Über Kamener Ehrenbürger

oder warum Fritz Funcke zu Unrecht vergessen ist

von Klaus Holzer

Unter der Überschrift „Bürgermeisterin ehrt Amtsvorgänger Berg zum 100. Geburtstag mit Gedenkkranz“ schreibt KamenWeb.de unter dem Datum 25. Nov. 2024: „… und ist einziger Ehrenbürger der Stadt.“ Das ist falsch, wenngleich in einem ganz anderen Sinne als auf den ersten (oder zweiten) Blick vermutet. Aber gehen wir der Frage einmal nach.
Kamens erster Ehrenbürger:


Abb. 1: Bergrat Friedrich Gottfried (Fritz) Funcke

Dr. Fritz Funcke, 22.10.1855 – 27.4.1946, ehem. Zechendirektor, dessen Verdienst es lt. dem damaligen Bürgermeister Berensmann war, daß „Monopol während der Zechenstillegungs-Katastrophe 1924/25 nicht zum Erliegen gekommen“ sei; auf Berensmanns Vorschlag wurde Funcke auf der Magistratssitzung vom 16.10.1925 zum Ehrenbürger der Stadt Kamen ernannt. Friedrich Gottfried Funcke („Onkel Fritz“), Bergrat, war von 1919 bis 1921 DVP-Magistratsmitglied (DVP = Deutsche Volkspartei; prominentestes Mitglied war Gustav Stresemann). Während dieser Zeit wurde er zum Generaldirektor der Gelsenkirchener Bergwerks AG ernannt.

  • Dokumentation des Vorgangs:
    Am 22.10.1925 abds 7 ½ Uhr ist folgendes Telegramm an Herrn Bergrat Funcke
    abgesandt worden:
    Hr. Bergrat Funcke
    Wittbräucke
  • Wir beehren uns Ihnen mitzuteilen, daß in der heutigen Stadtverordnetensitzung sämtliche Parteien Ihrer auf einhelligen Beschluß des Magistrats beruhenden Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Kamen zugestimmt haben.
    Wir verbinden mit dieser Mitteilung die herzlichen Glückwünsche zum 70. Geburtstag
    Im Namen der städtischen Körperschaften:
    gez. Hußmann Stadtverordnetenvorsteher Berensmann, Bürgermeister
    Abb. 2: Danktelegramm Funcke

Dank-Telegramm Bergrat Funke 24.10.1925
Wittbräucke Str. 25 24.10. um 2 Uhr
Das mir zu meiner Freude durch (Wort unleserlich) Beschluss der städtischen Behörden verliehene Ehrenbürgerrecht nehme ich mit verbindlichstem Danke an.
(gez.) Bergrat Dr. Funcke (Übertragung beider Telegramme in die lateinische Schrift durch Martin Litzinger, Bergkamen)


Abb. 3, 4 & 5: Die Verleihungsurkunde 

Aber je nach Quelle gibt es zwei oder drei weitere Ehrenbürger unserer Stadt.

Kamens zweiter Ehrenbürger:

Hermann Wilhelm Göring, 12.1.1893 – 15.10.1946, wurde auf Vorschlag von Landrat Wilhelm Tengelmann, der ein persönlicher Freund Görings war, am 20. März 1933 zum Ehrenbürger der Stadt Kamen ernannt, als Dringlichkeitsbeschluß außerhalb der Tagesordnung. Entsprechend lapidar dankte Göring per Telegramm. Anfang Juni 1933 brachte eine Kamener Ratsdelegation Göring die Urkunde nach Berlin.

Abb. 6: Hermann Wilhelm Göring

Über 30 Jahre nach Kriegsende dämmerte dann der DKP, daß eine solche Ehrung einem Kriegsverbrecher nicht zustünde. Sie forderte in einem offenen Brief die im Rat vertretenen Parteien auf, „dem Nationalsozialisten und ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring die Ehrenbürgerwürde der Stadt Kamen abzuerkennen“. Daraufhin entschlossen sich die Kamener Ratsparteien lt. Ratsprotokoll vom 22. Februar 1979, den „Schandfleck aus der Geschichte der Stadt aus[zu]merzen und ihre Verachtung und Abscheu gegenüber dem faschistischen Terrorregime zum Ausdruck [zu] bringen”. Auf gemeinsamen Antrag von SPD, CDU und FDP wurde Göring die Ehrenbürgerwürde einstimmig aberkannt.

