die Rückfahrt, eine Nachtfahrt, ist in sehr (un)guter Erinnerung geblieben. In einem schon damals alten Käfer saßen wiederum sechs Jungen, zusammengekauert unter dem Kontrabaß, der vorn rechts beim Seitenfenster herausguckte. Es war eng, ungemütlich, kalt, Hermann kam nicht an den Schaltknüppel, schrie immer: „Den 2. Gang! Den 3.! Den 4.!“ und dann griff derjenige, der drankam, zu und schaltete, so gut es ging. Die Koordination war nicht ganz einfach. Und zwischendurch gingen immer wieder die Scheinwerfer aus, auf einer kurvenreichen Strecke! Aber auch diese Fahrt ging gut.

Die Band war viel herumgekommen und hatte andere Bands kennengelernt, Bekanntschaften, Freundschaften geschlossen. Für den 15. April 1961 kündigten die Kamener Zeitungen ein „Jazzereignis in Kamen“ an. Die Coal City Jazzband wurde für ein „Jam-Session-Stelldichein“ mit den „primitiven“ bei Biermann angekündigt. Die Bochumer galten als die „anerkannt beste Dixielandband in Nordrhein-Westfalen“. Sie waren Gewinner des Ruhrfestivals in Essen und hatten das Jazzjamboree um das „Goldene Kornett“ in Gelsenkirchen gewonnen. Der Saal war denn auch überfüllt, die letzten Besucher saßen auf Küchenhockern. Und wieder ging’s am nächsten Morgen auf dem Markt weiter. Hunderte Zuhörer verabschiedeten die Bochumer und riefen laut „Wiederkommen“. Schon eine Woche später spielten „die primitiven“ bei einem Jazzmeeting im „Studio 19“ in Lüdenscheid, 14 Tage später gelang es der Band, Eulen nach Athen zu tragen. Am 7. Mai 1961 waren sie als Band in die NATO-Radarstation in Herbern eingeladen und durften Soldaten vorspielen, die von dort kamen, wo auch die Musik herkam: Amerikaner genossen Kamener Jazz! Am Nachmittag gab es Musik im Freien, „die primitiven“ unterhielten Tausende Besucher der Radarstation, und am Abend tanzten die Amis im Kasino zu Dixieland aus Kamen. Sie genossen den Jazz, die Kamener lernten Bourbon Whiskey kennen. Beides kam gut an.

Am 28. Mai wieder einmal Jazzbandball bei Bergheim, danach Konzert und Tanz in Beckum, dann Ball im Casino in Unna, immer mit die erfolgreichste Veranstaltung mit bis zu 300 Besuchern! Und dieser Abend in Unna, der 1. Juli 1961, wurde ein trauriger Tag in der Geschichte der „primitiven“. Es war das letzte Mal, daß die Band in ihrer ursprünglichen Besetzung zusammen auftrat! Alle waren nun in dem Alter, da neue Lebenswege eingeschlagen werden: Meier geht zum Studium nach Berlin, James geht zum Studium nach Köln, Ede geht zum Studium nach Marburg, Pitt macht einen Meisterkurs als Zahntechniker, Justus geht als Berufsmusiker nach Basel, zwei sind noch Schüler.

