Schulstraße

von Klaus Holzer

Abb. 0

Die Schulstraße war jahrhundertelang der Standort Kamener Schulen, hier vor allem der Vorgängerbau des alten Küsterhauses neben der Pauluskirche. Die älteste Urkunde mit der Erwähnung eines Lehrers in Kamen stammt von 1320. Darin wird ein „Johann rector scholarum“ genannt. Pröbsting nimmt aber an, daß schon vorher eine Schule bestanden haben muß, da diese am Anfang immer den Kirchen angegliedert waren, und die St. Severinskirche (heute Pauluskirche) besteht schon seit dem frühen 12. Jh.

Abb. 1: Das alte Küsterhaus

Und 1418 wird urkundlich belegt, daß es nur einen Lehrer an dieser Schule gab. Das Vorläufergebäude des alten Küsterhauses neben der Pauluskirche war bereits im 16. Jh. eine Schule, die „schola latina camensis“ und hatte Platz für 24 Schüler. Wegen des ständigen Geldmangels war die bauliche Erhaltung ein Dauerproblem, immer war es kalt und zugig, regnete es herein. 1586 gab es hier drei Lehrer: primarius Antonius Praetorius, magister Lambertus Ulentorpius und magister Jost Timann. Nach 1600 stand hier die Evangelisch-Reformierte Schule, ab 1858 die Städtische Rektoratsschule, der Vorläufer des heutigen Städtischen Gymnasiums. Die letzte Schule an diesem Standort war die Pestalozzischule, zum Schluß als VHS-Gebäude benutzt, seit etwa 15 Jahren in ein Wohnhaus umgewandelt.

Abb. 2: Die Städtische Rektoratsschule, 1904 abgerissen

Abb. 3: Der 1905 begonnene Nachfolgebau, die Pestalozzischule

Abb. 4: Antonius Praetorius, gesehen vom Kamener Künstler Reimund Kasper

Der erste namentlich bekannte Rektor dieser Lateinschule war der o.e. Antonius Praetorius, der sich als erster großer Gegner der Hexenverbrennungen einen Namen machte. Im Jahr 1580 kommt er unter dem Namen Anton Schulze, gebürtig aus Lippstadt, als Lehrer nach Kamen, nennt sich aber, wie alle Studierten der mittelalterlichen Tradition folgend, lateinisch Antonius Praetorius. Hier heiratet er 1584 Maria, eine Kamenerin, die ihm 1585 den Sohn Johannes gebiert. Offenbar ist er ein guter Lehrer, er erwirbt sich bald Ansehen. Schon 1586 wird er zum Rektor der Kamener Lateinschule bestellt, was durch eine Urkunde vom 28. April 1586 im Kamener Stadtarchiv belegt ist.

Abb. 5. Die Urkunde von 1586, die Antonius Praetorius‘ Tätigkeit in Kamen belegt

Er ist wohl ein sehr guter Lehrer, denn man traut ihm zu, die „übel erzogenen wilden Rangen“ zu „Gottesfurcht, Zucht und Tugend“ (Stadtchronist Pröbsting) erziehen zu können. Umso erstaunlicher, daß es zu Anfang des 17. Jh. eine relativ große Anzahl an Studenten ex schola Camensi gab. Um die Erziehung ihrer Kinder zu verbessern und diesen guten Lehrer halten zu können, stifteten 14 prominente Kamener Bürger, darunter auch der damalige Bürgermeister Joachim Buxtorf aus der bekannten Gelehrtenfamilie, 1520 Taler und 72 Taler Rente pro Jahr, woraus Praetorius und zwei weitere Lehrer bezahlt werden sollten. Als Bedingung wird genannt, daß diese Stiftung nur so lange gelten solle, wie die Schule der „Augsburgischen Konfession“1 folge, d.h. evangelisch bleibe.

Bis 1859 wurde diese Schule von der evangelischen Kirchengemeinde betrieben, durch einen Vertrag zwischen Kirchengemeinde und Stadt, am 7. Februar 1859 von der Königlichen Regierung zu Arnsberg bestätigt, wurde diese Rektoratsschule städtisch, sollte aber evangelisch bleiben. Als Zeichen dafür sollte der älteste Pfarrer dieser Gemeinde ständiges Mitglied des Rektorat-Kuratoriums sein.

Der Sohn des Küsters Philip Ruß, der natürlich im Küsterhaus wohnte, ebenfalls Philip genannt, gilt als (einer der) Entdecker des „Schweinfurter Grüns“. Aus seinen Einnahmen daraus vermachte er seiner Heimatstadt später 2000 Taler.

Abb. 6: Das „Storchenhaus“

Auf der Ecke Schulstraße – Wimme steht eine Villa, die immer den Blick der Vorübergehenden auf sich zieht, weil sie sich äußerlich von allen anderen Häusern in Kamen unterscheidet. Sie hat eine richtige Einfahrt, der Sockel ist aus Bruchsteinen gemauert, darüber erhebt sich eine vielfach gestaltete Dachform mit Säulen, Erkern, Loggia. Und selbst der Schornstein scheint einem Taubenhaus nachempfunden. Es ist ein typisch historistischer Baustil. Es stammt aus den 1890er Jahren und wurde vom ersten Kamener Gynäkologen, Dr. med. R. Boschulte errichtet. An seinen Beruf erinnern noch heute die beiden Storchenköpfe links und rechts auf dem Gittertor. Da diese aber meistens offenstehen, muß man es wissen oder schon sehr genau hinschauen, um sie zu entdecken. Später war Dr. Boschulte auch Stadtverordneter. Seine Tochter erbte dieses Haus mitsamt dem Grundstück. Sie verkaufte einen Teil davon in den 1890er Jahren an die katholische Kirche. Heute steht die Kirche Hl. Familie darauf.

Auf der Ecke zur Julius-Voos-Gasse stand ehemals die Metzgerei Voos. Aus ihr ging … Aber diese Gasse verdient  einen eigenen Beitrag.

Abb. 0, 1, 5 & 6:  Photos Klaus Holzer (ausgen. Abb. 2)

Abb. 2 & 3: Archiv Klaus Holzer

 

1 Confessio Augustana, 1530, von Melanchthon verfaßte grundlegende Bekenntnisschrift der lutherischen Kirche

KH

Koppelstraße

von Klaus Holzer

Eine Koppel ← lat. copula, ist ein Verbindungsstück bzw. ein Band. Und genau so zog sich das große Areal, das in der Kamener Urkatasterkarte von 1827 so hieß, wie ein Band westlich bis südwestlich um die Stadt. Der Name existiert in mehreren Verbindungen:

Dieses Gelände umfaßt das gesamte Gelände südwestlich bis westlich der Stadtmauer (vgl. Abb. 6): „Auf der kleinen Koppel“ im Süden, direkt an den südlichen städtischen Filleplatz1 angeschlossen, reicht sie in 2 Flurstücken „In der Koppel“ bis nördlich des Westentors. Westlich schließt sich der Kalthof2 an, nördlich „Auf dem Spiek“. Älteren Kamensern dürfte dieses Gelände wohl vor allem als „Römers Wiese“ in Erinnerung sein.

In früheren Zeiten handelte es sich bei der heutigen Koppelstraße nur um einen Feldweg, auf dem Vieh auf die Weide und zurück in den Stall getrieben wurde. Für Bauer Römer ging das bis in die 1960er Jahre: jeden Morgen trieb er sein Vieh durch die Weststraße Richtung Römers Wiese, jeden Abend wieder zurück. Auch wenn das Bild damals schon trog, hier hatten die Kamener zum letzten Mal das Bild des kleinen Ackerbürgerstädtchens, das Kamen jahrhundertelang war, vor Augen.

Vom Westentor gingen zwei Wege ab: der wichtigere, daher größere, eine alte Handelsroute, führte in die Hansestadt Lünen, und eine kleine nach Westick und Methler, kleinen, Kamen vorgelagerten Gemeinden, die damals einzige Verbindung von Kamen dorthin.

Abb. 1:  Römers Wiese; Bauer Römer hatte seinen Bauernhof in der Weststraße, Ecke Kämerstraße; noch bis in die frühen 1960er Jahre trieb er sein Vieh über städtische Straßen zur Weide und in den Stall zurück

Im Süden ging dieser Feldweg bis zur Seseke, die vor der Regulierung in den 1920er Jahren hier einen starken Knick nach Süden machte, im Norden über das Kämertor hinaus bis zum Norden–oder Viehtor.

Zwischen dem „Koppelweg“ und der Stadtmauer lag der alte Kirchhof, wahrscheinlich ein Armenfriedhof, da er außerhalb der Stadtmauer lag, doch soll hier auch der jüdische Friedhof gewesen sein, vielleicht auf einem abgeteilten Stück. Juden mußten damals immer außerhalb der Stadtmauern beerdigt werden, weil sie eben nicht Christen waren.

Abb. 2: Der neue Koppelteich

Die Koppelstraße wurde erst in den 1920er Jahren zur richtigen Straße ausgebaut, in Verbindung mit dem Seseke-Umbau. Es handelte sich dabei um den Beginn einer Umgehungsstraße. Eigentlich eine recht weitsichtige Entscheidung, können doch heutige Städte den modernen Verkehr nicht mehr verkraften. Im Mittelalter war das undenkbar. Mann wollte allen Verkehr in der Stadt haben, man wünschte die Beschickung der Märkte und das brachte Akzise3 ein. Und die Kaufleute schätzten die Sicherheit innerhalb der Stadtmauern.