Ab hier wird’s kurios.
R.L. berichtet in der WR vom 19. Januar 1979 über den Vorgang. Der WR-Redakteur konstatiert, der Antrag sei gegenstandslos, weil NRW-Innenminister Burkhard Hirsch im Landtag erklärt habe: „Mit dem Tod der beliehenen Person erlischt das Ehrenbürgerrecht automatisch.“ Große Unsicherheit in der Sache zeigte sich in den in dem Artikel zitierten Äußerungen mehrerer prominenter Kamener. Hans Thiemann, Pressesprecher der Stadt Kamen: „Meines Wissens war Göring nie Ehrenbürger der Stadt Kamen.“ Stadtarchivar Theo Simon erklärte, aus dem ihm vorliegenden Material sei nichts zu ersehen. Und Valentin Schürhoff, prominenter Sozialdemokrat, Naziverfolgter und graue Eminenz der Partei: „Daß Göring Kamener Ehrenbürger gewesen sein soll, ist mir unbekannt.“
Allerdings bestätigt das Zeitungsforschungsinstitut Dortmund auf Anfrage der WR-Redaktion daß „das erste nach der Machtübernahme neugewählte Kamener Stadtparlament in der Tat Göring in seiner konstituierenden Sitzung zum Ehrenbürger ernannt“ habe und zitiert „Rote Erde“, das amtliche Organ der NSDAP vom 27. April 1933 als Beleg. In seinem Antworttelegramm auf die Nachricht hin habe Göring aus Berlin geantwortet: „Hocherfreut über die mir zuteil gewordene Auszeichnung nehme ich dankend die Ehrenbürgerschaft an. Ministerpräsident Göring.“ Die naheliegende Frage, welche Verdienste Göring sich wohl um Kamen erworben haben könnte, wenn er doch niemals in der Stadt war, erübrigt sich bei Nationalsozialisten wohl.
Doch erscheinen die Aussagen der zitierten Kamener Repräsentanten in einem merkwürdigen Licht: Nichtwissen, Scham, Verdrängung? Abgesehen vom oben zitierten Ratsprotokoll und einem Zeitungsartikel gibt es anscheinend nichts mehr in Kamen, das an den ehemaligen Ehrenbürger HG erinnert. Es hat nie gegeben, was nicht aktenkundig ist? Aber wenn Hirsch recht hat (s. fettgedrucktes Zitat o.), dann hat Kamen überhaupt keinen Ehrenbürger mehr, lebt doch keiner mehr, der diese Würde jemals erhalten hat (s.a. Gemeindeordnung §34 [GO]).

Und damit kommen wir zum dritten Kamener Ehrenbürger:

