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„Die Primitiven“

von Klaus Holzer

Nach der 1000 Jahre währenden kulturellen Starre, nach der totalen Niederlage Deutschlands 1945, nachdem der Wiederaufbau des zerstörten Kamens tatkräftig angegangen worden war und das begann, was später das „Wirtschaftswunder“ genannt werden sollte, hatte man auch in Kamen den Willen und die Zeit, sich Neuem zu öffnen. Nach der pompös-kitschigen Kunst der Nationalsozialisten griffen junge Kamener Künstler begierig die meist aus den USA herüberströmenden neuen Ideen auf und widmeten sich der abstrakten Kunst, trafen jedoch auf viel Unverständnis (vgl. Artikel „Die Gruppe Schieferturm“).

Und auch im Alltagsleben der 1950er Jahre tat sich viel. Der Lebensstil vor allem der Jugend änderte sich, der der Alten wurde offen abgelehnt. Zu Hause stand die Tütenlampe neben dem Nierentisch, an einer repräsentativen Stelle in der „guten Stube“ die Musiktruhe. Radio war das normale Medium für die ganze Familie, an Sonn– und Feiertagen wurden die fünf oder sechs Schallplatten aufgelegt, die man besaß. Viele besaßen auch schon ein neues Auto, natürlich einen Käfer, was denn sonst? Man wußte: „der läuft und läuft und läuft“! Und allmählich bürgerte es sich ein, damit in den Urlaub zu fahren, besonders gern nach Rimini auf den „Teutonengrill“ an der Adria. Wer noch keinen Käfer hatte, fuhr mit Touropa nach Oberstdorf oder Ruhpolding.

Der Toast Hawai war der kulinarische, weil exotische, Höhepunkt vieler Speisekarten. Zu Hause gab es jetzt oft was Neues zum Nachtisch: Ananas oder Mandarinen aus Dosen, am besten mit Schlagsahne, die oft von der italienischen Eisdiele am Markt geholt wurde. Manchmal auch Joghurt, von dem man wußte, daß Ilja Rogoff so uralt geworden war, weil er ihn jeden Tag mit Knoblauchpillen aß. Und zum Essen zu Hause (Ausgehen zum Essen gab es so gut wie nicht) leistete man sich nun einen guten Tropfen lieblichen Weins. Kam die Verwandtschaft am Sonntagnachmittag zu Besuch, gab es nach Kaffee und Kuchen Eierlikör oder Eckes Edelkirsch(likör) für die Frauen, die Männer zogen Asbach Uralt („Im Asbach Uralt liegt der Geist des Weines“) Chantré vor. Bei Gesellschaften gab es Erdbeerbowle. Man war wieder wer. Vor allem nach der Fußball-WM 1954, wo alle Zimmermanns „Rahn müßte schießen! Rahn schießt! TOOOR! TOOOR! TOOOR!“ hörten.

Die Jugend saugte begierig alles Amerikanische auf. Man kaute Kaugummi, ganz lässig. Als Musik kam der Rock’n Roll auf, ein ganz neuer Klang und Rhythmus, zu dem man tanzen konnte, wozu immer auch akrobatische Einlagen gehörten. Bevor Elvis Presley bekannt wurde, waren es vor allem Bill Haley and His Comets, die für Furore sorgten. Wer war nicht elektrisiert von Liedern wie; „Rock Around the Clock“ und „See you later, Alligator“? Und Elvis Presleys „Shake, Rattle and Roll“? Im Kino waren Filme wie „Die Saat der Gewalt“, „Jenseits von Eden“, „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“ Erfolge, vor allem wegen eines jungen Schauspielers, der alles zu verkörpern schien, wonach sich viele sehnten: den jugendlichen, aufsässigen Helden, der sich nicht unterkriegen ließ von den etablierten Mächten: James Dean. Viele Jungen trugen seine Frisur und seine Hosen, die damals „Nietenhosen“ hießen und der Jugend vorbehalten waren. Heute sind sie als Jeans an Jung und Alt gleichermaßen zu sehen, aber nicht immer zu bewundern. Für Mädchen (die damals noch nicht „junge Frauen“ waren) kamen natürlich Hosen gar nicht in Frage, das war „unmädchenhaft“, sie trugen Kleid oder Rock, und wenn sie sich „feinmachten“ oder in die Tanzstunde gingen, immer mit Petticoat, der sich 10 Jahre lang bis zum Siegeszug des Minirocks hielt.

Da die allermeisten Jugendlichen schon ab dem Alter von 14 Jahren arbeiteten, war Ausgehen auch für sie selten, und wenn, dann ging’s in den italienischen Eissalon am Markt 17 oder in die Milchbar, die in der Bahnhofstraße 58 unter den Arkaden war. Das war etwas so Neues, daß Oberstudiendirektor Günter Schwabe des hiesigen Städtischen Neusprachlichen Gymnasiums per Rundlauf durch alle Klassen bekanntmachte, daß sich kein Schüler seiner Anstalt dort sehen lassen dürfe, bei Androhung eines Schulverweises! Verruchter Ort! Und dabei gab es dort keinen Alkohol, sondern nur Milchmixgetränke! Und hier, wie auch in allen Kneipen im „sündigen Kamen“, von denen es wahrhaftig genug gab, sorgten Musikboxen dafür, daß Bill Haley und, mehr und mehr, Elvis Presley ständig zu hören waren. Für 20 Pfennige gab es eine Single, für 50 Pfennige drei zu hören. Und dazu schlürfte man seinen Milk Shake per Strohhalm, der oft genug tatsächlich noch aus Stroh war.

Tja, das war’s mit der Unterhaltung für Jugendliche in Kamen, außer Sport, den es immer und überall gab. Um nicht nur herumzuhängen, suchten alle nach nicht-sportlichen Freizeitbeschäftigungen. Da traf es sich gut, daß in einer Jungenklasse des Gymnasiums (von Koedukation war keine Rede, Jungenklassen waren die – klar – a, Mädchenklassen die – natürlich – b) mehrere Schüler saßen, die verschiedene Instrumente spielten und sich eines Tages einfach zusammensetzten und gemeinsam spielten, in der merkwürdigsten Besetzung, von der die europäische Musikgeschichte weiß:

Gunter „Einstein“ Hagemann– Trompete, Waldhorn

Dietmar „Lutz“ Scherff– Klavier

Klaus „Ede“ Holzer– Akkordeon

Reinhard „Nelly“ Elger– Gitarre

Hans Günter „Justus“ Liebich– Kontrabaß

Theo van Vügt– Schlagzeug

 

Anfangs durchaus angemessen war wohl der Name, den die Gruppe sich gab: „die primitiven“. Was die sechs spielten, ist nicht überliefert. Und auch nicht, ob sie als einheitliche Combo auftraten, doch zeigen alte Photos, daß zu ihrer Musik eifrig getanzt wurde. Ihr erster Auftritt war beim Klassenfest der UII a (Untersekunda, heute Klasse 10) am 7. Dezember 1957 im Hotel Biermann (heute Hotel „Stadt Kamen“) am Markt. An Mädchen für solche Veranstaltungen zu kommen, war gar nicht schwer, gehörte doch der Tanzkurs zu den quasi Pflichtveranstaltungen, die Jungen der U II a (Untersekunda, Klasse 10) lernten Tanzen mit den Mädchen der OIII b (Obertertia, Klasse 9).

Was sie spielten und wie diese Instrumente miteinander harmonierten, ist ebenfalls nicht überliefert. Für einen ganzen Abend reichte das Repertoire nicht, zwischendurch wurden Schallplatten aufgelegt, damit die Musikusse auch tanzen konnten. Und es herrschte auch Unsicherheit, ob man eventuell andere Instrumente brauchte. Es wurde experimentiert. Einer probierte dieses aus, ein anderer ein anderes.

Aber diese Musik, zufällig und „stillos“, konnte auf Dauer nicht befriedigen. Sie suchten nach Neuem und fanden es, wie die gleichaltrigen bildenden Künstler der „Gruppe Schieferturm“, in dem, was aus Amerika kam, dort der abstrakten Kunst, hier dem Jazz, den sie konsequent „jazz“ und nicht „dschäss“ aussprachen. Zwar war die vorherrschende Richtung des Jazz in den 1950er Jahren bereits der Bebop, doch so modern wollten die Jungs nicht sein. Ihnen gefiel der traditionelle Jazz, der mitreißende Dixieland, besser. Er ist glatter, eingängiger und, weil schwungvoller, besser zum Tanzen geeignet als der Bebop, also genau das, was Jugend zu der Zeit suchte. Und noch etwas, das vor allem heutige Jugendliche befremden dürfte: es gab keine Mikrophone, keine Verstärker, keine Lautsprecherboxen, keinen Soundcheck, kein Mischpult, an dem ein Techniker für die „richtige“ Verteilung der Stimmen sorgte. Und Schummeln per Karaoke also auch nicht. Alles mußte echt sein, das, was das Publikum hörte, mußten die Musiker auf der Bühne direkt produzieren.

Was ist das eigentlich, Dixieland Jazz? Im Kern ist das eine epigonale Musikgattung. Das Original war der „schwarze“ New Orleans Jazz, der seit den 1890er Jahren von Marching Bands bei den Beerdigungen (Funeral Marches) und dem Mardi Gras (Karneval in New Orleans/Louisiana, das ursprünglich eine französische Kolonie war) entstanden war und wesentliche Elemente des Blues enthielt, z.B. das 12-taktige Harmonieschema. Die bekanntesten Bands waren Joe „King“ Oliver’s Creole Jazz Band (Kreolen brachten das spanisch-französische Element in diese Musik), Kid Ory’s Olympia Band, „Jelly Roll“ Morton’s Red Hot Peppers (eher am Ragtime orientiert), die New Orleans Rhythm Kings und, natürlich, Louis Armstrong’s Hot Five und Hot Seven.

Diese Marching Bands begründeten auch die typische Instrumental-besetzung, mußten es doch Instrumente  sein, die sich beim Marschieren mitführen und spielen ließen: die Trompete bzw. das Kornett führte, spielte die Melodie, die bewegliche Klarinette umspielte sie, die Posaune gab das harmonische Fundament, setzte glissando-ähnliche Schleiftöne und unterstützte die Rhythmusgruppe, die zumeist aus Banjo, manchmal auch Gitarre, Tuba bzw. Sousaphon und Schlagzeug bestand. Wenn in geschlossenen Räumen gespielt wurde, ersetzte oft der Kontrabaß das Sousaphon und das Klavier wurde zum Mittler zwischen Melodie– und Rhythmusgruppe. Wichtig war, daß die Schläge auf 2 und 4 kamen, nicht auf 1 und 3, wie in der hiesigen Musik.

Diese Musiker begründeten den Ruhm so vieler „Themen“ wie Tiger Rag, When the Saints go Marchin’ in, St. Louis Blues, At the Jazz Band Ball, Darktown Strutters’ Ball, Memphis Blues, Tin Roof Blues, Muskrat Ramble. Besonders berühmt, und ein Muß für jeden Klarinettisten, der auch nur eine Spur Selbstachtung hatte, war das Klarinettensolo in High Society von Alphonse Picou, einem kreolischen Musiker aus New Orleans. Was natürlich den Klarinettisten der „primitiven“ anstachelte, zu üben, zu üben, bis es saß. Und der Ton durfte nicht „rein“ sein. Um möglichst authentisch zu sein, setzte er seine Stimmbänder als begleitendes Brummen beim Klarinettenspiel ein. Das klang erwünscht rauh.

Weiße Musiker fanden diese „schwarze“ Musik so mitreißend, daß sie sie imitierten, aber gleichzeitig glätteten. Die hieß dann Dixieland Jazz nach der Bezeichnung für die Südstaaten der USA: Dixieland. Und der wanderte nach Norden, wurde zum Chicago Jazz, aber auch in New York heimisch.

Und mit den amerikanischen Siegertruppen kam er nach Deutschland und somit auch nach Kamen. Im September 1958 ging’s los, im „Bandkeller“ im Haus Mühlenweg 1 (heute Mühlentorweg). Und die anfangs fünf Jungen („Einstein“ Hagemann war am Ende der Untersekunda mit seiner Familie weggezogen) merkten schnell, daß so etwas ohne regelmäßiges Üben nicht ging. Zu Hause mußte jeder versuchen, sein Instrument technisch so gut zu beherrschen, wie es eben ging, bei der wöchentlichen gemeinsamen Probe einigte man sich auf die Auswahl der Stücke und das Ensemblespiel. Wie ging das vor sich? Jazz wurde ja nicht in Noten niedergeschrieben, die man einfach kaufen konnte, und dann spielte man vom Blatt ab. Jazz ist eine Improvisationsmusik, d.h., es gibt wohl eine melodische und harmonische Struktur, die einem Stück zugrundeliegt, vor allem beim Dixieland, doch muß jeder einzelne damit kreativ umgehen können, diese Melodie paraphrasieren, abwandeln, frei umsetzen, kurz, etwas Neues daraus machen.

Der erste Schritt war immer: man mußte ein Stück hören und nachspielen. Also saß jeder zu Hause vor dem Plattenspieler und hörte und hörte und hörte Jazz, bis verzweifelnde Eltern das Ende der Veranstaltung durchsetzten. Und regelmäßig saßen alle vor dem Radio und lauschten der obersten Autorität in Sachen Jazz in Deutschland, dem Journalisten und Jazzkritiker Joachim

E.(rnst) Behrend. Der hatte auch das damals in Deutschland maßgebliche Buch über die Geschichte des Jazz verfaßt, „Das Jazzbuch“ von 1953, das für den einen oder anderen „primitiven“ zur Bibel und ständigen Lektüre wurde. Und wenn die Trompete die Melodie „draufhatte“, war es vor allem Nelly Elger, der sich die Mühe machte, die Harmoniefolge zu ergründen, sofern es nicht der einfache 12-taktige Blues war. Dann kam der entscheidende Augenblick, zu dem man aus der Schallplattenmusik etwas eigenes machen mußte. Jetzt mußte das neue Stück arrangiert werden: Melodieführung, Tutti, Soli, Chorus, Breaks, Dynamik usw.

Vorbilder für die Kamener Jazzer waren, natürlich, Louis Armstrong und seine Hot Five und Hot Seven, besonders sein Posaunist Jack Teagarden hatte es ihnen angetan. Er konnte beim Übergang von einer Phrase zur nächsten seine Posaune so markant über eine Quart oder sogar Quint „hochziehen“, daß allen ganz heiß wurde. Dauernd wurde der arme Justus Liebich bekniet, genau so zu spielen. Der aber war auf dem Weg, Berufsmusiker (er landete später bei den Bamberger Symphonikern!) zu werden und befürchtete, seinen „Ansatz“ (Stellung der Lippen auf dem Mundstück) zu beschädigen. Er „entschädigte“ die anderen dafür mit einem Lippentriller („Das ist extrem schwer“), den diese jedoch für nicht jazzmäßig hielten, ob schwer oder nicht. Zu den Vorbildern gehörten auch Eddie Condon, Pete Fountain und die Dukes of Dixieland. Dazu der damals schon in Paris (Paris hatte seinerzeit eine überaus lebendige Jazzszene. Jazz in Jazzkellern und Existenzialismus gehörten zusammen) lebende schwarze Amerikaner Sidney Bechet mit seinem Sopransaxophon.

Selbstverständlich gab es auch europäische Dixieland-Vorbilder. Das waren meistens Engländer: Chris Barber’s Jazz Band (bekanntestes Stück: Ice Cream), Acker Bilk (schnell als etwas süßlich empfunden), Ken Colyer (zum Big Band Jazz neigend), Monty Sunshine (der von Chris Barber kam und mit seinem „Petite Fleur“ einen Verkaufserfolg hatte), Kenny Ball (der aber nicht die Popularität der anderen erreichte), und ganz besonders auch die holländische Dutch Swing College Band (die für die Kamener unerreichtes Ziel blieb). Später auch noch die dänische Papa Bue’s Viking Jazzband (die aber schnell langweilig zu werden drohte, weil ihre Musik zu glatt war).

Daß Musik verbindet, eine Binsenweisheit, zeigte sich fast 30 Jahre später. Als der Klarinettist Mitte der 80er Jahre auf einer Reise in Nordengland war, verbrachte er auch zwei Nächte im City Hotel in Leeds. Als der Wirt an der Rezeption den Eintrag im Gästebuch las, stutze er und fragte: „Sie sind aus Bergkamen? Das kenne ich. Da habe ich schon mehrmals gespielt.“ „Was denn?“ „In einem Gasthaus auf dem Lande, Schmulling, glaube ich, hieß das. Ich bin Monty
Sunshine. Ich habe dort mit Chris Barber gespielt.“ Das gab einen herrlichen Abend voller Erinnerungen.

 

Seit Herbst 1958 wurde in neuer Besetzung musiziert:

Klaus „Ede“ Holzer (Klarinette, cl., Bandleader, bl. Damit war nicht viel Arbeit verbunden, man mußte bloß den Takt und damit das Tempo vorgeben, alles andere war gemeinsame Planung: wo treten wir auf, was spielen wir usw.),

Lothar Emminghaus (Trompete, tr.),

Hanns Günter „Justus“ Liebich (Posaune, tb.),

Dietmar „Lutz“ Scherff (Klavier, p.),

Reinhard „Nelly“ Elger (Banjo & Gitarre, bjo, g.),

Werner „James“ Morck (Baß, b.) und

Theo van Vügt (Schlagzeug, dr.).

Die Trompete wurde meist „Horn“ genannt, die Klarinette „Wurzel“, das Schlagzeug „Schießbude“. Der Name „die primitiven“ wurde nicht geändert. Zum einen war er eingeführt, zum anderen wollte man sich auch bewußt von all den Dixielanders, Stompers und Ramblers absetzen.

 

Es wurde intensiv geprobt, alle nahmen ihre Musik sehr ernst. Z.B. ist noch ein Zettel erhalten geblieben, mit dem sich der Posaunist Justus entschuldigte: „Habe heute von 2 – 6.00 in Dtmd. Probe. Kann also erst um 18.45 in Kamen sein. Entschuldige mich. Hanns.“ Am 30. Oktober 1958 wurde auch die Lokalpresse auf die neue Jazzband aufmerksam: zum ersten Mal in der Zeitung! In der Westfalenpost lasen die Kamener damals, daß diese Band beweise, daß sie keine Halbstarken seien, sondern eine „Rasselbande, die ihr Leben zu meistern versteht“. Alte Photos belegen, daß die Jungs zu allen Veranstaltungen Anzug, Hemd und Schlips trugen! Als Sechzehn–, Siebzehnjährige! Selbst, wenn es zum „Jammen“ in die Natur ging!

Im Frühjahr 1959 gab es den ersten, noch halböffentlichen, Auftritt in dieser neuen Formation, beim Klassenfest der OIIIb (Obertertia Mädchen). Doch am 30.4.1959 war es endlich soweit, der erste „richtige“ öffentliche Auftritt: Jazzbandball im Hotel Biermann am Markt. Die Eintrittskarten wurden selbst hergestellt. Der Besuch war gut, die Resonanz auf die Musik auch. Und dann ging’s Schlag auf Schlag: Jazzbandbälle am Abend, Jazztanztees (verbindet dieses Wort nicht wunderbar das Althergebrachte mit dem Modernen?) am Nachmittag. Es gab Veranstaltungen mit 250 – 300 Besuchern! Woher nahm diese „Rasselbande“ bloß die Courage, Hotelsäle auf eigenes Risiko anzumieten? Wenn etwas schiefgegangen wäre – Geld für einen wie auch immer gearteten Schadenersatz war nirgends in Sicht. Als Lothar Emminghaus die Band verließ, kam Dieter „Ditz“ Hanke als neuer Trompeter hinzu, und Peter Paul Schulze, allgemein „Beppo“ oder „Meier“ gerufen, mit dem Helikon, das er vom katholischen Posaunenchor geliehen hatte. Dort gab es auch Stunden, spielen mußte er dort natürlich auch. („Meier“ war am flexibelsten, er sprang immer dort ein, wo Not am Mann war und versuchte sich an der Gitarre, übernahm auch das Klavier, nahm immer wieder Stunden).

Inzwischen wuchs der Ruf der Gruppe, Engagements bei Vereinen und Organisationen folgten: SGV-Jugend, Landjugend Heeren, Kamener Skigilde, DAG-Jugend, DGB-Jugend, Junge Union, Lüner Jugendring, die Gemeinde Fröndenberg zum Besuch aus der französischen Partnerstadt Bruay, aber auch das Schulfest des Gymnasiums Kamen, über das die Westfälische Rundschau berichtete: „Als kurz nach Mitternacht die letzten flotten Tanzrhythmen verklangen, machte die Ansicht bei allen Teilnehmern bereits die Runde, eines der schönsten Schulfeste der letzten Jahre erlebt zu haben.“

Natürlich spielte die Band beim traditionellen Bücherverbrennen der Abiturienten 1960 auf dem Markt.

Und als im Westentor-Theater, einem der drei (!) Kamener Kinos, der Film „Jazz-Banditen“ gezeigt wurde, spielten „die primitiven“ als Vorprogramm.  Und es gab auch Privateinladungen. Z.B. spielten sie einmal in einer prächtigen Villa in Schwerte, von wo besonders viele besonders hübsche Mädels in Erinnerung blieben.

Immer wieder wird aus der Berichterstattung in den Kamener Zeitungen deutlich, eine wie fremde Musik der Jazz damals war. Es gab keinen Artikel, der nicht kurz erläuterte, was Dixieland Jazz sei, worin der Unterschied zum Modern Jazz bestehe, in dem Verwunderung darüber ausgedrückt wurde, daß auch Erwachsene zu solchen Veranstaltungen kamen. Und sie nannten den Jazz damals, halb das Fremde anerkennend, halb abwertend „Negermusik“, brachten ihn auch mit den wirklichen oder vermeintlichen Auswüchsen im Umfeld des Rock’n Roll in Verbindung, zählten doch jugendliche Musiker sonst generell zu den „Halbstarken“.

Natürlich wäre diese Band zerbrochen, wenn ihre Mitglieder sich nicht auch privat gut verstanden hätten. Gemeinsam fuhren sie in die Ferien, mit dem Fahrrad an den Möhne–,  den Sorpe– und den Edersee. Nie ohne Instrumente, selbst im Wald, beim Zelten, wurde gespielt.

Der Aufstieg ging weiter, nicht nur lokal, auch regional. Am 11. Oktober 1959 trat die Band bei einem Konzert in Schwerte auf, gemeinsam mit dem international bekannten Dortmunder Pianisten Günter Boas, der sogar schon mit der Jazzlegende Louis Armstrong zusammen gespielt hatte.

Außer Günter Boas mit seiner Rhythmusgruppe waren auch dabei: Papa Joe’s Jazz Babies, das Modern Jazz Quintet, „die primitiven“. Die hatten Erfolg mit folgenden Titeln: Sheik of Araby, Bluin’ the Blues, Thriller Rag, Down by the Riverside, Careless Love, The Eyes of Texas are Upon you. Vor diesem Konzert war Dietmar Scherff ausgeschieden, Beppo Schulze trat an seine Stelle, haute in die Tasten.

Es folgte „Strippe“ auf „Strippe“: Konzert, Tanz, Jam Session. Wolfgang Baer, Leiter des Kamener Bildungswerks (heute VHS; Wolfgang Baer trat später mit Jürgen von Manger auf, war sein ständiger Begleiter auf den Ruhrgebietsbühnen; auch „die primitiven“ traten einmal mit Manger auf, im damaligen Westentor-Theater, einem Kino an der Lüner Straße) lud im Herbst 1959 Glenn Buschmann (Kapellmeister und Klarinettist des Kammerorchesters der Stadt Dortmund, aber auch Jazzer) nach Kamen ein, um den Kamener Jungs etwas mehr Theorie und angeleitete Praxis angedeihen zu lassen: Harmonielehre, Improvisation, Ensemblespiel. Und „die primitiven“ lernten begeistert, ihr Bandname war inzwischen nur noch ironisch zu verstehen. So war es vielleicht gerechte Belohnung, daß sie das neue Jahr 1960 mit Jazz bei Biermann einleiten durften, zusammen mit dem Glenn-Buschmann-Quartet. Um Mitternacht wurde die Musik kurzerhand aus dem Saal nach draußen auf den Markt verlegt. Aus allen Kneipen rundherum kamen die Gäste ebenfalls nach draußen und tanzten. Kein Wirt ließ es sich nehmen, mit einem Tablett voller Bier zu kommen, und die Musiker griffen freudig zu. Eine Dreiviertelstunde lang war auf dem Markt eine Bombenstimmung.

 Und Wolfgang Baer lud die Wupper City Stompers und die Slant Tower Town Dixielanders, eine neue Kamener Formation, zusammen mit den „primitiven“ zum Konzert am Samstag, 2. April 1960 im Gymnasium Kamen ein. Die Aula im alten Gebäude (heute Diesterwegschule) war rappelvoll. Und weil die Bands sich gerade bei einer gemeinsamen Jam Session nach dem  Konzert

kennengelernt hatten, verabredete man sich für den Sonntagmorgen: bei wunderschönem Wetter gab es für die Kamener ein Gratiskonzert auf dem Markt, dem sogar eine Polizeistreife im Dienstwagen mit Vergnügen lauschte, statt wegen ruhestörenden Lärms einzuschreiten, auch wenn Wilhelm Busch einst dichtete: „Musik wird oft als Lärm empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden.“ Und es tauchte ein inzwischen regelmäßiger Gast auf, Walter Schipper, ein Kamener, der im Dortmunder Sinfonieorchester als Geiger beschäftigt war, in seiner Freizeit aber als Trompeter viel populäre Musik spielte und u.a. bei den Tanztees der „primitiven“ regelmäßig mit seinem „Horn“ erschien und sich mit einem besonders spektakulären Stück einführte: „Cherry Pink and Apple Blossom White“, das Pérez Prado mit seinem Orchester 1955 populär gemacht hatte.

Das Beispiel der „primitiven“ machte Schule. Die Slant Tower Town Dixielanders spielten guten Jazz in der Besetzung Escher (Trompete); Jürgen Neff (Posaune), Herbert Storin, (Klarinette), Karl-Ernst Pekoch (Schlagzeug), Heiner Busch (Piano), Bille (Gitarre & Banjo) und Dietmar Scherff (Tuba). Und fast gleichzeitig gründeten sich auch die „Kellerasseln“: Norbert Köckler (Trompete), Fritz Borgmann (Klarinette), Rüdiger Noltmann (Posaune), Jochen Barz (Klavier), Reinhard Heimel (Gitarre) und Friedrich Schwakenberg (Schlagzeug).

Beim Jazztanztee am 10. Juli 1960, zusammen mit der Modern Swing Group, einer Profi-Band, war ein neuer Schlagzeuger zum

ersten Mal dabei, Peter „Pitt“ Fey, der neuen Schwung in die Rhythmusgruppe brachte, und der bald für seine dynamischen und rhythmisch sicheren Schlagzeug-Soli bekannt wurde und beispielsweise bei einem Jazzbandball im Casino in Unna 300 (!) Tänzer zu Begeisterungsstürmen  hinriß. Sie hörten auf zu tanzen und hörten fasziniert zu. Und es kam immer ganz besondere Stimmung auf, weil alle mitsingen konnten, wenn die Band Nummern spielte wie Chris Barbers „Ice Cream“, auf das sich für die Kamener „Sch… Cream“ reimte und „Dinah“ mit der Reimzeile „… ist viel länger als meinah“. Aber das passierte immer erst später am Abend.

Wie oben schon einmal erwähnt, fuhren die Freunde auch oft zusammen in die Ferien. 1961 war Scharbeutz an der Ostsee das Ziel. Alle fuhren mit der Bahn, nur Pitt hatte ein Auto, einen rassigen Karmann Ghia, dessen zweiter Sitz durch die Schießbude belegt war. Gleich am zweiten Tag gingen sie zur Strandpromenade in Timmendorfer Strand und machten auf dem Steg Musik. Es dauerte nur Minuten und das Tanzen ging los. Es herrschte eine so gute Stimmung, daß alle sich einig waren, morgen geht’s weiter. Am nächsten Abend jedoch lag eine große Motorjacht am Steg. Nach einer Weile Musik kam dann ein Mann aus dem Boot auf „die primitiven“ zu und lud sie ein, aufs Schiff zu kommen und dort weiterzuspielen. Für Getränke wäre gesorgt. Das Steg-Publikum protestierte heftig, aber die Kamener erlagen der Versuchung. Und trafen auf eine illustre Truppe: die Jacht gehörte dem Sohn von Oskar Kokoschka, einem bekannten Maler, der u.a. den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer porträtiert hatte. Bei ihm war Gustav „Bubi“ Scholz, mehrfacher Deutscher und Europameister in verschiedenen Gewichtsklassen im Boxen, Bibi Johns, bekannte Schlagersängerin und Bully Buhlan, ebenfalls Schlagersänger und nicht minder bekannt. Es wurde ein prächtiger Abend, danach ein schwieriger Morgen, dazwischen eine große Lücke. Am nächsten Morgen war die Jacht weg, aber die Erinnerung wieder da.

Einige  Abende später gab es einen weiteren Höhepunkt. Damals gab es in allen Seebädern sogenannte „Jekami-Abende“, das „Jeder-kann-mitmachen“-Motto gab den Kurgästen (entsprechend war das Durchschnittsalter der Besucher) die Möglichkeit, ihre Talente zur Schau zu stellen und, natürlich, eine für den Veranstalter besonders preisgünstige Möglichkeit, die jeweilige Strandhalle zu füllen, da es über geglückte und auch nicht geglückte Vorführungen immer viel zu lachen gab und außerdem alle Freunde, Bekannten und die weiteren Gäste aus allen Pensionen mitkamen, um bei der Abstimmung über den Sieger ihre Freunde zu unterstützen. Zwischendurch spielte das Hausorchester gediegene Tanzmusik. Natürlich waren „die primitiven“ eines Abends dabei, in der Besetzung Trompete, Klarinette,Banjo, Piano, Schlagzeug. Die Band kam als letzter Wettbewerber des Abends dran. Keiner hatte mit Dixieland am Ende des Abends gerechnet, und schon gar nicht, daß das der Höhepunkt werden sollte. Eine Zugabe. Eine weitere Zugabe. Noch eine. Irgendwann war dann Schluß. Und die Band bekam ein richtiges Abendessen (da ansonsten, bei nicht sehr fortgeschrittenen Künsten, Selberkochen im Zelt angesagt war, hochwillkommen) und kostenlose Getränke.

In einem Städtchen wie Kamen, das damals nur rund 20.000 Einwohner hatte, kannte man sich, die Maler der „Gruppe Schiefertum“ und „die primitiven“. Man half einander. Damit die Musiker ihre Bälle und Tanztees mit Besuchern füllen konnten, mußte man ja werben. Plakate drucken? Wie bezahlen? Ulli Kett (vgl. Artikel „Ullrich Kett“ und „Die Gruppe Schieferturm“), ein ganz junger Maler, später sehr bekannt, der auch auf der Art Cologne ausstellte und verkaufte, malte zu jeder Veranstaltung der „primitiven“ 10 Plakate, einzeln, von Hand, individuell! Natürlich wären das heute Sammlerstücke! „Die primitiven“ revanchierten sich, indem sie im Sommer 1960 zur Eröffnung einer Kunstausstellung der „Maler unterm schiefen Turm“ vor der Martin-Luther-Schule am Koppelteich aufspielten.