Beim Bau der Koppelstraße war die Seseke schon zu einer Kloake verkommen, durch starke Verschmutzung vor allem von der Zeche in Bönen bereits ein toter Fluß. Im Oktober 1905 hatte die Einleitung einer hochkonzentrierten Ammoniakmischung alles Leben in der Seseke getötet, darunter auch den  Kömschen Bleier, der damit ausgestorben war. Obendrein waren die alljährlichen Überschwemmungen gefährlich. Bis in die Weststraße stand das Hochwasser manchmal. Um dieses Problems Herr zu werden, war 1913 die Seseke-Genossenschaft gegründet worden.

Da traf es sich gut, daß der damalige Bürgermeister Berensmann, aus Laasphe kommend, sich von dort den Baurat Reich nach Kamen holte. Die beiden entwickelten große Aktivität bei der Neugestaltung der Stadt. Um die Seseke einzudeichen, brauchte man viel Aushub. Den bekam man auf dem Areal „In der Koppel“ und am Bahndamm gegenüber der Post. So hatte Kamen ab 1930 zwei wunderschöne Teiche, die sich auch bald größter Beliebtheit in der Bevölkerung erfreuten. Vor allem der Koppelteich konnte bald mit Gondeln befahren werden und bekam daher den Namen „Gondelteich“. In der Mitte befand sich eine Insel mit einem Schwanenhaus darauf.

Abb. 3. Der fertiggestellte Koppelteich in den 1930er Jahren, mit Schwanenhaus

Im Winter waren beide Teiche bestens geeignet zum Schlittschuhlaufen, Eishallen gab und brauchte es nicht.

Abb. 4:  Schlittschuhlaufen auf dem Gondelteich, noch in den frühen 1960er Jahren ein kostenloses Vergnügen

Gleichzeitig mit dem Straßenbau wurden auch die dortigen Häuser errichtet. Sie gehörten wohl der Zeche und waren für die sog. Zechenbeamten gebaut. Am Haus Koppelstraße 24 befindet sich über der Eingangstür die Skulptur eines Ziehharmonikaspielers, in einem Stil, der für die damalige Zeit typisch war. Ein Pendant dazu, ein Stadtpfeifer, befindet sich übrigens am Ulmenplatz, beide entworfen vom Dortmunder Bildhauer Heinrich Beier. Ein weiteres Relief von ihm gibt es am Hause Schäferstraße 6. Er schuf übrigens auch das 1946 abgebrochene „Löwendenkmal“ vor der Pauluskirche, im Oktober 1927 eingeweiht.

Abb. 5: Luftaufnahme des vom neuen Stadtbaurat Gustav Reich überplanten südlichen Gelände Kamens; in der linken unteren Ecke die 1927 eingeweihte Badeanstalt, in der rechten oberen noch soeben die 1901 erbaute Synagoge (Dank an Herrn Ehresmann, Kamen, der die Postkarte zur Verfügung stellte)

Diese Arbeiten wurden im Rahmen von Notstandsarbeiten nach der Inflationszeit ausgeführt. Sie bedeuteten einen großen Sprung vorwärts für die Stadt, aber es gab auch viel politischen Streit wegen der daraus resultierenden hohen städtischen Verschuldung.

Die Koppelstraße wurde am 20. August 1924 für den Verkehr freigegeben und hieß Walther– Rathenau–Straße (29.9.1867 – 24.6.1922); dieser war der Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau. Er war sozial– und kulturpolitischer Schriftsteller, selber im Vorstand der AEG und 1919 bei den Vorbereitungen zur Friedenskonferenz von Versailles tätig, war ab 1922 Reichsaußenminister, schloß den Rapallo–Vertrag mit der UdSSR ab. Er wurde von ehem. Offizieren der Organisation Consul ermordet, einer rechtsradikalen Organisation, die die Weimarer Republik zerstören wollte.

Ab 1934 hieß die Koppelstraße Horst-Wessel-Straße (9.10.1907 – 23.2.1930). Wessel war Student, ab 1926 NSDAP-Mitglied, wo er 1929 zum SA-Sturmführer avancierte. Er starb an den Folgen eines Überfalls, woraufhin er zum national–sozialistischen Märtyrer stilisiert wurde. Sein Lied „Die Fahne hoch …“, das „Horst–Wessel–Lied“, wurde von den Nationalsozialisten zur 2. Nationalhymne erhoben.

Es ist eine Merkwürdigkeit der Koppelstraße, daß die beiden ersten Namensgeber umgebracht und von ihren jeweiligen Anhängern quasi als Märtyrer gesehen wurden. Erst nach dem Krieg erfolgte die Benennung in Koppelstraße.

Dort, wo sich heute die Auffahrten zur Hochstraße befinden, sowohl an der Bahnhofstraße wie an der Koppelstraße, lag bis dahin der „Grüne Weg“, der für viele Kinder der Weg zur Badeanstalt war. Der Name erinnert an die Flur „In der grünen Straße“ zwischen Mühlensteinweg und Filleplatz.

Abb. 6: Urkataster von 1827, nach Stoob; gut zu erkennen: In der Grünen Straße, Auf der kleinen Koppel, In der Koppel; Am Mühlensteinweg ist die heutige Bahnhofstraße

K H

Alle Abbildungen: Archiv Klaus Holzer

1 Filleplatz: Abdeckplatz für krankes und verendetes Vieh wie auch für die Reinigung der Tierhäute von Fleisch– und Fettresten durch die Schuhmacher bzw. Gerber

2 Kalthof:  bezeichnet einen Hof bzw. eine Hofstelle, die im Verlaufe ihrer Geschichte zumindest für eine kurze Zeit nicht bewohnt war, deren Herdstelle also „kalt“ war

3 Akzise: Warenzoll

 

Westicker Straße

von Klaus Holzer


Frühere Namen: Zur Berger Mühle, Westicker Weg (noch 1929),  Schlachthofstraße (bis in die 1970er Jahre)

Otto Buschmann, der 2015verstorbene Methleraner (er pflegte zu sagen: „Methleraner“ gibt es nicht, aber, ehrlich, wie klingt: „Methlerer“? Und es gibt schließlich auch Münsteraner usw.)  Ortsheimatpfleger, erzählte nicht ungern, wie beschwerlich sein Schulweg in den 1940/50er Jahren war, als er bei jedem Wetter mit dem Fahrrad von Methler nach Kamen in die Schule mußte. Im Herbst und Frühjahr stand das Körnewasser oft so hoch, daß an ein Durchkommen nicht zu denken war. Dann mußten alle den viel längeren Weg über die Lüner Straße nehmen. Nach jedem Hochwasser konnte man in den stehengebliebenen Pfützen Fische fangen, das ging immer leichter, je kleiner die Pfützen wurden.

Und damals war die Westicker Straße nicht befestigt, sondern ein Feldweg, im wesentlichen zwei Fahrspuren, von Pferdewagen ausgefahren, matschig bei Regen, bei Trockenheit staubig.

Schon der Namen „Westick“ erzählt eine Geschichte. Er besteht aus zwei Bestandteilen, „west“ und „wick“, die eine klar umrissene Bedeutung haben. „west“ ist klar, westlich, im Westen von Kamen; „wick“ kommt aus dem lateinischen „vicus“, ursprünglich Hof, Gehöft, im MA eine dorfartige Siedlung, oft als Zubehör einer „villa“, eines Herrenhofes. Westick heißt also „dorfartige Siedlung westlich von Kamen“.

Abb. 1.: Der Kamener Schlachthof vor 1970

Der zu Kamen gehörende Abschnitt von der Koppelstraße bis zum Grenzweg, jetzt Paul-Vahle -Straße, war schon gepflastert und hieß Schlachthofstraße, weil hier der am 14.10.1895 gebaute Schlachthof lag. Der schien damals nötig, weil Kamens Bevölkerung seit dem Beginn der Abteufung der Zeche Monopol 1873 explosionsartig anwuchs und die Hausschlachterei hygienische, d.h., gesundheitliche Risiken bedeutete. Außerdem hatten Hamm, Dortmund und Unna inzwischen eigene Schlachthäuser gebaut, daher bestand die Gefahr, daß in Kamen nur noch minderwertiges Fleisch angeboten wurde. Im Schlachthof gab es tierärztliche Fleischbeschau und Trichinenuntersuchung. Kurz nach seinem 75jährigen Bestehen wurde er abgerissen.

Gleich am Beginn der Schlachthofstraße, in der Nr. 47, lag das 1865 gegründete Kamener Städtische Gaswerk, dessen Werbespruch 1914 lautete: „Wenden Sie dem Petroleum den Rücken … Gasglühlicht ist billiger, bequemer und heller.“ Elektrisches Licht für Privatleute gab es auf Drängen der Zechenleitung erst ab 1921, da man in den Privathaushalten Energiekonkurrenz sah.

Ein Stückchen weiter, gegenüber der Polizeiwache, befand sich die Schuhfabrik von der Heide. Das war eine der vielen alten Kamener Schuhmacherfamilien, aber eine von nur dreien, die es schafften, die Herstellung von Schuhen per Hand über schwierige Zeiten zu retten, eine Schuhfabrik zu gründen und zwei Generationen lang erfolgreich zu führen, bis auch sie vor der modernen Massenproduktion kapitulieren mußte.

Abb. 2: Die Gelb– und Eisengießerei der Gebrüder Jellinghaus

Die Gelb- & Eisengießerei Jelllinghaus, die auf dem Gelände des jetzigen Raiffeisen-Marktes lag, war im Gefolge des neuen Bahnhofs entstanden. Ihr späterer alleiniger Inhaber, Theodor Jellinghaus, war ein Original und so einflußreich, daß er, wenn er einmal mit dem Zug verreisen wollte, gar nicht erst zum nahegelegenen Bahnhof gehen mußte. Er trat einfach vor die Tür seiner Villa, hielt den Zug an, stieg ein und ab ging’s.