Abb. 7: Werner Berg

Werner Berg, 23.11.1924 – 8.1. 2002, von 1982 bis 1992 Bürgermeister Kamens, auf Vorschlag seines designierten Nachfolgers Manfred Erdtmann auf Ratsbeschluß vom 11.6.1992 in einer Ratssondersitzung zum Ehrenbürger ernannt. Aber weil es für die Verleihung der Ehrenbürgerwürde einer Zweidrittelmehrheit bedarf, ging die Wahl nicht so ganz reibungslos ab.
Manfred Erdtmann beantragte mit Schreiben vom 1. Juni 1992 an den Rat der Stadt Kamen und die Ortsvorsteher sowie Stadtdirektor Josef Hermann Görres, dem scheidenden Bürgermeister Werner Berg das Ehrenbürgerrecht der Stadt Kamen zu verleihen. In seiner Begründung hob er hervor, „mit ihm die gelungene Integration einer neuen Stadt, unserer Stadt Kamen, zu würdigen“. Werner Berg sei immer „gegen Ausgrenzung und für Ausgleich und Einheit“ eingetreten. Und das auf allen Ebenen: in seiner Stadt Kamen, für die staatliche Einheit Deutschlands und die Einheit der Völker. Er habe den Weg der ehemals selbständigen Gemeinwesen in gesamtstädtisches Denken und Fühlen für Kamen geebnet und er habe die Bürger immer als souveräne Partner behandelt. In der Sitzung des Rates vom 11. Juni 1992 wurde Werner Berg mit 32 von 45 Stimmen zum Ehrenbürger ernannt, also knapp über der erforderlichen Zweidrittelmehrheit, und die Wahl ging nicht ganz ohne Querelen ab.
Zuerst sperrte sich die GAL, die Grün-Alternative Liste. Lt. WR vom 13. Juni 1992 trug die GAL vor: „Diese Ehrung nach Hermann Göring zu erfahren, ist sicher unangenehm. Wer weiß, wer der nächste sein soll?“ Die Verleihung einer Ehrenbezeichnung sei hinreichend, und eine Straße hieße auch schon Bergstraße (Anm.: aber nicht Werner-Berg-Straße). Vor allem aber störte man sich daran, daß Erdtmann und Görres „die anderen Fraktionen mit dem Vorschlag konfrontierten, nachdem er bereits an die Presse weitergeleitet worden sei“. So lasse man nicht mit sich umspringen und eine Zustimmung nicht erzwingen.
Offenbar hatte auch die CDU Vorbehalte. Lt. HA vom 13. Juni 1992 votierte sie mit 7 : 4 Stimmen gegen Bergs Ehrenbürgerschaft. Ohne die Zustimmung der Grünen wäre Berg wohl nicht Ehrenbürger geworden. Und auch die SPD mußte trotz ihrer absoluten Mehrheit im Rat drei ihrer Mitglieder trotz Unfall, Krankheit und Operation zur Abstimmung in die Sitzung karren, um sicher zum erwünschten Beschluß zu kommen.

Lt. Klaus Goehrke (in seiner Stadtgeschichte; (lt. HA 27.6.1958) gibt bzw. gab es aber noch einen vierten Ehrenbürger:

Abb. 8: August Siegler im Alter von 90 Jahren

August Siegler, 27.6. 1848 – 15.3.1944. Die Ehrenbürgerwürde wurde ihm anläßlich seines 95. Geburtstages am 27. Juni 1943 verliehen. Der Zeitungsartikel gibt eine ausführliche Begründung für diese Ehrung: Er war Rektor an der damaligen ev. Schule an der Kampstraße (Anbau der Lutherkirche; die Straße hieß damals noch Lutherische Kirchstraße); gründete eine Kriegsschreibstube als Anlauf- und Hilfestelle für Angehörige und Soldaten, Hinterbliebene und Kriegsversehrte, einen Verein für Kriegsfürsorge, die Hammer Lehrer-, Witwen- und Waisenkasse und eine Kamener Lehrerbücherei; er war ehrenamtlicher Vorsitzender des Arbeitsamtes; er wurde mit 71 Jahren Beigeordneter der Stadt Kamen; er war Herausgeber von Schulbüchern; er verfaßte viele Artikel zur Geschichte der Stadt Kamen fürs Archiv. Ein ungemein rühriger und tatsächlich verdienstvoller Bürger Kamens.

Wenn da nicht ein großer Schatten auf die letzten 10 Jahre seines Lebens fiele. In seinen 1936 erschienen „Aufzeichnungen“ pries er in einer ganz dem 19.Jh. verhafteten Diktion Hitler als den Retter Deutschlands, der von Gott geschickt worden sei, um ein „alle Deutsche (sic) umfassendes Reich zu errichten“ und betet: „Gott segne den Führer und sein hohes, ernstes Friedenswerk, das er anstrebt“.
Außer dem besagten Zeitungsartikel scheint es keine Hinweise auf Sieglers Ehrenbürgerschaft in Kamen mehr zu geben. Auf Anfrage konnten weder die Stadt noch das Stadtarchiv Unterlagen, z.B. das Ratsprotokoll, zum Vorgang Ehrenbürgerwürde für August Siegler, finden. Gibt es hier eine Parallele zu Göring, die Nazivergangenheit betreffend? Verdrängt und vergessen?