Aber so ganz geht man nach so vielen Jahren und so einschneidenden, prägenden Erlebnissen nicht auseinander. In den Ferien treffen sich immer mal wieder zwei, drei alte Freunde, unternehmen etwas zusammen, machen z.B. eine Bahnfahrt mit dem Studentenreisedienst nach Lissabon. Das dauerte damals gut 2½ Tage! Natürlich fuhr man nicht ohne Instrumente. Das Banjo und die Klarinette lassen sich leicht mitnehmen, aber das Klavier? Das Helikon? Dann muß Meier eben schnell auf das Waschbrett umsteigen, ein richtiges Waschbrett, wie es in Skiffle Groups in Gebrauch war, der Mutter geklaut. Da setzte man sich metallene Fingerhüte auf alle 10 Finger und und schlug auf das Waschbrett und ratschte rauf und runter. Schließlich fanden die drei einen Zeltplatz in Costa de Caparica, einem kleinen Ort am südlichen Tejo-Ufer, direkt am Strand. Erst einmal gab es einen großen Schreck: die Klarinette war weg. Im Bus zum Zeltplatz liegengelassen! Es dauerte ein paar Tage, bis sie wieder da war, viel Fragen, viel Suchen, ohne ein Wort Portugiesisch. Dann aber ging’s zum Strand, gegen die Atlantikwellen wurde anmusiziert. In Nullkommanichts waren die drei von Dutzenden Jugendlicher umlagert, die alle im Takt mitwippten, da brauchte es keine Fremdsprachenkenntnisse. Dazu gab es Sardinen, in der Brandung gefangen und direkt auf dem kleinen, tönernen Holzkohlengrill gegart. Und spätabends kaperten die Kamener die in der Ortsmitte für Ferienunterhaltung aufgebaute Bühne und jazzten zur Freude der einheimischen und touristischen Jugend bis weit nach Mitternacht. Und alle schwooften! Daraus folgte die Einladung zu einem Sommerfest auf einer großen Finca. Und das war ein Erlebnis der ganz besonderen Art.

Es begann damit, daß die drei „primitiven“ von einem Chauffeur in Livrée abgeholt wurden. Auf allen vieren krochen sie aus ihren kleinen Zelten, auf den Rolls Royce zu, die Tür vom Chauffeur aufgehalten, Zylinder in der Hand! Sie schwankten zwischen völlig eingeschüchtert und Graf Koks von der Gasanstalt. Der Anblick des Festplatzes auf der Finca war atemberaubend: Fackeln erleuchteten den riesigen Platz, der von unterschiedlichen Gebäuden umgeben war, Hunderte Leute standen und wuselten umher, die avó saß majestätisch auf einem hohen Lehnstuhl und beobachtete das Treiben. Der Großmutter wurden die drei zuerst vorgestellt, nach Anweisung, wie das zu geschehen habe: mit Handkuß! Für jeden der erste und letzte Handkuß in seinem Leben. Danach dem Hausherrn und seiner Frau, dann kümmerte sich der Sohn Nando, der sie eingeladen hatte, um sie. Und das Essen! Gebratene Täubchen, kalte Gurken– und Melonensuppe, und viele Speisen, die den drei Freunden völlig unbekannt waren. Und Drei-Liter-Flaschen Cognac! Der Chauffeur würde sie ja zurückbringen. Und es folgten weitere Einladungen. Die Musik öffnete Türen.

Wer so lange Musik gemacht hat, kann nicht einfach aufhören. In wechselnden Besetzungen hielt die Band sich noch einige Zeit, und selbst heute, im Jahre 2017, können es einige immer noch nicht lassen. Nelly Elger spielt hin und wieder in einer neuen Gruppe Banjo, Pitt Fey tritt gelegentlich auf, ebenso Helmut Meschonat (vgl. Artikel „Helmut Meschonat“ und „Die Gruppe Schieferturm“), ein Künstler der Gruppe Schieferturm, der Nachfolger des Klarinettisten Ede Holzer wurde. Seit ein paar Jahren gibt es auch wieder gelegentliche Treffen der Ehemaligen, bei denen sie, wie könnte es auch anders sein, in Erinnerungen an „die schönste Zeit unseres Lebens“ schwelgen. Es war eine reiche Zeit, selbst gestaltet, selbst organisiert, mit Freundschaften fürs Leben, eine Zeit, die viel mitgab für den späteren Lebensweg, aus deren Erlebnissen alle lange zehrten, bis heute.