Und es gab weitere Ansiedlungen mit „über 400 Arbeitern“ (Pröbsting 1901), die sich alle in der Nähe des Bahnhofs niederließen, obgleich sich die Hoffnungen auf eine grundlegende Industrialisierung Kamens durch den Anschluß an einen „Hafen an einem der bedeutsamsten Ströme Europas“ (Stadtchronist Buschmann) nur zu einem bescheidenen Teil erfüllten.

Abb. 3.: Der alte Milchhof, 1936

Abb. 4.: Der in den 1950er Jahren modernisierte Milchhof

Hinter der Schlachthofstraße, gegenüber dem Bahnhof, ein wenig westlich des Parkhauses, lag Kamens Molkerei, schon im Oktober 1890 gegründet. Sie wurde im Zuge der Umgestaltung Kamens in den 1970er Jahren abgerissen. Hier wurden zu besten Zeiten täglich über 17.000 Liter Milch zu Butter und Käse verarbeitet und als Trinkmilch durch Milchwagen, von Pferden gezogen, bis in die 1950er Jahre zur Kundschaft in Kamen, Bergkamen, Lerche, Königsborn, Südkamen, Methler, Westick, Oberaden, Weddinghofen und Overberge gebracht, täglich 9.000 Liter! Aber auch dieses gehört in die Geschichte des Milchhofes und der Stadt Kamen: von 1929 bis 1933 war Alfred Franzke Geschäftsführer des Milchhofes und der Milchgenossenschaft. 1931 wurde er Ortsgruppenleiter der NSDAP und 1933 Kamener Bürgermeister.

Abb. 5.: Die Berger Mühle an der Körne, im Hintergrund rechts die Zeche Monopol

Auf dem Westicker Weg kam man an der Berger Mühle vorbei, die zum uralten Hof Schulze Berge gehörte (wichtig: ohne Bindestrich, da der Name auf die alte Funktion zurückgeht), und die das Wasser der Körne fürs Mahlen nutzte. Das ging jahrhundertelang gut, wie die alten Mahlbücher beweisen, in die jeder Müller exakt alle gemahlenen Getreidearten und die Mahlmengen eintrug. Neben benachbarten Bauern und Köttern1 ließen später auch Kamener Bergleute gekauftes Getreide dort mahlen.

Abb. 6.: Die alte Körnebrücke

Das fand ein Ende, als die Körne, wie die Seseke, in den 1920er Jahren reguliert wurde. Um das verschmutzte Wasser schneller abfließen lassen zu können, zwängte man Fluß wie Bach in ein Betonsohlschalenbett. Dazu mußte man aber ein neues Bachbett schaffen, was dazu führte, daß die Müller an Seseke und Körne ihre Existenzgrundlage verloren, u.a. Böings Mühle, Hilsingsmühle, Adener Mühle. Pläne, die Berger Mühle als Windmühle weiterzuführen, wurden nicht mehr ausgeführt, das wäre unwirtschaftlich gewesen. Kurze Zeit später (1927?) wurde die Berger Mühle abgerissen.

So spiegelt sich ein ganzes Stück Kamener Industriegeschichte in der Westicker Straße, doch geblieben ist nichts mehr davon, stattdessen ist neue Industrie entstanden, die Westicker Straße entlang, bis zum Hemsack hinüberreichend: Gülde, Vahle, Weller, u.a.

Klaus Holzer

Quellen:

Stadtarchiv Kamen,

H. Craemer, Alt-Kamen im Lichte seiner Orts– und Flurnamen, 7-teilige Artikelserie, veröffentlicht in Zechen-Zeitung der Schachtanlagen Grillo und Grimberg, 1929

Dr. Malten, Festschrift aus Anlaß des 75 jährigen Bestehens des Städtischen Schlachthofes Kamen vom 14.10.1970; hieraus Abb. 1

60 Jahre Molkerei Kamen e.G.m.b.H., Kamen i. Westf. (o.Autor, o.O., 1950); hieraus Abb. 3 & 4

Abb. 0: Klaus Holzer

Abb. 1: Stadtarchiv Kamen

Abb. 2 aus: Dr. Malten, Festschrift aus Anlaß des 75 jährigen Bestehens des Städtischen Schlachthofes Kamen

Abb. 3 & 4 aus: 60 Jahre Molkerei Kamen

Abb. 5 & 6: Ursula Schulze Berge

 

1 Ein Tagelöhner, d.h., jemand, der kein Land besitzt, der eine Kate/Kote, einen Kotten bewohnt

KH

Kampstraße

von Klaus Holzer

Abb. 0: Straßenschild

1553 schloß sich Kamen fast geschlossen der neuen lutherischen Lehre an, doch schon eine Generation später wurde man „reformiert“, schloß sich der Lehre Calvins an. Das führte dazu, daß sich eine kleine Minderheit der Kamener, die verbliebenen Lutheraner, ohne Kirche sahen. Sie mußten ihre Gottesdienste in Privaträumen abhalten.

Schon 1698 versuchten diese daher, durch eine Petition beim brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III eine eigene Kirche zu erhalten. Nach der Ablehnung versuchten sie es wiederholt, bis sie endlich durch eine Cabinets-Ordre des (mittlerweile) Königs in Preußen, Friedrich Wilhelm I, vom 24. Martii (März) 1714 die Genehmigung dazu erhielten. Das hatte wesentlich auch damit zu tun, daß inzwischen ein preußisches Musketierregiment in Hamm stationiert war, das eine Abteilung in Kamen unterhielt. Und diese Preußen waren Lutheraner. Dennoch war man im Vergleich zur „größeren evangelischen (reformierten) Gemeinde“ immer noch nur die „kleinere evangelische Gemeinde“.

Abb. 1: Die Lutherkirche, Photo aus der Vorkriegszeit        

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Endlich konnte man also eine eigene Kirche bauen. Doch die Vorgaben waren klar: der König gestattete nur eine sog. „Straßenkirche“, d.h., sie mußte in der Flucht der umgebenden Häuser liegen, durfte keinen Kirchturm haben (der kleine Turmreiter, der heute auf dem Dach sitzt, wird immerhin schon 1829 erwähnt: „ein kleiner auf dem Gemäuer ruhender hölzerner, mit Schiefer gedeckter Turm, welcher jedoch keine Uhr und kein Geläute hat“; in einer anderen Quelle heißt es, daß dieser Turm bei Renovierungsarbeiten im Jahre 1868 aufs Dach kam) und, vor allem, keinen vorgelagerten Kirchplatz. Dennoch stach die kleine Kirche aus der ländlich–kleinstädtischen Umgebung heraus, ein richtiges Steinhaus in einer Straße, in der nur insgesamt 5 Ackerbürgerhäuser lagen, Fachwerkhäuser, wie wir einige noch in der Ostecke des alten Marktes finden. Das Material stammte übrigens aus der Wiederverwertung sowohl der Steine des „steinernen Hauses“, das die Gemeinde 1715 für den Kirchenbau erworben hatte, wie auch der mittlerweile obsolet gewordenen Stadtmauer und, vor allem des Mühlen– oder Rennentores. Viele ihrer Steine finden sich im Mauerwerk der Lutherkirche wieder.

Abb. 2: Das Haus der Familie Buxtorf, abgerissen etwa um 1900

Am Anfang der Kampstraße, dort, wo heute die Commerzbank steht, befand sich das Eckhaus der Familie Buxtorf, die mehrfach Kamener Bürgermeister stellte und eine der bekanntesten Gelehrtenfamilien in Basel wurde. Es war ein sehr großes Haus, die Zufahrt zur Scheune lag in der Kampstraße. Der nördliche Teil dieser Straße, von der Rottstraße (heute Adenauerstraße) an, hieß früher Grevelstraße, wohl nach dem einzigen Anwohner.

Nach dem Kirchbau erhielt die Straße den Namen „Lutherische Kirchstraße“, später, wohl 1824, als König Friedrich Wilhelm III zur Bildung einer kirchlichen Union aufrief, wurde sie in „Kleine Kirchstraße“ umbenannt. Doch schon 1827, nachdem die Union an den Egoismen beider protestantischen Kirchen gescheitert war, erhielt sie den Namen „Kampstraße“, was soviel heißt wie „Feldstraße“. Das war durchaus gerechtfertigt, war doch hier überall freies Gelände, östlich bis zur Häuserreihe an der Nordstraße (damals Viehstraße), westlich lag das Gelände des Akenschockenhofes, eines der 10 Kamener Burgmannshöfe, seit  Willy–Brandt–Platz. Und nördlich lag der von der Recke zu Recksche Hof, zuletzt Vogelhof genannt, ein weiterer Burgmannshof, auf dessen Gelände heute das Kamen Quadrat steht.

Abb. 3: Blick von der Kampstraße zur Rottstraße; das matschige Freigelände im Vordergrund gehört zum ehemaligen Akenschockenhof, bis in die 1960er Jahre Schützenhof, seit 1993 Willy-Brandt-Platz; hinter der ersten Häuserreihe lag damals die Rottstraße, heute Adenauerstraße.

Abb. 0: Photo Klaus Holzer; Abb. 1, 2 & 3: Stadtarchiv Kamen

KH

Markt

von Klaus Holzer, auf der Grundlage eines Artikels von Edith Sujatta.

Der Marktplatz

In frühester Zeit spielte sich Handel vor allem an wichtigen Verkehrswegen und Flußübergängen ab. Genau so war es auch in Kamen. Über die „Lange Brücke“ (am Bollwerk) führte der einzige Weg über die Seseke und ihr Sumpfgebiet, wenn man von Süden zur bedingt schiffbaren Lippe oder von dort zum Hellweg wollte.