Aber nun zum ersten, meist vergessenen, aber makellosen, Ehrenbürger Funcke:
Der Hauptgrund für die Ernennung Funckes zum Ehrenbürger wurde schon erwähnt. In der besonders schweren Zeit in der ersten Hälfte der 1920er Jahre schaffte er es, die Kamener Zeche Monopol offenzuhalten. Wieso war das eine besondere Tat? Anfang 1925 geriet der Bergbau in seine erste Absatzkrise, Zechen wurden geschlossen, Bergleute entlassen. In Kamen waren das fast 400 Männer, was sich prozentual sogar in der Zahl der Einwohner bemerkbar machte, nämlich knapp 4%. Und wenn man einmal annimmt, daß eine durchschnittliche Familiengröße von fünf Personen dahintersteht, dann wären ca. 20% der Kamener Bevölkerung betroffen gewesen. Hauptgrund war, daß die Anlage total veraltet war. Unter Funckes Führung nahm die Gelsenkirchener Bergwerks AG eine 15-Millionen-Dollar-Anleihe auf. Monopol wurde so zu einem der modernsten Bergwerke im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Zusätzlich zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde taufte man den Kirchplatz in Fritz-Funcke-Platz um. (Klaus Goehrke in seiner Kamener Stadtgeschichte)

Abb. 9: Die Funckenburg

Schon 1879 ist Funcke, noch vor seinem 24. Geburtstag, Mitglied des Grubenvorstands auf Grillo I in Kamen. „Schacht Grillo I ist auf 540 m Teufe niedergebracht, das weitere Abteufen ist wegen fehlender Kohlenschichten vorläufig eingestellt worden; Ernst Lindemann ist aus dem Grubenvorstand (nun noch Ludw. v. Born/Essen, Fr. Grillo/Essen, Fr. Funcke/Essen u. Ludw. Busch/Burgsteinfurt) ausgeschieden.“ (Hans-Jürgen Kistner in seiner Kleinen Chronik der Zeche Monopol)

Abb. 10: Der Eingang zur Funckenburg

Aber sein Wirken war viel breiter angelegt. War die Rettung von Monopol an sich schon eine Handlung, die Weitsicht und Handlungskraft bewies, war Funcke in vielen anderen Bereichen tätig. Offenbar war sein Handeln schon früh anerkannt. Gleichzeitig mit dem beginnenden Bau der Bergarbeiterwohnungen in Kamen (und Bergkamen) wurde auch die „Funckenburg“ in der Südenfeldmark (heute das Gelände am Zollpost) erbaut. (Friedrich Pröbsting in seiner Stadtgeschichte) 1904 wurde ein Starkstromkabel von der Zeche Monopol zur „Funckenburg“ gelegt. Bei der ganz neuen Elektrizität war man ganz vorn mit dabei.

Zitat aus der Laudatio in der Zechenzeitung vom November 1925: „Herr Generaldirektor Bergrat Dr. Funcke hat für dieses Gedeihen und Wohl von Kamen in großzügiger Weise gesorgt. Auf Grund seiner einflußreichen Stellung in der G.B.A.G. (Anm.: Gelsenkirchener Bergwerks AG) hat er, abgesehen von der dauernden Unterstützung weltlicher und kirchlicher Wohlfahrtsbestrebungen ins Leben gerufen (sic!), die als vorbildlich zu bezeichnen sind. Der schöne stolze Bau des Wohlfahrtsgebäudes auf dem Schulzhof (Anm.: Galenhof) ist sein Werk und legt ein beredtes Zeugnis dafür ab, daß hier für die Koch-, Näh- und Kleinkinderschule Räume und Einrichtungen geschaffen wurden, die in jeder Beziehung mustergültig sind. Die Sorge für gute gesunde Arbeiterwohnungen hat ihm besonders am Herzen gelegen und so ist hier in Kamen die Hindenburgsiedlung (Anm.: das Negerdorf) entstanden, die in erster Linie für die kinderreichen Familien entstanden ist. Ausgehend von dem Gedanken, daß der Gartenbau sowohl im Interesse der inneren Versorgung, als auch in dem der arbeitenden Bevölkerung gepflegt werden muß, sind durch seine Bestrebungen Ländereien erworben zum Zwecke der Verpachtung an die Arbeiter und Schaffung der beliebten Schrebergärten. Auf diese Weise wurde den Arbeitern Gelegenheit gegeben, in der Bebauung des Ackers eine Freude und Erholung zu suchen.“ (von Martin Litzinger zur Verfügung gestellt)