 

 

 

Besondere Begeisterung herrschte unter den „primitiven“ immer, wenn bekannte Jazzgrößen zu Konzerten in der Gegend auftauchten, z.B. einmal George Lewis in Dortmund. Da muß man hin! Aber wie? Theo wußte von einem ausrangierten Lloyd-Kleinbus, abgemeldet, ohne Nummernschild, aber mit Zündschlüssel. Doch keiner der „primitiven“ hatte einen Führerschein. Einer der Bekannten aus der weiteren Umgebung der Musiker, Hermann, war der einzige Führerscheinbesitzer und übernahm gelegentlich Taxidienste für die Band. Also Hermann anheuern. Das Problem mit den Nummernschildern war schnell gelöst, die konnte man selber herstellen. Bei der Fahrt nach Dortmund merkten die „primitiven“ allerdings sehr schnell, warum der Wagen außer Betrieb gesetzt worden war. Hätte diese Fahrt nur etwas länger gedauert, wäre die Karriere der „primitiven“ an dem Nachmittag beendet gewesen. Sechs Leute saßen hinten drin, dicht eingehüllt in Abgas, das aus dem undichten Auspuff direkt in den Innenraum geblasen wurde! Alles hustete und stöhnte, die Augen tränten. Aber das Konzert war wunderbar.

Auch wenn nicht jede Zeitungskritik positiv ausfiel, manch ein Kritiker sehr kritisch war („Zu schwer für die primitiven“ lautete das Urteil nach einem Konzert in Weddinghofen, „Jazz aus Datteln und Kamen, wie er nicht sein soll“ nach einem in Lünen), die Band ließ sich nicht entmutigen, übte weiter, verstärkte ihre Bemühungen. Schließlich fühlte sie sich gewappnet, bei einem Wettbewerb am 15. Januar 1961 im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen anzutreten. Der 4. Platz war die Belohnung. Und bei der Vorausscheidung zum 1. NRW JAZZ & SKIFFLE JAMBOREE in Borken wurde sie gar Erste! Das wurde gewaltig gefeiert, mit den Fans, bei Willi Neff in der Pilsstube. Daher lief’s beim  Wettbewerb am nächsten Tag (vor 3.000 Zuschauern und –hörern!) dann nicht ganz so gut, nur 5. unter sechs Wettbewerbern (die Juroren vom Samstag erkannten „die primitiven“ nicht wieder), aber das war kein Grund, Trübsal zu blasen, schließlich war man, wie die Zeitungen betonten, die einzige Kleinstadtband, die es ins Finale geschafft hatte.

Und auch die Fahrt nach Borken war ein Abenteuer, man sollte wohl eher sagen: ein neuer Gipfel an Leichtsinn. Wie gesagt, Autos waren rar, da nahm man, was so eben zur Verfügung stand. Die Rückfahrt, eine Nachtfahrt, ist in sehr (un)guter Erinnerung geblieben. In einem schon damals alten Käfer saßen wiederum sechs Jungen, zusammengekauert unter dem Kontrabaß, der vorn rechts beim Seitenfenster herausguckte. Es war eng, ungemütlich, kalt, Hermann kam nicht an den Schaltknüppel, schrie immer: „Den 2. Gang! Den 3.! Den 4.!“ und dann griff derjenige, der drankam, zu und schaltete, so gut es ging. Die Koordination war nicht ganz einfach. Und zwischendurch gingen immer wieder die Scheinwerfer aus, auf einer kurvenreichen Strecke! Aber auch diese Fahrt ging gut.

Die Band war viel herumgekommen und hatte andere Bands kennengelernt, Bekanntschaften, Freundschaften geschlossen. Für den 15. April 1961 kündigten die Kamener Zeitungen ein „Jazzereignis in Kamen“ an. Die Coal City Jazzband wurde für ein „Jam-Session-Stelldichein“ mit den „primitiven“ bei Biermann angekündigt. Die Bochumer galten als die „anerkannt beste Dixielandband in Nordrhein-Westfalen“. Sie waren Gewinner des Ruhrfestivals in Essen und hatten das Jazzjamboree um das „Goldene Kornett“ in Gelsenkirchen gewonnen. Der Saal war denn auch überfüllt, die letzten Besucher saßen auf Küchenhockern. Und wieder ging’s am nächsten Morgen auf dem Markt weiter. Hunderte Zuhörer verabschiedeten die Bochumer und riefen laut „Wiederkommen“. Schon eine Woche später spielten „die primitiven“ bei einem Jazzmeeting im „Studio 19“ in Lüdenscheid, 14 Tage später gelang es der Band, Eulen nach Athen zu tragen. Am 7. Mai 1961 waren sie als Band in die NATO-Radarstation in Herbern eingeladen und durften Soldaten vorspielen, die von dort kamen, wo auch die Musik herkam: Amerikaner genossen Kamener Jazz! Am Nachmittag gab es Musik im Freien, „die primitiven“ unterhielten Tausende Besucher der Radarstation, und am Abend tanzten die Amis im Kasino zu Dixieland aus Kamen. Sie genossen den Jazz, die Kamener lernten Bourbon Whiskey kennen. Beides kam gut an.

Am 28. Mai wieder einmal Jazzbandball bei Bergheim, danach Konzert und Tanz in Beckum, dann Ball im Casino in Unna, immer mit die erfolgreichste Veranstaltung mit bis zu 300 Besuchern! Und dieser Abend in Unna, der 1. Juli 1961, wurde ein trauriger Tag in der Geschichte der „primitiven“. Es war das letzte Mal, daß die Band in ihrer ursprünglichen Besetzung zusammen auftrat! Alle waren nun in dem Alter, da neue Lebenswege eingeschlagen werden: Meier geht zum Studium nach Berlin, James geht zum Studium nach Köln, Ede geht zum Studium nach Marburg, Pitt macht einen Meisterkurs als Zahntechniker, Justus geht als Berufsmusiker nach Basel, zwei sind noch Schüler.

Aber so ganz geht man nach so vielen Jahren und so einschneidenden, prägenden Erlebnissen nicht auseinander. In den Ferien treffen sich immer mal wieder zwei, drei alte Freunde, unternehmen etwas zusammen, machen z.B. eine Bahnfahrt mit dem Studentenreisedienst nach Lissabon. Das dauerte damals gut 2½ Tage! Natürlich fuhr man nicht ohne Instrumente. Das Banjo und die Klarinette lassen sich leicht mitnehmen, aber das Klavier? Das Helikon? Dann muß Meier eben schnell auf das Waschbrett umsteigen, ein richtiges Waschbrett, wie es in Skiffle Groups in Gebrauch war, der Mutter geklaut. Da setzte man sich metallene Fingerhüte auf alle 10 Finger und und schlug auf das Waschbrett und ratschte rauf und runter. Schließlich fanden die drei einen Zeltplatz in Costa de Caparica, einem kleinen Ort am südlichen Tejo-Ufer, direkt am Strand. Erst einmal gab es einen großen Schreck: die Klarinette war weg. Im Bus zum Zeltplatz liegengelassen! Es dauerte ein paar Tage, bis sie wieder da war, viel Fragen, viel Suchen, ohne ein Wort Portugiesisch. Dann aber ging’s zum Strand, gegen die Atlantikwellen wurde anmusiziert. In Nullkommanichts waren die drei von Dutzenden Jugendlicher umlagert, die alle im Takt mitwippten, da brauchte es keine Fremdsprachenkenntnisse. Dazu gab es Sardinen, in der Brandung gefangen und direkt auf dem kleinen, tönernen Holzkohlengrill gegart. Und spätabends kaperten die Kamener die in der Ortsmitte für Ferienunterhaltung aufgebaute Bühne und jazzten zur Freude der einheimischen und touristischen Jugend bis weit nach Mitternacht. Und alle schwooften! Daraus folgte die Einladung zu einem Sommerfest auf einer großen Finca. Und das war ein Erlebnis der ganz besonderen Art.

Es begann damit, daß die drei „primitiven“ von einem Chauffeur in Livrée abgeholt wurden. Auf allen vieren krochen sie aus ihren kleinen Zelten, auf den Rolls Royce zu, die Tür vom Chauffeur aufgehalten, Zylinder in der Hand! Sie schwankten zwischen völlig eingeschüchtert und Graf Koks von der Gasanstalt. Der Anblick des Festplatzes auf der Finca war atemberaubend: Fackeln erleuchteten den riesigen Platz, der von unterschiedlichen Gebäuden umgeben war, Hunderte Leute standen und wuselten umher, die avó saß majestätisch auf einem hohen Lehnstuhl und beobachtete das Treiben. Der Großmutter wurden die drei zuerst vorgestellt, nach Anweisung, wie das zu geschehen habe: mit Handkuß! Für jeden der erste und letzte Handkuß in seinem Leben. Danach dem Hausherrn und seiner Frau, dann kümmerte sich der Sohn Nando, der sie eingeladen hatte, um sie. Und das Essen! Gebratene Täubchen, kalte Gurken– und Melonensuppe, und viele Speisen, die den drei Freunden völlig unbekannt waren. Und Drei-Liter-Flaschen Cognac! Der Chauffeur würde sie ja zurückbringen. Und es folgten weitere Einladungen. Die Musik öffnete Türen.

Wer so lange Musik gemacht hat, kann nicht einfach aufhören. In wechselnden Besetzungen hielt die Band sich noch einige Zeit, und selbst heute, im Jahre 2017, können es einige immer noch nicht lassen. Nelly Elger spielt hin und wieder in einer neuen Gruppe Banjo, Pitt Fey tritt gelegentlich auf, ebenso Helmut Meschonat (vgl. Artikel „Helmut Meschonat“ und „Die Gruppe Schieferturm“), ein Künstler der Gruppe Schieferturm, der Nachfolger des Klarinettisten Ede Holzer wurde. Seit ein paar Jahren gibt es auch wieder gelegentliche Treffen der Ehemaligen, bei denen sie, wie könnte es auch anders sein, in Erinnerungen an „die schönste Zeit unseres Lebens“ schwelgen. Es war eine reiche Zeit, selbst gestaltet, selbst organisiert, mit Freundschaften fürs Leben, eine Zeit, die viel mitgab für den späteren Lebensweg, aus deren Erlebnissen alle lange zehrten, bis heute.

PS: 1964 war für „die primitiven“ wie auch die „Kellerasseln“ ein trauriges Jahr. Semesterferien, April, Zeit, Geld zu verdienen, Geld, das für das nächste Semester gebraucht wurde. Ferienjobs gab es reichlich in den Wirtschaftswunderjahren, links und rechts der Unnaer Straße (die Hochstraße wurde erst 10 Jahre später eingeweiht), bei Klein & Söhne („Große Tüten, kleine Löhne“) und Ketteler, beide längst aus Kamen verschwunden. In beiden Betrieben gab es Stanzen und Pressen für die Metallbearbeitung, und die waren nicht durchweg auf dem neuesten technischen Stand, sie funktionierten auf einfache Fußbedienung hin. Ede Holzer arbeitete bei Klein & Söhne. Freitagnachmittag, gegen 17.00 Uhr, nach 11 Stunden Akkordarbeit, Formen eines Blechteils in der Fünftonnenpresse, einen Augenblick nicht aufgepaßt, aus dem Rhythmus geraten, das 2½ mm starke Werkstück unter der Presse, zusammen mit dem rechten Zeigefinger. Fünf Tonnen drauf! Trotz intensiver Bemühungen von Dr. Gerçek im Kamener Krankenhaus war der Finger nicht mehr zu retten. Nach 14 Tagen war er schwarz, tot, mußte amputiert werden. „Die primitiven“ waren ihren Klarinettisten los.

Fritz Borgmann arbeitete bei Ketteler, auf der gegenüberliegenden Seite der Unnaer Straße. Drei Tage später, Montagnachmittag, gegen 15.00 Uhr, Fritz findet auf dem Tisch der Stanze ein Stück Finger und fängt an, den benachbarten Kollegen wegen des schlechten Scherzes zu beschimpfen, als er merkt, daß Blut an ihm herabtropft, daß es sein eigener Finger ist, ein Glied seines linken Zeigefingers. Er ist Linkshänder. Die „Kellerasseln“ waren ihren Klarinettisten auch los. Ein Wochenende, zwei Unfälle, zwei Bands ohne Klarinettisten!

Aber ganz schlimm war es, als sich alle, aus ihren Studienorten nach Kamen gekommen, am Montag, dem 13. November 1967, vor 50 Jahren dieses Jahr, auf dem Kamener Friedhof einfanden, zur Beerdigung ihres alten Freundes, des Bassisten Werner Morck, der wenige Tage vorher im Alter von 25 Jahren gestorben war, nur ein paar Wochen nach seinem Examen als Diplom-Kaufmann an der Universität Köln, gerade als er seine erste Stelle bekommen hatte.

Werner „James“ Morck, 13. März 1942 – 6. November 1967

KH

Dank an Nelly Elger, der als einziger der Truppe die Voraussicht hatte und auch den Fleiß und die Energie aufbrachte, (fast) alles zu sammeln, was es an Photos und Veröffentlichungen gab. Ohne seine beiden Bandalben wären diese Erinnerungen nicht zustande gekommen.

Dank auch an Pitt Fey, der noch ein paar zusätzliche Photos aus Alben kramte und, vor allem, noch im Besitz von 3 Originalplakaten ist, die Ulli Kett einst von Hand malte, wenngleich sie reichlich ramponiert sind.

Und Meier konnte mit Erinnerungen und präzisen Daten aufwarten.

Ich bitte die Leser, die z.T. schlechte Qualität der Bilder zu entschuldigen, z.B. bei der Wiedergabe alter Zeitungsausschnitte.

Gertrud-Bäumer-Straße

von Klaus Holzer

Gertrud Bäumer entstammt einer Familie von Pfarrern, die sich früh für kirchliche Reformen einsetzte.

Abb. 1: Gertrud Bäumer,  12.9.1873 in Hohenlimburg, gest. 25.3.1954 in Bethel

Ihr Vater starb, als sie 10 Jahre alt war. So mußte sie erleben, daß es ihrer Mutter nur mit Hilfe von Verwandten gelang, sich und ihre drei Kinder durchzubringen. Das brachte in ihr den festen Entschluß hervor, unter allen Umständen einen Beruf zu erlernen, um in ihrem Leben unabhängig zu sein.  Sie wurde Lehrerin und kam, neunzehnjährig, nach Kamen, da ihr ein Schwager ihrer Mutter hier eine Stelle an „einer Schule die mit seiner Kirchengemeinde verbunden war“, angeboten hatte, für 980 Mark im Jahr.

Zum 1. September 1892 trat sie ihre Stelle in Camen an, wo sie bis zum April 1894 blieb. Sie wohnte im Pfarrhause, dem alten Westholtschen Hof (heute steht dort des evangelische Gemein- dehaus).

In ihren Lebenserinnerungen beschreibt sie ihre Tätigkeit in einer „Gemeinde altwestfälischer Prägung“ sehr anschaulich und erkennt bereits sehr klar, welche Veränderungen sich in Kamen abzuzeichnen begannen, seit mit der Zeche die Industrialisierung eingezogen war. Weil sie neue Arbeitskräfte brauchte, die in der Region nicht mehr zu bekommen waren – die „Zeche hatte schon einen Teil der Handwerker und Kleinlandwirte in Bergleute verwandelt“ – wurden viele Schlesier angeworben. Und für die Zugezogenen wurden „Kolonien“ gebaut, da sonst kein Wohnraum zur Verfügung stand, konfessionell getrennt. Hier herrschte „häßliche, kahle, rauchgeschwärzte Enge“.  Man wohnte zu dicht beieinander, hatte kein Privatleben, sodaß Kleinkinder z.B. oft in aller Öffentlichkeit gestillt wurden. Ganz unmöglich, in den 1890er Jahren. Ganz anders das ackerbürgerliche Wohnen und Leben der Altkamener, das in ihren Augen noch die Gemächlichkeit und Individualität westfälischen Lebens spiegelte, in dem sie eine „kräftige Ursprünglichkeit“ erkennt. Anfangs wird ihr Hochdeutsch von den Platt sprechenden Kindern nicht verstanden, doch gelingt es GB durch ihr großes Mitempfinden für alle die kleinen Camener, ob aus den Familien „einer viel niedrigeren Kulturstufe“ oder aus denen der „schönen Gesundheit der bäuerlichen Schicht“ und der „schlichte[n], gläubige[n] Gesittung der städtischen Handwerker und Kleinbürger“.

Abb. 2: Gertud Bäumer mit ihrer Camener Schulkasse

1898 geht GB nach Berlin, macht ihr Oberlehrerinnen-Examen, das zum Universitätsstudium berechtigte. Allerdings durften sich Frauen damals noch nicht immatrikulieren, so daß sie gänzlich vom Wohlwollen der Professoren abhingen. Erst 1908 wurde in Preußen die Immatrikulation von Frauen erlaubt. Das läßt erkennen, was für eine  außergewöhnliche Frau GB war, die schon 1904 zum Dr. phil. promoviert wurde.

Ab 1901 gehört GB dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverbands an, wo sie Helene Lange kennenlernt, die Führerin der Lehrerinnenbewegung, die in ihr sofort ihre legitime Nachfolgerin erkennt. GB schrieb über diese „Lebensentscheidung“: „Mein Leben mußte im Ziel und Kern der ebenbürtigen und vollen Einschaltung der Frauen in die Kulturkräfte des Volkes dienen.“

Schon 1910 wurde GB Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine, war maßgeblich am Aufbau des Nationalen Frauendienstes beteiligt, ab 1916 auch des Sozialpädagogischen Instituts in Hamburg. 1919/20 war sie Mitglied der verfassunggebenden Weimarer Nationalversammlung (die das gleiche, geheime, direkte und allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen einführte), war an der Gründung politischer Parteien beteiligt und hatte von 1920 bis 1932 ein Reichstagsmandat inne. Zwischendurch war sie Ministerialrätin im Innenministerium, von 1926 bis 1933 Delegierte beim Völkerbund in Genf.

1933 beendeten die Nationalsozialisten ihre Karriere, drängten sie aus allen Ämtern, so daß sie sich von nun an dem Reisen und ihrer schriftstellerischen Tätigkeit widmen konnte. In ihrer Autobiographie von 1933 bekannte sie sich dennoch „zur nationalsozialen Idee, deren Werden wir erhoffen“. Insgesamt muß man ihr Verhalten während der Nazizeit wohl „lavieren“ nennen (A. Schaser in ihrer Biographie von 2000; vgl.a. Manfred Schurich, 2010). Insoweit ist es erstaunlich, daß in Kamen noch nicht der Wunsch geäußert wurde, die Gertrud-Bäumer-Straße umzubenennen. Angeregt durch eine Tagung beim LWL in Münster im Sommer 2011 läuft die Kampagne zur Umbenennung von Straßen, deren Namensgeber durch ihr Bekenntnis zum Nationalsozialismus desavouiert sind. Gleichwohl erkennt sie: „Ich bin also mit Pension und auch unter Anrechnung meiner früheren Lehrerinnenzeit entlassen. Persönlich ist das für mich die reinlichere Lösung. Wäre ich im Amt, so müsste ich referatsmäßig jetzt z. B. die Verfügungen über die jüdischen Kinder in den Schulen machen oder die bevorstehende Verfügung für den Geschichtsunterricht, durch die alles, was seit dem Zusammenbruch geschehen ist, defamiert werden soll. Das wäre mir selbst auch tatsächlich unmöglich.“

Ab 1941 zieht sie sich vollständig aus der Politik zurück, engagiert sich aber nach Kriegsende in Bamberg für den politischen Wiederaufbau, wird Gründungsmitglied der CSU, wendet sich nach ihrem Umzug nach Bad Godesberg der CDU zu. Am 25.3.1954 stirbt sie in den Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel.

Ein wunderbares Schlaglicht wirft eine von ihr selber berichtete Episode auf die Person GB und die Menschen ihrer Zeit in Kamen. Sie erlaubte einer Schülerin, ihre vier Geschwister mit in den Unterricht zu bringen, weil „die Mutter unterwegs war, Kohle zu holen“. Noch Jahre später erwies diese ihre Dankbarkeit, indem sie, nach ihrem Umzug nach Königsborn, viermal im Jahr, wenn GB und alle anderen Lehrer aus Kamen nach Unna zur Konferenz (heute würden wir sagen: Weiterbildung) mußten, an der Straße stand, um guten Tag zu sagen.

Gertrud Bäumer – eine ambivalente Persönlichkeit.

(beide Abbildungen entstammen dem Buch: Hans-Jürgen Kistner, Kamen – wie es früher war, Werne 1996)

KH

Nachtrag: Die Gertrud-Bäumer-Straße bildet zusammen mit der Helene-Lange-Straße eine hufeisenförmige Straße um den Wohnpark Seseke-Aue. Dieser stellt eine Besonderheit in Kamens Wohnbebauung dar, weil dort eine Reihe zukunftsweisender Konzepte in städtebaulich-architektonischer Gestaltung verwirklicht wurde. Eine gute Wahl der Straßennamen, weil die beiden Größen der frühen Frauenbewegung sich 1901 im Vorstand des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverbands kennenlernten und sowohl Gertrud Bäumer wie auch Helene Lange mit zukunftsweisenden Ideen aufwarten konnten.

27. Oktober 1956 – 27. Oktober 2016 – 60 Jahre Kamener Kreuz – Eine Hommage

von Klaus Holzer

Der Mensch ist ein mobiles Wesen. Per pedes mußte er sich als Sammler und Jäger an einen neuen Ort aufmachen, wenn es am alten kein Wild und keine Beeren mehr gab. Er domestizierte das Pferd und wurde noch mobiler. Er brauchte kein ausgebautes Straßensystem, Mensch wie Pferd waren geländegängig. Flüsse wurden ebenfalls seit Jahrtausenden genutzt. Daß vor allem seefahrende Völker das Meer als Reise– und Transportroute nutzten, versteht sich von selbst.

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Abb. 1: Binnenschiffahrt, 1531

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Abb. 2: Phönikier mit seetüchtigem Boot

Der persische König Dareius d. Gr. war es, der als erster richtige Straßen bauen ließ, im 5. Jh v.Chr. Er hatte das persische Großreich aufgebaut und mußte es nun militärisch sichern, und seine Kriege gegen Griechenland hätte er ohne Straßen auch nicht führen können. Um seine Truppen mit ihren Streitwagen schnell in alle Ecken und Winkel seines Reichs verlegen zu können, brauchte er die entsprechende Infrastruktur. Er verband dabei gleich alle wichtigen Städte, Handelsniederlassungen und Häfen miteinander, und sein Reich blühte.

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Abb. 3: Die Seidenstraße

Nachfolger wurde im Osten die Seidenstraße, die nachweislich von 115 v.Chr. bis ins Mittelalter die wesentliche Landverbindung zwischen Mittelmeer, Mittelasien und Ostasien darstellte. Hier wurde besonders deutlich, daß Straßen immer auch mehr sind als nur gepflasterte Wege, die schnelles Vorankommen ermöglichen. Ja, es läßt sich durch sie leichter Krieg führen, zerstören und töten. Aber zugleich reisen auf ihnen auch Kaufleute und Gelehrte. Sie bringen mit sich Waren, fremde Kulturen, Ideen, z.B. Religionen. So konnten sich das Christentum und der Buddhismus im Osten ausbreiten.1 Und daß die Römer geniale Ingenieure waren, ist noch heute vielerorts zu bestaunen, Zentralheizung, Viadukte und Straßen, die gewölbt waren, damit das Regenwasser leicht abfließen konnte. Auf ihnen wurden Waren und Legionen transportiert. Und da Rom zentralistisch organisiert war, ist die Metapher durchaus auch wörtlich zu nehmen: Alle Wege führen nach Rom.

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Abb. 4: Straßennetz im römischen Reich

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Abb. 5: Alle Wege führen nach Rom

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Abb. 6: Die Via Appia, nach 2000 Jahren noch intakt

Nördlich der Alpen gab es außer den von den Römern angelegten Straßen bis ins Mittelalter hinein kaum befestigte Wege. Am 25. Dezember 800 AD ließ sich Karl d.Gr. zum Kaiser des ersten gesamteuropäischen Reichs krönen. Um sein Reich verwalten zu können, ließ er Pfalzen und Reichshöfe im Abstand von Tagesritten bauen, und er brauchte befestigte Wege, um sie zu erreichen.

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Abb. 7: Das mittelalterliche System der „via regia“

Damit sie passierbar blieben, verpflichtete er die Anrainer seiner Heerstraße (via regia, auch via regis2), sie in Breite und Höhe den Erfordernissen seiner bewaffneten Reiter anzupassen, sie „hell“ zu schneiden (vgl. „Hellweg“). Natürlich wurden diese Straßen von jedermann benutzt, erlaubten sie doch schnelles Reisen und Unterkunft in regelmäßigen Abständen. Hinzu kam, daß Karl überall christliche Kirchen errichten ließ, vorzugsweise auf ehemaligen heidnischen Opferstätten. Um diese herum siedelten sich Menschen an, eine Burg, die weitere Menschen, Handwerker vor allem, nach sich zog. Ohne Straßen also auch keine Städte.

In Kamen (und anderswo) kam noch etwas hinzu, das die Errichtung einer frühen Siedlung höchst attraktiv machte: die Sesekefurt, die eine „natürliche“ Nord-Südroute ermöglichte. An dieser Stelle entstand schnell eine kleine Ansiedlung, und da hier ein immer wichtiger werdender Weg entstand, der zudem Einnahmen verhieß, entstand hier schon vor 1100 die Grafenburg derer von der Mark, gleich danach die St. Severinskirche als ecclesia propria (Eigenkirche des Grafen), beide stark befestigt, die somit Schutz boten und weitere Menschen anzogen. Mit der Stadtwerdung etwa um 1240 konnte Kamen Wochen– und Jahrmärkte abhalten. Diese zogen natürlich Händler von überall her an, so daß als Ergänzung zur Nord-Südroute sich selbstverständlich eine Ost-Westroute entwickelte. Schon ganz früh entstand so das erste Kamener Kreuz, das heute noch stadtplanprägend ist: Nord–, Ost– und Weststraße stoßen aufeinander, nach Süden ergänzt durch „Am Geist“, diagonal über den Markt, durch die Bahnhofstraße aus der Altstadt hinaus zum Hellweg führend.

Da auch der Handel zwischen den verschiedenen Regionen zunahm – im 12. Jh. entstanden vermehrt Städte, die Märkte abhielten, in die mehr und mehr Menschen zogen, die wiederum Kaufleute anzogen, die Hanse entstand – brauchte man Wagen, von Pferden gezogen, um größere Mengen über weitere Strecken transportieren zu können. Aber Wagen blieben in unwegsamem Gelände stecken, die Hansekaufleute drangen auf Befestigung von Wegen, sonst hätten sie kaum Lieferungen planen können. Es entstand eine Infrastruktur, die den Beginn der Moderne ermöglichte: z.B. die Alte Salzstraße zwischen Lüneburg und Lübeck zu Lande, ergänzt durch den Stecknitz-Kanal3; die Hansestraße von Lübeck nach Lüneburg, von dort nach Magdeburg mit Anschluß an die Elbe (denn Wassertransport war sicherer und billiger, weil einfacher), Erfurt (sie kreuzte dort die via regia) und weiter nach Nürnberg, Augsburg, über die Alpen nach Italien; die Via imperii (Reichsstraße): eine Handelsstraße, die aus Italien über Franken/Schwaben (Nürnberg, Augsburg, Ulm) über Mitteldeutschland in die Mark Brandenburg und weiter in den Hanseraum/das Baltikum führte und in Leipzig4 die via regia kreuzte.

Der endgültige Schub, eine Verkehrs-Infrastruktur zu erschaffen, kam in Deutschland Mitte des 19. Jh. durch die Industrielle Revolution. Der Transport von immer größeren Mengen über immer weitere Strecken erzwang den Ausbau von Straßen, Flüsse wurden durch ein Kanalsystem ergänzt, z.T., vor allem in Westfalen durch die Preußen, auch ersetzt (z.B. die Lippe). Gerade vorher hatte der Eisenbahnbau eingesetzt, Deutschland wurde von einem immer dichter werdenden Netz von Schienen überzogen, anders als in Frankreich wegen der kleinteiligen politischen Struktur stark dezentralisiert (weswegen hierzulande auch heute noch keine so schnellen Zugverbindungen wie dort möglich sind). Die Schiffe wurden größer, die Erfindung des Automobils ermöglichte eine immer effektivere Nutzung dieser Straßen. Auto und Lastkraftwagen wurden größer, stärker und schneller, die riesigen Entfernungen im Deutschen Reich schmolzen, doch das Fahren auf Landstraßen blieb mühevoll und zeitraubend. Von Königsberg in der äußersten Nordostecke des Deutschen Reiches bis nach Aachen, Stuttgart oder München waren es knapp unter 1.500 km, eine Fahrt mit dem Lkw, der oft zwei, manchmal gar drei Anhänger hatte, dauerte dann drei bis vier Tage, unterbrochen von nur wenigen, und dann kurzen Pausen. Rasthäuser gab es nicht, geschlafen wurde im Fahrzeug, gegessen ebenfalls. Eine solche Fahrt war ein Abenteuer der härtesten Sorte, ein Achsbruch war jederzeit möglich, das Abrutschen in einen Graben ebenfalls. Und der örtliche Verkehr mit Pferd und Wagen sorgte für weitere Probleme. Und was hieß das: befestigte Straße? Im besten Fall „Katzenköpfe“, rutschig und holprig.

Da gründete sich am 6. November 1926 ein privater Verein, die HaFraBa: Hansestädte-Frankfurt-Basel. Die Gründungsidee: eine reine Autoverbindung von den norddeutschen Hansestädten für die 880 km bis nach Basel zu bauen.

Ein Modell gab es schon: die Avus in Berlin. „Avus“ stand für Automobil-Verkehrs-Uebungsstraße. Sie wurde 1913 geplant, nach längerer Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg erst 1921 als gebührenpflichtige Straße für den Autoverkehr freigegeben. Da nur wenige Leute, Reiche, überhaupt ein Automobil besaßen und überdies eine Gebühr verlangt wurde, war die Avus grundsätzlich ein Projekt für die Reichen, Modernen und Eleganten, den Jetset der 1920er Jahre. Hier konnten sie sich austoben, ihrer Leidenschaft für das Automobil, die neueste Errungenschaft der Technik, frönen. Und da diese Straße ohne Ampeln und Kreuzungen auskam, wurde sie schnell zur ersten Rennstrecke Deutschlands.