Hier siedelte sich zuerst eine Sippe an, die den Übergang zur Sicherheit bewachte und gegen Zoll begehbar hielt, was wegen der üblichen Hochwasser im Herbst und Frühjahr wichtig war. Wo viel Handel getrieben wird, folgen bald Handwerker und andere Leute.  Dann bauten die Märker die Grafenburg mit einer ecclesia propria (Eigenkirche) für die Bewohner der kleinen  Siedlung, da es noch keine organisierte Kirche gab. Dann wuchs die Siedlung rasch an, war erfolgreich. Es entwickelte sich eine erfolgreiche Kaufmannschaft, die z.B. auch in der Hanse äußerst erfolgreich war. Die Siedlung wuchs, dehnte sich über das Kernoval hinaus. Es entstand das Bedürfnis nach einem Stadtzentrum, das gleichzeitig Handelszentrum sein sollte. Also legte man einen Marktplatz* an und baute sich gleich ein Rathaus dazu. Und weil man wußte, wie erfolgreich man war, geriet der Marktplatz so groß. Noch heute wirkt er für ein Städtchen wie Kamen ziemlich groß. Wie muß er erst zur Zeit seiner Entstehung gewirkt haben! Für ein Städtchen von wenigen hundert Bürgern! Ein Zeichen von Bürgerstolz, von Unabhängigkeit von Kirche und Graf.

Damit hatte Kamen alles, was die mittelalterliche Stadt ausmacht: eine Burg, eine Kirche, ein Rathaus und einen Marktplatz, alles umgeben und geschützt durch einen Fluß, Gräben, Wälle mit Palisaden* und die Stadtmauer mit zunächst sechs Stadttoren.

An diesem Ort begann sich nun das öffentliche Leben abzuspielen. Märkte wurden daher zu zentralen Orten für die Entwicklung der deutschen (und europäischen) Stadt. Der Markt erhielt seinen Namen von seiner Funktion: hier spielte sich der Handel in der Stadt ab.

Abb. 1: Der Markt um 1900: das kleine Ackerbürgerstädtchen ist noch deutlich zu erkennen

Der Markt war in den Städten fast immer die erste Adresse. In Kamen gab es keine Patrizier wie in den Großstädten, aber auch hier wohnten an dem zentralen Platz keine armen Leute. Daß die Grundstücke hier teurer waren, kann man immer noch erkennen: die wirklich alten Häuser am Markt sind alle giebelständig, also vorne möglichst schmal, aber ganz lang, oft bis zur nächsten Nebenstraße, der Weststraße zum Beispiel. Dort waren dann auch die Scheunentore, damit die Vorderfront nicht mehr so bäuerlich aussah. Und an der Marktseite konnten auf diese Weise mehr Häuser aufgestellt werden als bei Traufenständigkeit.

Abb. 2: Auch für offizielle Gelegenheiten: Prunk neben den Ackerbürgerhäuschen

Wichtig für die frühe Stadt war auch das Privileg, Märkte abzuhalten, Wochen– und Jahrmärkte. Kamen hatte das Privileg für zwei Jahrmärkte, einen zu Pfingsten und einen am Tag des Hl. Severin, des Patrons der Kamener Severinskirche, der heutigen Pauluskirche. Während des Severinsmarktes wurden auch im Ratssaal kostbare Waren gehandelt, die vor schlechter Witterung und Diebesgesindel geschützt werden mußten. Die Musik spielte hier zum Tanz auf, und Gaukler nutzten den Saal zur Unterhaltung der Bürger. Wochenmärkte gab es sonntags, montags und donnerstags. Dann gab es alles das zu kaufen, was der Kamener Ackerbürger nicht selber herstellen konnte.

Abb. 3: Frühe 1950er Jahre: Kriegslücke hinter dem Bus, doch steht noch die Bäckerei von der Heide, die dann für die heutige Marktstraße Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre abgerissen wurde

Kamen war eine bedeutende Stadt, die zweite nach der Residenzstadt der Grafen von der Mark, Hamm. Daher hatte es eine Reihe von Privilegien: u.a. war es an Jahr– und Wochenmarkttagen verboten, Schulden zurückzufordern oder sonstige Verpflichtungen einzulösen. Geschäfte gingen vor. Und die Zeiten der Jahrmärkte waren auch die fast einzige Möglichkeit, im ewigen Einerlei des arbeitsreichen und mühsamen Lebens etwas Unterhaltung zu haben. Die Märkte waren freie und unbeschwerte Tage.

Die Freiheit ging der Obrigkeit wohl oft zu weit. So steht in der Kunibertusordnung, die am Tag des Hl. Kunibert, am 12.November, in der Kirche verlesen wurde: sonntags, während der Predigt, ist der Wirtshausbesuch verboten, auch das „Suppenfressen“ und das „Bier-und-Branntwein-saufen“ sind verpönt (verboten) bei einem Taler Brüchte (Strafe).

Abb. 4: Frühe 1950er Jahre: im Hintergrund Mitte das Haus der Familie von Mulert, Anfang der 1960er Jahre abgerissen; die Autos tragen noch britische Militärkennzeichen

 

Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert  wurden viele Häuser am Markt verputzt, um ihnen den Anschein von Steinhäusern zu geben. Die waren „feiner“, weil teurer, und das wollte zeigen, wer es sich leisten konnte. Heute sind Fachwerkhäuser wieder beliebt, weil sie so schöne nostalgische Gefühle nach der guten alten Zeit wecken, die Geborgenheit und Gemütlichkeit zu versprechen schien. Hoffen wir, daß unsere gute Stube noch lange ihre besondere Atmosphäre behält.

 

  • aus lateinisch mercatus  –  Handel, Markt, Messe
  • Holzpfähle, nebeneinander als Schutz in den Boden gerammt, oft zusätzlich auf Wällen aufgestellt

KH

Am Stadtpark

von Klaus Holzer

Abb. 0: Am Stadtpark

Es mag merkwürdig anmuten, den Artikel über den Kamener Stadtpark mit einem Exkurs über Friedhöfe zu beginnen, doch hat sein Entstehen genau damit zu tun.

Im MA wurden die Toten in der Regel direkt um die örtliche Kirche herum begraben, daher kam auch die Trennung in konfessionsgebundene Begräbnisstätten. Der Name Friedhof war nicht gebräuchlich. Bei Protestanten wurde „Kirchhof“ gebräuchlich, nach der Lage um die Kirche herum. Katholiken bevorzugten meist „Gottesacker“. Aber mitten in der Stadt so viel Gelände freizulassen, damit auf Jahre hinaus alle Toten beerdigt werden konnten, bedeutete auch, daß die Toten die Lebenden verdrängten. Teurer Grund wurde dem allgemeinen Gebrauch entzogen. Daher verlegte man diese Begräbnisstätten immer mehr vor die Städte und nannte sie Friedhof. Das hatte nichts mit „Frieden“ zu tun, wie wir heute im allgemeinen annehmen, sondern leitet sich vom ahd. „frithof“, einge„fried“etes, d.h., umzäuntes Grundstück, ab.

In Kamen geschah das im Jahre 1810, als die Stadt zum Arrondissement Hamm gehörte. Auch hier also fand ein Modernisierungsschub unter französischem Einfluß statt. Die innerstädtischen Kirchhöfe wurden geschlossen, ein neuer Totenhof vor dem Ostentor angelegt, wo es freies Gelände genug gab. Es stand noch kein einziges Haus hier. Und von Beginn an wurde die Trennung nach Konfessionen aufgehoben, Angehörige beider großen Konfessionen durften auf diesem „kommunalen“ Friedhof beigesetzt werden.

Abb. 1: Vor dem Ostenthor: die Straße nach Hamm. Der Totenhof wurde 1810 rechts von dieser Straße angelegt.

Doch zeigte sich schon nach wenigen Jahrzehnten, daß ein ungeeignetes Grundstück ausgesucht worden war. Der Grundwasserstand war zu hoch. Die Särge lagen im Wasser, Leichengift drang in den Boden und, viel schlimmer, da es noch nicht für alle eine zentrale Wasserversorgung gab, ins Grundwasser ein. Wurde eine Begräbnisstelle geöffnet, trieb der Sarg an die Oberfläche, schwamm im Wasser. Dieser Friedhof mußte geschlossen werden. Das geschah 1866. Ein neuer Friedhof wurde am damaligen Overberger Weg angelegt, der Haupteingang befand sich an der Münsterstraße, das ist der heutige „alte Friedhof“.* Das ist, kurz gesagt, die Vorgeschichte zum Kamener Stadtpark.

Was aber sollte man mit dem gerade geschlossenen Friedhof anfangen? Dort lagen die Toten eines halben Jahrhunderts. 25 Jahre lang durfte vertraglich die Totenruhe nicht gestört werden, und natürlich mußte man auch aus Gründen der Pietät abwarten, bis das Gelände auf neue Weise genutzt werden konnte. Daher beschloß der Stadtrat erst 1891, dieses Gelände in einen Stadtpark umzuwandeln. Man ging gleich daran, „Anpflanzungen vorzunehmen und Wege anzulegen“ (Chronist Pröbsting, 1901). Der neue Stadtpark wird von den Kamenern gleich angenommen. Sonntagnachmittags gingen Familien dort spazieren, anschließend auch in eine der vielen Kamener Gaststätten oder in einen Biergärten, um Kaffee und Kuchen und anderes zu genießen, oder auch, besonders beliebt, sofern man es sich leisten konnte, eine Schinkenstulle: Bauernbrot mit westfälischem luftgetrocknetem Schinken.