1906 veranlaßte Funcke den Bau eines Wohlfahrtsgebäudes der Schachanlage Grillo I/II. (Hans-Jürgen Kistner in seiner Kleinen Chronik der Zeche Monopol) In Bergkamen war Funcke die treibende Kraft hinter dem Bau der vierten Kolonie, die südlich der Landwehrstraße als „Schönhausen“ bekannt ist, darin auch das Wohlfahrtsgebäude „Schönhausen“, später auch als Oberlinhaus bekannt. Funcke war Anhänger und Verehrer Bismarcks, der seit 1865 Graf von Bismarck-Schönhausen war. Funcke war der Antreiber hinter dem umfänglichen Bau der Kolonien in Kamen und Bergkamen (vgl.a. Zitat Zechenzeitung).

Abb. 11: Das Wohlfahrtsgebäude Schönhausen in Bergkamen

Schon in der Amtszeit des Bürgermeisters Adolf von Basse (der Sohn Adolf folgte dem Vater Julius im Amt), seit 1877, war Funcke im Magistrat der Stadt Camen Mitglied. „ Seit dem Amtsantritt des Herrn Bürgermeisters Ad[olf] von Basse 1877 hat die Verwaltung der Stadt keine wesentliche Veränderung erfahren. Der Magistrat besteht zur Zeit aus 6 Mitgliedern, nämlich: 1. Bürgermeister von Basse, 2. Beigeordneter Apotheker E. Wortmann, 3. Kaufmann W. Mertin, 4. Kaufmann E. Gerdts, 5. Rentner Fr. Grevel, 6. Bergrat Fr. Funcke. (Friedrich Pröbsting in seiner Stadtgeschichte)

Als die Not im Ersten Weltkrieg am größten war, wurde in Kamen „auf Anregung und unter Leitung des Herrn Bergrat Funcke ein Hauptausschuß für Kriegsfürsorge und eine Anzahl Nebenausschüsse aus allen Ständen, ohne Rücksichtnahme auf religiöse und politische Einstellung gebildet, die im Interesse der Allgemeinheit und zur Hebung der eingetretenen Not treu zusammen wirkten“. (August Siegler in der Zechenzeitung 1926/27) Und Werner Nocke fügt hinzu: „Um die Kriegsfürsorge zweckmäßig zu organisieren, wurde bald nach Ausbruch des Krieges ein Hilfsausschuss unter dem Vorsitz des Herrn Bergrat Funcke eingerichtet, dem Herren aus den verschiedensten Ständen angehören. In Verbindung mit dem Vaterländischen Frauenverein ließ er sich besonders die Säuglingspflege angelegen sein. Gelder bewilligte man für die Beschaffung von Milch, so ab Sept. 1915 monatlich 450 Mark.“ (in seiner Geschichte der katholischen Volksschule zu Camen)