Die HaFraBa gab ab 1928 eine Zeitschrift heraus, „Die Autobahn“, analog zu „Eisenbahn“, und schuf für die neue Art von Straßen damit auch gleich die Bezeichnung, die sich durchsetzen sollte. Damit ist deutlich, daß die Nationalsozialisten auch in dieser Sache mit Lug und Trug operierten, die Autobahn ist eben keine Erfindung Hitlers, wie sie behaupteten. Übrigens auch keine deutsche: die erste reine Autostraße verband Mailand mit den lombardischen Seen. Die erste deutsche Autobahn war die  zwischen Bonn und Köln, die heutige A 555. Die Planungen begannen Mitte der 1920er Jahre, während der Zeit der Weimarer Republik, gebaut wurde von 1929 bis 1932, die Streckenlänge betrug 20 km. Der damalige Kölner Oberbürger-meister und spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer weihte sie am 6. August 1932 zusammen mit seinem Bonner Kollegen Franz Wilhelm Lürken ein. Ende 1935 gab es insgesamt 108 km Autobahnen in Deutschland, Ende 1943, also unter den Nationalsozialisten, immerhin schon 3.896 km . Eine beachtliche Leistung, besonders auch unter Berücksichtigung der damaligen technischen Möglichkeiten, mußte doch vieles noch durch Handarbeit erledigt werden, mit Hacke und Schaufel. Doch selbst, wo Maschinen hätten eingesetzt werden können, wurde das untersagt. Und trotzdem konnten die Nationalsozialisten ihr Versprechen, die Massenarbeitslosigkeit zu beseitigen, nicht halten. Es gelang nicht, 10.000 km Autobahn zu bauen und alle Deutschen in Arbeit und Lohn zu bringen. Dennoch wurde die Maßnahme von den Deutschen freudig begrüßt, signalisierte sie doch den Einzug der Moderne.

Ein zweite Behauptung ist nicht unumstritten, daß nämlich die Autobahnen vor allem schon im Hinblick auf den anzuzettelnden Zweiten Weltkrieg als Aufmarschstraßen geplant waren. Die Wehrmacht war in die Planungen einbezogen, zog jedoch die Eisenbahn für ihre Planungen vor, da sie als zuverlässiger und leistungsfähiger eingestuft wurde.

Unbestritten hingegen ist, daß der Bau dieser modernen Straßen Hitler anregte, den KdF-Wagen (Kraft-durch-Freude) bauen zu lassen, heute besser als Volkswagen bekannt. Gab es Straßen, brauchte es Automobile. Nahm die Zahl der Automobile zu, wurden mehr Straßen gebraucht. Diese Wechselwirkung ist belegt. Noch heute wird dieser Streit unter den Befürwortern und Gegnern von (Umgehungs)Straßen(bau) ausgetragen.

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Abb. 8: Deutsches Autobahnnetz, Stand der Planung 1933

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Abb. 9: Deutsches Autobannetz, Bestand und Planung 1935

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Abb. 10: Deutsches Autobahnnetz, Stand 1950

Da die Absicht bestand – anders hätte das auch keinen Sinn ergeben – das Deutsche Reich mit einem möglichst dichten Netz von Autobahnen zu überziehen, entstand für die Fahrer bei Richtungswechseln automatisch das Problem von Kreuzungen. Lösungen konnten hier sein: Stoppschilder, Ampeln, Kreisverkehr. Alle drei waren unpraktisch, verzögerten das Reisen, schufen neue Gefahren. Also mußten ganz neue Ideen her, um Richtungswechsel kreuzungsfrei machen zu können. Der erste, der ein solches System erdachte, war der Amerikaner Arthur Hale, der am 29. Februar 1916, also vor genau 100 Jahren, das Patent auf ein Autobahnkreuz erhielt, das Richtungswechsel ohne Kreuzungsverkehr erlaubte, allerdings führte er die Straßen dazu auf zwei Ebenen.

Die für das Kamener Kreuz gewählte Form kommt aus Europa, aus der Schweiz. Als die HaFraBa im Jahre 1927 eine Ausstellung ihres Projektes in Basel veranstaltete, war einer der Besucher dieser Ausstellung der Schweizer Schlosserlehrling (!) Willy Sarbach, der von der Idee der Autobahn besessen war und sich nachher zu Hause an den Tisch der elterlichen Wohnung setzte und zu zeichnen begann. Er tüftelte: Wie kann ich zwei Straßen mit vier Richtungen kreuzungsfrei gestalten? Und zwar so, daß Abbiegen nach links möglich ist, ohne durch den Gegenverkehr zu müssen? Daß Wenden möglich ist, ohne den Gegenverkehr zu behindern? Die Lösung fand er in der Natur: das Kleeblatt!

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Abb. 11: Das alte Kamener Kreuz 

Bei der HaFraBa war man von der Idee begeistert, so begeistert, daß der junge Mann einen Preis für seinen Genieblitz erhielt: einen Satz Reißzeug (das ist ein Zirkelkasten mit einer zusätzlichen Feder zum Ausziehen von Linien mit Tusche)! Die HaFraBa war es übrigens auch, die alle später verwendeten technischen Einzelheiten bereits schriftlich festgelegt hatte: Bauuntergrund, Dicke der einzelnen Schichten, Kurvenwinkel und –neigung, höchstmögliche Steigung bzw. Gefälle auf gebirgigen Strecken usw.

Daß die Strecke Köln – Bonn als Pilotstrecke ausgewählt wurde, war kein Zufall, war die Rheinschiene doch extrem wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung der rheinischen Großregion. Es ging um die Verbindung von Industrie-, Handels- und Verwaltungsstädten. Noch in den 1930er Jahren wurde die Planung der A2 von Köln über Hannover nach Berlin begonnen, die Einweihung des Abschnitts Recklinghausen – Bielefeld nahm Reichsarbeitsdienstleiter Dr. Fritz Todt am 12. November 1938 vor. Hatte Kamen schon im MA an einem ersten Straßenkreuz gelegen (vgl.o.), war der Bau dieser Ost-West-Magistrale der entscheidende Schritt zum Bau des Kamener Kreuzes in Kleeblattform. Die Einweihung erfolgte am 27. Oktober 1956. Sie wurde in den beiden Kamener Hotels, dem Hotel Preußischer Hof (Biermann) und dem Hotel König von Preußen (Bergheim), gebührend gefeiert. Und man war so stolz auf diesen Akt, daß man gemeinsam eine Ansichtskarte mit Erinnerungsdruck anläßlich dieses Ereignisses herausgab,

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Abb. 12: Postkarte der beiden Kamener Hotels

auch wenn es nur das zweite in Deutschland war, nach dem Kreuz Schkeuditz bei Leipzig, wo sich die A9 und die A14 kreuzen. Das Schkeuditzer Kreuz wurde am 21. November 1936 in Betrieb genommen, aber erst am 5. November 1938 fertiggestellt. Es war das erste Autobahnkreuz in Europa. Die ursprüngliche Bauform war ein vollständiges Kleeblatt mit deutlich kleineren Dimensionen.


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Abb. 13: Das Ende der A1 vor dem Ausbau bis Münster

Zunächst endete die A1 hier in Kamen, erst 1965 kam der Abschnitt bis Münster hinzu. Bevor dieser Abschnitt offiziell in Betrieb genommen wurde, machten sich einige Kamener auf, sie zu Fuß inoffiziell einzuweihen. Sie beluden einen Bollerwagen mit ein paar Kisten Bier und wanderten die ganze Strecke bis nach Münster auf der leeren Autobahn. Und je weiter sie kamen, umso leichter war der Bollerwagen zu ziehen.

Im Zuge dieser Bauarbeiten entstand für ein paar Jahre eine Behelfs– oder Notausfahrt zur Hammer Straße, der B61, gegenüber der Einmündung der Hansastraße,  die vom 27. Oktober 1956 bis zum 1. Juli 1965 existierte, als das Teilstück bis Münster dem Verkehr übergeben wurde. 1968 dann folgte die Verlängerung bis nach Bremen. Die Leistungsfähigkeit des Kamener Kreuzes wurde ab 1. Januar 1973 auf die Probe gestellt, als die A45, die Sauerlandlinie, fertiggestellt und angeschlossen wurde, und zwei Jahre später, im Juli 1975, auch die A44 nach Kassel mit Anschluß Richtung Osten.

War dieses Kreuz schon von Anfang an eines der meistbefahrenen in Deutschland, gab es noch einmal eine Zunahme an Verkehr nach 1990, als die damalige DDR dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland beitrat, so daß Maßnahmen ergriffen werden mußten, um den drohenden Kollaps des Kamener Kreuzes zu vermeiden. Heute ist es eines der wichtigsten Kreuze im deutschen Autobahnnetz, es passieren täglich mehr als 170.000 Fahrzeuge diesen Bereich. Und um die berüchtigte Verkehrsmeldung „Stau am Kamener Kreuz“ Vergangenheit werden zu lassen, wurde das Kleeblatt ab 2004 verändert – mit einer Bauunterbrechung 2006 wegen der Fußball-WM in Deutschland, später das „Sommermärchen“ genannt – und in der neuen Form am 25. August 2009 eingeweiht. Zwei entscheidende Veränderungen machen es viel leistungsfähiger: da ist zum einen der allgemeine Ausbau auf drei Fahrbahnen und, ganz entscheidend, die neue Streckenführung innerhalb des Kreuzes: es wurde eine neue Spur für die Autofahrer gebaut, die auf der A2 aus Richtung Hannover im Bogen um drei Kleeblätter herum auf die A1 in Richtung Köln fahren, wozu es zwei neue Brückenbauwerke brauchte, für die Überquerung der A2 westlich des Kreuzungspunktes und die Unterquerung der A1 nördlich des Kreuzungspunktes. Die neue Streckenführung ist kürzer und schneller, damit halten sich Fahrzeuge nicht mehr so lange im Kreuz auf, der Verkehr fließt also schneller ab. Für die entgegengesetzte Fahrtrichtung blieb alles beim alten, jedoch wurde die Tangente baulich auf zwei Fahrspuren aufgerüstet. So wurde die Kapazität praktisch verdoppelt, wenn die Autofahrer beide Spuren benutzen. Alle übrigen Verbindungen sind deutlich schwächer belastet und blieben unverändert.

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 Abb. 14: Das Kamener Kreuz vor und nach dem Umbau

In dieser neuen Form bedeckt das Kamener Kreuz nunmehr eine Fläche von 18 ha und umfaßt inklusive der Verbindungstangenten eine Strecke von 11 km! In seiner neuen Form kann es viel mehr Verkehr aufnehmen. Derzeit sind es etwa 185.000 pro Tag!

Baugeschichte:

Daß bei einer solchen Unternehmung Bauingenieure das Sagen haben, ist klar, doch gingen die damaligen Planer einen Schritt weiter und taten etwas, das selbst uns heute noch sehr modern anmutet. Die neuen Autobahnen sollten sich „weich in das Landschaftsbild einfügen“, daher bekam jede Bauabteilung einen Landschaftsbauingenieur. Der Sitz des Dienstgebäudes der Reichsautobahnen, Bauabteilung Kamen, war die ehemalige Fabrik von Wilhelm Wienpahl an der Hammer Straße (vgl. hierzu den Artikel über Wilhelm Wienpahl unter „Kamener Köpfe“ auf www.kulturkreiskamen.de). Immerhin hatte das Amt bereits zwei Dienstfahrzeuge.  Ab 1946 hieß es „Bundesautobahn“ statt „Reichsautobahn“, und da die Zuständigkeit für Straßen grundsätzlich in die Hoheit der neu geschaffenen Länder gegeben wurde, hieß die zuständige Behörde jetzt „Landesstraßenbauamt Autobahnen Kamen“ und es blieb vom 1. April 1946 bis zum 31. März 1956 in unserer Stadt. Zum 1. April 1956 zog die Behörde nach Hamm um, weil in Kamen keine Räume für die größer gewordene Dienststelle gefunden werden konnten.

Die Fahrbahnen wurden mit 12 m langen, 22 cm starken Betonteilen belegt, die bis 1963 Standard waren. Alle Anschlußstellen und Parkplätze wurden mit Kleinpflaster, meist Grauwackepflaster, seltener auch mit dem rutschigen Blaubasalt, belegt, damit die autobahnunerfahrenen Automobilisten merkten, wann sie wo waren. Diese Pflasterung wurde erst 1961 beseitigt.

Im Zuge des Baues der Autobahnen wurden bei Hamm-Ost Urnen aus der ausgehenden Bronzezeit (um 800 v.Chr.) ausgegraben und dem Provinzial-Museum Münster übergeben.

Am Ende des Krieges sprengte die Wehrmacht sämtliche Brücken westlich des Kamener Kreuzes, östlich weniger, um das Vorrücken der alliierten Armeen zu behindern. Nur eine Brücke blieb hier bestehen, die Feldwegüberführung des Hofes Frielinghaus in Dortmund, dessen Wirtschaftsland beidseits der Autobahn lag. Als die Wehrmachtsoldaten anrückten, um auch diesen Überweg zu sprengen, bot die Bäuerin, Hulda Frielinghaus, ihnen ein fettes Schwein an – damals waren Schweine noch fett, je fetter, desto beliebter – wenn die Brücke erhalten bliebe. Bei einem solchen Angebot konnten die Männer nicht nein sagen, und die Brücke bekam den Namen „Schweinebrücke“. Erst im Zuge des Ausbaus der A2 auf sechs Spuren wurde sie 2003 entfernt.

Die gesprengten Brücken wurden in der direkten Nachkriegszeit durch sogenannte Baileybrücken5 ersetzt, damit der allgemeine Verkehr wieder in Gang gebracht werden konnte. In Kamener Zuständigkeit lag die Unterhaltung von 283,7 km Streckenabschnitt mit den Autobahnmeistereien Brackwede, Oelde und Recklinghausen. Bei den Autobahnmeistereien waren Tischler– und Malerwerkstätten untergebracht, die die gesamte Beschilderung von Hand aus Holz anfertigten. Die erste Schilderbrücke mit Aluminium-Schildern am Kamener Kreuz wurde 1962 aufgestellt.  Bis 1952 wurden alle Fahrbahnmarkierungen mit Hilfe von Schablonen von Hand aufgetragen, erst seit 1952 maschinell. Die erste westfälische Rast– und Tankstätte wurde in Rhynern gebaut, in beiden Fahrrichtungen, Rhynern-Süd und Rhynern-Nord. Die beiden Raststätten sollten durch eine Unterführung miteinander verbunden werden. Dazu kam es aber wegen des Krieges nicht mehr. War sie im Frühjahr 1939 zunächst in Baracken untergebracht, wurde mit Kriegsbeginn der Rohbau bezogen. Stellplätze gab es für 250 Pkw und 120 Lkw! Heute stehen beide Gebäudekomplexe unter Denkmalschutz.

Zur Geschichte der Polizeikaserne an der heutigen Dortmunder Allee in Kamen

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Abb. 15: Die Plozeikaserne an der Dortmunder Allee, 1938

Anfang der 1930er Jahre nahm der Verkehr auf Deutschlands Straßen beträchtlich zu. Es gab immer mehr Unfälle, immer öfter wurde die Polizei hinzugerufen, um Sachverhalte zu klären, die Unfälle aufzunehmen, rechtliche Verfahren zu ermöglichen. Generell erschien es erforderlich, daß „der Verkehrsraum, die Verkehrsteilnehmer und die Verkehrsmittel“ konzentrierter überwacht wurden. Dazu wurden 1930 im Reichsgebiet 16 motorisierte Bereitschaften gegründet, davon eine in Kamen, weil Kamen, anders als Unna, günstiges Baugelände für das notwendige Dienstgebäude bereitstellte und die Lage am Kamener Kreuz leichten Zugang zu allen Autobahnen ermöglichte. Diese Dienststelle umfaßte 72 Mann mit 19 Kraftfahrzeugen.

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Abb. 16a – f: Motorisierte Gendarmerie 1938 – 1945 in ihrer Unterkunft in der Polizeikaserne Kamen 

Dieses Dienstgebäude, das, was unter dem Namen Polizeikaserne in Kamen bekannt ist, wurde in den Jahren 1937/38 gebaut und im Juni 1938 bezogen. Bestandteil der Anlage waren eine Kraftfahrzeugwerkstatt (man führte leichtere Reparaturen und Services an den Autos selber durch), Garagen und sonstige Einrichtungen.

1945, als große Kriegsschäden in der Innenstadt den Betrieb des Krankenhauses unmöglich machten, diente die Kaserne als Notkrankenhaus mit 90 Patientenbetten. Alle anderen zur Anlage gehörenden Gebäude wurden von den Alliierten genutzt.

Nach den organisatorischen Veränderungen, die die Niederlage im Krieg mit sich gebracht hatte, wurden die Gebäude im April 1954 an den RP Arnsberg übergeben. Als nun die neuen Verkehrsüber-wachungskommandos eingerichtet wurden, war das auch die Geburtsstunde der „Weißen Mäuse“.

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Abb. 17: „Weiße Mäuse“ im Käfer.  

Die Autos wurden schneller, der Überwachungszug mußte schneller werden, um seiner Aufgabe noch gerecht werden zu können.

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Abb. 18: Ein Porsche der „Weißen Mäuse“

Deshalb wurde 1961 ein Porschezug der „Weißen Mäuse“ gegründet, eine besonders schnelle Einheit, die weiß gekleidet war – weiße Jacke zu grüner Hose, weißes Koppel, weiße Mütze, weißer Mantel, auf dessen Ärmelschleifen der Schriftzug „Polizei“ verdeutlichte, um wen es sich handelte  – und weiße Porsche-Cabrios fuhr, zunächst 14 an der Zahl, an denen man kleinere Dienste

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Abb.19: Die „Weißen Mäuse“ im Einsatz

wie Ölwechsel selber vornahm. Für größere Reparaturen mußten die Beamten in eine Spezialwerkstatt nach Dortmund fahren, so daß dieser Zug schon ziemlich teuer wurde. Hermann Böhne argwöhnt noch heute, daß die Kamener Weißen Mäuse so etwas wie Versuchsfahrer für Porsche waren. Der weiße Mantel war besonders wichtig, da eine Dienstvorschrift besagte, daß die Besatzung der Wagen bis zu einer Temperatur von 3° offen fahren mußte! Der Name „Weiße Mäuse“ wurde übrigens voller Bewunderung verwendet und mit Freude aufgenommen. In den weißen Porsches waren sie durchaus Gegenstand von Bewunderung. Wer konnte schon solch ein Auto fahren? James Dean ja, Otto Normalverbraucher doch nicht!  Am 15.3.1961 zog der Porschezug der Autobahnpolizei Kamen hier ein. Er nahm seinen Streifendienst am 20.3.1961 auf und war für 248 km Autobahn A1/A2 zuständig. Zum Zug gehörten 20 weiße Porsche-Cabrios, ein hellgrauer Zivilwagen und ein VW-Bulli als „Semmelwagen“. Es wurden 12-Stunden-Schichten gefahren. Im ersten Jahr wurden 2140 Verkehrs– und 67 Kontrollstreifen gefahren, 820.000 km zurückgelegt.

Es waren jetzt hier stationiert: „82 Beamte mit 43 Kraftwagen und 23 Krädern“ (Krafträdern).

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Abb. 20 & 20a: Kräder

Sie hatten 50 km Autobahn von Uentrop bis Henrichenburg zu überwachen und die Bundesstraßen der Kreise Soest, Unna, Arnsberg und Ennepetal. Am 16.3.1964 wurde dieser Zug schon wieder aufgelöst, zum größten Bedauern aller Beteiligten. Böhne weiß nicht genau, warum, doch scheinen zum einen die Kosten zu hoch geworden zu sein, zum anderen wurde damals eine neue Art der Verkehrsüberwachung eingeführt. Und es griff eine neue Arbeitszeitverordnung, wonach die 12-Stundenschichten der Weißen Mäuse nicht mehr zeitgemäß waren. Das endgültige Ende der „Weißen Mäuse“ kam dann 1974.

Etwas, das man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, betraf das Unfallkommando der Verkehrsüberwachung Nordbögge: es war seit 1955 in einer Holzbaracke untergebracht, die so dicht an der Fahrbahn stand, daß ein aus dem Fenster gehaltener Arm in Gefahr war, abgerissen zu werden. Und es gab keinen Funk und kein richtiges Telephon, nur ein Wachhäuschen  an der Fahrbahn. Von dort ertönte ein Signal, wenn die Leitstelle „anrief“. Dann mußte der wachhabende Beamte hinausgehen, die Meldung empfangen („Unfall auf der A2 bei …“), zurückeilen in seine Baracke und per Funk einen Streifenwagen alarmieren, der dann zur Unfallstelle fuhr. Und was noch schlimmer war, es gab in der Baracke keinen Strom, kein Wasser, keine Toilette. Wer „mal mußte“, mußte mit dem Streifenwagen zur nächstgelegenen Wache fahren oder, wenn es eilig war, das nächstgelegene Gebüsch aufsuchen. Später gab es dann sogar ein „Herzhäuschen“. Was für ein Luxus! Und Kaffeewasser holte man sich von der Raststelle Rhynern.

Vor der Einführung der Funkgeräte mußten die Dienstwagen auf Streifenfahrt an jeder Dienststelle, an der sie vorbeikamen, anhalten und sich nach dem neuesten Stand der Dinge erkundigen. Für den Fall von Fahrten auf den Autobahnen, wo es keine Dienstgebäude gab, führten sie Telephonhörer mit Klinkensteckern mit sich. Diese konnten sie in Säulen auf dem Mittelstreifen (!) der Autobahn einstöpseln und eine Verbindung herstellen.

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Abb. 21 & 21a: Das „ Autobahn- Benimmbuch“

Autobahnfahren war nichts, das in der Fahrschule gelehrt wurde7, der durchschnittliche Autofahrer fuhr kaum jemals auf der Autobahn, entsprechend unerfahren war er. Im Bereich des Kamener Kreuzes wuchsen Blumen an den Böschungen, Margeriten und Lupinen und andere. Da kam es am Sonntagnachmittag nicht selten vor, daß ein Wagen anhielt, eine Familie ausstieg und Blumen für den Besuch pflückte, für den Besuch, den man ansteuerte. Lt. Böhne waren das meistens Autos mit den Kennzeichen SO, MK und EN.6 Klar, daß das gefährlich war. Da verfaßte der Polizeihauptkomissar (PHK) und Bereitschaftsführer Paschedag im Auftrag der Verkehrsüberwachungsbereitschaft im Landespolizeibezirk Arnsberg einen Leitfaden „Wie verhalte ich mich auf Autobahnen?“, der am 15. März 1957 herauskam und allen Autofahrern die Benutzung des ein halbes Jahr vorher eröffneten Kamener Kreuzes erklärte. Dabei ging es um Grundsätzliches: Autobahnen sind Einbahnstraßen, abbiegen und wenden müssen bestimmten Regeln folgen und gehen nur über die Blätter des Kleeblattes. Und jedes Thema wurde anhand einer Zeichnung illustriert.

Zu den vielen Anekdoten, die der ehemalige PHK Hermann Böhne erzählen kann, gehört auch die des Handwerkers, der in den späten 1970er Jahren mit seinem defekten Wagen an der Kamener Polizeiwache strandete, die damals mitten im Kreuz lag,

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Abb. 22: Die Polizeiwache im Kamener Kreuz

und die Polizisten bat, seine Frau anzurufen – von Handys noch jahrzehntelang keine Spur –  die ihn abholen sollte. Und so stand man gemeinsam, Polizei und Handwerker, an der Wachbaracke und paßte auf, wann die Frau auftauchen würde. Als sie endlich gesichtet wurde, war sie gerade dabei, an der Wache vorbeizufahren, da sie die richtige Abfahrt nicht gefunden hatte. Also drehte sie die Runde – und fand sie wieder nicht. Das geschah mehrmals, immer wieder rauschte sie an den Wartenden vorbei. Schließlich hatte Böhne genug davon und schickte einen Streifenwagen hinterher, der sie „einfing“ und zur Wache geleitete.

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Abb. 23: Stau am Kamener Kreuz 

Nicht nur diese Frau hielt sich länger an „unserem“ Kreuz auf, als sie wollte, das passierte vielen. Das alte Kamener Kreuz war deutschlandweit ein Begriff, und auch im europäischen Ausland machte es sich einen Namen. Wer kennt nicht die Geschichten, die Urlauber zu erzählen haben, darunter die, daß sie im Urlaub gefragt wurden, wo sie denn herkommen. Da sie annahmen, daß sowieso kein Mensch Kamen kennt, gaben sie als ihren Heimatort das Kamener Kreuz an. Und immer hieß es dann: Ach so! Da haben wir auch schon im Stau gestanden! Für seine Staus war es jahrzehntelang bekannt und berüchtigt. Im Verkehrsfunk war eine der häufigsten Meldungen: Stau am Kamener Kreuz. Bitte weiträumig umfahren! Die Kamener selber mußten auch immer wieder darunter leiden, wenn das Kreuz wieder einmal „dicht“ war und lange Autoschlangen sich über die Werner und die Lüner Straße wälzten und den Ortsverkehr zum Erliegen brachten.

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Abb. 24: November 1973, einer der vier autofreien Sonntage (Autobahn bei Rottum)

Wenn man Hermann Böhne fragt, was er noch alles vorn „seinem“ Kamener Kreuz zu erzählen weiß, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Und immer wieder ist er persönlich daran beteiligt. Junge Leute wollten in der Zeit des Wirtschaftswunders reisen und wie immer bei ihnen mußte es billig sein. Da gab es zwei Möglichkeiten: Interrail oder, noch billiger, per Anhalter. Mit letzteren hatte Böhne es am Kamener Kreuz zu tun.

Aus den Erinnerungen Hermann Böhnes:

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Abb. 25: Anhalter im Kamener Kreuz

Anhalter

Die 1960er/70er Jahre waren die hohe Zeit der Anhalterei. Junge Leute aus ganz Europa reisten durch den ganzen alten Kontinent, der damals für alle der neue Kontinent war. Überall waren Grenzen, überall gab es einen Stempel in den Paß, bei allen begehrt, weil sie zeigten, daß man weitgereist war. Hermann Böhne erinnert sich an einen besonders schlimmen Tag an einem besonders heißen Sommertag: 18 Anhalter standen an verschiedenen Stellen im Kamener Kreuz herum und reckten ihre Daumen in die Höhe. Und das nicht etwa auf den Parkplätzen, sondern direkt auf den Randstreifen. Immer wieder hielten aufnahmewillige Fahrer einfach an und ließen Mitfahrer einsteigen. Nicht auszudenken, was da passieren konnte! Und einen Platzverweis auszusprechen, kam ebenfalls bei 18 weit verteilten Leuten nicht in Frage. Was tun? Böhne rief einen 24-sitzigen Opel-Unfallaufnahmewagen heran, sammelte alle Anhalter ein und fuhr sie zur Raststätte Rhynern, wo er sie zur Weiterreise wieder hinausließ. Während der Fahrt nach Rhynern war es ein lustiges Singen in allen möglichen europäischen Sprachen, es herrschte beste Stimmung. Wer so reiste, hatte keinen Fahrplan, nahm alles, wie es kam, die Laune ließ man sich bestimmt nicht verderben.

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Abb. 26: Opelbus der Polizei

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, und es wäre eine schöne Geschichte. Es gibt aber eine Fortsetzung.

1985 machte Böhne mit seiner Frau Urlaub auf Teneriffa in Santa Bela Cruz. Am Sonntag gingen sie in die Fischerkirche St. Elmo, wo ein spanischer Pfarrer einen Gottesdienst auf Deutsch abhielt. Während die Gemeinde die drei Strophen des Schlußlieds sang, ging der Pfarrer zur Tür, um die Gottesdienstbesucher zu verabschieden. Mit vielen wechselte er noch ein Wort. Böhnes fragte er nach ihrer Herkunft. „Aus der Nähe von Dortmund“, gab es zur Auskunft. „Wo da genau?“ „Aus Kamen.“ „Ach,“ meinte der Pfarrer, „da bin ich als Anhalter mal gestrandet. Es war heiß und wir wußten nicht, wie wir weiterkommen sollten. Da hat die Polizei uns zu einem Rasthaus gefahren, von wo wir dann alle wegkamen.“ Da gab Hermann Böhne sich zu erkennen und die beiden freuten sich über die kuriose Geschichte.

„Republikflüchtlinge“

1985 geschah noch eine merkwürdige Sache, wie sie nur im geteilten Deutschland passieren konnte. Ein Berliner Ehepaar machte auf der Fahrt nach Westdeutschland Rast auf einem Parkplatz an der Transitstrecke, wollte sich eigentlich nur ein Päckchen Zigaretten kaufen, entfernte sich also nur für wenige Minuten von seinem Mercedes 220. Anschließend ging’s weiter Richtung Westen. Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle. Dann plötzlich, kurz vor der Raststätte Rhynern, hörte die beiden Geräusche aus dem hinteren Teil des Autos. Ein Defekt? Ein loses Teil? Als Rhynern in Sicht kam, fuhr der Fahrer auf den Parkplatz und schaute im Kofferraum nach, ob da etwas zu sehen sei. Als ihm beim Öffnen der Klappe  zwei Jugendliche entgegenkamen, war er arg erstaunt. Natürlich folgte eine Runde Fragen: Wer seid ihr? Wie kommt ihr in meinen Kofferraum? Was ist hier überhaupt los? Kurz und gut: es handelte sich um zwei Jugendliche aus Magdeburg, die an dem Rastplatz an der Transitstrecke gewartet hatten, einfach um mal zu sehen, was da so los war. Und als sich die Möglichkeit bot, in den Mercedes der beiden Berliner zu klettern, überstiegen sie den Zaun, der alle Rastplätze auf den Transitstrecken zwischen der DDR und Westdeutschland umgab, „sicherte“, wie es im Osten hieß, und versteckten sich dort. Für die Führung der DDR war das „Republikflucht“. Die wurde mit Zuchthaus bestraft, und die beiden Westberliner wären bei einer weiteren Kontrolle als „Fluchthelfer“ ebenfalls ins Gefängnis gekommen. Von Rhynern aus wurde sofort die Polizei verständigt, die die beiden Flüchtlinge abholte und in die Wache nach Kamen brachte.

Das war nun wegen der politischen Implikationen eine heikle Sache , was durch Telephonate mit vorgesetzten Behörden bestätigt wurde. Zunächst einmal wurde absolutes Stillschweigen angeordnet, bis man zu einem Entschluß über das weitere Vorgehen gekommen wäre. Da fiel Böhne die für seine Wache eleganteste Lösung ein. Die beiden waren doch in Rhynern gefunden worden? Und Rhynern gehörte doch zu Hamm! Also wurden die beiden flugs an das Jugendamt Hamm übergeben. Sollten die sich doch mit dem Fall beschäftigen. Nach einigem Hin und Her wollten die beiden Jugendlichen dann doch zurück in die DDR. Ein Mitarbeiter der „Ständigen Vertretung“ (so hieß die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Deutschen Demokratischen Republik: man wollte dort vertreten sein, aber damit sollte keine Anerkennung verbunden sein) holte sie ab und übergab sie den DDR-Behörden. Was dann aus ihnen wurde, ist nicht bekannt.

„Landebahn“

Daß ein langes, gerades Stück Autobahn sich auch für noch ganz andere Dinge eignet, erlebte Böhne zusammen mit seinem Kollegen Keller im Frühjahr 1961. Zwischen der Anschlußstelle (AS) Kamen-Süd und der AS Unna-Massen gab es die Notlandung einer einmotorigen Cessna 172. Ich lasse Hermann Böhne selber zu Wort kommen:

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Abb. 27: Ein Flugzeug auf der Autobahn

„Es herrschte richtig mieses Wetter. Regenträchtige Wolken lagen tief auf, die von einem steifen Nordwest getrieben wurden. Hin und wieder gab es einen kräftigen Guß. Es stand reichlich Wasser auf den Fahrbahnen, und die Kraftfahrzeuge zogen Wasserfahnen hinter sich her.