PS: 1964 war für „die primitiven“ wie auch die „Kellerasseln“ ein trauriges Jahr. Semesterferien, April, Zeit, Geld zu verdienen, Geld, das für das nächste Semester gebraucht wurde. Ferienjobs gab es reichlich in den Wirtschaftswunderjahren, links und rechts der Unnaer Straße (die Hochstraße wurde erst 10 Jahre später eingeweiht), bei Klein & Söhne („Große Tüten, kleine Löhne“) und Ketteler, beide längst aus Kamen verschwunden. In beiden Betrieben gab es Stanzen und Pressen für die Metallbearbeitung, und die waren nicht durchweg auf dem neuesten technischen Stand, sie funktionierten auf einfache Fußbedienung hin. Ede Holzer arbeitete bei Klein & Söhne. Freitagnachmittag, gegen 17.00 Uhr, nach 11 Stunden Akkordarbeit, Formen eines Blechteils in der Fünftonnenpresse, einen Augenblick nicht aufgepaßt, aus dem Rhythmus geraten, das 2½ mm starke Werkstück unter der Presse, zusammen mit dem rechten Zeigefinger. Fünf Tonnen drauf! Trotz intensiver Bemühungen von Dr. Gerçek im Kamener Krankenhaus war der Finger nicht mehr zu retten. Nach 14 Tagen war er schwarz, tot, mußte amputiert werden. „Die primitiven“ waren ihren Klarinettisten los.

Fritz Borgmann arbeitete bei Ketteler, auf der gegenüberliegenden Seite der Unnaer Straße. Drei Tage später, Montagnachmittag, gegen 15.00 Uhr, Fritz findet auf dem Tisch der Stanze ein Stück Finger und fängt an, den benachbarten Kollegen wegen des schlechten Scherzes zu beschimpfen, als er merkt, daß Blut an ihm herabtropft, daß es sein eigener Finger ist, ein Glied seines linken Zeigefingers. Er ist Linkshänder. Die „Kellerasseln“ waren ihren Klarinettisten auch los. Ein Wochenende, zwei Unfälle, zwei Bands ohne Klarinettisten!

Aber ganz schlimm war es, als sich alle, aus ihren Studienorten nach Kamen gekommen, am Montag, dem 13. November 1967, vor 50 Jahren dieses Jahr, auf dem Kamener Friedhof einfanden, zur Beerdigung ihres alten Freundes, des Bassisten Werner Morck, der wenige Tage vorher im Alter von 25 Jahren gestorben war, nur ein paar Wochen nach seinem Examen als Diplom-Kaufmann an der Universität Köln, gerade als er seine erste Stelle bekommen hatte.

Werner „James“ Morck, 13. März 1942 – 6. November 1967

KH

Dank an Nelly Elger, der als einziger der Truppe die Voraussicht hatte und auch den Fleiß und die Energie aufbrachte, (fast) alles zu sammeln, was es an Photos und Veröffentlichungen gab. Ohne seine beiden Bandalben wären diese Erinnerungen nicht zustande gekommen.

Dank auch an Pitt Fey, der noch ein paar zusätzliche Photos aus Alben kramte und, vor allem, noch im Besitz von 3 Originalplakaten ist, die Ulli Kett einst von Hand malte, wenngleich sie reichlich ramponiert sind.

Und Meier konnte mit Erinnerungen und präzisen Daten aufwarten.

Ich bitte die Leser, die z.T. schlechte Qualität der Bilder zu entschuldigen, z.B. bei der Wiedergabe alter Zeitungsausschnitte.

Gertrud-Bäumer-Straße

von Klaus Holzer

Gertrud Bäumer entstammt einer Familie von Pfarrern, die sich früh für kirchliche Reformen einsetzte.

Abb. 1: Gertrud Bäumer,  12.9.1873 in Hohenlimburg, gest. 25.3.1954 in Bethel

Ihr Vater starb, als sie 10 Jahre alt war. So mußte sie erleben, daß es ihrer Mutter nur mit Hilfe von Verwandten gelang, sich und ihre drei Kinder durchzubringen. Das brachte in ihr den festen Entschluß hervor, unter allen Umständen einen Beruf zu erlernen, um in ihrem Leben unabhängig zu sein.  Sie wurde Lehrerin und kam, neunzehnjährig, nach Kamen, da ihr ein Schwager ihrer Mutter hier eine Stelle an „einer Schule die mit seiner Kirchengemeinde verbunden war“, angeboten hatte, für 980 Mark im Jahr.

Zum 1. September 1892 trat sie ihre Stelle in Camen an, wo sie bis zum April 1894 blieb. Sie wohnte im Pfarrhause, dem alten Westholtschen Hof (heute steht dort des evangelische Gemein- dehaus).