Abb. 12: Die marode Maibrücke vor ihrer Reparatur

Und es gab ein weiteres Betätigungsfeld. Die Seseke war seit 1905 ein toter Fluß, weil die Zeche Königsborn, Schacht III/IV in Bönen, riesige Mengen Ammoniak in den Fluß geleitet hatte. Der Fluß verkam zur Kloake. Wegen der davon ausgehenden Gefahr von Seuchen gründete sich am 4. April 1914 die Seseke-Genossenschaft, die die Verlegung des Flusses in Betonsohlschalen betreiben sollte. An diesem Tag wurden noch keine Beschlüsse gefaßt, doch ein Vorstand gewählt. Stellvertretender Vorsitzender wurde Fritz Funcke. Für Kamen war das ein Segen. Als 1921 die Maibrücke marode war und gesperrt werden mußte – nur die Straßenbahn durfte sie langsam befahren – war Südkamen von der Innenstadt praktisch abgeschnitten. „Bis zur Fertigstellung einer Notbrücke      (= Bindebrücke, heute Vinckebrücke) war die Stadt mit Fuhrwerken nur auf Umwegen zu erreichen und zu verlassen. Die schwache Holzbrücke im Osten der Stadt (heute Ängelholmer Brücke) war dem Ansturm nicht gewachsen und mußte bald für Fuhrwerke polizeilich gesperrt werden, um weiteres Unheil zu verhüten. Aller Fuhrverkehr mußte nun über Westick oder Derne–Heeren geleitet werden, weil Kamen nur den einen Verkehrsweg hatte, der nun nicht benutzt werden konnte. Da seit Beginn der Brückenbaues fast ein Jahr vergangen war, wurde Herr Bergrat Funcke gebeten, als Vorsitzender des Vorstandes der Seseke–Genossenschaft dahin zu wirken, daß Kamen bald aus dieser Verkehrsnot erlöst und die Fertigstellung der Brücke beschleunigt würde. Diese Bitte hatte den Erfolg, daß die Brücke nun in einigen Wochen fertiggestellt wurde. Das war im Juni 1921.“ (August Siegler in der Zechenzeitung 1926/27)
Über die vielen ganz praktischen Verbesserungen des Alltags besonders der Bergarbeiter und ihrer Familien hinaus war Funcke auch ein großer Geldgeber. Er veranlaßte regelmäßige jährliche Zahlungen der GBAG für die Lungenfürsorge, was angesichts der damals unter Bergleuten weit verbreiteten Silikose (Steinstaublunge) vielleicht nicht ausreichend, aber nicht selbstverständlich war und immerhin Verantwortung erkennen ließ. Und an Sachwerten wird aufgezählt: „Kohlen für Kinderspeisungen, Kohlen für das Krankenhaus, jährlicher Zuschuß für die Volksbibliothek, Anlegung eines Kabels für elektrisches Licht nach dem Krankenhaus, niedrigerer Preis als üblich für elektrisches Licht – Krankenhaus.“ Und er gab fünfstellige Summe aus seinem persönlichen Vermögen „zu Unterstützungszwecken“.(aus einer Vorlage „Stiftungen der Gelsenkirchener Bergw.Akt.-Ges.)

Als Funcke am 22. Oktober 1935 80 Jahre alt wurde, war er immer noch präsent, erinnerte man sich immer noch an ihn, an „Onkel Fritz“. Sein Geburtstag wurde in der Zeitung erwähnt, obwohl er da schon lange in Wittbräucke (bei Herdecke) wohnte.

Abb. 13: Geburtstagsmeldung

Friedrich Gottfried Funcke liegt auf dem Kamener Friedhof begraben. Drei Kamener haben es sich zur Aufgabe gemacht, diesen wunderbaren Friedhof mehr ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Dann wird hoffentlich auch dieser Wohltäter Kamens wieder ein wenig bekannter werden.

Abb. 14: Grabstein

Am Ende bleibt festzuhalten, daß der eingangs erwähnte KamenWeb-Artikel tatsächlich falsch ist, aber in einem ganz anderen Sinne als zunächst angenommen. Kamen hatte vier Ehrenbürger: Funcke, Siegler, Göring, Berg. Nur einem von ihnen, Göring, wurde diese Ehre durch Ratsbeschluß aberkannt, ob das nun nötig war oder nicht. Es bleiben also noch drei. Folgt man der GO und dem damaligen NRW-Innenminister Hirsch, dann erlischt die Ehrenbürgerwürde immer mit dem Tode des Geehrten. Dann war die förmliche Aberkennung von Görings Ehrenbürgerwürde überflüssig, und es bleibt kein einziger mehr übrig, weil alle jemals in Kamen Geehrten tot sind.
Fazit: Kamen hat keinen Ehrenbürger mehr. § 34, Ziff. 2 GO, gibt dem Rat die Möglichkeit, über „die Verleihung oder die Entziehung des Ehrenbürgerrechts […] mit einer Mehrheit von zwei Dritteln der gesetzlichen Zahl der Mitglieder“ Beschlüsse zu fassen. Also sollte nichts uns daran hindern, uns verdienter früherer Bürger zu erinnern, aber nicht nur des einen, sondern aller anderen auch.

Ach ja: Am 16. Oktober 2026 ist es genau 101 Jahre her, daß Fritz Funcke zum ersten Ehrenbürger Kamens ernannt wurde. Einstimmig. Nicht ein ganz runder Jahrestag, aber vielleicht doch geeignet, sich an den Wohltäter Kamens (und Bergkamens, wie Martin Litzinger in seinem Buch „Bergkamen“ darlegt) zu erinnern?

Die Abbildungen entstammen folgenden Quellen: Uwe Rennspieß, Stadtarchiv,, Deutsches Historisches Museum, Photos Klaus Holzer

KH