Abb. 2: Die Annonce zur Pflanzung der Körnereiche: Wenn gefeiert wurde, dann richtig. Mit Nutzen für die Öffentlichkeit.

Wie sehr der neue Stadtpark den Kamenern gefiel, sieht man auch daran, daß schon am 14. Juni 1894 (Camener Zeitung) der „Turnverein zu Camen“ (also der 1854 gegründete VfL, hier der „älteste Turnverein unserer Provinz“ genannt) anläßlich seines 40jährigen Bestehens mit großem Pomp der Stadt eine „Körnereiche“ übergab, die bereits am 23. September 1891, dem 100. Geburtstag Theodor Körners (vgl. Art. Körnerstraße), gepflanzt worden war (und zugleich legte man auch einen Gedenkstein vor diesem Baum nieder).

Abb. 3: Die Körnereiche an der Schnittstelle der drei Hauptwege durch den Stadtpark

In der Zwischenzeit veranstaltete der Turnverein eine Sammlung, Auktionen, verkaufte Festzeitungen, verwendete „Strafgelder“ (wo die auch immer herkamen) und füllte den Restbetrag aus der Vereinskasse auf, damit der Baum einen würdigen Rahmen bekam. „Herr Steinhauermeister Eilentrop übernahm die Steinmetzarbeiten, Herr Schlossermeister Frieling stellte das geschmackvolle, schön gearbeitete Gitter her und Herr Malermeister Klatt machte den Anstrich.“ (Camener Zeitung, 20. Juni 1894; auf dem Photo in „Kamen in alten Ansichten“ gibt es dieses Gitter nicht mehr und es ist auch nicht ganz klar, was der Steinhauermeister für Arbeit zu erledigen hatte.) Als dann der Festzug mit Fahnen und Musik am Stadtpark eintraf, waren die städtischen Behörden mitsamt dem Bürgermeister Adolf von Basse bereits vor Ort. Dieser nahm die Eiche dankend für die Stadt in Empfang und schloß seine Ansprache „mit einem dreifachen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser“ (Camener Zeitung, desgl.).

Abb. 4: Goldmünze mit dem Porträt Kaiser Wilhelms I.

Gleich am nächsten Tag begann der Turnverein, mit einer neuen Auktion wieder Geld zu sammeln. Man war auf den Geschmack gekommen, wollte den neuen Stadtpark weiter verschönern. Es dauerte allerdings bis zum Jahre 1900, bis das gelang.

Abb. 5: Bauzeichnung des Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Brunnens

Da wurde „ein kleines Denkmal zum Gedächtnis unseres lieben alten Kaisers Wilhelm I. aufgerichtet. Es ist der Kaiser-Wilhelms-Brunnen, der durch freiwillige Liebesspenden zustande gekommen und mit dem Medaillonbild des Kaisers geziert ist“. (Stadtchronist Pröbsting, desgl.) Es war die Zeit, als das Lied „Wir wollen unsern alten Kaiser Willem wiederham“ populär wurde. Leider verfiel dieser Brunnen während der Weimarer Republik, Kamen war arm, man hatte keine Geld, ihn zu reparieren. Das taten erst die Nazis, doch währte das Glück nur kurze Zeit. Im Krieg wurde es zerstört und nicht wieder aufgebaut. Heute ist Kamen eine denkmalarme Stadt.

Abb. 6: Brunnen zum Gedächtnis an „unsern alten Kaiser Willem“

Abb.7: Beschriftung der Bauzeichnung zum Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Brunnen

So ist Kamen an einen Stadtpark gekommen, der, entgegen seinem Namen, außerhalb der eigentlichen Stadt liegt. Heute macht er nicht den Eindruck, als sei er das Hätschelkind der Stadtverwaltung. Dort, wo der Körner-Gedenkstein lag, steht eine große Eiche, mitten im Kreuzungspunkt der drei durch den Park führenden Hauptwege. Das kann nur die Körner-Eiche sein, doch ist sie nicht kenntlich gemacht. Kein Gitter ist mehr zu sehen. Nichts deutet mehr darauf hin, daß diese Stelle 1894 der Mittelpunkt der Kamener Stadtverschönerung war.

Der Körnerstein lag bis vor kurzem mitten im Park, an der zentralen Weggabelung, vor der Eiche, doch ist er unscheinbar, die Schrift kaum zu lesen, und weil er gern von Hunden an Stelle eines Baumes benutzt wurde, schaffte man ihn fort, in die Sicherheit des Stadtmuseums. Spaziergänger sieht man im Stadtpark nicht, Fußgänger wie auch Radfahrer benutzen ihn nur als Abkürzung auf ihrem Weg in die Stadt und zurück. Pflege beschränkt sich auf Rasenmähen. Bloß ein hübscher bunter Streifen von Osterglocken und Krokussen zeigt im Frühling, daß der Stadtpark noch nicht ganz vergessen ist.

Ob man ihn nicht doch wieder reaktivieren könnte?

Nachtrag:

Das bronzene Medaillon stammt aus der seinerzeit sehr bekannten Gladenbeck’s Bronze-Gießerei in Friedrichshagen bei Berlin, aus der so bekannte Denkmäler stammen wie die Victoria auf der Siegessäule in Berlin, Alexander von Humboldt in Philadelphia/USA oder die Luther-Denkmäler in Berlin, Eisleben, Erfurt und Hannover und viele andere überall auf der Welt und eben auch das Medaillon in Kamen, das aber leider mit dem ganzen Denkmal verschwunden ist. Und es ist unbekannt, wann es abgerissen wurde. Weder das Bauarchiv noch das Stadtarchiv verfügen über Kenntnis darüber. Und schon das Photo im Band „Kamen in alten Ansichten“ zeigt den Brunnen ohne das Medaillon. Lt. Rechnung vom 28. Maerz 1900 war der Preis 380 Mark. Wohl gibt es im Stadtarchiv die Archivalie zu diesem Denkmal, mit Rechnungen und einer präzisen Bauzeichnung. Doch selbst hier hat ein früherer Benutzer (?) die Abbildung des Medaillons aus der Zeichnung herausgekratzt. Hat hier an Anti-Monarchist, vollständig den Sinn eines Denkmals verkennend, sein Unwesen getrieben, auf der Zeichnung und im Stadtpark?

Die Steinarbeiten wurde von der Firma Schulte-Oestrich & Hilgenstock Nachfolger, Inh. Peter Gross, Camen, durchgeführt. Deren Rechnung vom 30. April 1900 betrug 1535,02 Mark. Eine weitere Rechnung datiert von 1908, jetzt heißt es natürlich schon Kamen. Eine Firma dieses Namens gibt es übrigens heute noch in Bochum. Und da sie 1895 gegründet wurde, könnte es da einen Zusammenhang geben.

* Er war zunächst auch von den Overbergern genutzt. Erst 1872 erwarb die Gemeinde Overberge weiteres Land und bekam dann einen eigenen Friedhof.

(Abb. 0: Photo KH; Abb. 1, 2, 5, 6 & 7: Stadtarchiv; Abb. 4: Wikipedia; Abb. 3: Photo Klaus Holzer)

KH

Bollwerk

von Klaus Holzer, auf der Grundlage eines Artikels von Edith Sujatta

 Bollwerk

Es gibt zwei Möglichkeiten für die Entstehung einer Stadt, die eine ist die Gründung durch einen Grundherrn, wie zum Beispiel Lippstadt (früher Lippe). Hier fand Graf Bernhard einen strategisch günstigen Ort, um seine Stadt zu gründen. Dann gibt es Orte, die sich aus einer besonderen Situation heraus entwickelten, an Furten, Brücken oder Wegkreuzungen. Hier treffen sich Menschen, die Überwege müssen  begehbar gehalten werden, diese Engstellen sind gefährlich, sie müssen gesichert werden. So hat es in Kamen angefangen.

Abb. 1: Nur Kamen liegt wegen der Besiedelung an der Furt südlich wie nördlich der Seseke

Die Straße „Am Bollwerk“, seit 1928 so benannt, ist eine ehemalige Torstraße, die durch das „Wünnentor“1 aus der Stadt herausführte, das älteste Stadttor, das aber schon 1660 abgebrochen wurde.

Abb. 2: Blick von der Vinckebrücke: etwas unterhalb der Ziegelmauer war die Furt, Kern Kamens

Bollwerk kommt von „Bohl(en)werk2 und bedeutet hier eine kleine Brücke über die flache Seseke und einen mit Bohlen ausgelegten Steg über den dahinter liegenden Sumpf, „Die lange Brücke“. Dieses „Bohl(en)werk“ war natürlich für die Reisenden nicht mehr erkennbar, wenn die Seseke, was sie oft tat, Hochwasser führte. Damit er aber seinen Überweg dennoch finden konnte, steckten die „Betreiber“ dieses Überganges links und rechts des Weges lange Stecken in den Sumpf, so wie es in Schneeregionen heute noch gemacht wird. Das übliche Hochwasser, zweimal im Jahr, floß in den tiefer gelegenen Süden, Richtung Unna. Wenn es wieder ablief, hinterließ es ein Sumpfgebiet. Dies ist auch der Grund dafür, daß sich die Menschen auf der nördlichen Seite der Seseke niederließen.

Der Knüppeldamm mußte ständig repariert, mit neuen Holzlagen erneuert werden. Wer macht das schon umsonst? Also mußte der Reisende eine „Maut“ bezahlen, wohl meistens mit Naturalien. Was lag da näher, als weitere Dienste anzubieten? Reparaturen an Wagen und Pferdegeschirr, etwas zu essen, ein Lager für die Nacht. Und dafür brauchte man natürlich weitere Leute, die mithalfen. So entstand fast ganz von allein der Kern einer kleinen Siedlung.