In ihren Lebenserinnerungen beschreibt sie ihre Tätigkeit in einer „Gemeinde altwestfälischer Prägung“ sehr anschaulich und erkennt bereits sehr klar, welche Veränderungen sich in Kamen abzuzeichnen begannen, seit mit der Zeche die Industrialisierung eingezogen war. Weil sie neue Arbeitskräfte brauchte, die in der Region nicht mehr zu bekommen waren – die „Zeche hatte schon einen Teil der Handwerker und Kleinlandwirte in Bergleute verwandelt“ – wurden viele Schlesier angeworben. Und für die Zugezogenen wurden „Kolonien“ gebaut, da sonst kein Wohnraum zur Verfügung stand, konfessionell getrennt. Hier herrschte „häßliche, kahle, rauchgeschwärzte Enge“.  Man wohnte zu dicht beieinander, hatte kein Privatleben, sodaß Kleinkinder z.B. oft in aller Öffentlichkeit gestillt wurden. Ganz unmöglich, in den 1890er Jahren. Ganz anders das ackerbürgerliche Wohnen und Leben der Altkamener, das in ihren Augen noch die Gemächlichkeit und Individualität westfälischen Lebens spiegelte, in dem sie eine „kräftige Ursprünglichkeit“ erkennt. Anfangs wird ihr Hochdeutsch von den Platt sprechenden Kindern nicht verstanden, doch gelingt es GB durch ihr großes Mitempfinden für alle die kleinen Camener, ob aus den Familien „einer viel niedrigeren Kulturstufe“ oder aus denen der „schönen Gesundheit der bäuerlichen Schicht“ und der „schlichte[n], gläubige[n] Gesittung der städtischen Handwerker und Kleinbürger“.

Abb. 2: Gertud Bäumer mit ihrer Camener Schulkasse

1898 geht GB nach Berlin, macht ihr Oberlehrerinnen-Examen, das zum Universitätsstudium berechtigte. Allerdings durften sich Frauen damals noch nicht immatrikulieren, so daß sie gänzlich vom Wohlwollen der Professoren abhingen. Erst 1908 wurde in Preußen die Immatrikulation von Frauen erlaubt. Das läßt erkennen, was für eine  außergewöhnliche Frau GB war, die schon 1904 zum Dr. phil. promoviert wurde.

Ab 1901 gehört GB dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverbands an, wo sie Helene Lange kennenlernt, die Führerin der Lehrerinnenbewegung, die in ihr sofort ihre legitime Nachfolgerin erkennt. GB schrieb über diese „Lebensentscheidung“: „Mein Leben mußte im Ziel und Kern der ebenbürtigen und vollen Einschaltung der Frauen in die Kulturkräfte des Volkes dienen.“

Schon 1910 wurde GB Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine, war maßgeblich am Aufbau des Nationalen Frauendienstes beteiligt, ab 1916 auch des Sozialpädagogischen Instituts in Hamburg. 1919/20 war sie Mitglied der verfassunggebenden Weimarer Nationalversammlung (die das gleiche, geheime, direkte und allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen einführte), war an der Gründung politischer Parteien beteiligt und hatte von 1920 bis 1932 ein Reichstagsmandat inne. Zwischendurch war sie Ministerialrätin im Innenministerium, von 1926 bis 1933 Delegierte beim Völkerbund in Genf.