Mit meinem Streifenkollegen Hilger Keller […] befuhren wir die A2 in Richtung Oberhausen. Wir hatten soeben den Brunsberg passiert, als wir Motorengeräusche über uns wahrnahmen. Und das sehr deutlich. Alsbald tauchte das Flugzeug im Blickfeld vor uns auf. In niedriger Höhe schien es das Betonband der Autobahn als Orientierungshilfe zu benutzen. Was hat der Pilot eigentlich vor?Will er etwa auf der Autobahn notlanden? Diese und weitere Fragen stellten wir uns, ohne jedoch eine Antwort zu bekommen. Dann und wann zog der Pilot eine Schleife, so daß der Blickkontakt zu uns eigentlich nie abriß. Über dem Kamener Kreuz zog der Pilot abermals eine Schleife, um dann in Richtung Unna zu fliegen. Wir hatten uns entschlossen, dem Piloten irgendwie die Landung zu ermöglichen. Eine Kontaktaufnahme per Funk scheiterte. Ein zweiter Streifenwagen wurde herbeigerufen (Polizeimeister (PM) Tobias / PM Senz), um den auflaufenden Verkehr abzusichern. Wir fuhren inzwischen mitten auf der Fahrbahn, verlangsamten den Verkehr und ließen uns nicht überholen. Die Flughöhe der Cessna war nun beängstigend niedrig. In Höhe Kamen-Zentrum überquerte eine Hochspannungsleitung die BAB. Diese sah der Pilot wohl erst im letzten Augenblick. Mit einem „Steilsprung“ – uns blieb fast das Herz stehen – schaffte er das Hindernis in letzter Sekunde.

Der vor uns befindliche Verkehr war inzwischen so weit abgelaufen, daß genügend Freiraum für eine Landung vorhanden war. Das erkannte auch der Pilot, der nun nach einer weiteren Schleife zur Landung ansetzte. Die Autobahn bestand zu dieser Zeit aus zwei Fahrstreifen und einem Seitenstreifen. Die Landung klappte dann ohne weitere Komplikationen.“

Anschließend wurde die Cessna auf dem fertiggestellten, aber noch nicht freigegebenen Stück des Kreuzes Dortmund/Unna geparkt, bis, bei besseren Wetterverhältnissen, das Autobahnamt Hamm die Starterlaubnis erteilte. Der Pilot und seine drei Passagiere bedankten sich herzlich und landeten kurze Zeit später in Dortmund-Wickede.

Lakonisch schließt Hermann Böhne: „So war das damals. Mit einem Vermerk auf dem Streifenbefehl war diese Aktion auch für uns erledigt.“

Auf einer Autobahn mit soviel Verkehr kam es zwangsläufig zu vielen Unfällen. Dann Hilfe herbeizurufen, ohne alle heutigen technischen Hilfsmittel, war nicht einfach. Z.B. stellte sich der „Gelbe Engel“ (damals noch auf dem Motorrad) mit einem Schild an den Straßenrand und hoffte darauf, daß ein Arzt vorbeikam.

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Abb. 28:  Hilferuf

Neben den Todesfällen gab es aber auch eine Geburt.

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Abb. 29: Eine Geburt auf der A1 bei Holzwickede (WR, 23.1.1999)

Einmal war auch ein Tippelbruder mit seinem Gespann auf der Schnellstraße unterwegs. Den zu retten, bedurfte es einiger Überredungskunst seitens der Beamten. Der war so störrisch wie sein Esel: das sei doch eine wunderbare Strecke, immer geradeaus.


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Abb. 30: Tippelbruder auf der A1

Und am 12.9.1965 berichtete die Bildzeitung, daß die Kamener Autobahnpolizisten und ein Kamener Taxifahrer das Münsteraner Konzert der Rolling Stones retteten. Der Leihwagen des Gitarristen Bill Wyman war am Kamener Kreuz liegen geblieben, und das, wo doch das Konzert schon angefangen hatte! Ein Taxi mit Polizeieskorte in Höchstgeschwindigkeit auf der A1!

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Abb. 31: Auch die Rolling Stones mußten durchs Kreuz

Anmerkungen:

1 Es ist eine durchaus berechtigte Frage, ob sich Gutenbergs epochale Erfindung, der Buchdruck, so schnell verbreitet hätte, wenn sein Ausgangspunkt nicht Mainz gewesen wäre, in der Nähe großer Flüsse und Straßen, mit Frankfurt als einem bedeutenden Messeplatz mit kaiserlichem Privileg seit 1240 gleich nebenan.

2 Zunächst allgemeine Bezeichnung für Königsstraßen (also durch den König/Kaiser angelegte und bewachte und durch seine Truppen benutzte Straßen), später der Name einer Pilger–, Haupt– bzw. „Hohen“ Straße quer durch Mitteldeutschland (1252 erstmals als „strata regia“ erwähnt, noch heute im Verlauf einiger Bundesstraßen in Thüringen und Sachsen erhalten)

3 Der Stecknitzkanal (alte Bezeichnung: Stecknitzfahrt) wurde in den Jahren 1392 bis 1398 zwischen Lübeck und Lauenburg gebaut.

4 Messestadt mit landesherrlichem Privileg seit 1156, mit kaiserlichem Privileg seit 1497.

5 Die Bailey-Brücke ist eine transportable, aus vormontierten Einzelbauteilen zusammensetzbare, Not- oder Behelfsbrücke. Sie ist leicht aufzubauen, kann aber schwerste Lasten tragen.

Am 1.10.1906 wurde das erste deutschlandweit einheitliche Kennzeichen eingeführt. Direkt nach der Kapitulation Deutschlands erhielten deutsche Autos Militärkennzeichen, anschließend bis zum 5.5.1955 Nummernschilder der Militärverwaltung der jeweiligen Besatzungszone.1956 wurde das heutige System der Kennzeichen eingeführt.

7 Fahrstunden auf der Autobahn als verpflichtenden Teil der Ausbildung gibt es erst seit den 1970er Jahren. Es mußten fünf Stunden sein, die ans Ende der Ausbildungszeit gelegt wurden, damit die Grundfahrkenntnisse schon gefestigt waren.

Quellen:

Ammoser, Hendrik, Das Buch vom Verkehr, Die faszinierende Welt von Mobilität und Logistik, Darmstadt 2014

Bundesminister für Verkehr, Abt. Straßenbau, Hrsg., HAFRABA, Bundesautobahn Hansestädte – Frankfurt – Basel, Rückblick auf 30 Jahre Autobahnbau, Wiesbaden – Berlin 1962

Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes NRW, Hrsg., Um– und Ausbau des Kamener Kreuzes (A1/A2), o.O. & o.J.

Ebbrecht, Theodor, Landesoberbauamtsrat a.D., Vom Autobahnbau zum Autobahnbetrieb, Geschichtliche Entwicklung des Autobahnamtes Hamm 1934 bis 1975, o.O. & o.J.

Paschedag, Polizei-Hauptkommissar und Bereitschaftsführer, Das Kamener Kreuz, o.O., 1957

Regierungspräsident Arnsberg, Hrsg., 25 Jahre Dienst am Bürger, Arnsberg 1989

Mein besonderer Dank gilt Hermann Böhne, Polizei-Hauptkommissar a.D., der mir als der in Kamen beste Kenner der Geschichte des Kamener Kreuzes in vielerlei Hinsicht Hilfestellung leistete, vor allem als Auskunftei auf zwei Beinen. Und er kennt alle Geschichten um das Kamener Kreuz. Im Kamener Haus der Stadtgeschichte hat er ein kleines Museum zum Kamener Kreuz und zur Autobahnpolizei eingerichtet. Dort gibt es auch das Archiv der Kamener Autobahnpolizei. Zusätzlich besteht noch eine von ihm zusammengetragene und betreute Sammlung von Ausrüstungsgegenständen der Polizei aus vielen Jahrzehnten im neuen Gebäude der Autobahnpolizei Kamen auf der Funckenburg.

Dank auch an das Kamener Stadtarchiv, das über umfangreiches Bildmaterial verfügt und dieses zur Verfügung stellte.

Bildnachweis:

Abb. 1. Binnenschiff vom Typ Oberländer aus dem Köln-Prospekt des Anton Woensam 1531 (aus: Detlef Sender, Häfen, Schiffe, Wasserwege. Zur Schifffahrt des Mittelalters)

Abb. 2 – 7: Wikipedia

Abb. 8 – 10: Autobahnkarten / Autobahnnetz historisch ab 1926. Quelle: Landkarten & Stadtplan Index – Michael Ritz – Mönchengladbach

Abb. 11 – 13, 17, 19, 22 – 25, 28 – 30: Stadtarchiv Kamen

Abb. 14: Wikimedia.org

Abb. 15, 16a – f, 18, 20 – 20a, 26, 27: Hermann Böhne, Archiv der Kamener Autobahnpolizei

Publikationen des KKK

Der Kultur Kreis Kamen bringt seit dem Frühjahr 2016 eine Reihe mit „Beiträgen zur Kamener Geschichte“ heraus. Ziel ist es, unter dem Titel „Kamener Köpfe“ Persönlichkeiten darzustellen, die für Kamen und seine Geschichte eine gewisse Bedeutung erlangt haben. Natürlich wird es auch Beiträge geben, die sich mit anderen für unsere Stadt relevanten Themen beschäftigen werden. Dazu gehören z.B. Straßennamen und das Kamener Kreuz.

Alle Publikationen sind im Haus der Stadtgeschichte Kamen (Museum), Bahnhofstraße 21,  erhältlich. Tel.: 02307 / 79 74 19

Die ersten Hefte widmen sich folgenden Persönlichkeiten:

Titel Original Kopie

Heft 1  Johannes Buxtorf – Ein Basler aus Kamen

Beschreibt das Leben und Wirken des großen mittelalterlichen Hebraisten

 16 Seiten     von Klaus Holzer

Titel 1 Hamelmann 21 Original Kopie

Heft 2  Hermann Hamelmann – Kamens erster Reformator

Er war der erste, der in Kamen nach der Lehre Luthers predigte

12 Seiten     von Klaus Holzer

Praetorius 1

Heft 3  Antonius Praetorius – Kämpfer gegen Hexenverbrennungen

Der erste, der gegen Hexenverfolgungen und –verbrennungen schriftlich und praktisch zu Felde zog

32 Seiten     von Klaus Holzer

Titel Reich Original Kopie

Heft 4  Gustav Reich – Stadtplaner aus Leidenschaft

Er war ein Vierteljahrhundert lang Kamener Stadtbaurat, nach dessen Plänen der Umbau Kamens zu einer modernen Stadt eingeleitet wurde     (z.Zt. vergriffen)

32 Seiten     von Klaus Holzer

Titel Original Kopie 2

Heft 5 erscheint später, vorgesehen: Bernhard Heymann – Chemiker aus Berufung

Unter seiner Leitung wurde das Germanin entwickelt und die Schlafkrankheit besiegt

von Klaus Holzer

Wienpahl T neu

Heft 6 Wilhelm Wienpahl – Kamener Erfinder und Unternehmer

Ein Kamener Erfinder und Unternehmer der Gründerzeit, der heute vergessen ist

16 Seiten     von Klaus Holzer

Preis je Heft: € 2,50

 

Geplante  Veröffentlichungen:

  1. Christian Zucchi – ein Maler in Kamen
  2. 60 Jahre Kamener Kreuz
  3. Die „Gruppe Schieferturm“
  4. Helmut Meschonat
  5. Ulrich Kett
  6. Lothar Kampmann
  7. Fritz Heitsch
  8. Gerhard Donsbach
  9. Patenschaft Bloomfield

 

Eine Publikation außerhalb dieser Reihe, ebenfalls im Frühjahr 2016 erschienen, ist

Ohne Titel 1

Kartoffelglück – eine Schrift, die sich mit der Kartoffel in allen ihren Facetten befaßt. In alphabetischer Reihenfolge und bunt bebildert schickt uns diese 70-seitige Broschüre auf die Reise zu allem Wissenswerten rund um die Knolle. Mit dabei sind auch viele leckere Kartoffelrezepte, Anekdoten und Humoriges. Für Kamener besonders interessant: Die Seiten „Hier holt man sich gerne mal einen Korb“ und „UNsere Wahl regional“ beziehen sich auf den Kartoffelanbau und –verkauf in Kamen und Umgebung.

von Thea Holzer

Preis: € 7,50

Hermann Hamelmann – Kamens erster Reformator


Hermann Hamelmann

geb. 1526 in Osnabrück, gest. 26.6.1595 in Oldenburg

von Klaus Holzer
Aus der Zwischenablage

Abb. 1: Frontispiz der Ausgabe der Hamelmannschen Geschichtlichen Werke, Münster 1913

40 theologische, 29 historische und über 100 kleinere Schriften sind die Summe seines langen Schaffens, lokalgeschichtliche und genealogische Arbeiten, solche zur Geschichte des Humanismus und seines Schulwesens, aber auch für die niederrheinisch-westfälische Reformationsgeschichte wichtige Werke, die eine Fülle wertvollen kulturgeschichtlichen Materials enthalten, vieles davon aus mündlicher Überlieferung, das er somit vor dem Vergessenwerden bewahrte.

De sacerdotium coniugio, Dortmund 1554; De autoritate synodorum, Wittenberg 1554; De traditionibus apostolicis veris ac falsis, Frankfurt 1555; De traditionibus apostolicis et tacitis, Basel 1568; De Paedobaptismo, 1572; Illustrium Westphaliae virorum libri, 1564/65; Historia ecclesiastica renati evangelii per inferiiorem Saxoniam et Westphaliam, 1586/87; Hermanni Hamelmanni opera genealogica-historica de Westphalia et Saxonica, ed. E. C. Wasserbach, Lemgo 1711

Abb. 2 Hamelmann Titel

Abb. 2: Hermann Hamelmann, Reformationsgeschichte Westfalens, Münster 1913

Wer heute diese Titel liest, kann wohl nur als Fachgelehrter – Theologe, Historiker, Genealoge – in Aufregung geraten. Der Normalsterbliche steht davor wie der Ochs vorm Scheunentor und wird kaum darauf kommen, daß sie von einem der wichtigsten Reformatoren Westfalens, Niedersachsens, des Niederrheins und Teilen der Niederlande stammen. Und obwohl er kein Kamener ist, hat er für Kamen doch eine ganz besondere Bedeutung, weil er es war, der in unserer Stadt die Reformation einführte. Er war der erste, der das Evangelium nach Luther in Kamen predigte.

Wer war Hermann Hamelmann (HH), und wo kam er her?

Wie das so mit vielen auch der berühmtesten Personen des Mittelalters ist – über ihre Anfänge wissen wir oft wenig bis gar nichts. Schon über das Geburtsjahrs HHs sagten die Quellen lange Unterschiedliches aus, 1525 oder 1526 in Osnabrück geboren. Inzwischen ist 1526 festgestellt. Das genaue Geburtsdatum jedoch ist nicht bekannt. Da sein Vater bei seiner Geburt Canonicus (Chorherr) war, vom Notar umgeschult, wird er wohl dem jungen HH den ersten Unterricht gegeben haben, wie das damals in gebildeten Familien, vor der Einführung der Schulpflicht, üblich war. Anschließend erhielt er Unterricht auf dem Johannisstift in Osnabrück, 1538 – 1540 ist er auf dem humanistischen Gymnasium in Münster, setzt anschließend seine Schulbildung in Emmerich unter dem damals bekannten Matthias Bredenbach fort und findet sich Mitte der 1540er Jahre in der Freien Reichsstadt Dortmund auf der gerade gegründeten, aber bereits bekannten dortigen Humanistenschule. Schon hier wird offenbar der Keim gelegt für seine späteren Wanderjahre, sein ruheloser Geist läßt ihn nirgends lange verweilen. Und weil er nach 1553 unbeugsam die Lehre Luthers verficht, läßt man ihn auch selten lange wirken, zu stark waren noch die Kräfte der Beharrung.

1549 ist er an der Universität Köln immatrikuliert, wo er auch um 1550 zum (katholischen) Priester geweiht wird. Seine erste Stelle erhält er an der St. Servatiuskirche in Münster. Hier fällt er zum ersten Mal durch Kritik am kirchlichen Zölibat auf. Von dort kommt er vermutlich im Frühjahr 1552 nach Kamen und wird 2. Pfarrer an der St. Severinskirche (heute Pauluskirche). Erster (noch katholischer!) Pfarrer war Johannes Buxtorf, der Vater des berühmten Hebraisten, der später wesentlichen Anteil daran haben sollte, daß die Reformation sich in Kamen durchsetzte.


Ohne Titel

Abb. 3: St. Severinskirche, heute Pauluskirche

Er berichtet in seiner von ihm selber 1586 herausgegebenen Reformationsgeschichte: „In der Stadt Kamen lehrte Hamelmann, und da er dort einmal göttlich erleuchtet wurde, bekannte er offen, am Tage Trinitatis im Jahr des Herrn 15521 die wahre Lehre und widerlegte die päpstlichen Irrtümer. Damals war dort der Marschall jener Grafschaft der Edelmann Theodor Reck, der mit den Bürgermeistern und dem Rat, da sie die Rede Hamelmanns gehört hatten, in Verfolgung des Rechtes bestimmte, daß Hamelmann entlassen wurde, da der Landesherr jenes Ortes noch nicht öffentlich irgendeine andere Lehre als die päpstliche zugelassen hatte. So, entlassen der Wahrheit wegen, schied Hamelmann ruhig.“ (Anm. des Verf.: Er predigte über Johannes, Kap. 2, Vers 1 – 17: Über die Herrlichkeit der Gotteskindschaft) Immerhin hatte er es gewagt, in einer Zeit des großen religiösen Umbruchs, einer Reformation, die einer Revolution gleichkam, die bei seiner Predigt Anwesenden zur Annahme der lutherischen Lehre aufzufordern. Wer aber nicht dem „rechten“ Glauben anhing, setzte damals sein Leben aufs Spiel.

HodieHodie Forts.In H und W

Abb. 4: Die Stelle, an der Hamelmann sich über seinen Weggang aus Kamen äußert

Frau Schulze Berge, die Südkamener Ortsheimatpflegerin, Besitzerin des uralten Hofes Schulze Berge, deren Familie schon seit 1486 auf diesem Hof sitzt, erzählt gern folgende Anekdote, die seit Jahrhunderten durch die Generationen der Familie erzählt wird und die sich wahrscheinlich auf HH bezieht: HH war kaum in Kamen angekommen, als er seine erste Prozession den Hilligensteg entlang durch Südkamen führte. Alles nahm seinen gewohnten Gang. HH trug die Monstranz, in der sich eine konsekrierte Hostie befand, vorweg, geschützt unter dem „Himmel“, die Gemeinde folgte ihm. Man betete und sang fromme Lieder. Doch plötzlich stockte Hamelmann, erstarrte. Die ganze Prozession kam zum Stillstand. Plötzlich warf HH die Monstranz weg und rannte davon. Später erzählte er, er habe den Teufel gesehen. Da habe er gewußt, daß er die neue Lehre würde predigen müssen. Wie HH es selber formulierte: „ … da er dort einmal göttlich erleuchtet wurde …“.

Der Erfolg der Reformation war um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Kamen zunächst recht gering, sie beeinflußte das friedliche Leben der Bewohner wenig. Die Stadt war für die neue Lehre noch nicht reif, vielleicht ist es auch richtiger, zu sagen, daß das Leben in dieser kleinen Ackerbürgerstadt wesentlich durch gutes Miteinander, gute Nachbarschaft bestimmt war. Die Katholiken hatten nach wie vor Zutritt zur Pfarrkirche, der Severinskirche. Damals scheint noch lange, nämlich bis 1612, als der letzte katholische Vikar aus der alten Zeit starb, katholischer und evangelischer Gottesdienst in der Kirche parallel stattgefunden zu haben.

Es gibt übrigens eine weitere Verbindung zu einem anderen großen Kamener, Johannes Buxtorf, Vater des späterhin so bedeutenden Johannes Buxtorf. „Hamelmann hat 1553 dem Buxtorf die Lebensbeschreibung der Kirchenväter geschenkt und diese Worte hineingeschrieben: Sunt Vitae Patrum et alia, collata D. Johanni Buxtorp Pastori in Camen suo amico et Domino honorando ab Hermanno Hamelman Osnabrugensi, aput Camenses olim Divini verbi ministri 1553“. (Dies sind die Biographien der (Kirchen–)Väter und andere Dinge, zusammengestellt  für Dr. Johannes Buxtorf, Pastor in Kamen, seinem verehrungswürdigen Freund und kirchlichen Würdenträger (wörtlich: im Herrn geehrt), von Hermann Hamelmann aus Osnabrück, einst Diener des Wortes Gottes (=Pfarrer) in Kamen, 1553.“

Buxtorf der Vater

Abb. 5: Die Widmung Hamelmanns für Johannes Buxtorf

Doch HH gab den Anstoß, Luthers Lehre siegte. Der Keim war gelegt, die Saat mußte aufgehen. Nur die Schwestern des Klosters auf der Marienouwe, einige wenige Vicare und ein geringer Bruchteil Laien blieb bei der alten Kirche. Wieder Hamelmann selber in seiner „Reformationsgeschichte Westfalens“: „Inzwischen legte es jener gute Marschall Theodor Reck (der bald völlig umkehrte, um das Jahr des Herrn 1567) den Pastoren dort, Johann Buxtorp und Johann Merkator Schomburg, von Dortmund gebürtig, nahe, daß sie frohgemut anfingen, die Lehre des Evangeliums auszubreiten, die Sakramente gemäß der Lehre Christi in deutscher Sprache zu verwalten und deutsche Lieder zu singen. Ihr frommer Helfer war Johann Wegener, ein gelehrter und ernster Mann“.

Ohne Titel R

Abb. 6: Hamelmann über die Einführung der Reformation in Kamen

HH ging, erzwungen durch seine Auseinandersetzungen mit den kirchlichen Autoritäten um die Reformation, auf ein Wanderleben, immer auf der „Suche nach der einen Wahrheit“. Seine nächsten Stationen waren Ostfriesland, Braunschweig, Wittenberg, wo er sich mit Melanchthon traf und mit diesem über die Verabreichung und die Einnahme des Abendmahls disputierte, und seine Geburtsstadt Osnabrück. 1554 wurde er Pfarrer an der Neustädter Marienkirche in Bielefeld.

Ohne Titel

Abb. 7: Die Neustädter Marienkirche, Bielefeld

Dort tritt er am Fronleichnamstag 1555 in einer Predigt „über den wahren Gebrauch des Sakraments und seine Einsetzung“ gegen das Herumtragen des Brotes in altgläubigen Prozessionen ein. Es kommt zum Konflikt mit den Stiftsherren und der klevisch-ravensbergischen Regierung. Am 14. August 1555 kam es zur Disputation am klevischen Hof in Düsseldorf mit dem Hofprediger Bomgard und dem Kanzler Vlatten vor seinen Bielefelder Gegnern. Da der herzoglich-klevische Hof der Reformation abgeneigt war, stattdessen an der erasmischen Reform festhielt (Anm. d. Verf.: Erasmus von Rotterdam nahm eine vermittelnde Stellung zu den verschiedenen reformatorischen Bestrebungen ein, lehnte aber Luthers Reform nach dessen Bruch mit der Kirche ab) verlor HH erneut sein Amt.

Er ging im selben Jahr als Pfarrer nach Lemgo, wurde von der Regierung wieder beurlaubt, reiste weiter nach Rostock, um den Licentiatengrad (Anm. d. Verf.: entspricht dem D. theol.) zu erwerben, kehrte nach Lemgo zurück, wo er sich endlich niederlassen konnte. Hier wirkt er bis 1568, gelegentlich unterbrochen, weil er zwischendurch nach Waldeck und Brabant gerufen wird, um dort die Reformation voranzubringen. Schließlich wird er Generalsuperintendent in Gandersheim und endlich Hauptpastor an der Lambertikirche und Generalsuperintendent in Oldenburg, wo er bis zu seinem Tode wirkt. Hier gilt Hamelmann durch den Erlass der ersten oldenburgischen Kirchenordnung, zugleich auch Schulordnung, von 1573 als einer der Vordenker und Begründer des Volksschulwesens. Und seine Oldenburger Chronik („Oldenburgisch Chronicon“) gilt als Standardwerk ihrer Art, und er war der erste, der einen Versuch unternahm, die Bedeutung der Externsteine zu untersuchen.

Während all dieser Jahre war er ein ungemein fruchtbarer Schriftsteller, der über enorme historische Kenntnisse verfügte. Für seine theologischen Polemiken zog er die Kirchenväter heran, auf sie stützte er seine Streitschriften gegen Katholiken, Reformierte und Wiedertäufer. Er kannte sich so gut in der Geschichte der Territorien und der Dynastengeschlechter Westfalens aus, daß er zur wichtigsten, in vielen Bereichen einzigen, Quelle zur Geschichte Westfalens wurde. Seine zwei wichtigsten Werke hierzu sind seine Illustrium Westphaliae virorum libri I – VI (Verzeichnis der namhaften Männer Westfalens, Buch 1 – 6) von 1564/65 und die Historia ecclesiastica renati evangelii per inferiorem Saxoniam et Westphaliam (Reformationsgeschichte Westfalens und Niedersachsens) von 1586/87.

In Kamen ist sein Name heute unbekannt. Lediglich bei Kirchenführungen fällt sein Name als desjenigen, der Kamen zu einer protestantischen Stadt machte, und bei Besteigungen des Schiefen Turms, wo man im ersten Turmboden eine kleine Ausstellung mit erklärenden Worten zum Schaffen Hermann Hamelmanns findet. Auch wenn Kamen nur eine kurze Episode in seinem Leben darstellt, der bedeutendere Teil seines Wirkens sich in Lemgo und vor allem Oldenburg abspielte – er hatte den Mut, sich als erster in Kamen zur Reformation zu bekennen und hat damit die Geschichte dieser Stadt wesentlich beeinflußt. Er hat mehr Aufmerksamkeit verdient.

Klaus Holzer

im Februar 2016

Folgende Quellen liegen dieser Darstellung zugrunde:

Pröbsting, Friedrich, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden von Camen, Hamm 1901

Thiemann, Egbert, „Hamelmann, Hermann“ in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 585

Simon,Theo, Fast 800 Jahre Pfarre Kamen, Westfalenpost 2. 7. 1959

Zuhorn, Wilhelm, Geschichte des Klosters und der Katholischen Gemeinde zu Camen, Camen 1902

Löffler, Dr. Klemens, (Hrsg.) Hermann Hamelmanns Geschichtliche Werke. Kritische Neuausgabe, Bd. II, Münster 1913 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für die Provinz Westfalen), Stadtarchiv Kamen

1 Hier weist Löffler auch nach, daß Hamelmann sich in seiner Darstellung, wann er zum ersten Mal die Reformation gepredigt hat, irrte und gibt den Sonntag Trinitatis (28. Mai) 1553 dafür an.

Bildquellen:

Löffler, Dr. Klemens, (Hrsg.) Hermann Hamelmanns Geschichtliche Werke. Kritische Neuausgabe, Bd. II, Münster 1913 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für die Provinz Westfalen), daraus auch die Faksimiles aller Textpassagen, Stadtarchiv Kamen

Neustädter Marienkirche, Wikipedia

Pauluskirche mit Küsterhaus, Stadtarchiv Kamen

KH

Die Patenschaft Bloomfield – Kamen

Ein geschichtlicher Überblick von Jürgen Dupke

Vor fast 70 Jahren gingen die Städte Bloomfield (Nebraska, USA) und Kamen (NRW, Deutschland) eine Patenschaft ein. Diese Patenschaft – und nicht Partnerschaft, wie sie die Stadt Kamen heute zu vielen Städten im In- und Ausland pflegt – war das Ergebnis großer wirtschaftlicher Not.

Nach dem Ende des II. Weltkrieges wünschte das Hilfs- und Unterstützungs-Komitee der kleinen Stadt Bloomfield aus dem Mittleren Westen der USA eine Verbindung zu einer deutschen Stadt ähnlicher Größe. Die alliierte Militärregierung hatte bereits 1947 nach deutschen Städten gesucht, die sich für eine Patenschaft durch amerikanische Städte eignen würden. Kamen empfahl sich in einem Brief an den Oberkreisdirektor in Unna (der dann an die Militärregierung berichtete) mit den Worten: „Durch den Krieg und seine Folgen ist die Einwohnerschaft hart getroffen worden. Die Siedlungen der Bergleute hatten unter dem Bombenkrieg schwer zu leiden. Aber auch die Innenstadt ist nicht verschont geblieben. (…) Wir sind deshalb dankbar für jede Hilfe, die uns zur Linderung einer durch höhere Gewalten für längere Zeit entstandenen Notlage von außen zuteil wird.“

Abb. 1

Zeremonie im großen Sitzungssaal des alten Rathauses in Kamen: Der amerikanische Kongreßabgeordnete Artur Stefan hält eine Rede an die Mitglieder des Kamener Rates

In Folge eines Fehlers wurde Bloomfield, das zu jener Zeit nur 1500 Einwohner zählte, mit Kamen, das bevölkerungsmäßig 10-mal so groß war, zusammengebracht. „Die Bewohner Bloomfields im Staate Nebraska haben beschlossen, die deutsche Stadt Kamen, im Kreis Unna, zu adoptieren. Dieser Beschluß geht zurück auf die Initiative des für seine privaten Hilfsleistungen nach Europa bekannten Bloomfielder Bürgers Claude Canaday“, zitierte daraufhin am 24. Februar 1948 die Westfalenpost aus einem entsprechenden Schreiben der Amerikaner. Diese hatten den Wunsch nach einer Stadt geäußert, die im Kohlenrevier liegen und eine katholische wie eine lutherische Kirche haben sollte.

Am 10. Juli 1948, rechtzeitig vor Beginn der 700-Jahrfeier der Stadt Kamen, wurde die erste Hilfslieferung, bestehend aus 100 CARE-Paketen, am Rathaus abgeladen. Es handelte sich um den Gegenwert einer 1.000 Dollar-Spende des Bloomfielder Hilfskomitees. Jeder US-Bürger konnte damals für 10 Dollar ein Paket, mit dem Namen des Spenders versehen, nach Europa schicken.

Abb. 2

Die erste Lieferung von Care-Paketen trifft ein

Überbracht wurden die Pakete, die so lange entbehrte Konsumwaren wie Kaffee, Schokolade und Fleischkonserven enthielten, durch das Kongreßmitglied Artur Stefan. Er wurde von General Lucius Clay, dem damaligen Militär-Gouverneur der US-Zone in Deutschland, begleitet. General Clay schrieb im Juli 1948 über seinen Besuch in Kamen an die Bürger von Bloomfield: „Wir kamen in Kamen gegen 16 Uhr an. Auf den Straßen dort hielten sich viele Menschen auf. Wir begaben uns in das Büro des Bürgermeisters, wo wir herzlich empfangen wurden. Um 17 Uhr wurde eine Zeremonie in einem großen Raum des Rathauses abgehalten. Einhundert CARE-Pakete aus Bloomfield waren in der Nacht zuvor eingetroffen. (…) 

Abb. 3

In der Mitte: General Lucius D. Clay, (1897 – 1978), bei seinem Besuch in Kamen. Clay war von 1947 bis 1949 Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland. Er gilt mit Adenauer und Schumacher als einer der Gründer der Bundesrepublik Deutschland; rechts daneben Stefan mit seiner Frau

Die Zeremonie war sehr beeindruckend. Kongreßmitglied Stefan hielt eine interessante Rede, in der er die Stadt Bloomfield vorstellte und die Adoption Kamens begründete. Die Deutschen waren überglücklich und viele von ihnen hatten Tränen der Dankbarkeit für die Großzügigkeit Bloomfields und das Geschenk der CARE-Pakete in den Augen. (…) Nach der Veranstaltung schauten wir aus den Rathaus-Fenstern und waren überrascht, daß die Straßen gefüllt waren mit Bürgern, die alle zum Rathaus hinaufsahen um Kongreßmitglied Stefan und seine Begleitung zu begrüßen. (…)“   

Abb. 4

Ein Polizist bewacht die erste Paket-Lieferung. Die Polizei trug damals für eine Übergangszeit extra hergestellte Uniformen, damit die aus der Nazizeit belastete Uniform aus der Öffentlichkeit verschwand

Die Hilfslieferungen an Kamen, die noch einige Jahre andauerten und nicht nur aus CARE-Paketen bestanden, wurden durch eine Sonderkommission an die Bedürftigen und Hungrigsten der Stadt verteilt, wie Bürgermeister Rissel und Stadtdirektor Heitsch dem Begründer des Hilfswerks in Bloomfield, Claude Canaday, im Sommer 1948 mitteilten.