Solch eine Siedlung zog auch immer marodierende Banden an. Für die Sicherheit, aber auch einfach der besseren Übersicht über das schwierige Gelände halber, baute man hier zuerst eine sogenannte Motte, einen künstlichen Hügel, von Wasser umgeben, mit einer sogenannten Bohlenburg, einem Turm aus Holz, oft auf einem Steinsockel. Die Reste dieses Turms sind noch hinter dem ev. Gemeindehaus zu sehen. Hier saßen nun die germanischen „Edelinge“, kassierten Wegezoll und hielten Wache. Die Arbeit an der Brücke war wohl eher die Aufgabe der Hörigen.

Abb. 3: So ungefähr muß man sich die „Motte“ vorstellen (Abb. zur Verfügung gestellt von Edith Sujatta)

Abb. 4: Ein Stück der ältesten Mauer Kamens, vor 1100

Abb. 4a: Detail der ältesten Mauer

Im Mittelalter entwickelte sich aus dem sicheren, aber als Wohnung höchst unbequemen, weil kalten und zugigen, Turm die erste Burg mit ihren Wirtschaftsgebäuden, später nach ihren jeweiligen Besitzern genannt, z.B. Wetholz’scher Hof. In unmittelbarer Nähe entstand später die Grafenburg am heutigen Kirchplatz, die wiederum mehr Schutz bot, Bedarf an weiteren Handwerkern hatte und damit zur Keimzelle der späteren Stadt Kamen wurde.

1 Das „Wünnentor“ führte auf die städtischen „wünnen“, die Wiesen.

2 Das „Bohl(en)werk“ wanderte im Laufe der Jahrhunderte nach Westen, über die Niederlande nach Frankreich. Als Baron Haussmann in der Mitte des 19. Jh. Paris zu der modernen Metropole ausbaute, die wir heute kennen, legte er breite, von Bäumen gesäumte Straße an, die er, in Anlehnung an das Aussehen der „Bohl(en)-werke“ „boulevards“ nannte. Kurze Zeit später wanderte dieses neue, nunmehr französische, Wort wieder als Boulevard zurück zu uns.

Abbildungsnachweis:

Abb. 0,2,4 & 4a: Klaus Holzer; Abb. 1: nach Theo Simon, Kleine Kamener Stadtgeschichte, Kamen 1982; Abb. 3 zur Verfügung gestellt von Edith Sujatta

KH

Das 13. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen am Donnerstag, 27. April 2017

von Klaus Holzer

Das 13. Zeitzeichen des Kultur Kreises Kamen

am Donnerstag, 27. April 2017

Abb. 1: Dr. Falko Herlemann beim Vortrag

Sehr erfolgreich verlief das 13. ZZ des KKK am 27. April 2017 im Haus der Stadtgeschichte Kamen. Immerhin 32 Zuhörer fanden sich im Saal des Museums ein, um Dr. Falko Herlemann aus Herne zu lauschen, der seinen Vortrag unter den Titel gestellt hatte, „Lucas Cranach der Ältere: Mehr als ein Maler der Reformation“. Und im Laufe des Abends wurde klar, wieviel mehr er war. Der uns Heutigen vor allem als Maler der Reformation geläufige Cranach war zugleich Kaufmann, Politiker, Diplomat, Drucker und Verleger, verstand sich aber zunächst als Handwerker. Und war vor allem vielseitiger Künstler.

Er wurde um den 4. Oktober 1472 (neuere Forschungen sprechen von 1475) in Kronach in Oberfranken geboren, des Hans Malers Sohn Lucas, der später seine Gemälde mit „Lucas Cranach“, was wohl heißen sollte: Lucas aus Kronach, signierte. Über seine Jugend ist kaum etwas bekannt, aber immerhin, daß Vater Cranach einmal eine deftige Strafe für „ungebührliches Verhalten“ seiner Söhne bezahlen mußte. Als nächstes ist er als Handwerkslehrling bekannt, ging dann „auf die Walz“ und war 1502 in Wien. Uns mag es verwundern, aber damals war der Künstler zuerst Handwerker, der während seiner Lehrzeit lernen mußte, seine Farben selber herzustellen (Ölfarben gab es noch nicht, die sind eine Erfindung aus der Mitte des 19. JH.): Pigmente zerkleinern, Malgrund vorbereiten, kurz alles, was der Maler später, wenn er seine Aufträge abarbeitete, brauchen würde. Erst nach der Wanderschaft durfte ein Geselle seine eigene Werkstatt eröffnen, was wegen der handwerklichen Zunftbindung aber immer noch mit Schwierigkeiten behaftet war.

1505 wurde Cranach Hofmaler des Kurfürsten Friedrich von Sachsen. Normalerweise ist das ein Knochenjob, weil man in den Hofalltag fest eingebunden war und u.a. die vielen Hoffeste organisieren mußte. Cranach jedoch hatte Glück, weil sein Brotherr ihm die Freiheit gab, sich auf seine Kunst zu beschränken und ihm sogar gestattete, seine Bilder auf dem freien Markt zu verkaufen.

Abb. 2: Lucas Cranachs Wappen

1508 erhält er vom Kurfürsten ein eigenes Wappen, eine gekrönte und geflügelte Schlange mit einem Rubinring im Maul, dessen genaue Bedeutung bisher nicht ganz erschlossen ist. 1510 eröffnet er seine eigene Werkstatt. Zwei Jahre später heiratet er die Tochter des Gothaer Bürgermeisters. Er eröffnet einen Weinausschank, eine Apotheke, wird Verleger und freundet sich mit Martin Luther an. Sie werden so enge Freunde, daß Lucas Trauzeuge der Luthers wird und später auch Pate ihres ersten Kindes. Jetzt ist Lucas „angekommen“. Er wird Kämmerer in Wittenberg, Ratsherr und sogar von 1537 – 1544 Bürgermeister.

Abb. 3: Albrecht Dürers Porträt von Lucas Cranach

1524 trifft er Albrecht Dürer in Nürnberg, der ihn porträtiert. Zusammen mit dem Nürnberger Großmeister illustriert er eine Bibel für Kaiser Maximilian. Derweil treten seine beiden Söhne, Hans und Lucas, in seine Werkstatt ein.

1547 verliert „sein“ Herzog, jetzt sein dritter Dienstherr, Herzog Johann Friedrich der Großmütige,  die Schlacht von Mühlberg gegen den Kaiser und wird erst nach Augsburg, dann nach Innsbruck in die Gefangenschaft geschickt, wohin Cranach ihm folgen muß.

Aus der Cranach-Werkstatt sind etwa 5.000 Gemälde bekannt, davon ca. 1.000 vom Meister selber. Hinzu kommen ca. 350 Zeichnungen und Holzschnitte und auch Kupferstiche. Es sind viele Dokumente überliefert, die detailliert Preise für seine Werke verzeichnen. Ein kleines Bild aus seiner Werkstatt kostet demnach nicht mehr, als der Wochenlohn eines Steinmetzen beträgt. Jedes Bild ist mit seinem Wappen signiert, gleichgültig, ob Cranach selber oder einer seiner Gesellen es  gemalt hat, während Dürer nur seine eigenen Werke mit dem bekannten AD signieren ließ. Es wird schon hieran deutlich, wie sehr Cranach sich an Marktgesetzen orientierte.

Religiöse Themen:

Um 1500 sind religiöse Themen besonders beliebt und daher modern. Die Menschen waren tief religiös, kirchliche Regeln bestimmten ihren Alltag. Den dabei entwickelten Konventionen folgt Cranach zunächst, weicht aber dann davon ab und zeigt schon in seinem Frühwerk, daß er ein eigenständiger Künstler ist. Stehen in der Konvention z.B. die drei Kreuze von Jesus und den beiden Schächern frontal zum Betrachter, schafft Cranach eine ganz neuen Raumwirkung, indem er die beiden seitlichen Kreuze schräg stellt. Plötzlich entsteht ein Raum, eine neue Perspektive. Hinzu kommt eine besonders expressive Darstellung, Jesus leidet, die Darstellung besticht durch ihre Drastik.

Abb. 4: Lucas Cranach, Die Kreuzigung Christi

Des weiteren legt er in seinen Gemälden die Landschaften ganz neu an, in mehreren Ebenen nach hinten gestaffelt, z.B. im Bild des Hl. Hieronymus. Für seine Kurfürsten (es waren insgesamt drei: Friedrich der Weise, Johann der Beständige und Johann Friedrich der Großmütige) schuf er Altar– und Marienbilder, die ganz konventionell die Hl. Sippe ins Zentrum stellen bzw. Maria, er, der Maler der Reformation! Doch plötzlich tauchen bei ihm auf den Außenflügeln reale, wiedererkennbare Menschen auf: Kurfürsten, Kaiser usw. Damit beginnt Cranachs Porträtmalerei, in der er ganz deutlich die neue Zentralperspektive verwendet.

Überraschenderweise finden sich bei Cranach auch richtiggehende Kopien z.B. von Hieronymus Bosch. Dazu muß der heutige Betrachter wissen, daß es damals erstens kein Urheberrecht gab und zweitens das galt, was chinesische Kopierer heute noch zu ihrer Entschuldigung vorbringen: eine Kopie ist Ausdruck von Hochachtung für die Qualität des Originals.  Cranach aber geht einen Schritt weiter, er betrachtet seine Kopien als Motivkästen für zukünftige Gemälde und verwendet motivische Elemente von Bosch in späteren Gemälden zur Illustration z.B. der Hölle.