1933 beendeten die Nationalsozialisten ihre Karriere, drängten sie aus allen Ämtern, so daß sie sich von nun an dem Reisen und ihrer schriftstellerischen Tätigkeit widmen konnte. In ihrer Autobiographie von 1933 bekannte sie sich dennoch „zur nationalsozialen Idee, deren Werden wir erhoffen“. Insgesamt muß man ihr Verhalten während der Nazizeit wohl „lavieren“ nennen (A. Schaser in ihrer Biographie von 2000; vgl.a. Manfred Schurich, 2010). Insoweit ist es erstaunlich, daß in Kamen noch nicht der Wunsch geäußert wurde, die Gertrud-Bäumer-Straße umzubenennen. Angeregt durch eine Tagung beim LWL in Münster im Sommer 2011 läuft die Kampagne zur Umbenennung von Straßen, deren Namensgeber durch ihr Bekenntnis zum Nationalsozialismus desavouiert sind. Gleichwohl erkennt sie: „Ich bin also mit Pension und auch unter Anrechnung meiner früheren Lehrerinnenzeit entlassen. Persönlich ist das für mich die reinlichere Lösung. Wäre ich im Amt, so müsste ich referatsmäßig jetzt z. B. die Verfügungen über die jüdischen Kinder in den Schulen machen oder die bevorstehende Verfügung für den Geschichtsunterricht, durch die alles, was seit dem Zusammenbruch geschehen ist, defamiert werden soll. Das wäre mir selbst auch tatsächlich unmöglich.“

Ab 1941 zieht sie sich vollständig aus der Politik zurück, engagiert sich aber nach Kriegsende in Bamberg für den politischen Wiederaufbau, wird Gründungsmitglied der CSU, wendet sich nach ihrem Umzug nach Bad Godesberg der CDU zu. Am 25.3.1954 stirbt sie in den Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel.

Ein wunderbares Schlaglicht wirft eine von ihr selber berichtete Episode auf die Person GB und die Menschen ihrer Zeit in Kamen. Sie erlaubte einer Schülerin, ihre vier Geschwister mit in den Unterricht zu bringen, weil „die Mutter unterwegs war, Kohle zu holen“. Noch Jahre später erwies diese ihre Dankbarkeit, indem sie, nach ihrem Umzug nach Königsborn, viermal im Jahr, wenn GB und alle anderen Lehrer aus Kamen nach Unna zur Konferenz (heute würden wir sagen: Weiterbildung) mußten, an der Straße stand, um guten Tag zu sagen.

Gertrud Bäumer – eine ambivalente Persönlichkeit.

Abb. 1 & 2: Stadtarchiv

KH

Nachtrag: Die Gertrud-Bäumer-Straße bildet zusammen mit der Helene-Lange-Straße eine hufeisenförmige Straße um den Wohnpark Seseke-Aue. Dieser stellt eine Besonderheit in Kamens Wohnbebauung dar, weil dort eine Reihe zukunftsweisender Konzepte in städtebaulich-architektonischer Gestaltung verwirklicht wurde. Eine gute Wahl der Straßennamen, weil die beiden Größen der frühen Frauenbewegung sich 1901 im Vorstand des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverbands kennenlernten und sowohl Gertrud Bäumer wie auch Helene Lange mit zukunftsweisenden Ideen aufwarten konnten.

Die Güldentröge

von Klaus Holzer

In Kamen heißt sie „Güldentröge“, und das seit vor 1827 – so heißt sie nämlich schon in der Kamener Katasterkarte aus diesem Jahr – in Unna „Güldener Trog“, und es ist unschwer zu erkennen, daß es sich hier um den gleichen Namen handelt. Und wir wissen, daß „gülden“ das veraltete Wort für „golden“ ist, in alten Gedichten und Geschichten begegnet es uns noch. Ein „güldener Trog“ ist also etwas ungemein wertvolles?

Weit gefehlt. Das geläufige Verständnis dieses Straßennamens (in Kamen müßte es richtigerweise „Gasse“ heißen) leitet sich aus dem Gegenteil ab. In mittelalterlichen Städten stank es zum Himmel. Auf dem Markt, in den Straßen und Gassen lief Vieh umher und ließ seinen Kot fallen, vor den Häusern lagen Misthaufen, weswegen die Menschen oft sogenannte Trippen trugen, eine Art Unterschuhe, Stelzenschuhe, um nicht bis über die Knöchel im Dreck zu versinken. Und hinter den Häusern war das Plumpsklo, dessen Inhalt gegen den Gestank notdürftig mit Asche überstreut wurde. Und geleert wurden diese Aborte erst, wenn sie voll waren, was mitunter 10 oder 20 Jahre dauern konnte. Dann kamen die dafür zuständigen „unehrlichen Leute“, d.h., solche, die keinem ehrbaren Stand angehörten*,  füllten diese Fäkalien in Tröge und fuhren sie, auf ihnen vorgeschriebenen Wegen, zum Fluß und kippten alles hinein. (Auch damals gab es also schon „Wasserspülung“, nur befand sie sich noch nicht im Haus.) Das mußte nachts geschehen, denn zum einen wollte niemand davon etwas mitkriegen, zum anderen wollte auch niemand von dem Schmutz und Gestank weiter behelligt werden.

