Christina Greeven-Bierkämper über Kamen

von Klaus Holzer

Christina Greeven-Bierkämper ist eine alte Kamenserin, Tochter des früheren Kamener Rechtsanwalts und Notars Heinrich Bierkämper. Im November 2025 war sie zu Besuch in ihrer alten Penne, wo sie über 70 Jahre zuvor Abitur gemacht hatte. Sie erzählte von ihrem Aufwachsen in der Hitler-Zeit, von ihrem Versprechen, nach Kamen zurückzukommen (sie beendete ihre auf Französisch gehaltene Abiturrede mit „au revoir“), das sie mit ihrem Besuch gerade einlöste. Sie wohnt zwar schon lange nicht mehr in Kamen, doch hat sie ihre Heimatstadt nie vergessen, immer eine offene Zuneigung verspürt, die sie in einem langen Gedicht zum Ausdruck brachte. Mancher ihrer Zeitgenossen mag Anspielungen auf Personen und Orte erkennen. Und mannnnche Aussage über Um- und Zustände sind auch heute noch gültig.

Daß es mit dem Metrum zuweilen hakt, unterstreicht ihre Aussage über Kamen in Strophe zwei. Kamen ist eben nicht das Seseke-Florenz.

Ein Liebeslied an Kamen

Ich träum von keiner goldnen Stadt

so herrlich und so schön

ich träum von meiner kleinen Stadt

ich muß sie wiedersehn

 

Du bist ein wenig puckelig

und ehrlich nicht sehr schön

und früher warst Du dreckelig

das muß man nüchtern sehn

Abb. 1: Dreckelig

Nicht Rothenburg ob Seseke

auch nicht barocke Pracht

ein Straßenkreuz im Shell-Atlas

hat dich berühmt gemacht

Abb. 2: Das Kamener Kreuz

Ich liebe diese Menschen

besonders die vom Pütt

das Weiß in ihren Augen

und der gewichtge Schritt

Abb. 3: Monopol und Klärwerk

Oft stand ich vor dem Spiegel

die andern sahn es nicht

und malt um meine Augen 

mit Kohle einen Strich

 

Wir waren so behütet

nicht nur vom Elternhaus

die Kämschen wachten über uns

Tag ein und Tag aus

 

Allein das Wort Bikini

bracht Mütter um den Schlaf

welch ein Wagnis, wenn man abends

sich mit nem Kumpel traf

 

Stolz ging ich mit einem


der kam aus dem Revier

nach kurzer deutscher Hampelei

war der es leid mit mir

 

Beschwörend habe ich ihm erklärt:

gern würde ich dich küssen

doch muß ich wissen

daß es der Stammtisch nicht erfährt

 

Drum: Auswärts gings zum Schützenfest

ich mein nach Weddinghofen

dort wollten wir nach Herzenslust

auch ungesehen schwofen

 

Da seh ich Fiss und Pussy

das gab mir fast den Rest

they show an american teacher

a really deutsches fest

 

Die Musik spielt: Laß knacken

der Kerl war einfach toll

trotz Fiss, den Kopf in nen Nacken

wir tanzten Rock and Roll

 

Wie aufgeschreckte Hühner

gackerten sie auf mich zu

„es ist schon spät am Abend

und schlafen solltest du“

 

Wir bringen dich nach Hause

heuchelt sie ungerührt

der Herr Direktor vorne

so wurd ich abgeführt

 

Kein Blick zurück im Zorne

den Kuß warf ich ihm zu

auch Fiss wurd’ literarisch

schau heimwärts Engel – du

 

Direkt vor unsrer Haustür

ham sie mich abgesetzt

der Vater kam vom Stammtisch

er schaut mich an entsetzt:

mit den zwei mageren Gesellen

hast du die Nacht verbracht“

 

Dankbar bin ich noch heute

für diesen Augenblick

nein Papa, sagte ich leise

das war ein Mißgeschick

 

Und dennoch kehrt ich

gepackt hatt ich schon lange

dir und dem Pütt den Rücken bang

ich ging in eine ferne Stadt

so herrlich und so schön

sie liegt an einem Riesenfluß

den solltet ihr mal sehn

 