Abb. 5

 So sehr erwarteten die Kamener die Hilfslieferungen

Wann die materielle Unterstützung der Kamener Bevölkerung durch die Bürger Bloomfields endete, ist durch die Unterlagen des Stadtarchivs nicht zu belegen. Sicher ist aber, daß der Motor der Hilfsleistungen, der Farmer Claude Canaday (1896 – 1988), zwei Reisen auf eigene Kosten nach Kamen im Oktober 1948 und im Juni 1949 antrat, um „seine“ Stadt kennenzulernen und sich persönlich dafür einzusetzen, daß u.a. die Fabrik Hermann Klein (Produzent von Achslagern und anderen Eisenbahnteilen), die von den englischen Besatzungsbehörden zur Demontage vorgesehen war, weiterarbeiten konnte. Mit diesem Vorstoß hatte er auch tatsächlich Erfolg.

In einem Brief vom Juli 1965 schrieb Canaday an den Kamener Bürgermeister Beckmann: „ In unserem ersten Hilfsangebot hofften wir, nur Ihre Bürger etwas zu ermutigen, wo doch die Leiden und die Hoffnungslosigkeit so groß war. Wir waren froh, daß Sie unser Angebot annahmen und sind stolz darauf, die Bürger der Stadt Kamen als unsere Freunde nennen zu können.“ 

Im Jahr 1990 feierte der Ort Bloomfield seinen 100-sten Geburtstag. Dazu hat auch Kamen sehr herzlich gratuliert. In einer Festschrift Bloomfields, die zu diesem Anlass erschien und im Kamener Stadtarchiv verwahrt wird, schrieben die Autoren: „Das Gemeinwesen Bloomfield besteht aus hart arbeitenden Bauern und Kleinstadtbewohnern, die ihre Unterstützung aus christlicher Nächstenliebe und Mitgefühl und nicht aus dem Überfluss gegeben haben.“

Am 16. Juli 2009 besuchte Leroy Cordes, Bürgermeister Bloomfields, die  Stadt Kamen. Er übergab dabei an sein Kamener Pedant, Hermann Hupe, eine Plakette, welche die damals mehr als 60 Jahre alte Patenschaft zwischen den beiden Städten symbolisiert. Diese Plakette befindet sich heute im Kamener Stadtarchiv.

Im Jahr 2015 schließlich konnte Bloomfield den 125-igsten Jahrestag seiner Gründung feiern. Auch dazu hat die Stadt Kamen, in einem Brief von Hermann Hupe an seinen amerikanischen Amtskollegen, sehr herzlich gratuliert. Die Dankbarkeit der Kamener für großzügige Hilfe in schwerer Zeit wird aber nicht nur durch den Schriftverkehr der Repräsentanten beider Städte gewürdigt. Sichtbares Zeichen dafür, daß die Unterstützung der amerikanischen „Paten“ nicht vergessen ist, sind die beiden Straßenbenennungen „Claude-Canaday-Straße“ und „Bloomfield-Straße“, die sich beide auf der Lüner Höhe befinden. An den Straßenschildern befinden sich Namenserläuterungen. In diversen Publikationen, besonders sei hier auf das Buch zur Kamener Stadtgeschichte „Burgmänner, Bürger, Bergleute“ von Klaus Goehrke hingewiesen, wird zudem die Historie und Bedeutung dieser Verbindung  beider Städte und ihrer Bürger dokumentiert.

 

Bildquellen: National Archives at College Park, Maryland, USA/ Stadtarchiv Kamen: Abb. Nr. 1,3,4,5 (alle Photos vom 8. Juli 1948

Stadtarchiv Kamen: Abb. Nr. 2

Zu Praetorius: Hexenverfolgungen – Dichtung und Wahrheit

von Klaus Holzer

Abb. 1 Hexenverbrennung 2

Abb. 1: Hexenverbrennung 1587

Was war es nun, dessen ,Hexen‘ beschuldigt wurden, was sie gestehen sollten? Es waren vier Tatbestände, die den ,Hexen‘ zur Last gelegt wurden und die sie zu gestehen hatten: Teufelspakt (beinhaltet auch Teufelsbuhlschaft, d.h., Geschlechtsverkehr mit dem Teufel), Hexenflug, Hexensabbat und Schadenszauber. Und erst, wenn sie dieses gestanden hatten, konnte gegen sie die Todesstrafe verhängt werden.

Abb. Ersatz Hexenflug

Abb. 2: Hexenflug

Das verlangte die kaiserliche Halsgerichtsordnung, die Constitutio Criminalis Carolina Kaiser Karls V. von 1532. Um das Geständnis zu erreichen, wurde gefoltert. Durch die Folter wurde also eine an sich gute Bestimmung in ihrer Wirkung pervertiert.


Abb

Abb. 3: Titel mit Frontispiz ( Titelblätter des Kommentars zur Carolina (im Stadtarchiv)

Aus der Zwischenablage

Abb. 4: Titelseite der Carolina, Ausgabe von 1696 (im Stadtarchiv)

Die die „zauberey“ betreffenden Passagen der Carolina lauten (Dank an Hans Jürgen Kistner, der mich auf diese Passagen aufmerksam machte):

44. Von zauberey gnuogsam anzeygung

ITem so jemandt sich erbeut andere menschen zauberei zuo lernen / oder jemands zuo bezaubern bedrahet vnd dem bedraheten dergleichen beschicht / auch sonderlich gemeynschafft mit zaubern oder zauberin hat / oder mit solchen verdechtlichen dingen / geberden / worten vnd weisen / vmbgeht / die zauberey auf sich tragen / vnd die selbig person des selben sonst auch berüchtigt / das gibt eyn redlich anzeygung der zauberey / vnd gnuogsam vrsach zuo peinlicher frage.

52. So die gefragt person zauberey bekent.

ITem bekent jemandt zauberey / man soll auch nach den vrsachen vnnd vmbstenden / als obsteht fragen / vnd des mer / wo mit / wie vnd wann / die zauberey beschehen / mit was worten oder wercken. So dann die gefragt person anzeygt / daß sie etwas eingraben / oder behalten hett daß zuo solcher zauberey dienstlich sein solt / Mann soll darnach suochen ob man solchs finden kundt / wer aber solchs mit andern dingen / durch wort oder werck gethan / Man soll dieselben auch ermessen / ob sie zauberey auff jnen tragen. Sie soll auch zuofragen sein / vonn wem sie solch zauberey gelernt / vnd wie sie daran kommen sei / ob sie auch solch zauberey gegen mer personen gebraucht / vnd gegen wem / was schadens auch damit geschehen sei.

109. Straff der zauberey.

ITem so jemamdt den leuten durch zauberey schaden oder nachtheyl zuofügt / soll man straffen vom leben zuom todt / vnnd man soll solche straff mit dem fewer thuon. Wo aber jemandt zauberey gebraucht / vnnd damit niemant schaden gethan hett / soll sunst gestrafft werden / nach gelegenheit der sach / darinnen die vrtheyler radts gebrauchen sollen / wie vom radt suochen hernach geschriben steht.

Abb. 2 CCCarolina Abb. 5: Constitutio Criminalis Carolina, Ausgabe von 1577

Im folgenden sollen vier Aspekte näher beleuchtet werden:

  1. Es wurde und wird behauptet, daß Hexenverfolgungen eine systematische Vernichtung von Frauen und (wenigen) Männern waren, die „im Vergleich zur damaligen Menschendichte mehr Menschenleben gefordert hat als die unvorstellbare Judenvernichtungsaktion Hitlers“. Dabei ist die Rede von bis zu 9 Millionen Hexenfolterungen und –verbrennungen.
  2. Prozesse und Verurteilungen fanden auf Betreibung der (katholischen) Kirche statt. Die (vor allem spanische) Inquisition war die treibende Kraft hinter Tortur und Verbrennungen.
  3. Der Hexenhammer.
  4. Friedrich Spee.

Ich beziehe mich in den folgenden Ausführungen auf das 2. Kapitel „Hexen und Zauber“, „I. Hexenglauben“ (S. 295 – 333) in „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“, erschienen bei Aschendorff in Münster 2007, des Münsteraner Theologen Arnold Angenendt, der sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt hat.

Zu 1.:

Angenendt zitiert „gut belegte Zahlen von Gustav Henningsen“ von 2003, die für Deutschland etwa 25.000 Opfer bei ca. 16 Millionen Einwohnern nachweisen. In den deutschen katholischen Gebieten waren die Opferzahlen höher als in protestantischen Gebieten. In den katholischen Ländern Europas hingegen liegen diese Zahlen bedeutend niedriger. Bezieht man die Zahl der Opfer auf die Gesamtbevölkerung, ergibt sich folgendes Bild (Hexenhinrichtungen in Europa, höchste Zahlen, Auszug aus der Tabelle von Henning):

Land

Einwohner um 1600

Hinrichtungen

Promille

Dänemark/Norwegen

970.000

1.350 (?)*

1,392

Deutschland

16.000.000

25.000

1,563

Polen/Litauen

3.400.000

10.000 (?)*

2,941

Schweiz

1.000.000

4.000

4

Liechtenstein

3.000

300

100

(Hexenhinrichtungen in Europa, niedrigste Zahlen, Auszug aus der Tabelle von Henning):

Land

Einwohner um 1600

Hinrichtungen

Promille

Niederlande

1.500.000

200

0,133

Italien

13.100.000

1.000 (?)*

0,076

Spanien

8.100.000

300 (?)*

0,037

Portugal

1.000.000 (?)*

7

0,0007

Irland

1.000.000

2

0,0002

* Diese Zahlen weisen eine größere Unsicherheit auf.

Diese Zahlen liegen deutlich unter den wohl ideologisch motivierten Phantasiezahlen, die in die Millionen gehende Opferzahlen propagieren, dennoch muß klar gesagt werden, daß sie immer noch bestürzend hoch sind. Der Begriff „Justizmord“ wurde bezeichnenderweise im Zusammenhang mit einem Hexenprozeß geprägt. Und der Anteil der Frauen liegt, nach ebenfalls als zuverlässig erachteten Schätzungen, die auf vorhandenen Dokumenten wie Gerichtsprotokollen fußen, bei 75 – 80%.

Zu 2.:

Wo die Hexenverfolgung in den Händen der Inquisition lag, wird ein gemäßigter bis vorsichtiger Umgang mit dem Hexereidelikt festgestellt. In Spanien war es die institutionalisierte Inquisition, die die Hexenverfolgungen unter ihre Kontrolle brachte und 1526 praktisch beendete. Der römischen Inquisition wird bescheinigt, Kranke und Bedürftige gut behandelt zu haben, schwangere Frauen mit Rücksicht. Es gab die gleiche Verpflegung wie für die Wärter, Heizmaterial für die Zellen und regelmäßig frische Bettwäsche, die Wärter waren ohne Grausamkeit.

Hexenglauben wird heute als vormodernes Allgemeinphänomen betrachtet, das zunächst von der Kirche nicht ernst genommen und daher oft durch Lynchjustiz „geahndet“ wurde. Der mit Hexenglauben eng zusammenhängende Schadenszauber war ein säkulares Delikt, das seit dem Codex Hammurabi (Babylon, 18. Jh. v. Chr.), mit Strafe bewehrt ist, das die Kirche nicht strafrechtlich verfolgte, wohl aber das weltliche Recht, wie es schon der Sachsenspiegel des Eike von Repgow (Deutschland, zwischen 1220 und 1235) vorsah: „Ist ein Christ ungläubig oder beschäftigt er sich mit Zauberei und Giftmischerei und wird dessen überführt, den soll man auf dem Scheiterhaufen verbrennen.“  (Hexenglauben und –verfolgung gibt es noch heute in Afrika, Südostasien und Südamerika.)

Abb. 3 Hexenverbrennung

Abb. 6: Hexenverfolgung/verbrennung

Der Hexereibegriff, den wir heute zugrundelegen, wurde erst gegen Ende des Mittelalters (MA) geschaffen. Kennzeichen: 1. Pakt mit dem Teufel. 2. Geschlechtsverkehr mit ihm; 3. Möglichkeit zum Schadenszauber bzgl. Mensch, Tier und Ernte; 4. Teilnahme am Hexensabbat.

Nahezu alle frühen Hexenprozesse wurden nicht von Geistlichen veranstaltet, hatten nichts mit kirchlicher Gerichtsbarkeit zu tun, sondern von Politikern und Laien, da die weltlich-staatliche Justiz generell die Zuständigkeit bei Hexenprozessen für sich reklamierte. 1532 beanspruchte die Constitutio Criminalis Carolina Kaiser Karls V., das für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation erlassene Strafgesetzbuch, die Kompetenz für Hexenprozesse, ließ sie aber nur für „wirklich nachweisbaren Schadenszauber“ zu und erlaubte nur begrenzte Folteranwendung. Dadurch wurden in schwierigen Fällen studierte Juristen notwendig, was die weltlich-staatliche Justiz nach sich zog.

Fast immer kamen Hexenprozesse durch Anzeigen aus der Nachbarschaft  und der Dorfgemeinde in Gang. Oft gab es im Dorf Hexenausschüsse, und da diejenigen, die jemanden der Hexerei bezichtigten, sich das Vermögen der „Hexen“ mit den Richtern teilen durften, endeten Hexenprozesse hier auch so gut wie immer mit einem Todesurteil. Auf dieser Ebene, zusammen mit den adeligen Ortsgerichten, kam es auch immer wieder zur kirchlicherseits längst verbotenen Wasserprobe. Und hier führte man in der Regel auch sofort die keinen Normen verpflichtete Folter durch. Ausgerechnet päpstliche Inquisitoren erkannten mit als erste, daß maßlose Folterung zu zahlreichen Fehlurteilen führen mußte und geführt hatte.

Abb. Ersatz Erkenntnis der ZauberinnenAbb. 7: Wasserprobe

In summa: Die Inquisition verfuhr rechtsbewußter und weniger grausam als die weltliche Justiz.

Zu 3.:

Der Dominikanermönch Heinrich Kramer, der sich lateinisch Institoris nannte, war eine zwielichtige Gestalt, die u.a. wegen Unterschlagung von Ablaßgeldern belangt worden war. Er besorgte sich 1484 von Papst Innozenz VIII. eine Bulle, die Hexenverfolgung vorsah, nicht jedoch Hexenverbrennung. Daraufhin zettelte er Hexenverfolgungen an, scheiterte jedoch kläglich, so z.B. in Innsbruck. Der Bischof von Brixen nannte ihn „kindisch“ und „verrückt“ und warf ihn aus Innsbruck hinaus. Erst dann schrieb er den „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum), und zwar allein, ohne den meist mitgenannten Jakob Sprenger. Er fügt seinem Buch die päpstliche Bulle bei, ein Gutachten der Kölner Theologischen Fakultät und ein kaiserliches Privileg, wodurch der Eindruck höchster Autorität entstand. Jedoch zeigen neue Forschungen, daß die Bulle in Wahrheit aus der Bürokratie des Vatikans stammt und ohne Wissen des Papstes verfaßt wurde. Und das Gutachten der Kölner Theologen ist mittlerweile als Fälschung entlarvt worden. Bleibt nur noch das kaiserliche Privileg, das bislang nicht angezweifelt wird.

Abb. 5 Malleus_1669

Abb. 8: Der Hexenhammer

Seit seinem Erscheinen in der Karwoche 1487 und einem weiteren Druck 1520 erschien der Hexenhammer in 10.000 Exemplaren und traf offensichtlich den Nerv der Zeit: Er wurde zur Grundlage der Hexenverfolgungen und –verbrennungen, die vor allem das 16. und 17. Jh. erschütterten. Von nun an wurden Hexereidelikte nördlich der Alpen ausschließlich vor weltlichen Gerichten verhandelt, die sich ja der Zustimmung der katholischen Kirche gewiß waren, waren doch die Umstände ihrer Entstehung nicht bekannt. Selbst die protestantischen Kursächsischen Konstitutionen (1572 vom sächsischen Kurfürsten August publizierte Sammlung von Rechtsentscheidungen) übernahmen Teile des Hexenhammers. Sie bieten eine organische Weiterentwicklung des auf dem Sachsenspiegel fußenden sächsischen Rechts und wandten ihn an, samt der Todesstrafe. Selbst die bekannten Gegner der Hexenverfolgung, Spee und Prätorius, bestreiten nicht, daß es Hexen gibt. Und Luther äußert sich in seiner Predigt vom 6. Mai 1526: „Sie schaden vielfaltig, also sollen sie getötet werden, nicht allein, weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.“ Calvin scheint hier nicht klar zuzuordnen zu sein. Zum einen erklärte er, Gott selbst habe die Todesstrafe für Hexen festgesetzt („Hexenverfolgung“, wikipedia). Zum anderen soll Calvin für  Praetorius eine Autorität sein, die er im Kampf gegen Hexenverfolgungen auf seiner Seite sieht (Detmers, historicum.net). Es bleibt jedoch klar festzuhalten, daß Hexerei im MA Bestandteil der Lebenswirklichkeit war.

Die spanische Inquisition lehnte den Hexenhammer auf einer Konferenz in Granada 1526 ab, die römische Inquisition urteilte 1580 genauso.

Zu 4.:

Ein weiteres Indiz dafür, daß es nicht „die Kirche“ war, die vor allem für Hexenverfolgung und –verbrennung verantwortlich war, ist die Tatsache, daß es der Mönch Friedrich Spee (FS) (25.2.1591 – 7.8.1635) und, noch vor ihm, der Pfarrer Anton Praetorius (AP) (um 1560 – 6.12.1613) waren, die vehement gegen diese Praxis Stellung bezogen, ja, sie in Wort und Tat bekämpften, und nicht etwa die Juristen in städtischen und landesherrlichen Diensten. Allerdings hatten Theologen und Prediger durchaus ihren Anteil an diesen Greueltaten.

Abb. 6 Friedrich Spee

Abb. 9: Friedrich Spee von Langenfeld (Ölbild von Martin Mendgen, 1938, Stadtbibliothek Trier)

Der wirkungsvollste Gegner der Hexenverfolgungen war ein Jesuit, Friedrich Spee, der Autor der Cautio Criminalis seu de processibus contra Sagas Liber (deutsch: Rechtliches Bedenken oder Buch über die Prozesse gegen Hexen). In dieser Schrift, die er 1631 anonym veröffentlichte, argumentiert FS zunächst vor allem juristisch. Er verlangt eine wirksame Strafverteidigung: der Richter solle dafür sorgen, daß es den Gefangenen nicht an Advokaten fehlt. Den Verteidigern solle der Zugang zum Gefängnis nicht verwehrt werden dürfen. Dann solle der Richter ein festes Gehalt bekommen, um ihn vor Bestechlichkeit zu schützen und seine Unabhängigkeit zu gewährleisten. Und er fordert die Beachtung des Grundsatzes in dubio pro reo ein, heute als „Unschuldsvermutung“ in aller Munde.

Abb. 7 Cautio_criminalis_1631

Abb. 10: Cautio Criminalis eines unbekannten römischen (katholischen) Theologen (anonym von Friedrich Spee veröffentlicht)

FS belegt an Beispielen aus seiner eigenen Erfahrung, daß die Folter ein inhumanes, ganz und gar unzuverlässiges Mittel zur Erforschung der Wahrheit ist. Die Verantwortlichkeit für Folter und Hexengerichte verteilt FS folgendermaßen: 1. die Fürsten, 2. die Ratgeber der Fürsten, 3. die Hexenrichter, 4. die Hexenbeichtväter, 5. das Volk,      6. die Hexenliteratur, 7. die Prediger. Seine Schrift richtet sich demzufolge ausdrücklich ad magistrates Germaniae: Ratgeber und Beichtväter der Fürsten, Inquisitoren, Richter, Advokaten, Beichtiger der Angeklagten und Prediger.

Schon 1627 hatte ein anderer Jesuit, Adam Tanner in Bayern, seine theologischen Argumente gegen Hexenverbrennungen vorgebracht, voller Abscheu gegen die zu der Zeit in den geistlichen Fürstbistümern Eichstätt, Bamberg, Würzburg und Mainz tobenden Hexenverbrennungen.

Doch entwickelte FS nicht nur eine lückenlose juristische Argumentationskette gegen die Hexenverbrennungen, sondern legte auch ausführlich christlich–kirchliche Argumente dar. Zuallererst berief er sich auf den Gott der Liebe: Gott ist ein für alle Male von unbegreiflicher Liebe zum Menschengeschlecht erfüllt. Im Gegensatz zu den Scharfmachern interpretiert er das Weizen/Unkraut–Gleichnis in Matthäus 13, 24 – 30 tolerant: Wenn Gefahr droht, daß zugleich der Weizen mit ausgerauft werde, dann darf das Unkraut nicht vertilgt werden. Mit seiner Klage „Ecce Germania tot sagarum mater“ (Sehet Deutschland, so vieler Hexen Mutter) spielt er auf das Ecce homo der Passionsgeschichte an. Seine Haltung kam „vom Glauben her“.

Und weiter unten heißt es: „[…] Schadenszauber und damit auch Hexerei [galten] bei den kirchlichen und bei den weltlichen Instanzen als wirklich existent und strafbar. Darum verfolgte die weltliche Justiz den durch Hexerei angerichteten Schaden als justiziables Verbrechen. Die kirchliche Vorgehensweise wollte […] nur geistliche Bestrafung, bei Verzicht auf Körperstrafen. Da jedoch kirchlicherseits bei den Ketzern die Todesstrafe möglich geworden war, mußte allen Hexern und Hexen wegen ihres häretischen Teufelspaktes ebenfalls der Tod drohen. Aber die Kirchengerichte wie besonders die Inquisition hielten sich zurück, ja lehnten ab. So ist am Ende festzustellen: Zauberei galt allgemein als teuflisch, wegen des Teufelspaktes als Glaubensaufkündigung, wurde aber kirchenoffiziell nicht mit dem Tode geahndet, allerdings nicht deswegen, weil man die Todesstrafe grundsätzlich für bedenklich gehalten hätte, sondern weil man bei Hexerei den erforderlichen juristischen Erweis für unmöglich hielt.“

Und es verdient festgehalten zu werden, daß alle Konfessionen bei diesem Kampf gegen Hexenverfolgungen beteiligt waren: der calvinistische Pfarrer Anton Praetorius  als Vorreiter mit seinem „Gründlichen Bericht von Zauberei und Zauberern“ , der Jesuit Friedrich Spee mit seiner „Cautio Criminalis“ von 1631 als wirkungsvollster Kämpfer, lutherische Pfarrer, als sie AP öffentlich unterstützten, indem sie die dritte Auflage von 1613 seines „Gründlichen Berichts“ förderten.

Fazit: Die aufklärerisch-liberale Interpretation der Hexen-Verfolgung lautete, wie die Aufarbeitung der Hexerei-Geschichtsschreibung inzwischen ergeben hat: „mehrere Millionen Opfer, mittelalterliches Phänomen und ausschließliche Schuld bei der katholischen Kirche bzw. der Inquisition“. Das Gegenteil ist inzwischen herausgearbeitet: weder Millionen Opfer, noch mittelalterliches Phänomen, sogar Ablehnung durch Päpste und Inquisition.

Abb. 8 Titelseite 1602

Abb. 11: Antonius Praetorius – Gründlicher Bericht von Zauberey etc. (vgl. Artikel über Praetorius)

Auch Hartmut Hegeler kommt in seiner Schrift „Hexenprozesse. Die Kirchen und die Schuld“ (Unna 2003) zu einem ähnlichen Verdikt: „Von einer alleinigen Verantwortung der Kirchen für Entstehung und Durchführung der Hexenprozesse kann jedoch nicht gesprochen werden.“ (S.8) Allerdings beurteilt er die Verstrickung der lutherischen, calvinistischen und katholischen Kirche als so schwerwiegend, daß er offizielle Schuldanerkenntnisse von ihnen verlangt und darüber hinaus auch die Rehabilitierung aller als Hexen verurteilten Personen. Hierin hat er durch seine Initiative auch schon einiges erreicht: bis 2015 wurden „Hexen“ in 40 Städten und Gemeinden rehabilitiert. Winterberg im Sauerland machte am 19. November 1993 den Anfang, heute steht Gelnhausen in Hessen seit dem 10. Juni 2015 am vorläufigen Ende der Liste.

Hegeler sagt dazu: „Eine rechtliche und theologische Rehabilitierung der unschuldig hingerichteten Opfer der Hexenprozesse ist ein überfälliger Akt im Geiste der Erinnerung und Versöhnung.“

Wie komplex die Materie ist, wird allerdings auch deutlich. „Man darf nicht vergessen, dass die Menschen nach damals geltendem Recht verurteilt wurden. Hexerei war ein existierender Straftatbestand, auch Folter war erlaubt,“ sagt der Jurist Prof. Dr. Wolfgang Schild von der Universität Bielefeld. „ Eine tatsächliche juristische Rehabilitierung – also die Aufhebung der Urteile – ist deshalb nicht möglich. Was die Städte also lediglich tun können, hat vielmehr symbolischen Wert.“ (lt. dpa vom 27. Nov. 2011) Er betont also das juristische Prinzip, wonach Gesetze nicht rückwirkend (ex post) angewandt werden dürfen.

Auch wenn vielleicht nicht überall eine juristische Aufarbeitung und, damit einhergehend, eine Revision der mittelalterlichen Hexengerichtsurteile möglich oder erwünscht ist, mindestens läßt sich aber Hegelers Vorschlag umsetzen, wenigstens eine Straße nach dem ersten Kämpfer gegen Hexenprozesse, Antonius Praetorius, zu benennen. Eine mitgegebene Erklärung wird alle an diese doch im ganzen unrühmliche Zeit erinnern. Ein Akt der Aufklärung.

Anhang: Die drei Passagen (44, 52, 109), die oben aus der Carolina zitiert werden, im Erscheinungsbild  der Ausgabe von 1696 (im Stadtarchiv Kamen):

44 Zauberey

Ziff. 44: Von Zauberey genugsame Anzeigung

52 gefragte Person

Ziff.  52: So die gefragte Person Zauberey bekennt

109 Straff

Ziff. 109: Straff der Zauberey

Bildnachweis:

aus Wickiana: Abb. 1

aus Wikipedia: Abb. 2, 5, 7, 8 (MM, Lyon 1669), 10 (Rinteln 1631), 11

Stadtarchiv Kamen: Abb. 3 & 4

aus H. Hegeler, Hexenverfolgung am Beispiel von Anton Praetorius: Abb. 6

Friedrich-Spee-Gesellschaft Trier: Abb: 9

KH

Ulrich Kett

von Klaus Holzer

Abb. 1 Ulrich Kett

Ulrich Kett,  geb. 15. Juli 1942

„Kunst ist, was ein Künstler macht. Und Künstler ist, wer vom Finanzamt als Künstler anerkannt ist.“

Ist eine uneitlere Definition des eigenen Tuns vorstellbar? Entspannt und gelassen sitzt Ulrich Kett in seinem Atelier in Meinerzhagen, umgeben von seinen Bildern und Büchern, mit sich und der Welt im reinen. So etwas kann wohl nur jemand sagen, der sich sicher ist, daß er sein Handwerk beherrscht, vom Porträtzeichnen bis hinter den Horizont des Abstrakten.

Ulrich Kett beherrscht das alles. Schon das Gekleckse und Gemale des kleinen Uli im Kindergarten in Kamen war besser als das der anderen Kinder. Die betreuende Nonne sammelte alles von ihm und gab es seiner Mutter, als der Junge auf die Volksschule wechselte. Er hörte nicht auf, Blatt um Blatt malte er voll, von der verständnisvollen Oma geduldet, ja gefördert: Häkeldecke vom Wohnzimmertisch, Zeitung als Unterlage darauf, ein Blatt, viele Blätter Papier zum Malen, Nachmittag für Nachmittag.

Nach der Schule ging’s in die Lehre als Dekorateur und Plakatmaler bei Kaufhaus Küster in der Weststraße in Kamen (heute Vögele), wo ein Jahr später Helmut Meschonat (vgl. Artikel Helmut Meschonat) ebenfalls diese Lehre begann. Zwei Jungen, eine Seele. Zu diesen beiden stieß Heinrich Kemmer als Dritter hinzu, der allerdings eine Lehre als Möbeltischler in Hamm machte.

Lehre, „künstlern“, über Kunst reden, abends ein Bierchen in einer der vielen Kamener Kneipen, Schaschlik extra scharf im Bacchus in der Weißen Straße. Der Plakatmaler Uli malte in Handarbeit alle die Plakate, die die Jazzbandbälle und –tanztees der „primitiven“ ankündigten.

Inzwischen hatten sich bei den drei Freunden sechs Bilder angesammelt, also wollten sie auch ausstellen. Aber wie das anfangen? Erst einmal mußte ein Name her: „Malkasten Schieferturm“ nannten sie sich, merkten jedoch sogleich, daß Heine Kemmer sich mehr mit Plastiken und Skulpturen beschäftigte, daher wurde daraus das allgemeinere „Gruppe Schieferturm“ (vgl. Artikel „Gruppe Schieferturm“). Aber ohne den Leiter des damaligen Kamener Bildungswerks, Wolfgang Baer, wäre es schwierig geworden, so ohne alle Kontakte. Er übernahm die Organisation, druckte Einladungszettel und tatsächlich kamen die ersten Ausstellungen der jungen Kamener in den beiden neuen Schulen am Koppelteich (vgl. Artikel Gustav Reich), Martin-Luther- und Glückaufschule, zustande, protegiert von Professor Lothar Kampmann (vgl. Artikel Lothar Kampmann). Dort trafen die drei auch Emile Künsch, einen umtriebigen Luxemburger, der sich in Kamen niedergelassen hatte. Ca. sieben Jahre lang war er der „Manager“ der Gruppe Schieferturm, bis man sich trennte.