Abb. 1: Die Güldentröge um 1900, Blick auf das ehemalige Gasthaus Grevel, später Hotel Bergheim, dahinter die Straße Am Geist

Und niemand wollte den Namen der stinkenden Last in den Mund nehmen. Daher taten unsere Vorfahren das, was wir auch heute noch tun: sie betrieben Schönfärberei. Gewissermaßen wurde die Sch… vergoldet: der Trog und sein Inhalt wurden „gülden“. Und die Gasse, durch die man die „güldenen Tröge“ zog, hieß dann eben „Güldentröge“. In München hießen die Leute, die dieses Geschäft betrieben, übrigens „Goldgrübler“. Sie gruben gewissermaßen in Goldgruben, denen unter den Plumpsklos nämlich.

Solche Schönfärberei in allen Lebensbereichen ist zu allen Zeiten gut belegt. Wer kennt heute nicht den „Entsorgungspark“, der zum Spazierengehen einzuladen scheint, doch in Wirklichkeit eine Müllkippe ist? Eine Firma erwirtschaftet „negative Bruttorenditen“, auf Deutsch: sie macht Verlust. Oder, ganz aktuell, „postfaktische Stimmungsmache“ statt Lügen.

Abb. 2: Die Güldentröge im Jan. 2017, die Blickrichtung

wie in Abb. 1

Im Falle unserer Güldentröge gibt es aber gewichtige Zweifel an dieser Deutung: Hätte man die Fäkalien tatsächlich durch die Güldentröge zur Seseke befördert, hätte man am Ende der Gasse keinen Durchgang zum Fluß gefunden. Dort stand der Swiddenturm (Heinz Stoob, Westfälischer Städtatlas, Kamen, Dortmund 1975), der der Sicherheit diente und keinen Durchlaß hatte. Für diese Fracht kam kein Stadttor in Frage. Benutzte man einen der kleinen Durchlässe im durch die Güldentröge zugänglichen Bereich, trieb die Gülle die ganze Stadtmauer entlang in den Mühlenkolk, der den Betrieb der Mühle mit dem notwendigen Wasser sicherstellte, als Pferdetränke diente und in dem Wäsche gewaschen und gespült wurde. Das ist alles wenig wahrscheinlich. Und obendrein mündet etwas nördlich von der Stelle, wo die Güldentröge auf die Stadtmauer trifft, der Goldbach in die Seseke. „Gülden“ und „Gold“ – ob es da einen Zusammenhang gibt? Es gibt zwar einen Hinweis darauf, daß der Goldbach einmal „Holt– oder Holdbach“ geheißen hat, doch wäre es nicht das erste Mal, daß zu Zeiten, als es noch keine genormte Rechtschreibung gab, unterschiedliche Schreibweisen nebeneinander bestanden und auch Lesefehler zu ganz anderen Namen führten. Vielleicht kommt einmal jemand zufällig auf eine Quelle, die beide Ansichten zusammenführt?

* Unehrlich bedeutete im MA nicht betrügerisch, sondern ehrlos, d.h., ohne ständisches Ansehen. Es gab drei Stände: 1. Klerus, 2. Adel, 3. Bürgertum und Bauernstand. Zu den ehrlosen gehörten Berufe wie Barbiere, Türmer, Müller u.a., aber auch „fahrendes Volk“ wie Lumpensammler, Hausierer, Spielleute u.a., und alle diejenigen, die beruflich mit Schmutz, Strafe und Tod zu tun hatten, wie Gassenkehrer, Büttel, Abdecker, Totengräber u.a.

KH

Abb. 1: Stadtarchiv

Abb. 2: Photo Klaus Holzer