Dampfer fahrn mit rotem Licht

und Schlepper hinterdrein

auf eurem Jammerflüßchen hier

schwimmt allenfalls ein Boot

gefaltet noch aus Altpapier

geweiht dem Sehmannstod (sic)

 

Und eine Straße – nein Allee

so grade, breit und schön

ihr könnt nicht mal nen Kirchturm baun

senkrecht zum Himmel hin

Abb. 4: Der Schiefe Turm

Hüte laufen, riesengroß

zuweilen ohne Kopf

fünf Menschen hätten drunter Platz

sie wärn nicht obdachlos

 

Bunte Bettler, meist mit Hund

sie säumen die Allee

das hat auch einen tieferen Grund

dem Hund tut man nicht weh

 

Nen Groschen für den alten Mann

und die versoffene Frau

ne Mark, vielleicht zwei, drei auch vier

für das mit Tuch geschmückte Tier

 

Mir war so kalt, ich fröstelte

fühlt mich unendlich matt

ich wollte heim, nur raus 

aus dieser schönen Stadt

 

Ich zog mir flache Schuhe an

den Hut – klein – ins Gesicht

es ist nicht weit – so sagte ich mir

wart bitte noch auf mich

 

Die Bahnhofstraße ging ich lang

ach – hier habe ich gewohnt

und da, das alte Amtsgericht

schad – Mückenhaupt ist tot

Abb. 5: Das alte Amtsgericht

Was, Kümper hat heut Ruhetag?

kein Licht – kein Mensch zu sehen

o Gott, wenn Onkel Karl das wüßt

auf’n Bauch tät er sich drehn

 

Zum alten Rathaus zieht’s mich noch

da hab vor langer Zeit 

ich unvorsichtig Ja gesagt

so gesehn – schön wars doch

Abb. 6: Das alte Rathaus und Kümper

Den Herrn von Preußen grüße ich

er lädt mich brummend ein

„kein Zeit, nicht heute,

nicht mal auf ein Glas Wein“

Abb. 7: König von Preußen (Bergheim)

Die Kirchen stehn wie eh und je

feindlich sich entgegen

ein Rasen trennt feinsäuberlich

Schwarz von den Evangelen

Abb. 8: Paulus steht gegen die Hl. Familie

Nun schleich ich mich ums Bollwerk rum

bei Jane brennt noch Licht

sie trinken Wein und reden laut

nicht nur von Politik

ich stehe gut, man sieht mich nicht

doch die hab ich im Blick

 

Der da steht, der mit dem Glas

verdammt, wie heißt er noch

der war verknallt, weiß ich genau

in Kläusken seine jetzige Frau

 

Und die da in der Ecke sitzt

sieht noch ganz präplich aus

sie hat nen Klüngel mit dem Mann

von Elkes Bruder frührer Frau

 

Ich wär so gern hereinspaziert

– guck mal, wie Wieken lacht

– doch habe ich Wichtigeres zu tun

in dieser jetzt so warmen Nacht

 

In Richtung Klärwerk wander ich

rechts neben meinem Fluß

hier wäre mir bald der Hund ersoffen

da flog ich rein beim ersten Kuß

 

Müde ging ich, setzte mich

klar – unter einen Baum

– jetzt habe ich noch den Hut verloren –

verdammter Heimwehtraum

 

Tränen quellen in den Fluß

der Wasserstand steigt an

die Trauerweide lacht mir zu

weil sie ein Solebad nehmen kann

 

Fast schlaf ich ein

sinn vor mich hin

halb wachend, halb im Traume:
wenn ich noch mal ein Kind bekäm

was Papst verhüte amen

dann hieße es Klein-Seseke

geborene zu Kamen

Christina Greeven-Bierkämper

Mehr über die Autorin unter https://erkrath.jetzt/das-ende-einer-aera/ 

Anmerkung: Dieses Gedicht ist als Ergänzung zu „Kamen im Gedicht“ zu verstehen.

Alle Abbildungen: Archiv Klaus Holzer

Abb. Nr. 4 & 5: Photo Klaus Holzer