Abb. 2 Der König 1964 100 x 80 cm Kopie

Abb. 2:  Der König (1964)

Abb. 3 Der König auf dem Weg nach Unna 1964 100 x 80 cm Kopie

Abb. 3: Der König auf dem Weg nach Unna (1964)

Für den heutigen Betrachter, seit Jahrzehnten gewöhnt an abstrakte Kunst, ist die Aufregung kaum noch verständlich, die Bilder wie diese „Königsbilder“ im Oktober 1964 erregten, als das Kamener Publikum erst sehr spärlich, nach Prof. Lothar Kampmanns sehr geharnischten Worten bei der Eröffnung etwas zahlreicher in die Ausstellung der Gruppe Schieferturm in die Glückauf-Schule ging. Das Abstrakte war in Kamen noch nicht „angekommen“. Hier sah man noch „realistisch und naturalistisch“. Kampmann: „ Wer ‚Gegenstand‘ gehört hat, soll ‚Gestalt’ denken, und wer ‚Natur‘ gehört hat, soll sie als Inbild und Abbild verstehen. In den ausgestellten Bildern kommt das Elementarische, das hinter dem hantierbaren Gegenstand steht, zum Ausdruck. … Die Künstler … befassen sich vielmehr mit der neuen Wirklichkeit.“ Um dem Publikum bei der Eröffnung der „Jubiläumsschau“ der Gruppe  Appetit zu machen, preisen die „Heimat-Nachrichten“ (leider ohne Datum, vermutlich HA 1964): „Außer bei Meschonats Werken ist durchweg eine gewisse Verwandtschaft zum Jugendstil erkennbar – insbesondere bei Kett, der jedoch die schreienden Formen auflöst und reduziert.“ Naja, die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und „Jugendstil“?

Ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis zur abstrakten Kunst wirft auch ein mit -d gezeichneter Bericht (ebenfalls ohne Datum, wohl ebenfalls HA 1964). Die Zeitung hatte das Photo eines Bildes von Kett erhalten: „Der König auf dem Wege nach Unna“ (Abb. 3). „In unserer Redaktion … machte diese Aufnahme einiges Kopfzerbrechen. Was war oben, was war unten? … Bis einer auf einer Ecke des Bildes so etwas entdeckte, was wie ein Signum aussah. … Ulrich Kett 64.“

Ein überzeugter Förderer der Kamener Künstler war Museumsrat Dr. Carl Baenfer aus Münster, der ihnen vielleicht den Weg zum freien Künstlertum hätte ebnen können. Für ihn malte „der Künstler von heute nicht schön, aber wahr“. Er müsse das Risiko auf sich nehmen, mißverstanden zu werden. Er schrieb der Kunst „geistige und übermaterielle Potenz“ zu. Alles dieses fand er in der Kunst der drei jungen Kamener. Er war so überzeugt von ihren Qualitäten, daß er immer wieder anreiste und sie beriet, ihnen das theoretische Gerüst vermittelte, sie ermutigte. Leider starb er bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg von Münster nach Kamen auf dem Weg zu „seiner“ Gruppe Schieferturm.

Nach diesen ersten Erfolgen schien mehr möglich. Ulrich bestand die Gesellenprüfung zum Abschluß seiner Lehrzeit. Nun betrachtete er sich als Halbprofi und daher prinzipiell unbescheiden, Halbprofi reichte ihm nicht. Positiv gewendet könnte man sagen, Neugier und künstlerischer Hunger setzten ein, Kunst und Kultur avancierten zum Lebensmittel. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er meldet sich zur Aufnahmeprüfung an der Werkkunstschule Dortmund und besteht auch diese. Aber um studieren zu können, braucht man Geld. Uli ging den harten Weg, mußte ihn gehen. Ein halbes Jahr lang verlegte er Betonplatten zu Fußwegen in der neuen Siedlung Lüner Höhe. Harte Arbeit, aber gut bezahlt, die wirtschaftliche Grundlage seines Kunststudiums, dessen Anfang ein halbes Semester Grundlehre in Dortmund war.

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Abb. 4: Felsen mit Vogel

Der späte Uli Kett (2014) liebt Farben, aber keine Farbexplosionen mehr. Eine Farbe dominiert. Der Felsen im Hintergrund ist stark strukturiert, von Rissen durchzogen als geologische Formation erkennbar. Davor links unten der Vogel, offenbar ein Jungvogel, mit gelblichen Tönen eingefärbt, durchsichtig. Organische Natur vor anorganischer. Leben vor Stein.

Und wieder fiel Ulis Talent auf. Sein Dozent Ulrich Knispel riet ihm zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste Berlin. Die war in vier Tagen! Also: Mappe untern Arm geklemmt, raus an die Straße, Daumen raus, auf nach Berlin, eine Woche Aufnahmeprüfung, bestanden (als einer von nur 18, und einer von nur 10, die zeichnen konnten!), richtiger Student. Heureka!

Daß Kett ein begnadeter Zeichner ist, zeigt Abb. 5. Alle hier dargestellten Personen sind „richtige“ Personen, lebende Personen, die genau so aussehen. Sie sind wiedererkennbar: Gesichter, jede Falte darin, Bärte, Haarfarbe, Körperhaltung. Und damit das alles nicht zu einfach wird, wählt er grünen Karton und Farbstifte. Bei dieser Kombination muß jeder Strich sitzen, radieren geht nicht, das verzeihen weder Karton noch Stifte. Es braucht unendliche Präzision und Geduld.

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Abb. 5: Bekannte Vinologen, Die Erklärung der Welt, 1980

Sein Sinn für Humor und, böser, Ironie kommt im Titel zum Ausdruck. Er beschäftigt sich mit dem, was man zur Erklärung der Welt braucht: Rotwein erleichtert den Einblick, ermöglicht den Durchblick und verschafft den Ausblick. Die drei Vinologen sitzen hinter einem Tisch, eine zu zwei Dritteln geleerte Flasche Rotwein vor sich, aus der aber nur der mittlere der drei getrunken zu haben scheint. Ulrich Kett (rechts mit erhobenem Zeigefinger) sitzt ganz am Rand, schaut den Betrachter direkt an, er erklärt die Welt, ausgerechnet der, der wohl nichts getrunken hat. Die Farbe, mit der er dargestellt wird, ist der Farbton des Hintergrundes, aber kräftiger, nur der rötliche Haarschopf hebt sich farblich aus der Komposition heraus. Die Rotweinflasche trennt ihn von den anderen. Die mittlere Figur, der Rotweintrinker, geht farblich im Hintergrund auf, nur seine Kappe und seine gleichfarbige Krawatte stechen heraus. Neben ihm der Dritte im Bunde schnuppert am leeren Behälter, der aus dem Chemieraum zu stammen scheint. Auf dem Kopf trägt er einen umgedrehten Trichter, dessen Ablaufschlauch abgeklemmt ist, nichts geht hinein, nichts kommt heraus. Keine Farbe hebt diesen Vinologen hervor. Der Tisch, an dem die drei sitzen, schwebt über einer sauerländischen Hügellandschaft, Wald, Wiesen, keine Menschen. Die spirituelle Dreifaltigkeit schwebt über einer menschenleeren Welt.

Wieder Grundlehre: Formenlehre, Zeichnen und Malen in und nach der Natur (!), täglich von 8.00 bis 16.00 Uhr. Anschließend Vorlesungen und Aktzeichnen. Seminare waren abends oder samstagnachmittags. Ab dem dritten Semester Freie Malerei, Kunstgeschichte und Philosophie als Wahlfach. Philosophie? Für einen Künstler? Sie hilft, sagt Kett, ein „Ordnungssystem der eigenen Kunsttheorie zu entwickeln“. So erfährt der Künstler, „was Menschen denken können und wo ihre Grenzen sind“. Sie hilft, „Kunst zu erkennen und zu begreifen“.

Im folgenden Jahr kam Helmut Meschonat nach bestandener Gesellenprüfung auch nach Berlin, wurde auch Kunststudent und man wohnte zusammen in einer WG. Praktisch, heimelig und preisgünstig.

In den Semesterferien zog es sie wieder nach Kamen. Vereinzelte Aufträge, private Wohnhäuser auszugestalten, ermöglichten künstlerisches Arbeiten und brachten Uli Geld ein. Er wollte intensiv weiterarbeiten, malen, Omas Wohnzimmertisch reichte nicht mehr. Mescho und Heine wollten das auch. Ein Atelier mußte her. Da trafen glückliche Umstände zusammen. Mescho war der Neffe des damaligen Stadtdirektors Fritz Heitsch (vgl. Artikel Fritz Heitsch), der Bürokrat und auch Künstler war. Das Amtsgericht war damals gerade aus seinem alten Gebäude an der Bahnhofstraße aus– , die städtische Bauverwaltung eingezogen. Der Dachboden des Gebäudes wurde vom Bauamt nicht benötigt. Da brauchte es nur den kurzen Draht zwischen Fritz Heitsch und dem Leiter des Bauamts, Horst Schulze-Bramey, und die Jungs hatten ein Atelier. Schulze-Bramey ließ ihnen Heizung und fließendes Wasser legen, verpflichtete sie im Gegenzug aber dazu, alle Holzbalken im Raum mit Wasserglas als Feuerschutz zu streichen.

Abb. 1a

Abb. 6: Das erste Atelier

Die Einweihungsfête war legendär, die Menge der dort entstandenen Bilder aber auch. Es war die Zeit des Ausprobierens: Zeichenkohle, Graphitstift, Tusche, Mischtechnik, Tempera & Farbstifte, Blei– & Farbstifte, Ölfarben, erst auf Papier, auch Packpapier, dann auf Leinwand, Siebdruck; zunächst figürlich, bald schon abstrakt – hier fühlte sich die Kunst nach den 1000 Jahren von 33 – 45 frei von Zwang, wurde so zur beherrschenden Form für Jahrzehnte – doch blieben figürliche Elemente erkennbar. Vor allem seine Landschaften von der Algarve von 1965 lassen deutlich die Konturen realer Landschaften erkennen, die Farben sind naturbezogen, doch sind sie so weit abstrahiert, daß sie den Betrachter zu ihrer Entschlüsselung brauchen. Die Farben evozieren jedoch alles das, was der beginnende Wirtschaftswunderdeutsche mit Portugal assoziiert: rot, blau, grün, sandfarben.

Leider hielten die Verkäufe nicht Schritt, Geld wurde also wieder knapp. VKU und Post boten Arbeit ab 4.00 bzw. 5.00 Uhr morgens und passable Bezahlung. Uli griff zu, reinigte Busse, trug Briefe aus. Er konnte sich das Material für weitere Bilder leisten, Geld für das abendliche Bierchen und Schaschlik war auch noch da. Am schönsten waren aber wohl immer die Abende bei Kümper, wenn Fritz Heitsch dort in der Ecke hinter der Theke saß. Dann gab’s Gespräche über Kunst, launige Erzählungen und zur Abwechslung Wein statt Bier, Bocksbeutel. Klar, Fritz Heitsch bezahlte. Und es gab Ausstellungen, in Kamen, Esch/Luxemburg, Mailand, den USA. Und natürlich nahmen die Studenten an Ausstellungen in Berlin teil.

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Abb. 7: Blauzeichen 2015

Der Titel ist wörtlich zu nehmen. Blau in verschiedenen Abtönungen bildet den Grundton des Bildes. Die für Uli Kett typischen Einschüsse gliedern die Fläche, noch in Blautönen. Formen werden identifizierbar. Hinter dem Blau gehen Orangetöne auf.

1968 dann Abschluß des Studiums, danach Meisterschülerprüfung und zwei Semester Meisterschüler bei Prof. Kuhn in Berlin. Zwei Einzelausstellungen in Berlin in diesem Jahr waren aufwendig, aber unergiebig. Alle Künstlerkollegen kamen, die Galerien waren voll, das Bierfaß leer, kein Bild verkauft, die malten die Kollegen sich selber. Aber immerhin stand die Kunst im Mittelpunkt ihrer Gespräche, während heute die großen Galerien eher vom Geld bestimmt werden, wie auch die Frage nach der Qualität (zu) oft vom Preis entschieden wird: je teurer, desto besser. Auktionsrekorde überlagern die Kunst. Wie gut ist Giacometti? 140 Millionen Dollar. Der Kunstmarkt, d.h., Angebot und Nachfrage, bestimmt, was Kunst ist, nicht mehr der Künstler. Und beides kann man „machen“. Damit wird Kunst zur Geldanlage. Nicht ihre Qualität ist allein entscheidend – schon schwer genug zu bestimmen, zumal wenn man sich von der Abhängigkeit von Moden befreien will – sondern die Möglichkeit der Wertentwicklung.

Der politische Umbruch von 68 bewirkte in Ulrich Kett eine veränderte Sicht auf das eigene Tun, wie von außen: es gibt so viele Maler, noch mehr Gemälde bzw. Kunstwerke, dennoch ist Kunst nach wie vor etwas für die Minderheit. Doch die 68er wollten revolutionieren, Neues denken und schaffen. Aus dem Mißtrauen gegen die Elterngeneration (Was hast Du damals gemacht?), dem Protest gegen den Kapitalismus (Intellektuelle trugen plötzlich blaue, kragenlose Arbeiterhemden und 20er-Jahre-Ballonmützen) und dem Verlangen nach mehr Teilhabe an Bildung (auch für das legendäre „katholische Arbeitermädchen vom Lande“ von Georg Picht und Ralf Dahrendorf) erwuchs eine Bewegung, für die „Elite“ mit einem negativen Geruch behaftet war. Der „Mensch“ sollte in den Mittelpunkt allen Tuns rücken. Am besten faßte wohl der Slogan zweier Hamburger Studenten die Stimmung der Zeit zusammen: „Unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren.“ Ulis Berliner Clique setzte das um und gab Kunstkurse in Kinderheimen, Gefängnissen und Behindertengruppen. Damit wurden sie zu Vorreitern einer Bewegung, die derzeit in den Bemühungen gipfelt, durch Inklusion auch denen zu Bildung zu verhelfen, die sich sonst ausgeschlossen fänden. Uli und seiner Ulla, seit 1966 verheiratet, beide richtige 68er, schien das keine Lebensperspektive zu sein, zumal sie eine Art Inselsyndrom entwickelten.

Wir können uns das heute gar nicht mehr vorstellen, aber Berlin war nicht die offene Stadt, in der jeder sich frei bewegen konnte, wie wir sie heute kennen. Sieben Jahre vorher, am 13. August 1961, hatten DDR-Grenztruppen eine Mauer quer durch die Stadt gebaut, getrennt, was doch eigentlich zusammengehörte, und drum herum war DDR. Nirgends konnte man als Berliner oder Westdeutscher hin. Ohne strenge Kontrollen, oft Schikane, durch DDR-Grenzer konnte man nur per Flugzeug aus Berlin raus. Das kostete Geld. Uli hatte aber nun Ausstellungen im Bundesgebiet, Bilder mußten hingebracht werden. Ein Auto hatte er nicht. Es gab nur eine Spedition, die für Kunsttransporte durch die DDR eine Lizenz hatte, ohne Konkurrenz, daher entsprechend teuer, zu teuer für den jungen Künstler. Da blieb nur: ab mit den Bildern in Kartons und auf die (DDR-) Reichsbahn. Aber der DDR-Zoll respektierte kein Postgeheimnis, die adressierte Verpackung wurde geöffnet. Es konnte ja Konterbande darin sein. Und wenn der Inhalt nicht gefiel, und das war für Freunde des Sozialistischen Realismus der Regelfall, dann mußte man dem Klassenfeind schaden. So wurden nicht wenige Bilder von Ignoranten zerstört. Dann Ausstellung adé!  Wahrscheinlich hatten die Zöllner instinktiv begriffen, daß freie Kunst der Art, wie Uli Kett sie malte, einem Regime wie dem im „Ersten Deutschen Arbeiter– und Bauernstaat“ gefährlich werden konnte.

Eines Tages wollte Uli mit einem geliehenen Auto von Berlin nach Bochum fahren, Bilder in eine Ausstellung bringen. Aber dann: Stau auf der Avus. DDR-Grenzer machen „Dienst nach Vorschrift“,  d.h., jedes Auto wird genau durchsucht, vielleicht fand man ja einen „Republikflüchtling“. Das dauerte. Und wieder: Ausstellung adé! (Unsere westlichen Freunde, die Amerikaner, waren übrigens in dieser Beziehung nicht weniger banausisch. Eine Ladung Bilder aus Kamen kam bei einer Ausstellung in Dallas/Texas an, vorschriftsmäßig mit Zollstempeln versehen – auf der Vorderseite!) Kurz gesagt: die Chance auf eine erfolgreiche künstlerische Karriere in Berlin und von dort aus war fast Null.

Das Gute an 68, dieser Aufbruchszeit, war, daß nun jedermann die geforderte Teilhabe an Bildung zugute kommen sollte und es überall Schulversuche gab. Vor allem NRW tat sich mit einer Vielzahl von Gesamtschulgründungen hervor. Und so zogen Uli und Ulla mit Sack und Pack von Berlin nach Kierspe, wo Uli an den vorbereitenden Planungen für die spätere Gesamtschule Kierspe mitarbeitete, dort in der Sekundarstufe II lange Jahre unterrichtete und schließlich auch noch am Lehrplan Kunst für Gesamtschulen in NRW für die Sekundarstufe I mitarbeitete. Planerische, bürokratische Arbeit bedeutete natürlich, selber malen ging erst einmal nicht mehr. Jetzt war der Planer, Organisator, Didaktiker gefragt. Dabei entwickelte Kett neue Formen des Kunstunterrichts, er ließ in Projekten arbeiten. Eine Aufgabe konnte z.B. lauten: „Ich mache mir ein Bild vom Tod.“ Oder: „ Das Bild  der Frau im 20. Jh.“ Und dabei waren alle Darstellungsformen erlaubt. Das Ziel war, Bewertbarkeit, Vergleichbarkeit mit anderen Fächern herzustellen, Kunst war schließlich auch Abiturfach.

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Abb. 8: Immer morgens, 2015

Wie bei Abb. 7 ist der Grundton Blau. Von links wie von rechts ragen die Einschüsse hinein, der rechte nach außen hin gegabelt, organische Formen versprechen Ende und Beginn, geht das Tageslicht auf oder unter? Ironie?

Ulrich Kett wollte die Kunst aus den Galerien hinaustragen, aus den Büros, Sparkassen und Arztpraxen, ihr das „Heilige“ nehmen. Hier ist er immer noch der 68er. Man ist an die bbb (Bergkamener Bilder Basare) erinnert, wo Dieter Treeck in den 1970er Jahren „Kunst zum Kumpel bringen“ wollte, da der „Kumpel schon nicht zur Kunst“ kam. Kunst soll den Menschen in seinem Alltag begleiten, nicht nur eine Wohnzimmerveranstaltung sein. Kett hat nichts dagegen, wenn seine Bilder auch schon mal in einer Küche hängen, wenn ihre Besitzer ihr Leben von Kunst umgeben haben wollen, ständig in Gefahr, bespritzt zu werden. Dennoch verlangt er, daß der Mensch die richtige Einstellung zur Kunst mitbringt: geht er zu einer Vernissage, sollte er das tun, als wenn er zum Konzert ginge: in guter Kleidung und mit der richtigen Einstellung, offenen Sinnes, eben zu einer besonderen Veranstaltung.

Aber der Künstler will selber schaffen, ohne seine Kunst ist er kein Künstler mehr. Zaghaft, tastend fing Uli wieder an zu malen, wie seinerzeit in der Grundlehre im Studium, gegenständlich, kleinformatig, Heiteres und Surreales, das half am Anfang, endete aber in einer Sackgasse. Wichtiger als das „Produzieren“ von Bildern wurde ihm die Erfahrung des Arbeitsprozesses. Da gab es zwei Möglichkeiten: zu malen, was er sah oder zu sehen, was er malte.Ulrich Kett malt nicht, was er sieht, sondern er sieht, was er malt. Er malt nicht (mehr) die Natur ab, seine Kunst schafft sich ihre eigene Natur. Daraus entwickelte sich, wie er es selber nennt, ein „Lust-Quäl-Prozeß“. Hin und weg. Hin(zufügen) und weg(nehmen). Aber das „Weg“ ist nie ganz weg. So wird Sehen zum Ahnen, Assoziationen entstehen. Das, was man in der Geschichte der Literatur und der Schreibkunst ein Palimpsest nennt, das war es, was Uli anstrebte. So wird der „Inhalt“ eines Bildes so lange reduziert, bis nur noch Flächen und Linien übrigbleiben, Farbe und Form. Aber unter der Oberfläche schlummert alles, was je dort war. Er malte, wozu er Lust hatte. „Ein Bild ist erst dann fertig, wenn ich es (das Bild) aushalte“. Er selbst sagte dazu einmal: „Ich male aus dem Bauch heraus, aber einen Bauch muß man auch erst einmal haben.“

Kett hat auch klare Vorstellungen davon, was Kunst kann und soll. Wenn es also von einem neuen Namen auf dem Kunstmarkt heißt, dieser Künstler überschreite die Grenzen der Kunst, dann sagt Kett nur: „Quatsch, wahre Kunst hat keine Grenzen.“ Seit der Dokumenta V ist auch Kitsch Kunst. „Kunst ist, was  Künstler  herstellen.“ Selbstbewußt oder schon arrogant?

Die 1980er Jahre brachten auch die Beschäftigung Ketts mit anderen Künstlern, den Heroen der Kunstwelt, als er Leonardo da Vincis „Abendmahl“ nachstellt: Liebermann, Bruegel, van Dyck, Picasso, Dix, Beckmann, Dali, Dürer, Rubens, Corinth, Wunderlich, Hausner, Rembrandt treten gemeinsam auf in seinem Bild „Geschichten über Kunstgeschichte: Die Jury bei der Arbeit.“ Die Ähnlichkeit der Gesichter mit den uns bekannten Vorlagen ist frappierend. Vielen Künstlern heute fehlt das handwerkliche Rüstzeug, man muß zeichnen können, richtig hinsehen. Das kann Kett. Und macht sich gleichzeitig über sie lustig in dem Bild „Die Vielsichtigkeit beim Trinken ist normal“, auf dem der betrunkene künstlerische Archetyp eine Frau gleich viermal sieht. Alternativ kann der Betrachter auch glauben, die zentrale Figur in diesem Bild sei Teil eines Renaissance-Gemäldes und der Maler habe die Frau im Hintergrund viermal gesehen und gemalt. Hier ist Kett hintergründig und vieldeutig. Wenn der Künstler so viel Zeit und Mühe in ein Bild steckt, braucht auch das Publikum Zeit zum Betrachten und muß sich Mühe geben. Der Betrachter soll „betrachten“, sich Zeit lassen dabei, es sich langsam erschließen, immer wieder Neues dabei entdecken. Weiteres Beispiel: „Landschaft in NRW“: Landschaft ist immer Ausschnitt, ob NRW oder Hessen, ist gleichgültig, doch der Betrachter ist erst verblüfft, dann wird es ihm dämmern. Wichtig ist, daß Kunst ihm gefällt, daß er aber weiß, warum oder warum nicht. Es steht ihm vollkommen frei, sich eine eigene Vorstellung von dem Bild zu machen. Der Künstler formuliert das so: „Alles dient zum Anlaß für das eigene Sehen – ein gestalterisches Sehen.“ Die Freiheit des Malers bedingt auch die Freiheit des Betrachters.

Ironie fasziniert Kett: auf einem Bild dieser Zeit, betitelt „Die Hl. Drei Könige betrachten das Jesuskind“, eigentlich ein Thema, das seit Jahrhunderten Standardmotiv der Malerei ist, geht Kett einen anderen Weg. Die drei Könige schauen aus dem Bild heraus den Betrachter an! Und der ist wieder verblüfft.

Surreale Darstellungen nehmen Anfang der 1980er Jahre einen breiten Raum in Ketts Werk ein. Auf „Die Arche der natürlichen Art“ (schon der Titel ist doppeldeutig: die Arche selber ist von „der natürlichen Art“, sie nimmt aber auch „die natürliche Art“ auf) thronen Zwiebeln und eine Birne jeweils auf einem Eisberg. Wir wissen, daß diese Eisberge schmelzen werden, die darauf sich gerettet wähnende Natur im Meer versinken wird.

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Abb. 9: Das Zerbrochene Spiel, 1981

Der Prophet Ulrich Kett zeigt in diesem Bild einen sich weit ausdehnenden trocken-rissigen Boden, eine Wüstenei, vertrocknetes, von Insekten zerfressenes Obst und ein verzweifelt schauendes Kind, über allem steht bedrohlich ein riesiger Heizkörper, wie wir ihn zum Beheizen unserer Häuser benutzen. Er nimmt in seinem Bild das beherrschende Thema unserer Tage vorweg: der Heizkörper symbolisiert menschliches Tun, Verantwortung für das Klima.

Ein weiteres Thema, das unseren Alltag betrifft, ist das Auto. Mittel des Transports, aber für manche auch Symbol der Freiheit. In Ketts Bildern kann es sich als beschützende Hülle um den Menschen legen, als Bedrohung anderer empfunden wurden, einzeln oder in Massen auftreten. Hier ist Kett der politische Maler.

Langsam arbeitete er sich wieder an seinen künstlerischen Stand von Berlin heran. Das Malen wirkte wie eine Befreiung. Seine ersten großformatigen Bilder in dieser neuen Phase sind so farbig, wie sie nie zuvor waren, wahre Farbexplosionen zeigen, wie befreit der Künstler sich fühlte.

Das Gebäude der Dorfschule Kierspe, erst neun Jahre alt, stand eines Tages leer, mitten im Grünen, Wald und Wiesen als Nachbarschaft. Dorfschulen waren in NRW abgeschafft worden, eine Anschlußnutzung war nicht in Sicht. Das war die Gelegenheit für die beiden Ketts, zu einem Heim zu kommen, das auch die Möglichkeit bot, die großformatigen Bilder, die längst Ulis Markenzeichen geworden waren, zu malen und aufzuhängen. Die Stadt Kierspe wollte das Gebäude loswerden, weil ein nicht benötigtes Gebäude zu unterhalten schlicht zu teuer ist. Hinzu kam, daß die Heizkosten phänomenal waren, weil es ein typischer 60er-Jahre-Bau war, mit großen Fensterfronten und der damals üblichen Dämmung: gar nicht. Hier trafen der Wunsch, zu verkaufen und der nach einem eigenen Heim zusammen. Man traf sich in einer vernünftigen Mitte und so wurde die ehemalige Schule, nach geringfügigen Umbauten, für 40 Jahre das erste eigene Zuhause der Ketts. In dieser ländlichen Abgeschiedenheit entstanden nun die neuen Bilder, in ländlicher Idylle, bis zu 25 Kettsche Heidschnucken auf den Wiesen drumherum.

Ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre läßt sich in seinen Bildern so etwas wie „abstrakte Figürlichkeit“ erkennen, wenn es so etwas überhaupt gibt. Wir erkennen Figuren, Körper, Körperlichkeit, können aber keine konkreten Formen sehen, identifizieren, sie nur erahnen.

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Abb. 10: Luft Wasser Erde, 1997

Abstrakt und doch auf den ersten Blick klar. „Luft, Wasser, Erde“. Weiß, blau, erdig-braun-grün. Leichtigkeit und Schwere. Oben und Unten. Zwei Diagonalen schießen ins Bild.

Kett wählt organische Formen für seine Darstellungen, sogar für Anorganisches wie Stahl. Hier tritt etwas für seine späteren Landschaften Typisches in seine Bilder: durch (fast) monochrome Flächen schießt ein senkrechter, waagerechter, diagonaler, gerader oder gekrümmter Strahl, der die Fläche gliedert, ein dynamisches, strukturierendes Element. Beschleunigung und Verlangsamung. Solche ast–, zweigartigen „Strahlen“ veranlassen Kett, diese „linearen Großstrukturen“ in Großplastiken umzusetzen, die, in Landschaften gestellt, den Raum gliedern.

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Abb. 11. Grüne Fahne, 1992

Man könnte Ulrich Ketts Sinn für Ironie vermuten, wenn man nicht sein Prinzip des „Hin & Weg“, des Palimpsests, kennte. Alles, was vorher da war, ist noch unter der Oberfläche vorhanden. An der Oberfläche ist das Grün nur noch zu erahnen.

Die erste Ausstellung des neuen Ulrich Kett fand 1975 in Lüdenscheid statt. Seine Arbeiten wurden jetzt oft der art informel zugeordnet. Uli war das egal, er malte, was er wollte und konnte. Und damit begann eine außerordentlich fruchtbare Phase, in der 864 Bilder entstanden. Das war ein Konvolut, das zum Teil in Buchform (Kett, Band I + II, ISBN 3 – 9808670 – 0 5)  veröffentlicht wurde . Aber weil es so viele Bilder waren, kam Kett in mit der Erfindung von Titeln in Not. Da hat er die Jahre nach dem Alphabet benannt. 2003 war z.B. das O-Jahr. Das führte aber zu neuen Problemen. Wer weiß etwas anzufangen mit Titeln wie: Obsequent, Observanz, OD, Obligat, Observabel, Offerent? So ließ er sich bereitwillig überreden, wieder „literarische Titel“ zu machen wie „Das was Elger Esser uns (zu Recht) nicht zeigen wollte“ oder „Irgendwie war der Molch unter den Fluss geraten“.

Abb. 5 Das, was Elger Esser uns (zu recht) nicht zeigen wollte 2009 110 x 90 cm Kopie

Abb. 12: Das, was Elger Esser uns (zu recht) nicht zeigen wollte, 2009 


Abb. 6 Irgendwie war der Molch unter den Fluss geraten 2009 110 x 90 cm Kopie

Abb. Nr. 13: Irgendwie war der Molch unter den Fluss geraten, 2009

Die fast monochrome Bildfläche wird grob strukturiert. Ganz weit am oberen Rand entdeckt der Betrachter, blau eingefaßt, einen „Fluß“, unter dem eine Figur mit vier Beinen entfernt an ein lebendes Wesen erinnert, und rechts daneben noch einmal. Der Betrachter setzt seine Vorstellungskraft ein.

So nahm er als Vorlage für Abb. 12 ein Photo von Elger Escher. Der hatte eine bretonische Küstenlandschaft photographiert und dann das Photo so lange „reduziert“, bis nur noch zu ahnen war, was da eigentlich abgebildet war. Oder auch nicht mehr. Uli hat dieses Verfahren anders herum angewandt: durch die Hinzufügung von Linien und Farben (trotzdem fast nur Weiß und Grautöne) wieder ins Bild hineingegeben, was Escher vorher herausgenommen hatte. So zeigt er, daß das Originalbild auch ohne diese Hinzufügungen funktioniert, ja, sogar besser ist. Deswegen sagt er: „… (zu recht) nicht zeigen wollte.“ Daher zeigen seine eigenen Bilder auch immer weniger. Man könnte fast sagen, daß Uli in seinen besten Bildern alles ausläßt außer der Magie.

1990 erhielt er den Ida-Gerhardi-Publikumspreis der Stadt Lüdenscheid. Es folgten viele weitere Ausstellungen, weit über 100, Vertretung durch mehrere Galerien, Vertretung und Verkäufe auf der Art Cologne, besonders erfolgreich eine Einzelausstellung in Löwen/Belgien.

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Abb. 14: Saison, 2006

Wer genau hinschaut, könnte ein weites Bergtal erkennen, überall Schnee, Felsspitzen und ein Stück blauen Himmels ragen aus ihm heraus. Wintersaison? Die dunklen Einschübe unten links und rechts erwecken den Eindruck, man stehe auf einer gegenüberliegenden Höhe und nähme die Weite des Anblicks in sich auf.