Besonders häufig finden sich bei Cranach Doppelporträts, z.B. eine Professor und seine Frau mit den typischen Attributen: Mütze, Buch und Pelzkragen bzw. Haube und Brokatbesatz; einen Adligen mit Schwert und Jagdhund und seine Frau mit ihrem Hündchen, dem Symbol ehelicher Treue. In solchen Symbolen erzählt der Künstler die Geschichte der Porträtierten.

Was sich schon in den Mariendarstellungen und vielen Altarbildern andeutete, findet auch auf der aktuellen Ebene statt: der Lutherfreund Cranach porträtiert 1526 Kardinal Albrecht von Brandenburg, der ein erklärter Gegner Luthers ist und schließlich sogar ein Kirchenverfahren gegen ihn einleitet. Cranach verhält sich hier als Handwerker und Kaufmann, nicht anders als ein Tischler, der Bänke für eine Kirche anfertigt. In den Gemälden wird erkennbar, daß Cranach bestimmte immer wiederkehrende Bildelemente zur Gestaltung verwendet, was die quasi-industrielle Produktionsweise seiner Werkstatt erst ermöglicht.

Antike Themen:

In Italien hatte die Renaissance längst ihren Höhepunkt erreicht oder gar überschritten, als Cranach zu malen anfing. Italienische Künstler hatten die antike griechische Mythologie wiederentdeckt, vor allem in den überkommenen griechischen Skulpturen oder den erhaltenen römischen Kopien. Cranach war der erste, der diesen Trend in Deutschland aufgriff. In vielen Bildern gestaltete er „Apollo und Diana“, „Venus und Amor“ usw. Es fällt auf, daß seine Frauenkörper wenig anatomische Ähnlichkeit mit richtigen Frauenkörpern aufweisen, aber es gab damals eben keine Aktmodelle, nach denen man hätte zeichnen und malen können, nur Skulpturen, und da waren Frauen meist, zumindest teilweise, bekleidet. Ganz anders die männlichen Körper. Hier konnte die griechische Skulptur als Modell dienen. Männliche Nacktheit war für die Griechen normal.

Abb. 5: Lucas Cranach, Venus & Amor

Cranachs Frauengestalten tragen immer eine modische Frisur, idealisierte Landschaften bilden den Hintergrund. Und damit er dem Markt genügen kann, fertigt er Schablonen an, die als Versatzstücke für viele Gemälde verwendet werden können, was den Arbeitsprozeß wesentlich beschleunigt: „Apollo und Diana „ fünf Mal, „Venus und Amor“ gar 30 Mal. Der Markt verlangte danach, die Werkstatt mußte bezahlt werden, seine Lehrlinge und Gesellen verlangten regelmäßigen Lohn. Und dabei variierte er. Amor war nicht nur der Knabe, der Liebespfeile abschoß, sondern auch der Honigdieb, der, von den Bienen geplagt, flehentlich zu seiner „Mama“ Venus aufschaut. So transportiert er das antike Motiv in seine Gegenwart. Er ist aber ein zu guter Maler, als daß er 30 Mal bloß kopiert hätte. In den zahlreichen Variationen entstehen immer wieder originale Kunstwerke.

Abb. 6: Lucas Cranach, Liegende Quellnymphe

Andere antike, immer wiederkehrende Motive: die „Liegende Quellnymphe“ (22 Mal), die in ihrer räkelnden Nacktheit fast schon pornographisch wirkt; das „Urteil des Paris“, das er in eine thüringische Phantasielandschaft stellt; die „Drei Grazien“ u.a.

Abb. 7: Lucas Cranach, Drei Grazien 

Allegorische Bilder/ Themen:

Hierher gehören Themen wie das „Paradies“, das „Goldene Zeitalter“ u.ä., die Projektionen dieser Zustände in die Zukunft darstellen. Mensch und Tier leben in Frieden, der Löwe frißt das Lamm nicht. Oder „Caritas“, die Nächstenliebe, kümmert sich als Frau um viele Kinder – das Publikum will so etwas und kauft es.

Bilder der Reformation:

Es sind vor allem die vielen Porträts seines Freundes Martin Luther (und seiner Frau Katharina). Am Anfang steht der Kupferstich, der Luther als Augustinermönch darstellt, als einen hageren Menschen mit Tonsur. Auch dieses Motiv wird mehrfach variiert: Luther mit Hemd, in einer Nische usw., als Kupferstich, weil dieser hohe Auflagen ermöglichte. Und daraus erwuchs die weite Verbreitung, die Werbung für die Reformation mit sich brachte, gar Propaganda. Martin Luther, der Reformator, ist in Wort und Bild überall präsent. Cranach illustriert Luthers Schriften, seine Flugblätter und Bücher, die alle in hohen Auflagen erscheinen. Buchdruck und Cranach werden für die Reformation enorm wichtig.

Daß es auch viele Kopien dieses Kupferstichs gibt, ist leicht daran zu erkennen, daß identische Abbildungen seitenverkehrt auf dem Markt waren, was an der Technik des Kupferstichs liegt. Diese Kopien werden aber auch vom jeweiligen Kopierer verändert: der Reformator, vom heiligen Geist beflügelt, mit einer Art Heiligenschein dargestellt usw.

In der zweiten Phase wird der Mönch vom Junker Jörg abgelöst. Kurfürst Friedrich der Weise hatte Luther auf der Rückreise vom Wormser Reichstag entführen und vor Kaiser und Papst in Sicherheit bringen lassen. Auf der Wartburg übersetzte „Junker Jörg“ dann in nur 11 Wochen das NT. In diesen Darstellungen wird die konventionelle Ikonographie angewendet: der bärtige Junker verfügt über ein Schwert.

Erst in der dritten Phase dominiert Martin Luther, der Reformator, nun nicht mehr der hagere und asketische Mönch, sondern der wohlgenährte Reformator und Ehemann, dem das Bier gut schmeckt, das sein „Herr Käthe“ ihm braut.

Abb. 8: Doppelporträt Martin  & Katharina Luther

Cranach malt Hochzeitsbilder und eine Reihe Doppelporträts der Luthers. Etwa alle zwei Jahre entsteht so ein Gemälde, in der Form eines 9,5 cm großen Medaillons, immer mit den typischen Merkmalen des Arbeitens mit Schablonen: während die Gesichter altern, bleibt ihre Kleidung gleich. Ein Doppelporträt gibt es auch von Luther und seinem wichtigsten Mitarbeiter Philipp Melanchthon. Es steht ganz in der Tradition der Doppelporträts des Ehepaars Luther, indem es die enge Beziehung zweier Menschen zum Ausdruck bringt.

Die Reformation:

Lucas Cranach der Ältere besitzt quasi ein Monopol auf Martin Luther und die Reformation.

Cranach ist der Drucker und Illustrator der Reformation, ohne ihn hätten wir keine bildliche Vorstellung jener Zeit, sei es von frühen Bibeln, Flugblättern oder Porträts. Vor allem die farbigen Illustrationen waren sehr aufwendig, da Text und Bild nicht zusammen gedruckt werden konnten und von Hand koloriert werden mußten. Eine Auflage von 3000 Stück verlangte also eine gewaltige Kraftanstrengung, und das mußte zu einem erschwinglichen Preis geschehen. Wer lesen konnte, konnte sich in der Regel so etwas leisten. Durch Cranach wurde die Reformation zum ersten großen Medienereignis der Geschichte. Zusammen mit den vielen anderen Druckern und Nachahmern und Kopierern wurden Graphiken und Flugschriften zu Hunderttausenden gedruckt und vertrieben. Was natürlich einen gewaltigen Alphabetisierungsschub erzeugte.

Abb. 9: und die Ehebrecherin

Daß Cranach auch thematisch revolutionär sein konnte, zeigt z.B. sein Gemälde „Christus und die Ehebrecherin“, die, wie es biblisch belegt ist, gesteinigt werden soll. Der häßliche Mann am linken Bildrand hält die Steine bereits in der Hand, doch Jesus begnadigt sie. Oder das Bild mit Christus und einer Gruppe Kinder. Sie sind in seiner Darstellung nicht mehr mit der Erbsünde belastet, sündige Menschen von Geburt an, sondern unschuldige Kindlein, reine Seelen. Eine radikale Abkehr von der tradierten katholischen Lehre.

Es muß immer wieder betont werden, daß Cranach kein Ideologe war, sondern in seinem eigenen Verständnis Handwerker. Weil seine Brotherren, die Kurfürsten, die vermutlich größte Reliquiensammlung der Welt hatten, die sie im wohl ersten „Museum“ in Deutschland ausstellten, damit ihre Untertanen dorthin pilgern konnten, stellte er dafür Reklamezettel her. Das war ein Auftrag wie andere, Reformation und Freundschaft mit Luther hin oder her. Dieser Handwerker – Künstler bewies immer wieder seine Unabhängigkeit von Kirche, Bischof, Kaiser, den Mächten seiner Welt. Und begann ganz beiläufig, wenn auch nicht bewußt, die Emanzipation des Künstlers vom Handwerk und leitete ein völlig neues Selbstverständnis des Künstlers ein.

Abb. 10: Lucas Cranach im Alter von 77 Jahren, von seinem Sohn Lucas vollendet oder gemalt

Wie anregend der Vortrag war, zeigte sich anschließend in der Diskussion, in der ganz unterschiedliche Themen zur Sprache kamen: individuelle Beobachtungen an Gemälden, „Hexen“, Gegenreformation, Reformation oder Revolution, Luther und die Ablaßbriefe, 95 Thesen an der Kirchentür oder nicht, Maler und Handwerker, Nacktheit – Keuschheit – Unschuld in den Gemälden. Ein ergiebiger Abend.