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Abb. 15: Ich weiß es auch nicht so genau, 2006

Deutlicher als in Abb. 14 ragt ein grauer Berggipfel in den grauen Himmel, oben verläuft ein Grat diagonal von links nach rechts. Doch da ragt ein Fremdkörper ins Bild hinein. Der Künstler „malt aus dem Bauch heraus“, das, was dabei herauskommt, überrascht ihn. „Ich weiß es auch nicht so genau.“ (Größer könnte der Unterschied zu seinem Freund und Malerkollegen Helmut Meschonat nicht sein: bei Kett entstehen organische Formen aus dem Bauch, Helmut Meschonat konstruiert streng geometrische Formen. Doch beider Bilder „entwickeln sich“.)

Ab 1994 malt Kett Gesichter, die auf den Betrachter wirken, als seien sie Landschaften. Zwei Jahre später beginnen auch so genannte Landschaften sein Malen zu beherrschen: Urbane Zonen, Wasser, Großes Haus für M, Bebautes Wasser – so lauten jetzt die Titel. Und später: Neue Kräfte, Zweimal durch, Saison, Stadtlandschaft, Naturlandschaft, Stimmungslandschaft, Seestück, Landschaftsporträt in NRW. Landschaft ist nur noch als Erinnerung, als Ahnung erhalten. Die Kunsthistorikerin Dr. Carolin Krüger-Bahr schreibt in der Broschüre „Ulrich Kett, Landschaften“: „Ketts Bilder zeigen natürlich keine bestimmten Orte. Und natürlich vermag der Betrachter keine klar identifizierbaren Landschaften wiederzuentdecken. Vielmehr rühren die formale und die farbliche Gestaltung einer jeden Arbeit an die Erinnerung, die jeder Mensch an Natur und Landschaft hat: Weite und Horizont oder Enge und Berg/Tal.“

Abb. 9 Stadtlandschaft 1 2014 60 x 75 cm Kopie

Abb. 16: Stadtlandschaft 1, 2014 

Der Betrachter fragt sich: Wo ist hier Stadt? Wo Landschaft? Vielleicht kommt er der Sache näher, wenn er sich die „Stadtlandschaft“ als Photo aus dem Weltraum vorstellt. Dann erscheinen Strukturen unter Wolken, die für menschliches Leben als geeignet erscheinen.

Abb. 9a Stadtlandschaft 2 2014 110 x 90 cm Kopie

Abb. 17: Stadtlandschaft 2, 2014

Besonders deutlich wird Ketts Technik des Palimpsests in seinem Bild „Noch Rot“. Immer wieder entfernte er alles, was er am Anfang auf die Leinwand aufgetragen hatte, fügte stattdessen Neues hinzu. Das Ergebnis: nur noch an wenigen Stellen scheint Rot durch. Der dominierende Eindruck ist Blau. „Noch Rot“.

Abb. 10 Noch rot 2014 110 x 90 cm Kopie

Abb. 18: Noch rot, 2014

Ende der 80er Jahre zwangen Uli schlimme Krankheiten zu längeren Pausen. Das sieht man auch seinen Bildern aus dieser Zeit an. Sie werden von Weiß und Grautönen dominiert, bis hin zur Monochromie.

Trotz aller internationalen Erfolge vergaß Uli seine Heimatstadt Kamen nicht. Ausstellungen seiner Großformate gab es zu sehen in der Kamener Stadthalle, kuratiert von Reimund Kasper, und im Haus der Kamener Stadtgeschichte, zusammen mit den alten Freunden aus der Zeit der „Gruppe Schieferturm“, Helmut Meschonat und Heinrich Kemmer.

Jetzt hat der Künstler sich weitgehend vom Trubel des Kunstbetriebs zurückgezogen, malt auch  viel weniger. Doch zeigen die Bilder aus den letzten beiden Jahren immer noch (oder wieder?) die Kraft, die den Maler UK beflügelte und befähigte, Hunderte von Bildern in wenigen Jahren zu malen.

Abb. 11 Blaues Bild mit hohem Bogen 2006 200 x 460 cm Kopie

Abb. 19: Blaues Bild mit hohem Bogen

Der Einfluß des Bauhauses auf die Architektur ist unübersehbar. Sparsam werden Farben eingesetzt, weiß und schwarz. Wie dekorativ wirken Uli Ketts Bilder hier! Das Format nimmt den Bauhausstil auf, fast monochrom blau, streng rechteckig. Doch das intensive Blau bildet den Kontrapunkt zur Farbgestaltung des Raumes. Erst durch diese „Gegenstimme“ verliert der Raum seine Kälte. (In Lüdenscheid und Umgebung, wo UK seit Jahrzehnten wohnt, hängen in Firmen und in öffentlichem Besitz 35 z.T. sehr große Arbeiten. Das Triptychon in Abb. 19 hat 2 m x 4,6 m!)

Klaus Holzer

im Januar 2016

Dank an Ulrich Kett, der sich einen ganzen Tag für mich Zeit nahm und mit dem sich zu unterhalten eine große Freude war. Abstecher in die Philosophie und die Theologie gelangen mühelos. Und  Dank auch für die Bereitstellung des Bildmaterials. Alle Photos, bis auf Nr. 2 & 3, sind von Rainer Halverscheid

Antonius Praetorius, der erste Kämpfer gegen Hexenprozesse

von Klaus Holzer

Antonius Praetorius, geb. um 1560 in Lippstadt, gest. 6.12.1613 in Laudenbach a/d Bergstrasse

Antonius Praetorius

Antonius Praetorius, gesehen von Reimund Kasper

Wie unschwer zu erkennen ist, ist der Name des Mannes lateinisch. Und das, obwohl er als Sohn des Matthes Schulze in Lippstadt geboren wurde. (Der Name „Schulze“ kommt von „Schultheiss“, d.h., es handelt sich um jemanden in herausgehobener Position, einen Verwalter, der „jemanden heißen kann, dem Grundherrn Verpflichtungen (=Schuld) abzuleisten“, der also bestimmt, was und wieviel jemand an Abgaben und Diensten an den Fron– bzw. Lehnsherrn zu leisten hat.) Dieser hatte mit seinem Sohn Großes vor und schickte ihn zur örtlichen Lateinschule. Und schon zu Hause in Lippstadt hatte Anton mit 13 Jahren ein Erlebnis, das später sein Leben bestimmen sollte: er wird Zeuge eines Hexenprozesses und erlebt, was die Anwendung der Folter mit Menschen macht. Er wurde Zeuge, wie Frauen hinausgeführt und verbrannt wurden, „nur darum, sie hätten mit dem Satan … gezecht, getanzt, bebuhlt und Wetten gemacht; welches doch alles ihrer Natur zuwider und unmöglich gewesen“.

Mit 21 Jahren hat er eine theologische Ausbildung absolviert und sich fundierte Bibelkenntnisse erworben, die ihm später bei seiner Argumentation gegen die Hexerei nützlich sein werden. Er wird Lehrer und nennt sich fortan „Antonius Praetorius“ (AP), was eine Übersetzung des Familiennamens ins Lateinische ist. Damit folgt er der humanistischen Tradition, den Namen zu latinisieren, damit die gelehrte Disputation, die vorherrschende Form des wissenschaftlichen Streits, in der lingua franca des Mittelalters (MA) geführt werden konnte. (Das Lateinische ist eine synthetische Sprache, d.h., alle grammatischen Umstände werden durch Formen bestimmt und zum Ausdruck gebracht, es finden sich Bedeutung und grammatische Kategorien in einem Wort, daher können z.B. deutsche Namen wie „Schulte“ im Lateinischen nur äußerst umständlich verwendet werden.) 

1580 geht er als Lehrer nach Kamen. Hier heiratet er 1584 Maria, eine Kamenerin, die ihm 1585 den Sohn Johannes gebiert. Offenbar ist er ein guter Lehrer, er erwirbt sich bald Ansehen. Schon 1586 wird er zum Rektor der Kamener Lateinschule ernannt – der Vorläuferin des heutigen Städtischen Gymnasiums – was durch eine vom Urkunde vom 28. April 1586 im Kamener Stadtarchiv belegt ist.

Abb. 0a. Schulurkunde mit AusschnittAbb. 1: Urkunde vom 28. April 1586 

Die Stifter schreiben in der besagten Urkunde, „das die Schuele alhier zu Camen ettliche viele Jahren hero mit erfarnen fließigen Schuldienern nitt fast woll versehenn  gewesenn“. Sie erklären dann, daß „ … dahero die Jugendt ubell erzogenn, alß wilde Rancken auferwachsenn unnd jetzo auf heuttige stunde ein gewißer  Verlauf und mangell bei Burgschaft und gemeinde dieser Stadt gespuiret würdt.“ Es bedürfe aber „erfarner christlicher Schuelldiener, … Sinthemall dadurch die junge anwachsene Jugendt vonn Kindt auf zu Gottsfruchtt, guiter Lehr, Künsten, ehr, Zuchtt unnd tugendt dermaißenn angeführet unnd aufertzogen wurdt“.

Offenbar trauen die Stifter AP zu, die Dinge in Ordnung zu bringen und geben ihre „Donation, gifft, contribution und ordnung“ „zu befuderung seiner christlichen Kirchen und gemeinden, auch dieser Stadt Burgerschaft, und den benachbarten zu Dienst, nutz und besten“.

Damit das möglich wird, stiften 14 Bürger, darunter auch der Bürgermeister Joachim Buxtorf, insgesamt 1520 Taler und 72 Taler Rente pro Jahr, weil „die Mittel der Unterhaltung der Schuldiener zu gering seien und Kirche und Staat wegen eigener Bedürftigkeit nicht zulegen können“. (zit. aus Theo Simon, Die Geschichte der Schule, in: 100 Jahre Städtische Höhere Lehranstalt Kamen, Festschrift 1958; Übersetzung bzw. Zusammenfassung: unter einem Mangel an erfahrenen Lehrern gelitten habe; woher die Jugend übel erzogen sei, als wilde Rangen aufgewachsen sei, und daß Bürgerschaft und Stadt diesen Mangel spürten; da ja dadurch die heranwachsende Jugend von Kind auf zu Gottesfurcht, guter Lehre, den Künsten ( = hier sind gemeint die septem artes liberales, an erster Stelle Grammatik: Lateinische Sprachlehre und ihre Anwendung auf die Werke der klassischen Schulautoren), Ehre, Zucht und Tugend ( = zu tugendhaftem Verhalten) angeleitet und erzogen werden; sie geben ihre Stiftung und deren Ordnung zur Unterstützung der christlichen Kirchen und Gemeinden, der Bürgerschaft Camens und benachbarter Orte zu ihrem Nutzen und Besten.)

Abb. 0bAbb. 2: Widmungsseite der Ausgabe von 1613

Zwei weitere Stifter, Hermann Reinermann und Johann Bodde, dazu Pfarrer Wilhelm Schulenius, werden ihn im Jahre 1613 noch einmal unterstützen: sie erscheinen als Praetorius’ Unterstützer auf der Widmungsseite der dritten Auflage seines Buches „Gründlicher Bericht von Zauberey und Zauberern/ darinn dieser grausamen Menschen feindtseliges und schändliches Vornemen/ und wie Christlicher Obrigkeit ihnen Zubegegnen/ ihr Werck zuhindern/ auffzuheben und zu Straffen / gebüre und wol möglich sey … kurtz und ordentlich erkläret. Durch Joannem Scultetum Westphalo-camensem. Gedruckt zu Lich/ in der Graffschaft Solms bey Nicolao Erbenio“. Darin behandelt er das Zauberwesen, die Folter und die Rolle der Obrigkeit im Hexenprozeß. Mit Argumenten aus der Bibel distanziert er sich von Calvins und Luthers Aufrufen zur Verbrennung der Hexen und forderte die Abschaffung der Folter.

Abb. 1a, Titelseite 1602

Abb. 3: Gründlicher Bericht, 2. Auflage 1602

Abb. 1 Titelseite 1613

Abb. 4: Gründlicher Bericht (Facsimile-Titel, 3. Auflage von 1613)

Allerdings hält es ihn in Kamen nicht lange. Hartmut Hegeler, der sich wohl am ausführlichsten mit AP auseinandergesetzt hat, vermutet unter den Gründen auch die Fehlgeburten, die seine Frau in den nächsten Jahren hatte, und ihren dadurch verursachten frühen Tod. Schon 1587 wird er lutherischer Diakon in Worms. Bevor er 1589 zweiter Pfarrer in Oppenheim wird, wechselt er von der lutherischen Lehre zum Calivinismus und wird noch 1589 reformierter Pfarrer in Dittelsheim. AP war überzeugt, daß die Radikalität der Botschaft Christi, wie Calvin sie verkündete, die fortschrittlichste Variante der Reformation war. 1596 schon veröffentlicht er seine Schrift De Pii Magistratus Officio (Des frommen Amtsträgers Pflicht), in der er eine bibelorientierte Erneuerung von Kirche und Nation gemäß Johannes Calvins Lehren fordert.

In der Mission für die Verbreitung der calvinistischen Konfession fand er sein erstes Lebensthema. Schon 1597 veröffentlicht er sein „Haußgespräch. Darinn kurz doch klärlich und gründlich begriffen wird/was zu wahrer Christlicher Bekanntnuß/auch Gottseligem Wandel gehörig/und einem jeden Christen vornemlich zu wissen von nöhten“ . Des weiteren mischt er sich in den Streit mit den Lutheranern um das Abendmahl ein. Nach einem Disput mit dem Mainzer Erzbischof über die Marienverkündigung nach der Rekatholisierung von Oberwöllstadt wurde er für ein paar Tage ins Gefängnis geworfen, kam erst nach dem persönlichen Eingreifen seines Landesherrn wieder frei.

Seit 1560 herrschte in Mitteleuropa die „kleine Eiszeit“: extrem kalte Winter und nasse Sommer führten zu Mißernten, daraus erwuchsen Hungersnöte, das Vieh starb, Krankheiten breiteten sich aus. Nur in zwei der über 40 Jahre gab es normale Ernten. Kriege, Krankheiten und Katastrophen erzeugten bei den Menschen Angst und Panik. Es herrschte Endzeitstimmung. Um 1590 wüteten spanische Truppen in Deutschland. Eine Pestepidemie raffte an manchen Orten die Hälfte der Bevölkerung hinweg.

Da im MA Naturereignisse als gottgegeben verstanden wurden, war eine solche Katastrophe das Zeichen für die göttliche Bestrafung des Menschen für sein sündiges Leben oder das Ergebnis eines Schadenszaubers durch Hexen. Dann suchte man sich einen Sündenbock (Sündenbock: ein Ziegenbock, auf den am Versöhnungstag durch den jüdischen Hohepriester [nach 3, Mose 16] symbolisch die Sünden des Volkes übertragen wurden und der anschließend, mit diesen „Sünden beladen“, „in die Wüste geschickt“ wurde), z.B. eine Hexe, die man verbrannte. Die Kamener verhielten sich zivilisierter, hier gab es keine Hexenverbrennung. Hier verursachte die kleine Eiszeit die Hinwendung zum Reformierten Glauben in den 1590er Jahren. Diese Variante der Reformation war besonders streng, ihre Anhänger glaubten sich Gott besonders nahe.

Bei vielen mittelalterlichen Gelehrten fällt auf, wie breit ihre Interessen gefächert waren, wie sehr ihr Spezialistentum, im Gegensatz zu heute, nur eine Facette ihres Schaffens darstellte (vgl.a. Johannes Buxtorf und Hermann Hamelmann). AP veröffentlicht 1595 die erste bekannte Beschreibung des Heidelberger Großen Fasses „De Vas Heidelbergense“, ein wahrlich nicht sehr theologisches Thema, wenngleich er es als Symbol für die Überlegenheit des reformierten Glaubens preist.

Abb. 2 Faß HeidelbergAbb. 5: Das Heidelberger Faß

1593 wird AP Zeuge des Dalberger Hexenprozesses und empört sich über „schändliche, närrische und greiflich lügenhafte Dinge von teuflischer Gemeinschaft“ dermaßen, daß er zum ersten Mal dagegen anschreibt.

1596 starb seine zweite Frau an der Pest. Er verlobte sich ein weiteres Mal, doch schon drei Tage nach der Ankündigung der Hochzeit starb seine Verlobte.

Abb. 2a KarteAbb. 6: Wirkungsbereich des Antonius Praetorius

Sein entscheidendes Lebensthema fand AP im Jahre 1597, als er als Pfarrer in Ysenburg-Birstein in der Nähe Frankfurts am Main angestellt war. Als die Bewohner des Ortes gegen vier Frauen des Ortes einen Hexenprozess forderten, wurde AP vom Grafen, der ihn als fürstlichen Hofprediger angestellt hatte, zum Mitglied des Hexengerichts berufen. In dieser Funktion erlebte er, wie grausam die Folter gegen die vermeintlichen Hexen angewandt wurde, um ihnen das Geständnis abzupressen, als Hexen den Schaden an Menschen, Tieren und der Ernte (während der kleinen Eiszeit) verübt zu haben. AP, der Ortspfarrer, ist außer sich vor Zorn. Als er sieht, was bei der Folter geschieht, kann er nicht still bleiben: „O Ihr Richter, was macht Ihr doch? daß ihr schuldig seid an dem schrecklichen Tod Eurer Gefangenen? Ihr seid Totschläger! Gott schreibt es auf einen Denkzettel! Welche Richter zu der Ungerechtigkeit Lust haben und unschuldiges Blut vergießen, werden in Gottes Hand zur Rache verfallen und sich selbst in die unterste Hölle hinabstürzen!“ So schreibt er es in seinem „Bericht“.

Eine der Frauen stirbt an der Folter, die anderen drei bleiben noch vier Wochen in Haft, bleiben so lange von der Folter verschont. Dann jedoch werden sie zum zweiten Mal dem „peinlichen Verhör“ unterworfen, werden erneut zwei Tage lang gefoltert. Zwei weitere Frauen sterben. „Sind also drey Weiber im Gefengnuss umbkommen/und kan noch niemand sagen/wie/wem//was/sie böses gethan“.

Abb. 3 Vorrede BerichtAbb. 7: Aus der Vorrede zum Gründlichen Bericht

Er verlangt die Einstellung der Folter und die sofortige Freilassung der Beschuldigten so heftig, daß die einzige überlebende Gefangene freigelassen wird. Es ist kein weiterer Fall bekannt, daß ein Pfarrer während eines Hexenprozesses die Beendigung der von ihm als unmenschlich erkannten Folter verlangte und damit Erfolg hatte. Im Prozeßprotokoll heißt es: „weil der Pfarrer alhie hefftig dawieder gewesen, das man die Weiber peinigte, alß ist es dißmahl deßhalben underlaßen worden. Da er mit großem Gestüm und Unbescheidenheit vor der Tür angericht den Herrn D. angefürdert und heftig CONTRA TORTURAM geredet.“

Abb. 4 Prozeßakte 1597Abb. 8: Auszug aus dem Protokoll von 1597

Angesichts der Stimmung zu der Zeit und der Umstände ist es nur natürlich, daß AP daraufhin seine Stelle als Hofprediger verlor. 1598 wurde er Pfarrer in Laudenbach an der Bergstraße. Doch sein Erlebnis in Birstein läßt ihn nicht mehr los. Jetzt beginnt er seinen Kampf gegen den Hexenwahn und die damit einhergehenden unmenschlichen Foltermethoden und schreibt seinen „Gründlichen Bericht“ (s.o.). Er fordert Verteidiger für die der Hexerei Angeklagten, ihre Gleichbehandlung und mehr als nur einen Zeugen gegen sie. Grundlage seiner Argumentation bleibt immer die Bibel, das AT und das NT.

Grundlage für die Hexenverfolgungen war zum einen die Bulle (lat. bulla – Kapsel, Schutzkapsel für Metallsiegel, auch das Metallsiegel selbst; seit dem 13. Jh. ein päpstlicher Erlaß über wichtige kirchliche Angelegenheiten, in lat. Sprache auf Pergament geschrieben) Summis desiderantes affectibus (Hexenbulle) Papst Innozenz‘ VIII. von 1484 und der Malleus Maleficarum (Hexenhammer) des Dominikanermönchs Henricus Institoris (Heinrich Kramer), der 1486 in Speyer veröffentlicht worden war und über zwei Jahrhunderte zur Legitimation dieser Praxis diente. Und die Schuldvorwürfe konzentrierten sich auf folgende vier Punkte:

  1. Hexen haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.
  2. Das geschieht in der Form der Teufelsbuhlschaft (Eheschließung) und gipfelt im Geschlechtsverkehr mit dem Teufel.
  3. Sie üben Schadenszauber aus: an Menschen, Tieren, Ernten und Wetter.
  4. Sie nehmen am Hexensabbat teil, daher kennen sie alle anderen Hexen und müssen deren Namen im Verhör nennen.

AP wußte genau, in welcher Gefahr jeder schwebte, der gegen Hexenprozesse zu Felde zog. Daher wurde sein „Gründlicher Bericht“ zunächst unter dem Namen seines 13-jährigen, in Kamen geborenen, Sohnes veröffentlicht. (Durch „Joannem Scultetum Westphalo-camensem“ ist sein Pseudonym: Johannes Schulze aus Kamen in Westfalen. Er selber war ja als Antonius Praetorius bekannt. Und lange Zeit hat wirklich niemand diese Schrift mit AP in Verbindung gebracht. Das ist die zweite Möglichkeit der Latinisierung: man hängt eine lateinische, d.h. deklinierbare Endung an den deutschen Namen an.) Erst vier Jahre später, 1602, traut er sich, die zweite Auflage unter seinem eigenen Namen herauszubringen. 1613 erscheint die dritte Auflage, zu der AP ein Vorwort schreibt und die durch Gutachten lutherischer Theologen untermauert wird, was bedeutet, daß sie zu einem überkonfessionellen Appell gegen Folter und Hexenprozesse wurde. Und es zeigte sich auch, daß es in ganz Deutschland Menschen aller Stände gab, die gegen Hexenprozesse waren und daß AP mit seinem „Gründlichen Bericht“ sozusagen offene Türen einrannte. Er war es, der sich als erster öffentlich äußerte und die Bibel wie auch menschliche Vernunft gegen die Hexenhysterie und die ungesetzliche Anwendung der Folter durch die Justizbehörden setzte.

Damit wir uns ein Bild davon machen können, mit welcher Vehemenz AP zu Werke schritt, hier ein paar Zitate aus seinem „Bericht“ (zit. nach Wikipedia, „Anton Praetorius“):

„Es muss ein Ende sein mit der Tyrannei, die bisher viele unterdrücket, denn Gott fordert Gerechtigkeit.“

„Es sollten die obersten Herren gelehrt sein in Gott, fromm und ein Vorbild. … Christliche Obrigkeiten sollen das Werk der Zauberer auf christliche Weise hindern und strafen.“

„Ihr seid im Unrecht. Ihr steht in des Kaisers Strafe, denn Ihr seid für mutwillige und öffentliche Totschläger und Blutrichter zu halten!“

„Welche Richter zu der Ungerechtigkeit Lust haben und unschuldiges Blut vergießen, werden in Gottes Hand zur Rache verfallen und sich selbst in die unterste Hölle hinabstürzen!“

Und seine rechtliche und moralische Auseinandersetzung mit der Folter ist von bestechender Schärfe und liest sich so (zit. nach Wikipedia, „Anton Praetorius“): „Ich sehe nicht gern, daß die Folter gebraucht wirdt

1. Weil fromme Koenige vnd Richter im ersten Volck Gottes sie nicht gebraucht haben:

2. Weil sie durch Heidnische Tyrannen auffkommen:

3. Weil sie vieler vnd grosser Luegen Mutter ist:

4. Weil sie so offt die Menschen am leibe beschaediget.

5. Weil auch endlich viel Leut/ ohn gebuerlich vrtheil vnd Recht/ ja ehe sie schuldig erfunden werden/ dadurch in Gefaengnussen vmbkommen: Heut gefoltert/ Morgen todt.

Auch findt man in Gottes Wort nichts von Folterung/ peinlicher Verhoer/ vnd durch Gewalt vnd Schmertzen außgetrungener Bekaentnuß/

Weil dann die peinliche verhoerung so vnchristlich/ so scharpff/ so gefaehrlich/ so schaedlich/ vnd darzu so betrieglich vnd vngewiß/ soll sie billich von Christlicher hoher Oberkeit nicht gebrauchet noch gestattet werden.

Je mehr jemand foltert vnd foltern laesset/ je gleicher er den Tyrannen thut vnd wird.

Endlich ist gewiß/ der Teuffel fuehlet der Folter Schmertzen nicht/ vnd wirdt dardurch nicht vertrieben.

Ihr Herrn vnd Richter habt den armen Leuten mit Folterung … auff den Weg der verzweiffelung gebracht …: Derhalben seyd ihr schuldig an ihrem Todt.

unterschrift_praetoriusAbb. 9: Antonius Praetorius‘ Unterschrift

Am 6. Dezember 1613 starb der Kämpfer gegen Hexenprozesse und Missionar für den calvinistischen Glauben, Antonius Praetorius, in Laudenbach in Hessen. Er wurde 53 Jahre alt.

KH

Große Teile meines Wissens über AP und etliche Zitate entstammen den zahlreichen Schriften, die Hartmut Hegeler aus Unna über AP verfaßt hat. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Folgende Schriften von Hartmut Hegeler bilden die Grundlage obigen Artikels:

Hartmut Hegeler, Anton Praetorius – Vom Kirchenreformator zum Kämpfer gegen Hexenprozesse und Folter in der Wetterau – De Pii Magistratus officio – Des frommen Amtsträgers Pflicht

Hartmut Hegeler, Anton Praetorius – Kämpfer gegen Hexenprozesse und Folter

 

Die Zitate stammen aus Hartmut Hegelers Schriften, soweit nicht anders vermerkt.

Weitere Informationen im Internet unter:

www.anton-praetorius.de

Hier finden Sie Hartmut Hegelers Publikationen über AP:

http://www.anton-praetorius.de/buecher/buecher.htm

 

Die Abbildungen entstammen:

Stadtarchiv Kamen: Nr. 1 (bearbeitet von KH)

Universität Heidelberg, Repro-Faksimile  Deutsches Rechtswörterbuch: Nr. 2, 4, 7

H. Hegeler, – ein Kapitel Rheinhessischer Geschichte: Nr. 5

Wikipedia: Nr. 3, 6, 8, 9

KH

Stadtbaurat Gustav Reich

von Klaus Holzer

Abb. 1

Abb. 1: Gustav Reich, 22. August 1887 – 9. Juli 1970

Erst Ansiedlungen, dann Dörfer, schließlich Städte wurden
nicht geplant, sondern entstanden nach Gesichtspunkten zeitgemäßer Zweckmäßigkeit. Kamen verdankt seine Entstehung der Lage an einer einstmals für den Verkehr wichtigen Sesekefurt. Entscheidend für die Entstehung der Siedlung war, daß es dort alles gab, was der Mensch für seine Existenz brauchte: Der Fluß gab Wasser, zusammen mit Fischen, Krebsen und Muscheln als Nahrung; Wald versorgte die Siedler mit Jagdtieren und Holz zum Hausbau, zum Heizen und Kochen; Weide und Wiese für das Vieh gaben Sommer– wie auch Winterfutter. (Die erste in Deutschland planmäßig gegründete Stadt ist Freiburg im Breisgau, 1120.)

Jäger und Sammler hatten andere Bedürfnisse als seßhafte Bauern, die Stadt mußte sich anders organisieren als das Dorf, und die mittelalterliche Stadt mußte andere Lebensweisen ermöglichen als die moderne. Doch der Kernbereich menschlichen Zusammenlebens in der Stadt umfaßte immer: das Zentrum mit Rathaus, Kirche, Handwerker– und Bürgerhäuser, Selbstverwaltung und städtische Gerichtsbarkeit, soziale und berufliche Differenzierung der Stadtbevölkerung in Stadtvierteln. Daraus folgte zunächst wie von selbst eine räumlich sinnvolle Gliederung der Stadt. Lediglich Einzelheiten wurden anfangs vorgeschrieben: keine Strohdächer mehr wegen der Brandgefahr (in Kamen ab 1712), der Abstand der Häuser zueinander ebenfalls wegen der Brandgefahr (in allen Häusern gab es offene Feuerstellen), aber auch, damit jedes Haus den notwendigen Lichteinfall hatte.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Kamen eine kleine Stadt, die sich noch viel von ihrem mittelalterlichen Erscheinungsbild bewahrt hatte. Immer noch war sie das ländliche Ackerbürgerstädtchen, das sich nur an zwei Stellen über die alte Stadtmauer ausgedehnt hatte: im Westen hatte sich die Zeche Monopol angesiedelt, im Süden bot der Bahnhof Anschluß an die Köln-Mindener Eisenbahn, die den Beginn des Industriezeitalters ermöglichte, den Anschluß an die Moderne.

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Abb.2: Kamen auf einem Luftbild von 1922: ein kleines Ackerbürgerstädtchen

Nach der langen Amtszeit als Bürgermeister von Vater und Sohn von Basse (1847 – 1913!), trat Dr. Kurt Hermann Wiesner am 1. Juli 1913 sein Amt als Kamener Bürgermeister an, verließ Kamen aber am 13. November 1923, um Polizeipräsident in Erfurt zu werden. Nach einem zweijährigen Interregnum, in dem der Beigeordnete August Siegler von November 1922 an stellvertretender Kamener Bürgermeister war, wurde am 25. September 1924 der aus Aplerbeck gebürtige Gustav Adolf Berensmann sein Nachfolger. Dieser war vorher schon BM in Laasphe gewesen und erwies sich als ausgesprochen tatkräftig. In einer seiner ersten Amtshandlungen holte er seinen dortigen Stadtbaumeister Gustav Reich nach Kamen. Er wußte genau, wen er da holte. „Baurat Reich ist von uns berufen, die alte Stadt mit ihrem schiefen Turm aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken,“ mit diesen Worten führte Berensmann ihn am 1. Mai 1925 in sein Amt ein. Reich brachte für seine neue Aufgabe reichlich Erfahrung mit. Von 1911 bis 1914 war er Regierungsbaumeister und Bauführer in Frankfurt gewesen, anschließend 6 Jahre in Wiesbaden, war dabei auch „als Kommissar gegen die Verschandelung des Rheintals“  zuständig gewesen. Reich brachte sowohl in der Planung wie Bauausführung, im Tiefbau wie im Hochbau viel Erfahrung mit. Zu seinem neuen Tätigkeitsbereich in Kamen gehörten das gesamte Bauwesen und die Versorgungsbetriebe: Verwaltungsabteilung und Baupolizei, Stadtplanungs– und Baupflegeamt, Hochbauamt, Tiefbauamt, Grundstücks– und Vermessungsamt und die Städtischen Betriebswerke.

GR hatte zuvor bereits vier Jahre im Ersten Weltkrieg gedient, schied 1918 als Oberleutnant der Reserve aus dem Dienst, reich dekoriert: EKI und EK II, Ritterkreuz des Zähringer Löwen mit Schwertern, das Ehrenkreuz für Frontkämpfer und das Treudienstehrenzeichen.