Nachbemerkung: Am Ende seines Vortrags wies Herlemann auf eine lustige und bizarre Einzelheit hin. Teil des Lucas-Cranach-Grabes in Wittenberg ist eine Tafel, die ein Versehen oder eine Flüchtigkeit oder einen Fehler enthält. In der lateinischen Umschrift des Grabsteins in Wittenberg heißt es (ins Deutsche übersetzt): „Der schnellste Maler und Wittenbergs Bürgermeister, der seiner Tugend wegen drei sächsischen Kurfürsten und Herzögen lieb und teuer war.“ (Nach Meinung einiger Forscher beruht das Wort celerrimus – der schnellste – allerdings auf einem Schreibfehler in der Ausführung und sollte eigentlich „celeberrimus“ – der gefeiertste – heißen.

KH

Abb. 1: Klaus Holzer

alle anderen Abb. entstammen Wikipedia

Wimme

von Klaus Holzer

Eine ganz kurze Straße in Kamen heißt „Wimme“. Sie verläuft zwischen der Dunklen Straße im Westen und der Schulstraße im Osten und führt an der Nord–, der Turmseite der Kirche Heilige Familie vorbei. Geht man geradeaus weiter und folgt der Julius-Voos-Gasse weiter nach Osten, trifft man auf den „Wiemeling“.

Zwei merkwürdige Namen, und doch einander ähnlich. Gehören sie etwa zusammen?

Abb. 1: Das Eckhaus Wimme / Schulstraße, rechts hinten die Wilhelmschule (vgl. Artikel „Schulstraße“),  vermutlich vor 1900

Der Name „Wimme“ geht zurück auf ein mhd. widem(e), das wiederum aus einem ahd. widamo herrührt und in seiner ursprünglichen Bedeutung „Aussteuer“ hieß. Dabei handelte es sich zunächst um die Gabe eines Bräutigams an den Brautvater vor der Eheschließung. Dann merkte man, daß aber vor allem der Ehefrau geholfen werden mußte, da es eher die Regel war, daß der Mann vor ihr starb und die Frau unversorgt zurückblieb. Aus der Zuwendung an den Brautvater wurde also eine an die Ehefrau zu ihrer Versorgung.

Gleichzeitig war ein solches „widum“ das unbewegliche Vermögen einer Kirchenpfründe, in der Regel das Pfarrhaus, das nicht selten das Geschenk eines reichen Gönners an die Kirche war (die Kirche erhob Gebühren für alle möglichen Dienstleistungen, Priester & Pfarrer erhielten, neben einem Gehalt von ihrer Gemeinde, auch Naturalien als Zuwendungen, die Kirchensteuer gibt es erst seit 1919), oft aus seinem Erbe, um sich einen Platz im Paradies zu sichern. Und ihr sonstiges Einkommen mußten sich die Geistlichen sichern, indem sie sogenannte „Stolgebühren“ nahmen, das sind Gebühren für kirchliche Handlungen, zu denen die Stola getragen wurde, z.B. Taufe, Trauung, Begräbnis (es durfte keine Gebühr genommen werden für die Heilige Eucharistie, die Beichte und die letzte Ölung).

Diese beiden Bedeutungen trennten sich im 17. Jh., als mit „widum“ ausschließlich das Pfarrhaus gemeint war. So wissen wir, daß Straßen bzw. Gassen namens „Wimme“ immer Standort eines Pfarrhofs waren.

Der Kamener Pfarrer und Chronist Friedrich Pröbsting berichtet in seiner 1901 erschienenen „Geschichte der Stadt Camen“, daß zu seiner Zeit die Wimme noch „Wieme“ hieß. Der Zusammenhang dürfte also klar sein: „Wiemeling“ ist die Verkleinerungsform von „Wieme“, so wie es z.B. auch Liebling und Säugling gibt.

Abb. 2: Der Beginn des Wiemeling, von der Kirchstraße her gesehen

Und noch etwas: das mittelalterliche Wort lebt heute noch im Verb „widmen“ weiter und hat in den letzten Jahren eine unerwartete Popularität erlebt: Fußballer etwa „widmen“ ihre Tore ihren Freundinnen oder Neugeborenen.

KH

Die Abb. 1 & 2 entstammen dem Büchlein von Fred Kaspar, „Kamen in alten Ansichten“, Bd. 1, Zaltbommel, MCMLXXVI

Claude-Canaday-Straße & Bloomfieldstraße

von Klaus Holzer

Zwei Straßen auf der Lüner Höhe, es gibt sie seit 1978/79, dicht beieinanderliegend, obgleich sie nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, außer vielleicht, daß beide englisch klingen. Wie ist es zu diesen beiden Straßennamen gekommen, und warum ist es richtig, daß sie direkt nebeneinander liegen?

10. April 1945. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands nach dem verlorenen Krieg stand noch einen Monat lang aus, Kamen jedoch kapitulierte an diesem Tag, hißte die Weiße Fahne und ergab sich den Amerikanern. Es begann eine harte, entbehrungsreiche Zeit mit Wohnungsnot und Mangel an allem, was die Menschen zum Leben brauchten. Alles verschärft durch den Zuzug von Flüchtlingen aus den Ostgebieten. Es ging einfach um das nackte Überleben.

Kamener Bürgermeister war der seit 1944 bis zum 19.5.1945 amtierende Ernst Fromme. Die britische Militärregierung, die inzwischen das Kommando von den Amerikanern übernommen hatte, setzte am 19.5.1945 Gustav Adolf Berensmann ein, der bereits von 1924 bis 1932 Kamener Bürgermeister gewesen war. Bevor Gustav Adolph Wieczoreck im Herbst 1946 Bürgermeister wurde, übernahm der dienstälteste Beamte der Kamener Stadtverwaltung, der ehemalige Stadtbaurat Gutsav Reich kommissarisch die Leitung der Stadt.

Abb. 1: Gruß Claude Canadays vom 28. Oktober 1948

In dieser Funktion erreichte ihn aus der Bezirkshauptstadt Arnsberg die Anfrage, ob Kamen gewillt sei, Hilfe aus Bloomfield, einem 16.000-Einwohnerstädtchen (das stellte sich später als Übertragungsfehler heraus, man hatte eine Null zuviel angehängt; vgl.a. die Entstehung der Partnerschaft mit Montreuil-Juigné) in Nebraska/USA, anzunehmen. Dort gebe es einen Farmer namens Claude Canaday, der sich vorgenommen habe, in Deutschland eine ausgebombte Stadt und ihre darbenden Einwohner in der schweren Nachkriegszeit mit Hilfslieferungen zu unterstützen. Reich sagte ja, und es setzte eine lange Reihe von Carepaket-Lieferungen nach Kamen ein. Bloomfield übernahm für Kamen eine Stadtpatenschaft, die Kamen über die schwere Nachkriegszeit hinweghalf und immerhin dazu führte, daß Reichs Tochter und einer seiner Söhne noch im Sommer 1968 nach Bloomfield fuhren und den Kontakt erneuerten. Jahrzehntelang gab es diesen Kontakt, der aber u.a. auch wegen der großen Entfernung zwischen Westfalen und Nebraska niemals richtig ins Laufen kam.

Jetzt aber dürfte es außer diesen beiden Straßennamen kaum noch Gemeinsames zwischen Kamen und Bloomfield geben. Alle Mitglieder der Familie Canaday, die direkten Kontakt mit Kamen hatten, und besonders mit der Familie Reich, sind tot: Claude Canaday, der sie aus tiefem Mitgefühl für die notleidenden Kamener 1946 begründete, sein Enkel Paul 2015, und jetzt als letzter Julian, Claudes Sohn, der am 7. Juli 2016 starb.

Abb 2: von rechts nach links: Herbert Reich, Reinhild Reich, Grace Canaday, Claude Canaday, der Bürgermeister Bloomfields und seine Frau betrachten gemeinsam das Geschenk an die Gastgeber, einen Druck der ältesten bekannten Darstellung Kamens aus den 1840er Jahren, von Süden her gesehen.

Gustav Reich starb 1970, sein Sohn Herbert am 17. Februar 2016. Reinhild Reich, hochbetagte Tochter Gustav Reichs, ist die letzte Lebende, die die alten Bande noch mitgestaltete und bei einem Besuch in Nebraska 1968 für eine Weile intensivierte. Sie betrachtet die frühere Patenschaft, die für sie immer eine Partnerschaft war, als erloschen, da ihrer Ansicht nach auf Kamener Seite kein Interesse daran mehr vorhanden ist.

Robert Badermann, Leiter des Kamener Stadtarchivs, das über zwei dicke Aktenordner zu diesem Thema verfügt, gibt auf Nachfrage an, man habe Bloomfield zu seinem 125jährigen Bestehen gratuliert, doch sei keine Reaktion erfolgt. Es ist also wohl so, daß auf beiden Seiten nicht mehr viel vorhanden ist, das eine engere Beziehung zwischen den beiden Städten erlaubte.

Nachdem also fast alle direkt Beteiligten gestorben sind und die Nachkriegszeit lange zurückliegt, ist es vielleicht auch kein Wunder, daß diese Beziehung zu Ende gegangen ist. Die Besuche in beiderlei Richtung waren immer auf einen kleinen Personenkreis beschränkt und waren auch sehr selten. Die junge Kamener Generation weiß von der Großzügigkeit Bloomfields nichts. Kamener, die von den Lebensrettungsaktionen Claude Canadays und seiner Mitbürger für den besiegten Feind in Deutschland profitierten, gibt es nur noch sehr wenige, und die sind alt. Und die räumliche Entfernung trug das Ihre zur zeitlichen bei. Ein Kapitel Kamener Nachkriegsgeschichte scheint abgeschlossen.

KH

Abb. 1 & 2: Reinhild Reich