Abb. 3

Abb.3: Reichs Entwurf der Stadtplanung für Kamen von 1927

Ohne Titel

Abb.4: Kamen auf einem Luftbild von vor 1938, Reichs Handschrift ist schon zu erkennen

Reich erwies sich als ebenso energiegeladen wie Berensmann. Umgehend entwickelte er eine Stadtplanung, um Kamen zu einer modernen Stadt zu machen, fit fürs 20 Jh. 1927, nach nur zwei Jahren im Amt, wartete GR mit einem Stadtbauplan auf, der „als Grundlage jedweden gemeindlichen Unternehmens nach neuzeitlichen Gesichtspunkten“ (GR) aufgestellt war, für Kamen, die siebenhundertjährige Stadt, der erste Stadtbebauungsplan überhaupt. Wenn eine Leitidee darin zu entdecken ist, dann die des „Zusammenklangs von weltlicher und geistlicher Autorität“ (GR). Dr. Fred Kaspar von der Denkmalbehörde des LWL urteilte 1988: „Das … in seiner Komplexität weit überdurchschnittliche Konzept … ist … bis heute prägend geblieben“. Und weiter: „Die Bebauung und Konzeption der beiden Gartenplätze sowie der anschließenden Straßenstücke, insbesondere von Ostring und Kastanienallee [ist] exemplarisch für die großen und künstlerisch anspruchsvollen Konzepte des Städtebaus … in Kamen nach dem Ersten Weltkrieg ….“ Dr. Kaspar bezieht Reichs Konzeption für den Postbereich, den Edelkirchenhof bzw. den Bereich von Koppelteich und Schwimmbad mit ein, beklagt aber die Veränderungen durch Um– und Neubauten. Er schlußfolgert: „Für die Erhaltung und Nutzung dieses Stadtbezirkes (gemeint: Gartenstadt Ost (Ostring, Hammer Straße/Kastanienallee, Gartenplatz, Hüchtweg) in seiner ursprünglichen Konzeption liegen daher künstlerische, wissenschaftliche und städtebauliche Gründe vor.“ Er verlangt: „Sie ist als ein (Gesamt–)Baudenkmal zu betrachten.“ Und: „Der Zusammenhang der Gebäude wird … insbesondere durch die achsiale Ausrichtung der Anlage und deren Betonung durch Elemente wie Baumreihen (Pappeln, Kastanien), Hecken (Weißdorn) oder Mauern geschaffen.“ Er bescheinigt Reich „hohen gestalterischen und formalen Anspruch.“

Abb. 5

Abb.5: Das Haus Kirchplatz Nr. 5a & 5b, mit Pflanzkreuz in der Mulde

Was heißt das nun konkret? Die alte Stadt Kamen war von zwei Polen bestimmt: hier die 900 Jahre alte Pauluskirche, dort das 700 Jahre alte Rathaus. Alle anderen Bauten, Profanbauten, sind darauf zugeordnet. Um diesen Gedanken zu betonen, legte GR zwischen den beiden großen Kirchen einen Platz an, der dem Gedenken der im Ersten Weltkrieg Gefallenen gewidmet war. Der Platz war als Mulde angelegt, um, wie GR es formulierte, den Sakralbauten „Erhöhung nach oben“ zu geben. Darinnen befand sich an zentraler Stelle ein gepflanztes Kreuz. Als Ergänzung, um ein würdiges Ensemble zu schaffen, stellte er vor das städtische Wahrzeichen, den schiefen Turm,

seitlich versetzt ein Mahnmal, das Löwendenkmal, vom Dortmunder Bildhauer Beyer geschaffen. Der Sockel trug die Inschrift: „So betet, daß die alte Kraft erwache.“ Dieses Mahnmal wurde im Februar 1945 bei dem schwersten Bombenangriff auf Kamen, zusammen mit dem schiefen Turm, schwer beschädigt und 1946 abgerissen.

Und dann wurde Kamen in atemberaubendem Tempo verändert. Mitte der 1920er Jahre war die Wohnungsnot groß, Wohnungsbau wurde zu einer zentralen Aufgabe für die öffentliche Hand. Am  Beispiel Kamen: Die Stadt Kamen besaß 1924 43 stadteigene Wohnungen, 1928 bereits 190! Natürlich konnte GR bei allen seinen Bauprojekten auf das große Reservoir an Arbeitskräften zugreifen, das, verarmt durch die Inflation, nur auf Beschäftigung wartete. Reichs Pläne verhalfen der Stadt zu einer Erneuerung, den Arbeitslosen zu Einkommen. Der Stadtplaner und Architekt Reich war in seinem Element.

Dabei war eine berufliche Orientierung als Architekt gar nicht sein erstes Ziel. Direkt nach dem Abitur in Hanau 1906 ging er ans Konservatorium nach Frankfurt und studierte Musik, Klavier und Violine. Dieses Studium brach er zwar nach einem Jahr wieder ab, doch war er ein so guter Musiker, daß er z.B. im März 1921 bei einer „Beethoven-Feier in der städtischen Turnhalle in Laasphe“ als Pianist in einem Beethoven-Trio und einem –quartett , als Sologeiger und Chorleiter auftrat. Da war er bereits Stadtbaumeister in Laasphe.

Keine drei Monate nach GRs Amtsantritt in Kamen, am 24. August 1925, begannen die Arbeiten am Bau der Kamener Kanalisation, 15 km wurden unter seiner Ägide gebaut. GR bettete diese Arbeiten in ein umfassenderes Konzept ein. Begünstigt wurden viele dieser Arbeiten durch die Möglichkeit, sie im Rahmen von Notstandsarbeiten durchzuführen, insgesamt 12 Maßnahmen. Er ließ die Hauptstraßen in der Innenstadt ausbauen, plante und baute Umgehungsstraßen, legte Straßen und Plätze in neu erschlossenen Stadtteilen an und legte die entsprechenden Versorgungsleitungen.

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Abb.6: Der Koppelteich, auch Gondelteich genannt

Abb. 7

Abb. 7: Der Postteich, von vielen ebenfalls Gondelteich genannt

Es besteht ein Zusammenhang mit der zu dieser Zeit stattfindenden Sesekeregulierung, da das Abwasser nun in die regulierte Seseke floß. Und in dieses Konzept gehörte auch die Anlage zweier „Gondelteiche“ (ca. 1930), die den Freizeit– und Erholungswert Kamens erheblich steigerten, zu einer Zeit, in der der jährliche Urlaub für die Mehrheit der Menschen keineswegs eine Selbstverständlichkeit war.

Abb. 8

Abb.8: Sommeridyll am Postteich

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Abb.9: Winterfreuden auf dem Koppelteich

Im Sommer waren diese Teiche beliebte Ziele für Spaziergänger, fast immer saßen Angler an ihren Ufern, die Karpfen und Hechte fingen, im Winter war Schlittschuhlaufen auf wirklich großen Flächen beliebte Freizeitbeschäftigung, Eishallen gab es schließlich nicht. Enten und Schwäne fühlten sich auf ihnen wohl, Häuser für sie waren auf Inseln in die Teiche gebaut. Beide Teiche lagen, wie auch die Mulde zwischen den Kirchen, mehrere Meter unter Straßenniveau.

Bestimmte Gestaltungsprinzipien sind bei Reichs Entwürfen und ihren Ausführungen durchgängig erkennbar:

  1. Symmetrie ist ein zentrales Prinzip: Abgang in Bogenform am Postteich, zentral vor Postgebäude gelegt; Eingang zur Kastanienallee von der Hammer Straße her; ähnlich am Koppelteich: gegenüberliegende Auf/Abgänge; Anordnung der Bebauung an der (heutigen) Koppelstraße links und rechts der Auffahrt zur Hochstraße; Skulpturen am Gebäude der (heute) alten Post, desgl. am Privathaus Reichs, Kreis und Oval sowie ihrer beider Segmente, an verschiedenen Stellen im Plan erkennbar, u.a. auf dem Edelkirchenhof. Durch diese Symmetrie ergeben sich immer wieder interessante Sichtachsen.
  2. Springbrunnen an Land, im Wasser Inseln
  3. Anlage der beiden Schulgebäude am Koppelteich einander gegenüber, Gebäude in einem einheitlichen Baustil errichtet
  4. Die Mulde zwischen den Kirchen ist nach diesem Prinzip angelegt
  5. Gartenplatz I & II in der Gesamtanlage wie auch der Detailgestaltung desgl., das gilt auch für die zentralen Mulden
  6. Reich hat sehr häufig Pappeln verwendet: ihre schlanke Form wirkt wie ein Rahmen: Edelkirchenhof, Koppelteich, Hemsack u.a., überhaupt war Kamen eine „grüne“ Stadt. Es dominierten Pappeln, Trauerweiden und Rotdorn.

Abb. 11a

Abb.10: Der Edelkirchenhof, von 100 Pappeln umstanden

13. Dezember 1925: die Arbeiten zur Umgestaltung des Edelkirchenhofs in eine Parkanlage beginnen. Er wird nun von 100 Pappeln umstanden.

Anfang der 1920er Jahre baute die Zeche die Zechenhäuser nördlich des heutigen kleinen Kreisels an der Lünener Straße, die bis zum ehemaligen Hause Recker reichten. Dafür wurde als Ausgleichsgelände der neue Park „Am Edelkirchenhof“ angelegt. Dieser war bis dahin eine Viehweide des Bauern Koepe gewesen. An diese Familie erinnert heute noch der Koepeplatz.

Im Zuge des Baues dieser neuen Häuser entstand die neue Straße „Am Reckhof“.

Abb. 10

Abb.11: Am Reckhof

15. Februar 1926: der Ausbau des Kirchplatzes mit dem Kriegerehrenmal beginnt.

Abb. 12

Abb.12: Einweihung des Löwendenkmals vor der Pauluskirche am 27. Oktober 1927

29. April 1926: der Kamener Stadtrat faßt den Beschluß, der Reichspost ein Grundstück im Mersch zu schenken, damit dort die neue Post gebaut werden konnte. Hintergrund war 1928 die Ankündigung der Reichsbahn gewesen, den alten Bahnhof aufzugeben und hierher zu verlegen. Dann hätte man die zwei wichtigsten Transportträger, Bahn und Post, an einer Stelle im Stadtgebiet zusammen gehabt. Doch der neue Bahnhof wurde nie gebaut.

Abb. 13

Abb.13: Die neue Reichspost

4. März 1926: Beginn des Umbaus des Krankenhauses

15. Juni 1926: Beginn des Rathausumbaus.

15. März 1927: Abschluß der Instandsetzungsarbeiten des Stadtparks an der Hammer Straße

12. Mai 1927: Beginn des Baus der Badeanstalt im Hemsack

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Abb.14: Reichs Planung in der Umsetzung: Koppelteich, Badeanstalt, Hemsack mit 3 Sportplätzen und Deutschlands einziger 1000-Meterbahn

2. Oktober 1927: Einweihung des Kriegerehrenmals am Kirchplatz

24. September 1927: Einweihung des Ratskellers im Rathaus

Abb. 16

Abb.15: Der Ratskeller, Innenansicht

28. August 1928: die Badeanstalt im Hemsack wird eröffnet

Abb. 15

Abb.16: 28. August 1928: Bürgermeister Berensmann eröffnet die Badeanstalt im Hemsack

9. Juni 1928: Einbau des Gedächtnisbrunnens für die gefallenen Verwaltungsbeamten und –angestellten der Stadt Kamen in der Rathaushalle.

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Abb.17: Gedächtnisbrunnen im alten Rathaus

1. November 1928: Beginn der baulichen Erschließung des feuchten Merschgebietes

1. November 1928: Beginn des Baus des Bürgermeisterhauses am Sesekedamm

Abb. 19

Abb.18: Das Bürgermeisterhaus für BM Berensmann

1930: die Arkaden des Schwesterngangs werden errichtet

Abb. 18

Abb.19: Die Arkaden am Schwesterngang

12. November 1938: die Reichsautobahn Recklinghausen – Bielefeld wird eingeweiht, heute A2.

Überall in Kamen tauchte der neue Stadtbaurat auf, war sogleich bestens bekannt, fuhr er doch ein einzigartiges Fahrrad, ein Familienerbstück von 1890, dessen Rahmen so hoch war, daß er gar nicht „normal“ aufsteigen konnte. Dazu brauchte er die auf der Hinterachse liegenden kurzen Trittstangen, mit deren Hilfe er sich in einem kuriosen Schwung von hinten in den Sattel hievte. Und immer hatte er seine geliebte Pfeife im Mund, manchmal durch eine Zigarre ersetzt. Einmal passierte es, daß sich seine Hose in der offenen Kette verfing, auf der Bahnhofstraße, gleich hinter dem Rathaus, in Höhe der Metzgerei Radtke. Reich stürzte, die Pfeife aber behielt er im Mund. Passanten sahen das und sagten: „Selbst beim Unfall hat er seinen Knösel im Mund.“ Und sogar für Urlaubsfahrten nahm GR immer das Fahrrad, zusammen mit seiner Familie ging es bis an den Bodensee.

Allerdings brachte der passionierte Radfahrer sich (und andere) auch immer mal wieder in Gefahr. An der Gabelung Bahnhof–/Horst-Wessel-Straße (heute Koppelstraße) war immer viel Verkehr. GR radelte einfach weiter: „Ich habe Vorfahrt.“ Später besaß er ein leichtes Motorrad, das von Ernst Sander aus der Zünderfabrik betreut wurde. Als GR eines Tages nach Heeren fuhr, aber dort nicht ankam, ging man auf die Suche nach ihm. Er wurde verletzt im Straßengraben an der Derner Straße gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Weil GR beim Fahren zunehmend unsicher wurde und seine Familie sich sorgte, beschwor Reichs Sohn Herbert Herrn Sander, seinem Vater zu sagen, er könne es nicht mehr reparieren. Leider müsse er von nun an auf sein Motorrad verzichten. Da war es mit dem Fahrrad dann doch sicherer.

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Abb.20: Kamens zweite Straßenbrücke an der Koppelstraße

Im Zuge seiner Planungen entstanden mehrere Straßen, die wichtigste wohl die damalige Emil-Rathenau-Straße, dann Horst-Wessel-Straße, heute Koppelstraße, weil in ihrem Verlauf die erst zweite vollwertige Straßenbrücke über die Seseke entstand. Bis 1923 war die 1695 zum ersten Mal erwähnte Maibrücke die einzige Straßenbrücke in Kamen. Die Notwendigkeit einer zweiten Brücke war offenbar geworden, als die Maibrücke 1923 baufällig geworden war und erst halbseitig, dann ganz gesperrt werden mußte und alle Bauern, die aus dem Süden auf den Kamener Markt wollten, große Umwege über Derne bzw. Weddinghofen gehen mußten.

Er plante außerdem bereits eine Umgehungsstraße, die vielleicht sogar die in den 1970er Jahren gebaute, die Stadt zerschneidende Hochstraße überflüssig gemacht hätte, den heutigen Unkeler Weg.

Abb. 21

Abb.21: In der Fortführung des Ostrings: der als Umgehungsstraße geplante Unkeler Weg

Weiters baute GR den Friedhof an der Werner Straße um und verlegte den Haupteingang wegen des zunehmenden Verkehrs in die Friedhofstraße. Er erlaubte sich keine Ruhe, seine Ideen sprudelten nur so aus ihm heraus. Das merkten natürlich auch seine Mitarbeiter, die stickum Reißaus nahmen, wenn sie ihren Chef am späten Nachmittag auf dem Fahrrad erspähten, wie er Kurs auf das Rathaus nahm, fand er doch gar nichts dabei, auch um 7 Uhr abends noch schnell etwas zu diktieren.

Abb. 22

Abb.22: Gartenplatz der neuen Gartenstadt „Kamen – Ost

Abb. 23

Abb. 24

Abb.23 & 24: Einfahrt von der Hammer Straße in die Kastanienallee, die zwischen Gartenplatz I und Gartenplatz II verläuft. Zwei Bauprinzipien Reichs sind schön zu sehen: Symmetrie und Kreissegmente. Ergebnis: die Bewohner haben sich dort immer wohlgefühlt.

Reich Gartenplatz Haussäulen

Ein besonders schönes Beispiel eines Einfamilienhauses am Gartenplatz

Einen Höhepunkt seines Wirkens stellen die beiden Wohnsiedlungen Gartenplatz I und II im Osten Kamens dar. Nur wenige Jahrzehnte vorher, 1898, hatte der Engländer Ebenezer Howard sein Buch „To-Morrow: A Peaceful Path to Real Reform“ veröffentlicht, in dem er das Modell einer Gartenstadt entwickelte. Sie sollte die Trennung zwischen Stadt und Land aufheben und die Vorzüge beider in einem verwirklichen. GR brachte Grün in das Wohnumfeld, die Nähe zur Stadtmitte war ohnehin gegeben. In jede der beiden Siedlungen fügte er einen zentralen Platz ein, wieder als Mulde ausgelegt, mit einem Springbrunnen in der Mitte, „zur Erhöhung nach oben“, hier sogar auf Profanbauten bezogen. Plätze waren für ihn konstitutives Element von Stadt, Versammlungsorte, Orte der Gemeinschaft.

Abb. 25

Abb.25: Die Kastanienallee verläuft zwischen Gartenplatz I und Gartenplatz II

Wie detailversessen GR war, zeigt sich an den Einzelheiten: Einzelhäuser immer giebelständig, Doppelhäuser traufenständig; Anordnung der Gauben nach festen Regeln; Dachgestaltung; symmetrische Fassadengestaltung; Fenstergestaltung; Freisitze; Baumaterial.

Ein weiterer Punkt, wo Kamen GRs Dickschädel viel zu verdanken hat, war der Bau der Reichsautobahn Recklinghausen – Bielefeld. Die ursprüngliche Planung sah vor, daß „seine“ Stadt, wie er fand, durch den Damm der Fahrbahnen „gedankenlos zerschnitten“ werde sollte. Er sorgte dafür, daß das Stadtgebiet nicht nach Norden geschlossen wurde, wodurch der Verkehr mit den Gemeinden im Norden und Westen empfindlich gestört worden wäre. Ein Zeitgenosse versichert, daß es in keiner Stadt, auch keiner Großstadt, so viele Durchlässe durch die Autobahn gibt wie in Kamen, nämlich acht (und nachträglich noch der Radweg Klöcknerbahntrasse), was sich heute als wahre Wohltat erweist. Und er trug seine Ideen zum Kamener Kreuz bei. Ideen und Planungen waren bei ihm kein Selbstzweck, sondern hatten immer den Menschen und ihrer Stadt zu dienen. Er radelte vor Ort und überprüfte seine Pläne auf ihre Stimmigkeit und Umsetzbarkeit.

Abb. 29

Abb.26: Das alte Kamener Kreuz.

 

Abb. 30

Abb.27:  Die Einweihung der Autobahn, heute A2, am 12. November 1938

Natürlich kam jemand wie Reich nicht an den Nationalsozialisten vorbei. Nach eindringlicher Aufforderung trat er am 1. Mai 1937 in die NSDAP ein, doch scheint er sich nichts haben zuschulden kommen lassen, wurde er doch gleich nach dem Krieg, nachdem er einen Entnazifizierungsbogen ausgefüllt hatte, wieder in den Dienst der Stadt Kamen aufgenommen. So geschah es, daß er 1946 als Dienstältester im Kamener Rathaus ca. ein halbes Jahr als Stadtdirektor amtierte und somit den höchsten Posten in der Stadt bekleidete.

In dieser Funktion erreichte ihn auch eine Anfrage des Arnsberger Regierungspräsidenten, ob Kamen gewillt sei, Hilfe aus Bloomfield, einem 16000-Einwohnerstädtchen (das stellte sich später als Übertragungsfehler heraus, man hatte eine Null zuviel angehängt; vgl.a. Montreuil-Juigné) in Nebraska/USA, anzunehmen.

Abb. 26

Abb.28: Spende aus Bloomfield: von links: Reich, Rissel, Canaday, Heitsch

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Abb.29: Carepakete werden vor dem Rathaus abgeladen

Abb. 28

Abb.30: Die Kamener warten schon auf die Verteilung

Dort gebe es einen Farmer namens Claude Canaday, der sich vorgenommen habe, eine ausgebombte Stadt und ihre darbenden Einwohner in der schweren Nachkriegszeit mit Hilfslieferungen zu unterstützen. Reich sagte ja, und es setzte eine lange Reihe von Carepaket-Lieferungen nach Kamen ein. Bloomfield übernahm für Kamen eine Stadtpatenschaft, die immerhin dazu führte, daß Reichs Tochter und einer seiner Söhne noch im Sommer 1968 nach Bloomfield fuhren und den Kontakt erneuerten. Offenbar gibt es immer noch einen Sohn von CC, heute 85 oder 86 Jahre alt.

Für eine kurze Zeit muß GR seine Arbeit in Kamen unterbrechen, als er am 1.8.1939 zu einer Militärübung eingezogen wird, anschließend zur Teilnahme am Krieg nach Polen, Belgien und Frankreich (in Rennes organisiert er die Wasserversorgung) abkommandiert wird. Am 27.9.1940 kommt er hierher zurück, als Hauptmann der Reserve, vom Kreis Unna als kriegswichtig angefordert. Während der Kriegszeit teilt er seine Arbeitszeit zwischen dem Kreis, wo er nebenamtlich das Bauamt leitet, wozu das gesamte Luftschutzsystem gehörte, und der Stadt Kamen auf.

Wer viel macht und tut, eckt an. Immer wird es unterschiedliche Ansichten und Meinungen geben. Und GR war ein Mann mit Ecken und Kanten. So gab es 1946 eine  politische Auseinandersetzung über den Wiederaufbau eines städtischen Hauses in der Schlachthofstraße, die in einem Disziplinarverfahren endete. Doch der Regierungspräsident in Arnsberg empfahl Abwarten, die Sache geriet in Vergessenheit und verlief im Sande.

Was an GRs Planung auffällt, ist die Modernität auch in unserem heutigen Sinne, und das vor 80/90 Jahren. Das war die Zeit, als Kohle und Stahl die wichtigsten Wirtschaftsträger waren, die die mit Abstand meisten Arbeitsplätze boten. Doch war die Arbeit anstrengend und schmutzig, die Luft durch Kohlekraftwerke, Verkokung und Stahlherstellung verpestet. Filter, die Abgase reinigten, für uns selbstverständlich, gab es nicht. Urlaub an der See, in den Bergen, war für die Arbeiter an der Ruhr unerschwinglich. Erholung konnte es also nur in der unmittelbaren Nähe, zu Hause, geben. Grün in der Stadt war überlebenswichtig, und GR plante überall mit Grün.

GR wurde auch als Käufer von Grundstücken für die Stadt tätig: z.B. Haus Heide mit seinen 450 Morgen Land, die er als Reserve ansah, die den Kamener Ackerbürgern im Tausch angeboten werden konnten, wenn eines Tages ihr Land für die Stadtentwicklung gebraucht werden sollte.

Abb. 34

Abb.31: Häusergruppe am Ostring

Abb. 35

Abb.32: Das ehemalige Altersheim Am Ufer 

Neben diesen vielen Großprojekten kümmerte sich GR aber auch um einzelne Häuser. Die Häuser am Ostring, im Baustil der 1930er Jahre, mit Ornamenten, Pilastern und Gesimsen, gehen auf sein Konto. Das Haus 5a/b am Kirchplatz, das Altersheim an der Seseke und die beiden Schulen am Koppelteich ebenfalls, im Stil der 1950er Jahre.

Die beiden Schulen am Koppelteich

Abb. 31

 

Abb. 32

Abb.33: Glückauf-Schule (oben) und Abb.34:  Martin-Luther-Schule (unten)

Abb. 33

Abb.35: Der Koppelteich mit den beiden Schulen (oben, Bildmitte)

GR wurde am 31. März 1953 aus dem Dienst verabschiedet. Und er hatte noch viel vor, jedenfalls wollte er „keine Kakteen züchten“. in den nächsten anderthalb Jahrzehnten wirkte er weiter und nutzte seine riesige Erfahrung als Baumeister im Dienste verschiedener Wohnungsbaugesellschaften,insbesondere der GAGFAH (Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten), aber auch  privater Bauherren. In Gerichtsverfahren wirkte er als amtlich bestellter Gutachter mit. Erst im April 1957 konnte er mit seiner Familie in das eigene Haus in Kamen einziehen, natürlich selber entworfen und mit einem Relief über der Eingangstür geschmückt, das seine drei Kinder über dem Zirkel des Architekten zeigt, wieder entworfen vom Dortmunder Bildhauer Beyer.

Abb. 36Abb. 37

 

 

Abb. 36: Der Eingang zu Reichs Privathaus (links)

Abb.37: Das Relief über der Haustür zeigt Reichs Kinder und den Architektenzirkel (unten)

 

 

Im Frühjahr 1970 gibt es erste Anzeichen einer schweren Gefäßerkrankung. Nur vier Monate später, am 9. Juli 1970, stirbt Stadtbaurat i.R./Regierungsbaumeister a.D. Gustav Reich in Kamen. Die Spuren, die er hinterließ, sind verwischt. Junge Kamener kennen seinen Namen nicht, ältere erinnern sich an einen Großen der Kamener Stadtgeschichte. Stadtbaurat i.R. Gustav Reich liegt auf dem alten Friedhof begraben, zusammen mit seiner Frau Luise, mit der er seit 1923 verheiratet war. Der Stein auf ihrem Grab wurde nach seinem eigenen Entwurf für das Grab seiner Eltern im Spessart als Kopie in Kamen angefertigt.

Abb. 38

Abb.38: Das Grab von Gustav und Luise Reich

Die heutige Stadt muß, um zu funktionieren, u.a. folgende Dinge verbinden: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit, Kultur, soziale und Gesundheitspflege, Verkehr. Worum kümmerte sich GR? Worum nicht?

Wenn man diese Definition von Stadt heute zugrundelegt, fällt auf, wie sehr GR Generalist war, immer das große Ganze im Blick hatte. Stadt war für ihn ein zivilisierter Lebensraum, der dem Menschen zu dienen hatte. Daher entwarf er das System Stadt und paßte alle Einzelteile in dieses System ein. Wenn man sich seine Häuser ansieht, fällt deutlich auf, daß GR sich nicht den modernistischen Entwicklungen des Bauhauses anschloß. War hier die Intention, Handwerk und Kunst zusammenzubringen, modulares Bauen zunächst für den Industriebau zu entwickeln, dann auch für den Wohnungsbau vor allem in Großstädten, bewahrte GR „menschliche“ Dimensionen, baute das „Häuschen für Otto Normalverbraucher“, Siedlungen für Arbeiter am Sommerweg, auf dem Kupferberg. Jedoch entstanden unter seiner Leitung auch repräsentative Häuser: das Bürgermeisterhaus, die Häusergruppe am Ostring, und auch die Häuser in der Gartenstadt Ost waren vorwiegend für Angehörige Freier Berufe, Lehrer und gehobene Angestellte gedacht.

Reichs Schwerpunkt lag sicherlich auf der Stadtplanung: wie soll Kamen in der Zukunft aussehen? Wie gestalte ich die Stadt, damit sie zum einen sich den neuen technischen Entwicklungen öffnen kann, zum anderen den Kamenern Heimat ist, eine Stadt, die lebenswert ist. Innerhalb dieses Bereichs kümmerte er sich besonders um Wohnen, Freizeit, soziale und Gesundheitspflege, der kulturelle Bereich spiegelte sich in der Gestaltung. Arbeiten und Einkaufen scheinen nur am Rande, vielleicht als Folge anderer Entscheidungen, eine Rolle gespielt zu haben.

28 Jahre lang hat GR das Bild dieser Stadt geprägt. Was ist davon übriggeblieben?

  • Die beiden Gondelteiche sind verschwunden, die sie ersetzenden Parks sind nach Meinung vieler Kamener kein echter Ersatz geworden.
  • Die Mulden zwischen den Kirchen und in der Gartenstadt sind ebenfalls verschwunden. Sie wurden verfüllt, die Mulde zwischen den Kirchen ist halb Kinderspielplatz, halb Parkplatz.
  • Der repräsentative Zugang zur Kastanienallee von der Hammer Straße ist verschwunden: Pavillonbauten, seitliche Mauern, metallener Torbogen.
  • Das Löwendenkmal ist verschwunden, nach Beschädigung durch Bomben im Krieg wurde es 1946 abgerissen.
  • Der Edelkirchenhof ist nach seiner Neugestaltung von hohen, dichten Bäumen bestanden, dunkel, wenig attraktiv.
  • Der Anbau des alten Rathauses ist mitsamt dem Ratskeller verschwunden.
  • Die alte Badeanstalt wurde mehrfach verbessert, steht aber heute auf dem Prüfstand.
  • Die Sportplätze im Hemsack werden demnächst bebaut, die 1000-Meter-Bahn ist seit Jahrzehnten verschwunden. Niemand wußte mehr, wie sie zu verwenden war.
  • Die Arkaden am Schwesterngang sind verschwunden.
  • Das Bürgermeisterhaus war als Privathaus von vornherein in Randlage
  • Haus Heide wurde verkauft

Die vielen großen Veränderungen geschahen besonders in den Jahren 1965 bis 1975, als man allerorten die „autogerechte Stadt“ schaffen wollte, die dann aber die menschlichen Dimensionen einbüßte. Zwar entstand in Kamen die Fußgängerzone, doch zog sie Parkplätze nach sich, man konnte mit dem Auto überall hinfahren. Kamen mutierte damals zur „schnellen Stadt“. Die heutige gute Stube, der alte Markt, war zentraler Parkplatz, von Straßen umrundet. Aus der Not machte man eine Tugend: Kamen wurde die Stadt mit „freiem Parken“. Der große, umfassende Stadtentwurf aber fehlte.

Durch das Verschwinden wesentlicher Anlagen Reichs sind seine Symmetrie und Kreis– bzw. Ellipsensegmente aus dem Stadtbild verschwunden. Kamen hat sich verändert, jede Stadt muß sich verändern. Ob immer zum Besseren, ist durchaus fraglich, sind doch viele Zeugen von Kamens mittelalterlicher Vergangenheit aus dem Stadtbild verschwunden und zu oft durch nichtssagende oder schlechte Architektur ersetzt worden. Weitere alte Gebäude stehen auf der Abrißliste. Der Tag ist wohl nicht mehr fern, da wir die Kamener Altstadt nicht mehr „Altstadt“ nennen können.

 

Luftbild Hemsack Kamen ©Stefan Milk Kämerstraße 45 A 59174 Kamen 02307 12998 0171 5447957 stmilk@aol.com

Abb.39: Der Hemsack 2015, ein letzter Blick. Auch er wird verschwinden.

 

Mein Dank gilt Frau Reinhild Reich für ihre Geduld bei zwei langen Gesprächen über ihren Vater und die Überlassung von Material.

Desgleichen danke ich dem Stadtarchiv Kamen für die Photos, die es mir zur Verfügung gestellt hat, besonders Herrn Jürgen Dupke.

Dank auch an Rüdiger Plümpe und Hans Jürgen Kistner.

Und natürlich an Stefan Milk für die Überlassung des Luftphotos vom Hemsack.

Aspekte des Denkmalschutzes habe ich entnommen: „Zum Denkmalwert der Gartenstadt Ost (Ostring, Hammer Straße/Kastanienallee, Gartenplatz, Hüchtweg)“, von Dr. Fred Kaspar, Westfälisches Amt für Denkmalpflege, Münster 1988

 

Abbildungen:

Familie Reich: Nr. 1,5,13, 32

Stadtarchiv: Nr. 2,3,4,14,16,20,22,24,25,26,27,28,29,30

Archiv Klaus Holzer: Nr. 6,7,8,9,10,11,12,15,19; Photos Nr. 18,21,31,33,34,36,37,38

Rüdiger Plümpe: Nr. 17

Archiv Hans Jürgen Kistner: Nr. 35

Stefan Milk: Nr. 39

KH